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Song des Tages: Pink Floyd – „Hey Hey Rise Up“ (feat. Andriy Khlyvnyuk)


Am Anfang ist da ein Chor, der nach Kosakenfolklore und Schwarzmeermatrosen klingt. Kurze Irritation. 16 Sekunden später merkt man allerdings, wer hier eigentlich spielt. Die ersten Schlagzeugschläge, swingend und pointiert, dabei mit leicht existenzialistischer Rückhand ausgeführt, dann die von der Seite schwer ins Bild rollende Orgel. Alles: musikhistorische Wasserzeichen. Wer „Hey Hey Rise Up“ hört, den Song, der vor einigen Tagen auf den Streaming- und Download-Plattformen auftauchte, dessen Single-Artwork eine Art „Sonnenblume mit Auge“ zeigt, während der Schriftzug der Band ist in den ukrainischen Landesfarben Blau und Gelb getaucht ist, dürfte also auch ohne gesonderten Hinweis merken, um was es sich hier handelt: um ein neues Stück von Pink Floyd, einer der größten, wegweisendsten, vor vielen Jahren stillgelegten Rockbands der Geschichte – auch wenn das noch nicht die ganze Wahrheit ist.

Denn der Sänger, dessen bebender Tenor „Hey Hey Rise Up“ hier durch seine dreieinhalb Minuten trägt, heißt Andriy Khlyvnyuk. Er stammt aus Tscherkassy, das mitten in der Ukraine am Fluss Dnepr liegt, und ist seit 2004 das Gesicht der Band BoomBox, die in ihrer Heimat durchaus als „Superstars“ bezeichnen könnte. Als die russische Armee im Februar die Invasion begann, verschob die Gruppe ihre für März und April geplanten Amerika- und Europakonzerte und rückte – wie viele andere heimische Künstler – geschlossen zur Landesverteidigung ein. Am vierten Kriegstag postete Khlyvnyuk, gewissermaßen als Gruß von der Front, auf seinem Instagram-Account ein kurzes Smartphone-Video, das ihn vor der Sophienkathedrale in Kiew zeigt. Das spontan gesungene „Oi u luzi chervona kalyna“ („Der rote Schneeball auf der Wiese“), ein ukrainisches Kampflied aus dem Ersten Weltkrieg, verbreitete sich schnell und weit im weltweiten Netz. Verschiedene Musiker spielten Musik dazu, fertigten Mash-up-Fassungen an – im Grunde der übliche zu erwartende Schneeballeffekt bei derart bewegenden Beiträgen, welche noch dazu gesellschaftspolitische Tragweite besitzen.

Pink Floyds „Hey Hey Rise Up“ betitelte Variante ist nun einerseits eine weitere Version, in der eine Band die Gesangsspur aus Andriy Khlyvnyuks Clip neu vertont und interpretiert. Zudem hat Gitarrist und Initiator David Gilmour sie als aufsehenerregendes popkulturelles Ereignis konzipiert. Pink Floyd, die großen britischen Epiker und Progressive-Rock-Experimentalisten, veröffentlichten zuletzt 1994 wirklich neue Musik (wenngleich 2014 mit „The Endless River“ noch einmal dröge Resteverwertung aus den „Division Bell“-Sessions betrieben wurde), traten 2005 ein letztes Mal in klassischer Besetzung auf. Der Tod des Keyboarders Rick Wright 2008 – zwei Jahre, nachdem das bereits 1968 ausgestiegene Gründungsmitglied Syd Barrett verstarb – sowie die andauernden Unverträglichkeiten zwischen Gilmour und dem ursprünglich zweiten Bandkopf Roger Waters, den der Rest der Gruppe anno 1985 im Streit schasste, beschlossen jedoch effektiv die Geschichte. „Es ist vorbei, die Band ist am Ende. Es wäre Betrug, noch irgendwie weiterzumachen“, sagte Gilmour 2015 in einem Interview mit dem „Guardian“.

Es ist jetzt also tatsächlich eher die legendäre Marke, die charakteristische Pink-Floyd-Idee, als die eigentliche Band, die der 76-jährige Gilmour anlässlich des Ukraine-Krieges zeichenhaft wiederbelebt hat. Als einziges weiteres (Ex-)Bandmitglied ist auf „Hey Hey Rise Up“ Schlagzeuger Nick Mason, auch bereits stolze 78 Lenze alt, vertreten. Die Freunde und langjährigen Kollaborateure Guy Pratt und Nitin Sawhney spielen die restlichen Instrumente. Dennoch haben die Musiker es geschafft, dem für sie gänzlich untypischen Stück osteuropäischer Quasi-Folklore etwas von der ebenso warmen wie unheilvoll dräuenden Atmosphäre der großen Floyd-Werke zu verleihen. Inklusive eines ausgiebigen Gitarrensolos, das Gilmour in einem aktuellen Interview (ebenfalls mit dem „Guardian“) als seinen „Rockgott-Moment“ bezeichnet – mit genug expliziter Selbstironie, um das Wahrheitskorn darin funkeln zu lassen. Als Klassiker im Pink-Floyd-Kanon wird das Stück sicherlich niemals gelten, umso mehr Reichweite erzeugt es jedoch für die Geschichte, die hinter ihm steht.

Gilmour lernte die BoomBox-Musiker vor Jahren bei einem Konzert in London kennen, hat außerdem selbst eine ukrainische Schwiegertochter. Der Brite sagte, er habe mit Andriy Khlyvnyuk, der sich in einem Krankenhaus von einer Granatsplitterverletzung erholte, gesprochen, als er den Song geschrieben habe: „Ich habe ihm am Telefon ein wenig von dem Song vorgespielt, und er gab mir seinen Segen.“ Zudem hoffen beide, in Zukunft auch persönlich zusammenarbeiten zu können. „Hey Hey Rise Up“ will Gilmour als demonstratives Statement gegen die russische Aggression verstanden sehen, alle Einnahmen aus dem Song lobt er als Spenden an die humanitäre Hilfe im kriegsgeschundenen Land aus – und erzeugt dennoch keine Sekunde lang den Eindruck, die Solidaritätsaktion könne ein dauerhafter Neustart für Pink Floyd sein.

„Wir wollen unsere Unterstützung für die Ukraine zum Ausdruck bringen und auf diese Weise zeigen, dass der Großteil der Welt es für völlig falsch hält, dass eine Supermacht in das unabhängige demokratische Land einmarschiert, das die Ukraine geworden ist.“ (David Gilmour)

Und Roger Waters? Auch der alte Grantler, das Mastermind hinter Pink Floyd’schen Werken wie „The Wall“ hat sich seinerseits mit einem Ukraine-Video zu Wort gemeldet, schon Anfang März. Darin antwortete er in einer längeren Abhandlung auf den Hilferuf eines 19-jährigen ukrainischen Fans. Er, der sich seit Jahr und Tag ohnehin gegen jegliche kriegerische Konflikte stark macht, verurteilte zwar den russischen Angriff, betonte aber auch, dass Israel in Palästina vergleichbare Verbrechen verübe und es in der Ukraine ja durchaus eine Menge neofaschistischer Kräfte gebe – womit der 78-Jährige wohlmöglich recht haben mag, jedoch auch mächtig Whataboutism betreibt. Im Grunde das exakte, nüchtern-kalte Gegenstück zu dem, was seine früheren Bandkollegen mit „Hey Hey Rise Up“ in die Welt gestellt haben. Ebenso nüchtern lässt sich daher mutmaßen, dass Gilmour, Mason und Waters in diesem Leben sicher nicht mehr zusammenkommen werden.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Beatsteaks – „Make A Wish“ (+ meine persönliche „Best Of“ zum Nachbasteln)


Beatsteaks

Adel, wem Adel gebührt. So – oder so ähnlich – könnte wohl die Prämisse, lauten, als Die Ärzte – augenzwinkernd die selbsternannte „beste Band der Welt“ – vor einigen Jahren im Song „Unrockbar“ einst fragten: „Wie kannst du bei den Beatsteaks ruhig sitzen bleiben?“. Recht ham se! Denn in der Tat hat sich die seit beinahe 20 Jahren zusammen musizierende Punkrock-Fünfercombo zum verlässlichen Spätsommer- und Livekonzert-Dauergaranten entwickelt. Und wo einen – oder zumindest: mich – das bislang letzte, 2011 veröffentlichte Werk „Boombox“ doch in Gänze irgendwo kalt ließ und – trotz Spitzenplatz in den Albumcharts – nie und nimmer an Granaten wie „Living Targets“ (2002) oder „Smack Smash“ (2004) heranreichte, macht’s das selbstbetitelte Album Nummer sieben wieder deutlich besser und spielt sich in einer knackigen halben Stunde mitten ins Herz des Beatbuletten-Freundes.

Umso schöner ist, dass die Beatsteaks (aus Berlin? auuuus Berlin!) nun mit „Make A Wish“ eines meiner persönlichen Ohrwurm-Albumhighlights zur neuen Single auserkoren haben, bei dem im Grunde alles an Bord ist, was die Band so sympathisch einzigartig macht: ein tighter Beat, derber Groove, ein wenig Experiment, punkrock-poppige Gitarren und Arnim Teutoburg-Weiß‘ charmantes Gesangsorgan. „Charming as ever“? Jawollja, meine verehrten Buletten!

 

„Make A Wish“ in offizieller Musikvideo-Garnitur…

 

…und in der Bühnenvariante beim Joko-und-Klaas-„Circus HalliGalli“:

 

 

Für all jene, die bezüglich der Beatsteaks-Diskografie noch ein wenig Nachholbedarf haben, habe ich hier eine allumfassende persönliche „Best Of“ der Bandjahre 1999 bis 2011 zusammen gezimmert – zum Nachbasteln ausdrücklich freigegeben. Wohl bekomm’s!

The Best Of (1999-2011)CD 1

1. Not Ready To Rock
2. As I Please
3. Milk & Honey
4. We Have To Figure It Out
5. Meantime
6. Soothe Me
7. Flysmoke
8. Sabotage (live)
9. Monster (live in Berlin)
10. Big Attack (Laut) (live in Nürnberg)
11. Cut Off The Top (Single Version)
12. S.N.A.F.T.
13. Hand In Hand
14. …And Wait
15. Hello Joe
16. Access Adrenalin
17. Demons Galore (EP Version)
18. Wish
19. Hail To The Freaks
20. Alright
21. Jane Became Insane
22. She’s Lost Control
23. Disconnected

CD 2
1. Just Like Heaven
2. Panic
3. Wer A sagt muss auch B zahlen (mit Dendemann)
4. I Don’t Care As Long As You Sing
5. She Was Great
6. Mietzie’s Song
7. Summer
8. E-G-O
9. House On Fire
10. Alright (Hotel Innsbruck Version)
11. Hey Du (live in St. Gallen)
12. Frieda und die Bomben (vs. Turbostaat)
13. Demons Galore (live in Aix-les-Themes)
14. Big Attack (Leise) (live in Lübeck)
15. Hello Joe (live in Bielefeld)
16. What’s Coming Over You (live in Berlin)
17. To Be Strong
18. Let Me In
19. Ain’t Complaining
20. Cut Off The Top (lattekohlertor rmx)
21. Soothe Me (acoustic)
22. Schluss mit Rock’n’Roll
23. (Outro)

 

Rock and Roll.

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