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Sunday Listen: Kilkelly – The Prick & The Petal“


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Aus der Distanz auf den Ort der eigenen Prägung zu blicken, öffnet manchmal neue Einsichten – der letzte kleine Trost der Exilierten. Nun ist der Ire Conor Kilkelly, der 2017 mit (s)einer Debüt-EP die musikalische Bühne betrat und aktuell in Berlin lebt und arbeitet, natürlich kein in diesem Sinne Exilierter. Und doch treibt ihn der räumliche Abstand in eine intensive Auseinandersetzung mit den Traditionen, Geschichten und vor allem Versehrtheiten seiner Heimat, die sich nicht zuletzt auch aus dem Verlust ebenjener speisen. So verhandelt sein im vergangenen September erschienenes Debütalbum „The Prick & The Petal“ persönliche Fragen nach der eigenen Herkunft, indem es sie im Kontext eines kollektiven Bewusstseins zurücktreten lässt. Mal zärtlicher, mal düsterer Folk, der auf Kilkellys akustischer Gitarre, Kontrabass, Akkordeon, Cello sowie Schlagzeug fußt und ab und an dezent von irischen Geigen umweht wird, kartographiert die Mentalität Irlands.

a4013063521_16Zwei Charaktere tauchen dabei immer wieder in den elf Stücken auf: Joe und Mary, deren wohl bewusst gewählte allzu gewöhnliche Namen bereits verraten, dass sie für mehr stehen als für sich selbst. Ein verdammtes Liebespaar, das von Anfang an dem Untergang geweiht ist. Der Opener „Married Too Young“ erzählt zu traditionellem Folk-Picking von verfrühter Heirat und zwischenmenschlichem Verfall, der sich im Sozialen spiegelt – „the jobs dried up and my nerves grew thin“ – und in eine Anspielung auf Heroinmissbrauch, die sich als geschickter und überraschender Anachronismus in den Song schmuggelt, mündet. Nie weiß man so recht, in welcher Epoche die Erzählung denn nun spielen mag, denn Kilkelly verwischt implizit die Trennung von Vergangenheit und Gegenwart. Beide erweisen sich als unauflöslich verknotet – ein Thema des Albums.

Die sanft dahingleitenden Harmonien von Songs wie „Anything But Here Will Do“ verschleiern auf den ersten Blick den Fatalismus ihrer Texte. „How can I sound so bitter and ask of you so sweet?“ fragt Kilkelly und steigt zynisch in „Look For Me When I’m Leaving“ ein: „You can never get too ready to settle on a loss.“ Neben diesen also nur vordergründig beschaulichen Folk-Kleinoden kippt aber insbesondere die zweite Hälfte des Werkes in dunklere, experimentellere Dark-Folk-Stimmungen. „Cabaret“ etwa macht seinem Titel alle Ehre: eine windschiefe Cabaret-Nummer mit der ein oder anderen Dissonanz, Stimmengewirr und gequälten Bläsern, die ein wenig an Nick Caves oder Tom Waits‘ düstre Balladen gemahnen. Das im Duett mit Stephanie Hannon (die sich übrigens auch für das umfangreiche, fantastisch gestaltete Hardcover-Begleitbuch des Albums verantwortlich zeichnet) gesungene, wunderschöne, sich seiner Melancholie vollkommen ausliefernde „Chasing The Dead“ leitet über zum polternden Ausbruch in „Confession“, der nach wenigen Sekunden jedoch wieder vom büßenden Kilkelly und einer wimmernden Geige abgelöst wird.

Conor Kilkelly ist mit diesem Debüt – neben der optischen Aufmachung, die ihren Preis absolut wert ist – etwas Besonderes gelungen. Sein nahezu zeitloser Folk, der ab und zu auch Genres wie Blues und Sporen Word touchiert, geht gekonnt mit seinen Einflüssen um, ohne bahnbrechend neu zu wirken. Aber das muss er auch nicht. Statt nur ein weiterer akustikklampfender Singer/Songwriter zu sein, der sein eigenes Leiden individualistisch überhöht, knüpft der Wahl-Berliner konzeptuell an die musikalischen und erzählerischen Traditionen Irlands an, zitiert sie und bricht sie mitunter. So berichtet „The Prick & The Petal“ von Joes und Marys Leiden, von Depression, Drogen, Alkoholismus und Hungersnöten, spiegelt sie aber zugleich in einer Gemeinschaft, die sich singend selbst be- wie hinterfragen darf. Vielleicht scheint auch deshalb „One Day Soon“ am Ende wie ein kleiner Hoffnungsschimmer des Miteinanders: „Maybe one day soon, we’ll be looking at each other without looking through…“

 

 

 

 

Rock and Roll.

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Klassiker des Tages: The Dresden Dolls – „Sing“


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Ab und an bleibe ich – ohne Zweifel völlig zurecht – an und in der Diskografie der großartigen Amanda Palmer hängen, um reflexartig da zu verweilen – auch aus aktuellem Anlass diesmal, schließlich hat sich die Dame mit ihrem neusten, just erschienenen Album „There Will Me No Intermission„, dem ersten Solo-Werk seit „Theatre Is Evil“ von 2012, einmal mehr selbst übertroffen – auch wenn die (mehr oder weniger, so man denn das kreative Treiben der 42-jährigen US-Musikerin verfolgt) neuen Stücke etwas ernster und tiefer gehend geraten sind als Vergangenes, und daher ihre Zeit zum Wirken beanspruchen…

Nichtsdestotrotz lohnt natürlich auch jederzeit ein Sprung zurück in die Dresden-Dolls-Zeit – und sei es einfach nur um festzustellen, wie toll auch deren Songs waren (und: sind). Man nehme etwa „Sing“, seinerzeit (meint: anno 2006) auf dem zweiten Dresden-Dolls-Album „Yes, Virginia…“ erschienen. Cabaret-Indierock-Evergreen. Klassiker. Ohrwurm. Unkaputtbar. Große, große, tolle Amanda Palmer. 🖤

 

 

 

„There is this thing that’s like touching, except you don’t touch
Back in the day it just went without saying at all
All the world’s history gradually dying of shock
There is this thing that’s like talking, except you don’t talk
You sing
You sing

Sing for the bartender, sing for the janitor, sing
Sing for the cameras, sing for the animals, sing
Sing for the children shooting the children, sing
Sing for the teachers who told you that you couldn’t sing
Just sing

There is this thing keeping everyone’s lungs and lips locked
It is called fear and it’s seeing a great renaissance
After the show you can not sing wherever you want
But for now, let’s just pretend we’re all gonna get bombed
So sing

Sing cause it’s obvious, sing for the astronauts, sing
Sing for the president, sing for the terrorists, sing
Sing for the soccer team, sing for the janjaweed, sing
Sing for the kid with the phone who refuses to sing
Just sing

Life is no cabaret
We don’t care what you say
We’re inviting you anyway
You motherfuckers, you’ll sing someday…“

 

Rock and Roll.

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