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Songs des Tages: Conor Oberst – „No One Changes“ / „The Rockaways“


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Überraschungen ohne größere Ankündigung (*andenkopfklatsch* Sonst wären’s ja keine!) sind meist die besten, oder? Etwa im Falle von Conor Oberst: Nach „LAX„, einem Soundtrackbeitrag zur neusten Nick-Honby-Romanverfilmung „Juliet, Naked“ (mit Ethan Hawke und Rose Byrne in den Hauptrollen), entlässt der in den letzten Jahren zumeist solo agierende Bright-Eyes- und Desaparecidos-Frontmann die neue Doppel-A-Seiten-Single aus den Stücken „No One Changes“ und „The Rockaways“ in die Musikwelt (zunächst digital via Bandcamp und Co., im Februar 2019 sollen beide auf Vinyl erscheinen)…

Natürlich dürften beide Songs geübten Oberstinatos, die in den letzten Jahren das ein oder andere Konzert des 38-jährigen US-Musikers besucht haben, durchaus bekannt vorkommen. Und auch dem Rest sollte das grundlegend singer/songwriterische Soundgerüst nicht ganz fremd sein, lehnen sich doch beide Stücke sowohl stimmungsmäßig als auch klanglich an das ruhige, nicht selten bewegende 2016er Solo-Album „Ruminations“ (seinerzeit – und auch heute noch völlig zurecht – „Album des Jahres“ von ANEWFRIEND) an: zu „No One Changes“ begleitet sich Conor Oberst lediglich solo am Piano, bei „The Rockaways“ bekommt er – am Keyboard – Unterstützung von Bright-Eyes-Bandmate Nathaniel Walcott. Wenn es nach mir ginge, dürften baldestmöglich gern noch so einiger mehr Songs dieser Größenordnung folgen…

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Daphne Lee Martin – „Lover I Don’t Have To Love“


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Vor beinahe 15 Jahren machte ein Song namens „Lover I Don’t Have To Love“ einen damals – mit 22 Jahren – noch recht jungen Mann namens Conor Oberst samt seiner Hauptband Bright Eyes und dem unter anderen von ihm selbst gegründeten Label „Saddle Creek“ auch über die Grenzen von Omaha, Nebraska aus bekannt. Das Stück wurde zum Mini-Hit für all die einsamen Seelen in den Indie-Disko dies- wie jenseits des Atlantiks und sprach den von Liebespein geplagten Adoleszenten mit Zeilen wie „I want a lover I don’t have to love / I want a girl who’s too sad to give a fuck“ oder „I want a lover I don’t have to love / I want a boy who’s so drunk he doesn’t talk“ aus tiefstem Herzen. Das dazugehörige Album „LIFTED or The Story is in the Soil, Keep Your Ear to the Ground“ – Nummer vier der Bright Eyes – etablierte Obersts Namen völlig zu recht im musikalischen Indie-Kosmos, aus dem er bis heute nicht mehr weg zu denken ist.

daphkarrieUnd auch heute noch gilt: Wer sich daran wagt, diesen nahezu perfekten Song zu covern, der sollte es tunlichst vermeiden, ihn einfach nur schnöde – in bester Youtube-Schülerbandmanier – nachzuspielen und ihm gefälligst eine ähnlich eigene Note verleihen, wie es anno 2005 etwa die holländische Indie-Band Bettie Seevert geschafft hat (hier nachzuhören).  Diesen Ratschlag hat wohl auch Daphne Lee Martin beherzigt. Und obwohl ihre Version des Bright-Eyes-Klassikers alles andere als rund und gut durchgemischt fürs Radio-Airplay klingt, hauchen die Musikerin aus New London, Connecticut, die nebenbei mit ihrem Mann noch einen eigenen Vinyl(!)-Plattenladen namens „The Telegraph“ betreibt und deren Musik sich wohl irgendwo zwischen Southern-Roots-Rock, Alt.Country, Americana und Singer/Songwritertum anzusiedeln ist, und ihre Band dem Stück massig spontan gefühlte Seele ein. Frei nach dem Motto: Lieber vier Minuten echtes Leben als zwei Minuten Schönglanz – den Pop überlassen wir lieber Taylor Swift und Co.

 

„I’ve never been too technical with music theory terms when asking for what I want from my band, because it’s more about feeling than execution. This song ranges through so much emotion: it growls, it weeps, it doesn’t give a fuck, it is a bottomless hole, it is lazy and fierce, delicate and cruel. It smells like bad decisions. And though I still loathe the sound of my own voice, this song is just perfect.“

 

 

Rock and Roll.

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Zitat des Tages


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(aus dem Song „Laura Laurent“ vom 2002 erschienenen Bright-Eyes-Album „LIFTED or The Story is in the Soil, Keep Your Ear to the Ground„)

 

 

„Laura, are you still living there on your estate of sorrow? You used to leave it occasionally.
Now, you don’t even bother to ride that commuter train west to Chicago,
to stroll through the greenery, in the park, past the statues.
How their eyes seemed to follow you like a hated addiction.
Their beauty carved out of absolutes that you could never claim, or even envision.
Laura you were the saddest song in the shape of a woman. I thought you were beautiful,
but I wept with your movements. I hope you are laughing now from that place of the carpet
where we shared a sleeping bag, in your sisters apartment. Oh how she would worry so, you know,
I was just a stranger. But she asked me to care for you. That is what she did
and I went and betrayed her. But do you know we are in high demand,
Laura, us people who suffer? Because we don’t take to arguing and we are quick to surrender.
Well, I think I would call tonight if I still had your number.
Your thoughts have always laid close to mine. We were both skipping supper.
But you should never be embarrassed by your trouble with living.
Because it is the ones with the sorest throats, Laura, who have done the most singing. Everybody!
La La La La La La La La La Lah…“

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Conor Oberst – „Tachycardia (Full Band Version)“


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Schon wieder der Typ, dessen aktuelles Solowerk „Ruminations“ hier erst kürzlich auf ANEWFRIEND so derbe abgefeiert und über den grünen Klee belobhudelt wurde? Ja, schon wieder der Typ, dessen aktuelles Solowerk „Ruminations“ hier erst kürzlich auf ANEWFRIEND so derbe abgefeiert und über den grünen Klee belobhudelt wurde.

Ich werde aber auch nicht müde zu betonen, was für ein tolles, zu Herzen gehendes Album dem guten Conor Oberst da gelungen ist. Nein, nein, nein – werde, werde, werde ich nicht! Da das Musikjahr 2016 ja wohl – aller Voraussicht nach – nicht mehr allzu viele neue positive Überraschungen für uns – oder, im Speziellen: mich – bereithalten wird und in den letzten Dezembertagen, nebst der x-ten, jüngst und just um Weihnachten herum auf den Markt geschmissenen jetzt aber wirklich „definitiven“ Best Of von Band XY oder Künstler Z, ohnehin kaum noch etwas von Belang erscheinen wird, wage ich einmal zu behaupten, dass sich „Ruminations“, dieser kleine Diamant eines intimen Singer/Songwriter-Werkes, ganz vorn in meinen persönlichen „Alben des Jahres“ platzieren wird. Verdient? Absolut.

brighteyes5-2Denn nicht nur kommt Conor Oberst meinem kleinen Hörerherz damit so nahe wie seit Herrgottsgedenkenewigenzeiten nicht mehr, die zehn neuen Songs machen mir auch ein ums andere Mal wieder bewusst, was ich diesen Mann in meinen Twen-Jahren geliebt habe, durch wieviele Talsohlen er mich emotional begleitet hat. So kann ich mich noch ganz genau an jenen Tag im Januar 2005 erinnern, als zeitgleich der Album-Doppelschlag aus „I’m Wide Awake, It’s Morning“ und „Digital Ash In A Digital Urn“ erschien. Wie ich mit den frisch im Elektro-Großmarkt erstandenen CDs (ja, die kaufte man damals tatsächlich noch, verlässliche Vorab-Leaks waren da noch ein Unding der Zukunft) vor einer Vorlesung im Hörsaal der Uni saß und mich darauf freute, die Alben auf dem Nachhauseweg im Zug zum allerersten Mal zu hören. Welche breit gefächerte Wirkung Obersts Songs – seit dem vierten, drei Jahre zuvor veröffentlichten Großwerk „LIFTED or The Story is in the Soil, Keep Your Ear to the Ground“ – immer bei mir auslösten. Wie ich seine Textzeilen tief in mich aufsog und nicht selten erst Tage darauf wieder ausspuckte. Klar, diese Liebe ist – wie so ziemlich jede – mit den Jahren ein wenig abgeflacht, hat sich hinter dem Graugrau des Alltags versteckt – doch ganz verschwunden ist sie nie. Das wurde mir kürzlich, mit „Ruminations“, wieder bewusst. Und auch, dass es erst beginnt, sich richtig und wichtig anzufühlen, wenn es ein klein wenig weh tut. Alles andere kratzt oft genug nicht einmal an der Oberfläche. Alles andere ist nicht von Belang.

51aaxwowvtlDeshalb habe ich mir nun vorgenommen, die verbleibenden Tage des Musikjahres 2016 möglichst intensiv dem Backkatalog von Conor Oberst, seiner Hauptband Bright Eyes sowie seinen diversen Nebenbetätigungsfeldern (Monsters Of Folk, Desaparecidos etc. pp.) zu widmen. Wer es mir gleich tun möchte, dem sei – vorausgesetzt man(n) hat die Oberst’sche Diskografie noch nicht in Meter füllender Gänze im heimischen Plattenregal stehen und gerade das nötige Kleingeld auf Kante – das im Oktober diesen Jahres erschienene  Box-Set „The Studio Albums 2000-2011“ wärmstens empfohlen, das sechs der acht zwischen 1998 und 2011 veröffentlichten Bright-Eyes-Alben (exklusive „A Collection of Songs Written and Recorded 1995–1997“, dem eigentlichen Debüt „Letting Off The Happiness“ und dem Weihnachtsalbum „A Christmas Album“) enthält und zum Großteil neu remastered wurde – ein wenig mehr Infos findet man hier oder hier.

Wer – über das reine Hören von „Ruminations“ hinaus –  gern mehr über Conor Obersts Hintergründe und Seelenleben wissen mag und englische Worte in geballter Form nicht scheut, dem seit dieser Artikel, welcher im September im „New York Magazine“ erschien, ans Herz gelegt.

Und etwas musikalisch Neues gibt es für all jene, die von Conor Obersts neuem Album ebenso sehr wie ich angetan sind, tatsächlich noch, denn der 36-jährige Musiker, der vor der Entstehung von „Ruminations“ wieder zurück ins heimische Omaha, Nebraska zog, hat anlässlich des diesjährigen „Record Store Black Friday“ (fand im November statt) eine Seven-Inch-Single in die Plattenläden gestellt, welche, neben einer Band-Version des Album-Openers „Tachycardia“, auch den Non-Album-Song „Afterthought“ enthält. Das Gute ist, dass alle, die im November keine der limitierten Singles ergattern konnten, die beiden neuen Stücke seit gestern auch digital – via iTunes, Spotify und Co.- bekommen – oder eben hier im Stream hören können…

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„It’s a mass grave
A dollar-fifty resting place
On the north face
There’s a rope I’ve gotta climb
I’m a stone’s throw from everyone I love and know
But I can’t show up looking like I do
In an old suit my hair is slicked up back nice and smooth
In a courtroom, sweat rolling down my back
It’s a bad dream
I have it seven times a week
No, it was not me
But I’m the one who has to die

Needs a cold draw to slow his tachycardia
In a dark bar this world just melts away
And he feels fine
If he could just lose track of time
It’s a good sign when he can’t stay awake
On a slow day the rain against the windowpane of the cafe
She spills the coffee grounds
And the same thought hits her like cinder block
Life’s an odd job that she don’t got the nerve to quit

Now it’s just there
At the bottom of those spiral stairs
It’s the World’s Fair
The future’s on display
In the dark night
They turned on the electric lights
And the crowd cried out
Everyone looks so amazed“
  


 

Auch toll, und da ich sowieso bereits eine Latte an Empfehlungen raus gehauen habe: Conor Obersts Auftritt (mit groß aufspielender Band) im House Of Blues in Boston, Massachusetts vom Juni 2015. Zwei Stunden, 21 Songs, drei Mal kreuz und quer durch das gesamte musikalische Werk:


 
Rock and Roll.

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Song des Tages: Maria Taylor – „If Only“


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Momente, in denen man merkt, dass man so langsam aber sicher alt wird: man bleibt an einem Samstagabend gern mal lieber zuhause auf der Couch, man findet immer mehr graue Haare an vielen Stellen des eigenen Haupthaars, man wird sich bewusst, dass Maria Taylor – einst die süßlich betörende Hälfte der „Saddle Creek“-Sirenen Azure Ray – mittlerweile verheiratet und Mutter zweier Kinder ist.

Ja was hab‘ ich damals, in meinen Zwanzigern, noch im Stillen für die aus Birmingham, Alabama stammende Musikerin geschwärmt! Gut, war ja auch nicht schwer, immerhin hatte sowohl ihre damalige Hauptband Azure Ray, die Taylor gemeinsam mit Orenda Fink bildete, als auch ihr damaliges Label „Saddle Creek“ ordentlich Indie-Cred in petto. Zudem bandelte sie damals mit keinem Geringeren als Conor „Bright Eyes“ Oberst an, man durfte also heimlich ein stückweit neidisch auf ihn sein und ihr sowohl zu ihrem ausgezeichneten Männer- als auch Musikgeschmack gratulieren.

1476477555276All das ist freilich längst Geschichte – sowohl Azure Ray, deren letzte Veröffentlichung, die „As Above So Below“ EP, auch schon wieder vier Jahre zurückliegt (das letzte Album „Drawing Down The Moon“ gar ganze sechs), als auch die Liaison mit Oberst. Mittlerweile hat Maria Taylor ihre Zelte mit Mann und Nachwuchs im sonnigen Kalifornien aufgeschlagen und stellt nun, am 9. Dezember, ihr bereits sechstes Soloalbum „In The Next Life“ in die Plattenläden. Und trotzdem ist bereits bei der ersten Single „If Only“ fast alles so wie damals zu Anfang der Nuller-Jahre, als „Saddle Creek“ das wohl tollste Indie-Label der Welt war und Bands wie Bright Eyes oder Azure Ray noch ein echter Geheimtipp… Kein Wunder, schließlich bekam Taylor beim Song stimmliche Unterstützung von Conor Oberst höchstselbst, mit dem sie noch immer gut befreundet ist. Dazu Maria Taylors stets über allem zu schweben scheinende Stimme, welche ohnehin alterslos wirkt.

„This video was directed by one of my favorite photographers, Liz Bretz“, gab Taylor unlängst in einem „Billboard“-Interview zu Protokoll. „I wanted the video to reflect my lives within my life. I wanted it to tie in my past and present with a dream like quality. Having the desert setting was important because while writing this record, Joshua Tree became my favorite place to clear my mind… and at the same time inspire new songs.“ Gegen Ende des neuen Musikvideos sind auch Duettpartner Oberst sowie Taylors Mann und ihre zwei Kinder zu sehen.

Überhaupt holte sich die mittlerweile 40-Jährige für ihr neustes Album, welches erstmals auf ihrem eigenen Label „Flower Moon Records“ und in Deutschland passenderweise bei den feinen Leuten von „Grand Hotel Van Cleef“ erscheint, viel (männliche) Unterstützung an Bord und ins Studio: Singer/Songwriter Nick Freitas saß auf dem Produzentenstuhl, während ihr – nebst dem bereits erwähnten Conor Oberst – viele befreundete Musiker wie Joshua Radin, Jake Bellows (Neva Dinova), Louis Schefano (Remy Zero, Suspicious Light) oder Morgan Nagler (Whispertown) unter die Arme griffen. „I kept asking myself, ‚If I die tomorrow, what would I want my last record to say?'“ – eine existenzielle Frage, welche durchaus auf ein feines neues Album hoffen lässt. Und selbst, wenn man selbst merklich älter geworden ist – Maria Taylors Stimme klingt beinahe noch immer wie damals, als ein kleines Label aus Omaha, Nebraska noch die halbe Indie-Welt mit der tollsten Musik versorgte…

 
 

 

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Ein kleiner privater Vorgriff: Am letzten Septembertag diesen Jahres, solange ich denken kann auch gleichzeitig mein Geburtstag, fahre ich im Herbstsonnenschein zu einem Freund, um ein Paket aus der alten Heimat abzuholen. Aus den Lautsprecherboxen meines mittlerweile leicht in die Jahre gekommenen Opel Corsa tönen zum ersten, jedoch längst nicht letzten Mal die zehn neuen Stücke von „Ruminations“. Ich fühle mich so gut wie lange nicht, was nicht im Besonderen am Wetter (Sonne kommt, Regen geht) oder an meinem Geburtstag (schließlich ist das Älterwerden nur eine kleine Leistung) liegt, sondern vielmehr am Moment als solchen. Und: an diesem Album. Natürlich hat man – im Speziellen ich, der sein ganzes Leben bereits Musik so intensiv in sich aufsaugt wie nur ein Bruchteil aller Menschen (das mag ich einfach einmal in Bescheidenheit behaupten) – mit den Jahren das Meiste bereits in irgendeiner Form, Note oder Variation gehört, ist nur noch Weniges wirklich besonders. Trotz alledem gibt es sie noch, diese Momente, in die sich ein Album perfekt einfügt – und sei es nur für den Bruchteil einer Sekunde. An diesem einen Tag zum Ende des Septembers – an meinem Geburtstag, im Auto gen Sonnenschein fahrend und mit „Ruminations“ zum ersten Mal im Ohr, durfte ich einen dieser Momente erleben. Mehr kann Musik einem nicht schenken. Und dafür darf, sollte, muss man dankbar sein. Und das bin ich.

 

Conor Oberst – Ruminations (2016)

3745400-erschienen bei Nonesuch/Warner-

„Laryngitis, Angst und Erschöpfung“ – Was sich als Begründung zunächst höchst beliebig und nach einer Ausrede für das von tausendundein Klischees besudelte Drogenproblem eines Berufsmusikers anhört, war bei Conor Oberst tatsächlich eine ernsthafte Sache.

Immerhin hat der heute 36-Jährige fast sein ganzes Leben im Musikergeschäft verbracht, ist seit dem zarten Teenageralter aus freien Stücken im nicht immer rosaroten Hamsterrad aus Plattenaufnahmen, Promoterminen und Tourneen rund um den Erdball mitgelaufen. Der Erfolg mit Bright Eyes, seit 1995 seine auch vom beflissenen Feuilleton beachtete On/Off-Hauptband, seinem 2001 ins Leben gerufenen und 2012 wiedervereinigten rüde-lauten Nebenprojekt Desaparecidos, der (un)geplant kurzlebigen All-Star-Truppe Monsters Of Folk (zu der, neben Oberst, auch My-Morning-Jacket-Vorsteher Jim James, Folker M. Ward und Intimus Mike Mogis gehörten) und zuletzt immer öfter solo (beziehungsweise mit seiner Mystik Valley Band) gaben ihm freilich recht. Schon 2002, als das vierte Bright-Eyes-Werk „LIFTED or The Story Is in the Soil, Keep Your Ear to the Ground„, das Oberst auch international bekannt machte, erschien, verlieh man dem damals gerade zarte 22 Jahre alten US-Musiker mancherorts das freilich unfreiwillige Label des „neuen Kurt Cobain“. Eine zweifelhafte Ehre, klar. Außerdem traf diese Umschreibung weder das Musikalische noch Oberst Intentionen im Geringsten. Natürlich war vor allem auf seinen Frühwerken immer eine ordentliche Portion Teenage Angst mit an Bord, natürlich trug der Herr schon immer sein Herz auf der Zunge und sparte in seinen Texten nie mit schonungslosen Beschreibungen seines zerrütteten Inneren. Eventuell war Conor Oberst sogar zu offen, denn 2013 warf ihm eine junge Frau vor, sie zehn Jahre zuvor im Backstage-Bereich nach einem Konzert vergewaltigt zu haben – ein heftiger Nackenschlag ausgerechnet für ihn, der sich stets für Demokratie, soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte stark gemacht hatte. Dass das angebliche Vergewaltigungsopfer die Vorwürfe ein Jahr darauf zurückzog und das Ganze damit als dreiste Lüge entlarvte, spielte für den Menschen hinter der Fassade des bejubelten Indie-Musikers wohl nur eine kleinere Rolle (auch wenn die nachhingehende Rehabilitation freilich gut getan haben mag). Solch ein Vorwurf prallt vor allem an einem Sensibelchen wie Oberst nicht ab. Als er wenig später, im Jahr 2015, auf Tournee mit den wiedervereinigten Desaparecidos ging, um das zweite gemeinsame Album „Payola“ auf Clubbühnen vorzustellen, traf Conor Oberst schließlich der sprichwörtliche Hammer – Schluss, aus, rien ne va plus. Mental wie körperlich ließ sich der (einstige) Indie-Darling der Millennials im Oktober 2015 erst ins Krankenhaus einweisen, sagte alle weiteren Tourtermine ab, zog am Ende gar von seiner Wahlheimat, dem nie stillstehenden Big Apple New York City, zurück ins beschauliche Omaha. Dort hatte einst, Oberst war wohl erst um die zwölf Jahre alt, alles angefangen. Dort hatte er erste Bands gegründet (die sich dann etwa Commander Venus oder Norman Bailer, aus denen sich später die noch heute – allerdings ohne Oberst – existierenden The Faint entwickelten, nannten), dort hatte er in den Neunzigern gemeinsam mit Freunden erste Konzerte inmitten einer damals nicht existenten Konzert- und Clubszene organisiert, dort rief er als einer der Hauptinitiatoren gemeinsam mit seinem Bruder Justin und Produzent/Musiker Mike Mogis das noch heute mit viel Szene-Kred umwehte Indie-Label „Saddle Creek“ ins Leben.

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Nun also zurück zu den Wurzeln, zurück nach Omaha. Und obwohl sich in der größten Stadt des beschaulichen Bundesstaates Nebraska so Einiges getan hat seit Obersts Jugendzeit, obwohl viele der einstigen Freunde und Weggefährten Familien gegründet, die Musik zum Hobby erklärt, in andere Richtungen weiter entwickelt, vielleicht weg gezogen sind oder das Label gewechselt haben, muss es sich für den Musiker selbst, der in New York City vor lauter Möglichkeiten, Managerterminen, Ablenkungen und Zerstreuungen nie so ganz zur Ruhe kommen konnte (wenn er denn mal da war), wie ein schockbefreites Nachhausekommen angefühlt haben. Oberst packte sich den heimischen Garten voller Feuerholz, um für einen langen, harten Winter im mittleren Westen der USA gerüstet zu sein (man weiß ja nie) und igelte sich ein, um nach Jahren voller Vom-Aufnahmestudio-rauf-auf-die-Bühne-Schleifen endlich runter und wieder bei sich selbst anzukommen. Seine einzige Vorgabe: keine Musik. Doch wer den Werdegang von Conor Oberst in den letzten 15 Jahren verfolgt hat, der wird wissen, dass das nicht gut gehen konnte… Zum Glück.

Denn neben dem Feuerholz sorgte er dafür, dass in der heimischen Garage auch ein zwar spartanisch, jedoch voll funktionstüchtiges Probe- und Aufnahmestudio bereit stand. Dort schrieb sich Oberst dann in den kalten Tagen, die er im heimischen 400.000-Einwohner-Städtchen Omaha verbrachte (wo es – wohl auch durch sein Zutun – mittlerweile tatsächlich eine veritable, florierende Künstler-, Musik- und Club-Szene gibt), all seine schwer wiegenden Gedanken von der Seele, und begab sich im Februar diesen Jahres dann für lediglich 48 Stunden in die „ARC Studios“ seines Langzeit-Kumpels Mike Mogis, um kurz darauf zu verkünden: „Ich habe tatsächlich gegen meinen Plan ein Album geschrieben.“

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„Ich wollte eigentlich gar kein Album schreiben. Ehrlich gesagt, wollte ich gar nichts tun. Die Winter in Omaha haben einen lähmenden Einfluss auf Menschen, aber das war jetzt mein Glück. Ich blieb jede Nacht lange auf, spielte am Piano und schaute durch das Fenster dem Schnee beim Stapeln zu. Das nächste, was ich weiß, ist, dass ich das ganze Feuerholz verheizt hatte und mehr als genug Songs für ein Album hatte.“ (Conor Oberst)

Nun mag die Tatsache, dass einer wie Oberst, der in den vergangenen drei Jahrzehnten gefühlten 50 Platten in den verschiedensten musikalischen Konstellationen in die Regale gestellt hat, ein neues Album veröffentlicht, in Rom freilich keinen weißen Rauch aus den Schornsteinen blasen. Und dass es sich bei „Ruminations“ um knapp 40 Minuten Musik in ihrer pursten Form handelt – denn Mr. Bright Eyes spielte jede einzige Note selbst ein und begleitet sich lediglich spartanisch an Piano, Akustischer und Mundharmonika -, dürfte sich, so gelesen, weitaus unspektakulärer anhören als das eigentliche Ergebnis.

conor-oberst-2016-amelie-raoul-dg-450sqÜberhaupt: „Ruminations“ – zu Deutsch so viel wie „Nachsinnen“ oder „Grübeln“ -, davon haben Conor Obersts Songs Einiges intus. Wie dramatisch die Lage gewesen sein muss, schreibt Musiker-Kumpel Simone Felice in seinen Liner Notes: „Er befand sich an einem Ort, an dem er nicht mehr wusste, ob er jemals wieder einen Song schreiben kann. Vielleicht war der Brunnen vergiftet. Oder die Muse hatte sich in Asche aufgelöst“, erinnert sich der Singer/Songwriter an ein gemeinsames Telefonat. Dementsprechend dramatisch beginnt bereits der von Oberst zu Piano und Mundharmonika vorgetragene Albumopener „Tachycardia“ (zu deutsch „Herzrasen“): „I’m a stone’s throw from everyone I love and know / But I can’t show up looking like I do / In an old suit my hair is slicked back nice and smooth / In a court room, sweat rolling down my back / It’s a bad dream / I have it seven times a week / No it’s not me / But I’m the one who has to die“ – ähnlich bedrückende Zeilen hatte man man vom ewigen Indie-Boy mit dem traurigen Hundeblick zuletzt auf „Digital Ash In A Digital Urn„, 2005 quasi als „bösen Zwilling“ im Doppel mit dem anderen Bright-Eyes-Meisterwerk „I’m Wide Awake It’s Morning“ veröffentlicht, von ihm gehört. Und: so in etwa geht es weiter. Natürlich kommt bereits das nächste Stück, „Barbary Coast (Later)“, zur Akustischen weitaus versöhnlicher daher, wenn Oberst in ebenso einfachen wie gewohnt tollen sprachlichen Bildern seine Flucht vor all dem großstädtischen Trubel beschreibt („I don’t mind my head / When there’s room to dream / Feel like Paul Gauguin / Painting breadfruit trees / In some far off place / Where I don’t belong / Tried to lose myself / In the primitive / In Yosemite / Like John Muir did / But his eyes were blue / And mine are red and raw / ‚Cause the modern world / Is a sight to see / It’s a stimulant / It’s pornography / It takes all my will / Not to turn it off“). Aber Oberst wäre nicht er selbst, wenn er dem Süßen nicht das Saure gegenüber stellen würde: „I don’t wanna feel stuck, baby / I just wanna get drunk before noon“. Im Grunde ließe sich hier jeder Song zitieren und bis ins Innerste zerlegen: den betrunken Walzer, den Conor Oberst in „Gossamer Thin“ (zu Deutsch „hauchdünn“) aus den schwarzen und weißen Tasten schält, als er (unter anderem) die zärtlichen Minuten einer im Verborgenen keimenden Liebe singt („She likes the new pope / She’s not scared of hell / They meet once a week at a secret motel / She kisses his neck, she plays with his hair / Her screams sound like pleasure, her moans like despair“), die kalte Panik, welche ihn wohl manche Nacht schlaflos verbringen ließ („Early to bed, early to rise / Acting my age, waiting to die / Insulin shots, alkaline produce / Temperature’s cool, blood pressure’s fine / One twenty-one over seventy-five / Scream if you want, no one can hear you“ – „Counting Sheep“), den vertonten Verlust der Unschuld in „Next Of Kin“ („Get too drunk and you can’t perform / Something dies when a star is born / I spread my anger like Agent Orange / I was indiscriminate / Yeah, I met Lou Reed and Patti Smith / It didn’t make me feel different / I guess I lost all my innocence / Way too long ago“), die Verknüpfungen von Gott, gestohlenen Motorrädern und Gelegenheitssex in „The Rain Follows The Plow“, die Beschreibung von trügerischen Anhimmlungsgesten in „You All Loved Him Once“, welche man mit etwas Fantasie auch als politisches Statement zur diesjährigen US-Wahl verstehen könnte („You all loved him once / Yes, you ate out of his hand / He mirrored your confusion / So that you might understand / Then your soul was an experiment / So he drew a diagram / You all loved him once / It ended bad“). All das mündet – und das ist auch gut so – in die wohl positivsten Zeilen des Albums: „Rise and shine, get out of bed / Get ready for the day / Get a coffee from the deli / And walk the riverbank / Be careful with your headphones on / When you cross the FDR / Don’t want to be a casualty / Before you make it to the bar / And hide your shakes, and worried face / Just sit down in the back / Your friends got there ahead of you / And night is falling fast“ singt Oberst nicht ohne windschiefen Hymnus im abschließenden „Till St. Dymphna Kicks Us Out“ – die Heilige Dymphna, die Patronin der psychisch Kranken, wacht in jenen Stunden über ihn und all jene, die ihren Verstand verloren haben. „Let’s get enabled / Great minds, they think alike / I never was a good judge of when to call it a night / And we can keep drinking till St. Dymphna kicks us out“ – ein Hoch aufs pure Leben.

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Natürlich mag „Ruminations“ der Irrsinn, der nicht wenige Platten der Bright Eyes und Desaparecidos ausmachte, abgehen, die Pathetik auf den Spuren von Wagner, die Suche nach Geräuschen und Experimenten, diese Verspieltheit und Reduktion in wilder Allianz. Auf der Habenseite schlägt sich Conor Oberst auf seinem bereits zehnten unter eigenem Namen veröffentlichten Werk (zählt man denn die Frühwerke aus Teenagertagen mit) von jener behäbigen Alt.Country-Behäbigkeit frei, die noch vielen Stücken der letzten Platten „Outer South“ (2009), „One Of My Kind“ (2012) oder „Upside Down Mountain“ (2014) anhing, und welche wohl selbst einem Großteil des US-amerikanischen Indie-Publikums mit „Rolling Stone“- und Wilco-Prägung zu träge erschienen sein dürfte. Stattdessen bekommt man von Oberst Songs serviert, welche selbst für ihn in dieser schonungslosen Nacktheit, Ehrlichkeit und Verletzlichkeit überraschend erscheinen – dieser musikalische Dreizack aus Piano, Akustischer und Mundharmonika verdeckt eben nichts. Wenn man soll will, ist „Ruminations“ Conor Oberst persönliches „Blood On The Tracks“ oder „Nebraska(sic!) – und mit etwas Glück, Weitsicht und Geschmack (über alle drei Dinge ließe sich freilich vortrefflich streiten) wird sich dieses Werk auch selbst eines Tages in dieser Reihe wiederfinden. Und: Nein, der weltgrößte Mundharmonika-Man wird aus Conor Oberst wohl nie. In jedem Fall ist „Ruminations“ das Album eines zutiefst verunsicherten Mannes, der hier sprichwörtlich um sein Leben singt. Die Panik und das Leben, die Liebe und den Tod, den verlorenen Glauben und die Verlustängste, den kalten Schweiß und die warme Herzlichkeit, den Sex und die Einsamkeit – man hört sie in jeder Zeile, die Conor Oberst mit nicht selten bebender ins Mikrofon singt. „Ruminations“ ist ein großes, ernsthaftes Werk, an dem man sich kaum satt hören möchte, und Conor Oberst weder „der neue Kurt Cobain“ noch „der neue Bob Dylan“. Conor Oberst ist Conor Oberst, zum Glück. Und so gut, so nah, so ergreifend war er schon lange, lange Zeit nicht. Vielleicht sogar: noch nie.

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Für „NPR Music Front Row“ spielte Conor Oberst kürzlich alle zehn Stücke von „Ruminations“ bei einer Show im Housing Works Bookstore Café in New York City, bei welcher er sich lediglich von seinem Musiker-Kumpel MiWi La Lupa (welcher wohl nicht ganz zufällig sein zweites Album „Ended Up Making Love“ im März diesen Jahres bei Obersts eigenem Label „Team Love Records“ veröffentlicht hat) unterstützen ließ…

 

…während er bei einer Session bei „The Current“ drei Stücke des Albums solo zum Besten gab (nämlich „Next Of Kin“ , „Tachycardia“ und „Till St. Dymphna Kicks Us Out“):

 

Rock and Roll.

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