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Willkommen in 2022 – und alles Gute zum Zehnten, ANEWFRIEND!


Zunächst einmal: Herzlich willkommen in 2022! Wollen wir trotzdem einen letzten kurzen Blick zurück werfen? Denn obwohl die vergangenen zwölf Monate – gefühlt, gefühlt – recht schnell an einem vorbei gezogen waren, war doch einiges los: Das zweite Jahr einer weltweiten Pandemie, während derer die meisten von uns sich längst ans Maskentragen, Abstandhalten, an Nachrichtenberichterstattungen über Inzidenzwerte und Neuinfektionen, an Beschränkungen bei vermeintlichen Alltäglichkeiten wie dem Einkaufen, bei Restaurant-, Fitnesscenter oder Kinobesuchen, an immer neue Virusmutationen und Corona-Wellen gewöhnt haben. Noch immer sterben Menschen in gewaltsamen Konflikten, im Mittelmeer oder an Landesgrenzen – oder werden schlichtweg – und von einem Tag auf den nächsten – in Ländern wie dem Irak im Stich gelassen und ihrem Schicksal überlassen. Fast scheint es, als würden „wir“ privilegierten Erdbewohner wohl nie gänzlich begreifen, dass kein Mensch nirgendwo je illegal sein darf und jeder, der anderen ohne Feindschaft und Argwohn entgegen tritt, auch ein Recht auf ein Leben in Freiheit und Würde verdient hat… Noch immer brennen anderswo – und mal mehr, mal weniger weit weg in Australien, den US of A, Südamerika oder Griechenland – ganze Landstriche, wüten Naturkatastrophen – und werden plötzlich auch für „uns“ im oft so beschaulichen Deutschland spürbarer, wenn sich im Ahrtal (welches sich gar nicht mal so weit weg von mir befindet) über Nacht sonst so kleine Flüsschen zu reißenden Strömen entwickeln und ganze Dörfer wegspülen. Kontraste zwischen Arm und Reich, zwischen den privilegierten Industrienationen und der Dritten Welt, werden immer krasser, Scheren gehen immer weiter auseinander – während sich gleichzeitig eine Handvoll Milliardäre darum streiten, wer den Wettlauf um den ersten stinkreichen Arsch im Weltall gewinnt. Ja, Positivem musste man auch in 2021 oft mit der Lupe nachspüren, und Nachrichten waren auch in den letzten zwölf Monaten vor allem dann, wenn der Sprecher oder die Sprecherin einem einen „Guten Abend“ wünschte und im Anschluss sein (oder ihr) Bestes tat um zu beweisen, dass vor der eigenen Haustür gar nicht mal so viel „gut“ war… „Die Welt ist grässlich und wunderschön„, wie der große Gisbert zu Knyphausen einst sang. Diese treffliche Einschätzung kann man auch für 2021 unterschreiben – und sich trotzdem bemühen, den Kopf stets oben zu behalten und trotz alledem die Hoffnung nie so ganz an den Nagel des Zynismus zu hängen.

Was’n los, ANEWFRIEND – liegt da etwa Melancholie zwischen den Zeilen? Ja, könnte durchaus sein, und auch aus berechtigtem Grund, schließlich feiert dieser mein bescheidener Blog just heute seinen 10. Geburtstag. ZEHN Jahre. Da mache ich doch – bei aller Bescheidenheit – glatt einen anerkennenden Knicks vor mir selbst, anerkennend, dass ich’s tatsächlich eine komplette Dekade geschafft habe, am digitalen, schreibenden Ball zu bleiben – was nicht immer ganz einfach war und auch den ein oder anderen aufraffenden Arschtritt meinerseits erforderte. Zudem blicke ich beinahe zwangsläufig zurück auf das, was abseits aller „Songs des Tages“, aller „Alben der Woche“, aller „Moment! Aufnahmen.“ auch bei mir so passiert ist: fünf Umzüge und ebensoviele Jobwechsel, ich habe ein Haus gekauft und wieder verkauft, durfte mich einige Zeit als „Ziehvater“ eines kleinen Mädchens „ausprobieren“, habe mich ver-, wieder entliebt und neu verliebt, neue Sprachen gelernt, im Ausland gelebt, mich oft genug trotzig dem alten Arschloch namens „Depression“ gestellt, meine Plattensammlung zig Male in massig Kisten verpackt und wieder ausgepackt… Ja, Scheiße noch eins – war einiges los in den letzten zehn Jahren.

Was uns wieder zurück zum 1. Januar 2022 bringt. Natürlich hätte dem voraussehbaren Anlass auch Gisbert zu Knyphausens „Neues Jahr“ ausgezeichnet zu Gesicht gestanden. Oder Death Cab For Cuties ewiggrüner Jahresanfangseinläutungssong „The New Year„, welcher hier schon des öfteren die folgenden zwölf Monate einläuten durfte. Oder Dylans „Forever Young“, welches vor zwei Jahren 2020 einläuten durfte – freilich nichtsahnend, was da noch kommen würde…

Mit all der rückblickenden Melancholie im Knopfloch habe ich mich jedoch für einen ganz anderen Song entschieden: „New Year’s Eve“ vom großen, ewig tollen Grantler Tom Waits. In dem Stück vom 2011 erschienenen Album „Bad As Me“ inszenieren Waits und seine Frau und Songwriting-Partnerin Kathleen Brennan in medias res die zwar recht lakonische, aber dennoch ebenso vielfältige Szenerie einer Familienfeier, die längst aus dem Ruder gelaufen ist.

„Jeder von uns war doch schon einmal bei einem dieser Treffen, bei dem alles schief gelaufen ist, bei dem wir alle singen, obwohl das Feuerwerk den Hund erschreckt hat und er seit zwei Stunden verschwunden ist, jemand das Sofa angezündet hat, Marge eine Lebensmittelvergiftung bekam und Bill O’Neal die Polizei rief“, beschrieb der US-Musiker den Song damals typisch augenzwinkernd in einem Interview.

Der Refrain des Stückes baut zudem einen Song im Song auf, wenn die Charaktere inmitten des Trubels und Durcheinanders beginnen, alte Traditionen zu wahren und „Auld Lang Syne“ zu singen. „Der Song brauchte einen Refrain und hatte noch keinen. Also sagten Kathleen und ich uns: ‚Komm‘ schon, wir reden über Silvester, lass‘ es uns einfach machen!“, so Waits. Während der knapp fünf Minuten passiert gleichzeitig so viel und doch irgendwie auch gar nichts, alles scheint still zu stehen, während die Welt doch immer schneller rast – das passt durchaus zu einem Jahr wie 2021.

In diesem Sinne: Einen ganz uneitlen Toast auf ANEWFRIENDs 10. digitales Wiegenfest! Und auf uns. Und, natürlich: auf euch. Passt auf euch auf, bleibt gesund sowie ganz ihr selbst – und schaut ab und an mal hier vorbei… Merci vielmals.

„The door was open, I was seething
Your mother burst in, it was freezing
She said it looks like it’s trying to rain
I was lost, I felt sea sick
You convinced me that he’d left
You said ‚Keep talking but don’t use any names‘
I scolded your driver and your brother
We are old enough to know how long you’ve been hooked
And we’ve all been through the war
And each time you score
Someone gets hauled and handcuffed and booked

It felt like four in the morning
What sounded like fire works
Turned out to be just what it was
The stars looked like diamonds
Then came the sirens
And everyone started to cuss

All the noise was disturbing
And I couldn’t find Irving
It was like two stations on at the same time
And then I hid your car keys
And I made black coffee
And I dumped out the rest of the rum

Nick and Socorro broke up
And Candice wouldn’t shut up
Fin, he recorded the whole thing
Ray, he said ‚Damn you‘
And someone broke my camera
And it was New Years
And we all started to sing

Should auld acquaintance be forgot and never brought to mind
Should auld acquaintance be forgot for the sake of auld lang syne

I was leaving in the morning with Charles for Las Vegas
And I didn’t have a plan to come back
I had only a few things
Two hundred dollars
And my records in a brown paper sack

I ran out on Sheila
Everything’s in storage
Calvin’s right, I should go back to driving truck

Should auld acquaintance be forgot and never brought to mind
Should auld acquaintance be forgot for the sake of auld lang syne“

Rock and Roll.

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Zitat des Tages


(Bob Dylan, eigentlich Robert Allen Zimmerman, *24. Mai 1941, US-amerikanischer Singer/Songwriter und Lyriker sowie einer der einflussreichsten Musiker des 20. Jahrhunderts, der heute seinen 80. Geburtstag feiern darf)

Rock and Roll.

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Moment! Aufnahme.


 

Robert Allen „Bob Dylan“ Zimmerman und Cassius „Muhammad Ali“ Clay, Arm in Arm backstage im New Yorker Madison Square Garden im Zuge von Dylans 1975er „Rolling Thunder Revue Tour“. Im ersten Moment mag man an einen dieser Publicity-trächtigen Schnappschüsse von zwei Größen des Showgeschäfts denken (die gab es ja schließlich auch von Ali und den Beatles). Dass die Folk-Größe und die Box-Legende jedoch weitaus mehr verband als ein, zwei nette Meet-and-Greet-Geplänkel, wissen nur die, die ein wenig genauer hinschauen und -hören. Denn so freundlich wie 2016, als Dylan den verstorbenen Muhammad Ali mit den warmen Nachruf-Worten „Wenn das Maß von Größe darin besteht, das Herz eines jeden Menschen auf dem Antlitz der Erde zu erfreuen, dann war er wirklich der Größte. In jeder Hinsicht war er der tapferste, freundlichste und hervorragendste aller Menschen.“ bedachte, war die Beziehung der beiden Legenden keineswegs immer…

Warum? Nun denn, schauen wir mal genauer hin…

Bob Dylan ist Boxer. Wie kurz nach der Jahrtausendwende zu erfahren war, betrieb die lebende Folk-Legende schon seit Jahren in Los Angeles, auf der Rückseite des The 18th Street Coffee House in Santa Monica, ein nichtöffentliches Boxgym, in dem sich nicht nur er selbst, sondern auch Schauspieler wie Will Smith fit halten. Dort traf sich auch Kult-Regisseur Quentin „Kill Bill“ Tarantino mit Dylan zum – natürlich freundlichen – Kampf. „Wir machten ein bisschen Sparring“, berichtete Verlierer Tarantino hinterher, „und als ich mal unaufmerksam war, kam er durch. Ich glaube, es war ein rechter Jab. Für einen Moment ließ ich meine Deckung unten, und er schlug ein. Es war ein guter Punch.“

Bob Dylan ist also Boxer – und das bereits seit Jugendzeiten, als der junge Robert Allen Zimmerman im Zuge des Sportunterrichts recht unfreiwillig den Ring besteigen musste. Diese Faszination hat ihn, ganz ähnlich wie etwa Ex-Red House Painters-Grantler Mark Kozelek, seitdem nie so ganz losgelassen. Zu zeigen ist nun, dass ohne den Bezug zum Boxen Dylans Werk – zumindest zu Teilen – nicht zu verstehen ist. Drei Songs aus seiner Feder beziehen sich unmittelbar auf das Profiboxen, nämlich „I Shall Be Free No. 10„, „Who Killed Davey Moore?“ und „Hurricane„. Außerdem coverte Dylan anno 1970 auf seinem Album „Self Portrait“ noch „The Boxer“ von Simon & Garfunkel.

„I Shall Be Free No. 10“, Dylans erste musikalische Annäherung an das Profiboxen, findet sich auf dem Album „Another Side Of Bob Dylan“ aus dem Jahr 1964. Der junge Künstler Dylan fordert die Welt heraus, lies: den Weltmeister. Und der war nicht irgendein dahergekommener Haudrauf, sondern seit ebenjenem Jahr 1964 ein gewisser Muhammad Ali, der damals noch Cassius Clay hieß. „I was shadow-boxing earlier in the day / I figured I was ready for Cassius Clay“, knattert Dylan also im Song. Die zwischen Harmonikapusten vorgetragenen Drohungen gegen den Boxer werden immer lächerlicher: „I said ‚Fee, fie, fo, fum, / Cassius Clay, here I come / 26, 27, 28, 29, Im gonna make your face look just like mine / Five, four, three, two, one, Cassius Clay – you’d better run.“ Natürlich mag man aus dem Song durchaus Dylans Anspruch heraushören, einmal Champion of the World zu werden. Die Dylan-Biografen jedoch halten „I Shall Be Free No.10“ mehrheitlich für „schrulligen Nonsens“ (Robert Shelton) oder verschweigen ihn einfach, wie sogar Paul Williams und Anthony Scaduto.

Das ist bei „Who Killed Davey Moore?“ anders. Erstmals wurde das Stück über die Tragödie des Federgewichtsboxers bereits 18 Tage nach dessen Tod am 25. März 1963 bei einem Konzert in New York gespielt, offiziell auf Platte ist es aber erst auf den „The Bootleg Series, Vols. 1-3“ aus dem Jahr 1991 zu hören. Dylan listet alle auf, die anno dazumal ein Interesse am Tod des Boxers hatten: der Ringrichter, die Wetter, der Manager, die Sportjournalisten – heraus kommt ein großartiges Sittengemälde der Boxindustrie und damit der gesamten Gesellschaft, vergleichbar mit Dylan-Evergreens wie „Masters Of War„, „Maggie’s Farm“ oder der jüngsten 17-Minuten-Großtat „Murder Most Foul„.

In der Dylan-Rezeption freilich wird erstaunlicherweise nicht danach gefragt, warum sich Dylan ausgerechnet den Boxsport vornahm: „Wegen zu politischer Aussagen“, gibt etwa Journalist Max Dax Gerüchte wieder, wollte die Plattenfirma CBS den Song nicht auf Dylans zweitem Album „The Freewheelin‘ Bob Dylan“ haben. Für den gar „am deutlichsten mit dem Sozialismus sympathisierenden“ Song Dylans hält ihn Heinrich Detering in seiner Dylan-Biografie.

Es ist der Boxhistoriker Jeffrey T. Sammons, der einen Zusammenhang zwischen dem aufsteigenden Cassius „Muhammad Ali“ Clay und dem 1963 im Alter von 29 Jahren an Kampfverletzungen verstorbenen Davey Moore herstellt: Als Moore starb, „waren es die Streiche und die boxerischen Fertigkeiten von Cassius Clay, die sowohl das Interesse der Gesellschaft als auch mein eigenes von dieser Tragödie ablenkten.“ Auch Boxfan Dylan veröffentlichte schließlich zunächst nur sein mäßig lustiges Stück über Clay/Ali, nicht aber seine deutlich gewichtigere Anklage gegen das Profiboxen.

Im Jahr 1970 präsentierte sich Dylan seiner Fan-Gemeinde zum dritten Mal als einer, dem Boxen etwas bedeutet. Ausgerechnet auf „Self Portrait“ spielte er „The Boxer“ von Paul Simon nach. In dem Song heißt es, dass man den Boxer bedrängt, „til he cried out in his anger and his shame / ‚I am leaving, I am leaving.‘ / But the fighter still remains.“ Bei Fans und Kritikern kam die Sammlung aus Cover-Versionen bekannter Songs sowie Instrumentaltiteln, Eigenkompositionen und Liveaufnahmen damals weniger gut an, speziell seine Interpretation von „The Boxer“ gehöre „zu den kuriosesten Einspielungen seines kompletten Plattenwerks“, ja, es sei eigentlich ein „Gag“, meint etwa Olaf Benzinger in seiner Dylan-Biografie.

Das bislang letzte und berühmteste – und zweifelsohne gelungenste – Boxer-Lied Dylans erschien schließlich 1975 (und ein Jahr später auf dem Album „Desire„): „Hurricane“, der Song über den 2014 verstorbenen Mittelgewichtler Rubin Carter, welcher zu Unrecht beinahe zwei Jahrzehnte wegen Mordes im Gefängnis saß (und dessen Geschichte im Jahr 1999 durch den furiosen Film gleichen Titels mit Denzel Washington in der Hauptrolle auch in die Kino-Annalen einging). Carter, der Chancen auf einen WM-Kampf hatte, wurde 1966 festgenommen. Mit manipulierten Zeugen wurde ihm ein rassistischer Prozess gemacht – erst 1985 erfolgte, vor allem wegen einer internationalen Unterstützungskampagne, der Freispruch. „One time he could-a been / The champion of the world“, heißt es in Dylans „Hurricane“. Schon das erinnert an den jungen Dylan. Doch er legt dem Boxer auch noch seine eigene Berufsauffassung in den Mund: „It’s my work, he’d say, and I do it for pay!“

Beim Gros der Dylanologen wird das jedoch selten heraus gelesen. „Endlich wieder politisches Engagement!“, heißt es aus deren Lager stattdessen. „Der alte Dylan!“, „Der Protestsänger!“ etc. pp. Dass Dylan, dieses schlitzohrige Chamäleon, selbst keineswegs als Politiker oder Prophet wahrgenommen werden will, sagt(e) er nicht nur in Interviews, sondern auch in genau diesem Song: „And when it’s over I’d just as soon go on my way…“

Doch natürlich ist „Hurricane“ (auch) ein Protestsong, aber es ist sehr bewusst der Protest für einen Boxer. Und zwar nicht für einen Profiboxer in der (manches Mal auch überhöhten) Art eines Muhammad Ali, der sich im Grunde bis zu seinem Tod im Jahr 2016 selbst als politisches Symbol inszenierte und der seine Kunst als Instrument der Emanzipation der Schwarzen verstand. Sondern es ist ein Protestsong für einen Boxer, der schlicht seinen Job tat, sich Vereinnahmungsversuchen verweigerte und wider Willen – durch seine Verhaftung – zum politischen Symbol wurde. Ein durchaus großer Unterschied zu Ali.

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Bei der „Rolling Thunder Revue“ 1975 kreuzten sich Alis und Dylans Wege schließlich: Sie respektierten sich, aber sie mochten sich nicht (wer genauer hinschaut, meint dies auch auf den Bildern von Fotograf Ken Regan zu erkennen). Der kaum an mangelndem Selbstbewusstsein leidende Ali inszenierte sich gar auf Dylans Kosten. „Also, als ich gebeten wurde, heute Abend herzukommen, wusste ich nicht, wer eigentlich dieser Bob Dylan ist“, kokettierte Ali in New York. „Seid ihr Mädels heute Abend wirklich alle wegen Bob Dylan da?“ Ali ging auf die Bühne und telefonierte dort mit Rubin „Hurricane“ Carter im Staatsgefängnis New Jersey. „Ali machte krumme Sachen“, erinnert sich der Schauspieler und Schriftsteller Sam Shepherd. Ohne Absprache holte Ali beispielsweise einen weißen Politiker auf die Bühne, stellte ihn als „nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten“ vor und musste letztlich unter Buhrufen die Bühne verlassen. Dylan hingegen mochte solche Egotrips nicht, aber der boxerische Respekt, den der Musiker vor dem Sportler hatte, war zu groß. „Er hat bewiesen, dass man auch im Angesicht von Elend für seine Überzeugungen aufstehen und stehen bleiben kann“, sagt Dylan in der Ali-Biografie des amerikanischen Boxjournalisten Thomas Hauser. Ein höfliches Lob, von Respekt getragen, aber damals ohne Liebe.

Die gehörte anderen. In seiner 2004 erschienenen Autobiografie „Chronicles I“ erinnert sich Dylan an einen Boxkampf zwischen Jerry Quarry und Jimmy Ellis. Quarry, ein weißer Schwergewichtler, wurde Ende der Sechziger als „White Hope“ aufgebaut, als derjenige, der dem „weißen Amerika“ mit dem Gürtel des Schwergewichtsweltmeisters endlich wieder ein Symbol seiner Überlegenheit verleihen sollte. „Für mich gab es manche Parallele zwischen unserer Situation und unserer Reaktion darauf“, heißt es in „Chronicles I“. „Ich identifizierte mich sowohl mit Ellis als auch mit Quarry.“ Seine Begründung: „Genau wie Quarry wollte ich mich nicht damit abfinden, dass ich ein Emblem, ein Symbol oder ein Wortführer sein sollte.“ So wimmelt er politische Ambitionen am Beispiel des weißen Boxers ab. Am Beispiel des schwarzen Boxers schreibt er: „Wie Ellis hatte ich eine Familie zu ernähren.“

Ellis boxerische Karriere ist aus Dylans Sicht bemerkenswert: Im Jahr 1964 verlor er, damals noch Mittelgewichtler, nach Punkten und sehr umstritten gegen Rubin „Hurricane“ Carter. Als der Weltverband WBA 1967 Ali wegen seiner Wehrdienstverweigerung den WM-Titel aberkannte, gehörten Jimmy Ellis und Jerry Quarry, wie etwa auch der Deutsche Karl Mildenberger, zu den Anwärtern auf den vakanten Titel. Ellis setzte sich durch. Im April 1968 kam es zum WM-Kampf zwischen Ellis und Quarry – der Kampf, den Dylan meint. Ellis gewann den Titel. Gleichwohl dürfte Ellis zu den unbekannteren Schwergewichtsweltmeistern der Boxgeschichte zählen. Er verlor 1970 seinen Titel an Joe Frazier, 1971 verlor er einen Kampf gegen Ali, und 1975 beendete er seine Karriere. Geboren wurde Ellis 1941 (wie auch Dylan, Ali wurde im Januar 1942 geboren) in Louisville, Kentucky (wie Ali, mit dem er auch als Amateur zusammen trainierte).

Der Lebensentwurf des Hobbyboxers gleicht dem eines Profiboxers, es ist beinahe Dylans Wunschbiografie. Schon am Anfang seiner Karriere (und auch am Anfang von „Chronicles I“) steht die Episode, wie Jack Dempsey, Schwergewichtsweltmeister von 1919 bis 1926, dem schmächtigen, gerade aus der Provinz von Minnesota ins New Yorker Künstlerviertel Greenwich Village gekommenen Sänger einen guten Rat gab: „Du siehst zu leicht aus für ein Schwergewicht, du musst ein paar Pfund zulegen. Und dich ein bisschen besser anziehen, bisschen mehr aus dir machen – auch wenn du im Ring nicht viele Klamotten brauchst. Und du darfst keine Angst haben, dass du den anderen zu hart erwischst.“

Den Rat scheint sich Bob Dylan zu Herzen genommen zu haben, und bis heute eine Faszination fürs Boxen zu hegen. Wer’s nicht glaubt, der frage etwa die philippinische Box-Legende Manny Pacquiao, der 2014 während eines Workouts in Los Angeles Besuch vom mittlerweile 79-jährigen Folk-Nobelpreisträger erhielt. Oder eben Quentin Tarantino, der bereits vor einigen Jahren Bekanntschaft mit Bob Dylans Punch machen durfte…

 

Rock and Roll.

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Sunday Listen: Steve Adey – „Do Me A Kindness“


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Richtig gute Coveralben aufzunehmen – diese Idee kann nur allzu leicht nach hinten losgehen, denn sie bietet gleich an zwei Fronten Fallstricke: hält man sich zu nah ans jeweilige Original, so unterstellen einem viele eifrige, zum Gähnen neigende Kritiker mangelnde Kreativität und ein dezentes Defizit an Mut, verfremdet man die Ursprungsversionen jedoch zu sehr, will plötzlich jeder mehr von den „Ausgangstrademarks“ hören. Klare Sache, das: Nicht jedem kann’s so scheinbar leichtfüßig gelingen wie Johnny Cash und Produzentenguru Rick Rubin zu deren „American Recordings“-Zeiten. Man nehme etwa Steve Adeys Album „Do Me A Kindness„…

81l-Z68Oy4L._SX522_Der dritte, 2017 erschienene Langspieler des in Experimenten erprobten Singer/Songwriters aus dem schottischen Edinburgh besteht aus neun Coverversionen und der Adaption eines Gedichts von Hermann Hesse – wahrscheinlich per se schon nicht die Art von Dingen, die den musikalischen Appetit anregen und des Hörers Puls rasen lassen, oder? Bekanntlich sind Alben mit Coverversionen meist eine praktische Veröffentlichungsablenkung, wenn der jeweilige Künstler gerade an einer Schreibblockade leiden mag oder just die Rockstar-Reha verlassen hat (soweit zumindest die Klischees, welche ja auch irgendwoher stammen müssen). Das Ergebnis ist denn meist und im Allgemeinen ein verdammt janusköpfiger Haufen. Umso klüger ist es, sich dieser Art von kreativer Schnapsidee stets mit porzellaner Vorsicht zu nähern (oder es lieber gleich zu lassen).

Insofern mag man Steve Adey bereits von Vornherein hoch anrechnen, dass der gebürtig aus dem englischen Birmingham stammende Musiker bei diesem Album keineswegs die einfachsten Optionen gewählt hat. Keine der Melodien auf  „Do Me A Kindness“ stammt von einem offensichtlichen Karaoke-Bar-Liebling – stattdessen hört man hier Songs, deren Originale aus den Federn von unter anderem Bob Dylan, David Bowie, Morrissey, PJ Harvey, Low, Nick Cave, Portishead oder Smog stammen. Und: sie sind – das lässt sich schnell feststellen – wunderschön aufgenommen. Adeys frühere Karrierestopps als Toningenieur haben sich hier sicherlich als äußerst nützlich erwiesen, als er die (im Gros alle von ihm selbst gespielten) Instrumente und – vor allem – die Stimmen passenderweise in einer Edinburgher Kirche aus dem 19. Jahrhundert aufnahm – eine hervorragende, weise temperierte Kombination aus Klarheit und natürlich klingendem Hall. Deshalb der explizite Tipp: Holt eure besten Kopfhörer dafür raus, Kinners! Aber wenn wir die Produktionslorbeeren hinter uns gelassen haben, was bleibt uns dann noch? Mit drei Worten schon vorweg: eine Menge Trostlosigkeit.

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Denn „Do Me A Kindness“ ist ziemlich harter Gemütstobak. Manch einer mag sogar so weit gehen, Nick Drakes herb-melancholisches „Pink Moon“ dagegen als eine Best-Of-Sammlung der Beach Boys zu bezeichnen. Nach 46 Minuten sich langsam bewegenden Wellen ängstlichen Atemanhaltens (wenn auch wunderschön aufgenommenen Wellen ängstlichen Atemanhaltens…) mag es manch einem Lauschmuschelträger vielleicht schwerfallen, vom heimischen Sofa aufzustehen. So wird etwa Morrisseys „Every Day is Like Sunday„, das schon zu Zeiten seiner Erstveröffentlichung 1988 auf „Viva Hate“ nicht gerade ein fröhlicher Tobsuchtsanfall war, mit dem unerbittlichen Ticken einer Drum-Machine, die stur ihren minimalen Takt beibehält, auf ein einem Begräbnis würdiges Tempo verlangsamt. Adey spielt das Stück des skandalträchtigen Ex-Smiths-Frontmanns ohne große ideenreiche Schnörkel (wohl aber mit gesanglicher Unterstützung von Helena MacGlip), was auch bedeutet, dass der sinistre Humor des Originals hier fehlt und seine Version zu einer Art Doomy Pastiche verkommt. Mary Margaret O’Haras „To Cry About“ gerät da schon etwas gelungener, und die lyrische Düsterheit ergänzt sich wunderbar mit Adeys Arrangement. Nick Caves „God Is In The House“ (vom 2001er Album-Meilenstein „No More Shall We Part“) wiederum fehlt es erneut am sarkastischen Biss des Originals, und Adeys minimale Herangehensweise bewirkt, dass so manche hörerische Aufmerksamkeit spätestens in der Mitte des Stückes vorschnell abwandert. Fast schon flott und fröhlich kommt da die Variante des Dylan-Evergreens „I Want You“ daher – nur gut also, dass einen Portisheads „Over“ oder Lows „Murderer“ – in ihren Ursprungsversionen ohnehin schon deftig-großartige Trauerklöße par excellence – schnell wieder ins Graudunkel des schottischen Kirchenschiffs zurück ziehen. Erst „How Heavy The Days“ mit seinem bei Hermann Hesse entliehenen Text gelingt es kurz vor Schluss so richtig, die elegische Musik mit dem düsteren Tonfall der Worte gut zu verbinden. Stampfende Perkussion, seltsam zwitschernde Klaviaturen und verschlungene, umgekehrte Klänge werden zu einem einnehmenden Ganzen vermengt. Aus den fleißig angeschlagenen Akkorden, die Adeys eindringliche Baritonstimme begleiten, entsteht eine komplexe Klanglandschaft – so hätte gern das komplette Album klingen dürfen. Es ist ein sehr beeindruckendes Stück.

Es fällt schwer, „Do Me A Kindness“ vorschnell als lediglich halbwegs gelungen abzutun, da offensichtlich so viel Liebe und Herzblut in diesem Album steckt. Wenn es gut ist, ist es ziemlich unvergleichlich, aber wenn es nachlässt… nun, ihr wisst schon. Steve Adey hat einige seiner potentiell liebsten Songs (mehr zur Auswahl erfährt man hier) genommen und sich nicht gescheut, jedem Stück ein paar neue Charaktermerkmale zu verleihen. Herausgekommen sind keine blass nachgespielten Faksimiles der Originale, es sind praktisch (beinahe) neue Songs. Aber anhand von so wenig Dynamik oder tonalen Veränderungen über den Langspieler hinweg verschwimmen die meisten Stücke ineinander – was jammerschade ist, denn während der grummelgrauen Dreiviertelstunde gibt es so einige großartige Sachen zu entdecken. Freilich würde niemand auf die Idee kommen, Adey vorzuschlagen, dass sein nächstes Album bitteschön eine Sammlung bayrischer „Uffta! Uffta!“-Polkamelodien enthalten sollte, um denn doch für ein klein wenig mehr gelöste Stimmung zu sorgen, aber der bloße Gedanke daran, ein wenig mehr Licht, Luft und Abwechslung Einzug in seine Musik halten zu lassen, würde Steve Adey sicherlich eine breitere Palette an Emotionalität und Musikalität zur Verfügung stellen. Schließlich würde einem auch jeder bildende Künstler den Tipp geben, dass die Gegenüberstellung von Licht und Schatten die Dunkelheit dunkler und die Lichter heller macht. Ganz sicher: Steve Adey trägt definitiv noch das ein oder andere großartige Album in sich, aber „Do Me A Kindness“ ist – zumindest in Gänze – keines. Das nächste dann? Warten wir’s ab.

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Philip Bradatsch – „Kriege“


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Foto: Promo / Peter Reichhart

Nun isses raus: Die bundesdeutsche Antwort auf den oll-großen Bob Dylan (so es denn eine braucht) kommt nicht – Sorry, Wolfgang „BAP“ Niedecken! – aus der Domstadt Köln, sondern wohl aus Kaufbeuren, einer knapp 44.000 Einwohner zählenden Stadt am nordöstlichen Rand des bayerischen Allgäus. Liest sich komisch? So lausche man(n) doch einmal Philip Bradatsch

Gut, Bradatsch mag um ein Vielfaches unbekannter sein als Robert Allen Zimmerman, mag weder Folk-Evergreens wie „Blowin‘ In The Wind“, „Knockin‘ On Heaven’s Door“, „Like A Rolling Stone“ oder „Mr. Tambourine Man“ und einen Literatur-Nobelpreis in petto haben. Dennoch eint ihn vor allem eines mit dem weltbekannten Folk-Urgestein aus Duluth, Minnesota: die alternativlose Liebe zur Musik. Nach dem Abi und einer abgebrochenen Koch-Lehre traf Philip Bradatsch so (s)eine Entscheidung: Musik oder nix. Bekam er mal keine Gigs, hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser – auch schon mal als HiWi eines Rohrreinigers. Heute kann er, auch wenn die Millionen freilich ein feuchter Indie-Traum bleiben werden, von und mit seiner Klampfe leben, spielt auch schonmal an die 150 Konzerte im Jahr auf ranzige Kellerbühnen, in schicken Indieläden, bei kleinen und größeren Festivals, in dutzenden von Pubs oder Raucherkneipen an zwielichtigen Ecken.

Und natürlich werden auf den bisherigen Alben von Bradatsch schnell die Vorbilder offensichtlich: Der meist spartanisch angelegte Bluegrass-meets-Folk-Sound des 2015er Debüts „When I’m Cruel“ träumt melancholische Südstaaten-Hobo-Episoden aus einer vergangenen Zeit (von der man im bayrischen Allgäu sicherlich nie gehört hat), der drei Jahre darauf erschienene Nachfolger „Ghost On A String“ zieht weiter ins Herz der US-Midlands hinein, sucht das melodische Gespür eines Tom Petty oder Springsteen, ergänzt alles aber noch um seine Liebe zu den (späten) Beatles und den Fuzz-Rock-Gitarren der späten Sechziger und frühen Siebziger – man höre etwa das feine „Radiator„. Nostalgielevel auf konstanter 11, klare Sache. Mit diesen beständig zwischen romantischer Gestrigkeit und lebensweise-rauer Tiefe changierenden Werken mag sich der Mittdreißiger zwar in den letzten Jahren seine Hörerschaft (die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch ein „Rolling Stone“-Abo und eine gut sortierte Vinyl-Plattensammlung besitzt) und musikalische Nische erspielt haben, die Massen mag er trotz alledem kaum von den Öfen weg locken.

Wohlmöglich dürfte eine erneute Rückbesinnung auf das große Idol den Wendepunkt bedeutet haben: Im September 2018 veröffentlichte Philip Bradatsch über den YouTube-Kanal seines Labels Trikont einen Song titels „Der einsame Tod des Ben Ahmad„, der – wer ihn hört, dem wird der Groschen schnell fallen – eine ins Deutsche und die bajuwarische Ländlichkeit übertragene Version des Dylan-Klassikers „The Lonesome Death of Hattie Carroll“ darstellte, die mit ihrer ins Heute überführten Sozialkritik – und trotz des guten halben Jahrhunderts, die das Original bereits auf dem Buckel haben mag – alles andere als unzeitgemäß tönte. So merkte Philip Bradatsch: Hey, das Ganze funktioniert wohl auch prima in meiner Muttersprache!

81p0+A5FeGL._SS500_Also schrieb der Folk-Geschichtenerzähler mit dem in den kommenden Tagen erscheinenden „Jesus von Haidhausen“ zum ersten Mal ein komplettes Album auf deutsch. Freilich mag herzlich bezweifelt werden, dass hinter den neun neuen Stücken ein „neuer Rio Reiser“ oder ein „neuer Udo Lindenberg“ (wie plattentests.de-Autor Martin Makolies in seiner aktuellen Review meint) steckt. Vielmehr lassen einen die irgendwo im weiten Rund zwischen Holzfällerhemden-Folk-Rock, Roots’n’Americana und dylaneskem Country-Blues musizierenden Songs wie „Alte Gebäude“ oder „Rundfunkempfänger“ an deutsche Rock-Eminenzen wie Tom Liwa oder Element Of Crimes Sven Regener, an den eh großen Gisbert Zu Knyphausen, den (zu) oft vergessenen Niels Frevert oder den viel zu früh verstorbenen Nils Koppruch denken. Das  wunderschön karge „Kriege“ legt seine salzigen Finger in Wunden und Versehrtheiten, die aus dem Alltag ein Schlachtfeld machen, der Bäckerin im Café ums Eck jedoch lediglich ein mitleidiges Lächeln entlocken. Und wenn Philip Bradatsch am Ende „Nie irgendwas von irgendwem gewollt oder verlangt / Und ich werf‘ meine Waffen hin wenn’s denn irgendwas hilft / Ich komm‘ nach Haus'“ singt, dann scheint sogar der große Johnny Cash, der selbst einst „Wo ist zuhause, Mama?“ fragte, selig zu lächeln. Hier trifft die große weite Welt auf das piefig-miefige Hinterland, melancholische Alltagsnotizen von Allerweltsmenschen auf Spiegelmomente des Hässlichen, aber auch Schönen und Echten, ewiger Stillstand auf steten Wandel.

 

Philip Bradatsch ist wohl das Ungeheuerlichste, was die deutsche Indie-Szene in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Einer mit Attitüde, einer, der Haltung einnimmt. Zwar sind ihm aktuelle Hörgewohnheiten oder Playlists mitnichten egal, nur bedienen will er sie eben nicht. Stattdessen führt er sie mit kryptischen, dylanesken Versatzstücken vor, erschafft einen Sog aus Bildern, Räumen und Stimmen. Und überquert auch mal unverfroren die Wohlfühlgrenze. Dann haut er sie raus, die verwerflichen Gefühle, die so wahrhaftig sind, dass niemand sie zugeben mag. Nicht mal vor der Arroganz hat er Angst, und schon gar nicht vor der deutschen Sprache, wie er nun auf seinem neuen Album ‚Jesus von Haidhausen‘ (Trikont, 20. März 2020) erstmalig eindrucksvoll unter Beweis stellt. Nach dem ersten Zusammenzucken denkt man, der traut sich was, aber sympathisches Understatement ist nicht Philip Bradatschs Sache. Hinterher ist man froh, mit manch unliebsamen Gefühl nicht alleine dazustehen. Und man ist beseelt von der musikalischen Fülle. Denn Philip Bradatsch wartet mit Überraschungen auf, seine Songs ziehen langsam herauf, beklemmen, bäumen sich wütend auf und lösen sich im nächsten Moment in wundervolle Harmonien auf. Zwischen düster-bedrohlichen Klangwelten plötzlich ein lakonischer Schmunzler, im dumpfen Weltschmerz auf einmal eine Zärtlichkeit, die einem warm ums Herz werden lässt. Und hinter ihm rumpeln, ächzen und rocken die fabelhaften Cola Rum Boys, dass es eine wahre Freude ist. Solo oder im Band-Kollektiv, am Ende ist Philip Bradatsch wohl das, was sich so lange niemand zu vermissen getraut hat: Rock’n’Roll.

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Villagers – „Simple Twist Of Fate“ (live bei TV Noir)


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Foto: Promo / Rich Gilligan

Eine wirklich sehr schöne, verdammt zurückgelehnte Version des Bob Dylan-Songs „Simple Twist Of Fate“, im Original anno 1975 auf dem Album „Blood On The Tracks“ erschienen, haben Conor O’Brien und seine Villagers da kürzlich bei TV Noir zum Besten gegeben, keine Frage. Macht glatt mächtig Böcke, mal wieder das ein oder andere Werk beider Künstler in die Playlist des Vertrauens zu packen…

 

 

„They sat together in the park
As the evening sky grew dark
She looked at him and he felt a spark
Tingle to his bones
‚Twas then he felt alone
And wished that he’d gone straight
And watched out for a simple twist of fate

They walked alone by the old canal
A little confused, I remember well
And stopped into a strange hotel
With a neon burning bright
He felt the heat of the night
Hit him like a freight train
Moving with a simple twist of fate

A saxophone someplace far-off played
As she was walking on by the arcade
As the light bust through a beat-up shade
Where he was wakin‘ up
She dropped a coin into the cup
Of a blind man at the gate
And forgot about a simple twist of fate

He woke up, the room was bare
He didn’t see her anywhere
He told himself he didn’t care
Pushed the window open wide
Felt an emptiness inside
To which he just could not relate
Brought on by a simple twist of fate

He hears the ticking of the clocks
And walks along with a parrot that talks
Hunts her down by the waterfront docks
Where the sailors all come in
Maybe she’ll pick him out again
How long must he wait?
One more time, for a simple twist of fate

People tell me it’s a sin
To know and feel too much within
I still believe she was my twin
But I lost the ring
She was born in spring
But I was born too late
Blame it on a simple twist of fate“

 

Rock and Roll.

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