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Sunday Listen: Church Girls – „Still Blooms“


Foto; Promo / Anthony DiCaro

Auf ihrem letzten, im vergangenen Jahr erschienenen Album „The Haunt“ vermählten Church Girls (von denen hier bereits die Schreibe war) Post Punk mit dezent nach Garage tönendem Indie Rock und wurden daher allen, denen Amyl And The Sniffers zu aufgedreht und Girlpool zu verträumt waren, wärmstens ans Hörerherz gelegt. Kritikpunkte gab’s da eigentlich recht wenige, nur den eigenen Stil ließ die Band aus Philadelphia bei diesem Musik gewordenen Tanz auf vielen Hochzeiten hier und da noch ein wenig vermissen. Ob sich das auf dem neuen, dritten Langspieler „Still Blooms“ ändert?

Nun, in gewisser Weise sind sich Church Girls treu geblieben. Zum einen schon mal in dem Vorhaben, jährlich ein Veröffentlichungslebenszeichen – ob nun als vollwertiges Album, EP oder Single – von sich zu geben, zum anderen in dem Punkt, dass Mariel Beaumont (Gesang, Gitarre und Songwriting) auch 2021 das einzig konstante Mitglied der US-Band-Kollektivs bleibt (was wiederum den nahezu permanenten Aufnahme-, Veröffentlichungs- und Tourplänen geschuldet sein dürfte). Somit ist „Still Blooms“ vor allem die logische musikalische Fortsetzung von „The Haunt“ – wenn auch mit einigen kleinen Unterschieden, vor allem was den Sound angeht. Dieser gerät bei den zehn neuen Stücken nicht mehr ganz so “wuchtig”. Bass sowie Kick und Floor Tom tönen nun weniger dominant, dafür rücken die flimmernden Gitarren mehr in den Vordergrund und der Mix der Songs gestaltet sich heller, mit mehr Fokus auf die Mitten und Höhen, was die Stücke klarer wirken lässt und auch der Stimme von Mariel Beaumont etwas mehr zugute kommt. Darf man trotzdem hier und da die Wucht, Kraft und den damit einhergehenden Kontrast, der „The Haunt“ in seinen besten Momenten so besonders machte, vermissen? Klar.

Dennoch tönen gleich die ersten Songs des neuen Albums, darunter auch die Single „Separated“, recht „typisch Church Girls“ und damit genau so, wie langjährige Freunde der vierköpfigen Band, deren Name sich aus dem Fakt speist, dass Beaumont früher eine kirchliche Mädchenschule besuchte und in ihrer Jugend Messdienerin war, es sich erhofft haben. Mit „Vacation“ folgt dann das erste Stück, welches etwas aus der Reihe tanzt – im positiven Sinne: Gerät der Beginn noch ungewohnt ruhig, setzt dann langsam aber stetig das Schlagzeug von Julien Varnier ein, wenngleich der Grundton eher ruhig – für Church Girls-Verhältnisse – bleibt. Dass sich im weiteren Verlauf des Songs ruhige Parts, die sich durch melodisches Gitarrenspiel mit dezenten Drums auszeichnen, gekonnt mit den voll instrumentalisierten Parts abwechseln, macht „Vacation“ zu einem der Highlights des Albums.

„Separated‘ ist eine Ode an meinen Zwillingsbruder. Es geht um die Erkenntnis, dass unser Zuhause nicht mehr das war, was wir dachten, als sich der Kampf eines Familienmitglieds mit dem Alkoholismus zuspitzte. Der Song ist in gewisser Weise immer noch hoffnungsvoll, denn wir wussten, dass wir im anderen immer ein Zuhause haben würden. Er ist immer noch mein bester Freund und die erste Person, die jeden Song hört, den ich schreibe.“ (Mariel Beaumont)

Und dann ist da wieder dieser eine Song, der einen noch ein kleines bisschen mehr fesselt als der Rest. Ging dieser Titel auf dem Vorgänger noch an „Regression“, darf sich nun wohl „Undone“ mitsamt seinem treibenden Schlagzeug und seiner markanten Bassline als würdiger Nachfolger fühlen – kaum verwunderlich, schließlich stammen hier auch die titelgebenden Zeilen des Albums her: „Unwind the clocks / Pull the blinds / And you’ll find the sky still blooms“. Auch „Dune“ sticht heraus und lässt in der zweiten Hälfte des Songs – und nach einem Instrumentalteil mit wunderschön gespielter Gitarre – dank eines kurzen, leicht sphärisch angehauchten Parts aufhorchen.

Im Gros bietet auch „Still Blooms“ im Grunde genau das, was man von dem Philly-Quartett, zu dem sich dieses Mal – nebst Beaumont und Varnier – noch Mitchell Layton (Gitarre) und Vince Vullo (Bass) gesellen, erwarten durfte: treibende Indie Rock-Songs, die sich mal knapp unter-, mal knapp oberhalb der Drei-Minuten-Marke ansiedeln und hier und da Einflüsse aus Post Punk, College und Emo Rock einfließen lassen. Bei so viel überschwänglicher Kurzweil stört’s im Grunde wenig, dass sich Church Girls auch 2021 ihren Tanz auf vielen Hochzeiten kaum vermieten lassen…

Rock and Roll.

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Song des Tages: Nada Surf – „Something I Should Do“


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Eines dürfte klar sein: Werauchimmer auf guten, powerpoppenden Indie Rock mit viiiiel Herz, noch mehr „Hach’s…“ und ein klein wenig smartem Ums-Eck-Denken steht, kam seit Mitte der Neunziger kaum an Nada Surf vorbei.

Andererseits fristen Matthew Caws (Gesang, Gitarre), Ira Elliot (Schlagzeug) und Daniel Lorca (Bass, Backgroundgesang), die sich immerhin seit ihrer Gründung 1992 in unveränderter Besetzung kreativ halten (und ihre Band unlängst mit Gitarrist Doug Gillard zum Quartett vergrößerten), mindestens bereits ebenso lang ein Dasein als lieb gewonnene „Indie-Schattenmacht“. Denn obwohl man Songs wie den mittelgroßen College Rock-Hit „Popular“ oder Herzchenjäger wie „Always Love„, „See These Bones“ oder „Inside Of Love“ wohl aus jeder gutbürgerlichen Indie-Disse der eigenen Jugend kennt, gerät die New Yorker Band doch bis heute viel zu oft ins memorable Hintertreffen, wenn es um die eigenen Lieblingsalben geht – „Unfair, eigentlich!“ dürften sich all jene denken, die auch heute noch vor tollen Stücken nur so überquellenden Alben wie vor allem „Let Go“ (2002) oder „The Weight Is A Gift“ (2005) ab und zu die ein oder andere Umdrehung gönnen (oder sich mit dem nicht mit Diskografie-Highlights geizenden 2015er Live-Album „Live at the Neptune Theatre“ von den Bühnenqualitäten des Vierers überzeugen).

Mag’s wohl daran liegen, dass Caws, Elliot und Lorca nie die Typen waren, die Oasis-likes großes Getöse um ihre Musik für zwingend notwenig hielten? Die alle drei, vier Jahre und mit steter Verlässlichkeit Langspieler in die Regale stellten, die zwar – mindestens seit den beiden eben genannten – viel nett tönendes Beiwerk enthielten, jedoch mindestens ebenso verlässlich den ein oder anderen Song wie jüngst „Clear Eye Clouded Mind„, „When I Was Young“ oder „Cold To See Clear„, die noch immer ihresgleichen suchten, wenn’s um die Indierocker-Playlist für ziellos-schöne sonntägliche Autofahrten ging? Tja, Herzensband zwar, aber irgendwie stets auch im Schatten…

71SmQF8vHLL._SY355_Von daher dürfte selbst der größte Fan der US-Band kaum erwarten, dass sich mit dem neuen, neunten Album „Never Not Together“ etwas an dieser Situation ändern würde. Mehr sogar noch: Es ist vielleicht die erste Platte der Indierocker aus New York City, die ohne einen wirklichen Höhepunkt auskommen muss. Klar, den brauchen die Männer um den längst in Würde ergrauten 52-jährigen Matthew Caws, der als zweifacher Familienvater den „Rock’n’Roll-Lifestyle“ wohl auch nur noch aus irgendwelchen Led Zeppelin-Dokus kennt, auch gar nicht mehr. Und obwohl die neun neuen Stücke selten musikalisches Neuland erkunden, viel lieber altbekannte Muster variieren oder die tönenden Puzzleteile minimal anders anordnen (und sich, wie bei „Looking For You„, mal einen Kinderchor ins Studio einladen), bieten Nada Surf auf „Never Not Together“ trotzdem das, was ihnen seit eh und je am besten liegt: dezent prägnante Uptempo-Rocksongs und ruhigere atmosphärische Stücke auf verlässlich hohem Niveau. Und wenn auch nicht jede der knapp 43 Minuten aufhorchen lässt, berühren Caws und Co. mit ihren erzählten Zwischenmenschlichkeiten noch immer das Herz.

 

Wenngleich „Never Not Together“ in Gänze keinen alles überragenden Glanzpunkt in der Nada Surf’schen Diskografie markieren wird, weiß immerhin das zupackende „Something I Should Do“ mit seinen kraftvollen Gitarren und Keyboards ordentlich zu überzeugen, auch Caws‘ an selige „Popular“-Tage gemahnender Sprechpart gegen Ende gliedert sich toll ein. Ja, beinahe könnte man meinen, dass Sturm und Drang in diesem Monolog über die Komplexität der Welt und des Lebens stecken mögen. „Empathy is good, lack of empathy is bad“, heißt es trefflich simplifizierend in den letzten Atemzügen –  „Holy math says we’re never not together“. Der Sinn fürs Gemeinschaftsgefühl hat Nada Surf eben schon immer geprägt…

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Evan Dando – „Shots Is Fired“


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„The Lemonheads. Stets zwischen Punk und College Rock pendelnde Band aus Boston. Mal ungestüm, mal sensibel. Lecker gemischt aus Schrammelrock, Country, Punk und Grunge. Mit einem der potentiellsten Superstars der beginnenden Neunziger gesegnet: Evan Dando. Was für eine Stimme! Rau genug, um ungekämmte Indie-Kids anzusprechen. Sanft genug, um auch romantisch Gesinnte zu erwischen. Verführerisch genug, um Dando zu einem ’slacker sex-kitten‘ werden zu lassen. Das himmlische ‚Into your arms‘ wurde sogar noch ein waschechter Hit. Und dann? Nichts mehr. Die Zitronenköpfe kamen in die Saftpresse, und Dando kümmerte sich mehr um berauschende Substanzen anstatt selber zu berauschen. Wenigstens spielte er dabei nicht mit Schrotflinten herum.“

(plattentests.de in der Review zu „Baby I’m Bored“)
 

Stimmt schon, oder? Aber halt! Da hat der Schreiberling der obigen Zeilen, welche anlässlich von Dandos erstem – und bisher einzigem – Soloalbum „Baby I’m Bored anno 2003 in die digitale Welt entlassen wurde, doch glatt die wichtigste Zutat vergessen, welche seit eh und je sowohl die Songs der Lemonheads als auch die Alleingangsergüsse ihres Frontmanns anreichert: Pop. Damit stellt der mittlerweile auch schon 50-jährige „Slacker-Posterboy der Neunziger“ in etwa die Schnittmenge aus den Beatles und den Ramones, aus John’n’Paul und Joey’n’Johnny dar. Wer auf Eingängiges, Hittiges steht, der konnte und kann gar nicht an Evergreens wie „Into Your Arms“, „Big Gay Heart“ oder „If I Could Talk I’d Tell You“ vorbeimarschieren, ohne dass sich die Songs schnurstracks in den Gehörgängen festsetzen und einen zum Mitpfeifen animieren. Isso.

Und was für die Lemonheads galt, die ihren ersten größeren Hit 1992 ausgerechnet mit einer Coverversion des Simon-and-Garfunkel-Gassenhauers „Mrs. Robinson“ hatten, Ende der Neunziger eine Pause einlegten und erst 2005 wieder zusammenkamen, ist auch bei „Baby I’m Bored“ kaum anders. Okay, Evan Dandos Alleingang ist mehr verschlurfter Sonntagmorgenfolk als die verquer angepunkten Hymnen der Lemonheads – man sollte sich in die zwölf Songs fallen lassen wie in eine bunte Blumenwiese. Wenn man jedoch erst einmal drin liegt, will man aus diesem Mix, bei welchem Dando unter anderem ein gewisser Jon Brion als Produzent zur Seite stand (und der hat ja bekanntlich ein ausgewiesenes Näschen für Pop mit Gütesiegel), der von sanfter Melancholie, definitiver Autofahrmusik (Scheiben runter! Sonne rein!) und bittersüß-kalifornischer Sehnsucht so ziemlich alles in petto hat, gar nicht mehr raus. Versprochen.

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Wie die Zeit vergeht! Schlappe 14 Jahre liegt die Veröffentlichung von „Baby I’m Bored“ nun bereits zurück… Vierzehn?!? Ich werde alt… Die gute Nachricht: An wem das Album bislang vorbei gehuscht sein sollte, der darf in wenigen Tagen einen erneuten Anlauf starten, denn im Juni erscheint Evan Dandos Soloalbum in einer um massig Bonus Tracks erweiterten Variante.

Bereits jetzt gibt uns Dando eine alternative Version des noch immer tollen Songs „Shots Is Fired“, bei dessen Albumvariante Liv Tyler (ja, die Liv – „Arwen“ aus „Herr der Ringe“, Tochter von Aerosmith-Knautschbirne Steven Tyler, Trägerin des schönsten Schmollmunds von Hollywood – Tyler!) einige Backgroundvocals beisteuerte, auf die Ohren. Wird dadurch ja nicht schlechter, der Song…


 
Rock and Roll.

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