Schlagwort-Archive: Chanson

Song des Tages: Barbara Pravi – „Voilà“


Barbara Pravi trat mit ihrem Song „Voilà“ beim 65. Eurovision Songcontest für ihr Heimatland Frankreich an und gehörte damit bereits von Anfang an zu den großen Favorit*innen des Wettbewerbs. Im Finale in Rotterdam vor zwei Tagen konnte sie zwar die Fachjurys der Teilnehmerländer für sich gewinnen, beim europäischen Publikum durfte jedoch vor allem die italienische Glamrock-Band Måneskin abräumen, welche sich am Ende des Abends mit ihrem Song „Zitti e buoni“ auch den Sieg holte. Für Pravi, der nicht wenige wohl den Sieg ebenso gewünscht wie gegönnt haben dürften, sprang dennoch ein toller zweiter Platz heraus – aber das war noch längst nicht alles. Bereits einige Stunden nach dem großen ESC-Finale kletterte „Voilà“ an die Spitze vieler europäischer Charts, so unter anderem auch in Deutschland.

Die 27-jährige Pariser Sängerin mit serbischen und iranischen Wurzeln, die so vielfältige Künstler*innen wie Barbara, Jacques Brel, Georges Brassens, Françoise Hardy oder Louis Aragon zu ihren Einflüssen zählt, konnte in den letzten Jahren vor allem in ihrer französischen Heimat mit Songs wie „Je sers“, „Louis“ oder „Pas grandir“ Fans für sich gewinnen. Ihre Karriereanfänge lesen sich allerdings doch schon etwas klischee’esker: So sang sie im Januar 2016 „On m’appelle Heidi“ für die französische Version des Films „Heidi„, der im selben Jahr in den dortigen Kinos anlief. Ihren ersten Plattenvertrag hatte sie da schon in der Tasche. Danach erhielt Pravi die Rolle der Solange Duhamel im Musical „Un été 44„. Wen wundert’s, dass sie vor allem für ihre stimmliche Darbietung äußerst positive Kritiken erhielt… Dennoch bewahrt sich die kreative Chanteuse, die in der Vergangenheit bereits auch als Songwriterin für Musiker wie Yannick Noah, Julie Zenatti, Chimène Badi, Angélina Nava oder Jaden Smith (ja, der Sohn vom Smith-Will) tätig war, Eigenständigkeit wie Eigenwilligkeit. Sie schreibt ihre Texte zumeist selbst und lehnt diese nicht selten an wahre Begebenheiten an. So handelt beispielsweise „Deda“ von der Geschichte ihrer Familie oder „CHAIR“ von einer Abtreibung. Fürwahr nicht eben leichte Pop-Alltagskost…

Beim ESC 2021 nun also zeigte sie sich der ganzen (Musik)Welt. „Voilà“ – Das ist Barbara Pravi! (Übrigens ist ihr der ESC nicht gänzlich fremd, denn die Musikerin hat den Song “J’imagine” mitgeschrieben, mit dem die Sängerin Valentina im vergangenen Jahr den „Junior Eurovision Song Contest“ gewann.) Mit ihrem Stück, welches an die ganz Großen des modernen Chanson française wie etwa die ewige Edith Piaf erinnert, stach sie auch ohne jegliches Show-Tam-tam aus der bunten, breit gefächerten Vielzahl der 26 Teilnehmer hervor. Nicht, weil ihr Lied so gnadenlos perfekt durchproduziert, so poppig-eingängig gewesen wäre (in diesem Punkt taten sich eher Litauen oder Griechenland hervor). Jedoch vielmehr, weil Pravi den gemeinsam mit zusammen Igit und Lili Poe geschriebenen Song mit einer Leidenschaft vortrug, bei der ihr das Chanson gewordene Herzblut aus jeder Wuschelfisur-Faser, jeder Pore drang – da musste man nicht einmal den (zugegebenermaßen durchaus formidablen) französischen Text verstehen, um das Herzeleid zwischen den Zeilen fühlen zu können. Und auch wenn ihre bisherigen drei Alben – aller künstlerischen Vielfalt, allem Anspruch zum Trotz – bisher wenige Stücke einer ähnlich berührenden Güteklasse bieten, so sollte man Barbara Pravi in Zukunft auf dem Schirm haben und durchaus gespannt auf weitere Einblicke in das Herz der jungen Französin sein…

„Écoutez moi
Moi la chanteuse à demi
Parlez de moi
À vos amours, à vos amis
Parler leur de cette fille aux yeux noirs et de son rêve fou
Moi c’que j’veux c’est écrire des histoires qui arrivent jusqu’à vous
C’est tout

Voilà, voilà, voilà, voilà qui je suis
Me voilà même si mise à nue j’ai peur, oui
Me voilà dans le bruit et dans le silence

Regardez moi, ou du moins ce qu’il en reste
Regardez moi, avant que je me déteste
Quoi vous dire, que les lèvres d’une autre ne vous diront pas
C’est peu de chose mais moi tout ce que j’ai je le dépose là, voilà

Voilà, voilà, voilà, voilà qui je suis
Me voilà même si mise à nue c’est fini
C’est ma gueule c’est mon cri, me voilà tant pis
Voilà, voilà, voilà, voilà juste ici
Moi mon rêve mon envie, comme j’en crève comme j’en ris
Me voilà dans le bruit et dans le silence

Ne partez pas, j’vous en supplie restez longtemps
Ça m’sauvera peut-être pas, non
Mais faire sans vous j’sais pas comment
Aimez moi comme on aime un ami qui s’en va pour toujours
J’veux qu’on m’aime parce que moi je sais pas bien aimer mes contours

Voilà, voilà, voilà, voilà qui je suis
Me voilà même si mise à nue c’est fini
Me voilà dans le bruit et dans la fureur aussi
Regardez moi enfin et mes yeux et mes mains
Tout c’que j’ai est ici, c’est ma gueule c’est mon cri
Me voilà, me voilà, me voilà
Voilà, voilà, voilà, voilà

Voilà“

(Wer dem Französischen nicht mächtig ist, der findet hier eine deutsche Übersetzung…)

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages: Steiner & Madlaina – „Groß geträumt“


32215484_1616269905089506_7791170541523566592_o

Fotos: Facebook / Nils Lucas

Es scheint wohl kaum übertrieben, von den Pollinas als die talentierteste Schweizer Musikerfamilie zu schreiben: Zu einen wäre da Pippo Pollina, ein vor allem in der Eidgenossen-Republik (und im italienischen Sprachraum) bekannter Liedermacher, den man in Deutschland wohl am ehesten über seine Zusammenarbeit mit Konstantin Wecker kennen könnte. Zu anderen freilich Julian „Faber“ Pollina, der auch hierzulande mit seinem noch immer fulminanten 2017er Erstlingswerk „Sei ein Faber im Wind“ (damals ANEWFRIENDs „Album des Jahres„) sowie mit dem zwar etwas anders gelagerten, jedoch kaum weniger überzeugenden diesjährigen Nachfolger „I Fucking Love My Life“ und seinem ungewöhnlich bissigen Folkrockpop für Furore sorgt. Da könnte man glatt vergessen, dass seine Schwester Madlaina mit ihrem Duo Steiner & Madlaina ebenso tolle Musik macht. Und das wäre wahrlich schade…

4015698020434.jpgKennengelernt haben sich Nora Steiner und Madlaina Pollina auf dem Pausenhof eines Züricher Gymnasiums, wohnten weniger später auch in einer WG zusammen. Mittlerweile werden die beiden als eine der vielversprechendsten Zukunftshoffnungen der Schweizer Musiklandschaft gehandelt – nicht nur der Schweizer, möchte man schnell hinzufügen… Waren ihre 2015 beziehungsweise 2017 veröffentlichten EPs „Ready To Climb“ und „Speak“ zumeist noch sparsam und zurückhaltend instrumentiert (was wohl auch einem damals noch recht überschaubarem Budget geschuldet sein dürfte), wagen Steiner & Madlaina auf ihrem von Alex Sprave (Mando Diao, We Invented Paris, Me + Marie) produzierten, im vergangenen Jahr erschienenem Debütalbum „Cheers“ den Schritt zu üppigeren Arrangements, die Folk-Pop, Chanson und Rock auf durchaus ungewöhnliche Art und Weise vereinen.

Fünf deutschsprachige, vier englischsprachige und ein in schweizerdeutsch gesungener Titel haben es auf „Cheers“ geschafft, während ihrer Live-Auftritte (in Deutschland spielte das Duo bereits im Vorprogramm von Faber sowie jüngst von Die Höchste Eisenbahn) konfrontieren die beiden das Publikum auch schon mal mit italienischen und griechischen Texten – Multikulti als kultureller Modus Operandi, quasi. Die ersten drei in deutscher Sprache gesungenen Songs versprühen zusätzlich noch eine große Sehnsucht mit melancholischem Unterton, wie man ihn aus französischen Chansons (oder eben den Stücken von Madlainas Bruder) kennt. All das kann einen durchaus trügerisch euphorischen Charakter annehmen, wie man etwa im Refrain von „Wenn du mir glaubst“ hört, oder leicht einen balkan’esken Touch bekommen, wie im Liebesgeschichte-ohne-Anfang-Eröffnungsstück „Ich werd nie gehen“ (auch hier wieder eine kaum überhörbare Parallele zu Faber). In „Prost Hawaii“ indes trifft Vintage-Swing-Schlager-Pop der Siebziger auf Sechzigerjahre-Jingle-Jangle-Surferrock-Charme. „Hold“, der erste englischsprachige Titel, schleicht sich als stimmungsvoller Western-Soundtrack in düsterer-geheimnisvoller Manier an, irgendwann klagt noch eine bluesige Gitarre, zu der Nora Steiner und Madlaina Pollina barmend im Chor singen. Gänsehautmoment? Einer von vielen! „Riot“ hingegen, welches in anderem Arrangement bereits auf der „Speak EP“ zu hören war, gestaltet sich sehr perkussiv und dramatisch, „Das schöne Leben“ mag an seiner Oberfläche zwar als ein zum Tanzen einladender Schunkler erscheinen, ist textlich aber eine nachdenklich-kluge, fast schon schmerzhaft ironische Abrechnung mit der jugendlichen Übeflusskonsumgesellschaft. „Reckless Love“ ist eine anmutig-zarte Dream-Folk-Pop-Nummer und die bewegende Trennungsballade „Groß geträumt“ eskaliert – Highlight! Highlight! – gar in einem fulminanten Rockgitarrensolo. Überbordend und opulent ist dann das Arrangement im Refrain von „Wait For It“, bevor das abschließende, Schwyzerdütsche „Herz vorus id Wand“ den weltfreien Folk-Pop von Zaz evoziert.

Steiner_Madlaina_Credit_Nils_Lucas-2

Steiner & Madlaina überzeugen auf „Cheers“ nicht nur mit ihrem abwechslungsreichen musikalischen Programm, sondern auch und vor allem durch ihre eindringlichen Texte, welche sich kunstvoll zwischen düster und optimistisch, rebellisch und feinfühlig, tiefgründig und trotzdem leicht bewegen und die von Anfang und Abschied, vom Loslassen und Festhalten erzählen. Es geht um Beziehungen, mal als Spiel, mal als Stellungskrieg – und immer gerät der jukeboxene Ritt durch Sprachen, Genres und Kontraste angenehm unromantisch. Neben den gleichsam unüberhörbaren wie wohl unvermeidlichen Einflüssen von Madlainas Bruder Julian „Faber“ Pollina (der den beiden Mittzwanzigerinnen auch ab und zu Musiker seiner Band „leiht“) klingen so – auch das erscheint logisch – auch andere All-Female-Duos wie First Aid Kit oder vor allem BOY an. In ihren besten Momenten tauschen Steiner & Madlaina Fallstricke wie Beliebigkeit und Befindlichkeit gegen durchaus sarkastische Zeitgeist-Spitzen fernab jeder Studentenbude ein. Das Ergebnis ist ein einnehmend nostalgisch-melancholischer Sound, der vor allem den Pollinas wohl im Blut zu liegen scheint. Darauf trinke ich. Cheers!

 

 

„Was bringt mich zum Weinen
Wenn wir beide streiten
Belanglosigkeiten
Bist es du, bin es ich
Oder die Ahnung
Für immer gibt es nicht
Wie lange können wir’s ertragen
Dass wir noch mehr erwarten
Als was wir zusammen wagten

Hast du auch so viele Fragen
Warum konnte ich’s dir nie sagen
Dieses rücksichtsvolle Schweigen
Um nur Zuneigung zu zeigen
Erst hat es was gebracht und uns dann
Kaputt gemacht

Die ganze Zeit
Bis zum letzten Streit
Bis zum letzten Glas
Das du aus Wut zerbrachst
Mit der Suche geboren
Hast du dein Ziel verloren
Während meins von Weitem winkt
Dein Selbstvertrauen sinkt
Bis dahin gut
Nichts zu bereuen
Wir hatten Mut
Um groß zu träumen, uns groß geträumt

Bald bin ich einmal mehr
Nur eine die ich war
Und die allein ins Leben kam
Ich weiß nicht mehr, wie viel was wiegt
Wenn die äußere Entfernung
Nach innen zieht
Wie oft fanden wir zurück
Wie viel hat dir noch gefallen
Bist du zu oft gegangen

Hast du auch so viele Fragen
Warum konnte ich’s dir nie sagen
Dieses rücksichtsvolle Schweigen
Um nur Zuneigung zu zeigen
Erst hat es was gebracht und uns dann

Die ganze Zeit
Bis zum letzten Streit
Bis zum letzten Glas
Das du aus Wut zerbrachst
Mit der Suche geboren
Hast du dein Ziel verloren
Während meins von Weitem winkt
Dein Selbstvertrauen sinkt
Bis dahin gut
Nichts zu bereuen
Wir hatten Mut
Um groß zu träumen, uns groß geträumt
Uns groß geträumt…“

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Zitat des Tages


DobiJJOWsAAkIhD

(via kontrast.at / Twitter)

 

(Charles Aznavour,  22. Mai 1924 – 1. Oktober 2018, armenisch-französischer Chansonnier, Liedtexter, Komponist und Filmschauspieler)

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages: Benjamin Clementine – „River Man“


benjamin-clementine-c2a9sachaheron

Zu Benjamin Clementine möchte ich im Grunde gar nichts mehr sagen. Alles, was notwenig ist, habe ich wohl bereits im Juni in (m)einer Rezension zum noch immer großartigen Debüt „At Least For Now“ vom Stapel gelassen. Kaum ein Album hat mich – so viel steht bereits jetzt, Ende Oktober, fest – im Laufe des aktuellen Musikjahres derart nachhaltig beeindruckt. Und sicherlich wird sich diese Begeisterung wohl auch im Dezember zeigen, wenn es wieder einmal gilt, Jahresbestenlisten zu erstellen. Den Titel der „Entdeckung des Jahres“ hat der gebürtige Londoner und ehemalige Straßenmusiker schonmal inne, soviel ist sicher…

Five_Leaves_LeftDass der 26-jährige talentierte Pianoautodidakt nicht nur ein nahezu unheimliches Gespür für Harmonien und eine große Stimme besitzt, sondern scheinbar auch einen exquisiten Musikgeschmack, ist jedoch neu (aber am Ende kaum verwunderlich). So hat er – nebst naheliegenden Jazz-Größen wie Nina Simone – vor einigen Jahren auch den ewig tollen englischen Trauerweiden-Sänger Nick Drake, welcher bereits 1974 jung verstarb, für sich entdeckt. Passt das? Diese Frage könnte nun beantwortet werden, denn Benjamin Clementine, dieser wunderliche, fein gekleidete Schlacks mit den vielsagenden Augen einer alten Seele, hat sich Drakes wohl schönstes Stück „River Man„, das ursprünglich 1969 auf Nick Drakes Debütwerk „Five Leaves Left“ erschien, zur Brust genommen und ihm seine ganz eigene Note verliehen. Oder wie er auf seiner Facebook-Seite schreibt:

„I hope its not to far fetched. I discovered the song 3 years ago. As i do with interpretations, after listening the song a couple of times i stop then went to my piano a year later trying to tell the story but in my own way.“

 

Hier Clementines „River Man“-Version in der Variante der „Session Très Très Privée“ für den französischen Sender RTL2…

 

…und als aktuelle BBC Radio 2-Version:

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , ,

Das Album der Woche


Benjamin Clementine – At Least For Now (2015)

bc_by_akatre_t1000-erschienen bei Caroline/Barclay/Universal-

Echt jetzt? Wollen die einen etwa für dumm verkaufen? Mittelloser Junge aus *hust* „schwierigen Umständen“, der sich bereits seit Kindestagen – und das nicht nur seiner Hautfarbe wegen – als beflissener, belesener Außenseiter fühlt, flieht erst – von verheißungsvollen Versprechungen und vom Fernweh getrieben – aus dem Zig-Millionen-Einwohner-Molloch der englischen Hauptstadt und nach Paris, von dem er einst so viel las, sich so viel versprach. Dort führt er ein Vagabunden-, ein Herumtreiberdasein, schläft unter Brücken und dem freien Himmel, spielt seine Lieder in Metrostationen und wird dann und dort – endlich – von einem findigen Musikmanager erhört, der ihn alsgleich mit einem Plattenvertrag ausstattet… Was sich liest wie die größte, sich immer und immer wieder wiederkäuende Klischee-Räuberpistole des Pressesprechs, ist
so wohl tatsächlich die (bisherige) Lebensgeschichte von Benjamin Clementine.

Bilder: Micky Clement / Promo

Bilder: Micky Clement / Promo

Der heute 26-Jährige wurde 1988 als fünftes Kind einer ghanaischen Einwandererfamilie im Südlondoner Stadtbezirk Crystal Palace geboren. Einen Großteil seiner Kindheit, die wohl tatsächlich keine einfache war, verbrachte er bei seiner Großmutter in Edmonton im Norden der englischen Hauptstadt. Clementine wurde unter anderem wegen seiner Hautfarbe schikaniert und von seinen Mitschülern gemieden, ja: gemobbt, was er mit häufigem Schulschwänzen beantwortete. Er flüchtete sich in die Welt der Literatur, der Kunst und Musik, befasste sich unter anderem mit den Dichtungen von William Blake und der Bibel und bereicherte damit seinen Wortschatz.

Nachdem Clementine sein Studium der Rechtswissenschaften an die Wand gefahren und sich mit seinem damaligen Mitbewohner verkracht hatte, brach er seine Zelte in London ab. Er flüchtete nach Paris, wo er mehrere Jahre als Obdachloser lebte und unter Brücken schlief, bis er seinen Lebensunterhalt als Straßenkünstler (er spielte etwa in der Pariser Métro Songs auf der Gitarre) sowie als Pianist in Bars und Hotels bestreiten und sich eine Unterkunft in einem Wohnheim im Pariser Künstlerviertel Montmartre leisten konnte. Benjamin begann, eigene Songs zu schreiben und vorzutragen und wurde von einem A&R-Manager entdeckt, der ihn förderte und mit Kontakten versorgte. Die waren es denn auch, die ihm im Jahr 2012 einen Auftritt beim „Festival de Cannes“ ermöglichten, wo er Lionel Bensemoun, einen französischen Medienmogul, kennenlernte. Der war von Benjamin derart begeistert, dass er ihm prompt einen Vertrag beim renommierten französischen Label Barclay Records besorgte. Nach zwei kleineren Ausrufezeichen, die Clementine 2013 und 2014 mit EP-Veröffentlichungen setzten konnte, erscheint nun sein Debütalbum „At Least For Now„. Um eines vorweg zu nehmen: es ist kein Werk zum Nebenbeihören.

Benjamin-Clementine-c-Micky-Clement-664x440

Das wird schon mit dem Eröffnungsstück „Winston Churchill’s Boy“ allzu deutlich. „Nobody knows what’s on this boy’s mind / Nobody knows what he’s been picturing“ – zunächst einzig und allein von (s)einem Piano begleitet, erzählt er die Geschichte von Randolph Churchill, dem einzigen Sohn des großen Staatsmannes, einem Dandy, Trinker, Reporter – und tatsächlich später auch Abgeordneten. Den Schatten des Übervaters wurde er dennoch nie los, und so ist der Song auch eine Fabel, die von allen Söhnen mit starken Vätern handelt: „Don’t you ever judge Winston boy“. In den ersten fünfeinhalb Minuten des Albums nimmt Clementine bereits Vieles vorweg, was in den kommenden zehn Stücken noch kommen wird: die stets unstete Struktur seiner Stücke, die Brüche aufweisen, die der junge Künstler gekonnt mit unerwarteten Stimm- oder Tempowechsel füllt. Hier eilen ihm Streicher zu Hilfe, da huscht ein sacht angeschlagenes Schlagzeug vorbei. Die Mitte, das Zentrum bilden immer Benjamin Clementine und sein Piano. Und wie! Er erzählt bedächtig und staatstragend, er barmt und fleht („Then I Heard A Bachelor’s Cry“), er frohlockt („London“), er greint, er windet sich von den höchsten stimmlichen Höhen hinab in abgrundtiefe Tiefen (und das alles innerhalb weniger Augenblicke – zu hören in „Adios“), er rührt mit Ehrlichkeit, Direktheit und einer Menge Tremolo nicht selten mitten im Herz.

Vor allem die beiden Fixpunkte Paris und London sind auf den Stücken von „At Least For Now“, das Clementine gemeinsam mit dem Produzenten Jonathan Quarmby (u.a. Ziggy Marley, Pretenders, Eagle-Eye Cherry, Sugababes) in der englischen Hauptstadt aufnahm, kaum zu überhören, winden sich doch Größen wie Léo Ferré, Nina Simone, Edith Piaf, Leonard Cohen und Jaques Brel, aber auch Erik Satie, Nick Drake oder Jeff Buckley aus jeder Pore der gut 50 Minuten – kein Wunder, dass sich vor allem die französischen Hörer mit Jubelarien überschlagen. Chanson steht gleichberechtigt neben Jazz, Blues, Gospel, Soul, Kammermusik, Singer/Songwritertum, Neo-Klassik und Neuer Musik, ja sogar einen Spritzer nervöser Dubstep (man höre „Condolence“!) huscht durch die Songs. Benjamin Clementine baut darum seine Erzählungen auf, die mal autobiografische („London“, „Cornerstone“, „Adios“), mal historische („Winston Churchill’s Boy“), mal rein fiktive Ursprünge haben. Und er ist ein ebenso fesselnder Erzähler wie Sänger! Seine Biografie, seine Begabung, seine nicht selten unorthodoxe Herangehensweise an Songwriting und Vortrag lassen an große Künstler der letzten Jahrzehnte denken, wie Rufus Wainwright (ohne den Schwulst) oder Patrick Wolf (in seinen schönsten, berührendsten Momenten), vor allem jedoch an einen: Antony Hegarty. Denn ebenso wie das androgyne Frontwesen von Antony & The Johnsons, dieser scheue Pausbackenpummel mit der Jahrhundertstimme, schafft Benjamin Clementine etwas, was auch tausend Orchester mit Pomp und allerlei Tamtam nicht auszugleichen wissen: er berührt allein schon durch seine Stimme, ohne dass es in diesem Minuten allzu mehr bedarf. Der Abgang in „Gone“ ist ein stiller, ist ein einfach fulminanter: „But it all doesn’t matter anymore / It doesn’t matter / All because I’m here now“.

Freilich werden sie in unseren schnelllebigen schönen neuen Zeiten, in denen Taylor Swifts Outfit bei ter x-ten Preisverleihung mehr Aufmerksamkeit zukommt als ihren Songs (ein zufälliges Beispiel, natürlich), dem Zweimeterschlacks kaum die roten Teppiche ausrollen. Viel zu sehr sind Clementines Songs in einer Zeit verhaftet, in der Qualität alles war, Quantität etwas, dass Schellack nur überfordert hätte. Und obwohl seine Stücke bereits ein kumuliertes Raunen durch den (digitalen) Blätterwald geblasen haben, tastet sich „At Least For Now“ zunächst mit einigen Top-20-Plazierungen (etwa in – natürlich – Frankreich, den Niederladen oder Belgien) an größere Meriten heran. Die große Bühne, die schweren Samtvorhänge, die feine Abendgarderobe – all das hätten seine Songs, die so sehr im Gestern und Heute, in den englischen Nebelschwaden von Edgar Allen Poe wie den flamboyanten Sonnenstrahlen eines Serge Gainsbourg verhaftet sind, sicherlich verdient. Andererseits hätte man die Erzählungen des jungen Mannes, der obendrein aussieht wie Nina Simones geheim gehaltener Sohn, auch gern noch ein wenig ganz für sich – und wenn auch nur für einige intime Augenblicke mehr. Ganz allein für sich – als Geheimtipp, den man guten Freunden beim Weintrinken ans Herz legt. Damit auch sie berührt werden…

arton176036

 

 

Hier gibt’s die Musikvideos zu „Cornerstone“, „Nemesis“ und „Condolence“…

 

…sowie zwei ausführliche Live Sessions von und mit Benjamin Clementine:

 

Und wer ein wenig mehr über den 26-jährigen Vollblut-Musiker erfahren möchte, dem sei dieses Portrait des deutschen „Rolling Stone“ ans Herz gelegt…

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
%d Bloggern gefällt das: