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Song des Tages: Manic Street Preachers – „Freedom Of Speech Won’t Feed My Children“


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Fragt man mich nach dem wohl besten – da vielleicht klarsten, prägnantesten und trefflichsten – Songtitel ever (ever ever ever), so müsste ich wohl kaum lang überlegen und würde unumwunden antworten: „Freedom Of Speech Won’t Feed My Children“ von den Manic Street Preachers.

61Yr+kSMarL._SS500Denn man ehrlich: besser auf den Punkt bringen als die walisische Rockband kann man die janusköpfige Misere des zum Denken befähigten, (selbst)kritischen Individuums in unserer vom globalisierten Kapitalismus teils gebeutelten, teils komplett zerfressenen Welt kaum. Und das ist selbst für James Dean Bradfield (Gitarre, Gesang), Nicky Wire (Bass) und Sean Moore (Schlagzeug), die ja seit jeher offensiv für Sozialismus wie Demokratie eintreten und ihre Überzeugungen dann auch teils recht markig in Bild und Ton vertreten, ein amtliches Kompliment…

Dass der Song selbst – ein dreiminütiger Geradeheraus-Rocker, welcher den Abschluss des 2001 erschienenen sechsten Albums „Know Your Enemy“ bildet (sieht man einmal vom Hidden Track „We Are All Bourgeois Now“ ab) – gar nicht erst versucht, mit dem nicht eben kryptisch hingerotzten Titel und bewusst offensiven Textzeilen wie „We love to kiss the Dalai Lama’s ass / Because he is such a holy man / Free to eat and buy anything / Free to fuck from Paris to Beijing“ in überhöhende Konkurrenz zu treten? Wundert natürlich lediglich all jene, die den Rest des Schaffens des walisischen Rock-Trios nicht kennen. Denn bei aller Liebe für die freilich oftmals vorhandenen musikalischen Finessen stand und steht bei den Manics stets der Inhalt über der Verpackung. Und bei großartigen Textzeilen wie „So we protest about human rights / Worship obesity as our birthright“ kann man eine solche Herangehensweise gar nicht genug feiern…

(Ein paar mehr Infos zum Song findet man hier…)

 

 

„Liberty, sweet liberty
Charitable respectability
Then pacifism killed us all
For all the tourists on the Berlin wall
So we protest about human rights
Worship obesity as our birthright
But freedom of speech won’t feed my children
Just brings heart disease and bootleg clothing
Just brings heart disease and bootleg clothing

We love to kiss the Dalai Lama’s ass
Because he is such a holy man
Free to eat and buy anything
Free to fuck from Paris to Beijing

Little boys with dangerous toys
All bow down to the Beastie Boys
But freedom of speech won’t feed my children
Just brings heart disease and bootleg clothing
Just brings heart disease and bootleg clothing

Royalty – hereditery – unelected and becalmed
Just like Stalin, just like Stalin
Human and useless

Bomb the Chinese Embassy
The west is free, oh the west is free
Laugh at the hammer and sickle
It is antique, oh it is antique

And see the love in Richard Gere’s eyes
JS Pemberton saved our lives
But freedom of speech won’t feed my children
Just brings heart disease and bootleg clothing
Just brings heart disease and bootleg clothing
Just brings heart disease and bootleg clothing
Just brings heart disease and bootleg clothing…“

 

Rock and Roll.

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„More Fast Songs About The Apocalypse“ – Moby verschenkt sein neues Album als politisches Statement


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Als MOBY & THE VOID PACIFIC CHOIR hatte der New Yorker Multiinstrumentalist und True-Heart-Electro-Punk Moby im letzten Oktober sein letztes Album „These Systems Are Failing“ heraus gebracht, welches von Punk über New Wave bis hin zu Industrial oder Euphoric Rave alles beinhaltete, was ihm aktuell musikalisch lieb und recht ist (und damit eher als seine Frühphase anknüpfte als an kommerziell erfolgreiche Pop-Evergreens wie „Why Does My Heart Feel So Bad?„, „Extreme Ways“ oder „Porcelain„).

Moby-1497280439Dass sich der 51-jährige DJ, Produzent, Fotograf und Beinahe-Allerkönner-Musiker nach 30 Jahren im Musikgeschäft (s)einen Ruf als überzeugter Demokrat, Tierrechtler und Veganer (noch dazu eröffnete er 2015 in Los Angeles ein eigenes veganes Restaurant namens „Little Pine„, welches er auch selbst betreibt) erarbeitet hat, dürfte den Meisten hinlänglich bekannt sein – ebenso wie die offene Verachtung für den amtierenden US-Präsidenten Donald Trump und dessen hinterfotzige Mischpoke. Da sich die Wut, die Richard Melville Hall (Fun fact: Der Künstlername „Moby“ stammt tatsächlich daher, dass dieser mit dem Autor des Buches gleichen Namens verwandt ist) auf das System und die aktuelle Politik seines Landes mit sich herumschleppt, auch 2017 kaum verflüchtigt hat – nein, offenbar ist sie noch viel schlimmer geworden –, hat sich der Musiker entschlossen, noch ein paar Songs als Zugabe nachzulegen und diese nun unter dem treffenden Namen „More Fast Songs About The Apocalypse“ zu veröffentlichen. Das neue Album dockt mit schroffen Gitarren, tightem Schlagzeugspiel und derben Synthies nahtlos an die leicht verqueren Industrial-Punk-Hybriden von 2016 an, während Titel wie „All The Hurts We Made“ oder „There’s Nothing Wrong With The World There’s Something Wrong With Me“ bereits die Topoi verraten.

Besser noch: Da Moby gern jeden an seinem neuen Machwerk (welches wiederum sein nunmehr 14. Studioalbum ist) und seiner unbändigen Wut teilhaben lassen möchte, gibt es das neue Album – gar im Doppel mit dem kaum weniger räudigen Zwillingsbruder „These Systems Are Failing“ – ab sofort als Free Download unter http://mobyandthevoidpacificchoir.com (oder direkt hier)!

Auch wenn die Songs beider Alben kostenfrei sind, so hinterlässt Moby jedoch folgendes Statement:

„The music is free here, but if you want to pay for it just give money to your favorite charity. the issues that i’m personally most concerned about are: animal rights, factory farming, climate change, and women’s rights. oh, and electoral reform here in the usa. but it’s up to you!“

Logischerweise ist es auch ihm nicht möglich, wirkliche Lösungen für die unzähligen gesellschaftlichen wie politischen Probleme anzubieten, doch zumindest weist Moby mit aufrichtigem Engagement darauf hin.

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Rock and Roll.

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Zitat des Tages


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(gefunden hier)

 

(Hamed Abdel-Samad, *1972 bei Kairo, ägyptisch-deutscher Politikwissenschaftler und Publizist, der der Öffentlichkeit vor allem als Autor islamkritischer Werke bekannt ist)

 

Rock and Roll.

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Mein Senf: Eine Wahl zwischen zwei Clowns, eine Wahl als Entscheidung fürs kleinere Übel


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Lieber Richard Melville Hall, den die meisten wohl eher als Moby kennen,

natürlich hast du vollkommen recht. Natürlich würde sich niemand von einem „wütenden, unerfahrenen Clown“ auch nur ein Rohr verlegen lassen, geschweige denn einen Hanswurst wie Donald Trump, diesen lauten, ungehobelten, chauvinistischen, rückständigen „dummen August“ ein ganzes Land wie die einst so glorifizierten US of A regieren lassen. Keine Frage, dieser Mann, geboren als viertes von fünf Kindern der erfolgreichen Immobilienunternehmerfamilie Trump (und damit bereits seit jeher mit den „goldenen Löffel im Mund“, aber für seine Herkunft kann ja kaum jemand etwas), vereint so ziemlich alle Qualitäten in sich, um ihn aufrichtig zu verachten. Ja sicher, Donald J. Trump sagt, was er denkt (wenn er mal denkt). Ja sicher, der Mann hat sich, beinahe nur mit seinem Namen, seiner Außenwirkung, den Millionen und dem prägenden Einfluss seines Vaters Frederick Trump Jr., nach dem es nur zwei Typen von Menschen gebe – „Sieger“ und „Verlierer“, bewaffnet, ein Imperium aufgebaut. Und nach außen mag er damit – mit seinen Casinos und „Trump Towers“ – auch prima dastehen. Allerdings ist der 70-Jährige mit seinen nicht selten auf dem Treibsand des Größenwahns gebauten Kapitalistenträumen in den letzten zwanzig Jahren bereits mehrfach haarscharf an seinem eigenen persönlichen Waterloo namens „Insolvenz“ vorbei geschrammt. Erfahrungen in der Politik hat Trump keine vorzuweisen (was ihm viele erstaunlicherweise als Plus zuschreiben), in Sachen Populismus spielt der gebürtiger New Yorker allerdings auf Champions-League-Niveau (wobei zu bezweifeln ist, dass er etwas für nicht-amerikanischen Sportarten wie Fussball übrig haben dürfte). Der Mann hasst alles Nicht-Amerikanische (dabei stammt er selbst von Immigranten aus Europa ab), alles Nicht-Weiße, jede „Pussy“, die ihm nicht sofort erlegen ist. Seit Jugendtagen sein erklärtes Vorbild: „Playboy“-Gründer Hugh Hefner. Also einer, der sich selbst ein Imperium mit den Träumen Heranwachsender von blanken Titten aufgebaut hat, um sich dann, in seiner „Playboy Mansion“, bis ins hohe Alter mit viel, viel junger, nackter Haut zu umgeben. Selbst lange Weggefährten Trumps vermuten, dass bei dem Mann rein mental seit der Pubertät nicht mehr viel passiert sein dürfte. Der Mann spricht herablassend über Frauen, Ausländer, Farbige, hat sich mutmaßlich bereits sexueller Übergriffe schuldig gemacht, möchte allen Ernstes eine große Mauer an der Grenze zu Mexiko errichten, um eine der Folgen des US-amerikanischen Kapitalismus auszusperren. Ja, Donald J. Trump ist ein verachtenswerter Kotzbrocken, wie er im Buche steht, und damit eigentlich als US-Präsident unwählbar.

Was jedoch ist die Alternative? Hillary Clinton? Ernsthaft?

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Jene Hillary „Killary“ Diane Rodham Clinton, die bis 2013 als Außenministerin des noch amtierenden US-Präsidenten Obama eine nicht zu unterschätzende Teilschuld an der aktuellen verheerenden Bürgerkriegssituation im Nahen Osten, wie etwa in Libyen, trägt. Jene Hillary Clinton, welche schon immer von den Männern in ihrem Leben enttäuscht wurde. Zuerst von ihrem Vater Hugh Ellsworth Rodham, der der Tochter kaum Beachtung schenkte, und diese dadurch nur noch mehr anspornte, Großes zu erreichen. Später von ihrem Mann William Jefferson „Bill“ Clinton, der zwar als US-Präsident zwischen 1993 und 2001 ein weitaus besseres Bild abgab als sein direkter Nachfolger George W. Bush, im Privaten jedoch ein ähnlicher Versager war wie etwa der große John F. Kennedy. Bereits in seiner Zeit als Gouverneur des Bundesstaates Arkansas hatte der Lebe- und Ladies Man Bill Clinton seine Frau Hillary bereits mehrfach betrogen, später, während seiner Amtszeit als 42. US-Präsident, sogar mitten im Oval Office und mit der damaligen Praktikantin Monica Lewinsky (Sie wissen schon: Spermaflecken auf dem blauen Kleid, Unschuldsbeteuerungen im US-Fernsehen á la „I did not have any…“, um nach doch zurück zu rudern und reumütig Farbe zu bekennen). Jede „normale“ Ehefrau hätte ihren Mann nach so vielen wiederholten „Ausrutschern“ wohl verlassen. Hillary Clinton jedoch befand sich in einer Zwickmühle. Zum einen hätte die Tatsache, dass sich da eine amtierende First Lady vom US-Präsidenten hätte scheiden lassen, natürlich für einen Skandal gesorgt,  dessen Auswirkungen kaum abzuschätzen gewesen wären (deshalb hatte ja bereits damals JFKs Ehefrau Jacqueline „Jackie“ Kennedy ihre designerbeschuhten Füße still gehalten). Zum anderen hätte sie sich damit auch die eigene Karriere vor deren mutmaßlichem Höhepunkt zunichte gemacht. Denn: Hillary Clintons Plan war immer, ihrem Mann im Präsidentenamt nachzufolgen, erneut ins Weiße Haus einzuziehen und damit die erste Frau im mutmaßlich höchsten Amt der Welt zu werden. Dass sie dafür auch die Rolle der „gehörnten Ehefrau“ erträgt zeigt nur, dass diese Frau zwar einerseits Balls of Steel besitzt, aber zur Not auch keine Freunde kennt und gar über Leichen geht.

Viele ihrer Kritiker werfen Hillary Clinton ihre Nähe „zum Geld“ vor, ihre vielen, über die Jahre geschlossenen Kontakte zur Wirtschaft. Bei Clinton wird also das, was ihr republikanischer Herausforderer Trump an politsicher Nicht-Erfahrung zu wenig hat, mit ihrer Erfahrung als „political animal“, denn Clinton ist bereits seit den Zeiten des Vietnamkriegs in und um den Machzirkel von Washington, D.C. unterwegs, zum Manko. Und wird ihr als Opportunismus ausgelegt. Liegen ihre Kritiker damit richtig? Tendenziell: ja. Denn Hillary Clinton hat nicht erst mit ihrem Standing zu den Affären ihres Mannes, denn später auch während ihrer eigenen politischen Laufbahn als Senatorin von New York, Bewerberin um das US-Präsidentschaftsamt im Jahr 2008 (damals verlor sie noch gegen einen Hoffnungsträger namens Barack Obama) und spätere US-Außenministerin gezeigt, wie leicht es ihr fällt, Meinungen und Positionen aufzugeben und neue einzunehmen. Manche nennen es „Machtgeilheit“. Ungeachtet der Tatsache, dass es sich bei Hillary Clinton um eine Frau handelt: Möchte man denn eine solche Person im Weißen Haus und damit in der Nähe eines gefährlichen „roten Knopfes“ sitzen wissen?

Für viele US-Amerikanischer stellt sich kaum die Frage, wen sie wählen, vielmehr fragt sich ein Großteil, wen es zu verhindern gilt. Dass in den letzten Wochen und Monaten die Floskel von „Pest oder Cholera“ nicht eben selten beim Vergleich von Clinton und Trump fiel, sagt Einiges. Dabei hätte die US-Präsidentschaftwahl 2016 auch eine Chance bedeuten können. Etwa hätten die US-Demokraten einen gewissen Bernie Sanders, ein 75-jähriger parteiloser Politiker, der seine politische Orientierung selbst als „Democratic Socialism“  und damit vor allem bei der jüngeren, politisch interessierten Generation punkten konnte, zu ihrem Kandidaten machen können. Doch wahrscheinlich fehlte der Parteispitze nach dem in Gänze gescheiterten „Obama-Experiment“ wohl die Traute, einen eher links orientieren und nicht immer angepassten Kandidaten durchzudrücken (zumal Clinton auch die Vorwahlen knapp für sich entscheiden konnte). Oder man schaut traditionell etwas weiter an den Rand und zu den kleineren Parteien wie etwa der Green Party und ihrer Kandidatin Jill Stein, welche zwar – wie alle vier Jahre – keinerlei Chancen aufs Präsidentenamt haben wird, dafür jedoch – wie alle vier Jahre – viele unterstützenswerte Ideen mitbringt. So jedoch haben Clinton und Trump, denen ja privat eine freundschaftliche Verbundenheit nachgesagt wird, mit ihrer beinahe einjährigen Schlammschlacht ums Weiße Haus für eine noch tiefere Spaltung der USA gesorgt. Zwischen Männern und Frauen, straight white males und Homosexuellen, Farbigen und Weißen, Liberalen und Konservativen. Die USA werden Jahre brauchen, um diese Schieflagen wieder ins Lot zu bringen (insofern es überhaupt gelingen sollte), und werden somit fürs Außenpolitsche wohl abkömmlich.

Es ist also traurig, dass sich die US-Politik 2016 im Gros so weit von der Gesellschaft entfernt hat, dass man sich nur noch fragt, was man nicht möchte, um daraufhin die Gegenseite zu wählen (ein politikverdrossenes Verhalten jedoch, dass auch in Deutschland und Europa zu beobachten ist – Stichworte Brexit, Le Pen, Wilders, „AfD“). Ein demokratischer Prozess, an dessen Ende man das „kleinere Übel“ wählt – ist das überhaupt noch Demokratie? Als der ehemalige R.E.M.-Frontmann Michael Stipe, der sich selbst während der Vorwahlkämpfe für Bernie Sanders stark gemacht und engagiert hatte, kürzlich vom deutschen „Rolling Stone“ gefragt wurde, ob er sich trotz allem Hillary Clinton als US-Präsidentin vorstellen könne, antwortete dieser: „Barely, but yes“. Das sagt mehr über die aktuelle Situation aus als Mobys Frage, ob man einen „wütenden, unerfahrenen Clown“ das Land regieren lassen wolle.

 

Rock and Roll.

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Mein Senf: Je suis Charlie.


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Seien wir ehrlich: Die Welt ist in jenen Tagen kein guter Ort.

An dem einen Fleck demonstrieren Tausende (meiner Landsleute, und das ausgerechnet in einer jener Städte, die ich zu den schönsten überhaupt für mich zähle) einerseits ihren Unmut über das Stillstehen und Nichtstun ihrer Regierung, aber auch ihre Furcht vorm Unbekannten, vorm Anderssein und die Größe ihrer vermeintlichen „First World“-Verlustängste. Anderenorts toben Unruhen, Kriege oder kriegerische Auseinandersetzungen, sodass wir Westeuropäer im Grunde jeden Tag dem Himmel oder sonstwem danken müssten, dass wir – noch – in Frieden unseren gefestigten Tagesabläufen nachgehen können. Dass dieser „Friede“ nur allzu trügerisch ist und jederzeit nur allzu leicht durchbrochen werden kann, zeigt nicht zuletzt das, was gestern in der französischen Hauptstadt passierte, als mehrere bewaffnete Attentäter die Redaktionsräume der französischen Cartoon-Satiremagazins „Charlie Hebdo“ stürmten und innerhalb weniger Minuten im wilden Feuer zwölf Menschen töten, darunter den Herausgeber und Zeichner Stéphane Charbonnier („Charb“), den Zeichner Jean Cabut („Cabu“) sowie zwei Polizisten.

Dass zwischen dem *hust* PEGIDA-Idiotenpack und den fanatisch hirnverbrannten, mutmaßlich (!) islamistisch motivierten Attentätern, die – für mich – nur dem Aussehen mit Armen, Beinen, Nasemundohrenaugen nach Menschen sein mögen, da ihnen jegliches Menschliche abhanden gekommen zu sein scheint, ein gemeinsamer Nenner besteht, würden beide Seiten wohl vehement bestreiten. Aber: sowohl die Hass-Demonstranten um PEGIDA-Initiator Lutz Bachmann, dessen Vorstrafenregister mit Körperverletzung, Einbruch, Diebstahl und Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz nicht eben unbeachtlich ist, als auch so einige fanatische Islam-Bruderschaften verurteilen am Ende des Tages aufs Schärfste jegliche Form von Presse- und Meinungsfreiheit, die eben nicht der ihrigen entspricht. Nur tun das die einen, in deren Köpfen noch immer eine mittelalterliche Trennung in Morgen- und Abendland vorherrscht, mit heuchlerisch-hinterhältiger Populismus-Nonchalance, während das andere Engstirn-Pack – wie eben am gestrigen 7. Januar in Paris geschehen – zur Kalaschnikow greift und den nur mit Stiften und spitzer Feder bewaffneten „Feind“ einfach niederschießt. Beinahe perfide ironisch ist wohl, dass aus beiden Akten – den PEGIDA-Demonstrationen und ihren Ablegern quer durch Deutschland, denen sich immer mehr Menschen auf der einen als auch auf der anderen Seite (also auch den Gegendemonstationen) anzuschließen scheinen, den sinnlos-brutalen terroristischen Bluttaten religiöser Fanatiker – etwas erwachsen kann, dass vor nicht einmal 100 Jahren in Europa bereits Bestand hatte, und so oder wieauchimmer nie wieder Bestand haben sollte: ein extremistisch-faschistisches Schreckensregime, dessen Ausmaße wir vom Frieden verwöhnten Spießbürger wir wohl nur erahnen können. Klar mag jetzt manch einer angewidert die Nase rümpfen und mir Angstmacherei oder Übertreibung vorwerfen, aber wenn uns unsere eigene recht kurze Menschheitsgeschichte zwei Sachen gezeigt hat, so sind dies doch, dass sich Geschichte – leider – immer und immer wieder – im Positiven wie auch Negativen – wiederholt und dass der Mensch – als Individuum wie auch gerade als tumbe Masse – in Extremsituationen, in welchen er sich selbst und deine Liebsten in Leib und Leben bedroht fühlt, nur allzu bereitwillig alle Freiheiten von sich wirft und diese an einen übermächtigen Herrscherapparat übergibt (Interessierten empfehle ich Thomas Hobbes‘ auch heute noch brilliant aktuelle These vom „Leviathan“ aus dem Jahre 1651). Ihr wähnt euch also sicher in euren vier Wänden? Vermutlich tat das der ein oder andere Angestellte von „Charlie Hebdo“ am Abend des 6. Januar auch (noch). Fakt ist: Auf die ein oder andere Weise wütet der Krieg bereits – mal gekonnt subversiv und im Untergrund brodelnd, jedoch längst vor unseren Türschwellen.

Ein Grund, der mich zu diesen Zeilen führt und drängt, ist, dass auch ich „Charlie“ hätte sein können. „Je suis Charlie“. Ich. Bin. Charlie. Ich begreife die mir gegebene Meinungsfreiheit – ob nun zu so etwas im Grunde Trivialem wie einer Platte, einem Künstler oder einem Film oder zu so etwas Wichtigem wie diesem Thema – als eines der höchsten mir verantworteten Güter. Und diese kann und will ich mir nicht verbieten lassen. Andererseits möchte ich auch nicht, dass eine einzelne Person, eine wie auch immer geartete Gruppierung oder (m)eine Regierung mich vor meiner Haustür verhaftet oder niederschießt, nur weil ihnen meine Meinung oder Nase nicht passabel erscheint. Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Wir alle sind Menschen, leben auf diesem uns anvertrauten Planeten und müssen – zwangsläufig – miteinander auskommen. Keiner ist schlechter oder besser als der andere – schon gar nicht, weil er eine andere Meinung, Gesinnung, sexuelle Orientierung oder wasauchimmer hat. Leider – so das bittere Fazit, welches man wohl nach jedoch terroristisch motivierten Gewaltakt ziehen kann – kann man Ereignisse wie das gestrige in der Pariser Rue Nicolas Appert weder vorhersehen noch wirklich verhindern. Alles, was man selbst für sich und andere tun kann, ist, solchen „hasserfüllten Idioten“ (Zitat von „NICHTLUSTIG“-Cartoonzeichner Joschua Sauer) möglichst wenig bis keine Plattform und Beachtung für ihre zweifelhaften Botschaften zu schenken. Vor nichts und niemandem Angst zu haben und uns unsere Befürchtungen nicht zu den falschen Entscheidungen führen zu lassen. Nicht zu hassen, und niemandem einen Anlass zu bieten, Hass zu empfinden. Gerade jetzt seine Meinung zu sagen, um all den Idioten von PEGIDA und Co., den bewaffneten Irren und Mördern ihren narzisstischen Selbsthass als Spiegelbild zu präsentieren. Jedoch vor allem: Zusammen zu stehen anstatt gegeneinander. Ihr alle seid, wir alle sind Menschen – also findet bitte zurück zur Menschlichkeit! Worte wie die von John Lennons „Imagine“ mögen an so nasskalt-grauen Januartagen wie diesem ferner denn je erscheinen, doch im Grunde ist es jedem selbst überlassen, den Traum Wirklichkeit werden zu lassen…

 

„You may say I’m a dreamer
But I’m not the only one
I hope someday you’ll join us
And the world will be as one…“

 

charlie hebdo

(…und 23 weitere Cartoon gewordene Kommentare zu den Ereignissen in Paris.)

 

Rock and Roll.

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