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Das Album der Woche


Crashcaptains – Some Time Soon (2014)

Some Time Soon (Cover)-erscheint im Eigenvertrieb-

Diese gewieften Meisterdiebe! Fast hätten sie uns glauben gemacht, dass es die letzten zehn Jahre nie gegeben habe…

Erinnert sich noch jemand, als im Oktober 2003 „Transatlanticism„, das vierte Album der damals noch vor allem findigen Indierock-Insidern vorbehaltenen US-Band Death Cab For Cutie, erschien? Nur zu passend war außerdem, dass ausgerechnet dem tollen deutschen Label Grand Hotel van Cleef der Coup gelang, sich für diese Platte die Vertriebsrechte zu sichern (zumindest für die Bundesrepublik). Und auch das Album selbst stellte für die Band aus Bellingham, Washington, einem 80.000-Einwohner-Städtchen an der Pazifikküste im Nordwesten der USA, eine Art Siebenmeilenstiefelsprung in ihrer Entwicklung dar. Denn obwohl auch die drei vorherigen Platten (der Vorgänger „The Photo Album“ erschien 2001) durchaus ihre starken All-Time-Favourite-Momente besaßen, so wirkten sie doch oftmals wie auf dem Absprung zu etwas Größerem, Besserem – die Einzelteile waren im Grunde hübsch anzusehen, das Gesamtkonstrukt jedoch schwankte in der kühlen Pazifikbrise. Und dann kam der Oktober des Jahres 2003, und dann kam „Transatlanticism“! Noch heute beneide ich all jene, die die Entdeckung dieses 44-minütigen Albumkleinödes noch vor sich haben… Wie selbstverständlich hangelt sich die Platte von einem großen Moment zum nächsten. Währenddessen erzeugt die Band um Benjamin Gibbard (Gesang, Gitarre) und Chris Walla (Gitarre, Produktion) süchtig machende Melodie in den Stücken, die wie aus einem Guss wirken, die ineinander fallen und übereinander zu tuscheln scheinen. Dass nun ausgerechnet eine bislang unbekannte Band aus der dauerwuseligen, weltgewandt hippen Metropole Berlin mit ihrem Debüt so ungeniert den dringenden Eindruck vermittelt, dass man es bei ihren Songs mit einem fabelhaft tönendem Haufen von Outtakes von Death Cab For Cuties „Transatlaticism“-Sessions zu tun habe, erstaunt jedoch in der Tat, immerhin trennen Bellingham und Berlin schlappe 8.000 Kilometer Luftlinie, zig Flugstunden und kaum weniger Zeitzonen…

press-2013.crashcaptains

Wer jedoch die Crashcaptains, welche ANEWFRIEND bereits vor wenigen Tagen „auf dem Radar“ hatte, als bloße Trittbrettfahrer und Kopisten abstempelt, der tut einerseits einer wahnsinnig hoffnungsvollen neuen Band unrecht, und läuft andererseits Gefahr, 48 durchaus tolle Albumminuten ungehört ins (digitale) Regal zu verfrachten. Denn „Some Time Soon„, Crashcaptains in „Crowdfunding“-Eigenregie produziertes und auf die musikalischen Beinchen gestelltes Debütalbum, hat es in sich. Sicherlich wird jeder, der sich je Hals über Kopf in „Transatlanticism“ sowie die drei bisherigen – und noch erfolgreicheren – Death Cab-Nachfolgealben („Plans“ von 2005, „Narrow Stairs“ von 2008 und „Codes And Keys“ von 2011) verliebt hat, sofort so einige Trademarks der US-Band wiederfinden: Ben Gibbards markant hoher Gesangsstil, der in den emphatischsten Stellen so schön brüchig wirkt, Chris Wallas gekonnte Gitarrenakzente, beständig steigernd und allzeit zum Ausbruch nach oben bereit, Nick Harmers tief tönende Bassaiten und Jason McGerrs vielseitig polterndes Schlagzeugspiel. Und insofern steht bereits die Eröffnungsnummer von „Some Time Soon“, „Year Of Years“ sinnbildlich für die neun weiteren Stücke: Spährische Keyboardflächen bilden den Boden für oft wie sanfte Pinseltupfer ins Bild gesetzte Gitarrenakkorde, denen das bald darauf einsetzende Schlagzeug ordentlich Dampf zwischen die Backen bläst, bis die Saiten immer weiter anziehen, um gegen Ende im Bandchor-Kollektiv gen Himmel stürmend auszubrechen – Klimaxschule vom Feinsten, die sich im Text einen geradezu unverschämten verträumten Querverweis auf den ebenfalls (!) als Opener fugierenden „Transatlanticism“-Song „The New Year“ erlaubt: „This morning I opened my eyes / And caught a glimpse at the sunlit sky / And when I fell right back to sleep / I could see you /…/ Resolutions / They come and go / Like indie songs on the radio / And the bitter bottom of every bottle says: ‚Get out of this place… while you still can!'“. Auch die weiteren Stücke scheinen sich erst gar nicht gegen das Indierock-Bandvorbilder-Spurenlesen wehren zu wollen. So ist „Your Heart Is A Lot Like Mine“ kräftig angeschlagener Indierock mit Pophit-Attitüde, Verbrüderungszeilen („Your heart is a lot like mine / It sings and it swings loud every morning / But when your day’s passed its prime / It’s empty and restless and so distorted“) und Girl-Boy-Wechselgesang in der abgesetzten Bridge (schade übrigens, dass die hier stimmlich in Erscheinung tretende damalige Bassistin Olivia Kaletta nun, wie’s ausschaut, nicht mehr an Bord ist). In „Light Lines“ setzt sich das Piano gekonnt zwischen die Schlagzeugtakte, während sich im Hintergrund sachte Soundlandschaften auftürmen. Auch „Kissing A Stranger“ ist ein weiterer kleiner Indiepoprock-Hitkandidat, der einerseits die Unbedarftheit des Überschwangs glorifiziert („Kissing a stranger is better than kissing no one at all“), andererseits die offensichtliche Liebe der Band zur bundesdeutschen Hauptstadtmetropole nur allzu deutlich macht (wie an so einigen Stellen des Albums). „Not So Super 8“ hingegen geht flott – und im Verhältnis fast schon aggressiv – zu Werke, während sich der Text seine eigenen Reime auf hochtrabende (Hoch)Schulabschlussfeiern und nichtssagende Zeugnispampthlete macht. Das Doppel aus „Bright Blue“ und „Grand Central North“ erzählt in malerischer Entschleunigung, die mal ein verschleppt daher wankendes Schlagzeug, mal ein im Hintergrund aufspielendes Akkordeon, mal zärtliche Gitarrenfiguren oder Flughafensoundscapes hinterlassen, von den Chemtrails, den Kondensstreifen, die die immer kleiner werdenden Flugzeuge am Firmament hinterlassen – und erzeugt so am Ende von „Grand Central North“ eine wohlig warme Decke des Fernwehs. Eingelullt in diese erschrickt man beinahe, als „The Lot Of The Optimist“ mit seinen zackigen Indierock-Rhythmen händeschlagend um die Ecke hoppelt. Doch keine Angst, der finale Neunminüter „Saltwater“ fängt auch den letzten davon Aufgeschreckten wieder ein, indem er zu Meeresrauschen und ganz und gar maritimen Textmetaphern („There was a point / Where I thought / We’ve got to stop / We’re just moving in cicles like seagulls / Always chasing the big ships / As long as they’re close to he coast“) gaaaaaanz langsam Anlauf nimmt, um sich am Ende – und in beinahe schon postrockiger Manier – ganz und gänzlich dem wilden Wellenspiel hinzugeben…

So scheint wohl der größte Vorwurf, den man den beiden Heintz-Brüder Nicolas und Tobias (jeweils Gesang und Gitarre), Simon Lohse (Bass) und Felix Menzel (Schlagzeug) machen könnte, der, dass sie sich unter dem Crashcaptains-Banner nicht eindeutiger aus dem großen Schatten von Death Cab For Cutie heraus bewegen. (Dem Facebook-Auftritt der Band zufolge zählen auch The Notwist, Stars, Phoenix und die pathetischen Classic Rocker von Journey zu „Künstler, die wir gut finden“ – und auch diese Querverweise passen.) Paradoxerweise ist dies wohl gleichsam das größte Kompliment, dass man der seit etwa fünf Jahren zusammen spielenden Band aus Berlin machen kann: Dass sie es bereits mit dem Debütalbum schaffen, zehn starke Songs abzuliefern, die in ihrer geschlossenen Gesamtheit eine süchtig machende Melange als Euphorie und Melancholie abgeben, an der man sich so schnell nicht satt gehört hat. Ob es für die „deutsche Antwort auf Death Cab For Cutie“ bereits mit „Some Time Soon“ zu höheren – internationalen – Weihen reicht, bleibt abzuwarten, für die Zukunft darf man Crashcaptains ohne schlechtes Gewissen ein wenig mehr Glück beim Entdecken ihrer Einzigartigkeit wünschen. Am Ende des Musikjahres 2014 sollte man die Band jedoch unter dem Punkt „Newcomer“ durchaus auf dem Schirm haben…

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Hier können zehn Songs des Debütalbums bereits Probe gehört werden..

(Übrigens wäre das nur knapp eine Minute kurze „New Years In Nieuwmarkt“ welches man sich auf der Soundcloud-Seite der Band anhören kann, ein nahezu perfekter Albumabschluss geworden…)

 
…während man sich anhand dieser 2011 über den Dächern von Berlin-Mitte aufgenommenen Live Session – Jawoll, diese war auf ANEWFRIEND bereits in der „Auf dem Radar“-Rubrik zu sehen! –  einen ersten Eindruck von Crashcaptains verschaffen:

 

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Palma Violets


Palma Violets

Wenn der britische NME eine Band zum „nächsten heißen Scheiß“ kürt, dann ist durchaus erst einmal Vorsicht geboten. Klar, das hat bei den Strokes bereits sehr gut geklappt, wie auch bei den Libertines, aber die Frequenz, in denen pubertäre Bleichgesichter auf der Insel erst zu potentiellen Erben der Säulenheiligen BeatlesStonesClashKinks erhoben und dann – mir nichts, dir nichts – wieder vom Thron gestoßen werden, ist schon beachtlich.

So war es auch im vergangenen Oktober, als da eine Formation windschief vom Magazintitel rockte, die bisher lediglich eine einzige Single veröffentlicht hatte und sich sonst einen Scheiß ums karrieretechnische Vorankommen scherte – keine Homepage, kein Facebook-Auftritt, keine Promo-Kostproben fürs Musikjournalistenvolk, nichts. Wer wollte, konnte doch eins der Konzerte besuchen… Und trotzdem – oder: gerade deshalb? – ernannte der NME diese einzige Single, „Best Of Friends“, zur „Single des Jahres“ – und schob Palma Violets, das Quartett aus dem Süden der englischen Hauptstadt, somit ein gutes Stückweit ins Licht der Öffentlichkeit. Dass da auch in Zeiten des stetig bröckelnden Musikvertriebs ein Plattenvertrag nicht lange auf sich warten lassen würde, ist logisch (am Ende machte das Qualitätslabel „Rough Trade“ das Rennen).180 (Cover)

Die wichtigste Frage lautet nun: kann man dem Hype-Braten trauen – nun, da das Debüt-Album der Band, welches der Vierer nach ihrem Probe- und Aufnahmeraum im Londoner Stadtteil schlicht und einfach „180“ taufte, erscheint? Und die Antwort ist ebenso simpel wie die Hype-Zyklen der englischen Musikpresse: für einen Sommer gern. „180“ bietet zwölf (zählt man den Hidden Track „Brand New Song“ mit) energiegeladene Garagenrock-Songs, denen zwar noch der der Kater der letzten Indiedisconacht im Rücken sitzt, die dafür aber umso mehr jugendliche Unbedarftheit im Kopf und Hummeln im Hintern haben. Mit ihrer Musik wird die milchgesichtige Band, die sich nach einer Süßigkeitenmarke benannt hat, wohl keine Revolution anzetteln, aber: wer will das schon? Genauso wenig wie die zwanghaft bemühten Vergleiche mit den seligen Libertines, wenn den beiden Palma Violets-Frontmännern Sam Fryer und Chilli Jesson ein ähnlich innig-blindes (Bühnen)Verhältnis nachgeschrieben wird wie damals Pete Doherty und Carl Bârat.

Palma Violets bieten schrammeligen, retrolastigen Indierock, der von Papas Hinterhofgarage aus zur Suche nach kleinen Popmomenten aufbricht und die Fake-Ray Ban (natürlich vom Pakistani-Lädchen im die Ecke gezockt!) schon mal für die ersten warmen Tage des Jahres bereit gelegt hat. Ob nun durchgerockte Eintagsfliege oder „Britanniens neue Rocksensation“ (einhelliger Pressesprech) – das sollen gern andere entscheiden.

(Wer mag, dem bietet zum Beispiel dieser aktuelle Artikel der Frankfurter Rundschau mehr Informationen.)

 

Hier kann man das Debütalbum „180“ probehören…

 
…sich das Video zur ersten Single „Best Of Friends“ anschauen…

 

…ebenso wie Kostproben eines Liveauftritts von Palma Violets…

 

…und hier eine Session des Quartetts in den Maida Vale-Studios der BBC hören:

 

Rock and Roll.

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Der Weg zum Meer – Neues Lucy Rose-Video zu „Shiver“


Lucy Rose

Zugegeben: einen Coolnesspreis kann die 23-jährige Engländerin Lucy Rose mit ihren Songs nicht gewinnen. Dennoch passen die Stücke ihres Debütalbums „Like I Used To„, welches im September 2012 veröffentlicht wurde, hervorragend zu eben jenem liebevoll selbstgemachten Tee- und Marmelade-Sortiment, welches die junge Songwriterin noch vor nicht all zu langer eigenhändig nach ihren Konzerten am Merchandisingstand verkaufte. Und einen Namen hat sich das aus dem mittelenglischen Warwickshire stammende Mädchen bereits gemacht, immerhin durfte ihr Stimmbeitrag zum Bombay Bicycle Club-Song „Flaws“ vor geraumer Zeit jegliche Indie-Clubs zum Träumen bringen und ihre Album bis auf einen beachtlichen Platz 13 in den UK-Charts klettern.

Auch das Video zur neuen Single „Shiver“ ist wieder in feinster Weise stimmig geraten. Lucy Roses Gesang, der hier an Feist, in anderen, poppigeren Stücken auch an Landsfrauen wie Emmy The Great erinnert, und Musik – Songwriter-Pop der gehobeneren Sorte – begleitet einen alten Mann auf seinem gedankenverlorenen Spaziergang hin zum Meer, welcher immer wieder von Super 8-Erinnerungsfetzen unterbrochen wird.

Klar, den Coolnesspreis kann sie wohl (vorerst) abschreiben. Passt jedoch wunderbar zu: Sonntagmorgen, kühlem Wetter, Tee und Marmeladenbrötchen.

 

 

Hier der bereits erwähnte Bombay Bicycle Club-Song „Flaws“ zum Nachträumen…

 

…das Video zur etwas poppiger geratenen Single „Bikes“, welches den Titel wörtlich nimmt und das englische Mädel als Anführerin einer „Route 66“-Bikergang präsentiert…

 

…und das Landflucht-Video zum Song „Lines“:

 

Wer die neue Lucy Rose-Single gern in einer anderen Interpretation hören möchte, der hat bei diesem Cover der Band Seasfire Gelegenheit:

 

Rock and Roll.

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