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Song des Tages: Kettcar – „Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“


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Ist das jetzt ein Lied? Oder eine Kurzgeschichte? Vielleicht beides? Oder am Ende doch total egal?

Fakt ist: Kettcar melden sich fünf Jahre nach dem letzten Album „Zwischen den Runden“ und drei Jahre nach „Konfetti„, dem Solodebüt ihres Frontmanns Marcus Wiebusch, am 13. Oktober mit ihrem nunmehr fünften, elf Songs starken Studioalbum „Ich vs. Wir„, welches freilich wieder beim hauseigenen Label Grand Hotel Van Cleef erscheinen wird, sowie einer ausgedehnten Tour im kommenden Jahr zurück. Braucht es diese Rückkehr? Aber hallo!

Denn schon der erste Vorab-„Song“ beweist, dass es wohl kaum eine andere deutsche Band derart – und das ist an dieser Stelle auch alles andere als ein Widerspruch – so deutlich wie subtil versteht, in persönliche wie gesellschaftliche Wunden zu stechen (und wer’s nicht glauben mag, der höre sich durch Wiebuschs Diskografie – angefangen bei den Politpunkern von …But Alive über die Kettcar-Alben und bis hin zum noch immer großartigen „Konfetti“).

kettcar-ich-vs-wir-artwork-ghvcIn „Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“ erzählt Marcus Wiebusch die Geschichte eines jungen Hamburger Studenten mit Dead Kennedys-Shirt, der in seinem blauen Ford Granada von der Hansestadt bis an die österreichisch-ungarische Grenze reist und dort einigen Familien zur Flucht aus der DDR verhilft. Dabei gewinnt der Spoken-Word-Song, bei dem der Kettcar-Fronter lediglich im Refrain singt, vor allem durch Wiebuschs Auge fürs Detail, Textzeilen wie „In Mörbisch am See checkte er in die Pension Peterhof ein, kaufte sich einen Döner und wartete auf die Nacht“ sind nur ein Beispiel unter vielen.

Die Ungewissheit und Dringlichkeit der Aktion unterstreicht das angehobene Tempo, die Band ordnet die Begleitmusik ganz der Story unter. „Gesungene Geschichte, die deutlich macht, dass Fluchthelfer*innen damals wie heute gebraucht werden“, meint Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow, der das Lied bereits gehört hat, und auch Schriftsteller Benedict Wells („Spinner“) konstatiert: „Gut, dass es immer schon Menschen gab, die anderen Menschen einfach halfen – und erst danach darüber diskutierten. Das galt für damals, das gilt für heute und das gilt für diesen schönen Song.“

Denn nach der geglückten Aktion ist der Song nicht vorbei. Zurück in seiner WG kritisieren die Mitbewohner des Protagonisten seine Aktion: „Deutschland dürfe nie wieder ein Machtblock mitten in Europa werden. Und eine solche Hilfe zur Flucht der DDR-Bürger würde nur zur weiteren Destabilisierung der Verhältnisse beitragen. Die Aktion war menschlich verständlich, aber trotzdem falsch.“ Gelebte deutsche Geschichte, mit all ihren Ecken, Enden und Neuanfängen – und das Finale des Songs kann wohl keine(n) kalt lassen…

 

 

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Rock and Roll.

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Das Album der Woche


 Bereits vor der wochenlangen Veröffentlichungspause stand für mich das nächste „Album der Woche“ fest. Nun kommen die Worte dazu eben mit einigen Tagen Verspätung…

 

Marcus Wiebusch – Konfetti (2014)

Konfetti (Cover)-erschienen bei Grand Hotel Van Cleef/Indigo-

Um eines vorweg zu nehmen: Seine – noch immer – gelungenste Selbsteinschätzung hat Marcus Wiebusch vor 17 Jahren abgeliefert:

„Pete Townshend ist heute alt und will längst schon nicht mehr sterben.
Und alle um mich herum wollen nur in Würde älter werden.
Ich sagte es gestern, sag‘ es morgen:
Macht euch um mich doch keine Sorgen
Und kümmert euch zuerst um euch und fickt euch.

Und für Bärbel Schäfer bin ich von mir aus ein Faschist.
Für den Hool von nebenan bin ich so gern ein Kommunist.
Für die Schlauen um mich herum bin ich nur ein Moralist,
Weil jeder von euch weiß wie’s ist und fickt euch.

Es ist ungerecht verteilt, das sieht jeder, der gut hinsieht.
Im Sarg kann’s ganz schön dunkel werden, wenn man erstmal drinliegt.
Und Hunger ist die Bombe, und der Schiedsrichter die Zeit,
Und wir warten, und das Warten nennt sich Freiheit.“

marcus-wiebusch-studioDie Zeilen stammen aus „Pete“, dem gerade einmal eine Minute kurzen Eröffnugsstück des dritten …But Alive-Albums „Bis jetzt ging alles gut…„. Die zwischen 1991 und 1999 existente Hamburger Punkrockband war damals – soviel sei im Rückspiegel festgestellt – das Non-Plus-Ultra, wenn es darum ging, Zeitgeschehen in Worte zu fassen und mal schnelle und derbe, bis zum letzten Album „Hallo Endorphin“ jedoch auch (für eine Punkband) erstaunlich poppige Akkorde drumherum zu packen. Dass Frontmann Marcus Wiebusch nicht der begnadetste Sänger unterm bundesdeutschen Musikfirmament war? Drauf geschissen! Was zählte – und daran hat sich im Hause Wiebusch bis heute herzlich wenig geändert -, war die vielbeschworene „Haltung“. Egal, ob zu Themen wie Neoliberalismus, Doppelmoral, Radikalismus (ganz gleich, ob von Rechts oder Links), Sexismus – …But Alive zogen klare Fronten, titulierten schonmal „Ich möchte Ilona Christen die Brille von der Nase schlagen“ oder nannten die in den Neunzigern recht populäre TV-Moderatorin Margarethe Schreinemakers ganz frank und frei eine „Quotenhure“. Dass so nur jemand agiert, dem gar nicht erst daran gelegen ist, sich den äußeren Umständen anzupassen, sondern – ganz im Gegenteil – mit einer Menge Mut, Überzeugung und den sprichwörtlichen „Cojones“ mit dem Dickschädel Türen einrennt, zeigte Wiebusch 2002 mit der von ihm und – unter anderem – Ex-Rantanplan-Skabasser Reimer Bustorff neu gegründeten Band Kettcar. Da sie für ihr erstes Album „Du und wieviel von deinen Freunden“ kein Plattenlabel fanden, gründeten sie gemeinsam mit Kumpel Thees Uhlmann (Tomte) Grand Hotel van Cleef. Fortan veröffentlichte man eben unter eigener Flagge (was ja zu Zeiten von …But Alive auch schon unter dem Banner von Wiebusch Kleinstlabel BA-Records der Fall war) und zu den eigenen Konditionen, machte sich über die Jahre auch international einen Namen (unter anderem erschienen seitdem auch Alben von Bands wie Death Cab For Cutie, den Punks von Propagandhi, Weakerthans-Frontmann John K. Samson oder Young Rebel Set bei GHvC) und steht selbst in Zeiten, in denen Plattenfirmen über den eigenen Fortbestand und sinkende Umsatzzahlen lamentieren, auf erfreulich sicheren Beinen. Ganz klar: Wiebusch und Co. zählten nie zu den leeren Schwätzern, die viel predigten und anprangerten, nur um kurz darauf den Schwanz einzuziehen – sie „zogen ihr Ding durch“ (ein profaner Ausdruck, vielleicht – aber auch so wahr). Und siehe da: Ihr Mut wurde belohnt. Von der deutschen Musikpresse wurde „Du und wieviel von deinen Freunden“ begeistert aufgenommen, wie etwa ein Rückblick von VISIONS-Redakteur Ingo Neumeyer zum zehnjährigen Jubiläum der Platte im Jahr 2012 beweist: „Persönlich, aber nicht peinlich. Intim, aber nicht aufdringlich. Offen, aber nicht voyeuristisch. […] Kettcar gehen aufs Ganze, eine Nummer kleiner ist keine Option für diese Band, die Lust auf richtig große Songs hat. Hier gibt es elf Stück davon.“. In ihren bis 2012 erschienenen vier Album wuchsen Kettcar stetig, machten mal private (beim Album „Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen“ von 2005), mal gesellschaftliche Themen (beim Album „Sylt“ von 2008) zu Kernpunkten ihrer Platten. Dass beim bislang letzten, 2012 erschienenen Werk „Zwischen den Runden“ sogar kritische Stimmen laut wurden, die der Band „Belanglosigkeit“, „Befindlichkeitsrock“ oder gar „Schlagerhaftigkeit“ vorwarfen, dürfte Marcus Wiebusch und seine vier Bandkumpels wohl herzlich wenig gestört haben, denn immerhin enterten die Ex-Punks (das äußere Bild) respektive Punks (die Haltung, das Herz) mit jedem ihrer Album nach dem Debüt die deutschen Album-Top-Ten und hatten es in den Jahren nach der Band- und Labelgründung fertig gebracht, ihren Broterwerb in (beinahe) musikalischer Autarkie zu sichern – Hut ab, dafür! Wohl gerade deshalb entschlossen sich Kettcar im April 2013 dazu, eine „kreative Pause“ einzulegen. Und Wiebusch? Der begriff, dass nach mehr als zwanzig Jahren in diversen Bands endlich die Zeit für seinen Soloeinstand gekommen war…

MW promo

Ruhe… Dabei täuschen die ersten Sekunden aus „Off“, dem Eröffnungsstück von Marcus Wiebuschs Debütalbum „Konfetti„, ein wenig: Zu Zeilen wie „Die Füße spüren das Meer / Die Gedanken schweifen bis zum Horizont / Und zurück und weiter nach oben / Und dann eine Ruhe / Die mit den Stunden kommt“ schiebt sich die Nummer mit Pianogeplänkel Coldplay’scher Machart ins Bild, nur um kurz darauf samt Band, Streichern und einer ganzen Armada von Trompeten zu euphorischem Deutschpop zu erwachsen. Und wenn Wiebusch vom „Erinnern“ des „kleinen Jungen“ erzählt, so wird der Kenner des Schaffens des 45-Jährigen wohl unweigerlich an den Song „Was hätten wir denn tun sollen“ denken müssen (das Stück ist Teil von Wiebuschs nie offiziell veröffentlichtem, jedoch seit Jahren durchs Netz geisterndem Demotape „Hippiekacke“ und wurde 2004 unter dem Titel „Strand“ von Schauspieler Jürgen Vogel und der „Keine Lieder über Liebe“-Filmband Hansen Band, zu welcher auch Wiebusch, Bustorff und Uhlmann gehörten, neu interpretiert). Doch all das – und wohl auch alles Nachfolgende auf „Konfetti“ – wird überstrahlt vom geradezu massiven Siebenminüter „Der Tag wird kommen“. Allein die Textzeilen des Titels, um welchen sich in den vergangenen Wochen nahezu jedes Wiebusch-Interview zu „Konfetti“ drehte (und ihn bis in die ARD-„Tagesthemen“ brachte), füllen zwei Seiten des beiliegenden Booklets. In ihnen packt der Musiker ein Thema an, welches nicht erst seit dem Outing von Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlperger zu einem der ganz „heißen gesellschaftlichen Eisen“ zählt: Homosexualität und Homophobie im Profifussball. Zu elektronischen Stampfbeats schildert Wiebusch sprechsingend den Werdegang eines Hamburger Fussballtalents von der F-Jugend bis zum Profivertrag – so weit, so alltäglich, müsste sich dieses „Talent“ nicht Tag für Tag hinter einer Maskerade einer Bilderbuchumgebung aus Scheinheiligkeit und gesellschaftlicher „Normalität“, in der ein „Vorzeigeprominenter“ noch immer eine „Vorzeigefreundin“ mit Modelmaßen haben muss und keinen gleichgeschlechtlichen Partner, und Agenturen darauf ansetzen muss, ihm die „Fassade zu besorgen“, verstecken. Ein Leben, erschaffen aus Druck und Angst. Was im Frauenfussball ironischerweise längst gesellschaftlich akzeptiert wurde (die amtierende Weltfussballerin und ehemalige Nationaltorhüterin Nadine Angerer etwa outete sich bereits vor enger Zeit als lesbisch), ist im Machismo-Rund des übersexualisierten Männerpendants noch immer verpönt – ein freilich unnötiges Refugium der XY-Klasse, die ihren „Nationalsport Fussball“ in Stadien und an Stammtischen um jeden Preis gegen Neuzeitliches wie Metrosexualität (Was würden Cristiano Ronaldo und David Beckham wohl dazu sagen?) oder Frauenquoten verteidigen will… Gegen Ende von „Der Tag wird kommen“ bricht es also nicht ohne Grund aus Wiebusch heraus: „All ihr homophoben Vollidioten, all ihr dummen Hater / All ihr Forums-Vollschreibeer, all ihr Schreibtischtäter / All ihr miesen Kleingeister mit Wachstumsschmerzen / All ihr Bibel-Zitierer mit euer’m Hass im Herzen / All ihr Funktionäre mit dem gemeinsamen Nenner / All ihr harten Herdentiere, all ihr echten Männer / Kommt zusammen und bildet eine Front / Und dann seht zu was kommt… / Und der Tag wird kommen an dem wir alle unsere Gläser heben / Durch die Decke schweben, mit ’nem Toast den hochleben lassen / Auf den ersten, der’s packt, den Mutigsten von allen / Der erste, der’s schafft / Es wird der Tag sein, an dem wir die Liebe, die Freiheit und das Leben feiern / Jeder liebt den, den er will und der Rest bleibt still / Ein Tag, als hätte man gewonnen / Dieser Tag wird kommen“ – das Stück ist Ohnmachtserklärung und ermutigendes Schulterklopfen zugleich, eben weil hier ein äußerst sensibles Thema einer eben noch immer nicht freien Gesellschaft angepackt wird, eben weil hier Opfer und Täter beim Namen genannt werden, eben weil Wiebusch klar Stellung bezieht. „Der Tag wird kommen“ ist ohne Zweifel einer der berührendsten und wichtigsten Songs des Jahres – jetzt schon. Und er ist Wiebuschs Rückbesinnung zu den „guten, alten“ Was wir tun werden (Cover)…But Alive-Tugenden. Und dort, wo „Der Tag wird kommen“ endet, machen die nachfolgenden Songs erfreulicherweise weiter: Das bereits von der im vergangenenen Jahr veröffentlichten „Hinfort! Feindliche Macht“-3-Song-EP bekannte „Nur einmal rächen“ zeigt, dass eben manchmal auch die vermeintlichen Nerds (Stichwort: Bill Gates, Stichwort: Steve Jobs) zuletzt lachen („Wenn ich Abends einschlafe oder morgens aufwache / Mein gutes, cooles Leben wird die beste Rache / Eure Welt programmieren – meine leichteste Sache / Ein gutes, cooles Leben ist die beste Rache“). Auch das zu Elektropumschleifen sprechsingend intonierte „Haters Gonna Hate“ oder „Jede Zeit hat ihre Pest“ schlagen in eine ähnliche thematische Kerbe, ziehen die salzigen Finger über kaschierte Wunden im Fleisch der Gesellschaft und teilen offen gegen Gleichmacherei, Scheinheiligkeit und „Attention Whores“ aus. Klingt nach gepflegtem Kulturpessimismus? Dem wirkt Wiebusch freilich hingegen, lockt mit dem von Handclaps, Piano und Bläsern getragenen „Was wir tun werden“ die Euphorie (zurück) ins Studio („Wir werden reden, denn wir müssen es jemandem sagen / Aber nicht zu denen werden, die nur ein Thema haben / Wir werden die Wörter an der Luft wahr werden lassen / Werden niemanden suchen,  aber keinen verpassen / Werden die Spuren der Erinnerungen alle aufspüren / Werden Bilder versenken in alten Kartons und das eine Foto dann ein letztes Mal berühren / Werden traurige Songs hören / Nachts auf dem Balkon“), während das nicht minder tolle „Wir waren eine Gang“ den Blick in den Rückspiegel richtet und angesichts des Werdegangs des einstigen Freundeskreises auch all die kleinen jugendlichen Illusionen und Idealvorstellungen abschwenkt oder „Springen“ all jenen Mut macht, die in ihrem Leben scheinbar „Land unter“ wähnen („Die Strömung ist vielleicht gegen dich / Und egal welche Stürme toben / Halt den Kopf oben“). Fast wie ein profaner Fremdkörper inmitten dieser ernstzunehmenden gesellschaftlichen Relevanz wirkt da schon das Großstadt-Liebeslied „Der Fernsehturm liebt den Mond“, das längst vergessen scheint, als das mächtige, geradezu postrockend hohe und düstere „Schwarzes Konfetti“ Wiebuschs Soloeinstand nach 45 Minuten mit krönendem Abschluss beendet: „Und die Flucht nach vorn ein ganzes Leben gepredigt / Die Hände im Sand kurz vor der Welle verewigt / Selbst die kleinsten Gedanken / Groß und weise gedacht / Schwarzes Konfetti rieselt leise herab“.

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Für „Konfetti“ wagt sich Marcus Wiebusch zwei Jahre nach dem letzten Album seiner Stammband Kettcar auf allerlei musikalisches Neuland, arbeitete für die elf Songs seines ersten Albumalleingangs mit nicht weniger als sieben Produzenten – Philipp Steinke (Bosse), Moritz Enders (Kraftklub, Revolverheld), Robert „Robot“ Koch (Marteria, Max Mutzke), Jochen Naaf (Peter Licht, Bosse), Tobias Siebert (Sport, Me And My Drummer), Matthias Mania (Moby, Olly Murs) und Michael Ilbert (Herbert Grönemeyer, Taylor Swift) – zusammen – und das hört man dem Album stellenweise freilich an. Denn anders als noch bei Kettcar, deren Platten auch immer eine gewisse Kohärenz im Fluss aufwiesen, wirkt „Konfetti“ mehr wie ein modernes Mixtape, über deren nicht selten elektronische Grundinstrumentierung allerlei Studiogäste (etwa die umtriebigen Tausendsassas Felix Weigt und Tim Neuhaus an Bass beziehungsweise Schlagzeug, oder der Isländer Helgi Jónsson mit seinem Posaunenspiel) herfallen, während Wiebusch seinen Blick nach außen und auf die Gesellschaft richtet wie seit seligen …But Alive-Tagen – oder doch mindestens seit dem dritten, sechs Jahre zurückliegenden Kettcar-Album „Sylt“ – nicht mehr. Man merkt deutlich, dass all diese Zeilen in ihm brannten und brodelten, dass er lange und gründlich an ihnen gewerkelt hat – und nun seines Zeichens dafür brennt, sie zu singen.

Unterm Strich wagt sich Marcus Wiebusch in den elf Teilen von „Konfetti“ möglichst weit vom Kettcar’schen Klanggerüst weg, indem er die Intentionen von …But Alive – das ungeschönte Ansprechen relevanter Themen, die klaren Haltungen, den Mut zur Offenheit, aber auch: den Sprechgesang – ins Hier und Jetzt hebt. Anno 2014 werden nur die getroffenen Hunde mit tauben Ohren Wiebusch „Befindlichkeitsrock“ vorwerfen können, denn bis zum Jahresende wird sich jedes andere deutschsprachige Album – zumindest in Punkto Relevanz – an „Konfetti“ messen lassen müssen. Und trotzdem liefert Marcus Wiebusch wohl auch mit seinem neusten Werk genug Futter für all jene, die dem Musiker bereits seit den Neunzigern seine grüblerische Ernsthaftigkeit vorwerfen – haters gonna hate. Ihm wird’s recht sein, solange die Inhalte von „Konfetti“ Aufmerksamkeit finden. Denn es bleibt dabei: Marcus Wiebusch ist einer der relevantesten, zeitgeistigsten und begnadetsten Lyriker der deutschen Musikszene. Und: er trägt das Herz am richtigen Fleck, zur Not sogar auf der Zunge. Die leiht er auf „Konfetti“ all jenen, die sich mit den falschen Verhältnissen im richtigen Leben noch nicht arrangiert haben, den gesellschaftlichen Außenseitern, den Nein-Sagern und Grüblern. Für den Rest hat er bereits vor 17 Jahren deutliche Worte gefunden: „Ich sagte es gestern, sag‘ es morgen: Macht euch um mich doch keine Sorgen / Und kümmert euch zuerst um euch und fickt euch“.

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Neben einem Trailer zum Album…

…gibt es hier ein Lyric Video zum offensichtlichen Album-Favoriten „Der Tag wird kommen“…

…das Musikvideo zu „Was wir tun werden“, bei welchem Wiebusch tanzende Unterstützung von Mitgliedern der „HipHop Academy“ erhält,…

…und das bereits 2013 auf der „Hinfort! Feindliche Macht“-EP veröffentlichte „Nur einmal rächen“:

 

Rock and Roll.

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