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Song des Tages: Bright Eyes – „Persona Non Grata“


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Foto: Shawn Brackbill

Gerade in Zeiten, in denen alles ins Wanken gerät und man sich beinahe jeden Tag auf eine völlig neue Situation einstellen muss, ist es tröstlich, ein paar Dinge in seinem Leben zu wissen, die Bestand haben und auf die man sich verlassen kann. Insofern ist jetzt wohl der allerbeste Moment für die Rückkehr von Bright Eyes, die sich zwar schon länger angekündigt hatte, bisher aber noch recht vage war.

Nun allerdings gibt es mit „Persona Non Grata“ ein musikalisches Lebenszeichen von Conor Oberst, Mike Mogis und Nathaniel Walcott – 15 Jahre nach dem unerreichten Meisterwerksdoppelrelease „I’m Wide Awake, It’s Morning“ sowie „Digital Ash In A Digital Urn“ und neun Jahre nach dem letzten Bright Eyes-Album „The People’s Key“. In einer Botschaft der Band, die sie mit dem Song veröffentlichte, heißt es: „Wie so viele andere hatten wir für 2020 große Pläne. Aber komme was wolle, wir werden dieses Jahr ein Album veröffentlichen.“

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Tatsächlich hört sich der Song mit seinem prägnantem Piano, Oberst charakteristisch vor Emphase zitternder Stimme, aber auch der ein oder anderen Neuerung wie Dudelsäcken (!) so an, als wäre die Indierock-Band aus Omaha, Nebraska niemals weg gewesen – zumindest in dieser Hinsicht ist die (Musik)Welt also noch in Ordnung. Ganz sicher ist außerdem, dass, wie bereits erwähnt,  im Laufe des Jahres beim Indie-Label Dead Oceans eine neue LP des Trios erscheinen wird. Eine ganze Reihe von Tourdaten ist ebenfalls angekündigt, aber ob die Konzerte – darunter fünf Auftritte in Deutschland im August diesen Jahres – tatsächlich so wie geplant stattfinden können, steht momentan freilich noch in den Sternen – verrückte, unbeständige Zeiten, ihr wisst schon…

 

 

„Getting dressed for a date
Put on blue aftershave
Wore a kilt like a celt
Hid the weight that I felt

Combat boots, fallen leaves
West Village, Halloween
To a Bollywood song
Taking shots ‚till we’re gone

Unwelcome in the autumn
Persona non grata
I’m the last of the best
I’m your thoughts in the swamp

There’s a playground of children
In the shadows of buildings
There’s a lawn out the church
Where your homelessness works

Where the stained glass of crimson
Meets Ezekiel’s visions
Saw a valley of bones
Where no man shall be saved

And now you
You come to me
Asking that
And now you
You come to me
And you’re asking that
Oh, how can we reconcile?

Left your innocence there
In Tian’anmen Square
You were filled with despair
Underfed and depressed

Make your lot where a prison stood
God knows you never would
Lie to yourself
But you do every time

Made a life of deception
And passive aggression
Gonna scream when I sing
I’m gonna die in the ring

Turn me on, you’re a knockout
Climb up onto my cloud
Do your worst to me now
Before I change my mind

Now you
You wanna be true
To me, once again
And you
Want me to be true
To you, once again

Oh yeah, you
You wanna be true
To me, once again
And you
Want me to be true
To you, once again“

 

Rock and Roll.

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Der Jahresrückblick – Teil 1


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Was für Musik braucht man in einem Jahr wie diesem? Solche, bei der die Halsschlagader wild pocht und der ganze gerechte Zorn auf die Welt ein brodelndes Ventil bekommt. Solche, die einem sanft über den Kopf streicht und einem die Hoffnung einhaucht, dass alles schon besser werden wird – irgendwann, irgendwie. Und auch solche, die einen in ihrer Euphorie einfach gnadenlos mitreißt, und einen – im besten Fall – alles andere – das Gute wie Schlechte – für Momente vergessen lässt. Zwischen diesen drei Fixpunkten ist in meiner Bestenliste der persönlich tollsten Alben des Musikjahres 2019 einmal mehr wenig zu finden, an den Endpunkten dafür umso mehr. Bühne frei und Vorhang auf für ANEWFRIENDs Alben des Jahres!

 

sam fender1.  Sam Fender – Hypersonic Missiles

Knapp zwei Jahre lang hätte Sam Fender auch gut als Spiegel für das musikalische Konsumverhalten der ADHS-geschädigten breiten Masse herhalten können. Wer braucht schon noch Alben, wenn der Künstler des Vertrauens reihenweise Songs raushaut, die sich via Spotify und Co. doch allzu hervorragend in die persönliche Playlist integrieren lassen? Anders hier: Die elf zwischen 2017 und dem Erscheinungstag von „Hypersonic Missiles“ im September diesen Jahres veröffentlichten Stücke (von denen sich schlussendlich nicht einmal alle auf dem Album wiederfinden) waren vielmehr ein wahres Appetizer-Festival und so etwas wie die Deluxe Edition eines erwartungsfreudigen Spannungsbogens. Parallel zur Release-Strategie ließ sich eine immens wachsende Fanschar ausmachen, die den Newcomer im Londoner Hyde Park auf dieselbe Bühne mit Größen wie Bob Dylan oder Neil Young spülte. Was summa summarum nach Hype müffelt, mag wohlmöglich auch einer sein. Aber wenn, dann ist es im doch recht schnelllebigen Pop-Rock-Bizz einer berechtigtsten der vergangenen Jahre. Potential? En masse vorhanden.

Oder reiten Sam Fender und seine Band doch vielmehr auf der Retro-Welle? Schließlich reichen schon ein paar Töne zu Beginn des Albums, um Fenders Vorliebe für Bruce Springsteen als fast schon schamlos direkte, ehrwürdig inszenierte Verbeugung im Soundbild zu identifizieren. Die Saxophon-Soli im eröffnenden Titelstück und in „You’re Not The Only One“ fungieren als unverhüllte Hommage an den großen Clarence „Big Man“ Clemons – bis zu seinem Tod 2011 jahrzehntelang Springsteens wohl wichtigstes Puzzle-Stück in der berühmt-berüchtigten E Street Band – und sind gerade im Dialog mit dem Glockenspiel und der leicht zeternden E-Gitarre ein untrügliches Zeichen für expliziten Boss-Content. Der straighte Beat mit Achtziger-Touch in „The Borders“ und die Geschichte über unglückliche, zerrüttete und zerrissene Familien lassen sich als eine klangliche Addition zu Evergreens wie „Dancing In The Dark“, „Bobby Jean“ oder „No Surrender“ hören, während die Gedanken spätestens im ausgedehnten Outro (und vor allem der stellenweise doch recht flächigen Produktion wegen) zu The War On Drugs‘ „A Deeper Understanding“ wandern. Der feine, dezent hibbelige Unter-drei-Minuten-Ohrwurm “Will We Talk?“ hingegen könnte auch unter den Bannern New Jersey meets Newcastle oder Springsteen meets The Strokes‘ „Last Nite“ stehen – eine Wiederaufführung des altbekannten Dramas der verlorenen Jugend, jedoch eine mit neuer Dringlichkeit.

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Fest steht, erfreulicherweise: Samuel Thomas Fender hält dem Erwartungsdruck über den ersten (Ohren-)Eindruck hinaus problemlos Stand. Er ist nicht nur ein (weiterer) bleichgesichtiger Justin-Bieber-Lookalike-Hansel mit Gitarre, dem von irgendwelchen findigen PR-Managern ein leidlich interessanter Lebenslauf samt veritablen Referenzpunkten angedichtet wurde. Live ohnehin nicht. Wie er mit seinen Band-Lads agiert, unachtsam-juvenil die eigenen Stimmbänder strapaziert und sich am Ende verdutzt fragt, warum sich plötzlich so viele Menschen für einen 25-Jährigen aus North Shields im Nordosten Englands interessieren, der sich – ganz englisches Klischee – bis vor Kurzem noch mit dem Zapfen von Pints hinter dem lokalen Pub-Tresen über Wasser hielt, das besitzt schon ein gewisses Maß an unaufgesetztem Charme. Die Live-Version von „Use“ (oder eben zig im reduzierten Ambiente aufgenommene Live Sessions bei YouTube und Co.) dient insofern als Beleg, dass Sam Fender, lediglich vom Keyboard oder seiner E-Gitarre begleitet, durchaus in der Lage ist, dem Hörer auf beeindruckende Weise Volumen und Bandbreite seiner Stimmbänder um die Ohren zu pfeffern.

Ebenso erfreulich: Bei genauerem Hinhören überzeugt der junge Brite auch textlich. So hält er schlagenden Vätern und tablettenabhängigen Müttern ebenso den trüben Alltagsgrau-Spiegel vor wie der Masse von traditionell zum nächstbesten Absturz wankenden Binge-Trinkern („Saturday“). Das sinistre „Play God“ zeichnet autokratische Allmachtsfantasien, und seine ungefilterten Wahrnehmungen im beatlosen „White Privilege“ reichen von einer zur Kleingeistigkeit verdammten Generation über digitales Meinungszerfleischen bis hin zu den “old cunts“, die gemeinsam mit ihrer Upper-Class-Mischpoke und einer Horde aus tumben „Yes!“-Brüllern den Brexit (und dessen Chaos) verbockt haben: „The patriarchy is real, the proof is here in my song / I’ll sit and mansplain every detail of the things it does wrong / ‚Cause I’m a white male, full of shame / My ancestry is evil and their evil is still not gone“. Als zackiger Hit verpackt, thematisiert Fender zu treibenden Gitarren in „Dead Boys“ (welches bereits der 2018er Debüt-EP ihren Titel gab) die Ignoranz gegenüber der hohen Selbstmordrate junger Männer in seiner Heimat. Er, der selbst Freunde durch Suizid verlor, führt in der Herleitung mit „toxic masculinity“ einen Begriff aus der Soziologie an, dem er bereits im vergangenen Jahr auf „Friday Fighting“ Beachtung schenkte: „We close our eyes, learn our pain / Nobody ever could explain / All the dead boys in our hometown“. Fazit? In Indierock eingelegte Gänsehaut.

Sam Fender ist weder Problemlöser noch Analytiker, sondern aufgewühlter Beobachter und Zeichner von Verzweiflung. Irgendwo zwischen Herz, Hirn, Seele und Arschtritt treffen zwischenmenschliche Geflechte und Pub-Talk auf geo-, sozio- und gesellschaftspolitische Themenkomplexe. So wohnt dem Namenspatron der Platte, „Hypersonic Missiles“, ein morbider Zauber inne. Während die Welt unter Raketenbeschuss zugrunde geht, blüht die Beziehung zweier Liebender auf. Fender selbst bezeichnet das Stück als eine verkappte Liebesgeschichte: „This world is gonna end but ‚til then I give you everything I have“ – ein Boss-Move galore (ebenso übrigens wie die augenzwinkernde Behauptung des 2019er Senkrechtstarters, mit seinem Langspiel-Debüt so etwas wie „eine Emo-Version von ‚Darkness On The Edge Of Town‘“ im Sinn gehabt zu haben). Nach den rauschhaften Rocknummern und einem dicken Paket an Hits versteckt der Mittzwanziger zum Ende des Debüts in „Leave Fast“ einmal mehr eine seiner springsteen’schen Fluchtpunktperspektiven. Hieß es anno dazumal beim US-Vorbild noch „We gotta get out while we’re young“ oder „It’s a death trap, it’s a suicide rap“, singt Sam Fender nun mit Blick auf seine politisch vernachlässigte Kleinstadt und Heimat „Leave fast or stay forever“. Entkontextualisiert bitte letzteres. Denn obgleich Sam Fender – zum Glück – kein Kaschemmen bespielender Geheimtipp mehr sein mag, so ist der Brite doch ein gern angenommenes Geschenk. File under: Die Frontmänner von The Gaslight Anthem und The Killers treffen sich im englischen Pub zum schwarzhumorigen Springsteen-Tribute-Abend. Rein zufällig würde man Sam Fender denn noch genau zwischen ebenjene Brian Fallon und Brandon Flowers ins Albumregal einsortieren… Aber an Zufälle glaube ich sowieso nicht. Von daher: (m)ein verdientes Album des Jahres.

 

 

thees uhlmann2.  Thees Uhlmann – Junkies und Scientologen

Die Schönheit der Chance: Thees Uhlmann musste erst seine Begleitband neu durchmischen, musste erst ein missglücktes Album in die Studiotonne werfen, damit ihm „Junkies und Scientologen“ gelingen konnte – und das ist mit seinem Töne gewordenen Lebenshunger und Optimismus, mit seinem Füllhorn an verschmitzten popkulturellen Anspielungen eine der zweifellos wichtigsten (deutschsprachigen) Platten des Jahres. Klingt 2019 sonst – und selbst beim Radiopop von Abwegig-Popsternchen Billie Eilish („bad guy“) – allzu oft hülsenreich bedeutungsgeschwängert, ernst und schwer, so geht „Uhlo“ auf seinem dritten Solo-Album, auf das seine Fans geschlagene sechs Jahre warten mussten, viele Dinge wieder etwas anders an, bringt – nach dem tollen Einstieg „Fünf Jahre nicht gesungen“ – schon in den ersten vier Stücken drei popkulturell gefärbte Liebeserklärungen – und sprechsingt in bekannt-unnachahmlicher Manier in „Danke für die Angst“, „Avicii“ und „Was wird aus Hannover“ nicht nur über den (ohnehin gerade oft Tribut gezollten) Horror-Kultautor Stephen King, den im vergangenen Jahr jung verstorbenen schwedischen Pop-DJ und die niedersächsische Landeshauptstadt (als Metapher für bundesdeutsche Verdienstrocker wie die Scorpions), sondern das Leben an sich als stetig buntes Wunder (der kaum weniger tolle, gleichsam sympathische Gisbert zu Knyphausen brachte es vor ein paar Monden mit der Zeile „Die Welt ist grässlich und wunderschön“ auf ebenso treffliche Weise auf den Punkt) Ob in Dur oder in Moll, in melancholischen Balladen oder enthusiastischem Indierock, ob in der Spingsteen’esken Musik-Lobpreisung „100.000 Songs“ oder dem stillen Nachruf „Menschen ohne Angst wissen nicht, wie man singt“: Überall blickt Uhlmann mit so viel Wärme und Mitgefühl auf das Leben, schüttelt locker, beschwingt, federleicht und selbstsicher die Hits und Punchlines aus den Ärmeln seines GHvC-Longsleeves, dass sich am Ende jede noch so gedehnte Silbe und jeder hemdsärmelig-ehrlich zurechtgebogene Reim absolut richtig, absolut gelungen anfühlt. Zumal „Junkies und Scientologen“ zwar von der erhabenen Alltagsphilosophie des Musikers, der 2015 mit „Sophia, der Tod und ich“ auch unter die Romanautoren ging, lebt, dazwischen aber immer wieder klare Haltung aufblitzt: die Leadsingle, das sechsminütige Titelstück oder das im Grunde doch recht alberne „Katy Grayson Perry“ lassen in nur wenigen Worten durchblicken, was von Nationalismus und Misogynie zu halten ist – ein Mittelfinger mit Herz(chen). So ist „Junkies und Scientologen“ nicht nur Uhlmanns bisher gelungenster Alleingang (der obendrein in der erweiterten Version noch mit feinen Coverversionen von Künstlerinnen wie Sophie Hunger oder Judith Holofernes punktet), sondern irgendwie auch wie ein Kneipenabend mit einem alten Freund: Danach mag zwar noch immer derselbe nasskalte Herbstregen auf einen hinab prasseln, aber die Welt, sie fühlt sich ein kitzekleines Stückchen sonniger und heiler an.

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better oblivion community center3.  Better Oblivion Community Center – Better Oblivion Community Center

Sollte heutzutage noch jemand Liebeskummer haben oder an gepflegten Selbstzweifeln laborieren, so sind Conor Obersts Bright-Eyes-Veröffentlichungen von „Letting off the Happiness“ bis mindestens „Cassadaga“ nach wie vor eine gute Soundtrack-Adresse. Doch die Zeiten sind komplizierter geworden, und auch Oberst selbst, mittlerweile eigentlich teenage angst-ferne 39 Lenze alt, strauchelte in den letzten Jahren mit mal feinen, mal jedoch auch mittelmäßigen Soloalben oder recht altbacken dadrockenden Americana-Projekten – auch wenn jüngst mit der zusammenhängenden Doppel-Veröffentlichung von „Ruminations“ und „Salutations“ die Alt.Country-meets-Indiefolk-Formkurve wieder nach oben zeigte (ersteres war anno 2016 gar ANEWFRIENDs „Album des Jahres“). 

Nun hat das „Wunderkind mit Reifegrad“ ausgerechnet in der 25-jährigen Songwriterin Phoebe Bridgers (s)eine gleichgesinnte Seele und Duettpartnerin gefunden – ebenjene Phoebe Bridgers, auf deren herausragendem Debüt-Longplayer „Stranger In The Alps“ er bereits bei der einsamen Nummer „Would You Rather“ zu hören war und die zuletzt mit dem boygenius-Projekt an der Seite von Lucy Dacus und Julien Baker überzeugen konnte. Gemeinsam stecken die beiden unter dem nebulös-vielsagenden Banner Better Oblivion Community Center das Feld zwischen Emo-Folk und Indierock neu ab, und anstatt wieder einmal die Mundharmonika hervor zu kramen, setzen sie bei „Exception To The Rule“ auch mal Synthies ein oder verschleppen bei „Sleepwalkin’“ die Gitarrenakkorde. Während Oberst hier an alte Glanzleistungen anknüpfen kann, ist es Bridgers, die mit einer ganz neuen Wandelbarkeit begeistert. In „Big Black Heart“ schreit sie sich das titelgebende schwarze Herz aus dem Leib. Im Kontrast dazu steht der Opener „Didn‘t Know What I Was In For“, in dem sie so einsam und verlassen wie der letzte Mensch auf der Welt klingt. Bei der durchaus fuzzig-hittigen Single „Dylan Thomas“ ist dann auch noch Yeah Yeah Yeahs-Saitenmann Nick Zinner an der Gitarre dabei, und selbst wenn die Ballade „Chesapeake“, welche Phoebe Bridgers als zarte Duett-Partnerin zeigt, die sich mit ätherischen Harmonien wie eine beruhigende Warmfläsche an Conor Obersts nervöse Stimme anschmiegt, nach dem ein oder anderen Tränchen verlangt und sich die Texte immer wieder in der Beschissenheit der Gegenwart verfangen, haben die beiden doch auch kleine Auszeiten eingebaut. Ganz zum Schluss heißt es in „Dominos“ sogar „If you’re not feeling ready, there’s always tomorrow“. Ergibt schon Sinn, dass Oberst und Bridgers ihr Bandprojekt Better Oblivion Community Center nennen und es zur Hauruck-Veröffentlichung im Januar gar mit mit einer fingierten Infobroschüre samt Hotlinenummer bewarben. Dieses Update schadet der alten Bright-Eyes-Sammlung auf keinen Fall, und der (beileibe nicht unkritische) olle Conor-Oberst-Ultra in mir jubiliert ohnehin einmal mehr.

 

 

steiner & madlaina4.  Steiner & Madlaina – Cheers

Schon bemerkenswert, was Nora Steiner und Madlaina Pollina, jüngere Schwester von Julian „Faber“ Pollina, da auf ihrem gemeinsamen Album „Cheers“ auf die Schweizer Beine stellen. Und selbst, wenn der scheinbar mühelos zwischen Stimmungen und Genres changierende Zehnerpack an Songs bereits 2018 erschien, so bleibt unterm Strich eines meiner liebsten (Herbst)Alben des Musikjahres. Hört, hört!

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greet death5.  Greet Death – New Hell

Wie ich vor einigen Wochen schrob: „Obwohl ‚New Hell‘, Great Deaths so unerwartet wie unverhofft grandios mit schwerem Herzen daher rockender zweiter Albumstreich, stellenweise recht introspektiv und keineswegs leichter Tobak ist, wurde schöner länger nicht mehr in aschfahl schimmernden Herbstdepressionsgewässern gebadet. Sollte man gehört haben!“

Stimmt natürlich immer noch. Dieses Ungeheuer von Album kam krachend durch die Tür, hat mich in seine Krallen genommen und bis jetzt nicht wirklich losgelassen. Greet Death, die Band dahinter, rückt aber auch jeden Knopf, der mich potentiell anmachen könnte: Emo, Indie Rock, Shoegaze, Post Rock – und dann alles einfach mal in einen Topf voll mit tiefstem Schwarz getaucht. Denn viel Sonne? Kommt hier nicht durch. Am meisten beeindruckt dabei die Wandlungsfähigkeit: Vom schweren Opener „Circles Of Hell“ (puh) zur leisen Folk-Ballade „Let It Die“ (uff) bis hin zum Fast-Popsong „Do You Feel Nothing?“ (verdammt) und dem übergroßen „You’re Gonna Hate What You’ve Done“ (jeez). Dauerschleife seit Release, mit Tendenz zum Grower über alle Maßen. Und belegt daher, als Album, in das man sich Hals über Kopfhörer fallen lassen kann, als überraschender Späteinsteiger einen verdienten vorderen Platz in den Langspieler-Bestenliste. Geheimtipp des Jahres.

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tool6.  Tool – Fear Inoculum

Die unmögliche Platte. Der BER würde früher fertiggestellt sein als dieses eine Album, hieß es. Axl Rose wäre bereits neidisch, hieß es. Dreizehn Jahre nach „10,000 Days“, als wirklich niemand mehr tatsächlich daran glaubte, gaben uns Tool: den Rest, das Maximum, die neuste, die eventuell endgültige Selbstverortung. Und das Album, das sich langfristig vielleicht nicht als ihr bestes, dafür jedoch als jenes mit dem größten Tool-Trademark-Faktor erweisen wird – ihre Visitenkarte ab sofort, wenn man so mag. 

Nach allem, was zum fünften Album der zweifellos wichtigsten Band des Alternative Metal geschrieben wurde – nicht zuletzt in all den Jahren bevor „Fear Inoculum“ tatsächlich erschien -, sucht man instinktiv nach einem der weniger ausgelatschten Pfade, um sich den fast 90 Minuten zu nähern. Zum einen holt einen das Album genau da ab, wo Tool 2006 den letzten Ton auf Band gespielt hatten. Ein klares Soundkonzept, so archaisch und selbstbestimmt wie in den ersten Momenten von „Sober“ oder den letzten von „Rosetta Stoned“, ohne aufgeblasene Production Values und übermäßige technische Kosmetik. Alles, wirklich alles auf „Fear Inoculum“ ist Handwerk, so bestechend, dass einem die kleinen Ungenauigkeiten, die diese Band nie durch Quantisierung glattbügeln würde, die Haare zu Berge stehen lassen. Das vielschichtige Schlagzeugspiel, die mittenlastige Gitarre, der wuchtige Bass: Das, was den Sound von Tool so ikonisch, so unverwechselbar macht, ist seine Konsequenz. Leicht haben es sich Danny Carey, Adam Jones und Justin Chancellor dabei nicht gemacht. Die sorgfältig gebauten Prog-Spannungsbögen, die sie ihrem Sänger zu Füßen legen, nimmt Maynard James Keenan mit bis dato ungehörter Disziplin und Eleganz auf (wenngleich sich der oberflächlich kreative Anteil des seit eh und je enigmatischen Frontmanns auf den neusten Stücken etwas geringer als noch auf früheren Werken gestaltet). 

Klar: Eine Band, die in 29 Jahren gerade einmal fünf Alben veröffentlicht, aber trotz alledem als eine der relevantesten Metal-Bands des Universums und als lebendes Gesamtkunstwerk gefeiert wird, sklavisch verehrt wird von (s)einer Heerschar von Die-Hard-Fans, die sich auch exorbitante Preise für die audiovisuellen Leckerbissen eines Tool-Artworks vom Munde absparen, konnte mit „Fear Inoculum“ musikalisch nicht wirklich etwas falsch machen. Allen Unkenrufen zum Trotz ist das Album trotzdem genau das monströse Meisterwerk geworden, das man sich gewünscht hat. Und ebenjenes wird wohl mindestens 10.000 Durchgänge benötigen, um es im Ansatz zu begreifen…

 

 

amanda palmer7.  Amanda Palmer – There Will Be No Intermission

Um gar nicht erst den Anschein von Mansplaining zu erwecken – niemand mit Y-Chromosom kann einschätzen, was sich wie für eine Frau ändert, wenn sie Mutter wird. Im Falle von Amanda Palmer ermöglicht ihr drittes Soloalbum (das erste seit 2012, obwohl die Ex-Dresden-Dolls-Frontfrau andererseits keine wirkliche Kreativpause kennt) aber zumindest eine vage Vermutung.

Dass Palmer auf „There Will Be No Intermission“ über Themen wie Fehlgeburten, Abtreibungen und den Verlust von Freunden an das alte Arschloch Krebs auch aus eigenen Erfahrungen berichtet, sollte die wenigsten Fans und treuen Patreon-Unterstützer schockieren. Schließlich gehört sie zu jenen Künstlerinnen, die aus ihrem Privatleben und ihren innersten Gedanken nie einen Hehl machten, wie Unmengen von Tweets, Blog-Einträgen und Video-Tagebüchern ebenso zeigen wie das reine Ausmaß der oft autobiographischen Geschichten, die auf diesem nicht eben einfach zu hörendem Werk erzählt werden: Mehrere dieser epischen Diskurs- und Klagelieder knacken (fast) die Zehn-Minuten-Marke, einige davon sind recht monoton und karg mit Ukulele instrumentiert, als könnte der Drang, zu erzählen, kein großes Brimborium und keine ausgefeilten Songwritingprozesse abwarten.

So ist „Drowning In The Sound“ einer ebenjener liebgewonnenen Amanda-Palmer-Standards mit Stakkatoklavier und dramatischer Phrasierung, „The Thing About Things“ wiederholt das gleiche Prinzip an der Ukulele, bevor sich der Song zur Hymne aufbäumt. Ihre teils fast schon zynische Leichtfüßigkeit kann Palmer dennoch nicht ganz einbüßen: In „A Mother’s Confession“ lässt sie einen ganzen Frauenchor schmettern, dass trotz aller Probleme und Fehlerchen immerhin das Baby noch nicht tot sei; die Angst vor der Unberechenbarkeit des Lebens mit einer Zeile wie „Suicide, homicide, genocide – that’s a fuckton of -cides to choose from“ auszudrücken, würde auch nicht jeder einfallen – doch auch deshalb wird die 43-jährige Herzblut-und-Herz-auf-der-Zunge-Indie-Musikerin von ihrer Hörerschaft mit Haut und Haar geliebt. Im Gegensatz zu (insbesondere) den frühen Dresden-Dolls-Werken geschieht dies jedoch immer öfter in einem gemächlichen Dreivierteltakt und – bis auf Zoe Keatings Cello in „Bigger On The Inside“ – mit Fokus auf dem Piano (oder eben der Ukulele).

Mit dem Stream-of-consciousness-Mammutwerk „There Will Be No Intermission“ festigt Amanda Palmer endgültig ihre Stellung als Grande Dame in ihrem Genre (welches das auch immer sein mag). Nur der Albumtitel „There Will Be No Intermission“ stimmt hinsichtlich der vielen kleinen filmsoundtrackhaften Interludes, die Melodiefragmente oder Textzeilen der Songs aufgreifen, wohl nicht ganz. Mit diesen reizt die Platte die klassisch-altmodischen 80 Minuten Speicherkapazität einer CD fast komplett aus – und das, ohne – fernab von Easy Listening – an irgendeiner Stelle je zu langweilen.

 

 

last train8.  Last Train – The Big Picture

Hört man die Songs von Last Trains zweitem Album „The Big Picture“, so würde man diese durchaus rauschhaft-wilde, im besten Sinne gleichsam jung wie befreit aufspielende Rock-Orgie leichtfertig irgendwo zwischen San Francisco, Seattle, Manchester, Chicago und Down Under verorten, jedoch kaum in einer 100.000-Einwohner-Stadt im Elsass. Auch (und gerade!) deshalb ist das erstaunlich junge Quartett Frankreichs formidabelste Rockband des Musikjahres. Pas de discussion, sans doute!

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faber9.  Faber – I Fucking Love My Life

Im Jahr 2017 veröffentlichte der Schweizer Faber mit „Sei ein Faber im Wind“ sein Debüt, das Polka und Blechbläser mit kontroversem, bissigem Songwriting verband (und absolut zurecht ANEWFRIENDs „Album des Jahres“ wurde). Die einen lobten Julian Pollina in den Himmel, andere sahen in ihm nur einen Provokateur, der es verstand, seine Musik ins Scheinwerferlicht zu rücken (und überhörten somit dessen kluges Zerrspiel mit anderen Identitäten).

Zwei Jahre später liefert Faber nun den mit Spannung erwarteten und in Gänze deutlich reiferen, experimentelleren Nachfolger „I Fucking Love My Life“. Dort wettert er zwar immer noch am liebsten gegen die Millennials, Social Media und den Abstieg ins Spießbürgertum, aber die musikalische Untermalung kommt um einiges vielseitiger ums Eck: teils nur mit Akustischer („Ihr habt meinen Segen„), dann wieder mit größenwahnsinnigem Nölen, Streichern und Piano erforscht Faber die eigene Bandbreite und die seiner Band. Lange im Kopf bleiben Zeilen wie „Ich hab‘ mehr Highlights im Gesicht als im Leben“ oder auch „Ich würd‘ gerne Immobilienhaie fischen aus dem Zürichsee mit dir“ (und freilich die Kontroverse um den Vorab-Song „Das Boot ist voll„). Das Albumcover zeigt ihn im Stile eines Paparazzi-Schnappschusses im Morgenmantel mit Goldkettchen und Kippenschachtel – Großkotzigkeit, Mummenschanz und Ironie gehen bei Julian „Faber“ Pollina auch 2019 Hand in Hand.

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future teens10.  Future Teens – Breakup Season

„Breakup Season“ macht in der Tat auch all jenen mächtig Laune, die ihren Alltag längst jenseits der herzschmerzenden Zwanziger verbringen. „Bummer Pop“ nennen Future Teens, das aus Boston, Massachusetts stammende Viergespann, das Ganze dann. Und liefern mit den zehn Songs ihres zweiten Albums den wohl schönsten, himmelhoch heulenden Herzensbrecher-Indierock in der Tradition von Klassikern wie etwa Weezers „Pinkerton“, den man in diesem Herbst finden konnte. It’s breakup season, y’all!

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…und auf den weiteren Plätzen:

Various Artists – Tiny Changes: A Celebration of Frightened Rabbit’s ‚The Midnight Organ Fight‘ mehr…

BRUTUS – Nest mehr…

La Dispute – Panorama

The National – I Am Easy To Find mehr…

Enno Bunger – Was berührt, das bleibt. mehr…

Noah Gundersen – Lover mehr…

Frank Turner – No Man’s Land mehr…

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Christian Lee Hutson – „Northsiders“


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Erinnert mich an Elliott Smith. – Es gibt wohl kaum ein größeres Kompliment, das ich spontan verteilen könnte…

In der Tat gibt es jedoch im Fall von Christian Lee Hutson gleich mehrere weitere Überschneidungen, die den 28-jährigen Singer/Songwriter aus Los Angeles nun – glücklicherweise – in meine Playlist gespült haben: Zum einen war dieser unlängst mit Phoebe Bridgers und Conor Oberst und deren gemeinsamen Band-Projekt Better Community Oblivion Center auf Tour, spielte im Vorprogramm und als Gitarren-Sidekick – wie man hörte – eine recht solide Rolle. Zum anderen arbeitete Hutson mit Phoebe Bridgers als Co-Songwriter nicht nur an deren Song-Beiträgen zum – an dieser Stelle wärmstens ans Hörerherz gelegenen, da großartigen – Better Community Oblivion Center-Albumdebüt, sondern auch an Stücken, die die 24-jährige Indie-Senkrechtstarterin unlängst zur All-Female-Mini-Supergroup boygenius (schließlich zählen zu der noch Julien Baker und Lucy Dacus) beitrug.

northsidersUnd so ist es kaum verwunderlich, dass sich Bridgers bei Christian Lee Hutson revanchierte und ihrerseits mit „Northsiders“ ein Stück ihres Kreativpartners produzierte. Die simpel gehaltene Akustikgitarre-meets-Streicher-Ballade, welche der erste Vorbote eines neuen Albums (dem ersten seit „Yeah Okay, I Know“ von 2014) sein soll und an dessen Fertigstellung auch Nathaniel Walcott (Bright Eyes) beteiligt war, ist ein wunderschönes Lamento an unbeschwerte Jugendtage, als alles noch einfach erschien, die Tage und Nächte endlos und alle Wege offen. Im Text blitzen dabei immer wieder Erinnerungsfetzen an ebenjene Zeit auf, bevor alles (s)ein jähes Ende findet: „I read an article about the accident / Probably reaching for cigarettes / And missed the brake lights up ahead / I hope it was an instant death / Sometimes I imagine us way down the line / Getting fat somewhere in the countryside / It’s crazy how things shake out sometimes / But maybe that’s enough magic for me / Nothing’s going to change it now.“

Man darf durchaus gespannt sein, ob sich auf Christian Lee Hutsons mit prominenter Beteiligung entstandenen kommendem Solo-Album mehr Stücke dieser Smith’schen Güteklasse wiederfinden werden…

 

“‘Northsiders’ is sort of a collage of memories I have of several different friends from high school. I think it’s about the friendships you develop that make you feel seen and understood at that time in your life where you feel invisible and misunderstood.”

(Christian Lee Hutson)

 

 

„I was new in town, kinda goth
I met you in the science quad
You asked if I had any pot
We’re going up to Mikey’s spot

Covering important ground
I tried cocaine in my cousin’s house
‚Yeah, I’m probably addicted now‘
The things that children lie about

I didn’t notice it was getting late
You offered me a place to stay
You live up in the palisades
You tell your folks you ran away
Besides, you’re a Northsider now

Nothing’s going to change it, pal

We were so pretentious then
Didn’t trust the government
Said that we were communists
And thought that we invented it

Morrissey apologists
Amateur psychologists
Serial monogamists
We went to different colleges

But you said that we would always be
Branches on the same old tree
Reaching away from each other for eternity
And you know I can’t argue with that

Nothing’s going to change it now

We could have had one last hurrah
When I was working in the smoothie shop
But I couldn’t get the weekend off
She told me I was getting soft

I read an article about the accident
Probably reaching for cigarettes
And missed the brake lights up ahead
I hope it was an instant death

Sometimes I imagine us way down the line
Getting fat somewhere in the countryside
It’s crazy how things shake out sometimes
But maybe that’s enough magic for me

Nothing’s going to change it now“

 

Rock and Roll.

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Songs des Tages: Conor Oberst – „No One Changes“ / „The Rockaways“


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Überraschungen ohne größere Ankündigung (*andenkopfklatsch* Sonst wären’s ja keine!) sind meist die besten, oder? Etwa im Falle von Conor Oberst: Nach „LAX„, einem Soundtrackbeitrag zur neusten Nick-Honby-Romanverfilmung „Juliet, Naked“ (mit Ethan Hawke und Rose Byrne in den Hauptrollen), entlässt der in den letzten Jahren zumeist solo agierende Bright-Eyes- und Desaparecidos-Frontmann die neue Doppel-A-Seiten-Single aus den Stücken „No One Changes“ und „The Rockaways“ in die Musikwelt (zunächst digital via Bandcamp und Co., im Februar 2019 sollen beide auf Vinyl erscheinen)…

Natürlich dürften beide Songs geübten Oberstinatos, die in den letzten Jahren das ein oder andere Konzert des 38-jährigen US-Musikers besucht haben, durchaus bekannt vorkommen. Und auch dem Rest sollte das grundlegend singer/songwriterische Soundgerüst nicht ganz fremd sein, lehnen sich doch beide Stücke sowohl stimmungsmäßig als auch klanglich an das ruhige, nicht selten bewegende 2016er Solo-Album „Ruminations“ (seinerzeit – und auch heute noch völlig zurecht – „Album des Jahres“ von ANEWFRIEND) an: zu „No One Changes“ begleitet sich Conor Oberst lediglich solo am Piano, bei „The Rockaways“ bekommt er – am Keyboard – Unterstützung von Bright-Eyes-Bandmate Nathaniel Walcott. Wenn es nach mir ginge, dürften baldestmöglich gern noch so einiger mehr Songs dieser Größenordnung folgen…

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Phoebe Bridgers – „Funeral“


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„Gäbe es die Serie ‚Scrubs‘ noch, würden die Produzenten zu ‚Funeral‘ greifen, um eine traurige Szene zu untermalen, wie einst ‚Winter‘ von Joshua Radin.“

Oha. Das, was der „Musikexpress“ da mit wenigen Worten ins digitale Musikdickicht wirft, setzt doch schon so einige Assoziationen, oder?

Übrigens genauso wie die Liste der Förderer und Bewunderer von Phoebe Bridgers: So veröffentlichte kein Geringerer als Ryan Adams 2015 die ersten Songs der aus Los Angeles stammenden Musikerin auf seinem Label Pax Am Records, während das ewige Folk-Wunderkind Conor Oberst Bridgers bei einem der Songs ihres heute erscheinenden Debütalbums „Stranger In The Alps“ unterstützt und die ebenfalls gerade allerorten gefeierte Sadcore-Singer/Songwriterin Julien Baker zu ihren Best Buddies zählt (und sie im vergangenen Jahr als Support Act mit auf Tour nahm). Den Initialkick für ihre Karriere bekam Phoebe Bridgers, die die Los Angeles County High School for the Arts an der California State University besuchte, jedoch wohl 2014, als Apple sie in einem iPhone-Werbespot den Pixies-Evergreen „Gigantic“ spielen ließ. Die Webseite des neuen Indie-Folk-Sternchens lässt, der URL wegen, eine dezente Bewunderung für Amanda Palmer vermuten und informiert gleich auf der Titelseite darüber, dass Bridgers in den kommenden Wochen und Monaten Bands und Künstler wie Conor Oberst, Noah Gundersen, The War On Drugs oder Japanese Breakfast auf Tournee begleiten wird.

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Soviel zum Namedropping. Doch wie tönt die 22-jährige Musikerin nun? Nun, die einen basteln sich ein galantes „Elliott Smith meets Gillian Welch“ zurecht, der sowieso nie um einen verschrobenen Superlativ verlegene Ryan Adams sprach von ihr gar als „neuen Bob Dylan“ (was ja nun auf so vielen Ebenen keinerlei Sinn ergibt). Vielmehr bieten die Songs von „Stranger In The Alps“ allerlei Folksongs, die mal introspektiv flüstern (das feine „Smoke Signals“ mit Zeilen wie „And you must have been looking your me / Sending smoke signals / Pelicans circling / Burning trash out on the beach“), mal urban schillern, um dann in der Ferne Fleetwood Mac zu grüßen („Motion Sickness„). Irgendwo erklingt, wie in „Funeral“, eine jenseitige Fiddle, während im bereits 2015 erschienenen „Killer“ Pianomelodien zirkulieren oder sich Bridgers anderswo eine Gitarrenlinie von Heliumstimmen-Waldschrat Justin „Bon Iver“ Vernon besorgt und davon singt, dass sie nicht mehr stoned, nicht mehr allein sein mag (man höre -sic!- „Demi Moore“). Und wäre all das nicht genug, wagt sich die Newcomerin zum Albumabschluss noch an einen der größten Textmeister unserer Zeit heran und nimmt sich – zum Glück erfolgreich – den Mark-Kozelek-Song „You Missed My Heart“ zur Brust.

Und trotzdem wird es mit den Stücken von „Stranger In The Alps“ nicht zum ganz großen Wurf reichen. Das Problem dürfte sein, dass Bridgers, die mit ihrer blonden Mähne aussieht wie die kleine Schwester von Neunziger-Jahre-Riot-Rock-Heldinnen wie Liz Phair oder Folk-Professorinnen wie Aimee Mann, zwar ausreichend Schwermut in den Kofferraum ihres verranzten US-Oldtimers geladen hat (immer dieses Kopfkino!), es all das Indie-Folk-Drama und die schönen Zeilen jedoch in den schnelllebigen Zeiten von Facebook, Twitter, Instagram und Co. schwer haben werden. Dafür fließt das Album einfach zu antiquiert, zu durchschnittlich durch die Gehörgänge. Schlimm ist das aber keineswegs, denn wenn alles nach Plan läuft, dürfte man Bridgers‘ Stücke noch als spezielle Hintergrunduntermalung in so einigen TV-Serien wiederhören…

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Daphne Lee Martin – „Lover I Don’t Have To Love“


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Vor beinahe 15 Jahren machte ein Song namens „Lover I Don’t Have To Love“ einen damals – mit 22 Jahren – noch recht jungen Mann namens Conor Oberst samt seiner Hauptband Bright Eyes und dem unter anderen von ihm selbst gegründeten Label „Saddle Creek“ auch über die Grenzen von Omaha, Nebraska aus bekannt. Das Stück wurde zum Mini-Hit für all die einsamen Seelen in den Indie-Disko dies- wie jenseits des Atlantiks und sprach den von Liebespein geplagten Adoleszenten mit Zeilen wie „I want a lover I don’t have to love / I want a girl who’s too sad to give a fuck“ oder „I want a lover I don’t have to love / I want a boy who’s so drunk he doesn’t talk“ aus tiefstem Herzen. Das dazugehörige Album „LIFTED or The Story is in the Soil, Keep Your Ear to the Ground“ – Nummer vier der Bright Eyes – etablierte Obersts Namen völlig zu recht im musikalischen Indie-Kosmos, aus dem er bis heute nicht mehr weg zu denken ist.

daphkarrieUnd auch heute noch gilt: Wer sich daran wagt, diesen nahezu perfekten Song zu covern, der sollte es tunlichst vermeiden, ihn einfach nur schnöde – in bester Youtube-Schülerbandmanier – nachzuspielen und ihm gefälligst eine ähnlich eigene Note verleihen, wie es anno 2005 etwa die holländische Indie-Band Bettie Seevert geschafft hat (hier nachzuhören).  Diesen Ratschlag hat wohl auch Daphne Lee Martin beherzigt. Und obwohl ihre Version des Bright-Eyes-Klassikers alles andere als rund und gut durchgemischt fürs Radio-Airplay klingt, hauchen die Musikerin aus New London, Connecticut, die nebenbei mit ihrem Mann noch einen eigenen Vinyl(!)-Plattenladen namens „The Telegraph“ betreibt und deren Musik sich wohl irgendwo zwischen Southern-Roots-Rock, Alt.Country, Americana und Singer/Songwritertum anzusiedeln ist, und ihre Band dem Stück massig spontan gefühlte Seele ein. Frei nach dem Motto: Lieber vier Minuten echtes Leben als zwei Minuten Schönglanz – den Pop überlassen wir lieber Taylor Swift und Co.

 

„I’ve never been too technical with music theory terms when asking for what I want from my band, because it’s more about feeling than execution. This song ranges through so much emotion: it growls, it weeps, it doesn’t give a fuck, it is a bottomless hole, it is lazy and fierce, delicate and cruel. It smells like bad decisions. And though I still loathe the sound of my own voice, this song is just perfect.“

 

 

Rock and Roll.

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