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Song des Tages: Machine Gun Kelly & Travis Barker  - “Killing In The Name“


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Colson Baker, der – zumindest in den US of A – besser bekannt unter seinem street name Machine Gun Kelly sein sollte, und Blink-182-Schlagzeuger Travis Barker haben ein Cover des Rage Against The Machine-Klassikers „Killing In The Name“ veröffentlicht. Motiviert wurden die beiden Musiker hierbei von der„Black Lives Matter“-Bewegung, die nach George Floyds Tod durch unverhältnismäßige Polizeigewalt erneut weltweit Demonstrant*innen auf der Straße versammelt und sich lautstark gegen den leider noch immer grassierenden Rassismus speziell in den derzeit gar nicht mal so Vereinigten Staaten (aber freilich auch hierzulande) stark macht.

Die recht nah am unkaputtbaren Original gehaltene Coverversion selbst entstand, nachdem MGK, der in den letzten Jahren vor allem als Rapper und Gelegenheitsschauspieler (etwa in „Birdbox“) in Erscheinung trat, und Barker gemeinsam an einer ebenjener Demos in Los Angeles teilgenommen hatten. „Sie schrieben den Song 1992. Das ist 28 Jahre her und jedes Wort trifft immer noch zu“, erklärt Machine Gun Kelly die fast schon offensichtlich folgerichtige Songwahl via Twitter. Den allseits bekannten Textzeilen “Fuck you, I won’t do what you tell me!” fügt Machine Gun Kelly die entschlossenen Worte “To the protesters in these streets / Fight the system! / Fuck the system! / We will be heard!” hinzu.

Im dazugehörigen, in schwarz-weiß gehaltenen Clip sieht man die beiden Musiker, die Schilder mit Aufschriften wie “STOP ARRESTING PROTESTORS! ARREST KILLER COPS!” und “NO JUSTICE. NO PEACE.” in den Händen halten und jüngst bereits den ein oder anderen Song gemeinsam aufgenommen hatten, im Studio neben Zusammenschnitten von aktuellen Protesten gegen Rassismus und Polizeigewalt. „End systematic racism“, heißt es am Ende des Videos – welch‘ frommer Wunsch, für den sich in den Neunzigern bereits Zack de la Rocha, Tom Morello und Co. stark gemacht haben…

 

 

„Killing in the name of

Some of those that work forces
Are the same that burn crosses…

Uh!

Killing in the name of…

Now you do what they told ya…
And now you do what they told ya…
But now you do what they told ya
Well, now you do what they told ya

Those who died are justified
For wearing the badge, they’re the chosen whites
You justify those that died
By wearing the badge, they’re the chosen whites
Those who died are justified
For wearing the badge, they’re the chosen whites
You justify those that died
By wearing the badge, they’re the chosen whites

Some of those that work forces
Are the same that burn crosses…

Uh!

Killing in the name of…

Now you do what they told ya…
And now you do what they told ya
(Now you’re under control) And now you do what they told ya…

Those who died are justified
For wearing the badge, they’re the chosen whites
You justify those that died
By wearing the badge, they’re the chosen whites
Those who died are justified
For wearing the badge, they’re the chosen whites
You justify those that died
By wearing the badge, they’re the chosen whites
Come on!

Ugh!
Yeah!
Come on!
Ugh!

Fuck you, I won’t do what you tell me…
Motherfucker
Ugh!“

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: The Dresden Dolls – „I’m Going To Go Back There Someday“


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Zwölf Jahre nach dem letzten Album „No, Virginia…“ und zwei Jahre nach den letzten gemeinsamen Shows in London haben The Dresden Dolls mit „I’m Going To Go Back There Someday“ tatsächlich einen neuen Song aufgenommen – was umso bemerkenswerter erscheint, wenn man bedenkt, dass Amanda Palmer derzeit – teils selbstgewählt, teils Corona-bedingt – im fernen Neuseeland weilt (über das Wieso kann man ausführlich bei Patreon oder etwa Facebook lesen), während es Schlagzeuger Brian Viglione im vergangenen Jahr gemeinsam mit seiner Frau Olya (mit der er übrigens auch die bislang leidlich erfolgreiche Alternative-Rock-Band Scarlet Sails anführt) vom Big Apple ins sonnige Los Angeles verschlug.

Und obwohl es sich bei dem Song, dessen Einnahmen selbstredend karitativen Zwecken zugute kommen (an den Boston Resiliency Fund, der Menschen in und um Boston hilft, die besonders hart von der Corona-Krise betroffen sind), „nur“ um eine Coverversion handelt (aus dem anno 1979 erschienenen „The Muppet Movie“), so ist es doch schön, mal wieder etwas Gemeinsames von der legendären Cabaret-Punk-Band zu hören…

Brian Viglione gab dem Stück via Facebook folgende Zeilen mit auf den Weg:

„This is extremely exciting to be teaming up with Amanda across thousands of miles to record one of the most achingly beautiful Muppet songs, and contribute support to the Boston Resiliency Fund to provide food for children and seniors, technology for remote learning for students, and support to first responders and healthcare workers in the City of Boston.

I had a whirlwind night at my apartment after I received Amanda’s vocal and piano tracks, and I was reminded of the tenderness of this song, and working to maintain that feeling of longing that is so perfect in the original.

As we know from The Muppet Movie, so often these unforeseen and often devastating challenges are really just a test of our ability to let go, our resiliency and ability to adapt, our patience to step back out of our own personal wants and little bubbles of control or expectation and just patiently wait things out with by placing more gratitude on the love of those around us.

I hope that the funds raised from this release continue aid the brave efforts of all the frontline healthcare workers, teachers and educators, and provide some relief and escape to anyone listening.

Thank you all for being out there and spreading your light.“

Amanda Palmers kaum weniger ausführliches und emotionales Statement kann man hier lesen.

 

(oder via YouTube)

 

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Foto: Facebook

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Sharon Van Etten – „(What’s So Funny ‘Bout) Peace, Love And Understanding?“ (feat. Josh Homme)


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US-Indierock-Singer/Songwriterin Sharon Van Etten hat sich mit Queens Of The Stone Age-Frontmann Josh Homme zusammengetan, um eine gemeinsame Duett-Version des Evergreens „(What’s So Funny ‚Bout) Peace, Love And Understanding?“ aufzunehmen. Sonderlich kreativ mag diese Idee im ersten Moment zwar nicht sein, schließlich wurde der 1974 von Nick Lowe komponierte und vier Jahre darauf von Elvis Costello & The Attractions zum Hit gemachte Song über die Jahrzehnte hinweg von so einigen Bands und Künstlern von Bruce Springsteen über Curtis Stigers bis hin zu A Perfect Circle gecovert, unter den Händen von Van Etten und Homme bekommt die vertonte Friedenshoffung jedoch ein paar recht interessante folkloristische Alt.Country-Anstriche verliehen.

sharon-van-etten-josh-hommePassend zur aktuellen Zeit, in der nichts so richtig sicher scheint, gibt Sharon Van Ettens Stimme schon zu Beginn den zwischen Melancholie und Düsternis schwankenden Grundton vor, bevor Josh Homme, begleitet von zurückhaltender Percussion, einem Piano und twangy tönenden Gitarrennoten, zur zweiten Strophe dazu stößt. Während des ganzen Stücks tanzen die Stimmen der Indie-Musikerin aus New York City und des Bandleaders aus Palm Desert, Kalifornien einen zwar bewusst reduzierten, jedoch in jedem Fall fesselnden Balladen-Walzer, der dem Nick-Lowe-Klassiker einen ganz neuen Twist verleiht.

Dass diese Version gelingt, ist für Kenner der beiden Musiker keineswegs ein Zufall, sind beide doch in Kollaborationen mit anderen Künstlern geübt – so veröffentlichte Van Etten mit „Seventeen“ unlängst ein Duett mit Norah Jones, während Homme im vergangenen Oktober die Teile 11 und 12 seiner legendären „Desert Sessions“ in die Regale stellte (und auch sonst als Kollaborator und Produzent mit Künstlern von Iggy Pop über die Arctic Monkeys bis hin zu Them Crooked Vultures und den Eagles Of Death Metal bestens beschäftigt ist)…

 

 

„As I walk through
This wicked world
Searchin‘ for light in the darkness of insanity.
I ask myself
Is all hope lost?
Is there only pain and hatred, and misery?

And each time I feel like this inside
There’s one thing I wanna know
What’s so funny ‚bout peace love & understanding?
What’s so funny ‚bout peace love & understanding?

And as I walk on
Through troubled times
My spirit gets so downhearted sometimes
So where are the strong
And who are the trusted?
And where is the harmony?
Sweet harmony

‚Cause each time I feel it slippin‘ away, just makes me wanna cry
What’s so funny ‚bout peace love & understanding?

So where are the strong?
And who are the trusted?
And where is the harmony?
Sweet harmony

‚Cause each time I feel it slippin‘ away, just makes me wanna cry
What’s so funny ‚bout peace love & understanding?“

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Craig Alan Hughes – „Nature Boy“


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Ach, das Internet mit seinen Youtubes und Bandcamps und Soundclouds ist so voller noch unentdeckter Talente, das glaubste gar nicht! Und dann… Und dann stößt man plötzlich auf verschlungenen Wegen auf ein neues. Craig Alan Hughes etwa.

Auf selbigen bin ich in einer Elliott Smith-Gruppe bei Facebook aufmerksam geworden, wo ein Mitglied unlängst (s)eine bereits ein paar Jährchen alte Coverversion des Smith-Songs „St. Ides Heaven“ teilte. Und man höre: Covern kann der junge Singer/Songwriter aus dem schottischen Edinburgh, der seine Einflüsse via Facebook grob mit „Mathieu Boogaerts, Elliott Smith, Sufjan Stevens, Divine Comedy, Simon and Gar-slamdunkda-funkel“ umreißt, in der Tat recht formidabel – und dann nicht nur Songs von Songwriter-Heroen wie Elliott Smith, Sufjan Stevens oder Jeff Buckley, sondern auch etwas unwahrscheinlichere Gassenhauer von Weezer oder Van Halen. Besonders magisch gerät etwa seine Variante des sage und schreibe auch bereits siebzig (!) Jahre jungen Nat King Cole-Klassikers „Nature Boy“ (bei manch einem wird vor allem David Bowies Version vom Soundtrack des 2001 erschienenen Baz Luhrmann-Films „Moulin Rouge“ ein paar Glöckchen zum Klingeln bringen).

Wer jedoch denkt, dass Craig Alan Hughes bei aller Coverei – die bekommen zugegebenermaßen ja viele recht passabel hin – nichts Eigenes zustande bringen würde, der irrt – und sollte schleunigst mal bei Bandcamp vorbei schauen, wo der Newcomer (aktuell knapp 550 Facebook-Likes) derzeit zwei EPs sowie ebenso viele Alben (das jüngste, „Afraga„, erschien 2016) – allesamt als „name your price“ – anbietet.

 

„Craig is a songwriter who lives next to a zoo in Edinburgh, Scotland. Sometimes he gets woken up when the lions roar, but all in all it’s a satisfactory arrangement. His music has been featured on BBC, XFM and has soundtracked television shows on MTV and Showtime…“

 

 

 

„There was a boy
A very strange, enchanted boy
They say he wandered very far
Very far, over land and sea
A little shy and sad of eye
But very wise was he

And then one day
One magic day he passed my way
While we spoke of many things
Fools and Kings
This he said to me:
‚The greatest thing you’ll ever learn
Is just to love and be loved in return…'“

 

Rock and Roll.

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Sunday Listen: Steve Adey – „Do Me A Kindness“


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Richtig gute Coveralben aufzunehmen – diese Idee kann nur allzu leicht nach hinten losgehen, denn sie bietet gleich an zwei Fronten Fallstricke: hält man sich zu nah ans jeweilige Original, so unterstellen einem viele eifrige, zum Gähnen neigende Kritiker mangelnde Kreativität und ein dezentes Defizit an Mut, verfremdet man die Ursprungsversionen jedoch zu sehr, will plötzlich jeder mehr von den „Ausgangstrademarks“ hören. Klare Sache, das: Nicht jedem kann’s so scheinbar leichtfüßig gelingen wie Johnny Cash und Produzentenguru Rick Rubin zu deren „American Recordings“-Zeiten. Man nehme etwa Steve Adeys Album „Do Me A Kindness„…

81l-Z68Oy4L._SX522_Der dritte, 2017 erschienene Langspieler des in Experimenten erprobten Singer/Songwriters aus dem schottischen Edinburgh besteht aus neun Coverversionen und der Adaption eines Gedichts von Hermann Hesse – wahrscheinlich per se schon nicht die Art von Dingen, die den musikalischen Appetit anregen und des Hörers Puls rasen lassen, oder? Bekanntlich sind Alben mit Coverversionen meist eine praktische Veröffentlichungsablenkung, wenn der jeweilige Künstler gerade an einer Schreibblockade leiden mag oder just die Rockstar-Reha verlassen hat (soweit zumindest die Klischees, welche ja auch irgendwoher stammen müssen). Das Ergebnis ist denn meist und im Allgemeinen ein verdammt janusköpfiger Haufen. Umso klüger ist es, sich dieser Art von kreativer Schnapsidee stets mit porzellaner Vorsicht zu nähern (oder es lieber gleich zu lassen).

Insofern mag man Steve Adey bereits von Vornherein hoch anrechnen, dass der gebürtig aus dem englischen Birmingham stammende Musiker bei diesem Album keineswegs die einfachsten Optionen gewählt hat. Keine der Melodien auf  „Do Me A Kindness“ stammt von einem offensichtlichen Karaoke-Bar-Liebling – stattdessen hört man hier Songs, deren Originale aus den Federn von unter anderem Bob Dylan, David Bowie, Morrissey, PJ Harvey, Low, Nick Cave, Portishead oder Smog stammen. Und: sie sind – das lässt sich schnell feststellen – wunderschön aufgenommen. Adeys frühere Karrierestopps als Toningenieur haben sich hier sicherlich als äußerst nützlich erwiesen, als er die (im Gros alle von ihm selbst gespielten) Instrumente und – vor allem – die Stimmen passenderweise in einer Edinburgher Kirche aus dem 19. Jahrhundert aufnahm – eine hervorragende, weise temperierte Kombination aus Klarheit und natürlich klingendem Hall. Deshalb der explizite Tipp: Holt eure besten Kopfhörer dafür raus, Kinners! Aber wenn wir die Produktionslorbeeren hinter uns gelassen haben, was bleibt uns dann noch? Mit drei Worten schon vorweg: eine Menge Trostlosigkeit.

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Denn „Do Me A Kindness“ ist ziemlich harter Gemütstobak. Manch einer mag sogar so weit gehen, Nick Drakes herb-melancholisches „Pink Moon“ dagegen als eine Best-Of-Sammlung der Beach Boys zu bezeichnen. Nach 46 Minuten sich langsam bewegenden Wellen ängstlichen Atemanhaltens (wenn auch wunderschön aufgenommenen Wellen ängstlichen Atemanhaltens…) mag es manch einem Lauschmuschelträger vielleicht schwerfallen, vom heimischen Sofa aufzustehen. So wird etwa Morrisseys „Every Day is Like Sunday„, das schon zu Zeiten seiner Erstveröffentlichung 1988 auf „Viva Hate“ nicht gerade ein fröhlicher Tobsuchtsanfall war, mit dem unerbittlichen Ticken einer Drum-Machine, die stur ihren minimalen Takt beibehält, auf ein einem Begräbnis würdiges Tempo verlangsamt. Adey spielt das Stück des skandalträchtigen Ex-Smiths-Frontmanns ohne große ideenreiche Schnörkel (wohl aber mit gesanglicher Unterstützung von Helena MacGlip), was auch bedeutet, dass der sinistre Humor des Originals hier fehlt und seine Version zu einer Art Doomy Pastiche verkommt. Mary Margaret O’Haras „To Cry About“ gerät da schon etwas gelungener, und die lyrische Düsterheit ergänzt sich wunderbar mit Adeys Arrangement. Nick Caves „God Is In The House“ (vom 2001er Album-Meilenstein „No More Shall We Part“) wiederum fehlt es erneut am sarkastischen Biss des Originals, und Adeys minimale Herangehensweise bewirkt, dass so manche hörerische Aufmerksamkeit spätestens in der Mitte des Stückes vorschnell abwandert. Fast schon flott und fröhlich kommt da die Variante des Dylan-Evergreens „I Want You“ daher – nur gut also, dass einen Portisheads „Over“ oder Lows „Murderer“ – in ihren Ursprungsversionen ohnehin schon deftig-großartige Trauerklöße par excellence – schnell wieder ins Graudunkel des schottischen Kirchenschiffs zurück ziehen. Erst „How Heavy The Days“ mit seinem bei Hermann Hesse entliehenen Text gelingt es kurz vor Schluss so richtig, die elegische Musik mit dem düsteren Tonfall der Worte gut zu verbinden. Stampfende Perkussion, seltsam zwitschernde Klaviaturen und verschlungene, umgekehrte Klänge werden zu einem einnehmenden Ganzen vermengt. Aus den fleißig angeschlagenen Akkorden, die Adeys eindringliche Baritonstimme begleiten, entsteht eine komplexe Klanglandschaft – so hätte gern das komplette Album klingen dürfen. Es ist ein sehr beeindruckendes Stück.

Es fällt schwer, „Do Me A Kindness“ vorschnell als lediglich halbwegs gelungen abzutun, da offensichtlich so viel Liebe und Herzblut in diesem Album steckt. Wenn es gut ist, ist es ziemlich unvergleichlich, aber wenn es nachlässt… nun, ihr wisst schon. Steve Adey hat einige seiner potentiell liebsten Songs (mehr zur Auswahl erfährt man hier) genommen und sich nicht gescheut, jedem Stück ein paar neue Charaktermerkmale zu verleihen. Herausgekommen sind keine blass nachgespielten Faksimiles der Originale, es sind praktisch (beinahe) neue Songs. Aber anhand von so wenig Dynamik oder tonalen Veränderungen über den Langspieler hinweg verschwimmen die meisten Stücke ineinander – was jammerschade ist, denn während der grummelgrauen Dreiviertelstunde gibt es so einige großartige Sachen zu entdecken. Freilich würde niemand auf die Idee kommen, Adey vorzuschlagen, dass sein nächstes Album bitteschön eine Sammlung bayrischer „Uffta! Uffta!“-Polkamelodien enthalten sollte, um denn doch für ein klein wenig mehr gelöste Stimmung zu sorgen, aber der bloße Gedanke daran, ein wenig mehr Licht, Luft und Abwechslung Einzug in seine Musik halten zu lassen, würde Steve Adey sicherlich eine breitere Palette an Emotionalität und Musikalität zur Verfügung stellen. Schließlich würde einem auch jeder bildende Künstler den Tipp geben, dass die Gegenüberstellung von Licht und Schatten die Dunkelheit dunkler und die Lichter heller macht. Ganz sicher: Steve Adey trägt definitiv noch das ein oder andere großartige Album in sich, aber „Do Me A Kindness“ ist – zumindest in Gänze – keines. Das nächste dann? Warten wir’s ab.

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Avishai Cohen’s Big Vicious – „Teardrop“


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Fotos: Ben Palhov / ECM Records

Sie heißen Oded Tzur, Nitai Hershkovits, Omer Klein oder Adam Ben Ezra – Israels Jazzkünstler sorgen, wie man liest, unter distinguierten Musikfreunden derzeit für Höhepunkte und kleinere Jubelstürme bei gutem Wein oder einem Schwenk Whiskey. Auf „Big Vicious„, dem neuen Album des gefeierten Trompeters Avishai Cohen und seiner gleichnamigen Band, ist ausgeklügelter, elektronischer Jazz zu hören, der sich – da hört her! – wohl perfekt als Soundtrack von Ausgangsbeschränkungen und ausgestorbenen Innenstädten eignen würde.

avishai-cohen-big-vicious-208309Fünf Männer auf einer Bühne zeigt das Cover von „Big Vicious“ – versunken, in sich gekehrt, auf das Innere, die Seele hörend. Zwei Schlagzeuger und zwei E-Gitarristen. Vorne steht der bärtige Trompeter, den Kopf gesenkt, das Instrument in seinen Händen funkelt. Dunkel und freundlich ist diese Grafik – in höchstem Maße ebenso nebulös wie mysteriös, aber keineswegs bedrückend. Geschaffen wurde sie von derselben Künstler-Agentur, die sich auch für die Animation des preisgekrönten Dokumentartrickfilms „Waltz With Bashir“ verantwortlich zeichnet.

Als wäre sie schwarz-weiß, vielleicht auch sepiafarben – so klingt diese Musik, an der lange getüftelt wurde, unter anderem mit dem Elektronica-Produzenten Rejoicer aus Tel Aviv (und schließlich mit Produzent Manfred Eicher in den Studios La Buissonne in Südfrankreich). Rejoicer empfahl den Musikern auch, mehr wegzulassen, sich aufs Wesentliche zu beschränken: „Wir haben uns sehr darauf konzentriert, was wir nicht haben wollten. Nicht zu viele Informationen, das war unsere Richtschnur. Nur nicht wieder zuviel von allem Möglichen – das haben wir beim Schreiben und während der Produktion ständig berücksichtigt. Eine überaus bewusste Entscheidung.“

Es ist feiner, elektronischer Jazz, den Avishai Cohen und seine Mitstreiter präsentieren: melancholisch-gebrochene Musik, in der man sich tagträumend einrichten kann. Ob „Big Vicious“ als Soundtrack zur Corona-Krise taugt? Schließlich wurde auch in Israel eine Ausgangssperre verhängt, ist das öffentliche Leben hier ebenfalls nahezu zum Erliegen gekommen. Der Musiker mit Vollbart, Tattoos am Hals und Ringen an den Fingern, der optisch irgendwie anmutet wie der lange verschollene Bruder von US-Folk-Troubadour William Fitzsimmons, nickt. Jetzt gehe es vor allem darum, sagt er, ruhig zu bleiben und abzuwarten. Wer das nicht könne, solle sich selbst hinterfragen.

Das Kunstvolle an diesen elektroakustischen Klanggebilden ist ihre Reduziertheit. Nur ein Sound-Skelett ist zu hören. Dem setzt Trompeter Cohen mit makellosem Ton funkelnde Glanzlichter auf. Bisher kannte man den Musiker als gefeierten Interpreten von Jazz-Standards, also amerikanischer Musik. Cohen wiegelt ab. Er habe immer schon elektronische Musik gemacht, nur kaum etwas davon veröffentlicht: „Amerikanischen Jazz gibt’s im Grunde gar nicht. Jazz ist amerikanisch, weil er da entstanden ist. Natürlich kann man auch in Europa Jazz spielen.“

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Neben einer Variation von Beethovens „Mondscheinsonate“ gibt es wohl kaum Zweifel, welches Stück einen der Höhepunkte des Albums darstellt: es ist die eindrucksvolle Version von „Teardrop„, ein Titel der TripHop-Formation Massive Attack, anno 1998 auf dem Meilenstein „Mezzanine“ erschienen. Die Gruppe aus dem englischen Bristol hatte in den Neunzigerjahren Fusion-Klassiker von Billy Cobham aus den Siebzigern gesampelt, Musik aus den Seventies, als der Jazz erstmals elektronifiziert und futuristisch klang. Mit ihrer „Teardrop“-Interpretation machen Avishai Cohen’s Big Vicious die längst legendären britischen Elektronik-Bastler um Mastermind Robert „3D“ Del Naja zu Wahlverwandten, zu kreativen Geschwistern im Geiste. Der Ansatz erinnert in der Mischung aus Post-Punk-Rock und Groove mit freierer und jazzig komplexer Grundierung ein bisschen an die norwegische Post-Jazz-Fusion-Szene, anderswo an Miles Davis‘ Fusion Jazz der späten Sechziger, machmal funken gar Schlaglichter gen Indie Rock und Pop auf. „Teardrop“ jedoch, bei dem Avishai mit seiner Trompete ganz natürlich die Rolle von Liz Fasers ätherischer Stimme im Original übernimmt, habe Signalcharakter, wie Cohen erläutert: „Ich finde, dieses Stück hat etwas Spezielles. Es öffnet immer unsere Herzen, wenn wir es spielen. Es altert einfach nicht. Wir haben ja schon immer viele Cover-Versionen gespielt, einige kamen, einige flogen raus, einige blieben, aber ‚Teardrop‘ fühlt sich immer frisch an. Es entfacht jedes Mal ein Feuer.“ (Und das meint er, dem unter anderem bereits eine kaum weniger feine Version der Musik gewordenen Radiohead-Dystopie „Pyramid Song“ gelang!)

Mit „Big Vicious“ positioniert sich der Melodiker Cohen gemeinsam mit Uzi Ramirez (Gitarre), Yonatan Albalak (Gitarre, Bass) und den beiden Schlagzeugern Aviv Cohen und Ziv Ravitzsie als primus inter pares in der israelischen Jazz-Szene. Seine Trompete zieht mit kleinen solistischen Ausflügen und Höhenflügen die Melodie in die Tracks, während verschwimmend bearbeite Gitarren und Keyboards, dunkle Bässe und zischelnde Percussion unruhige, zärtliche oder undurchsichtige Atmosphären erschaffen. Und überhaupt feiert die Kunst der Improvisation des nahöstlichen Landes derzeit eine Blüte – so wie es vor einigen Jahren bei norwegischen und skandinavischen JazzkünstlerInnen der Fall war. Das Cover-Artwork von „Big Vicious“ lässt sich auch als Bildnis von fünf Musikern lesen, die gerade ein gelungenes, melodieverliebt-groovendes Stück beendet haben und den Applaus des Publikums erwarten. Ein Augenblick des Glücks, der schon im nächsten Moment wieder vorbei sein mag, in jener Sekunde des Kurzweils jedoch seinen höchst eleganten Gipfel erreicht hat.

 

 

 

Rock and Roll.

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