Schlagwort-Archive: Crowdfunding

Moment! Aufnahme.


disabled-people-robot-dawn-ver-beta-cafe-orby-lab-japan-6

(via boredpanda.com)

 

Ein fern- und fremdgesteuerter Roboter, der Gäste in einem Restaurant bedient? Gut, das mag zwar – zumindest für jeden Nicht-Asiaten – noch ein wenig *hust* futuristisch wirken, andererseits aber kein so ungewohntes Bild mehr sein. Doch in Japan ticken die volldigitalen Uhren mal wieder ein klein wenig anders…

Gerade weil viele Menschen heutzutage immer distanzierter, kühler und ich-bezogener werden, spielt Inklusion in unserer Gesellschaft eine immer wichtigere Rolle. Ein Café im Akasaka District in der japanischen 9,5-Millionen-Einwohner-Metropole Tokio versucht nun, gelähmte Menschen mithilfe von Robotern wieder in die Arbeitswelt zu integrieren. Das Projekt wurde durch Crowdfunding finanziert und ist eine Kooperation zwischen dem Startup Ory, All Nippon Airways (ANA), der Nippon Foundation und der Avatar Robotic Consultative Association (ARCA).

Und so funktioniert es: Zehn Mitarbeiter, die unter ALS oder anderen Wirbelsäulenkrankheiten leiden, steuern von Zuhause aus Roboter wie den OriHime-D, die sich im Restaurant befinden. Im Gegenzug erhalten diese einen Stundenlohn von 1.000 Yen, der in der Branche für Teilzeitjobs üblich ist. Die Roboter sind ca. 120 cm groß, können mit anderen Menschen kommunizieren sowie Objekte bewegen.

Der von Ory entwickelte OriHime-D wurde dabei speziell für dieses Einsatzgebiet konstruiert. In Zukunft sollen auch andere Tätigkeiten wie die Kinderbetreuung, der Dienst als Krankenschwester oder andere Betreuungsdienste durch den kleinen Roboter abgedeckt werden können. Zum Grundgedanken hinter dem Projekt meint Kentaro Yoshifuji, CEO der Ory Lab Inc., Folgendes: „Ich möchte eine Welt schaffen, in der Menschen, die ihre Körper nicht bewegen können, ebenfalls einer Tätigkeit nachgehen.“

Insofern das Startup, seine Partner sowie dessen Planungen Wort halten, so wird es wohl nicht mehr lange dauern, bis das Café in den regulären Betrieb übergehen soll. Ab 2020 soll der Test, dessen Beta-Phase im November anlief, abgeschlossen sein und ein Musterbeispiel für Inklusion öffnet, irgendwo im wuseligen Tokio, eventuell unbegrenzt seine Pforten…

 

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages: Amanda Palmer & Jasmine Power – „Mr. Weinstein Will See You Now“


qwerqwerqwerqwer-1538859779-640x399

Die auf diesem bescheidenen Blog ohnehin oft erwähnte (da großartige) Amanda Palmer und Jasmine Power haben nun auch ein Musikvideo zu ihrem gemeinsamen #metoo-Song „Mr. Weinstein Will See You Now“ veröffentlicht. Die Regie und Choreografie zu der „Visual Novel“, welches sein „NSFW“-Prädikat durchaus verdient, übernahm Noémie Lafrance, die unter anderem die Tanz-Choreografie der „Songs Of David Byrne And Bryan Eno“-Tour entwickelt hatte.

a1725573856_16.jpgDas Video überführt die sensiblen Themen Vergewaltigung und Machtmissbrauch dabei mit blutigen Bettlaken und teils wie tot in einem Hotelzimmer liegenden Frauen in Männerhemden in mal bedrückende, mal beklemmende Bildsprache. Sämtliche Erlöse der Single, die als „Name your price“ auf Bandcamp verfügbar ist, kommen dem Time’s Up Fond für die rechtliche Vertretung von Opfern sexuellen Missbrauchs zugute. Co-Songwriterin Jasmine Power sagte über den Videodreh: „Es gab Momente, wo ich die Monitore beobachtete, in denen ich vor Schmerz erschaudert bin. Der Tag hat sich kraftvoll, düster, furchtlos und dann leicht angefühlt, als ich auf ein dankbares Lächeln einer Frau am Set geantwortet habe, als sie sagte: ‚Danke, dass du das geschrieben hast.‘ Ich hoffe, dass meine Kinder das Video eines Tages sehen und dann erleichtert sein werden, dass sich die Zeiten geändert haben.“

Die jetzige Veröffentlichung des visuellen Pendants zum Song ist übrigens keineswegs zufällig gewählt: Das Musikvideo erschien (am 5. Oktober) gezielt genau ein Jahr nach dem Artikel in der „New York Times“, der dem Filmproduzenten Harvey Weinstein sexuellen Missbrauch in zahlreichen Fällen vorgeworfen hatte und damit die #metoo-Bewegung (und viele weitere Enthüllungen) ins Rollen brachte. Weinstein muss sich wegen dieser Taten zur Zeit vor Gericht verantworten.

Weitere Informationen zum Video, Dreh und dessen Hintergründen findet man auf Amanda Palmers Patreon-Seite.

 

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages: Amanda Palmer & Jherek Bischoff – „Mother“


amanda-palmer-mother-video-still

Dass politisch angespannte, gesellschaftlich unsichere Zeiten auch ihr Gutes haben und Künstlern die Chance bieten, sich auf ihre wohl wichtigste gesellschaftliche Rolle zu konzentrieren – nämlich ihre Kunst mit einer relevanten Botschaft abseits des Fünf-Minuten-Unterhaltungswertes zu unterlegen -, beweist aktuell einmal mehr Amanda Palmer.

Die umtriebige US-Musikerin und On/Off-Frontfrau der Dresden Dolls, die kürzlich erst das bewegende Song-meets-Musikvideo-Gesamtkunstwerk „In Harm’s Way“ ins weltweite Netz entlassen hatte, hat sich nun den Pink-Floyd-Klassiker „Mother“ zur Eigeninterpretation vorgenommen. Und wer Palmers Schaffen kennt, der wird wissen, dass die 41-jährige Ehefrau von Fantasy-Kultautor Neil Gaiman das Stück, welches anno 1979 als Teil des auch heute noch monumentalen Pink-Floyd-Albums „The Wall“ erschien und in der jüngeren Vergangenheit auch immer wieder Einzug in die Setlists der Grunde-Rocker von Pearl Jam fand, nicht einfach so und schnöde an ihrem Piano präsentieren würde…

„The lyrics to ‘Mother’ haunted me during the inauguration. There’s a surge in female power right now: Trump and Co. can prattle on about how they’re going to build a big, beautiful wall, but the mothers of this nation have a different agenda. We don’t want our children to grow up in a world of fear, separation, and scarcity.“

a1651640675_16Einmal mehr finanziert via Crowdfunding, bat sie zunächst den befreundeten Komponisten Jherek Bischoff darum, das Stück für ein Streicherensemble umzuschreiben. Um die daraus resultierende, beinahe bedrohlich friedlich anmutende Streicherballade mit noch mehr Aussagekraft zu unterlegen, kontaktierte Palmer Regisseurin Jordan Rathus, Choreografin Coco Karol und weitere befreundete KünstlerINNEN (unter anderem auch die ehemalige Hole- und Smashing-Pumpkins-Bassistin Melissa auf der Maur), um ein gemeinsames Musikvideo zu ihrer Version von „Mother“ zu drehen.

Und ebenjenes entstandene Video hat – bei allem künstlerischen Anspruch – eine recht eindeutige Botschaft: Amanda Palmer versetzt sich in die Rolle des lyrischen Ichs des einst von Pink-Floyd-Mastermind Roger Waters geschriebenen Songs und zeigt in einem mittelalterlichen Szenario den Aufstand der in weißen Gewändern bekleideten Unterschicht gegen die Anzug tragende Oberschicht, um den Bau einer Mauer zu verhindern. Dass Chris Wells, welcher im Musikvideo die Rolle des US-Präsidenten übernimmt, ein offen mit der eigenen Homosexualität umgehender Friedensaktivist ist, darf da gern als gezielt humorvolle Anekdote gegen Donald Trump und Co. gesehen werden…

Mehr über die Entstehung und die Hintergründe zu Amanda Palmers Version von „Mother“, welche die Musikerin selbst voller Understatement als ihre „bis heute beste Arbeit“ bezeichnet, kann man auf ihrem Blog lesen. Das Stück selbst wird in Kürze als B-Seite auf der 7“-Single von „In Harm’s Way“ erscheinen (10 Prozent der Erlöse kommen der Organisation Because We Carry zugute) und kann bereits jetzt via Bandcamp aufs heimische Abspielgerät geladen werden.

 

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages: Amanda Palmer – „In Harm’s Way“


Amanda Palmer und Edward Ka-Spel

Foto: Michael Lamertz / ML Fotografie

Bei allem, was Amanda Palmer an kreativem Output veröffentlicht – und das ist nicht gerade wenig – kann man sich meist sicher sein, dass am Ende erneut große – oft genug sogar großartige und vor allem wichtige – Kunst ums Eck lugen wird. (Das im Mai gemeinsam mit The Legendary Pink Dots-Frontmann Edward Ka-Spel veröffentlichte Album „I Can Spin A Rainbow“ lassen wir an dieser Stelle mal außen vor und verbuchen es unter „Erfüllung eines persönlichen Jugendtraums“…)

Dass sich die 41-jährige US-Musikerin ihres Einflusses und ihrer Außenwirkung durchaus bewusst ist und diese auch nutzt, um oftmals kritische Töne anzustimmen, dürfte längst bekannt sein. Das neuste, nun veröffentlichte Charity-Stück „In Harm’s Way“ ist ein weiterer Beleg dafür.

a1699755092_16Inspiration für den Song war ein Foto der türkische Pressefotografin Nilüfer Demir, welches den syrischen Flüchtlingsjungen Aylan Kurdi, tot an einem Strand nahe der türkischen Touristenhochburg Bodrum, zeigte. Das Bild ging im September 2015 um die Welt und erreichte auch Amanda Palmer, die zu diesem Zeitpunkt kurz vor der Geburt ihres ersten Kindes stand. Und es ließ die werdende Mutter nicht mehr los. Also setzte sie sich, wenig später, nachdem ihr Sohn Ash zur Welt gekommen war, an ihr Piano und skizzierte einen ersten Entwurf des Stückes „In Harm’s Way“ (welcher zu diesem Zeitpunkt noch „The Refugee’s Brother“ hieß).

Kurz darauf stieß Palmer via Twitter auf den spanischen Performance-Künstler Abel Azcona. Beeindruckt von der Bildsprache seiner Arbeiten nahm sie bereits kurze Zeit später den Kontakt zu ihm auf und schlug ein gemeinsames Projekt vor: ein Performance-Video zu dem damals just fertig gestellten Song „In Harm’s Way“, für den Palmers Musik-Buddie Jherek Bischoff Streicher-Arrangements besorgt hatte.

Und wie so oft konnte sich Amanda Palmer für dieses neuste künstlerische Unterfangen auf ihre via Patreon und andere soziale Medien reaktivierten Fans und Unterstützer verlassen. Finanziert via Crowdfunding, drehten die Musikerin und Performance-Künstler Azcona das Musikvideo zu „In Harm’s Way“ gemeinsam mit vielen freiwilligen Laien-Darstellern, die dem Aufruf der Social-Media-Aktivistin gefolgt waren, an einem Strand im spanischen Tarragona. Das fünfeinhalbminütige Ergebnis spricht für sich. Und sorgt – gerade in Verbindung mit der Musik – für mehrere dicke Klöße im Hals…

Wer übrigens meint, dass Palmer das Thema der Flüchtlingskrise – gerade von ihrem vermeintlichen Elfenbeinturm im fernen US-amerikanischen Boston heraus – zur fixen Selbstprofilierung nutzen würde, dem sei mit auf den Weg gegeben, dass die umtriebige Musikerin unter anderem (sie steht etwa in stetigem Kontakt zu diversen NGOs) im Frühjahr 2017 auf dem Rückweg von einer Tournee durch Australien – gemeinsam mit ihrem mittlerweile zweijährigen Sohn Ash – ein Flüchtlingscamp im griechischen Lesvos besuchte, um sich selbst ein Bild von der Situation zu machen.

 

Amanda Palmer hat zum neuen Song „In Harm’s Way“ Folgendes zu sagen (während man die komplette Geschichte um und über das Stück auf ihrer Homepage findet):

„while the headlines blare on about the distractions du jour, we are now witnessing the highest levels of displacement **on record**. an unprecedented 65.6 million people around the world have been forced from their homes. among them are nearly 22.5 million refugees, over half of whom are under the age of 18. this past spring of 2017, i traveled to lesvos, greece, where i worked with a small NGO and saw the continual plight of families and children living in limbo with a scarcity of help and resources while the world marches on without paying attention.

meanwhile, i worked on this song recorded in tasmania, australia, with generous assistance from the MONA museum and began an brainstorm and partnership with the spanish performance artist abel azcona. we recruited dozens of volunteers from across spain, france, the UK and elsewhere in europe to take part in the performance. these volunteers weren’t professional actors, they simply answered our call and wanted to loan their time and hearts to this cause. the video was filmed on location in tarragona, spain. we cannot thank the volunteers enough for their travel, time and generosity in making this clip.

the entire film crew and all the production costs were funded/backed by my 11,000 patrons. without them, nothing. if you’d like to join our tribe and help us make more art all around the world, join here: https://www.patreon.com/amandapalmer

read the full backstory & lyrics here: https://amandapalmer.net/InHarmsWay

please download the song here on bandcamp; https://amandapalmer.bandcamp.com/tra…

ALL digital proceeds until Nov 30th will go to http://BecauseWeCarry.org, a small dutch NGO that helps feed, clothe and assist refugees landing and living on the island of lesvos, greece.“

 

 

„what i cannot see cannot be not untrue
standing on the barrier of me and you are
standing where the ocean meets the sand
we cross though we barely understand
the grass is always greener on the land

what we cannot say cannot be not our fault
searching for a harbor where the sharks don’t call
i’m waiting where the boats arrive at night
i see the ones before me disappearing into light

why would you go? when you could stay?
why would you try? when you could walk away?
why should i care when you’re not mine?
why would i care when you’re not even my kind?
why would you stand when you could lie?
why would you bother to find something kind to say?
why would you bother to love your own neighbor?
and why would you bother to love your own brother?

….love’s so expensive these days.

what i cannot do cannot be not undone
blinking at the reef collapsing in the sunrise
shining from this pamphlet in my hand
we cross as many fingers as we can
the grass keeps looking grayer as we find no place to land

what i cannot see can not be not unseen
standing on the barrier
of you and me
are standing where the ocean meets the land
we cross even though we understand
we cross even though we see the child in the sand

why would you go?
when you could stay?
why would you try?
when you could cast away?
why should i care
when you’re not mine?
why would i care
when you’re not even my kind?

why would you stand
when you could lie?
why would you bother to find something kind to say?
why would you bother to save your own neighbor?
and why would you bother to save your own brother?

why would you bother to save your own child
why would you bother with all of this bother
and why would you bother with all of these others

when there’s always you you could save….

why, what are you crazy?

why would you stand in harm’s way?“

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Ein Hauch von „School of Rock“ – drei mexikanische Mädels covern den Foo-Fighters-Kracher „The Pretender“


the warning

Ihr kennt das sicher: da sitzt man nichtsahnend vor Youtube, Facebook und Konsorten, surft sich so mir nichts, dir nichts durch mäßig interessante Videos und Statusmeldungen und dann – plopp! – trifft einen ein klein wenig der Neid, weil werauchimmer auf der einen Stelle schippenweise musikalisches Talent an ein paar Halbstarke verteilt hat, während unsereiner mit viel Mühe drei Akkorde auf der Elektrischen zusammen bekommt…

Zuletzt ging mir das im vergangenen Jahr so, als ich auf Youtube eine Coverversion von Tools (!) „Forty Six & 2“ (!!) bestaunen durfte. (Ja, schon richtig: bei dieser Band verbietet sich im Normalfall jegliche Reinterpretation gleich von selbst – aber wenn man’s wie diese Kiddos macht, dann ist gefälligst Milde walten zu lassen.)

Neuer Fall von vor ein paar Tagen: eine Verneigung vor dem Foo-Fighters-Kracher „The Pretender„. An sich ja nix Besonderes, oder? Macht doch mittlerweile jede drittklassige Dorfkapelle und Schülerband, oder? Schon. Aber was die drei mexikanischen Schwestern Daniela (15 Jahre, Gitarre), Paulina (13 Jahre, Schlagzeug) und Alejandra (11 Jahre, Bass) alias The Warning da zur Crowdfunding-Finanzierung ihres ersten Albums auf die Beine stellen, ist in dieser Professionalität wahrlich aller Ehren wert. Da weht ein guter Hauch von „School of Rock“ durchs dazugehörige Musikvideo, auf das Papa wohl ebenso stolz sein dürfte wie auf das Talent seiner rockenden Sprösslinge. Und die 20,000 Dollar zur Finanzierung vom Debüt hat das halbwüchsige Newcomer-Trio mittlerweile auch fast zusammen…

 

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , ,

Aufgetaucht – Lockerbie verschenken ihr neues Album „Kafari“


lockerbie

Island ist schon erstaunlich. Da hat der Inselstaat im Norden Europas gerade einmal soviel Einwohner wie – Obacht! – das beschauliche Bielefeld (nämlich knapp 330.000) und macht seit jeher doch so oft von sich reden.

Klar dürfte sich das Land aktuell am meisten durch seine erfolgreiche – und erstaunlich souveräne – Qualifikation für die Fussball-Europameisterschaft in Frankreich im kommenden Jahr ins Spiel und auf die Titelseiten der Nachrichtenmagazine gespielt haben – immerhin stach man in seiner Gruppe die bemitleidenswerte niederländische „Elftal“ aus. Nicht schlecht für ein Land, in dem – um noch einmal kurz beim Sport zu bleiben – Boxen erst seit 2002 wieder offiziell erlaubt ist (zuvor war es seit 1956 „zum Schutze der Gesundheit“ verboten).

Ansonsten? Klar, von Island aus platzte 2007 eine globale Bankenblase, deren Nachwehen sich bis heute noch von Buenos Aires bis hin nach Tokyo ziehen. Und zum Mythos von Geysiren, singenden Steinen und Elfen tragen die Walfleisch trocknenden Wollpulli-Isländer heutzutage in etwa ebenso sehr bei wie der Bundesdeutsche zum Ruf des Ausländer hassenden, schuhplattlernden PEGIDA-Gängers in Lederhosen. Irgendwelche Klischees hat ja im Grunde jede Nation.

Viel mehr hat sich Island jedoch in den letzten Jahrzehnten im Kultur- und Musikbetrieb einen hervorragenden internationalen Ruf erspielt. Auch da fallen bei den meisten zuerst die Namen der zwei, drei üblichen Verdächtigen: Björk, klar – die 49-jährige Musikerin steht – mittlerweile zum nationalen Heiligtum gereift – wie kaum eine andere Isländerin für jenen unangepassten nordischen Charme, mit dem immer und immer wieder Neues entsteht und Verflechtungen durch alle künstlerischen Bereiche – von Musik über Film bis hin zu höchst abstrakter „L’art pour l’art“ – gezogen werden. Oder Sigur Rós. Die Band um Frontmann Jónsi – mit der androgyn-entrückten Stimme eines Engels gesegnet – hat sich längst ihr eigenes (postrockendes) Genre erschaffen, das sie seit beinahe zwanzig Jahren und sieben Alben zurecht weltweit erfolgreich und einsam auf weiter Flur dastehen lässt. Oder eventuell noch Pop-Singer/Songwriterin Emilíana Torrini oder die Folker von Monsters Of Men. Island-Aficinatos dürften noch Agent Fresco, múm oder Múgison ins Feld werfen, oder eben das seit 1999 stetig wachsende, jährlich in der Hauptstadt Reykjavík stattfindende Festival „Iceland Airwaves“ anführen. Und dann noch einmal erwähnen, dass all diese Künstler aus einem Land kommen, dessen Bevölkerungszahl sich gerade einmal mit einer deutschen Großstadt im Regierungsbezirk Detmold im Nordosten Nordrhein-Westfalens messen kann. Dazu passt auch, dass Hannes Halldórsson, seines Zeichens Nationaltorwart der isländischen Fussballnationalmannschaft, den Großteil seiner fussballfreien Zeit als nicht eben unerfolgreicher Film- und Musikvideoregisseur (zum Beispiel zeichnete er sich in jüngster Vergangenheit für den Musikclip zu einem der isländischen Beiträge zum „European Song Contest“ verantwortlich) verbringt. In einem Land wie Island kennt eben übers Eck so ziemlich jeder jeden, bewegt sich eben alles in kleineren Bahnen…

Lockerbie_OlgusjorOb Davíð Arnar Sigurðsson, Guðmundur Hólm, Rúnar Steinn Rúnarsson, Þórður Páll Pálsson und Hafsteinn Þráinsson es indessen auch bereits mit dem runden Leder versucht haben, ist leider nicht überliefert. Vielmehr haben auch die fünf von Lockerbie, wie viele ihrer Landsleute (und nicht nur die), in frühen Jahren Sigur Rós für sich entdeckt und Jónsi und Co. schon alsbald später als Inspiration zur Gründung einer eigenen Band genommen. Gesagt, getan – Lockerbie waren geboren (der Bandname selbst bezieht sich zwar zu gleichen Teilen auf den Bombenanschlag im schottischen Lockerbie im Jahr 1988 sowie auf ein Gedicht eines ehemaligen Bandmitglieds, trotzdem ist die Band keineswegs politisch). Bald schon ließen Sänger Pórður Páll Pálson und seine Mitstreiter die Welt mit dem 2011 erschienenen Debüt „Ólgusjór“ erste Songs hören, die vielerorts – auch und vor allem außerhalb ihrer Heimat – auf offene Ohren stießen. Verspielter Postrock, gepaart mit Indiepop und vielen kleinen Experimenten – Spieluhren, Xylophone, Streicher etc. pp. Dazu Pálsons Kopfstimme, die Texte auf Isländisch – man kam kaum drum herum, Lockerbie als „Sigur Rós‘ kleinere Brüder“ zu bezeichnen.

Seitdem sind gut vier Jahre ins Land gegangen. Ganze zweieinhalb davon haben Lockerbie mit den Arbeiten am Nachfolger zu „Ólgusjór“ verbracht. Umso erstaunlicher, dass sie „Kafari“ (was übersetzt „Taucher“ bedeutet) nun einfach so, für lau einen warmen Dank und Umme auf ihrer Homepage verschenken. Doch selbst der geschenkteste Gaul ist nichts wert, wenn der Inhalt mau ist. Kann „Kafari“ also überzeugen? Nun, Freunde von Sigur Rós und Co. dürften auch beim Zweitwerk von Lockerbie gern mal ein, zwei Ohren riskieren, denn auch 2015 liegt das, was die in Hafnarfjörður/Reykjavík da in ihren zehn neuen Stücken anbietet, klanglich nah beim musikalischen Output der großen Vorbilder. Poppige Melodien treffen auf postrockige Instrumentalelemente treffen auf vermehrte Elektronik treffen auf einen insgesamt erwachseneren Gesamtklang. Klar findet der findige Hörer hier viele vermeintliche „Island-Sound“-Klischees bestätigt. Ist ja auch nichts Schlechtes dran. Und wer Gefallen an „Kafari“ gefunden hat, der kann der Band via Crowdfunding helfen, die Vinylveröffentlichung auf die Beine zu stellen.

Und bevor mir jetzt noch jemand gezieltes Bashing einer Stadt in Nordostwestfalen unterstellt – hier mal eine kleine Liste berühmter Söhne und Töchter Bielefelds: Friedrich Wilhelm Murnau („Nosferatu“), Hannes Wader, Bernhard Schlink („Der Vorleser“), Hera „Superweib“ Lind, Ingolf Lück, Oliver Welke, Ralph Ruthe, Lena Gössling, Casper – hat ja schon fast isländische Qualitäten, dieses Bielefeld…

 

 

Hier gibt es „Kafari“ im Stream…

 

…und das Titelstück samt dazugehörigem Musikvideo, für das sich der französische Regisseur Timothée Lambrecq verantwortlich zeichnete:

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
%d Bloggern gefällt das: