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Das Album der Woche


Tristan Brusch – Am Rest (2021)

-erschienen bei BDKA/Kontor-

Dass ich im Fall von Tristan Brusch etwas spät zur Jubelarienfeier stoße, hat sicherlich ein, zwei schnöde Gründe: Auch mein Tag hat nur 24 Stunden (von denen knapp zwei Drittel schonmal für den vermaledeiten Broterwerb und ein paar Stündchen Nachtschlaf draufgehen), von daher – ich geb’s offen zu, ist ja nunmal so – widme ich nicht jeder neuen kunstschaffenden Seele im ersten Moment die Zeit, die sie vielleicht verdient hätte. Oft reichen zwei Blicke auf Pressefotos und ins neuste Musikvideo, um eine erste Entscheidung hinsichtlich der Frage treffen zu können: „Isses was für den ANEWFRIEND oder eben nicht?“. Bei ebenjenem Tristan Brusch fällte ich das (vor)schnelle Urteil, dass es sich bei jenem – freilich im urbanen Berlin beheimateten – Künstler, der vor allem im vergangenen Jahr vom bundesdeutschen Feuilleton hochgejubelt wurde, um einen jener Gattung handelt, die vor nicht allzu langer Zeit von der von mir mit Inbrunst verhassten SPEX gefeiert und mit neongrellem Konfetti beworfen worden wären. Optisch eine Mischung aus Klaus Kinski und Lars Rudolph, tritt der 34-jährige Musiker in seinen aktuellen Musikvideos im weiß-gilbigen Wallekleid auf, haut sich mal eine Maskerade ins Antlitz, welche selbst den Einstürzenden Neubauten das Fürchten gelehrt hätte, trällert seine mit derbem Wortgut gespickten Liedchen auf einer Leiter in der Landschaft oder lässt sich in voller Kleidermontur im See treiben. L’art pour l’art. Kunstscheiße. In jedem Fall: nicht mein Fall. Ganz ähnlich wie Tocotronic: mag anderen die Freudentränen ins strahlende Gesicht treiben, während ich’s nicht kapiere. Nun jedoch habe ich dem Mann, der 1988 in Gelsenkirchen zur Welt kam und dem die Musikalität quasi in die Wiege gelegt wurde (der Vater ist berufsmäßiger klassischer Violinist, die Mutter nicht-professionelle Pianistin), noch einmal eine faire Chance gegeben: Und siehe da: Mea culpa und Asche auf mein Haupt – es hat sich gelohnt, denn vor allem sein neustes Album „Am Rest“ ist ein ebenso intensiver Seelenwärmer wie verdammt großartig.

Ein anderer erster Eindruck bestätigt sich jedoch auch bei genauerem Hinhören und -sehen: Tristan Brusch ist der Inbegriff des komischen Kauzes. Ein Sonderling, ein merkwürdiger Zeitgenosse, der mit seinen teils skurrilen Beobachtungen wahlweise Kopfschütteln oder amüsierte Bewunderung hervorruft. Auf seinen Alben beschäftigt er sich intensiv mit der Lächerlichkeit des Seins, seines eigenen und das seiner gehassliebten Mitmenschen, inklusive erkrankter Lebens- und Liebesbeziehungen. Doch wo der 2018 erschienene Vorgänger „Das Paradies“ (bei welchem man sich keineswegs vor dezent schlager’esken Coverartwork abschrecken lassen sollte) noch recht bunt, von Instrumentarium und Synthies vollgestopft und insgesamt irgendwo zwischen Kirmespop und Kleinkunst geriet, tönen die neuen Stücke verdammt „monochrom“. Dies mag einerseits an der nicht eben quietschvergnügten Thematik der Stücke liegen, andererseits an dem simplen Fakt, dass Brusch die Gunst der Corona-Pandemie nutzte, und alle Songs gemeinsam mit Produzent Tim Tautorat (AnnenMayKantereit, Turbostaat, Tocotronic, Faber) und Band live in den altehrwürdigen Berliner Hansa-Studios aufnahm, nachdem „eine sehr berühmte deutsche Band Corona-bedingt abgesprungen war“. Für den Sound dieses Albums gab es daher kein Nachbessern, keinen Wunsch nach Perfektion. Stattdessen bieten die Songs unverfälschte Momentaufnahmen, im Text ebenso wie im Ton.

„Zwei Wunder am Tag“ heißt der Einsteiger der Platte, der mit einer einsamen Gitarre beginnt und zunächst superduper entspannt wirkt – darauf ’nen Mate-Tee? Nee, besser nicht. Brusch besingt das Leben und die Tristesse des grauen Alltags, welche wiederum dazu führt, dass wir alle uns tagein, tagaus nach ein wenig mehr sehnen. Und kaum hat man sich so richtig an die heimelige Singer/Songwriter-Atmosphäre gewöhnt, bricht der Refrain herein: Schreiend, laut, wütend, verzerrt und vulgär – und dann eben noch mit den drastisch gewählten Worten „Herein, herein, herein, immer alles in die Fressfotze rein!“. Ein auf Konsumkritik getrimmter Ausbruch und so ziemlich all das, was man gerade nicht erwartet hat. Eine Minute und 52 Sekunden dauert es, bis Tristan Brusch zum ersten Mal beweist: Ihr habt keine Ahnung, was hier noch auf euch zukommt… Er wird recht behalten.

Fotos: Promo / Steffi Rettinger

Zwar nicht ganz so wechselhaft, jedoch ähnlich gut gerät auch das leicht verträumte „Der Abschaum“, welches das Außenseiterdasein behandelt und musikalisch an Marlene Dietrich, meinetwegen auch an Jaques Brel oder an eine Art deutschen Scott Walker erinnert. Isses noch Chanson? In jedem Fall piefiger kein deutscher Rock! Tatsächlich sieht sich der Wahl-Berliner als die männliche Version von Ikone Dietrich, wie man in seiner Insta-Bio nachlesen konnte. Und das Lied selbst könnte man im Kosmos des Albums fast als „leichtfüßig“ bezeichnen, folgen um es herum doch ziemlich schwere Brocken. Das bittersüße Titelstück „Am Rest“ etwa. Selbiges beschreibt anhand todtrauriger Bilder den Zerfall einer Beziehung, bei der sich die Gemeinsamkeit nur noch durch die vermeintlich glückliche Vergangenheit ausdrückt und darin, dass man weiß, wie der oder die andere seinen – oder eben ihren – Chai trinkt (zwei Zucker). Auch „Ein Wort“ behandelt die Sprachlosigkeit und Enttäuschung, wenn alles gesagt scheint, „So weit weg“ unser aller zwanghafte Suche nach dem Glück und das Scheitern dabei. In „Schönleinstraße“ – laut Aussage das einzige nicht autobiografische Stück der Platte – wählt Brusch einen Obdachlosen als Erzähler, heimlich verliebt in die morgendliche Pendlerin und verzweifelt auf der Suche nach dieser einen letzten Chance, denn: „Mit mir ist doch nichts falsch, was bisschen Geld nicht richten kann“. In „Krone der Schöpfung“ packt der Sänger seine ganze Abscheu gegen unsere Spezies in die Zeilen, die plötzlich aufflammende Wut und der an „Lost Highway“ erinnernde Free Jazz wirken in solch einem manischen Rollenspiel durchaus beängstigend. Überhaupt muss man bei Brusch manches Mal an den Rattenfänger von Hameln denken: Man weiß, dass es nicht gut ausgehen wird, aber man kann sich seinem Bann partout nicht entziehen und tappt nahezu blind ins Verderben. Er wählt für Gefühle die passenden Worte und wird dabei drastisch und ungemütlich, etwa wenn er in „SM Jugend“ eine kranke Teenager-Liebesbeziehung beschreibt: „Deine Haut konnt‘ manchmal jucken / Du hast gesagt, jetzt helfen deine Klingen / Und ich wollte ficken / Süße Energie“. Das Lied bildet den Auftakt einer schicksalhaften Begegnung. In „Einer liebt immer mehr“ geht es um den aufziehenden Kontrollverlust, und das ganze Unglück kumuliert in „2006“, der fast logischen Konsequenz einer selbstzerstörerischen Existenz. Am Ende geschieht nämlich recht selten ein Wunder: „2006 haben wir uns geküsst / Haben wir noch lange nicht gewusst, was wirklich wichtig ist / Und Du warst noch lange, lange, lange, lang nicht tot…“ Zwar melancholisch, aber dennoch entschlossen erzählt Brusch hier von einer Person, die er liebte und die ihn liebte – bis zu dem Tag, an dem sie sich das Leben nahm. Ein herzzerreißendes Lebewohl, ein dicker, Song gewordener Kloß im Hals, welcher glücklicherweise vom abschließenden „Das Leben ist so schön“ noch ein wenig gen Versöhnlichkeit aufgelockert wird. Mit Jahreszahlen versehen erzählt er im Abriss aus seinen ersten 13 Lebensjahren: 1988 in Gelsenkirchen via Kaiserschnitt geboren. 1991 in Dänemark im Wohnwagen gelebt, während die Eltern dort Konzerte spielten. 1995 zurück in Tübingen, wo man als Kind mal eine tote Ratte vergraben oder die Hausaufgaben nicht gemacht hat. 2001 wird dann die erste Zigarette geraucht. In seiner Einfachheit, mit dieser Breite an Identifikationsfläche (allem Persönlichen zum Trotz), mit dieser Nähe am Leben und Alltag erinnert Brusch da nicht zum ersten Mal an große deutsche Liedermacher-Namen wie Reinhard Mey, Sven Regener oder Rio Reiser – nur eben eher mit etwas Klarem, Hochprozentigem in der Tasse anstatt des Kaffees oder grünen Tees…

Am Rest“ ist eine Ode an die Vergänglichkeit der Dinge und die Akzeptanz des Verlusts. „Am Rest“ ist aber auch die Einsicht, dass all der Zerfall und die Probleme um uns herum zwar ernst sind, trotzdem aber nichts daran ändern, dass selbst aus Schlechtem und Monochrom-grauem Freude und Glück entstehen können. Ohne das Hässliche kann das Schöne kaum existieren – was nach banalem Kalenderspruch müffeln mag, wird hier mit neuer Bedeutung gefüttert. Es ist zum Heullachen. Wer also mag, darf Tristan Brusch ebenso als Bruder im Geiste eines Gisbert zu Knyphausen („Die Welt ist grässlich und wunderschön.“) sehen wie eines Faber, denn wer die beiden fulminanten Alben des Schweizer Musikers gehört hat und hier keine textlichen wie musikalischen Parallelen feststellen kann, der sollte bei beiden noch einmal genauer hinhören. Und ganz ähnlich wie jener Julian „Faber“ Pollina braucht auch Tristan Brusch weder starre Genre-Schubladen noch massentaugliche Texte, um vor allem mit diesem Album zu beweisen, dass er längst verstanden hat, wie man ein Publikum in seinen Bann zieht. Zugegeben, für so ein herbstliches, wohlmöglich sogar tiefwinterlich gefärbtes Album muss man offen und bereit sein, und wer auf pathetischen Weltschmerz per se keinen Bock hat, wird vermutlich auch höchstens mit einem Bruchteil der Songs glücklich. Wer sich hingegen auf ebendiese Welt einlässt, hat die Chance, mit „Am Rest“ eines der beeindruckendsten, ganz und gar nicht oberflächlichen Alben des Jahres des vergangenen Musikjahres zu entdecken. Und, wie bei mir: lieber etwas spät als nie.

Rock and Roll.

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Song des Tages #2: Das Paradies – „Goldene Zukunft“


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Muss deutschsprachige Popmusik in der heutigen Zeit immer gleich aufs volle Risiko hin existenzialistisch daher wanken?

Für all diejenigen, die diese Frage mit einem klaren „Ja!“ beantworten würden, liefert Das Paradies eine kleine Antithese zu Casper, Kraftklub und Co. Das Para…wer?

Hinter dem Pseudonym, unter welchem bereits im Mai die erste Single „Goldene Zukunft“ erschien, versteckt sich der Leipziger Florian Sievers, der bisher als männlicher Teil des Indiefolk-Duos Talking To Turtles in Erscheinung getreten ist. Und: Sievers hatte unter neuem Namen scheinbar auch mehr Bock auf Indiepop als auf den melancholischen LoFi-Folk, welchen er gemeinsam mit Duo-Partnerin Claudia Göhler auf insgesamt drei Alben (zuletzt erschien 2014 „Split„) zu Tönen gemacht hat.

In jedem Fall schwimmt Sievers‘ „Goldene Zukunft“ zwischen all den Nachrichten über Bankenpleiten, Anschlägen, Regierungskrisen und Flüchtlingswellen mit beinahe eskapistisch veranlagten Zeilen wie „Ich sehe eine goldene Zukunft und nicht viel mehr“ oder „Keiner wird sich gestört fühlen, alles wird allen gefallen / Und ich attestierte blind, dass die Zeiten rosig sind“ bewusst gegen den Strom. Anderswo im weltweiten Netz werden diese gerade einmal dreieinhalb Minuten als „himmlischer, luftiger Pop mit Hamburger-Schule-Abschluss, Exerzitienreisen nach Weilheim und neuer Anwärterschaft auf den Whitest-Boy-Alive-Award“ beschrieben sowie ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Single-B-Seite „Du, die anderen und ich“ – wenn man so will die zwar weitaus melancholischere, aber nicht minder interessante Wochentagsschwester von „Goldene Zukunft“ – „mindestens Pflicht für alle Netflix- und HBO-Abonnenten“ sein sollte. Lassen wir’s mal so stehen…

 

 

Rock and Roll.

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