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Flimmerstunde – Teil 35


The Dead Don’t Die“ (2019)

1219346.jpg-r_1280_720-f_jpg-q_x-xxyxxPolkappen werden gefrackt und so die Untoten aufgeweckt: In Jim Jarmuschs neustem Film „The Dead Don’t Die“ macht Punkrock-Godfather Iggy Pop als Zombie Jagd auf Fleisch und Filterkaffee. Die Horrorparodie ist stellenweise so überdreht, dass sie glatt wie eine Satire auf die Klimadebatte wirkt…

Dass die beiden Dinerdamen zu den ersten Opfern gehören werden, ist gleich zu ahnen. Spätestens als die eine nicht weiß, wer Zelda Fitzgerald war, und die andere ihr empört erklärt: na, das sei doch die Frau vom Großen Gatsby! Und wer das nun wieder sein solle? So viel Unwissenheit muss wohl betraft werden… Zudem wird ihnen zum Verhängnis, dass die lokale Zombie-Variante des (fiktiven) Provinz-Städtchens Centerville scheinbar nicht nur auf frisches Blut, sondern auch auf abgestandenen Filterkaffee steht.

Bildung schützt jedoch kaum weniger vor dem Untergang, selbst filmisch-literarische nicht. Der schüchterne Horror-Nerd und Kioskbetreiber Bobby (Caleb Landry Jones) weiß sofort, mit welcher Sorte von Gegnern man es in der endzeitlichen Schlacht zu tun hat und wie man sie besiegt, doch das aus Genreklassikern bezogene Wissen um die sofortige Enthauptung der Untoten nützt ihm nicht allzu viel, als er sich mit Sägen, Messern und Heckenscheren im Baumarkt verbarrikadiert – Zombies finden schließlich immer ein Hintertürchen…

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Jim Jarmuschs neuer Streifen „The Dead Don’t Die“ ist eine Zombiefilmparodie voller kleiner Hintertüren, doppelter Böden und augenzwinkernder Metaebenen. Das fängt schon bei der prallen Starbesetzung an, für die Independent-Kult-Regisseur Jarmusch („Night On Earth“, „Coffee And Cigarettes“, „Dead Man“, „Ghost Dog“) wohl nur kurz seine Kontaktliste bemühen musste: bereits erwähnter Iggy Pop als kaffeesüchtiger Untoter, Tilda Swinton als japanophil-schottische, elfengleiche Bestattungsunternehmerin, Tom Waits als Wald-und-Wiesen-Hobo, Bill Murray, Adam Driver und Chloë Sevigny als lakonisches Polizisten-Trio, Steve Buscemi als Trump-konformer rassistischer Farmer, Wu-Tang-Clan-Rapper RZA als „WU-PS“(sic!)-Paketbote… Ebenjener Cast sorgt für jede Menge selbstironischer Witze, und hört bei den Dialogen nicht auf, denen man anmerkt, dass Jarmusch einst in einer streberhaften Epoche namens Postmoderne sozialisiert wurde.

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„Woher kenne ich diesen Song?“, fragt der superbräsige Polizeichef Cliff (Bill Murray) seinen Radio hörenden Kollegen Ronnie (Adam Driver) im Streifenwagen. Darauf der: „Na, das ist der Titelsong!“ (übrigens nur eine von etlichen Film-im-Film-Anspielungen zwischen den beiden).  „The Dead Don’t Die“, ein Song von Country-Sänger Sturgill Simpson, welchen dieser eigens für den Film aufnahm, wird so oft gespielt und sogar als CD-Cover platziert, dass der Film ebenso gut als ein überlanger Promotion-Clip durchgehen würde. Auffälliges Product Placement und Namedropping wird auch sonst eifrig betrieben, etwa für einschlägige Werke der Filmgeschichte von „Nosferatu“ über die „Nacht der lebenden Toten“ bis zu „Star Wars“, oder für Automarken. Kleiner Tipp für Neukäufer: Ein Smart eignet sich – im Fall der Fälle – prima zur Zombiejagd.

Jarmusch hat in „The Dead Don’t Die“, der in diesem Jahr die Filmfestspiele in Cannes eröffnete, einen derart hohes Melange-Level an Scherz, Satire und Ironie erreicht, dass nicht mehr unterschieden werden kann, wo tiefere Bedeutung, womöglich ernsthafte Gesellschaftskritik an Trumps US-Amerika vorliegt, und wo schlicht pure, nerdige Albernheit. Da reicht glatt die knappe Nachrichtenmeldung, dass die Ursache für die weltweite Zombie-Apokalypse in der durch rücksichtsloses Polkappenfracking ausgelösten Verschiebung des irdischen Magnetfeldes zu finden ist, schließlich ist sich der halbe Cast bereits sicher, dass man es hier nun mit untoten Wiedergängern zu tun habe.

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Macht sich Jarmusch also über die Endzeitszenarien der Klimaschützer lustig? Oder etwa über den von Serien wie „The Walking Dead“ ausgelösten Zombie-Hype? Da würde man dem Film wohl zu viel Tiefe beimessen. Der Running Gag von Officer Ronnie lautet, dass alles böse enden wird. Als der Chief ihn kurz vor dem Showdown fragt, woher er das denn gewusst habe, ist die Antwort, er habe halt vorher das Drehbuch gelesen. Albern? Wohl eher. Weiter gedacht? Ach was!

Zwar unterhaltsam, jedoch andererseits auch wenig originell ist Jarmuschs an Allzeit-Klassiker wie George A. Romeros „Die Nacht der lebenden Toten“ oder Peter Jacksons Splatter’n’Gore-Festival „Braindead“ angelehnte Interpretation des Zombie-Motivs, das uns alle zu untoten Sklaven unsere Süchte und Begierden macht. Der Kampfruf lautet „Chardonnay!“, den Weinfreunden und Kaffeejunkies folgen noch die Drogen-, Süßstoff- und Handysüchtigen (und den Begriff „Smombie“ gab’s schließlich bereits vor Jarmusch Film). Die implementierte Kulturkritik wirkt schlichtweg zu überzogen, als dass sie ernst gemeint sein könnte.

Gleiches gilt für den hier verfilmten Hass auf Hipster: Drei durchreisende Großstädter (einen davon mimt Pop-Sternchen Selena Gomez, ein anderer sieht glatt ihrem Ex Justin Bieber ähnlich) werden erst von den Zombies blutig vernascht, bevor Ronnie mit der Machete noch einmal auf Nummer sicher geht. Spätestens wenn er triumphierend den Kopf von Träller-Star Gomez schwenkt, ahnt man, dass hier die misanthropen (und misogynen) Gäule mit Jarmusch durchgegangen sind.

Schlussendlich „The Dead Don’t Die“ ist ein zwar unterhaltsames, jedoch mäßig lustiges, mittelprächtiges Alterswerk (zumindest, wenn man es mit dem Rest der Jarmusch’schen Filmografie in Vergleich bringt), dem man den Ehrgeiz, alsbald Kultfilm zu werden, leider in fast jeder Einstellung anmerkt (während der 66-jährige US-Regisseur dafür Handlung und Drehbuch leider etwas außer Acht ließ) – da war etwa die derb gewitzte Komödie „Zombieland„, in der – nebst Woody Harrelson, Jesse Eisenberg, Emma Stone und Abigail Breslin – Bill Murray ebenfalls eine (kleinere) Rolle innehatte, doch etwas gelungener. Die galgenhumorige Botschaft des Films fasst Waldschrat Tom Waits am Schluss so zusammen: „Die Welt ist gefickt“. Wenn für die Menschheit wirklich alles längst zu spät ist, dann sollte uns doch wenigstens die Zelluloid-Kunst überdauern können…

 

 

Rock and Roll.

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American Horror Story – dunkle Geschichten für die kalten Stunden…


Frankenstein-Experimente, Folterorgien, psychopathische Mordslust – keine Frage, in den Gemäuern des Anwesens in Los Angeles haben sich während dessen fast einhundertjähriger Geschichte so einige furchtbare Dinge ereignet. Und doch ziehen Ben (Dylan McDermott) und Vivien Harmon (Connie Britton) mit ihrer Tochter Violet (Taissa Farmiga, die kleine Schwester von Hollywood-Aktrice Vera Farmiga) ausgerechnet von Boston hierher, um ihre durch eine Fehlgeburt und einen Seitensprung ins Wanken geratene Ehe zu kitten…

Im Laufe der ersten Staffel von „American Horror Story“ machen die Harmons dann am eigenen Leib Erfahrung mit der tragischen Vergangenheit des Hauses, welches sogar Bestandteil der für Touristen veranstalteten „Mord-Häuser-Tour“ ist, sowie seinen ehemaligen Bewohnern, die zwar im wahrsten Wortsinn „untot“ sein mögen, sich mit diesem Zustand, und den neuen Hausbesitzern, jedoch – verständlicherweise – nicht abfinden wollen… Und als wäre das nicht genug, treten auch noch die Nachbarn in Form der ehemaligen Südstaatenschönheit Constance (mit einer herrlich blasierten Höchstleistung: Jessica Lange), welche vor langer Zeit Verstand, Glück und Karriere zugunsten ihrer von Trisomie 21 betroffenen Tochter Addy (Jamie Brewer) opfern musste, und dem seltsam psychopathisch-misantrophen Teenager Tate (Evan Peters), welcher sich – ganz zu Bens Missfallen – ausgezeichnet mit Teenagertochter Violet ausgezeichnet zu verstehen scheint, mit auf den Plan. Das Vorhaben, in dem Haus weiter seinem Beruf als Psychotherapeut nachgehen zu können, kann Ben natürlich begraben, denn der Wahnsinn hält schon bald Einzug in seine eigenen Gedanken. So erscheint ihm die irgendwie schon immer in diese Gemäuer gehörende ältere, einäugige Haushälterin Moira (undurchsichtig und zartbitter: Frances Conroy aus „Six Feet Under“) in ihrer verführerisch-nymphenhaften jungen Gestalt (eine Augenweide: Alexandra Breckenridge). Doch welche gemeinsame Vergangenheit teilt diese mit Constance? Wer ist der Mann mit dem von Brandnarben grausam entstellten Gesicht, der Ben immerzu auflauert? Was passiert während der Blackouts, die Ben nun immer öfter hat? Und was wollen all diese wie zufällig auftauchenden und verschwindenden (Horror)Gestalten den Harmons mitteilen?

Mit „American Horror Story“ ist „Nip/Tuck„-Macher Ryan Murphy in wiederholter Zusammenarbeit mit Co-Autor Brad Falchuck (beide zeichneten sich vorher ausgerechnet für den schwülstig-bunten, jedoch immens erfolgreiche Außenseitermusicalverschnitt „Glee“ verantwortlich) eine der spannendsten und undurchsichtigsten US-Fernsehserien seit „Lost“ gelungen. Gruselige Charaktere werden anhand von Rückblenden eingeführt, um dann im Hier und Jetzt ihrem Unfrieden Ausdruck zu verleihen. Und trotz der mitreißenden Handlung und des hervorragenden Make-ups – welches ja gerade im Horror-Genre nicht eben unwichtig ist! – findet der wahre Horror während der zwölf Folgen von Staffel 1 meist in den seelischen Untiefen zwischen den Zeilen statt.

In den USA erfreut sich „American Horror Story“ seit der Erstausstrahlung im Oktober 2011 (über FX Network) großer Zuschauerbeliebtheit, und auch Kritikerlob (etwa ein eigener Diskussionsblog der „Washington Post“) und Auszeichnungen (mehrere Golden Globe- und Emmy-Nominierungen, jeweils einen der beiden Fernsehpreise für Jessica Lange als beste Nebendarstellerin) sprechen für sich. Ob sich die gekonnt mit klassischen Horrorelementen, doppelten Böden und zutiefst menschlichen Abgründen aus Liebe, Lust, Verlangen, Trauer und Depressionen spielende Serie allerdings hierzulande durchsetzen kann (Staffel 1 wurde von November 2011 bis Februar 2012 über den Pay-TV-Kanal Fox ausgestrahlt, über eine eventuelle Wiederholung -ausgerechnet – über den Spartensender sixx wird nachgedacht), darf anhand der Vielzahl hervorragender Serienproduktionen, welche zuerst immer tiefer ins Nachtprogramm verbannt wurden, um irgendwann ganz zu verschwinden, bezweifelt werden.

Für die soeben in den USA angelaufene zweite Staffel wurde, man ahnt es beim neuen Namen „American Horror Story: Asylum“ bereits, die Handlung der als Anthologie angelegten Mini-Serie in die 1960er und in eine Nervenheilanstalt für kriminelle Geisteskranke (oder doch geisteskranke Kriminelle?) verlegt. Und böte allein dieser Fakt nicht schon genug Potential zum Grusel (man denke nur an Filme wie „Session 9„!), verspricht die Darstellerliste aus unter anderem – erneut – Jessica Lange, Joseph Fiennes, Chloë Sevigny, Adam Levine (ja genau, der Maroon 5-Fronter macht nun nach seinem Castingretorten-Jurorenjob auch noch das Schauspielfach unsicher!), Zachary Quinto (dürfte vielen noch als Spock aus dem letzten Star Trek-Film oder großartiger Bösewicht Sylar in der leider unfertig beendeten Serie „Heroes“ in Erinnerung sein) oder Franka Potente erneut Großes.

Wer also neben den kürzlich gestarteten neuen Staffeln von „Dexter“ (Staffel 7) und „The Walking Dead“ (Staffel 3) noch Freiraum und eine Affinität zum gepflegten Horror besitzen sollte, dem sei „American Horror Story“ zum Gruseln vorm Bildschirm im spärlich belichteten Zimmer (der nahende Winter lädt ja dazu ein!) wärmstens ans Herz gelegt.

 

Hier bekommt ihr eine kurze Einführung der Hauptfiguren von Staffel 1…

 

…einen Trailer…

 

…und einen kurzen Making-Of-Beitrag:

 

Und hier bekommt ihr eine kurze Einstimmung auf die laufende 2. Staffel:

 

Rock and Roll.

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