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Song des Tages: Phoebe Bridgers – „Garden Song“


Eigentlich – und aller Umtriebigkeit zum Trotz – längst überfällig, hat Phoebe Bridgers nun ihre neue Single „Garden Song“ veröffentlicht. Zu Beginn des dazugehörigen Lo-Fi-Musikvideos nimmt die eigentlich drogenabstinente, nichtrauchende US-amerikanische Indie-Singer/Songwriterin einen Zug aus einer Bong. Prompt tauchen im Dunst seltsam-skurrile Gestalten auf…

Trotz fehlender Ankündigung ist der zurückhaltende Song aller Wahrscheinlichkeit nach der erste Vorbote von Phoebe Bridgers‘ zweitem Soloalbum, das seit dem vergangenen Herbst in der kreativen Pipeline steckt – und tatsächlich ihre erste Eigenkomposition seit dem erfolgreichen 2017er Debütwerk „Stranger In The Alps“.

doc200.dig1_-1582654468-640x640In einem Radiointerview erzählte Bridgers zum Stück, das sie schon seit etwa einem Jahr live spielt, dass sie beim Schreiben an ihre Heimatstadt Los Angeles und an wiederkehrende Albträume gedacht habe. Im Refrain begleite sie ihr Tourmanager, ein Niederländer namens Jeroen. „Mir wurde klar, dass er die Stimme eines Engels hatte, als er mit mir im Van einen Mitski-Song sang“, so Bridgers. „Er war zwei Oktaven unter mir, und ich sagte: ‚Du klingst wie ein niederländischer Matt Berninger.'“ (Apropos Matt Berninger: Mit dem The National-Frontmann nahm Bridgers nicht nur unlängst das Duett „Walking On A String“ auf, sondern kündigte noch vor der neuerlichen Songpremiere eine große Tour im Vorprogramm von The National und The 1975 an.)

Für die kreative Umsetzung des DIY-Videos zu „Garden Song“ zeichnet sich Bridgers‘ Bruder Jackson verantwortlich. Post-inhalativ betreten seltsam Kostümierte das kleine Schlafzimmer, darunter ihr Schlagzeuger und Co-Songschreiber Marshall Vore, die Humoristin Tig Notaro und Kumpel Christian Lee Hutson (über den auch bereits auf ANEWFRIEND zu lesen war), der auch die Gitarre einspielte. Der Song ist eine Reflexion über das Erwachsenwerden, die Realisation, wohin einen die eigenen Träume geführt haben, und darüber, dass sich Dinge auch dann verändern, wenn man eigentlich viel zu beschäftigt ist, um es zunächst zu bemerken. Stilistisch schließt der Vierminüter nahtlos an das Solodebüt der Musikerin an und vereint Melancholie und Zerbrechlichkeit im Folk-Song-Format.

Apropos Debüt: Obwohl „Stranger In The Alps“ bereits fast drei Jahre alt ist, war es – regelmäßige Blog-Besucher dürften ohnehin bestens informiert sein – danach doch alles andere als ruhig um die 25-jährige kalifornische Songwriterin. Nicht nur bildete sie mit Conor „Bright Eyes“ Oberst unlängst das Duo Better Oblivion Community Center (deren selbstbetiteltes Debüt im vergangenen Musikjahr in ANEWFRIENDs Top 3 spielte) und mit ihren Songwriter-Freundinnen Lucy Dacus und Julien Baker das Trio Boygenius und veröffentlichte mit beiden Projekten gefeierte Platten, immer wieder trat sie auch als Gastsängerin in Erscheinung. Unter anderem auf Mercury Revs Tribute-Album „Bobbie Gentry’s ‚The Delta Sweete‘ Revisited“ oder in den Duetten „The Night We Met“ mit Lord Huron, gemeinsam mit Noah Gundersen und „7 O’Clock News/Silent Night„, einem Simon & Garfunkel-Cover mit – da isser wieder! – The-National-Frontmann Berninger und Fiona Apple.

Da gingen die (weiteren) Solo-Coversongs der jüngsten Vergangenheit fast unter. 2017 „The House That Heaven Built“ von Japandroids und der Judy-Garland-Klassiker „Have Yourself A Merry Little Christmas„, 2018 eine ganze Reihe: McCarthy Trenchings „Christmas Song„, The Cures „Friday I’m In Love„, (Sandy) Alex Gs „Powerful Man“ und Tom Pettys „It’ll All Work Out„. 2019 dann das Tom Waits-Cover „Georgia Lee„.

Zuletzt hatte Bridgers außerdem ihren Sinn fürs Selbstironisch-komödiantische unter Beweis gestellt und mit Conor Oberst in einer Mini-Mockumentary für die Late-Night-Talk-Sendung von Conan O’Brien mitgespielt. Stillstand? Geht wohl anders. Trotzdem: lääääängst überfällig, die neue eigene Platte…

 

 

„Someday I’m gonna live
In your house up on the hill
And when your skinhead neighbor goes missing
I’ll plant a garden in the yard then
They’re gluing roses on a flatbed
You should see it, I mean thousands
I grew up here till it all went up in flames
Except the notches in the doorframe

I don’t know when you got taller
See our reflection in the water
Off a bridge at the Huntington
I hopped the fence when I was seventeen
Then I knew what I wanted

And when I grow up, I’m gonna look up
From my phone and see my life
And it’s gonna be just like my recurring dream
I’m at the movies
I don’t remember what I’m seeing
The screen turns into a tidal wave
Then it’s a dorm room, like a hedge maze
And when I find you
You touch my leg and I insist
But I wake up before we do it

I don’t know how, but I’m taller
It must be something in the water
Everything’s growing in our garden
You don’t have to know that it’s haunted
The doctor put her hands over my liver
She told me my resentment’s getting smaller
No, I’m not afraid of hard work
I get everything I want
I have everything I wanted“

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Matt Berninger & Phoebe Bridgers – „Walking On A String“


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Da sieh‘ mal an – The Nationals Matt Berninger und Indie-Singer/Songwriterin Phoebe Bridgers haben sich für ein Duett zusammengetan. Das Ergebnis, „Walking On A String“, ist Teil der neuen Netflix-Komödie „Zwischen zwei Farnen: Der Film“ und entstand in Zusammenarbeit mit Berningers Frau Carin Besser (sie schrieb ja bereits an vielen Songs des aktuellen The National-Albums „I Am Easy To Find“ mit), Mike Brewer (Brewer & Shipley) sowie The Walkmens Walter Martin und Matt Barrick an der Gitarre und den Drums.

Laut einer Pressemitteilung gab Regisseur Scott Aukerman Berninger freie Hand, um für seinen Film, der um Hauptakteur Zach Galifianakis herum der mittlerweile auch bereits eine Dekade zurückliegenden Kult-Internet-Sketch-Talk-Show „Between Two Ferns“ ein abendfüllendes Format spendiert, einen Song zu schreiben und aufzunehmen – egal mit wem, egal wie. Einzige Voraussetzung: der Song sollte in einer Barszene aufgeführt werden können.

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Matt Berninger meint über „Walking On A String“ sowie dessen Entstehungsprozess in einem Interview mit dem US-„Rolling Stone“: [Director] Scott Aukerman called and told me he and Zach had an important scene in a honky-tonk bar in middle America. They needed a band and a song and said I could do whatever I wanted. My wife Carin and I wrote the lyrics really quickly and I called Tony Berg to produce. I didn’t realize he was in the studio with Phoebe at the time but she graciously let me crash her sessions and that’s when we had the idea to turn it into a duet.”

“It’s a song about how our problems and anxieties can build up and feel like a tangled inescapable web. Sometimes all it takes is a friend with some perspective and patience to help us see our way out of our own messes. It’s also just a love song between a spider and a moth.”

walking-on-a-stringEntstanden sind sowohl der Song als auch das dazugehörige Musikvideo (welches wiederum an die Doku-Ästhetik von „Between Two Ferns“ andockt und somit eine Art Making Of darstellt) innerhalb von zwei Tagen in den legendären Sound City-Studios in Los Angeles.  Phoebe Bridgers dazu: “It’s also where Boygenius [ihr gemeinsames Band-Projekt mit den befreundeten Singer/Songwriterinnen Julien Baker und Lucy Dacus] recorded, so I’m very comfortable there, even with an entirely new band. The rest of the time Matt was trying to corral everyone to steal the couch on which Kurt Cobain wrote ‘Lithium.’” 

Mit der Zusammenarbeit mit dem ähnlich umtriebigen The National-Frontmann ging für die 25-jährige Indierock-Senkrechtstarterin ein lange gehegter Wunsch in Erfüllung: “He’s been a hero of mine since I was a teenager, but it’s easy to forget when hanging out with him. He treats everyone around him as a peer. I wouldn’t have been so comfortable co-producing without him.”

Leider durfte Phoebe Bridgers das pfirsichfarbene Cowboyoutfit, das sie im Film trug, nicht behalten: “I fucking wish. I do, however, have the belt ‚cuz it’s mine – you can’t even see it in the movie. When I was ten years old, I won a mutton-busting competition at the rodeo and they gave me a buckle with a sheep on it. I finally had a reason to wear it.”

 

 

"The things you've said are hanging in the middle of my mind tonight
I can't turn 'em off
I try to worry for your soul but I forget to all the time
I'm in a twisted web and I can't pull my head from it
I think about you walking on a string
It always brings me back here
Into the garden by the hand
You've always had me walking on a string
 
I knew that I was dead before you touched my lonesome skin
You're never running out of ways to worm your way back in
I hang my head and feel the oxygen drain
 
I think about you walking on a string
And it always brings me back here
Into the garden by the hand
Anyone who knows what love is will understand
You've always had me walking on a string
 
In a web, I can't escape it
You'll always worm your way back in
To my lonesome soul and take it
You've always had me walking on a string
In a web, I can't escape it
You'll always worm your way back in
To my lonesome soul and take it
You've always had me walking on a string"

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Christian Lee Hutson – „Northsiders“


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Erinnert mich an Elliott Smith. – Es gibt wohl kaum ein größeres Kompliment, das ich spontan verteilen könnte…

In der Tat gibt es jedoch im Fall von Christian Lee Hutson gleich mehrere weitere Überschneidungen, die den 28-jährigen Singer/Songwriter aus Los Angeles nun – glücklicherweise – in meine Playlist gespült haben: Zum einen war dieser unlängst mit Phoebe Bridgers und Conor Oberst und deren gemeinsamen Band-Projekt Better Community Oblivion Center auf Tour, spielte im Vorprogramm und als Gitarren-Sidekick – wie man hörte – eine recht solide Rolle. Zum anderen arbeitete Hutson mit Phoebe Bridgers als Co-Songwriter nicht nur an deren Song-Beiträgen zum – an dieser Stelle wärmstens ans Hörerherz gelegenen, da großartigen – Better Community Oblivion Center-Albumdebüt, sondern auch an Stücken, die die 24-jährige Indie-Senkrechtstarterin unlängst zur All-Female-Mini-Supergroup boygenius (schließlich zählen zu der noch Julien Baker und Lucy Dacus) beitrug.

northsidersUnd so ist es kaum verwunderlich, dass sich Bridgers bei Christian Lee Hutson revanchierte und ihrerseits mit „Northsiders“ ein Stück ihres Kreativpartners produzierte. Die simpel gehaltene Akustikgitarre-meets-Streicher-Ballade, welche der erste Vorbote eines neuen Albums (dem ersten seit „Yeah Okay, I Know“ von 2014) sein soll und an dessen Fertigstellung auch Nathaniel Walcott (Bright Eyes) beteiligt war, ist ein wunderschönes Lamento an unbeschwerte Jugendtage, als alles noch einfach erschien, die Tage und Nächte endlos und alle Wege offen. Im Text blitzen dabei immer wieder Erinnerungsfetzen an ebenjene Zeit auf, bevor alles (s)ein jähes Ende findet: „I read an article about the accident / Probably reaching for cigarettes / And missed the brake lights up ahead / I hope it was an instant death / Sometimes I imagine us way down the line / Getting fat somewhere in the countryside / It’s crazy how things shake out sometimes / But maybe that’s enough magic for me / Nothing’s going to change it now.“

Man darf durchaus gespannt sein, ob sich auf Christian Lee Hutsons mit prominenter Beteiligung entstandenen kommendem Solo-Album mehr Stücke dieser Smith’schen Güteklasse wiederfinden werden…

 

“‘Northsiders’ is sort of a collage of memories I have of several different friends from high school. I think it’s about the friendships you develop that make you feel seen and understood at that time in your life where you feel invisible and misunderstood.”

(Christian Lee Hutson)

 

 

„I was new in town, kinda goth
I met you in the science quad
You asked if I had any pot
We’re going up to Mikey’s spot

Covering important ground
I tried cocaine in my cousin’s house
‚Yeah, I’m probably addicted now‘
The things that children lie about

I didn’t notice it was getting late
You offered me a place to stay
You live up in the palisades
You tell your folks you ran away
Besides, you’re a Northsider now

Nothing’s going to change it, pal

We were so pretentious then
Didn’t trust the government
Said that we were communists
And thought that we invented it

Morrissey apologists
Amateur psychologists
Serial monogamists
We went to different colleges

But you said that we would always be
Branches on the same old tree
Reaching away from each other for eternity
And you know I can’t argue with that

Nothing’s going to change it now

We could have had one last hurrah
When I was working in the smoothie shop
But I couldn’t get the weekend off
She told me I was getting soft

I read an article about the accident
Probably reaching for cigarettes
And missed the brake lights up ahead
I hope it was an instant death

Sometimes I imagine us way down the line
Getting fat somewhere in the countryside
It’s crazy how things shake out sometimes
But maybe that’s enough magic for me

Nothing’s going to change it now“

 

Rock and Roll.

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Der Jahresrückblick – Teil 1


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Was für Musik braucht man in einem Jahr wie diesem? Solche, bei der die Halsschlagader wild pocht und der ganze gerechte Zorn auf die Welt ein brodelndes Ventil bekommt. Solche, die einem sanft über den Kopf streicht und einem die Hoffnung einhaucht, dass alles schon besser werden wird – irgendwann, irgendwie. Und auch solche, die einen in ihrer Euphorie einfach gnadenlos mitreißt, und einen – im besten Fall – alles andere – das Gute wie Schlechte – für Momente vergessen lässt. Zwischen diesen drei Fixpunkten ist in meiner Bestenliste der persönlich tollsten Alben des Musikjahres 2018 einmal mehr wenig zu finden, an den Endpunkten dafür umso mehr. Bühne frei und Vorhang auf für ANEWFRIENDs Alben des Jahres!

 

 

cursive_virtiola.jpg1.  Cursive – Vitriola

So sehr ich Tim Kasher für nicht wenige Diskografie-Glanzlichter (angefangen bei Cursive bis hin zur Zweitband The Good Life und den Solo-Werken) schätze, aber: Wirkliche Erwartungen – im Positiven – hatte ich zuletzt kaum noch. Dafür war vor allem das letzte, 2015 erschiene The-Good-Life-Album „Everybody’s Coming Down“ einfach zu mies, und auch die 2013 beziehungsweise 2017 veröffentlichten letzten Alleingänge „Adult Film“ und „No Resolution“ waren zwar mit einigen Ausnahmesongs gesegnet, verschwanden allerdings schnell wieder in den hinteren Ecken des (digitalen) Plattenregals.

Dass es also Cursive, Tim Kashers bereits seit den Neunzigern bestehende Alle-Jubeljahre-wieder-Stammformation, heraus reißen würde, darauf durfte man auch kaum vertrauen, schließlich konnten dort weder „Mama, I’m Swollen“ (2009) noch das im großen Stil gescheiterte „I Am Gemini“ (2012)  mit der Intensität von „The Ugly Organ“ oder dem kalkulierten Wahnwitz von „Happy Hollow“ mithalten. Warum also sollte ausgerechnet „Vitriola“, Cursives erstes wirkliches Lebenszeichen seit geschlagenen sechs Jahren, da auf überzeugenderen Schienen unterwegs sein?

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Nun, zunächst einmal, weil mit Tim Kasher, Matt Maginn, Ted Stevens, Clint Schnase sowie Co-Produzent Mike Mogis – erstmals seit „Happy Hollow“ und zwölf Jahren –  Cursives bewährte Stammformation wieder an Bord ist. Und auch, und das wiederum erstmalig seit „The Ugly Organ“ und immerhin 15 Lenzen: das Cello ist zurück! Und ebenjenes füllt gleich einmal jede Ecke und Kante der zehn Albumstücke aus. Und wie! Bei aller Ruppigkeit gelingt es Kasher und Co. derart fulminant, ihr einmal mehr einem Cursive-Album zugrunde liegendes hochtrabendes Konzept (diesmal arbeitet sie sich am Existenzialismus ab, der in Richtung Nihilismus, mal hin zu dystopischer Verzweiflung abwandert und von der Art und Weise erzählt, wie die Gesellschaft, ähnlich wie ein Schriftsteller, einerseits im Eifer erschafft, andererseits jedoch auch – sich selbst – zerstört) an die Hörerschaft zu bringen, dass man kaum mehr indierockende Zeitgeist-Kritik von irgendeiner anderen Band erwarten kann. Diese Songs sind pissed, sind angewidert, sind unzufrieden. Ganz gleich, ob, wie in „Under The Rainbow“ Unruhe in Wut überschwappt, die die Selbstzufriedenheit der privilegierten Klassen anklagt, sich im großartigen „It’s Gonna Hurt“, das Klimax über Klimax über Klimax schraubt, Trauer Bahnen bricht, in „Life Savings“ Geldgier und Konsumhörigkeit vor die Flinte laufen, oder, wie etwa im Abschluss „Noble Soldier / Dystopian Lament“, ein eindringlicher Blick auf einen möglichen gesellschaftlichen Kollaps geworfen wird, der wenig Hoffnung bietet, aber versucht Schönheit und Schrecken auf dem Kopf einer Nadel auszubalancieren. Und so wunderbar kaputte Schrammelorgien wie etwa „Ghost Writer“ können ohnehin nicht viele verfassen…

Natürlich darf man auch 2018 keinen zugänglichen Radiopop von Cursive erwarten – warum auch? Die Welt ist keine gute, der Mensch darin im Zweifel dem anderen gegenüber kaum selten feindsinnig gestimmt, und oft genug nur auf den eigenen Vorteil bedacht. Tim Kasher spricht all das in so einigen feinsinnig-bissigen Alltagsbeobachtungen offen genug an. Und das tönt auch wegen Megan Siebes fast omnipräsentem Cello so kraftvoll wie gefühlt noch nie im Cursive’schen Klangkosmos… So famos wie kaum etwas anderes 2018, und deshalb meine liebste Platte!

 

 

mastersystem_dancemusic2.  Mastersystem – Dance Music

Dass „Dance Music“ Scott Hutchisons Abschiedsgeschenk an die stetig wachsende Hörerschar des umtriebigen Frightened-Rabbit-Frontmanns werden würde, konnte – wenn überhaupt, denn all das gehört freilich ins Reich der Spekulationen – wohl nur er selbst ahnen. Trotzdem bleibt es dabei: Scott Hutchison ist tot. For fuck’s sake, damnit! Und dieses gemeinsam mit befreundeten Musikern aus Kapellen wie den Editors oder Minor Victories aufgenommene Album einhält daher die wohl sinnlosesten Abschiedszeilen des Musikjahres. Sind sie großartig, diese Songs? Zur Hölle, ja! Würde ich sie eintauschen für ein paar von Scott verfasste Worte, in denen er – gesund, lebend und bester Dinge – von den Aufnahmen eines Nachfolgers zum nun auch finalen 2016er Frightened-Rabbit-Album „Painting Of A Panic Attack“ schreibt? Zu gern, zu gern…

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restorations_lp5000.jpg3.  Restorations – LP5000

Ganz ehrlich: Plattencover des Jahres, mit Abstand. Dass auch die – leider: nur – sieben Songs von „LP5000“ zu überzeugen wissen, spricht für die stetige Entwicklung von Restorations. Dass die fünfköpfige Indierock-Band aus dem US-amerikanischen Philadelphia, Pennsylvania auch mit Album Nummer vier nicht unter „Geheimtipp“ für Freunde von Referenzbands wie The Gaslight Anthem, The Hold Steady, Hot Water Music, Jimmy Eat World oder den Get Up Kids verbucht werden darf, ist da eigentlich eine Schande, denn toll ist auch 2018 jede neue Albumnote. 

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yellowknife_retain4.  Yellowknife – Retain

„Grundsympathischer Indierock wie um die Jahrtausendwende herum – schroff, direkt und unaufdringlich. Kribbelt. Rockt. Macht Laune. Umarmt.“ Besser als diese zehn Songs aus der Feder von Tobias „Tobi“ Mösch und seinem Band gewordenen Wohnzimmer-Projekt Yellowknife ist dies 2018 in Indienrock-Deutschland keiner anderen Band geglückt. Macht zuckerfrei süchtig. Da kannste eigentlich nur kritisieren, dass bereits nach 35 Minuten der Finger einmal mehr auf die Repeat-Taste wandern muss…

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william_fitzsimmons_missionbell5.  William Fitzsimmons – Mission Bell

Würde man versuchen, die Biografie von William Fitzsimmons zu verfilmen, das Ergebnis würde wohl fast schon zwangsläufig zu einem kitschigen Zelluloid-Melodram verkommen (oder wahlweise zu einer vor Pathos triefenden Prime-Time-Telenovela). Und auch, wenn man sich bei einem Urteil wie diesem ein klein wenig wie ein schlechter Mensch fühlt, aber: Der 40-jährige grundsympathisch-herzliche US-Singer/Songwriter ist immer dann besonders gut, wenn es um das Vertonen seiner eigenen Schicksalsschläge geht. Und davon hat Studiowerk Nummer sieben, „Mission Bell“ so Einige zu bieten. Manchmal mag’s so sehr zu Herzen gehen, dass sich Kuschelplümo und Kakao fast von selbst erwärmen. Ach, William… ♡

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exre_exre.jpg6.  Ex:Re – Ex:Re

„“Ex:Re“ ist ein Trennungsalbum, wie es auch schon die Daughter-Vorgänger waren, eine Sammlung an Tipps zum Verkraften und Überleben, eine Anleitung zum Alleinsein. Eine Art Tagebuch, in das man nur nachts schreibt, wenn der Kummer einem den Schlaf raubt.“ wie Jennifer Deiner in ihrer plattentests.de-Rezension zum Solo-Debüt von Daughter-Frontfrau Elena Tonra schreibt. Klar sind die zehn darauf dem Herzschmerz abgerungenen Stücke durch und durch traurig, schonungslos offen und unheimlich direkt – allerdings auch weit weg davon, wirklich trostlos zu sein. „When you sheltered yourself and / Cut off the phone / Well, I knew then / You weren’t hurt / You’de forgotten / How to love“ heißt es zwar im abschließenden, bitteren „My Heart“. Trotzdem legen sich die meisten Songs wie eine düster glimmende nächtliche Decke um den Hörer, und lassen ihn wissen: Du bist nicht allein.

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pianosbecometheteeth_waitforlove.jpg7.  Pianos Become The Teeth – Wait For Love

Der Album-Vorgänger „Keep You“ war 2014 noch auf dem Treppchen zu ANEWFRIENDs „Platten des Jahres“, „Wait For Love“ schafft es 2018 zumindest in die Top Ten. Und das auch völlig zu recht für Pianos Become The Teeth. Denn obwohl das Quintett aus dem US-amerikanischen Baltimore, Maryland Note für Note immer weiter das Post-Hardcore-Gewand der wütenden ersten beiden Werke „Old Pride“ und „The Lack Long After“ abstreift, um seine Songs hin zum mittlerweile sehr melodisch-melancholischen Indierock zu öffnen, tut dies der Spannung keinen Abbruch. Denn vor allem die Stimme von Kyle Durfey ist viel zu großartig, um als Schreihals im nächsten juvenilen Moshpit zu verenden. Und wie hieß es doch im 2013 erschienenen Song „Hiding“ (welcher an sich bereits die formvollendete Richtungskorrektur vorweg nahm): „You can’t stay angry forever, or so I’m told…“

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Quiet-Slang-Everything-Matters-But-No-One-Is-Listening-700x700.jpg8.  Quiet Slang – Everything Matters But No One Is Listening

Beach-Slang-Frontmann James Alex nimmt sich den ein oder anderen Song seiner Stammband noch einmal vor – und stimmt diese dann eine ganze Ecke leiser an. Passenderweise als Quiet Slang. „Insgesamt scheint die Idee von Beach Slang-Frontmann James Alex, als Quiet Slang mit einer intim(er)en Variante seiner Hauptband an den Start zu gehen, eine durchaus brillante zu sein, schließlich kommt sein herrlich ungeschliffen-raues Organ zu Piano, Akustischer und Streichern nun voller zur Geltung.“ Absolut. Und alle, die befürchten, dass Beach Slang nun deshalb in der Versenkung verschwinden würden, seien beruhigt: Diese Album gewordene Verschnaufpause scheint James Alex genügt zu haben, denn bald schon soll es wieder neue Beach-Slang-Songs zu hören geben…

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slothrust_thepact9.  Slothrust – The Pact

Gäbe es einen J-Mascis-Gedächtnis-Award für den bloßen Versuch, ein feinsäuberlich durchgegniedeltes Gitarrensolo in möglichst JEDEM Indierock-Song unter zu bringen, so wären Slothrust hierfür die wohl sichersten Anwärter des Musikjahres 2018. Denn für das Trio aus Boston, Massachusetts scheint es ein Leichtes zu sein, ein Solo in eben nahezu jedem der zwölf Stücke von Album Nummer vier, „The Pact“, zu platzieren. Kann nerven? Kann aber auch recht geil sein. Dafür sorgt auch die stilistische Melange, durch welche sich Leah Wellbaum, Kyle Bann und Will Gorin mittlerweile recht leichtfüßig bewegen. War „Everyone Else“, der 2016 erschienene Albumvorgänger, noch ein einziger tiefer Flanellhemd-Knicks vor der Grunge-Ära, so tauchen die Songs des Dreiergespanns mittlerweile ohne jegliche Berührungsängste auch in Indiepop- oder Alt.Country-Gefilde ab und schrecken auch vor subtilen Synthie-Streichern oder einem Jazz-Saxophon-Solo (!) nicht zurück. Macht mächtig Laune, das Ganze! And this year’s J-Mascis-Gedächtnis-Award goes to…

 

 

clueso_handgepäck.jpg10.  Clueso – Handgepäck I

Wie meinte ich noch im August: „Ist halt ein Guter, der Cluesen.“ Das hat sich freilich auf im Verlauf der letzten Monate kaum geändert. Und allen, für die der Pop auf den letzten Nummer-Eins-Alben des gebürtigen Erfurters Überhand nahm, bietet Clueso auf „Handgepäck I“ eine – Outtakes hin, Album-Überbleibsel her – in sich stimmige Sammlung meist akustisch-reduzierter Songs an, über denen – zumindest, wenn’s nach mir geht – seine Neuinterpretation des Puhdys-Klassikers „Wenn ein Mensch lebt“ thront…

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…und auf den weiteren Plätzen:

Boygenius – Boygenius EP mehr…

Hannes Wittmer – Das große Spektakel mehr…

Spanish Love Songs – Schmaltz

Foxing – Nearer My God

We Were Promised Jetpacks – The More I Sleep The Less I Dream mehr…

 

 

Persönliche Enttäuschungen 2017:

adam-angst-neintology.jpgAdam Angst – Neintology

Das selbstbetitelte Debüt war 2015 noch ANEWFRIENDs „Album des Jahres“, der „Neintology“ genannte (und aufgrund des auch heute noch famosen Vorgängers konsequenterweise selig erwartete) Nachfolger jedoch lief bei mir seit Veröffentlichung im September geschätzte zwei, drei Mal. Was also ist passiert? Adam, du machst mir Angst! Adam, wir haben wohl Redebedarf…

Eine der großen Stärken des Debütalbums war noch, dass Frontmann Felix Schönfuss und seine Band Dinge klar – und meist darbst angepisst – beim Namen nannten, Problemkarten offen auf den Tresen der Indierock-Spelunke legten – und daraus ordentliche Punkrock-Songs mit eingebauter Repeat-Taste klöppelten. Drei Jahre später sind die Zeiten, und freilich auch die Gesellschaft um die Band herum, kaum besser, trotzdem gelingt es Schönfuss und seinen Mit-Adam-Ängsten nur recht selten, den Funken (erneut) überspringen zu lassen. Der vermeintliche Technologie-Horror von „Alexa“ mag zwar im ersten Moment witzig erscheinen, ist jedoch arg überformuliert. Der Protektionismus-Abgesang „Blase aus Beton“ geht in Ordnung, stinkt letztendlich jedoch gegen fast jedes Stück des Vorgängers mächtig ab. „Kriegsgebiet“ arbeitet sich zu tobenden Riffs und drückenden Drums an allerlei Erste-Welt-Problemen ab (das wusste die Band 2015 mit „Splitter von Granaten“ noch weitaus besser hinzubekommen). Beinahe der einzige Lichtblick: „Alphatier“. Dieser beschäftigt sich in der Ich-Perspektive mit dem Coming Of Age einer Transperson und ermuntert diese schlussendlich zum Coming Out. Offenbar hat sich das Quinitett die Kritik, die es in „Punk“ ironisch vorweg formuliert, am Ende tatsächlich zu Herzen genommen: Zu smart, musikalisch zu unkomplex. Weiterskippen statt auf Repeat zu hämmern. 2018 wandeln Adam Angst bestenfalls auf etwas blassem Ärzte- und/oder Farin-Urlaub-Niveau (ohne es despektierlich zu meinen, aber auch Champions und Europa League sind ja zwei verschiedene Ligen). Das Debüt spuckt noch heute Gift und Galle, das hier tut leider niemandem mehr weh. Böse Zungen würden nun darauf verweisen, dass Frontmann Felix Schönfuss in diesem Fall zum ersten Mal ein zweites Album mit einer seiner Bands (in der Vergangenheit etwa Escapado oder Frau Potz) abgeliefert hat, und dieses ja in der Vergangenheit „aus Gründen“ vermied. Nach einem Meilenstein-Schuss ist wohl stets Schluss? Ich erbitte Besserung!

 

 

aperfectcircle_eattheelephantA Perfect Circle – Eat The Elephant

Zunächst einmal ist es toll, dass sich Maynard James Keenan und Kompagnon Billy Howerdel nach schlappen 14 Jahren tatsächlich mit einem neuen A Perfect Circle-Langspieler zurück melden. Klar, gerade Keenan lag in der Zwischenzeit mit seiner Weinbau-Passion, seinem etwas umtriebigeren (und ab und an arg spleenig-ambitionierten) Band-Projekt Puscifer sowie neuerdings wieder Tool (deren Nachfolger zum 2006er Album „10,000 Days“ längst zum weltgrößten musikalischen Treppenwitz taugt) kaum auf der faulen Haut. Und gerade deshalb schien ein Nachfolger zum 2004 veröffentlichten Album „eMOTIVE“ nicht eben wahrscheinlich. Wer’s anders sieht, dem seinen mal eben die damaligen Randbedingungen vor Augen geführt, erschien dieses doch am 1. November, und damit einen Tag vor den damaligen US-Präsidentschaftswahlen, bei denen ein gewisser George W. Bush im Amt bestätigt wurde. Danach folgten zwei Amtszeiten von Barack Obama, dem wiederum ein mit dem Goldlöffel aufgezogener, tumbdreist daher plappernder ehemaligen Reality-TV-Show-Star im vermeintlich höchsten Amt der US of A nachfolgte. Die Welt hat sich also seit dem dritten Langspielwerk kaum zum Besseren gewandelt. Bühne frei für neue Songs von Keenan, Howerdel und Co., die sich auch in der Vergangenheit kaum mit Kritik zurück hielten, also?

Nun so einfach ist’s kaum. Natürlich hat die Band in all den Jahren kaum ihre Trademarks, die einerseits von Maynard James Keenan markanter Stimme, andererseits von Billy Howerdels filigranem Gitarrenspiel, welches in Alternative-Rock-Songs mündet, die wiederum beständig im Spannungsfeld zwischen Melancholie und Eruption hin und her mäandern, über Bord geworfen – man höre nur das großartige „Features“! Natürlich gibt es auch 2018 zeitgeistige Sozialkritik, wie etwa im feinen Holzhämmerchen „Disillusioned“. Das Problem mit der Rückkehr von A Perfect Circle ist vielmehr, dass „Eat The Elephant“ zu viel will (und, wie etwa beim fast schon grotesk poppigen „So Long, And Thanks For All The Fish“, auch wagt), dem – freilich einmal mehr schön konzeptuierten -Ganzen jedoch wenig wirkliche Substanz, arg viel oberflächlichen Inhalt entgegen stellt. So verkommt ein Großteil der Stücke auf „Eat The Elephant“ zu einer Mogelverpackung á la Hollywood, gegen die es gerade noch selbst gewettert hat, und wäre – zusammen gedampft auf eine EP – wohl potentiell größer rausgekommen…

 

 

Die Entdeckung des Musikjahres: 

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Soup

Der Bandname? Der wohl nichtssagendste, fast schon schwachsinnigste seit Langem. Die Band selbst? Ein echter Geheimtipp, bei dem selbst ich mich frage, wieso gerade die so lange an mir vorbei musizieren konnten…

Denn vor allem die letzten beiden Studioalben von Soup – die großartigen „The Beauty Of Our Youth“ (2013) und „Remedies“ (2017) – bieten eine wunderbar zusammen gewürfelte Melange aus so Vielem: Kopfkino-Postrock von Größen wie Godspeed You! Black Emperor, Sigur Rós oder Mogwai, psychedelischer Seventies-Rock der Duftmarke Pink Floyd, an manchen Ecken lugen gar Genesis, Steven Wilson, Opeth oder Motorpsycho hervor. Dass der Fünfer aus dem norwegischen Trondheim aus all diesem potentiellen Referenzen tolle Alben (bei den genannten saß wiederum nicht grundlos Mogwai-Mischer Paul Savage hinter den Studioreglern) zimmert, macht das Endergebnis nur noch umso erstaunlicher, sodass man beinahe gewillt ist, dem Promotext unumwunden zuzustimmen: „‘The Beauty Of Our Youth‘ ist ein Album, das gekonnt die Schönheit der Landschaft widerspiegelt und ein Manifest nordischer Melancholie zu sein scheint, auferstanden aus moosigen Wäldern, durch nebelige Berge streifend, um letztendlich in der rauen See zu versinken. Dynamisch, aufregend und entspannend zugleich.“

Verschroben-verschwurbelte Naturromantik trifft also auf die gaaaaanz große Artrock-Palette? Mag sein, ja. Klingt jedoch großartig genug, um Soup – dämlicher Bandname hin oder her – endlich zu mehr als nur einem Geheimtipp-Status gratulieren zu wollen…

Übrigens: Wer wissen mag, ob Erlend Aastad Viken, Ørjan Langnes, Jan Tore Megård, Pål Ramsøy-Halle und Espen Berge ihre große Studio-Show auch auf die Konzertbühnen transportieren können, dem sei etwa die kürzlich erschienene (und leider nur fünf Songs kurze) Live-Konserve „Live Cuts“ ans Hörerherz gelegt.

 

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Boygenius


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Wenn man von Supergroups spricht, denkt man normalerweise schnell an Namen wie – freilich – Crosby, Stills, Nash & Young (David Crosby, Stephen Stills, Graham Nash und Neil Young), Cream (Ginger Baker, Eric Clapton und Jack Bruce), eventuell auch an (die recht kurzlebigen) Them Crooked Vultures (John Paul Jones, Dave Grohl und Josh Homme) oder (die nun wieder aufgetauchten) The Good, the Bad & the Queen (Damon Albarn, Paul Simonon, Simon Tong und Tony Allen) oder Audioslave (Rage Against The Machine, ohne Rap-Fronter Zack de la Rocha, dafür mit dem kürzlich verstorbenen Engelsstimmen-Shouter Chris Cornell). Kurzum: an eine Schar renommierter, vorwiegend männlicher Musiker aus dem Folk- oder Mainstream-Rockbereich.

Nun wurde auch Boygenius die Ehre zuteil, vom Online-Musikmagazin „Pitchfork“ zu einer ebensolchen „Supergroup“ erhoben zu werden. Das Kollektiv um Lucy Dacus, Julien Baker und Phoebe Bridgers ist jedoch weder männlich, noch dem Mainstream-Publikum bislang sonderlich bekannt. Oder doch? Schließlich wirbelten ihre Einzel-Akteurinnen die Alternative-Folk- und Indierock-Szene in den vergangenen Monaten stilecht durcheinander: Lucy Dacus veröffentlichte erst im vergangenen März ihr hochgelobtes zweites Album „Historian„, Julien Baker ihr tolles zweites Album „Turn Out The Lights“ im Oktober 2017. Und nur einen Monat zuvor war Phoebe Bridgers‘ beachtliches Debüt „Stranger In The Alps“ erschienen (von der Dame war, ähnlich wie Julien Baker, auf ANEWFRIEND ja bereits des Öfteren die Schreibe). Na, klingelt’s?

Die Idee für Boygenius entstand, als Julien Baker, Phoebe Bridgers und Lucy Dacus zusammen für eine US-Tour gebucht wurden. Bridgers und Dacus trafen erstmals im Backstage-Bereich eines Festivals in Philadelphia aufeinander und waren sich sofort sympathisch. Mit Baker tauschte sich Dacus schon länger per E-Mail über Songwriting-Ideen aus. „Als wir uns trafen“, so Julien Baker über das Projekt mit ihren ehemaligen Tourpartnerinnen, „waren Lucy, Phoebe und ich in unseren Leben und unseren musikalischen Unternehmungen an ähnlichen Punkten angelangt, außerdem hatten wir so ziemlich dieselbe Einstellung gegenüber Musik. Daraus entstand unmittelbar eine Seelenverwandtschaft.“

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Mit ihren unlängst erschienenen, bereits erwähnten Alben hatten die drei Songwriterinnen bewiesen, dass sie zu den jungen und großen Talenten der US-amerikanischen Indie-Musikszene gehören. Insofern verwundert es nicht, dass bereits nach ein paar Sessions, zu denen jede der drei jeweils einen eigenen Song sowie einen Entwurf für einen gemeinsamen Boygenius-Titel mitbrachte, so ergiebige Ergebnisse zu verzeichnen waren, dass statt einer ursprünglich geplanten Tour-7-Inch-Single eine EP mit sechs Tracks entstand, welche das Trio Ende Juni 2018 in den Sound City Studios in Los Angeles aufnahm.

boygenius_stEs gelingt besonders den ersten vier Songs dieser selbstbetitelten EP, die Vielzahl der Stärken von Baker, Bridgers und Dacus auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. „Bite The Hand“ ist Opener und – nebst dem Ohrwurm „Souvenir“ – Glanzstück zugleich, weil hier die Synergien, die zunächst Lucy Dacus in den Fokus stellen, am deutlichsten herausgearbeitet wurden. „Me & My Dog“ setzt danach das melancholische Folk-Talent von Phoebe Bridgers wunderschön in Szene, Ähnliches gilt für „Stay Down“ und Julien Baker (das Gitarrensolo!). Keine der drei Damen drängt sich jedoch auf, Frau teilt den Leadgesang schwesterlich untereinander auf, stellt sich zu jeder Zeit songdienlich hinten an – sehr schön, dieses gefühlt blinde Verständnis für die Harmonien der jeweils anderen. Einziges Manko, in der Tat: Die EP ist mit sechs Stücken innerhalb von 22 Minuten viel, viel zu kurz geraten – demnächst ein Album, bitte? Denn diese „Supergroup“ legt mit ihren ersten Songs massig Finten voller Potential und darf daher gern noch länger so „super“ tönen…

 

 

Am 7. November 2018 gaben Julien Baker, Phoebe Bridgers und Lucy Dacus im Rahmen ihrer gemeinsamen US-Tour sowie ihrem Tour-Stopp in der Brooklyn Steel in New York City, New York nicht nur die Songs ihrer ersten gemeinsamen Boygenius-EP zum Besten…

 

Nein, jede der drei aufstrebenden Indie-Musikerinnen spielte auch ein eigenes Set. Mitgeschnitten wurde das Ganze freundlicherweise von „Pitchfork LIVE“. Gesamtdauer: alles in allem stattliche knapp drei Stunden. Wohl bekomm’s!

 

(Wer mehr über Boygenius wissen mag, dem sei etwa dieses recht ausführliche Porträt des deutschen „Rolling Stone“ vom vergangenen November empfohlen…)

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Phoebe Bridgers – „It’ll All Work Out“


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Dass sich Phoebe Bridgers ganz gut aufs Covern fremder Songfedern versteht, war in diesem Jahr bereits an anderer Stelle zu lesen. Im Zuge des „Deluxe Edition“-Re-releases ihres im vergangenen Jahr erschienenen Debütalbums „Stranger In The Alps“ hat sich die 24-jährige Indierock-Singer/Songwriterin aus dem sonnigen Los Angeles nun eine kleine, oft übersehene Liedperle des vor etwa einem Jahr (viel zu früh) verstorbenen Tom Petty ausgesucht.

It’ll All Work Out“ stammt vom 1987 gemeinsam mit seinen Heartbreakers veröffentlichten Album „Let Me Up (I’ve Had Enough)„, wurde jedoch erst (zumindest war’s bei mir so) durch seinen Verwendung in dem auf immer und ewig tollen Cameron-Crowe-Roadtrip-Schmonzettefilm „Elizabethtown“ populär(er). Phoebe Bridgers, die aktuell auch – unter dem Band-Pseudonym Boygenius – gemeinsame Sache mit ihren Girl-Buddies Julien Baker und Lucy Dacus macht (die ersten drei EP-Vorboten Stücke „Bite The Hand“, „Me & My Dog“ und „Stay Down“ tönen schonmal recht vielversprechend), unterzieht das ohnehin bereits zarte Tom-Petty-Original einer feinen Samthandschuh-Behandlung, welche den Song – soviel sei gespoilert – wohl keineswegs schlechter macht…

 

 

„She wore faded jeans and soft black leather
She had eyes so blue they looked like weather
When she needed me I wasn’t around
That’s the way it goes, it’ll all work out

There were times apart, there were times together
I was pledged to her for worse or better
When it mattered most I let her down
That’s the way it goes, it’ll all work out

It’ll all work out eventually
Better off with him than here with me

It’ll all work out eventually
Maybe better off with him than here with me

Now the wind is high and the rain is heavy
And the water’s rising in the levee
Still I think of her when the sun goes down
It never goes away, but it all works out“

 

Rock and Roll.

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