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Song des Tages: Tex – „Peace In Our Time“


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All jenen, die ab und an hier vorbei surfen, dürfte ja bereits aufgefallen sein, dass ich Christoph „Tex“ Drieschner für ’nen super Typen halte. Denn der Mann, Jahrgang 1970, hat mit „TV Noir“ nicht nur eine seit 2008 bestehende Konzert-Plattform für angehende wie angesagte deutsche wie internationale Indie-Musiker (mit) ins Leben gerufen, der Herr ist auch selbst ein formidabler Liedermacher.

Das hat er etwa im vergangenen Jahr erneut unter Beweis gestellt, als sein fünftes Soloalbum „Von hier bis aufs Dach“ erschien, welches erneut 15 tolle Songs aus seiner Feder enthielt (nicht alle waren wirklich neu, doch alle allesamt wieder einmal höchst bezaubernd und zumindest in ihren jeweiligen Versionen noch bislang unveröffentlicht).

Dazu kommt noch, dass sich Tex auch hervorragend aufs Neuinterpretieren von Fremdkompositionen versteht, man höre etwa seine Variante des Rio-Reiser-Songs „Zauberland“. Oder etwa, wenn man’s lieber englisch mag, die feine Version des Elvis-Costello-Klassikers „Peace In Our Time„. Das Stück passt – wenn ihr mich fragt – tausendundein Mal besser zur weihnachtlichen Besinnung als Gräueltaten wie „Last Christmas“ (George Michael verdient sich daran übrigens noch immer mit acht Millionen Scheinen Jahr für Jahr ’ne goldig-weiße Koksnase!) oder „Driving Home For Christmas“ (damn you, Chris Rea!).

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Natürlich erschließt sich einem die Großartigkeit von „Peace In Our Time“ erst – so ist’s ja oft, gerade beim Costello-Elvis -, wenn man ein wenig um die Hintergründe weiß. Der Ausspruch „Peace In Our Time“ etwa weist Ursprünge bis in religiöse Dokumente des 7. Jahrhunderts auf und wurde in der britischen Politik sowohl im 19. wie im 20. Jahrhundert populär, als Politiker wie die damaligen britischen Premierminister Benjamin Disraeli und Neville Chamberlain den Ausspruch zur etwas voreiligen Freude über vermeintliche Friedensabkommen verwendeten – wenn man bedenkt, dass gerade letzterer im September 1938 nach Verhandlungen mit Nazi-Deutschland von „Friede in unserer Zeit“ schwafelte, bekommt man freilich ein kaltes Schaudern…

elvis-costello-the-attractions-goodbye-cruelCostello jedoch bezog sich in seinem Song – er erschien 1984 auf dem von Fans bis heute wenig geliebten Elvis Costello & The Attractions-Album „Goodbye Cruel World“ – eher auf die damalige Situation des Kalten Kriegs und richtete einige der Zeilen direkt an den damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan:  “There’s already one spaceman in the White House what do you want another one for?”. Anderswo wird die Angst vor der nuklearen Bedrohung, vor noch mehr Atombombentests, vor losen Fingern über roten Knöpfen und den Folgen deutlich: “Meanwhile there’s a light over the ocean burning brighter than the sun / And a man sits alone in a bar and says, ‘Oh God, what have we done?’”. Klar ist dieses Stück ebenso stark vom paranoiden Zeitgeist der Achtziger geprägt wie etwa der nicht minder große Sting-Song „Russians“ (anno 1985 auf dem Album „The Dream Of The Blue Turtles“ erschienen). Und doch ist „Peace In Our Time“ auch mehr als dreißig Jahre nach seiner Veröffentlichung – ebenso wie der 1979 veröffentlichte Costello-Evergreen „(What’s So Funny ‚Bout) Peace, Love, and Understanding“ etwa – noch wichtig, denn was hat sich denn seit damals wirklich geändert? Achtzig Jahre nach Hitler – seines Zeichens gescheiterter Kunststudent -, drei Jahrzehnte nach Reagan, als ehemaliger Schauspieler damals ebenfalls ein politischer Quereinsteiger, sitzt nun bald Donald J. Trump im Weißen Haus – klingelt’s? Bereits Elvis Costello wusste wohl, als er Zeilen wie “And we can thank God that we’ve finally got peace in our time” mit Tinte aus bitterem Sarkasmus schrieb: Geschichte wiederholt sich, weil sich menschliche Fehler wiederholen…

Klar, Besinnlichkeit klingt irgendwie anders, Besinnung jedoch sollte sich genau so anhören.

 

 
„Out of the aeroplane stepped Chamberlain with a condemned man’s stare
But we all cheered wildly, a photograph was taken,
as he waved a piece of paper in the air
Now the Disco Machine lives in Munich and we are all friends
And I slip on my Italian dancing shoes as the evening descends

And the bells take their toll once again in victory chime
And we can thank God that we’ve finally got
Peace in our time

There’s a man going round taking names no
matter who you claim to be
As innocent as babies, a mad dog with rabies,
you’re still a part of some conspiracy
Meanwhile there’s a light over the ocean
burning brighter than the sun
And a man sits alone in a bar and says ‚Oh God,
what have we done?‘

They’re lighting a bonfire upon every hilltop in the land
Just another tiny island invaded when he’s got
the whole world in his hands
And the Heavyweight Champion fights in the
International Propaganda Star Wars
There’s already one spaceman in the White
House what do you want another one for?“
 
Rock and Roll.

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Song des Tages: Tex feat. Phela – „Juli“


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Christoph „Tex“ Drieschner ist wahrlich keiner, der sich partout in den Vordergrund drängen muss. Meist lässt der Chef der beliebten Konzertreihe TV Noir, welche sich über die Jahre zu so viel mehr – Label, Fernsehsendung etc. pp. – entwickelt hat und schon etlichen nationalen (von Philipp Poisel über Thees Uhrmann bis hin zu Rainald Grebe) wie internationalen Künstlern (Nada Surf, Heather Nova, William Fitzsimmons…) ein Forum auf kleinen wie größeren deutschen Konzertbühnen geboten hat, andere zu Wort kommen – was in akustisch reduzierter Form beziehungsweise dem Zusammenspiel mit Publikum und Gleichgesinnten meist großartig gerät.

Man sollte jedoch nicht vergessen, dass Tex auch einer der besten, schlausten und zeitgeistigsten deutschsprachigen Liedermacher ist (regelmäßigen Lesern von ANEWFRIEND wird eventuell noch ein „Song des Tages“ von 2013 in Erinnerung sein). Natürlich hängt dem Großteil seiner Songs und seiner Veröffentlichungen (zuletzt erschien 2015 das toll aufgemachte „Von hier bis aufs Dach“ im TV-Noir-eigenen Webshop) ein gutes Stück Alltagsmelancholie an, welche sich wohl am Besten entfaltet wenn man Tex‘ Lieder nachts hört. Allein. Über Kopfhörer. Mit ein, zwei Gläsern Rotwein. Und vielleicht auf einem Hausdach, von dem aus sich die Großstadt überblicken lässt…

Neuster Favorit meinerseits ist „Juli“, welches Tex vor einiger Zeit mit der ebenfalls nicht zu verachtenden Phela bei einem Konzert in der Berliner Volksbühne zum Besten gab. Und obwohl das Stück schon mehr als zehn Jahre auf dem musikalischen Buckel hat (man konnte es etwa bereits auf dem 2004 erschienenen Livealbum „NV 69“ hören), ist es immer noch eines von Tex‘ besten – wenn ihr mich fragt.

 

 

„Juli fragt: ‚Warum ist alles schwierig?

Warum der Kampf am Morgen aufzusteh’n?

Warum ist am Abend das Zubettgeh’n eine Qual?

Und Warum will ich dazwischen niemand seh’n?‘

 

Und Juli muss so kotzen wenn sie fernsieht

Und sieht doch jeden Tag ein bisschen mehr

Das Kaninchen frisst sich langsam durchs Gehirn

Süß und kuschelweich und siebzehn Kilo schwer

 

Juli hat die Nase voll bis oben

Sie kann die Lügen nicht mehr hören

Sie will schlagen, sie will schießen

Will mit Gewalt den Frieden stör’n

 

Juli sagt: ‚Wo ist denn jetzt das Große?

Warum wird aus den schönen Träumen Not?

Gier wird aus dem Feuer, aus dem Held ein schwacher Mann

Und dreißig Jahre später ist er tot‘

 

Juli hat die Nase voll bis oben…

 

Juli sagt: ‚Vor Jahren war ein Wunder

Gute Namen leider bald passé

Das Leben ist ein Krokus

Etwas Sonne, etwas Schnee

Und ein viel zu schneller, schwerer LKW‘

 

Juli hat die Nase voll bis oben…“

 

Rock and Roll.

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