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Sunday Listen: The Lion and the Wolf – „Symptoms“


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„Es ist nicht leicht, heutzutage für irgendetwas Aufmerksamkeit zu bekommen. Alles ist voller Müll. Zweifelhafte Jugendliche mit zweifelhaften Inhalten erreichen über YouTube & Co. in wenigen Sekunden hunderttausende Menschen und drehen ihnen Schwachsinn an. Deine Timelines sind täglich voll mit dem nächstem Hype-Act, von dem man zwei Monate nach der Album-Veröffentlichung nie wieder etwas hört. Deine Freunde nehmen ironisch an Quatsch-Veranstaltungen teil, dein Streaming-Account schlägt dir immer nur die Bands vor, die dir eh seit Wochen per targeted-sponsored-Post um die Ohren gehauen werden.“

Weise einleitende Worte, die sein deutsches Label Grand Hotel van Cleef da im Vorstellungstext für Tom George wählt. Worte, die man so – oder zumindest so ähnlich – auch hier auf diesem bescheidenen Blog bereits dutzende Male gelesen haben dürfte. Weil sie nur allzu wahr sind…

Andererseits: Wenn sich selbst da kaum ein Alleinstellungsmerkmal ergibt – wo dann, bitte? Immerhin kann einer wie der bärtige Brite, der einst seinen Job schmiss und die heimatliche Abgeschiedenheit der Isle Of Wight verließ, um sein Glück im quirligen London zu suchen, sich nicht eben blank auf seine Abrissbirne schwingen, um seiner Musik zu mehr Publicity zu verhelfen. Und auch (Voll)Bart tragende Akustikgitarren-Troubadoure gibt es im Zweifel wie Sand am Bon-Iver-Strand… Was also macht The Lion and the Wolf aus?

R-9268908-1477685364-7524Nun, der Großteil der Songs der bisherigen beiden Alben „Symptoms“ (2014 noch im Alleingang fertiggestellt und vertrieben) und „The Cardiac Hotel“ (zwei Jahre darauf beim Grand Hotel van Cleef erschienen) überzeugt mit (s)einer fast schon sakralen Schlichtheit, die auf dem Debütalbum kaum mehr benötigt als die bereits erwähnte Akustikgitarre, während sich ab und an mal ein Klavier, eine zweite, weibliche Stimme oder Streicher ins Klangbild schieben – man ist bei so viel fragiler Folk-Melancholie nahe dran, dem Briten einen Gig in der nächsttollsten Kirche zu organisieren…

Und auch die Tatsache, dass sich Tom George beim zweiten Album „The Cardiac Hotel“ etwas Bandunterstützung (bis hin zu Bläsern) gesucht hat, um seinen Stücken ein klein wenig mehr Zug und Indiepop-Appeal zu verleihen, wird an den Vergleichen, welche von allseits beliebten wie unvermeidlichen Singer/Songwriter-Paten wie Bon Iver, William Fitzsimmons oder Elliott Smith bis hin zu Jeff Buckley (hallende E-Gitarren!), Bright Eyes, Get Well Soon (die opulenteren Momente) oder Death Cab For Cutie (das charmant-ungenierte „I Will Follow You Into The Dark“-Ripoff im Song „The Pinching Point“ – es entbehrt kaum einer gewissen Selbstironie, dass George ebenjenes DCfC-Stück bei derselben Live Session auch gleich noch gecovert hat) reichen, wenig ändern. Warum auch? Tom George schreibt Songs, deren Geschichten (etwa die über die Krankheit seines Vaters in „My Father’s Eyes„) sich ebenso wenig aufdrängen wie die Melodien. Man muss schon genau(er) hinhören, sich Zeit nehmen und sich auf Georges Stücke einlassen. Wer genau das jedoch tut, wird belohnt. Dafür stehen wohl auch die Indie-Damen und Herren vom Grand Hotel van Cleef mit ihrem guten Label-Namen…

 

Das Debütalbum von The Lion and the Wolf findet man via Bandcamp im Stream sowie – auf Wunsch – als „Name your price“-Download fürs heimische Abspielgerät:

 

Und das neuste, vor wenigen Tagen veröffentlichte Stück von The Lion and the Wolf hat sich die weiter oben geäußerte Kopfkino-Idee vom Kirchen-Gastspiel wohl zu Herzen genommen und – mit etwas sakralem Hall und viel Gospel-Feeling in der Hinterhand – festgestellt: „The Church Never Sleeps“…

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Fismoll – „Let’s Play Birds“


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Mag sein, dass ANEWFRIEND mit dieser Entdeckung ein wenig late to the party kommt – aber besser jetzt als nie, oder?

Fakt ist: Fismoll sind ein echtes kleines Geheimtipp-Juwel für alle Freunde naturalistischen Singer/Songwritertums, das seine Vergleichskreise vom beinahe unvermeidlichen Bon Iver über Ben Howard bis hin zu Kopfkino-Meistern wie Ólafur Arnalds oder Sigur Rós zieht. So weit, so oft gelesen. Trotzdem sind Fismoll echte Exoten…

Warum? Nun, das Band-Projekt, hinter dem Arkadiusz Glensk steckt, kommt – man ahnt’s  dem Namen nach bereits – aus Polen. Und dieses Land mag in den letzten Jahrzehnten zwar die ein oder andere bekanntere Rock- oder Metal-Band hervor gebracht haben, aber: Singer/Songwriter? Eher kaum. Eventuell ist es ja tatsächlich so, wie nillson.de bereits 2013 anlässlich des Erscheinens des Fismoll-Debütwerks „At Gladeschrieb und ein guter Teil der polnischen Musik bleibt – internationale Qualität hin oder her – „irgendwo an der Landesgrenze hängen“.

Klar, der Musiker aus Poznań (oder, auf Deutsch: Posen), Jahrgang 1994, dessen Talent Glensk wohl bereits in die Kinderschuhe gelegt wurde, während ihm seine Eltern etwas auf  Violine und Cello vorspielten, mag ein sanfter Klangteppich-Leisetreter sein, dessen Lieder lieber musikalische Landschaften von einsamen Berggipfeln und nebelverhangenen Pfaden malen, als ihre Qualitäten an die große Marketing-Glocke zu hängen. Nichtsdestotrotz sollte man Arkadiusz Glensk und seinen Mitmusikern sowie deren letzten musikalischen Lebenszeichen in Form des zweiten Albums „Box Of Feathers“ und der „Abandoned Stories EP“ (beide 2015 erschienen) mehr als ein Ohr leihen. Es lohnt sich…

 

Hier gibt’s das Musikvideo zum Song „Let’s Play Birds“ vom 2013 veröffentlichten Debütalbum „At Glade“…

 

…und das Stück noch einmal in einer Live-Session-Variante:

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Riley Pearce – „Brave“


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Manchmal, ja manchmal darf man sich gut und gern diese Frage stellen: Wo zur Hölle kommen die nur alle her, diese melancholischen jungen Männer, die noch keine Dreißig sind, einem jedoch vom Leben, der Liebe, der Vergänglichkeit und der großen, weiten Welt erzählen (wollen)?

Im Fall von Riley Pearce könnte man antworten: aus dem australischen Perth.

Gut, der Indie-Alt.Folker ist nicht die größte Hausnummer im Musikzirkus. Wenn man jedoch Songs wie „Brave“ hört, könnte man mutmaßen, dass es der Mittwanziger noch weit bringen wird.

Schließlich hat das Stück, welches bereits 2016 auf der „Outside The Lines EP“ erschien, alles, was die gefühlige Indie-Zielgruppe zum Träumen bringen dürfte: die melancholische Grundstimmung, die im Verlauf des Songs von dezent dynamischem Schlagwerk sowie einer einsamen Trompete durchbrochen wird, den zarten Schmelz im Stimmtimbre, genau das richtige Textamalgam aus Sehnsucht und Aufbruch. Und auch die (zumeist bärtigen) Vorbilder von José González über Ben Howard oder Lord Huron bis hin zu Justin „Bon Iver“ Vernon passen irgendwie perfekt in Riley Pearce‚ Klangbild, sodass es kaum verwundert, dass das Stück bereits in Serien wie „Shadowhunters“, oder jüngst einer Episode der 11. Staffel von „Shameless“ (wo ich auf den Song gestoßen bin) zu hören war und via Spotify bereits mehr als fünf Millionen mal gestreamt wurde…

 

 

„You’re scared ‚cause I am, too
This feeling in my head, is being there for too long
We sleep now with the light on
But shadows make shapes in the light
And I don’t know what they might be
You called me, because I answered
So cover your toes with the jacket in your hands
And the bones with the blanket
She tells me that I will be alright
And for a second it feels that I believe her
‚Cause I forget the way that I’ve felt

I’m trying, I’m just trying to be brave
I’m just trying to be brave
(Oh-oh-oh-oh)
I’m just trying to be brave
(Oh-oh-oh-oh)
I’m just trying to be brave

There’s somebody who heard it that splits us right down to the middle
But I’d be coming back for you
But lost, ‚cause I answered
Directions mean nothing in the dark
And I don’t know where you stand
The maps are gone, so are our footprints, too
To get home now will take something that I’m not sure that I have left

I’m trying, I’m just trying to be brave
I’m just trying to be brave
(Oh-oh-oh-oh)
I’m just trying to be brave
(Oh-oh-oh-oh)
I’m just trying to be brave

I’d be coming back for you
I’d be coming back for you
(I’d be coming back for you)“

 

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Mappe Of


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It’s the song, not the singer.

Okay, okay, fair enough – im Song der Rolling Stones war es anno 1965 genau anders herum. Doch viel weiter hinter seiner Musik verstecken als in Fall von Mappe Of könnte man(n) sich kaum….

Natürlich ist es kein Staatsgeheimnis, dass sich hinter dem Pseudonym der aus dem kanadischen Whitby, Ontario stammende Singer/Songwriter Tom Meikle verbirgt. Jedoch taucht sein Name weder auf der Website seines musikalischen Babys noch in irgendwelchen Presseinfos auf. Viel lieber lässt der Mann die Musik des im Juli erschienenen Mappe Of-Debütwerks „Northern Star, A Perfect Stone“ ganz für sich sprechen. Und das reicht vollkommen aus.

coverBeim ersten Hördurchgang durch die zehn Songs (davon drei Instrumentals) haben wohl die meisten vor allem einen assoziativen Namen im Hinterkopf: Bon Iver (deren Frontmann Justin Vernon ja eine ganz ähnliche Art und Weise hat, hinter seine musikalischen Ergüsse zu treten). Klar: bedächtiges, folkloristisches Akustikgitarren-Fingerpicking á la Americana, nicht selten mächtig Hall oder Autotune auf der hohen Stimme, ab und an dezente elektronische Experimente – der Vergleich liegt nah (während andere, wie die Fleet Foxes oder die Soloaktivitäten von Radiohead-Frontmann Thom Yorke, nur einen Steinchenwurf entfernt hocken). Hier und da kommen auch, nebst Synthesizern, Streichern, Bläsern, E-Gitarren oder einem Banjo, ungewöhnlichere Instrumente wie eine Autoharp oder eine Kalimba zum Einsatz, während in der Percussion-Zone gern alles, nur eben kein traditionelles Schlagzeug zum Einsatz kommen darf. „Ethereal avant-folk“ nennt es der ambitionierte Musiker selbst.

Auch rein textlich hat „A Northern Star, A Perfect Stone“ Einiges zu bieten. Mal singt Meikle, der einst Journalismus studierte, dann eine Zeit lang als Straßenmusikant durch Australien zog und aktuell auch Teil der kanadischen Artrocker Common Age ist, mit ätherischer Stimme von einem psychisch gestörten Jungen, der das familiäre Heim in Brand steckt (“Carbon Scores and Smoke”), mal von einem Landstreicher in Australien, der vor langer, langer Zeit alle Kontakte zu seiner Familie abgebrochen hat, mal, wie in „Unfound“, von einem alten Mann, dem die Alzheimer-Erkrankung jegliche Möglichkeit genommen hat, sich noch an seine Liebsten zu erinnern. Meikle erzählt singend Geschichten über all jene, die eben nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen, und davon, dass ebenjenes Leben es manchmal nicht gut meint mit all denen, die ohnehin bereits vom Schicksal gebeutelt scheinen, während einen die Musik in sonische Tagträume hüllt.

 

“I’d like the music to be grounded in reality while simultaneously feel like it’s from somewhere else … I want to create a setting in which you can lose yourself. The ideal record for me is one where you can lie back on your bed, listen to the thing front to back and be taken somewhere.” (Tom Meikle)

 

Via Bandcamp kann man „A Northern Star, A Perfect Stone“ in Gänze hören…

 

…sich hier einen Großteil der Songs des Debütalbums in der von CBC MUSIC mitgeschnittenen „First Play Live“Session-Varinate anhören…

 

…während man hier die zwar deutlich reduzierten, jedoch durchaus gelungenen Mappe Of-Versionen von „Dead Letter And The Infinite Yes“ (im Original von den kanadischen Indierockern Wintersleep) sowie „Pleasure“ (das Original findet sich auf dem neuen Feist-Album gleichen Namens) findet:

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: I Have A Tribe – „Cuckoo“


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I Have A Tribe – der Bandname klingt schwer nach Künstlerkollektiv. So ähnlich – oder eben nicht – ist es denn auch, denn hinter I Have Tribe steht eigentlich Patrick O’Laoghaire ganz allein. Ungefähr so, wie hinter Bon Iver Justin Vernon ganz allein steckt. Für seine Musik holt sich der aus Dublin stammende Ire, der sich vom Wort „Tribe“ auf einer Plakatwand zum Bandnamen inspirieren ließ, jedoch offenbar gern Unterstützung von Freunden und Bekannten, nachzusehen etwa im Musikvideo zum Song „Cuckoo“. Selbiges ist nicht etwa standesgemäß in einem irischen Pub entstanden (das wäre denn wohl des Klischee zuviel gewesen), sondern wurde an einem sonnigen Tag in der Reichenberger Straße in Berlin-Kreuzberg gedreht, als O’Laoghaire seine Akustikballade in einem Hinterhof-Loft am Klavier zum Besten gab. Da begleitet ihn ein Buddy an der Gitarre, ein anderer am Kontrabass, plötzlich vernimmt man betörende Backing Vocals von irgendwo her. Und selbst wenn das anwesende Publikum scheinbar nur zuschaut und -hört – es wirkt, als entfalte O’Laoghaires „Cuckoo“ erst durch die Stille seiner Zuhörer seine ganze fragile Kraft.

Patrick O’Laoghaire sagt über Song und Video: „Another lovely experience making a music video with Myles, this time surrounded by the beautiful paintings of David Hedderman in Berlin, where the song Cuckoo was written, after listening to Bruce Springsteens ‚Nebraska‘, perched in a hammock in this inspiring city“, und der Regisseur Myles O’Reilly stimmt ein: „It was a thrill to visit beautiful Berlin from Ireland and make this video with Patrick in his friend David Heddermans studio. Like the other videos I have been fortunate to make recently for I Have A Tribe, we were able to include very strong themes of culture, craft and creativity.“

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Zu finden ist „Cuckoo“ auf dem bereits im Mai erschienenen Debütalbum „Beneath A Yellow Moon“ auf dem von Herbert Grönemeyer ins Leben gerufenen Label Grönland (sic!) – und damit mindestens sechs Monate zu früh, denn die elf Stücke, welche vor allem mithilfe von Produzent Paul Savage (Mogwai, Aereogramme, Arab Strap) in Glasgow, aber auch zusammen mit Villagers-Frontmann Conor O’Brien im heimischen Dublin aufgenommen wurden, passen ebenso gut zur sommerlichen Jubel-Trubel-Heiterkeit wie ein Schneemann an die Copacabana. Vielmehr webt O’Laoghaire sich in seinen Songs eine geradezu intim-meditative Atmosphäre der Schatten, durch welche immer wieder einzelne Sonnenstrahlen brechen. Eine ganz bewusste Reduzierung aufs Nötigste, wie der singende, songwritende Bartträger bestätigt: „Ich denke, ich wollte ein bisschen mit der Stille spielen, mit kleinen Fehlern. Vielleicht habe ich auch einfach gelernt, hingebungsvoller zu spielen. Also wollte ich bei den Aufnahmen mehr Raum haben, um wie ein Kind damit herumzuspielen.“ Ganz bewusst hat O’Laoghaire, der sich selbst „irgendwo zwischen Anna Calvi und Alvo Pärt“ einordnen würde, somit auch die kleinen Fehler, die ihm bei den Aufnahmen unterlaufen sind, eben nicht herausgeschnitten. Das gut 50-minütige Gesamtbild steht klanglich in guter Gesellschaft von Künstlern wie den bereits erwähnten Conor „Villagers“ O’Brien oder Bon Iver (die reduzierte Variante á la „For Emma, Forever Ago“), aber auch von William Fitzsimmons oder Keaton Henson – allesamt Folk-Leisetreter, die nicht viel Brimborium benötigen, um ein intensives Feuerwerk zu entfachen.

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Auch toll: der Song „After We Meet“…


 
 

…oder „Buddy Holly“:

  

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Ásgeir


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Keine Frage: Das Leben scheint es derzeit gut zu meinen mit Ásgeir Trausti Einarsson. Und man kann sich wohl nur im Entferntesten vorstellen, wie es ist, als mit 21 Jahren noch recht junger Mann jedoch Morgen seinen Kaffee in der Gewissheit zu schlürfen, dass sage und schreibe zehn Prozent der eigenen Landsleute eine – selbstredend bezahlte – Ausgabe des eigenen Debütalbums im heimischen Plattenregal stehen haben…

Da sind die Wichtigtuer, die kleinkarierten Nörgler freilich nicht weit, um diesen Zahlen sogleich die relative Richtigkeit zu verleihen. Denn – manch eine(r) ahnte es wohl bereits – Ásgeir ist Isländer und, runter gebrochen auf die nicht eben zahlreiche Einwohnerzahl der Vulkaninsel knapp südlich des nördlichen Polarkreises, würden diese zehn Prozent des im September 2012 erschienenen Debüts „Dýrð í dauðaþögn“ (was auf gut Deutsch soviel wie „Die Herrlichkeit der Totenstille“ bedeutet) „lediglich“ 320.000 verkauften Einheiten entsprechen. Trotzdem: Bestverkauftes Debütalbum in der isländischen Musikgeschichte, neun Wochen an der Spitze der Single-Charts, 2012 dazu ganze vier Auszeichnungen bei den „Icelandic Music Awards“ – das muss dem Newcomer, welchen man mit seinen Tätowierungen spontan wohl eher in der hardcore-lastigen Musikalienschiene verorten würde, erst einmal jemand nachmachen. Jedoch sind einem Künstler, allen Lorbeeren zum Trotz, auch heutzutage – und ganze 15 Jahre nach dem großen Sigur Rós-Werk „Ágætis byrjun“ – mit ausschließlich isländischem Text- und Liedgut (wenn man Sigur Rós‘ ans Isländische angelehnte „Hopelandic“-Fantasiesprache mal dazu zählt) vor dem internationalen Durchbruch gewisse Grenzen gesteckt…

Doch Gevatter Schicksal ließ auch hier Milde mit Ásgeir Trausti walten. So spielte der Isländer im vergangenen Jahr – neben Shows bei Sónar Festival in Barcelona oder beim deutschen Indie-Kuschelfestival Haltern Pop – beim prestigeträchtigen SXSW in Austin, Texas. Im Publikum befand sich bei diesem Stelldichein von Künstlern, Musikjournalisten und Musiklabels auch ein gewisser John Grant. Und da dem weltgewandten ehemaligen Czars-Frontmann mit den ebenso berührenden wie traurigen  Stimmbändern Ásgeirs Musik besonders gut gefiel, nahm er ihn als Support zuerst mit auf seine nächste Solo-Tournee, um ihm daraufhin vorzuschlagen, alle Texte, welche ursprünglich zum Großteil vom 72-jährigen Vater des Isländers, dem Dichters Einar Georg Einarsson, verfasst wurden, ins Englische zu übersetzen (welch‘ Fügung: Grant, der alte Polyglott, spricht – nebst Englisch, Russisch, Deutsch, Spanisch und Französisch – auch Isländisch!). So setzten sich Grant und Ásgeir erneut vor die Studiotür, bevor der 21-Jährige einmal mehr im Inneren verschwinden konnte, um alle Songs des Debüt auf Englisch aufzunehmen.

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Das auf den feinen Titel „In The Silence“ hörende Ergebnis erfuhr nun vor wenigen Tagen, Ende Januar, seine internationale Veröffentlichung. Und trotz der Tatsache, dass der Isländer seine Songs nun auf Englisch vorträgt, meint man, dass man all die isländischen Klischees noch immer aus den zehn Stücken heraushören kann: die Einsamkeit inmitten der Naturgewalten, die Weite rund um das 40-Seelen-Kaff Laugarbakki, in welchem der Musiker aufwuchs, die schroffen Klippen, die Geysire und Nebelfelder. Andererseits: Wieso sollte sich Ásgeir auch verbiegen (lassen), gar: seine Herkunft verleugnen? Hört man jedoch auf „In The Silence“ genauer hin, so könnte man fast meinen, dass das Balsam-Falsett nicht ihm, sondern Justin „Bon Iver“ Vernon gehöre. Und auch musikalisch ist das Ganze zu großen Teilen gar nicht mal so weit von Werken wie „For Emma, Forever Ago“ der US-Indiefolk-Band aus Wisconsin – also: Bon Iver (obwohl Vernons Zweitband Volcano Chor auch schon ums Eck lugt) – entfernt: melancholische Akustikgitarrenballaden, deren Weg mal von rhythmischer Schlagzeugbegleitung, mal von einem sacht aufspielenden Piano gekreuzt wird. Damit all das nicht zu beschaulich gerät, erlauben sich Ásgeir und seine Mitmusiker freilich auch kleine Experimente, lassen elektronische Dub- oder Minimal Beat-Verweise oder 8-Bit-Rhythmik einfließen (man höre den Beinahe-Dance-Track „King And Cross“), während andere Nummern durch ihr marschierendes Schlagzeugspiel (die Single „Torrent“) oder ihre jubilierenden Fanfaren („In Harmony“) so beileibe auch von den Landsmännern von Sigur Rós stammen könnten. Kings Of Convenience meets Bon Iver meets James Blake meets Nick Drake meets Sigur Rós meets Simon & Garfunkel meets Patrick Wolf. Dass Ásgeir all diese Vergleiche und Querverweise, die sich während der 40 Minuten des Debütalbums wohl unweigerlich auftun, im Grunde kaum nötig hat, spricht wohl nur für das Naturell des Isländers, der – hallo x-te Klischeefalle! – zu allem Überfluss auch noch auf dem Label One Little Indian – und damit auf dem gleichen Plattenlabel wie Vorzeige-Island-Sirene Björk – veröffentlicht. Nö, der Newcomer reist nun freilich lieber um die Welt und singt seine ebenso spartanisch ausgeleuchteten wie edel verzierten Lieder über die Liebe, das Leben, die Harmonie, über die Natur und die Heimat: „I lift my mind to the sky / And I let it take flight / The wind carries to my ears / Precious songs of life“. Und wenn man ganz genau hinschaut, dann wird man durch die Nebelschwaden vielleicht die Sonnenstrahlen aus seinem Allerwertesten wahrnehmen. Keine Frage: Das Leben scheint es derzeit gut zu meinen mit Ásgeir Trausti Einarsson…

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Da Isländer bekanntlich weder Schotten noch Schwaben sind, kann man sich hier Ásgeirs 2013 in den Londoner Tos Rag Studios aufgenommene Drei-Song-Akustik Session gleichen Namens anhören und kostenlos aufs heimische Abspielgerät herunterladen…

 

…sich hier die Musikvideos der Singles „King And Cross“ sowie „Torrent“, welche frecherweise eben nicht für ihre acht Albumkumpane von „In The Silence“ Pate stehen können, ansehen…

 

…und die Songs des Isländers in mal mehr, mal weniger reduzierten Sessions-Varianten begutachten:

 

Rock and Roll.

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