Schlagwort-Archive: Brighton

Song des Tages: Orchards – „Peggy“


orchards-featured

Der Name „Peggy“ ruft durchaus lebhafte Erinnerungen an meine DDR-Kindheit hervor.

268x0wDiese wiederum dürften Orchards wohl kaum haben. Denn zum einen ist das britische Quartett wohl ein paar Lenze jünger als der Schreiberling ebenjener Zeilen, zum anderen stammen Frontfrau Lucy Evers und ihre Jungs (Sam Rushton an der Gitarre, Dan Fane am Bass und Will Lee-Lewis am Schlagzeug) aus der englischen Küstenstadt Brighton. Trotzdem ist deren „Peggy“ ein feines, gut vierminütiges Stuck fluffig-tanzbarer Math-Pop, der zwar bereits 2016 erschien, nichtsdestotrotz auch zwei Jahre – und einige mehr via Bandcamp ins weltweite Netz gestreute Singles später – noch auf der Höhe des indie-affinen Hipster-Zeitgeistes umher schwirrt (und nur eine gefühlte Hüpfburg neben Bands wie Minus The Bear hoppelt). Quasi also die wohl bisher tanzwütigste „Peggy“ des 21. Jahrhunderts….

Und da Orchards den ersten Langspieler jedoch bislang schuldig geblieben sind (und für Juli zunächst die „Losers/Lovers EP“ angekündigt haben), darf man weiterhin gespannt sein…

 

 

„let’s take the dark road to the far side of the station
can you stop complaining about your lies yesterday?
i don’t know where you’ve been but i can see the tension
are we gonna crumble through the cracks that we share?

don’t you know, that you’re living a lie?
don’t you know, that you’re wasting my time?
make it worth it – can you stay for the night?
all i want is to be perfectly fine

i can feel it the air that you breathe
the silence, it haunts me
can’t you see that i don’t want you to leave? (so)

let’s take the long road and forget where were going
living dreams through echos, conversations in my head
i don’t know where you’ve been, always searching through this mess
are we gonna crumble through the cracks that we share?

don’t you know, that you’re living a lie? 
don’t you know, that you’re wasting my time? 
make it worth it – can you stay for the night?
all i want is to be perfectly fine

only you can hurt me
only you can help me
fly

i can feel it the air that you breathe
the silence it haunts me…

can’t you see that i don’t want you to leave?

i can feel it the air that you breathe
the silence, it haunts me
can’t you see that i don’t want you to leave? (go)“

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Auf dem Radar: Rag’n’Bone Man


ragnbone_1

Mal ein kleines Experiment: Schaut euch den Herrn auf dem Bild an. Welchem musikalischen Genre würdet ihr ihn ganz spontan und per erstem optischen Eindruck zuordnen? HipHop vielleicht? Elektronische Gefilde gar? Bildet euch eure eigene Meinung… Und dann schaut euch das Musikvideo zur aktuellen Single „Human“ an (welches ihr auch weiter unten findet) – und seid wohlmöglich ebenso überrascht wie ich…

 

Ganz klar: Das Optische mag bei Rory Graham aka Rag‘n’Bone Man trügen. Die Stimme keinesfalls. Denn mit seinem herrlich rauen Gesangsorgan und einem umwerfenden Gespür für den richtigen Groove changiert der aus dem englischen Brighton stammende Newcomer scheinbar mühelos zwischen Blues, Soul, HipHop oder Funk hin und her.

Überhaupt: das Phänomen Blues. Entstanden in der afroamerikanischen Gesellschaft der USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts und in den folgenden Jahrzehnten von jeder Musikergeneration immer wieder neu interpretiert, verändert, wiederbelegt, modernisiert, aufgehübscht, recycled und wieder auf seine wesentlichen Bestandteile reduziert (u.a. wären da Gun Club, die White Stripes, die Black Keys, Kanye West oder Kendrick Lamar zu nennen), ist die amerikanische Ur-Musik, aus der einst Soul, Jazz, Rock’n’Roll, Jazz oder HipHop erwuchsen und immer mehr mit dem popkulturellen Massengeschmack verschmolzen, auch 2016 lebendig wie eh und je. Immer wieder widmen sich junge Musiker auf der ganzen Welt der Aufgabe, das musikalische Erbe der Muddy Waters, John Lee Hookers, Bo Diddelys, Howlin‘ Wolfs, Son House oder Big Bill Broonzys in der Gegenwart fortzuführen und dem Genre neue Wege in die Zukunft weisen. Einer der großen Hoffnungsträger und Erneuerer diesseits des Atlantiks trägt – ganz stilecht bluesig – den Namen Rag’n’Bone Man (deutsch: Lumpensammler).

photo_online

Zu seinem Künstlernamen ließ sich Graham von der britischen TV-Serie „Steptoe & Son“ inspirieren, welche in Großbritannien in den Sechzigern und Siebzigern gezeigt wurde. An diese Zeit erinnern auch seine vielen Tätowierungen, die man auch im bereits erwähnten Musikvideo zu „Human“ bestauen kann (auf den Knöcheln seiner Hände sind übrigens die Worte „Soul“ und „Funk“ unter die Haut gebracht). Der Song, welcher mit einem schleppenden Beat und Südstaaten-Blues-Samples startet, ist der erste Vorgeschmack aus dem Major-Debütalbum, das in Kürze erscheint (mit „Wolves“ erschien 2014 bereits sein Indie-Einstand, welchem 2015 die „Disfigured EP“ folgte). Dass der Mann Einiges an in die Wiege gelegtem Talent (die Mutter ist selbst Sängerin, der Vater Gitarrist), Charisma und Live-Präsenz mitbringt, welche sich kaum auf ein Genre beschränken mag, war ebenso beim Hamburger „Reeperbahn Festival“ im vergangenen Jahr zu sehen wie im kürzlich stattgefundenen „Montreux Jazz Festival„.

Ganz klar: Menschlichkeit hat viele Gesichter. Das von Rory „Rag’n’Bone Man“ Graham lehrt uns, einen Menschen nicht gleich auf dem ersten Eindruck fest und ad acta zu legen, während seine Stimme hoffentlich dafür sorgen wird, dass man ihn so schnell nicht wieder vergisst.

ragnbone-man-gregory-nolan

 

 

Hier gibt’s das Musikvideo zur aktuellen Single „Human“…

 

…zum ebenfalls tollen Song „Bitter End“…

(alternativ hier ein Vimeo-Link)

 

…sowie selbiges Stück noch einmal in einer Live-Session-Varinate, mitgeschnitten während dem letztjährigen „Reeperbahn Festival“:

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Das Album der Woche


Tall Ships – Everything Touching (2012)

Tall Ships - Everything Touching (Cover)-erschienen bei Big Scary Monsters/Alive-

Die zufälligen Bekanntschaften sind mitunter keinesfalls die schlechtesten. Jene, an die man vollkommen frei und frisch und vorurteilsfrei unbelastet herangeht und dafür umso mehr belohnt wird…

So geschehen vor wenigen Tagen: ein Freund wollte uns Karten für das in etwa zwei Wochen hier im niederländischen Maastricht stattfindende Konzert der Iren Villagers (ANEWFRIEND wird berichten!) sichern und wurde vom Betreiber der Lokalität (genauer: der Maastrichter Muziekgieterij) gefragt, ob er denn nicht obendrauf noch Freikarten für die kommende Zwei-Tages-Konzertreihe haben möchte? Schleppender Vorverkauf als absolut kostengünstige Unterhaltungsoption? Na, aber gern doch! Und während sich der erste Abend noch folkloristisch selig gestaltete, spielte als zweite Gruppe des zweiten Abends eine englische Band groß auf, von der ich zwar vor nicht allzu langer Zeit einmal gelesen, die jedoch – man wird ja heutzutage im weltweiten Netz unweigerlich der Zerstreuung preisgegeben – mein Kurzzeitgedächtnis wieder verlassen hatte. Umso stärker drängten sich Tall Ships, dieses Brighton-Cronwall’sche Dreiergespann aus Richard Phethean (Gitarre, Gesang), Matt Parker (Bass, Sampler) und Jamie Bush (Schlagzeug), das auf der Bühne noch im einen Keyboarder erweitert wurde, auf. Diese Energie! Diese juvenile Atmosphäre, diese Sounddichte, dieses Gefühl! Fürwahr – die Band, die auf der „Insel“ bereits 2010 mit ihren beiden EPs (die selbstbetitelte Debüt-EP und die „There Is Nothing But Chemistry Here EP“) sowie der 2011er Vorab-Single „Hit The Floor“ für Furore in Indierock-Kreisen gesorgt hatte, hatte ich – bisher – zu unrecht überhört. Dabei weiß ihr nach dem Konzert erstandenes und mittlerweile signiert mein Plattenregal zierendes Debütalbum „Everything Touching“ – dem schlichten Cover zum Trotz – durchaus zu überzeugen…

Tall Ships #1

Der Opener „T=0“ legt schonmal dynamisch vor. Zu einem Fahrt aufnehmendem Schlagzeugbeat gesellt sich erst ein repetitives Gitarrenriff, dann Keyboardgeklimper und schließlich eine komplette Tasten-‚Wall Of Sound‘, bevor Phetheans Gesang einsetzt und vom wundersam süßen Gefühl der zweisamen Unverwundbarkeit kündet: „When I’m with you we are invincible / Together as one our worries come undone“. Bereits das folgende, quasi instrumentale „Best Ever“ zieht darauf besagte ‚Wall Of Sound‘ noch ein Stück weit nach oben, lässt eine kurze Verschnaufpause trügerisch aufglimmen und setzt noch ein paar mehr derbe Klangsteine. Die maritime Realitätsfluchtfantasie „Phosphorescence“ könnte in ihrer hymnischen Verspielheit auch dem Proberaum der Foals schallen, während einen Stücke wie der sich bestätig steigende, melancholische Winterrocker „Oscar“ oder die feinfühlige, mit naturwissenschaftlichen Motiven („Within you every particle is perfect /…/ You are a triumph of natural selection / Every mutation leading to your perfection“) changierende Liebesode „Ode To Ancestors“ einen wohl unweigerlich an die Kanadier von Wintersleep denken lassen. Das zu großen Teilen forsch drauf los polternde „Gallop“ hätte keinen anderen – und besseren! – Titel verdient gehabt, während Frontmann Richard Phethean in einer dezent an Depeche Mode-Fronter Dave Gahan erinnernden gewaltigen Stimmlage von der jähen Vergänglichkeit der Jugend singt: „And before you know, you’re getting old / And losing touch / But life keeps marching on and on, and you’re hung up on things you haven’t done / And all now you have are regrets, and you’re heavy with emotional debts / To the ones you love“ – ein düsterer Funke in einem Meer aus Träumereinen. Apropos „Träumereien“: in eben jenen darf der Hörer im sechsminütigen, Sigur Rós in den Indierock verschleppenden „Idolatry“ ausgiebigst baden, bevor Phetheans Gesangszeile „I can’t build these statues anymore“ gen Himmel entschwindet. Das Doppel aus dem einmütigen, atmosphärischen Instrumentalstück „Send News“ und „Books“, bei welchem erneut – textlich – naturwissenschaftliche mit philosophischen Motiven („I’ve wandered this library for years now / Killing time whilst time slowly killed me / But I know / Time, time is precious / And time will forget us“) und – musikalisch – die isländischen Post Rock-Heroen mit modernem britischem Indierock hervorragend unter einen Hut gebracht werden. Der abschliessende Neunminüter „Murmurations“ setzt zuerst mit einem befremdlich wie stoisch im Hintergrund pumpendem Beat und einsamen, sanften Gitarren ein, steigert sich im Verlauf jedoch  in einen beinahe rauschhaften Full-Band-Zustand, an dessen Spitze ein aus etwa vierzig Freunden, Familienangehörigen und Fans bestehender und in der örtlichen Grundschule aufgenommener Chor die (fast) letzten Zeilen von „Everything Touching“ singt: „Stay with me, for just a while / Hold me close, confirm my denial / You’re all I have, you’re all I need / Settle now, you’re something to believe“. Das Album läuft sanft aus, bis nur noch von fern eine friedvolle Kinderstimme trällert…

Tall Ships-Press shots 29-05-11

Tall Ships schaffen auf ihrem Langspiel-Erstling „Everything Touching“ eine 44 Minuten andauernde dichte Indierock-Atmosphäre, die in Momenten mit (An)Zug an die Landsmänner Foals, die Schotten von We Were Promised Jetpacks oder die US-Mathrocker Battles erinnert, während der Hörer bei den gelegentlichen melancholischen Ruhepolen hingegen nicht selten an Wintersleep oder Sigur Rós denken muss. Dabei bauen Richard Phethean & Co. jedoch keineswegs auf dumpfen Ripoff-Sand, sondern verzieren diese musikalischen Eckpfeiler mit klugen, tiefgründigen Texten und ausreichend Eigenständigkeit und Abwechslungsreichtum, um sich eine gute Zukunftsperspektive zum soeben angesetzten „großen Sprung“ zu erabeiten, denn die Band spielte etwa kürzlich beim renommierten US-Festival „South By Southwest“ und befindet sich gerade auf ausgedehnter Tournee. Und auch wenn Tall Ships die auf den Bühnenbrettern der Maastrichter Muziekgieterij dargebotene Live-Energie (noch) nicht ins Studio und das – nichtsdestotrotz ausgesprochen formidable – Debüt „Everything Touching“ transportieren konnten, so steht eines doch fest: mit diesen Briten ist in Zukunft zu rechnen! Und: ich liebe Zufallsbekanntschaften!

banner

Wie (fast) immer lässt euch ANEWFRIEND nicht ohne Hörproben im Regen (den man beim gerade zart aufkeimenden warmen Wetter nun wirklich nicht nötig hat!) nicht ohne Hörproben stehen und bietet euch hier das komplette Album im Stream…

…sowie die 2011 veröffentlichte Vorab-Single „Hit The Floor“…

 

…und die Videos zum Albumopener „T=0″…

 

…dem energetischen „Gallop“…

 

…sowie dem selben Song in einer reduzierten ‚Outdoor Acoustic Session‘-Variante…

 

…und als Teil der letztjährigen Session von Tall Ships in den ehrwürdigen „Maida Vale“-Studios der BBC:

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
%d Bloggern gefällt das: