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Song des Tages: John Van Deusen – „The Bitter End“ (Live Session)


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Ja sicher, man kann natürlich auch seine Vorurteile pflegen und bis in alle Ewigkeit glauben wollen, dass religiöse Musik ohne Wenn und Aber nach „Kumbaya, My Lord“-Gospel klingt, der tagein, tagaus von zugeknöpften weltfremden Anzugträgern in Gotteshäusern und Einkaufspassagen geschmettert wird. Wer aber ein bisschen über den kleinkarierten Tellerrand schaut, stieß bereits vor einigen Jahren etwa auf P.O.D., eine Nu Metal-Band aus San Diego, Kalifornien, die mit Songs wie „Alive“ oder „Youth Of The Nation“ nicht nur den ein oder anderen rockenden Radio-Hit ablieferte, sondern eben auch „vom „Wort des Lebens“, vom „höchsten Herrn“ oder auch „der Stadt Zion“ sang, während die vier Köpfe dahinter ausschauten wie jene krachmachenden Street-Gang-Rüpel, vor denen christlich-frömmelige Eltern ihren Nachwuchs in der Regel gern beschützen woll(t)en. In der Tat merkt jeder, der mal einen Blick über den „großen Teich“ wirft: Ganz besonders vielfältig ist religiöse Musik in den US of A, in denen eine Pop-Sängerin wie etwa Lauren Daigle aktuell ein Massenpublikum zieht, der große Country-„Man In Black“ Johnny Cash zum Ende seiner Tage auch musikalisch sehr nah zu Gott fand und selbst der allerorts seit eh und je viel gepriesene Sufjan Stevens bereits sakrale Ehrfürchtigkeit Einzug in seine Werke halten ließ. Uns Europäern, die wir mit dem eigenen Glauben doch per se etwas hinterm privaten Berg halten, mag all dies befremdlich erscheinen, „da drüben“ ist’s mal völlig normal, mal – so zischen’s zumindest böse Schlangenzungen – lediglich ein gern genommener Ansatz für klingelnde Kassen…

Auch John Van Deusen verblüffte wohl nicht wenige seiner Fans, als der ehemalige Sänger der Indie Rock-Band The Lonely Forest 2017 mit „(I Am) Origami Pt. 2 – Every Power Wide Awake“ (sowie dem EP-Nachtrag „D-Sides„) ein nahezu meditatives Album herausbrachte, das mit 14 überwiegend religiösen Song-Motiven aufwartete und mit seiner pastoralen Atmosphäre eine nahezu komplette Abkehr von dem von Van Deusen bisher – der Vorgänger „(I Am) Origami Pt. 1 – The Universal Sigh“ erschien nur wenige Monate zuvor – gekanntem Liedgut darstellte, die sich mal in feinsten Weezer-Powerpop, mal in tränenreiche Singer/Songwriter-Wollpullover-Melancholie hüllten und in denen es vornehmlich um gescheiterte Beziehungen und die immer für einen Song gute Ich-Findung ging.

Die Reaktionen auf Zeilen wie „I will praise your name, Jahwe“ waren demnach vielleicht nicht durchweg enthusiastisch, aber die Zustimmungen zu so viel Mut, Offenheit und Wagnis überwogen klar. Und auch Van Deusen selbst steht zu seinen Songs. Warum? Das erklärte der Indie-Musiker in einem Interview: „In einer Zeit, in der Religion derart politisiert wird, darf man diese Themen nicht nur nationalistischen Republikanern überlassen.“

4015698603354Im Juli 2019 ist mit dem konsequent „(I Am) Origami Pt. 3 – A Catacomb Hymn“ betitelten Werk sein drittes Solo-Album erschienen, auf dem der Musiker aus Anacortes, Washington erneut einen stilistischen Haken schlug: hin (oder eben zurück) zu melancholischem Power-Pop mit schimmerndem Retro-Sound-Anstrich. Der schwelgerische Gitarrensound kommt, da ist einschlägigen Ankündigungen zuzustimmen, „eingängig und bisweilen sogar leicht“ daher – und das, obwohl sich die Songs um durchaus düster-heikle Themen wie Angst, Verzweiflung und Depression drehen. „It’s okay to not be okay“ ist Van Deusens „irgendwie ja auch aufbauendes Motto“.

Der „Eingängigkeit ein paar Schrullen unterzujubeln“ – diesen Ansatz verfolgt John Van Deusen, der vom ‚Seattle Weekly‘ – wohl nicht ohne Grund – einst zum „best male vocalist“ in Seattle gekürt wurde und nebenbei noch Bass bei der Hardcore-Band Buffet spielt, nach wie vor hier und da. Denn auch wenn „Steal From Myself (It’s All About Me)“ völlig schamlos The Lemmonheads mit R.E.M. kreuzt, „Let Me Let You Use My Power“ daran erinnert, wie gut es sich anfühlte, kurz nach der Jahrtausendwende von einer Band wie The Fire Theft überrumpelt zu werden, sind die Novitäten im Deusen-Duktus mit so großzügigem Händchen verteilt, dass ihm der Spagat zwischen Referenz und Eigenständigkeit, diese Klang-Rekonstruktion musikalischer Jugendlieben mühelos gelingt. Dafür sorgen auch immer wieder eingestreute Überrumplungsattacken, etwa der verhuschte Hippie-Prog von „Fly Away“ oder das angezogene Tempo des dezent an Hüsker Dü erinnernden Garagenrockers „You Don’t Know What You’re Asking“. „If All Is Nothing/Nothing Must End“ entzückt mit schönen Folkpassagen und Chorgesängen, denen dann von einem wahren Schlagzeug-Feuerwerk der Garaus gemacht wird. Neunziger-Power-Pop, Emo oder Indie-Rock? Die Grenzen verschwimmen bei nahezu jedem Song, und doch landet der Musiker trotz häufig düsterem Text und gelegentlicher Aufschreie dann meistens bei einer alles und jeden umarmenden Melodie. Mit der abschießenden sphärisch-psychodelischen Klaviernummer „Numb“ schließlich lässt Van Deusen es, wie von einer Raumstation aus Richtung Erde gesungen, leise austrudeln. Stille. Durchatmen. Und nochmal von vorn.

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Besonders schön geraten: „The Bitter End“, im Original von „(I Am) Origami Pt. 1 – The Universal Sigh„, in der reduziert-fragilen „LaMosiqa.com Oneshotsession“…

 

Ebenso fein für den Einstieg in den Soundkosmos des Indie-Musikers: John Van Deusens KEXP-Live Session von 2017, bei dem er außerdem eine tolle Version des Non-Album-Tracks „Marathon Daze“ sowie (s)eine Variante des John Denver-Klassikers „Leaving On A Jet Plane“ zum Besten gab…

 

Rock and Roll.

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