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Zitat des Tages


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(via kontrast.at / Twitter)

 

(Charles Aznavour,  22. Mai 1924 – 1. Oktober 2018, armenisch-französischer Chansonnier, Liedtexter, Komponist und Filmschauspieler)

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Benjamin Clementine – „River Man“


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Zu Benjamin Clementine möchte ich im Grunde gar nichts mehr sagen. Alles, was notwenig ist, habe ich wohl bereits im Juni in (m)einer Rezension zum noch immer großartigen Debüt „At Least For Now“ vom Stapel gelassen. Kaum ein Album hat mich – so viel steht bereits jetzt, Ende Oktober, fest – im Laufe des aktuellen Musikjahres derart nachhaltig beeindruckt. Und sicherlich wird sich diese Begeisterung wohl auch im Dezember zeigen, wenn es wieder einmal gilt, Jahresbestenlisten zu erstellen. Den Titel der „Entdeckung des Jahres“ hat der gebürtige Londoner und ehemalige Straßenmusiker schonmal inne, soviel ist sicher…

Five_Leaves_LeftDass der 26-jährige talentierte Pianoautodidakt nicht nur ein nahezu unheimliches Gespür für Harmonien und eine große Stimme besitzt, sondern scheinbar auch einen exquisiten Musikgeschmack, ist jedoch neu (aber am Ende kaum verwunderlich). So hat er – nebst naheliegenden Jazz-Größen wie Nina Simone – vor einigen Jahren auch den ewig tollen englischen Trauerweiden-Sänger Nick Drake, welcher bereits 1974 jung verstarb, für sich entdeckt. Passt das? Diese Frage könnte nun beantwortet werden, denn Benjamin Clementine, dieser wunderliche, fein gekleidete Schlacks mit den vielsagenden Augen einer alten Seele, hat sich Drakes wohl schönstes Stück „River Man„, das ursprünglich 1969 auf Nick Drakes Debütwerk „Five Leaves Left“ erschien, zur Brust genommen und ihm seine ganz eigene Note verliehen. Oder wie er auf seiner Facebook-Seite schreibt:

„I hope its not to far fetched. I discovered the song 3 years ago. As i do with interpretations, after listening the song a couple of times i stop then went to my piano a year later trying to tell the story but in my own way.“

 

Hier Clementines „River Man“-Version in der Variante der „Session Très Très Privée“ für den französischen Sender RTL2…

 

…und als aktuelle BBC Radio 2-Version:

 

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Benjamin Clementine – At Least For Now (2015)

bc_by_akatre_t1000-erschienen bei Caroline/Barclay/Universal-

Echt jetzt? Wollen die einen etwa für dumm verkaufen? Mittelloser Junge aus *hust* „schwierigen Umständen“, der sich bereits seit Kindestagen – und das nicht nur seiner Hautfarbe wegen – als beflissener, belesener Außenseiter fühlt, flieht erst – von verheißungsvollen Versprechungen und vom Fernweh getrieben – aus dem Zig-Millionen-Einwohner-Molloch der englischen Hauptstadt und nach Paris, von dem er einst so viel las, sich so viel versprach. Dort führt er ein Vagabunden-, ein Herumtreiberdasein, schläft unter Brücken und dem freien Himmel, spielt seine Lieder in Metrostationen und wird dann und dort – endlich – von einem findigen Musikmanager erhört, der ihn alsgleich mit einem Plattenvertrag ausstattet… Was sich liest wie die größte, sich immer und immer wieder wiederkäuende Klischee-Räuberpistole des Pressesprechs, ist
so wohl tatsächlich die (bisherige) Lebensgeschichte von Benjamin Clementine.

Bilder: Micky Clement / Promo

Bilder: Micky Clement / Promo

Der heute 26-Jährige wurde 1988 als fünftes Kind einer ghanaischen Einwandererfamilie im Südlondoner Stadtbezirk Crystal Palace geboren. Einen Großteil seiner Kindheit, die wohl tatsächlich keine einfache war, verbrachte er bei seiner Großmutter in Edmonton im Norden der englischen Hauptstadt. Clementine wurde unter anderem wegen seiner Hautfarbe schikaniert und von seinen Mitschülern gemieden, ja: gemobbt, was er mit häufigem Schulschwänzen beantwortete. Er flüchtete sich in die Welt der Literatur, der Kunst und Musik, befasste sich unter anderem mit den Dichtungen von William Blake und der Bibel und bereicherte damit seinen Wortschatz.

Nachdem Clementine sein Studium der Rechtswissenschaften an die Wand gefahren und sich mit seinem damaligen Mitbewohner verkracht hatte, brach er seine Zelte in London ab. Er flüchtete nach Paris, wo er mehrere Jahre als Obdachloser lebte und unter Brücken schlief, bis er seinen Lebensunterhalt als Straßenkünstler (er spielte etwa in der Pariser Métro Songs auf der Gitarre) sowie als Pianist in Bars und Hotels bestreiten und sich eine Unterkunft in einem Wohnheim im Pariser Künstlerviertel Montmartre leisten konnte. Benjamin begann, eigene Songs zu schreiben und vorzutragen und wurde von einem A&R-Manager entdeckt, der ihn förderte und mit Kontakten versorgte. Die waren es denn auch, die ihm im Jahr 2012 einen Auftritt beim „Festival de Cannes“ ermöglichten, wo er Lionel Bensemoun, einen französischen Medienmogul, kennenlernte. Der war von Benjamin derart begeistert, dass er ihm prompt einen Vertrag beim renommierten französischen Label Barclay Records besorgte. Nach zwei kleineren Ausrufezeichen, die Clementine 2013 und 2014 mit EP-Veröffentlichungen setzten konnte, erscheint nun sein Debütalbum „At Least For Now„. Um eines vorweg zu nehmen: es ist kein Werk zum Nebenbeihören.

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Das wird schon mit dem Eröffnungsstück „Winston Churchill’s Boy“ allzu deutlich. „Nobody knows what’s on this boy’s mind / Nobody knows what he’s been picturing“ – zunächst einzig und allein von (s)einem Piano begleitet, erzählt er die Geschichte von Randolph Churchill, dem einzigen Sohn des großen Staatsmannes, einem Dandy, Trinker, Reporter – und tatsächlich später auch Abgeordneten. Den Schatten des Übervaters wurde er dennoch nie los, und so ist der Song auch eine Fabel, die von allen Söhnen mit starken Vätern handelt: „Don’t you ever judge Winston boy“. In den ersten fünfeinhalb Minuten des Albums nimmt Clementine bereits Vieles vorweg, was in den kommenden zehn Stücken noch kommen wird: die stets unstete Struktur seiner Stücke, die Brüche aufweisen, die der junge Künstler gekonnt mit unerwarteten Stimm- oder Tempowechsel füllt. Hier eilen ihm Streicher zu Hilfe, da huscht ein sacht angeschlagenes Schlagzeug vorbei. Die Mitte, das Zentrum bilden immer Benjamin Clementine und sein Piano. Und wie! Er erzählt bedächtig und staatstragend, er barmt und fleht („Then I Heard A Bachelor’s Cry“), er frohlockt („London“), er greint, er windet sich von den höchsten stimmlichen Höhen hinab in abgrundtiefe Tiefen (und das alles innerhalb weniger Augenblicke – zu hören in „Adios“), er rührt mit Ehrlichkeit, Direktheit und einer Menge Tremolo nicht selten mitten im Herz.

Vor allem die beiden Fixpunkte Paris und London sind auf den Stücken von „At Least For Now“, das Clementine gemeinsam mit dem Produzenten Jonathan Quarmby (u.a. Ziggy Marley, Pretenders, Eagle-Eye Cherry, Sugababes) in der englischen Hauptstadt aufnahm, kaum zu überhören, winden sich doch Größen wie Léo Ferré, Nina Simone, Edith Piaf, Leonard Cohen und Jaques Brel, aber auch Erik Satie, Nick Drake oder Jeff Buckley aus jeder Pore der gut 50 Minuten – kein Wunder, dass sich vor allem die französischen Hörer mit Jubelarien überschlagen. Chanson steht gleichberechtigt neben Jazz, Blues, Gospel, Soul, Kammermusik, Singer/Songwritertum, Neo-Klassik und Neuer Musik, ja sogar einen Spritzer nervöser Dubstep (man höre „Condolence“!) huscht durch die Songs. Benjamin Clementine baut darum seine Erzählungen auf, die mal autobiografische („London“, „Cornerstone“, „Adios“), mal historische („Winston Churchill’s Boy“), mal rein fiktive Ursprünge haben. Und er ist ein ebenso fesselnder Erzähler wie Sänger! Seine Biografie, seine Begabung, seine nicht selten unorthodoxe Herangehensweise an Songwriting und Vortrag lassen an große Künstler der letzten Jahrzehnte denken, wie Rufus Wainwright (ohne den Schwulst) oder Patrick Wolf (in seinen schönsten, berührendsten Momenten), vor allem jedoch an einen: Antony Hegarty. Denn ebenso wie das androgyne Frontwesen von Antony & The Johnsons, dieser scheue Pausbackenpummel mit der Jahrhundertstimme, schafft Benjamin Clementine etwas, was auch tausend Orchester mit Pomp und allerlei Tamtam nicht auszugleichen wissen: er berührt allein schon durch seine Stimme, ohne dass es in diesem Minuten allzu mehr bedarf. Der Abgang in „Gone“ ist ein stiller, ist ein einfach fulminanter: „But it all doesn’t matter anymore / It doesn’t matter / All because I’m here now“.

Freilich werden sie in unseren schnelllebigen schönen neuen Zeiten, in denen Taylor Swifts Outfit bei ter x-ten Preisverleihung mehr Aufmerksamkeit zukommt als ihren Songs (ein zufälliges Beispiel, natürlich), dem Zweimeterschlacks kaum die roten Teppiche ausrollen. Viel zu sehr sind Clementines Songs in einer Zeit verhaftet, in der Qualität alles war, Quantität etwas, dass Schellack nur überfordert hätte. Und obwohl seine Stücke bereits ein kumuliertes Raunen durch den (digitalen) Blätterwald geblasen haben, tastet sich „At Least For Now“ zunächst mit einigen Top-20-Plazierungen (etwa in – natürlich – Frankreich, den Niederladen oder Belgien) an größere Meriten heran. Die große Bühne, die schweren Samtvorhänge, die feine Abendgarderobe – all das hätten seine Songs, die so sehr im Gestern und Heute, in den englischen Nebelschwaden von Edgar Allen Poe wie den flamboyanten Sonnenstrahlen eines Serge Gainsbourg verhaftet sind, sicherlich verdient. Andererseits hätte man die Erzählungen des jungen Mannes, der obendrein aussieht wie Nina Simones geheim gehaltener Sohn, auch gern noch ein wenig ganz für sich – und wenn auch nur für einige intime Augenblicke mehr. Ganz allein für sich – als Geheimtipp, den man guten Freunden beim Weintrinken ans Herz legt. Damit auch sie berührt werden…

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Hier gibt’s die Musikvideos zu „Cornerstone“, „Nemesis“ und „Condolence“…

 

…sowie zwei ausführliche Live Sessions von und mit Benjamin Clementine:

 

Und wer ein wenig mehr über den 26-jährigen Vollblut-Musiker erfahren möchte, dem sei dieses Portrait des deutschen „Rolling Stone“ ans Herz gelegt…

 

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