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Song des Tages: SUSTO – „Life Is Suffering“


Manches Mal liegen Freude und Leid, Anfänge und Enden verdammt nah beieinander. Davon kann auch SUSTO-Frontmann Justin Osborne so einige neue Lieder singen. Bevor seine Band und er für die Aufnahmen zum Nachfolger des von der Kritik wohlwollend goutierten 2019er Albums „Ever Since I Lost My Mind“ ins Studio gingen, wurde Osborne Vater und verlor auf halbem Weg zu den Aufnahmen seinen eigenen Vater an Krebs. Der US-Musiker dazu: „Da ich gerade mit dem Schreiben begonnen hatte, als ich erfuhr, dass ich Vater werde, waren diese Ereignisse die größten Inspirationen für die Platte. Es fühlte sich an, als ob ich mich zwischen dem Anfang und dem Ende des Lebens befand. Bis zum Tod meines eigenen Vaters hatte ich das Gefühl, dass es ein Album über neues Leben und das Elternwerden werden würde. Sein Tod verlagerte die Erzählung in Richtung der zyklischen Natur des Lebens, des Todes und der Wiedergeburt. In meinem Kopf ging eine Menge vor sich – überhaupt gab es eine Menge persönlicher Entwicklung in meinem Leben, und das Songschreiben war meine Art, das alles zu verarbeiten.“

Alles in allem war es ein langer, knapp eine Dekade andauernder Weg für Osborne von den Anfängen bis zu „Time In The Sun„, diesem Album gewordenen Statement über die Freude der Geburt, den Abschluss des Todes, die Wärme wahrer Freundschaft und Gedanken über die Zukunft. Er begann bereits als Teenager in South Carolina mit dem Schreiben von Songs und zog nach dem Split seiner alten Band Sequoyah Prep School sowie einer Pause von der Musik nach Havanna, Kuba. Dort freundete er sich mit einheimischen Musikern an, die ihn ermutigten, sich wieder auf das Schreiben neuer Musik zu konzentrieren. Und noch etwas brachte er aus Kuba mit zurück: Der Bandname SUSTO leitet sich von einem lateinamerikanischen Begriff ab, der sich wohl grob mit „Panikattacke“ übersetzt ließe. Oder, wie Osborne meint: „Diese tiefe Angst war etwas, das ich erlebte, und das Songschreiben fühlte sich an, als würde es mir helfen, sie zu heilen.“

Für den neuen, mittlerweile vierten Langspieler haben sich Justin Osborne und seine Bandmates zudem ordentlich Mühe gegeben, um sich aus dem gewohnten Americana-meets-Roots-Rock-Setting freizuschwimmen. Das mag auch daran liegen, dass sich SUSTO dieses Mal keinen Country-Produzenten suchten, sondern dem alten Wegbegleiter Wolfgang Zimmerman (Band Of Horses) die Aufgabe hinter den Reglern überließen. Ansonsten verließ ich Osborne einmal mehr auf sein songwriterisches Geschick und legte die neuen Songs unter dem Eindruck der durchlebten Extreme dialektisch an – wenig verwunderlich also, dass die elf Stücke ihrerseits ebenfalls zwischen den Extremen pendeln: eher frohgemute Pop-Songs, melancholische Balladen, abrasive Rock-Sounds und überbordende Psychedelia geben sich sozusagen die musikalischen Klinken in die Hände. Und als wäre das noch nicht genug, mischt die Band aus Charleston, South Carolina dieser Werkschau des Lebens noch so einige ideenreiche, dynamisch aufgebohrte Arrangements mit einer stets kämpferischen Note hinzu, die mit jaulenden Orgeln, Feedback, Overdrive, psychedelischen Effekten, mäandernden Twang-Gitarren und bewusst verstolperten Rhythmen den geneigten Hörer (und die geneigte Hörerin) jederzeit bei der Stange zu halten wissen. Es lohnt sich also auch für eingespielte Routiniers wie Osborne, gelegentlich über den musikalischen Tellerrand hinauszublicken…

Was jedoch noch zu klären wäre: Woher kommt der sonnenbeschienene, happy-go-lucky’esk anmutende Name des Albums? Auch hierfür hat Justin Osborne eine Erklärung parat: „Der Titel ‚Time In The Sun‘ soll ein Denkmal für meine eigene menschliche Existenz und auch eine Hommage an die menschliche Erfahrung im Allgemeinen darstellen. Ich würde nicht behaupten, dass ich verstehe, was es bedeutet, ein Mensch zu sein, immerhin lässt sich die Welt aus zahllosen verschiedenen Perspektiven betrachten, Jedoch habe ich meine eigenen Erfahrungen, über die ich nachdenke, und ich möchte in der Lage sein, das in irgendeiner Weise auszudrücken und zu erklären. Ich schätze, dieses Album ist ein Versuch, das zu tun. Im Kern ist es aber einfach eine Sammlung von Songs über mein Leben und meine Gefühle.“ So einfach ist’s eben manches Mal: Freude und Leid, Anfänge und Enden. Die Welt dreht sich weiter, und ab und zu destilliert jemand dieses Auf und Ab in Songs.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Band Of Horses – „Crutch“


Auch wenn man von ihnen überraschend wenig gehört hat: Was waren das für durchaus turbulente vergangene sechs Jahre bei den Southern-Indierockern von Band Of Horses… War da am Anfang ein recht steiler Aufstieg in den Rockolymp, der vor allem durch die ersten drei, zwischen 2006 und 2010 erschienenen Alben „Everything All The Time„, „Cease To Begin“ und „Infinite Arms“ sowie Songs wie „The Funeral„, „Is There A Ghost“ oder „No One’s Gonna Love You“ begründet war, folgten mit „Mirage Rock“ und „Why Are You Ok“ 2012 beziehungsweise 2015 zwei weitere Langspieler, die dem ursprünglich aus Seattle, Washington und nun in Charleston, South Carolina beheimateten Fünfergespann schließlich den Ruf der zwar nicht überlebensgroßen (siehe auch: Coldplay, Muse, Kings Of Leon), jedoch definitiv größere Hallen füllenden Etwas-für-jedermann-Rockband einbrachten. Dies allerdings auch, indem Band Of Horses einen Soundwandel vollzogen, der weg vom rauen, direkten Gitarrensound der Anfangstage ging und oft genug die Abfahrt in Richtung voluminös-satter Stadionsound nahm. Manch einer mochte die zu Herzen gehenden Immergrün-Hymnen vermissen, der Erfolg gab ihnen dennoch recht.

Doch dann wurde es plötzlich ruhig um die Band um Frontmann Ben Bridwell. Nach ausgedehnten Konzertauftritten und Tourneen zu „Why Are You Ok“ setzte sich – mag sich kurios lesen, aber so ist’s eben manchmal – ein Rad in Bewegung, das lange Zeit still stand. Denn während die Band Of Horses-Mitglieder in ihrer Anfangszeit, bis auf Bridwell, fast jährlich wechselten, setzte Gefüge ab 2007 eine Verstetigung ein. Mit Bridwell als Sänger und Creighton Barrett als Schlagzeuger kamen in jenem Jahr als Keyboarder Ryan Monroe, Bill Reynolds am Bass und Tyler Ramsey als Gitarrist und Backgroundstimme hinzu.

Satte zehn Jahre sollte diese Bandkonstellation so bleiben und für den Erfolg der Band stehen, bis schließlich Anfang Mai 2017 Tyler Ramsey und Bill Reynolds über ihre sozialen Kanäle die Trennung der beiden mit der Band bekannt gaben. Was zu diesem Zeitpunkt stark nach Bandauflösung roch, sollte erst in einem immer leiser werdenden Rhythmus der Band übergehen und letztendlich zeitweise sogar zum kompletten Verstummen der Kommunikation führen. Vielleicht auch Dank der durch die Pandemie verursachte Alles-steht-still-Langeweile haben Band Of Horses seit diesem Jahr in leicht veränderter Besetzung (Matt Gentling am Bass und Ian MacDougall an der Gitarre sitzen neu im Sattel) wieder die Zügel in die Hand genommen und nun mit „Crutch“ ihr erstes musikalisches Lebenszeichen seit 2015 veröffentlicht.

Und diese tönende Rückmeldung kann sich durchaus hören lassen! Denn mit dem neuen Song kehrt die Band ein stückweit zu den Anfängen zurück und gibt sich wieder herrlich rau, direkt und schrammelig. Dabei erinnert wirklich so einiges auf „Crutch“ an die ersten beiden Alben und wird durch die schnellen Gitarren, den hohen Gesang Bridwells und dem immer wieder unterbrechenden, fast schon staccato-artigen Verstummen des Schlagzeugs aufgerissen. Ohne Umwege treiben die feinen Gitarren den unverschämt eingängigen Refrain in den Gehörgang, wo er dann lange rotiert. Besser noch: Mit „Crutch“ kündigen Band Of Horses zudem ihr sechstes Studioalbum „Things Are Great“ an, das am 21. Januar 2022 erscheinen soll. Und wie man hört, dürfen Freunde der Band sich auf ein Werk freuen, das den Wandel zu alten Stärken vollzogen hat und damit durchaus die Hörerherzen vieler Fans der Anfangstage zurückerobern könnte. In jedem Fall: Schön, dass die Herren der Pferdeband wieder da sind.

Rock and Roll.

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