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Das Album der Woche


Tristan Brusch – Am Rest (2021)

-erschienen bei BDKA/Kontor-

Dass ich im Fall von Tristan Brusch etwas spät zur Jubelarienfeier stoße, hat sicherlich ein, zwei schnöde Gründe: Auch mein Tag hat nur 24 Stunden (von denen knapp zwei Drittel schonmal für den vermaledeiten Broterwerb und ein paar Stündchen Nachtschlaf draufgehen), von daher – ich geb’s offen zu, ist ja nunmal so – widme ich nicht jeder neuen kunstschaffenden Seele im ersten Moment die Zeit, die sie vielleicht verdient hätte. Oft reichen zwei Blicke auf Pressefotos und ins neuste Musikvideo, um eine erste Entscheidung hinsichtlich der Frage treffen zu können: „Isses was für den ANEWFRIEND oder eben nicht?“. Bei ebenjenem Tristan Brusch fällte ich das (vor)schnelle Urteil, dass es sich bei jenem – freilich im urbanen Berlin beheimateten – Künstler, der vor allem im vergangenen Jahr vom bundesdeutschen Feuilleton hochgejubelt wurde, um einen jener Gattung handelt, die vor nicht allzu langer Zeit von der von mir mit Inbrunst verhassten SPEX gefeiert und mit neongrellem Konfetti beworfen worden wären. Optisch eine Mischung aus Klaus Kinski und Lars Rudolph, tritt der 34-jährige Musiker in seinen aktuellen Musikvideos im weiß-gilbigen Wallekleid auf, haut sich mal eine Maskerade ins Antlitz, welche selbst den Einstürzenden Neubauten das Fürchten gelehrt hätte, trällert seine mit derbem Wortgut gespickten Liedchen auf einer Leiter in der Landschaft oder lässt sich in voller Kleidermontur im See treiben. L’art pour l’art. Kunstscheiße. In jedem Fall: nicht mein Fall. Ganz ähnlich wie Tocotronic: mag anderen die Freudentränen ins strahlende Gesicht treiben, während ich’s nicht kapiere. Nun jedoch habe ich dem Mann, der 1988 in Gelsenkirchen zur Welt kam und dem die Musikalität quasi in die Wiege gelegt wurde (der Vater ist berufsmäßiger klassischer Violinist, die Mutter nicht-professionelle Pianistin), noch einmal eine faire Chance gegeben: Und siehe da: Mea culpa und Asche auf mein Haupt – es hat sich gelohnt, denn vor allem sein neustes Album „Am Rest“ ist ein ebenso intensiver Seelenwärmer wie verdammt großartig.

Ein anderer erster Eindruck bestätigt sich jedoch auch bei genauerem Hinhören und -sehen: Tristan Brusch ist der Inbegriff des komischen Kauzes. Ein Sonderling, ein merkwürdiger Zeitgenosse, der mit seinen teils skurrilen Beobachtungen wahlweise Kopfschütteln oder amüsierte Bewunderung hervorruft. Auf seinen Alben beschäftigt er sich intensiv mit der Lächerlichkeit des Seins, seines eigenen und das seiner gehassliebten Mitmenschen, inklusive erkrankter Lebens- und Liebesbeziehungen. Doch wo der 2018 erschienene Vorgänger „Das Paradies“ (bei welchem man sich keineswegs vor dezent schlager’esken Coverartwork abschrecken lassen sollte) noch recht bunt, von Instrumentarium und Synthies vollgestopft und insgesamt irgendwo zwischen Kirmespop und Kleinkunst geriet, tönen die neuen Stücke verdammt „monochrom“. Dies mag einerseits an der nicht eben quietschvergnügten Thematik der Stücke liegen, andererseits an dem simplen Fakt, dass Brusch die Gunst der Corona-Pandemie nutzte, und alle Songs gemeinsam mit Produzent Tim Tautorat (AnnenMayKantereit, Turbostaat, Tocotronic, Faber) und Band live in den altehrwürdigen Berliner Hansa-Studios aufnahm, nachdem „eine sehr berühmte deutsche Band Corona-bedingt abgesprungen war“. Für den Sound dieses Albums gab es daher kein Nachbessern, keinen Wunsch nach Perfektion. Stattdessen bieten die Songs unverfälschte Momentaufnahmen, im Text ebenso wie im Ton.

„Zwei Wunder am Tag“ heißt der Einsteiger der Platte, der mit einer einsamen Gitarre beginnt und zunächst superduper entspannt wirkt – darauf ’nen Mate-Tee? Nee, besser nicht. Brusch besingt das Leben und die Tristesse des grauen Alltags, welche wiederum dazu führt, dass wir alle uns tagein, tagaus nach ein wenig mehr sehnen. Und kaum hat man sich so richtig an die heimelige Singer/Songwriter-Atmosphäre gewöhnt, bricht der Refrain herein: Schreiend, laut, wütend, verzerrt und vulgär – und dann eben noch mit den drastisch gewählten Worten „Herein, herein, herein, immer alles in die Fressfotze rein!“. Ein auf Konsumkritik getrimmter Ausbruch und so ziemlich all das, was man gerade nicht erwartet hat. Eine Minute und 52 Sekunden dauert es, bis Tristan Brusch zum ersten Mal beweist: Ihr habt keine Ahnung, was hier noch auf euch zukommt… Er wird recht behalten.

Fotos: Promo / Steffi Rettinger

Zwar nicht ganz so wechselhaft, jedoch ähnlich gut gerät auch das leicht verträumte „Der Abschaum“, welches das Außenseiterdasein behandelt und musikalisch an Marlene Dietrich, meinetwegen auch an Jaques Brel oder an eine Art deutschen Scott Walker erinnert. Isses noch Chanson? In jedem Fall piefiger kein deutscher Rock! Tatsächlich sieht sich der Wahl-Berliner als die männliche Version von Ikone Dietrich, wie man in seiner Insta-Bio nachlesen konnte. Und das Lied selbst könnte man im Kosmos des Albums fast als „leichtfüßig“ bezeichnen, folgen um es herum doch ziemlich schwere Brocken. Das bittersüße Titelstück „Am Rest“ etwa. Selbiges beschreibt anhand todtrauriger Bilder den Zerfall einer Beziehung, bei der sich die Gemeinsamkeit nur noch durch die vermeintlich glückliche Vergangenheit ausdrückt und darin, dass man weiß, wie der oder die andere seinen – oder eben ihren – Chai trinkt (zwei Zucker). Auch „Ein Wort“ behandelt die Sprachlosigkeit und Enttäuschung, wenn alles gesagt scheint, „So weit weg“ unser aller zwanghafte Suche nach dem Glück und das Scheitern dabei. In „Schönleinstraße“ – laut Aussage das einzige nicht autobiografische Stück der Platte – wählt Brusch einen Obdachlosen als Erzähler, heimlich verliebt in die morgendliche Pendlerin und verzweifelt auf der Suche nach dieser einen letzten Chance, denn: „Mit mir ist doch nichts falsch, was bisschen Geld nicht richten kann“. In „Krone der Schöpfung“ packt der Sänger seine ganze Abscheu gegen unsere Spezies in die Zeilen, die plötzlich aufflammende Wut und der an „Lost Highway“ erinnernde Free Jazz wirken in solch einem manischen Rollenspiel durchaus beängstigend. Überhaupt muss man bei Brusch manches Mal an den Rattenfänger von Hameln denken: Man weiß, dass es nicht gut ausgehen wird, aber man kann sich seinem Bann partout nicht entziehen und tappt nahezu blind ins Verderben. Er wählt für Gefühle die passenden Worte und wird dabei drastisch und ungemütlich, etwa wenn er in „SM Jugend“ eine kranke Teenager-Liebesbeziehung beschreibt: „Deine Haut konnt‘ manchmal jucken / Du hast gesagt, jetzt helfen deine Klingen / Und ich wollte ficken / Süße Energie“. Das Lied bildet den Auftakt einer schicksalhaften Begegnung. In „Einer liebt immer mehr“ geht es um den aufziehenden Kontrollverlust, und das ganze Unglück kumuliert in „2006“, der fast logischen Konsequenz einer selbstzerstörerischen Existenz. Am Ende geschieht nämlich recht selten ein Wunder: „2006 haben wir uns geküsst / Haben wir noch lange nicht gewusst, was wirklich wichtig ist / Und Du warst noch lange, lange, lange, lang nicht tot…“ Zwar melancholisch, aber dennoch entschlossen erzählt Brusch hier von einer Person, die er liebte und die ihn liebte – bis zu dem Tag, an dem sie sich das Leben nahm. Ein herzzerreißendes Lebewohl, ein dicker, Song gewordener Kloß im Hals, welcher glücklicherweise vom abschließenden „Das Leben ist so schön“ noch ein wenig gen Versöhnlichkeit aufgelockert wird. Mit Jahreszahlen versehen erzählt er im Abriss aus seinen ersten 13 Lebensjahren: 1988 in Gelsenkirchen via Kaiserschnitt geboren. 1991 in Dänemark im Wohnwagen gelebt, während die Eltern dort Konzerte spielten. 1995 zurück in Tübingen, wo man als Kind mal eine tote Ratte vergraben oder die Hausaufgaben nicht gemacht hat. 2001 wird dann die erste Zigarette geraucht. In seiner Einfachheit, mit dieser Breite an Identifikationsfläche (allem Persönlichen zum Trotz), mit dieser Nähe am Leben und Alltag erinnert Brusch da nicht zum ersten Mal an große deutsche Liedermacher-Namen wie Reinhard Mey, Sven Regener oder Rio Reiser – nur eben eher mit etwas Klarem, Hochprozentigem in der Tasse anstatt des Kaffees oder grünen Tees…

Am Rest“ ist eine Ode an die Vergänglichkeit der Dinge und die Akzeptanz des Verlusts. „Am Rest“ ist aber auch die Einsicht, dass all der Zerfall und die Probleme um uns herum zwar ernst sind, trotzdem aber nichts daran ändern, dass selbst aus Schlechtem und Monochrom-grauem Freude und Glück entstehen können. Ohne das Hässliche kann das Schöne kaum existieren – was nach banalem Kalenderspruch müffeln mag, wird hier mit neuer Bedeutung gefüttert. Es ist zum Heullachen. Wer also mag, darf Tristan Brusch ebenso als Bruder im Geiste eines Gisbert zu Knyphausen („Die Welt ist grässlich und wunderschön.“) sehen wie eines Faber, denn wer die beiden fulminanten Alben des Schweizer Musikers gehört hat und hier keine textlichen wie musikalischen Parallelen feststellen kann, der sollte bei beiden noch einmal genauer hinhören. Und ganz ähnlich wie jener Julian „Faber“ Pollina braucht auch Tristan Brusch weder starre Genre-Schubladen noch massentaugliche Texte, um vor allem mit diesem Album zu beweisen, dass er längst verstanden hat, wie man ein Publikum in seinen Bann zieht. Zugegeben, für so ein herbstliches, wohlmöglich sogar tiefwinterlich gefärbtes Album muss man offen und bereit sein, und wer auf pathetischen Weltschmerz per se keinen Bock hat, wird vermutlich auch höchstens mit einem Bruchteil der Songs glücklich. Wer sich hingegen auf ebendiese Welt einlässt, hat die Chance, mit „Am Rest“ eines der beeindruckendsten, ganz und gar nicht oberflächlichen Alben des Jahres des vergangenen Musikjahres zu entdecken. Und, wie bei mir: lieber etwas spät als nie.

Rock and Roll.

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Sunday Listen: Karl die Große – „Was wenn keiner lacht“


Fotos: Promo / Marco Sensche

Man stolpert nicht nur über den etwas ungelenken Bandnamen Karl die Große, auch das im Februar erschienene zweite Album “Was wenn keiner lacht” tönt oft genug irritierend – im besten Sinne. Wer denn unbedingt eine Schublade benötigt, der darf die sechsköpfige Band aus Leipzig gern unter „Indie Pop“ einordnen, doch eigentlich ist da viel mehr – Songwriter-Folk mit Elementen aus Jazz, Chanson oder Hip Hop etwa. Was einem jedoch zuerst ins Ohr fällt, ist der tolle Sound, der beinahe live sowie durchgehend druckvoll und akzentuiert klingt – kaum verwunderlich, schließlich erarbeitet sich das vor etwa acht Jahren ins Leben gerufene sächsische Kollektiv alle Stücke gemeinsam. Allein das Plattenknistern im Opener “Das dicke Mädchen hat es den Berg hoch geschafft”, die Beats und das satte Klavier sind schon zu Beginn wahre Ohrenschmeichler, welche von der glasklaren, samtenen Stimme von Sängerin und Songschreiberin Wencke Wollny nur noch runder gemacht werden…

Und Indie Pop hin oder her – Karl die Große teilen so einige Fragen mit allen, die ihnen ein Ohr leihen. Fragen, mit denen man sich möglicherweise selbst schon auseinandergesetzt hat. Aber auch: Perspektiven, die man bisher noch nicht bedacht hat. So werden beispielsweise in der biografischen Eröffnungsnummer falsche Vorbilder und Erwartungshaltungen sowie gesellschaftlich befeuerte Selbstzweifel kraftvoll niedergesungen. Doch ungeachtet der Tatsache, dass viele der Texte aus ihrem Alltag stammen, ist es Wenke Wollny ebenso wichtig, gesellschaftliche Metaebenen in die Lieder einzuziehen – und so ist „das dicke Mädchen“ eben nicht nur ein Song über erfahrenen Spott und Missachtung. Die Sängerin erklärt es wie folgt: „In dem Lied ging es mir auch darum, zu gucken, wie mit Frauen umgegangen wird, die etwas erreicht haben. Da gibt es dann die Boulevardpresse, in der es darum geht, wer jetzt wieviel ab- und zugenommen hat. Und dann gibt es die Politikerin, wo es dann doch wichtig ist, in welchem Outfit sie aufgetreten ist.“ All das stecke in den Songs. Diese textlichen Schichtungen sind – gerade im Vergleich zum kaum schlechteren 2017er Vorgängeralbum „Dass ihr Superhelden immer übertreibt“ – definitiv eine neue Qualität im Songwriting der Band. Genau dieser Stil macht die Songs glaubwürdig und lässt sie unverfälscht klingen. Ähnlich versiert und clever wie beim „dicken Mädchen“ geht das Sextett, zu dem neben Wollny noch Antonia Hausmann, Christian Dähne, Clemens Litschko, Simon Kutzner und Yoann Thicé gehören, im gleichsam gesellschaftskritischen „Generation A“ mit der Frage nach einer gesunden Kommunikation der Generationen um oder erteilt in „Allesgönner“ den „Allesgönnern unserer Zeit“ eine popmusikalische Abfuhr. Die schlaue Erzählkunst auf „Was wenn keiner lacht“ – das oft beschworene Narrativ guter Popmusik – findet auf diesem Album bestenfalls einen echten Wohlfühlort.

Auch mit recht bekannten Namen können Karl die Große anno 2021 aufwarten. Mehr sogar: Sowohl das Feature mit Fatoni im sphärischen “On My Side” als auch jenes mit Maeckes im klangschalenartigen “1000k” ist gelungen. Die beiden aus dem Hip Hop stammenden Musiker bewegen sich zudem eher auf Wollny und Co. zu und brechen angenehm aus ihren gewohnten Mustern aus. Auch die Kooperation mit Franceso Wilking (Ex-Tele, Die Höchste Eisenbahn) bei „Du bist noch nicht da“ ist eine Bereicherung, zu der man sich gegenseitig umschlungen über die Indie-Tanzfläche schieben kann. Das poppige “Gefällt” hat das Zeug, um sich mit seinem nachhallenden Refrain und der leicht zugänglichen, offenen Komposition unbemerkt ins Formatradio schmuggeln. Und um es der Hörerschaft, welche wohl sonst vielmehr weibliche Deutschpop-Stimmen à la Nena, Sarah Connor oder Silbermond präferiert, leicht zu machen, wird sogar euphorisch in die Hände geklatscht. Ob jene Allerweltspop-Ohren dann mit dem Rest von “Was wenn keiner lacht” zufrieden sein dürften, sei freilich dahingestellt… In eine recht ähnliche Kerbe schlägt auch die Single „Heute Nacht“, in welcher die Band Synthies und Beats gegen Western-Gitarren tauscht und sich von simplen Alibi-Drums begleitet langsam gen Hook treiben lässt. Diese grenzt sich zwar dadurch, dass sie im Vergleich zur Strophe recht ruhig ist, vom typischen Radio-Pop ab, wiederholt jedoch trotzdem so uninspirierte Textzeilen wie „Ja, Ja, Ja / Dass ich dir dieses Lied nie gesungen hab„. Tut nicht weh – und würde daher auch jeder 50-jährigen Vorstadt-Mutti, die seit zwei Dekaden die immergleichen Amy MacDonald- und Element Of Crime-CDs rotieren lässt, gefallen. Aber noch immer tausend Mal besser als all dieser gräßliche, seelenfrei auf urban-hippen Zeitgeist getrimmte Mia-Elektro-Pop.

Zu einem der heimlichen Hits des Albums mutiert – neben dem persönlichen „Immer immer“ – das bereits erwähnte clevere “Allesgönner”. Hier legen Karl die Große brummende Flächen und einen beschwingten Beat vor, während Wencke Wollny sich im Refrain vom Song ausklinkt, über ihm zu schweben und von außen darauf zu blicken scheint. Nicht selten erinnert sie dabei an Inga Humpe und deren Leichtigkeit, nicht nur in “Spinnweben am Geländer”. Ein ausformuliertes Gefühl und trotz – oder gerade wegen – der Kürze und Wiederholung bewegend. Manch anderen, der sich noch keine Sorgen ums graue Haupthaar machen muss, mag ihre Stimme an eine Melange aus Billie Eilish, Kat Frankie und Sophie Hunger erinnern. Der Gesang wirkt so nah, dass man Wollny neben sich wähnt. Abgesehen von ihrer auffallend schönen Klangfarbe ist auch das einmal mehr der bemerkenswerten Produktion zuzuschreiben.

Ein paar Wermutstropfen gibt es dennoch, denn nach (s)einem durchaus fulminanten Start, aus welchem sich hier und da ein bisschen vom Geist von Wir sind Helden raushören lässt, fällt “Was wenn keiner lacht” leider etwas ab und verliert sich ein ums andere Mal im Singer/Songwriter-Pop – was letztendlich auch einfach an der Spieldauer von 55 Minuten liegen mag oder daran, dass sich manche Songs dann von der Tonalität her einfach zu sehr ähneln. Und wer sich 2021 – zumindest in physischer Form – noch über einen Hidden Track freut, ist auch recht unklar… Natürlich ist das Krittelei auf recht hohem Niveau. Dennoch: Schade, denn eigentlich entwickelt das Album gerade in den ersten beiden Dritteln eine durchaus packende Dynamik. Trotzdem wünscht man der Leipziger Band, dass sie, ihre Stücke und ihre Botschaften in Zukunft ein größeres Publikum erreichen, denn ebenso wie der in jedem Fall empfehlenswerte Erstling schillert auch das Zweitwerk, welches die Band via Crowdfunding (vor)finanziert hatte, in so vielen unterschiedlichen Farben und ist so detailliert instrumentiert, dass sich da sicher jede(r) etwas für sich heraus picken kann.

Auch toll: Die „MDR Club-Session“ der Band aus dem Leipziger UT Connewitz, die man hier in der Mediathek findet…

Rock and Roll.

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Song des Tages: Barbara Pravi – „Voilà“


Barbara Pravi trat mit ihrem Song „Voilà“ beim 65. Eurovision Songcontest für ihr Heimatland Frankreich an und gehörte damit bereits von Anfang an zu den großen Favorit*innen des Wettbewerbs. Im Finale in Rotterdam vor zwei Tagen konnte sie zwar die Fachjurys der Teilnehmerländer für sich gewinnen, beim europäischen Publikum durfte jedoch vor allem die italienische Glamrock-Band Måneskin abräumen, welche sich am Ende des Abends mit ihrem Song „Zitti e buoni“ auch den Sieg holte. Für Pravi, der nicht wenige wohl den Sieg ebenso gewünscht wie gegönnt haben dürften, sprang dennoch ein toller zweiter Platz heraus – aber das war noch längst nicht alles. Bereits einige Stunden nach dem großen ESC-Finale kletterte „Voilà“ an die Spitze vieler europäischer Charts, so unter anderem auch in Deutschland.

Die 27-jährige Pariser Sängerin mit serbischen und iranischen Wurzeln, die so vielfältige Künstler*innen wie Barbara, Jacques Brel, Georges Brassens, Françoise Hardy oder Louis Aragon zu ihren Einflüssen zählt, konnte in den letzten Jahren vor allem in ihrer französischen Heimat mit Songs wie „Je sers“, „Louis“ oder „Pas grandir“ Fans für sich gewinnen. Ihre Karriereanfänge lesen sich allerdings doch schon etwas klischee’esker: So sang sie im Januar 2016 „On m’appelle Heidi“ für die französische Version des Films „Heidi„, der im selben Jahr in den dortigen Kinos anlief. Ihren ersten Plattenvertrag hatte sie da schon in der Tasche. Danach erhielt Pravi die Rolle der Solange Duhamel im Musical „Un été 44„. Wen wundert’s, dass sie vor allem für ihre stimmliche Darbietung äußerst positive Kritiken erhielt… Dennoch bewahrt sich die kreative Chanteuse, die in der Vergangenheit bereits auch als Songwriterin für Musiker wie Yannick Noah, Julie Zenatti, Chimène Badi, Angélina Nava oder Jaden Smith (ja, der Sohn vom Smith-Will) tätig war, Eigenständigkeit wie Eigenwilligkeit. Sie schreibt ihre Texte zumeist selbst und lehnt diese nicht selten an wahre Begebenheiten an. So handelt beispielsweise „Deda“ von der Geschichte ihrer Familie oder „CHAIR“ von einer Abtreibung. Fürwahr nicht eben leichte Pop-Alltagskost…

Beim ESC 2021 nun also zeigte sie sich der ganzen (Musik)Welt. „Voilà“ – Das ist Barbara Pravi! (Übrigens ist ihr der ESC nicht gänzlich fremd, denn die Musikerin hat den Song “J’imagine” mitgeschrieben, mit dem die Sängerin Valentina im vergangenen Jahr den „Junior Eurovision Song Contest“ gewann.) Mit ihrem Stück, welches an die ganz Großen des modernen Chanson française wie etwa die ewige Edith Piaf erinnert, stach sie auch ohne jegliches Show-Tam-tam aus der bunten, breit gefächerten Vielzahl der 26 Teilnehmer hervor. Nicht, weil ihr Lied so gnadenlos perfekt durchproduziert, so poppig-eingängig gewesen wäre (in diesem Punkt taten sich eher Litauen oder Griechenland hervor). Jedoch vielmehr, weil Pravi den gemeinsam mit zusammen Igit und Lili Poe geschriebenen Song mit einer Leidenschaft vortrug, bei der ihr das Chanson gewordene Herzblut aus jeder Wuschelfisur-Faser, jeder Pore drang – da musste man nicht einmal den (zugegebenermaßen durchaus formidablen) französischen Text verstehen, um das Herzeleid zwischen den Zeilen fühlen zu können. Und auch wenn ihre bisherigen drei Alben – aller künstlerischen Vielfalt, allem Anspruch zum Trotz – bisher wenige Stücke einer ähnlich berührenden Güteklasse bieten, so sollte man Barbara Pravi in Zukunft auf dem Schirm haben und durchaus gespannt auf weitere Einblicke in das Herz der jungen Französin sein…

„Écoutez moi
Moi la chanteuse à demi
Parlez de moi
À vos amours, à vos amis
Parler leur de cette fille aux yeux noirs et de son rêve fou
Moi c’que j’veux c’est écrire des histoires qui arrivent jusqu’à vous
C’est tout

Voilà, voilà, voilà, voilà qui je suis
Me voilà même si mise à nue j’ai peur, oui
Me voilà dans le bruit et dans le silence

Regardez moi, ou du moins ce qu’il en reste
Regardez moi, avant que je me déteste
Quoi vous dire, que les lèvres d’une autre ne vous diront pas
C’est peu de chose mais moi tout ce que j’ai je le dépose là, voilà

Voilà, voilà, voilà, voilà qui je suis
Me voilà même si mise à nue c’est fini
C’est ma gueule c’est mon cri, me voilà tant pis
Voilà, voilà, voilà, voilà juste ici
Moi mon rêve mon envie, comme j’en crève comme j’en ris
Me voilà dans le bruit et dans le silence

Ne partez pas, j’vous en supplie restez longtemps
Ça m’sauvera peut-être pas, non
Mais faire sans vous j’sais pas comment
Aimez moi comme on aime un ami qui s’en va pour toujours
J’veux qu’on m’aime parce que moi je sais pas bien aimer mes contours

Voilà, voilà, voilà, voilà qui je suis
Me voilà même si mise à nue c’est fini
Me voilà dans le bruit et dans la fureur aussi
Regardez moi enfin et mes yeux et mes mains
Tout c’que j’ai est ici, c’est ma gueule c’est mon cri
Me voilà, me voilà, me voilà
Voilà, voilà, voilà, voilà

Voilà“

(Wer dem Französischen nicht mächtig ist, der findet hier eine deutsche Übersetzung…)

Rock and Roll.

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Song des Tages: Steiner & Madlaina – „Groß geträumt“


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Fotos: Facebook / Nils Lucas

Es scheint wohl kaum übertrieben, von den Pollinas als die talentierteste Schweizer Musikerfamilie zu schreiben: Zu einen wäre da Pippo Pollina, ein vor allem in der Eidgenossen-Republik (und im italienischen Sprachraum) bekannter Liedermacher, den man in Deutschland wohl am ehesten über seine Zusammenarbeit mit Konstantin Wecker kennen könnte. Zu anderen freilich Julian „Faber“ Pollina, der auch hierzulande mit seinem noch immer fulminanten 2017er Erstlingswerk „Sei ein Faber im Wind“ (damals ANEWFRIENDs „Album des Jahres„) sowie mit dem zwar etwas anders gelagerten, jedoch kaum weniger überzeugenden diesjährigen Nachfolger „I Fucking Love My Life“ und seinem ungewöhnlich bissigen Folkrockpop für Furore sorgt. Da könnte man glatt vergessen, dass seine Schwester Madlaina mit ihrem Duo Steiner & Madlaina ebenso tolle Musik macht. Und das wäre wahrlich schade…

4015698020434.jpgKennengelernt haben sich Nora Steiner und Madlaina Pollina auf dem Pausenhof eines Züricher Gymnasiums, wohnten weniger später auch in einer WG zusammen. Mittlerweile werden die beiden als eine der vielversprechendsten Zukunftshoffnungen der Schweizer Musiklandschaft gehandelt – nicht nur der Schweizer, möchte man schnell hinzufügen… Waren ihre 2015 beziehungsweise 2017 veröffentlichten EPs „Ready To Climb“ und „Speak“ zumeist noch sparsam und zurückhaltend instrumentiert (was wohl auch einem damals noch recht überschaubarem Budget geschuldet sein dürfte), wagen Steiner & Madlaina auf ihrem von Alex Sprave (Mando Diao, We Invented Paris, Me + Marie) produzierten, im vergangenen Jahr erschienenem Debütalbum „Cheers“ den Schritt zu üppigeren Arrangements, die Folk-Pop, Chanson und Rock auf durchaus ungewöhnliche Art und Weise vereinen.

Fünf deutschsprachige, vier englischsprachige und ein in schweizerdeutsch gesungener Titel haben es auf „Cheers“ geschafft, während ihrer Live-Auftritte (in Deutschland spielte das Duo bereits im Vorprogramm von Faber sowie jüngst von Die Höchste Eisenbahn) konfrontieren die beiden das Publikum auch schon mal mit italienischen und griechischen Texten – Multikulti als kultureller Modus Operandi, quasi. Die ersten drei in deutscher Sprache gesungenen Songs versprühen zusätzlich noch eine große Sehnsucht mit melancholischem Unterton, wie man ihn aus französischen Chansons (oder eben den Stücken von Madlainas Bruder) kennt. All das kann einen durchaus trügerisch euphorischen Charakter annehmen, wie man etwa im Refrain von „Wenn du mir glaubst“ hört, oder leicht einen balkan’esken Touch bekommen, wie im Liebesgeschichte-ohne-Anfang-Eröffnungsstück „Ich werd nie gehen“ (auch hier wieder eine kaum überhörbare Parallele zu Faber). In „Prost Hawaii“ indes trifft Vintage-Swing-Schlager-Pop der Siebziger auf Sechzigerjahre-Jingle-Jangle-Surferrock-Charme. „Hold“, der erste englischsprachige Titel, schleicht sich als stimmungsvoller Western-Soundtrack in düsterer-geheimnisvoller Manier an, irgendwann klagt noch eine bluesige Gitarre, zu der Nora Steiner und Madlaina Pollina barmend im Chor singen. Gänsehautmoment? Einer von vielen! „Riot“ hingegen, welches in anderem Arrangement bereits auf der „Speak EP“ zu hören war, gestaltet sich sehr perkussiv und dramatisch, „Das schöne Leben“ mag an seiner Oberfläche zwar als ein zum Tanzen einladender Schunkler erscheinen, ist textlich aber eine nachdenklich-kluge, fast schon schmerzhaft ironische Abrechnung mit der jugendlichen Übeflusskonsumgesellschaft. „Reckless Love“ ist eine anmutig-zarte Dream-Folk-Pop-Nummer und die bewegende Trennungsballade „Groß geträumt“ eskaliert – Highlight! Highlight! – gar in einem fulminanten Rockgitarrensolo. Überbordend und opulent ist dann das Arrangement im Refrain von „Wait For It“, bevor das abschließende, Schwyzerdütsche „Herz vorus id Wand“ den weltfreien Folk-Pop von Zaz evoziert.

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Steiner & Madlaina überzeugen auf „Cheers“ nicht nur mit ihrem abwechslungsreichen musikalischen Programm, sondern auch und vor allem durch ihre eindringlichen Texte, welche sich kunstvoll zwischen düster und optimistisch, rebellisch und feinfühlig, tiefgründig und trotzdem leicht bewegen und die von Anfang und Abschied, vom Loslassen und Festhalten erzählen. Es geht um Beziehungen, mal als Spiel, mal als Stellungskrieg – und immer gerät der jukeboxene Ritt durch Sprachen, Genres und Kontraste angenehm unromantisch. Neben den gleichsam unüberhörbaren wie wohl unvermeidlichen Einflüssen von Madlainas Bruder Julian „Faber“ Pollina (der den beiden Mittzwanzigerinnen auch ab und zu Musiker seiner Band „leiht“) klingen so – auch das erscheint logisch – auch andere All-Female-Duos wie First Aid Kit oder vor allem BOY an. In ihren besten Momenten tauschen Steiner & Madlaina Fallstricke wie Beliebigkeit und Befindlichkeit gegen durchaus sarkastische Zeitgeist-Spitzen fernab jeder Studentenbude ein. Das Ergebnis ist ein einnehmend nostalgisch-melancholischer Sound, der vor allem den Pollinas wohl im Blut zu liegen scheint. Darauf trinke ich. Cheers!

 

 

„Was bringt mich zum Weinen
Wenn wir beide streiten
Belanglosigkeiten
Bist es du, bin es ich
Oder die Ahnung
Für immer gibt es nicht
Wie lange können wir’s ertragen
Dass wir noch mehr erwarten
Als was wir zusammen wagten

Hast du auch so viele Fragen
Warum konnte ich’s dir nie sagen
Dieses rücksichtsvolle Schweigen
Um nur Zuneigung zu zeigen
Erst hat es was gebracht und uns dann
Kaputt gemacht

Die ganze Zeit
Bis zum letzten Streit
Bis zum letzten Glas
Das du aus Wut zerbrachst
Mit der Suche geboren
Hast du dein Ziel verloren
Während meins von Weitem winkt
Dein Selbstvertrauen sinkt
Bis dahin gut
Nichts zu bereuen
Wir hatten Mut
Um groß zu träumen, uns groß geträumt

Bald bin ich einmal mehr
Nur eine die ich war
Und die allein ins Leben kam
Ich weiß nicht mehr, wie viel was wiegt
Wenn die äußere Entfernung
Nach innen zieht
Wie oft fanden wir zurück
Wie viel hat dir noch gefallen
Bist du zu oft gegangen

Hast du auch so viele Fragen
Warum konnte ich’s dir nie sagen
Dieses rücksichtsvolle Schweigen
Um nur Zuneigung zu zeigen
Erst hat es was gebracht und uns dann

Die ganze Zeit
Bis zum letzten Streit
Bis zum letzten Glas
Das du aus Wut zerbrachst
Mit der Suche geboren
Hast du dein Ziel verloren
Während meins von Weitem winkt
Dein Selbstvertrauen sinkt
Bis dahin gut
Nichts zu bereuen
Wir hatten Mut
Um groß zu träumen, uns groß geträumt
Uns groß geträumt…“

 

Rock and Roll.

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Zitat des Tages


DobiJJOWsAAkIhD

(via kontrast.at / Twitter)

 

(Charles Aznavour,  22. Mai 1924 – 1. Oktober 2018, armenisch-französischer Chansonnier, Liedtexter, Komponist und Filmschauspieler)

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Benjamin Clementine – „River Man“


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Zu Benjamin Clementine möchte ich im Grunde gar nichts mehr sagen. Alles, was notwenig ist, habe ich wohl bereits im Juni in (m)einer Rezension zum noch immer großartigen Debüt „At Least For Now“ vom Stapel gelassen. Kaum ein Album hat mich – so viel steht bereits jetzt, Ende Oktober, fest – im Laufe des aktuellen Musikjahres derart nachhaltig beeindruckt. Und sicherlich wird sich diese Begeisterung wohl auch im Dezember zeigen, wenn es wieder einmal gilt, Jahresbestenlisten zu erstellen. Den Titel der „Entdeckung des Jahres“ hat der gebürtige Londoner und ehemalige Straßenmusiker schonmal inne, soviel ist sicher…

Five_Leaves_LeftDass der 26-jährige talentierte Pianoautodidakt nicht nur ein nahezu unheimliches Gespür für Harmonien und eine große Stimme besitzt, sondern scheinbar auch einen exquisiten Musikgeschmack, ist jedoch neu (aber am Ende kaum verwunderlich). So hat er – nebst naheliegenden Jazz-Größen wie Nina Simone – vor einigen Jahren auch den ewig tollen englischen Trauerweiden-Sänger Nick Drake, welcher bereits 1974 jung verstarb, für sich entdeckt. Passt das? Diese Frage könnte nun beantwortet werden, denn Benjamin Clementine, dieser wunderliche, fein gekleidete Schlacks mit den vielsagenden Augen einer alten Seele, hat sich Drakes wohl schönstes Stück „River Man„, das ursprünglich 1969 auf Nick Drakes Debütwerk „Five Leaves Left“ erschien, zur Brust genommen und ihm seine ganz eigene Note verliehen. Oder wie er auf seiner Facebook-Seite schreibt:

„I hope its not to far fetched. I discovered the song 3 years ago. As i do with interpretations, after listening the song a couple of times i stop then went to my piano a year later trying to tell the story but in my own way.“

 

Hier Clementines „River Man“-Version in der Variante der „Session Très Très Privée“ für den französischen Sender RTL2…

 

…und als aktuelle BBC Radio 2-Version:

 

Rock and Roll.

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