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Song des Tages: Veronica Swift – „Sing“


Bereits im zarten Alter von neun Jahren nahm die in ein musikalisches Elternhaus hineingeborene Sängerin Veronica Swift das Album „Veronica’s House Of Jazz“ auf. Es folgten im Laufe der Jahre ein paar weitere vielversprechende Platten (zuletzt 2019 „Confessions„), später trat sie zudem mit Weichspülern wie dem Jazz-Trompeter Chris Botti oder Traditionalisten wie dem Pianisten Benny Green auf. Wer hört, wie sie gemeinsam mit Wynton Marsalis ein minutenlanges Live-Scat-Solo über „Cherokee“ hinlegt, für den scheint die Sache klar: Die 1994 geborene New Yorker Sängerin gehört zu jener Kategorie von Wunderkindern, die zwar technisch virtuos, aber sonst eher unoriginell tönen. You may call it „Hintergrundberieselung“…

Nun, von diesem möglicherweise etwas vorschnell gefällten Vorurteil kann man sich spätestens mit ihrem im vergangenen Jahr erschienenen Album „This Bitter Earth“ getrost verabschieden. Sicher: Auch dort singt Swift gewohnt intonationssicher und solistisch versiert einiges an Standard- und Mainstreamware, wie etwa George Gershwins „The Man I Love“ oder ein schmissig-flottes „Youʼre The Dangerous Type”, bei dem sich eine ganze Heerschar anderer Vokalistinnen wohl die Zunge verknoten würde. 

Doch nicht nur wie sie singt, sondern vor allem was sie singt, überzeugt. Denn die 27-jährige US-Jazz- und Bebop-Musikerin zeigt bei der Stückauswahl großes Geschick und löst ein, was das von Dinah Washington entliehene Titelstück verspricht: Hier stellt sich jemand sehr erwachsen und frei von großen Illusionen den Widrigkeiten der Gegenwart, erstellt einen dreizehnteiligen Liederzyklus, der sich mit Sexismus, häuslicher Gewalt, Umweltproblemen, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit oder den Gefahren von Fake News befasst und somit Merkmale von wegweisenden Klassikern wie Marvin Gayes „What’s Going On“, Kate Bushs „Hounds Of Love“ oder Mary J. Bliges „My Life“ aufnimmt. Und auch wenn bei den zum Großteil bereits 2019 – und somit bevor die Coronavirus-Pandemie die Welt fast völlig zum Stillstand brachte – aufgenommenen Songs gelegentlich Streicher watteweiche Teppiche auslegen und die musikalische Begleitung von einem blitzsauber swingenden Piano-Trio unter der Leitung Emmet Cohens kommt, so fehlt von dem unschuldig-nostalgischen Eskapismus der Vorgänger-Jazzgesangsgeneration um Jane Monheit und anderen doch jede Spur.

„Ich habe seit Jahren darauf gewartet, dieses Album zu machen und wollte, dass es zwei verschiedene Ansätze hat. Ich habe mit der Stellung der Frau in der heutigen Gesellschaft begonnen und wie sie sich verändert. In der zweiten Hälfte wollte ich andere Missstände in der Welt ansprechen, sei es Rassismus oder Fake News. Aber ich beziehe keine politische Position. Ich bin mir mit meinem Publikum sehr darüber im Klaren, dass ich als Künstler bestimmte Themen als Außenstehender anspreche, der hineinschaut.“ (Veronica Swift)

Ganz im Gegenteil: Mit an Zynismus grenzender Schärfe interpretiert Swift mithilfe von energischen Scat-Vocals etwa die Rodgers- und Hammerstein-Nummer „Youʼve Got To Be Carefully Taught“ aus dem Jahr 1949 und dem Musical „South Pacific“, die davon handelt, dass man Kinder früh zu Angst und Hass erziehen sollte, damit sie brav die rassistischen oder religiösen Vorurteile ihres Umfeldes übernehmen. Ganz sanft und naiv wiederum intoniert sie zu akustischer Gitarre den durch die Vokalgruppe The Crystals bekannt gewordenen Carole King-Song „He Hit Me (And It Felt Like A Kiss)“, welcher unverblümt von häuslicher Gewalt handelt. Nur von Armand Hirsch auf der akustischen Gitarre begleitet, setzt Swift mit ihrem Gesang einen Kontrast zu dem bombastisch instrumentierten Original und entlarvt den im Titel angedeuteten Sexismus mit sanften Tönen Auch toll: das gleichermaßen großartige wie unbekannte „The Sports Page“ von 1971 aus der Feder des Jazz-Pianisten und Journalisten Dave Frishberg, welches sich nun wie ein genialer Kommentar zur Donald Trump’schen Fake-News-Pest, vielsagend-hohlem Verschwörungsgeschwurbel und der US-Wahl 2020 anhört. Andere Stücke stammen aus Musicals wie „Bye Bye Birdie“ (1960), „The King And I“ (1951) oder „The Jungle Book“ (1967) – alle möglicherweise durchaus betagt im Alter, jedoch dennoch auch im 21. Jahrhundert mit deutlichem Zeitgeist-Wert. Wenn Swift nach allerlei hervorragendem Changieren zwischen Jazz, R&B, Rock und einer Prise Blues den krönenden Abschluss „Sing“ (im Original vom US-Punkrock-Cabaret-Duo The Dresden Dolls) mitsamt angejazzrockter E-Gitarre als fragilen Aufruf zur Versöhnung mit dem eigentlich Unversöhnlichen intoniert, wird klar: Die USA haben neben Cécile McLorin Salvant nun eine weitere kraftvolle Jazz-Stimme mit einem brillanten Gespür für Subtexte. Ein superbes Konzeptalbum, zu gleichen Teilen beeindruckend, brillant, virtuos, sentimental, verführerisch, voller Emotionen und schlussendlich hochgradig überzeugend. You may not call it „Hintergrundberieselung“.

Rock and Roll.

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Song des Tages: FHEELS – „Sharp Dressed Animal“


Foto: Promo / Sophie Schwarzenberger

Man kommt nicht umhin den Elefanten, der da nunmal in der Manege sitzt, auch anzusprechen, also tun wir’s gleich, denn natürlich fällt auf, dass zumindest ein Viertel der Newcomer-Band FHEELS optisch nicht der augenscheinlich-oberflächlichen „Norm“ entspricht: Sänger und Gitarrist Felix Brückner ist seit einem Snowboard-Unfall im Alter von 17 Jahren zumindest teilweise querschnittgelähmt und daher auf (s)einen Rollstuhl angewiesen. Klar, lässt sich ja auch kaum übersehen. Für seine Bandmates Tobias Nitzbon (Rhodes, Organ, Backgroundgesang), Jens Boysen (Bass) und Justus Murphy (Schlagzeug, Backgroundgesang), mit denen er bereits seit Studientagen zusammenspielt, war dieses vermeintliche Handicap jedoch nie ein allzu großes Thema, und auch auf Starthilfe durch ordentlich mediales Fishing for Pity in einer Casting-Show hatte das Hamburger Quartett recht wenig Böcke, wie Brückner vor etwa zwei Jahren in einem Interview erzählte: „Natürlich hätten wir auch in irgendeine Talent- oder Casting-Show gehen können um bekannter zu werden. Aber das ist eher unattraktiv, weil zu sehr die Behinderung und das Ausschlachten der Background-Story im Fokus steht und nicht das eigentliche Musiker-Sein.“ Stattdessen entschieden sich FHEELS dazu, eine Crowdfunding-Kampagne unter dem Motto „FHEELFALT“ zu starten und steckten die dabei gesammelten 6.000 Euro in Musik- und Videoproduktion sowie Promotion und Fotoshootings.

Und wie sich nun zeigt, war diese Summe nicht eben schlecht investiert, denn die akustischen Vorboten, welche der Vierer von ihrem im April erscheinenden Debütalbum „Lotus“ hören lässt, lassen durchaus aufhorchen: düstere Grunge Rock-Gitarren und apokalyptisch dröhnender Hard Rock-Hymnus treffen auf lyrische Melodiebögen, tanzbare Leichtigkeit und eine Prise Jazz, Blues n‘ Soul – eine klare Weiterentwicklung zur 2017 erschienenen „Traveller EP„. Und da es umso schöner ist, wenn sich Kreise manchmal schließen, führt die Band den oben erwähnten Elefanten in der Manege in „Mr. Elephant“ gleich höchstselbst in selbige und beleuchtet im aktuellsten Album-Vorboten „Sharp Dressed Animal“ – Offensive, Offensive! – Sexualität aus der Perspektive von Menschen mit Behinderung.

Gezupfte Bassakkorde sorgen im Song für das harmonische Gerüst, welche die rohe Ästhetik prägen. In Brückners Gesang spiegelt sich die stets steigende Begierde der Protagonisten wieder: Er beginnt mit leichten Falsetttönen und endet mit rohen Schreien. Produziert wurde der Song, der trotz vieler klassischer Rock-Elemente frisch und eigen klingt, wie das gesamte kommende Album, zusammen mit Christoph Hessler von The Intersphere.

Das dazugehörige, bewusst recht explizite Musikvideo soll dabei die Botschaft des Songs nochmal bekräftigen: Auch Menschen mit Behinderung haben Sex, ihre Bedürfnisse und Lust unterscheiden sich keineswegs von denen ohne – ein beeindruckendes und mutiges Statement für Body-/Sex-Positivity und dem selbstbewussten Umgang mit dem eigenen Körper, abseits des leider noch immer allzu oft vorherrschenden gesellschaftlichen Schönheitsideals und Perfektionismus.

Warum dieses sehr intime Thema Felix Brückner ein großes Anliegen ist, erklärt er recht unumwunden so: „Der Song ist eine kritische Auseinandersetzung mit mir als Mann und den Facetten meiner Sexualität. Anders als oftmals indirekt unterstellt wird, macht es dabei keinen Unterschied, dass ich ein Mann mit Behinderung bin. Auch wir haben Triebe, auch wir haben Sexualität, die sich in ihrer zuweilen Primitivität nicht von der nichtbehinderter Männer unterscheidet und persönlich hinterfragt werden sollte. Vor allem muss aufgehört werden Menschen mit Behinderung die Sexualität und das Bedürfnis danach abzuerkennen oder nicht sehen zu wollen.“ 

Im Musikvideo übernimmt neben der Musik und Band die Schauspielerin Laura Ehrich die Hauptrolle. Brückner dazu: „Ich habe mich bewusst dazu entschlossen, sehr erotische Szenen für das Video umzusetzen, die ich in dieser Form so noch nicht gesehen habe. Bewusst war auch die Entscheidung meinen Körper, der sich durch die Lähmung von denen nichtbehinderter Männer unterscheidet, zu zeigen. In Zeiten, in denen es – neben einer Ästhetik, die durch Perfektion geprägt ist – keinen Platz zu geben scheint, war es mir wichtig, damit ein selbstbewusstes Zeichen zu setzen. Ich habe viel zu lange versucht mein Aussehen Idealen anzupassen und hoffe damit Mut zu machen, den eigenen Körper mit seinen ihn besonders und einzigartig machenden Eigenschaften zu akzeptieren. Perfektion ist nicht real und schon gar nicht normal.“ 

Und überhaupt: Was zur Hölle ist schon „normal“? Rock‘n‘Roll und Behinderung gehen nicht zusammen? Scheiß doch der Hund auf solchen vorgestrigen Scheuklappen-Unsinn!

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Cat Power – Covers (2022)

-erschienen bei Domino/GoodToGo-

Von all den Sachen, die man als musikschaffende(r) Künstler*in heutzutage in die Welt setzen kann, gibt es wahrscheinlich nichts Unwesentlicheres als ein Coveralbum. Das Format ermöglicht dem Act theoretisch auf Autopilot ein paar Lieblingssongs herunterzuschrammeln – und zack, ist im Handumdrehen schon wieder ein neues Stück Content fertig. Als Beweismaterial für diese gar nicht mal so steile These sollte eine schnell ergoogelte Internetsuche nach einem beliebigem Song mit dem Zusatz „Cover“ genügen, schließlich besteht ein signifikanter Teil des weltweiten Netzes aus mehr oder minder leidlichen, mehr oder weniger uninspirierten Darbietungen von geliebten Songs. Andererseits gibt es nicht wenige Bands und Künstler*innen, für die das Konzept „Coveralbum“ eine ganz eigene Kunstform darstellt. Die mit der radikalen Spielfreude eines Kleinkinds Songs auseinanderpflücken und in neuen, spannenden Formen zusammensetzen. Oder mit schlichten, dem Original verpflichteten Interpretationen auf magische Art und Weise die wahren Qualitäten der Ursprungsfassung offenbaren.

Vor allem Charlyn Marie „Chan“ Marshall ist in jenem „Cover-Album-Business“ ein wahrer Profi. Rund zwanzig Jahre ist es her, dass die US-Musikerin, welche den meisten wohl eher als Cat Power bekannt sein dürfte, erstmals demonstrierte, mit welcher Intensität sie sich Songs aus fremden Federn zu eigen machen kann. Auf „The Covers Record“ prägte anno 2000 noch der karge, ominöse Indie-Blues ihrer Frühphase die Neuinterpretationen, denen meist wenig mehr als eine zurückhaltende Gitarre oder ein leises Klavier für durchschlagende Effekte ausreichte. Ob sie die Verzweiflung hinter der rebellischen Attitüde im abgenudelten Stones-Gassenhauer „(I Can’t Get No) Satisfaction“ ans Dämmerlicht holte oder The Velvet Undergrounds „I Found A Reason“ so weit reduzierte, dass es durch Mark und Bein ging – Coverversionen haben bei Cat Power immer etwas mit Offenlegen zu tun, kehren das mithin unbewusste Innere der Songs nach außen. Nachdem 2008 mit „The Greatest“ ein zweiter Teil der Coveralben-Reihe erschien (und die Stücke darauf mit ein wenig mehr Grandezza scheinen ließ), schreibt Marshall nun mit dem ähnlich schlicht betitelten „Covers“ diese Bewegung zur Trilogie fort – und macht einmal mehr doch manches anders. Schließlich hat auch die Musikerin, die kürzlich ihren 50. Geburtstag feierte, in der Zwischenzeit so einige persönliche wie musikalische Wandlungen durchlaufen, hat einem selbstzerstörerischen Sex’n’Drugs’n’Rock-and-Roll-Lebensstil abgeschworen, ist Mutter geworden, hat für sich noch stärker die Wurzeln und Traditionen der amerikanischen Musikgeschichte erkundet. So prägen vor allem Band-Arrangements die ersten Stücke ihres nunmehr elfen Studioalbums, dessen Songauswahl zwar von der erwarteten Geschmackssicherheit gekennzeichnet ist, aber dennoch die eine oder andere Überraschung bereithält.

So wagt etwa „Unhate“ das Selbst-Cover eines der düstersten Songs auf „The Greatest“ – dort noch „Hate“ genannt und lediglich mit einer Stromgitarre live aufgenommen – und beantwortet dessen seinerzeit auf Nirvana verweisende Klaustrophobie mit weiten Keyboard-Akkorden – ein versöhnliches Update eines aufwühlenden Songs. Und auch paradigmatisch fürs Album? Zunächst scheint es so, denn auch die Version von Frank Oceans „Bad Religion“ kleidet die dramatische, beinahe sakrale Anspannung und vertrackte Phrasierung des Originals in ein deutlich luftigeres, lässigeres Gewand. Lana Del Rey, längst auf ihre Art eine der besten Schülerinnen (und Freundinnen) Marshalls, bekommt eine Fassung von „White Mustang“ spendiert, die kalifornische Luftschlösser gegen staubige Seitenstraßen und die Sümpfe des Deltas austauscht (und – so viel Ehrlichkeit sollte sein – leider auch einen guten Teil der Atmosphäre des Originals einbüßt). Bis hierhin fließt „Covers“ angenehm dahin, scheint aber den emotionalen Verwüstungen seiner Ausgangsorte eine abgeklärtere Note entgegenzusetzen, ihnen ein Stück weit noch ausweichen zu wollen – kaum verwunderlich also, dass mancherwebs Vergleiche zu Künstlerinnen wie Norah Jones angestellt und etwas despektierliche Formulierungen wie „Café-Latte-mit-Hafermilch-Musik“ (sueddeutsche.de) getroffen werden. Umso besser, dass „A Pair Of Brown Eyes“ diesem vorschnellen Eindruck dann ordentlich zusetzt.

Doch keine Angst – Cat Power setzt hier keinen in Doom Metal gefärbten Kontrast! Nein, im Auge des Sturms und im Zentrum der Kneipe ist es ganz, ganz still… Aus Shane „The Pogues“ McGowans Sehnsucht macht die „Queen of Sadcore“ (VISIONS) ein Duett mit der eigenen hochgepitchten Stimme, während nostalgische Synthies das Mellotron evozieren – meisterlich gesellt sich ihre Fassung neben das Original, weit entfernt davon, lediglich mal kurz kopieren zu wollen. Apropos Kneipe: Auch „Here Comes A Regular“, Paul Westerbergs bewegende, von dezenter Teenage Angst geprägte The Replacements-Erzählung über das fehlende Zuhause und den quälenden Durst, wird hier radikal transformiert. Marshall nimmt ihr die Rauheit und akzentuiert die zerbrechliche Seite der Selbstaufgabe in einer traurig-schönen Klavierballade mit zarten Akustiktupfern und dem erneut gedoppelten Gesang. Dazwischen reiht sich ein gelungener Moment an den anderen. Ob Bob Segers „Against The Wind“ als ähnlich melancholischer Dream-Pop, das wiederholt mit unheilschwangerer Grandezza beschworene Nick Cave-Stück „I Had A Dream, Joe“, Jackson Brownes bereits oft anderenorts gecoverter geschmeidiger Westküsten-Rock-Evergreen „These Days“ als intimes Folk-Stück oder „Endless Sea“ als monoton-stampfender Blues, in dem Marshall mit einsilbiger Leadgitarre beweist, dass sie auch ohne oberkörperfreie Lederhaut-Inszenierung genauso cool wie Iggy Pop ist. Selbst für den Kinderchor im Original des – angenehm druckvollen – „Pa Pa Power“ (Dead Man’s Bones) hat sich Cat Power eine feine Alternative überlegt: eine silbrig schimmernde Gitarre. Bei aller Vielseitigkeit macht „Covers“, welche dieses Mal ein wenig überraschend den erwarteten Bob Dylan außen vor lässt, mit der Zeit einen bemerkenswert geschlossenen Eindruck, führt behutsam über einen leichtfüßigen Einstieg in die Abgründe seines Ausgangsmaterials.

Weniger Abgrund, aber so einige Symbolismen bietet auch das Albumcover. So erklärt Chan Marshall die Einzelheiten wie folgt: Der leere Ausschnitt symbolisiert, dass sowohl die Träger des Hemdes als auch die Schöpfer der Songs irgendwann nicht mehr da sind, ihre Musik jedoch – bestenfalls – bleibt. Der Pass in der Hemdtasche repräsentiert die Erde, auf der wir Menschen zu Gast sind. Der Bleistift als auch das blaue Workingman-Hemd selbst stehen für das Arbeiten, schließlich sind Musiker*innen schlussendlich nichts weiter als Arbeiter am Song. Ein wahrer Symbolkatalog für ein Coveralbum…

Im Grunde ist der simple Albumtitel dennoch ebenso feines Understatement wie missverständlich: Coverversionen von Cat Power decken auf, sind eher „Un-Covers“, respektvoll ihrem Ursprung verpflichtet und doch freimütig im jeweiligen Umgang. In Marshalls tief-charismatischer Stimme finden sie eine neue Artikulation, die auch dem von Billie Holiday bekannt gemachten „I’ll Be Seeing You“ nicht nur ein ordentliches, zeitgemäßes Plus an Melancholie, sondern auch so viel Wärme mitgibt. Die Zwiegespräche zwischen dem Gestern und Heute enden nie – überrascht es da irgendjemanden, dass „Covers“ abschließend eine Brücke über den Abschied baut? Ein Hoch auf Cat Power, seit eh und je eine dieser ganz besonderen „Queens of Gänsehaut“.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Karsu – „Hijo de la luna“


„Wenn man eure Augen schließt und Karsu lauscht, dann fühlt es sich an, als würde man einer großartigen Jazz-Künstlerin aus New Orleans zuhören…“

In etwa so bezeichnen nicht eben wenige Zuhörer*innen die Musik und Stimme von Karsu Dönmez. Und sie haben nicht einmal Unrecht – obwohl die talentierte 31-jährige Niederländerin mit ihrer Mischung aus Jazz, Blues, Funk, Pop und türkischer Folklore eine keineswegs alltägliche und gerade daher recht einzigartige Melange bietet. Wohl auch deshalb wird ihr an nicht wenigen Stellen nachgesagt, die niederländische Norah Jones zu sein, oder meinetwegen die „türkische Antwort auf Amy Winehouse“ (plus Disziplin, minus fataler Hang zu Drogen). Aber auch ohne diese hoch gegriffenen Vergleiche tönt ihre Musik verdammt faszinierend…

Karsu, geboren 1990 in Amsterdam, findet schon in jungen Jahren ihre Liebe zu Musikstilen, welche andere erst mit Beginn der Grauhaarigkeit erwischt: Jazz, Blues, Soul, Klassik – you name it. Ihre Eltern erkennen ihr Talent und kaufen Karsu im zarten Alter von sieben Jahren daher mit dem Geld, das eigentlich für ein neues Auto beiseite gelegt wurde, ein Klavier. Die junge Türkin übt und übt und beginnt wenig später damit, im Familienrestaurant kleine Konzerte zu geben. „Eigentlich habe ich im Restaurant meines Vaters gekellnert. Da stand ein Klavier. Manche unserer Gäste wussten, dass ich spielen konnte und baten mich darum. Nachdem in Umlauf kam, dass in einem schicken Restaurant ein Mädchen am Klavier musiziert, wurde die Sache etwas größer. Wir haben ein Mikrofon und ein besseres Klavier gekauft und ich begann, jedes Wochenende aufzutreten. Die Leute kamen nun nicht mehr, um das Yoğurtlu Adana Kebap [dt. Adana Kebap mit Joghurt] meines Vaters zu essen, sondern meinetwegen“, wie sie selbst in einem Interview erzählt. Mit siebzehn Jahren erweckt sie zudem das Interesse von Filmregisseurin Mercedes Stalenhoef und ihr Leben wird zum Thema eines Dokumentarfilms. Als sie obendrein noch eine Einladung für ein Konzert in der berühmten New Yorker Carnegie Hall erhält, werden auch immer mehr heimische Medien auf die aufstrebende Sängerin, Pianistin und Lyrikerin aufmerksam… Was sich liest wie eine Bilderbuch-Musikbiografie im Zeitraffer, dürfte wohl einerseits Karsus immensem Talent und musikalischen Gespür, aber auch ihrer Disziplin geschuldet sein.

Dass Karsu nicht nur mit ihrer nahezu einzigartigen Mischung aus Jazz Pop und türkischsprachigem Liedgut, sondern auch in anderen Sprachen zu überzeugen weiß, bewies die Musikerin aus Amsterdam im vergangenen Jahr in der niederländischen TV-Sendung „Beste Zangers“ (welche in etwa das Äquivalent zu der hierzulande recht populären VOX-Sendung „Sing meinen Song – Das Tauschkonzert“ darstellt). Dort gab Karsu nicht nur Songs auf Niederländisch und Englisch, sondern auch ein bekanntes spanischsprachiges Stück zum Besten: „Hijo de la luna„, das hierzulande 1998 durch die Interpretation von Loona ein hinlänglich bekannter Nummer-eins-Hit wurde, eigentlich jedoch von der spanischen Band Mecano stammt und bereits stolze 35 Lenze auf dem Songbuckel hat. Doch anstatt das stimmlich nicht eben simple Stück einfach nachzuträllern, verleiht Karsu dem Song, der im Laufe der Jahre auch von Größen wie Montserrat Caballé oder Sarah Brightman (sowie der ein oder anderen Metal-Kapelle) gecovert wurde, ihre ganz eigene Note, die modernen Jazz’n’Funk ebenso einfließen lässt wie ihre türkischen Wurzeln. Das Phrasenschwein frohlockt wahrscheinlich schon, wenn der Schreiberling zu der Behauptung ansetzt, dass sich hier der Orient und Okzident auf einen spätabendlichen Mojito treffen. In jedem Fall gelingt der talentierten, vielseitigen Musikerin mit ihrer Interpretation wunderschönes, ganz großes Kino…

Kaum verwunderlich, dass Karsu den Song mittlerweile scheinbar auch in ihre Konzert-Setlist aufgenommen hat, wie dieser Auszug aus ihrer kürzlich gespielten Show beim ESNS Festival im niederländischen Groningen beweist. Und auch da bekommt ihre Coverversion zwar andere, aber ebenso eigene Noten verliehen…

Wer etwas mehr über Karsu Dönmez erfahren mag, dem sei – neben dem oben erwähnten Dokumentarfilm – dieser zwar nicht ganz aktuelle, jedoch recht informative Beitrag empfohlen:

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Christopher Paul Stelling – Forgiving It All (2021)

-erschienen bei Tone Tree Music-

Noch bevor das vergangene Jahr, in dem so unglaublich viel gleichzeitig zu passieren schien, während die Welt doch im selben Atemzug still stand, schlussendlich aus den Fugen geriet, sah sich Christopher Paul Stelling mit der ein oder anderen wichtigen Lektion in Akzeptanz und Dankbarkeit konfrontiert. Im Dezember 2019 brach der US-Singer/Songwriter zu einen weiteren Tour quer durchs Land, von Kalifornien bis nach Florida, auf, die dort enden sollte, wo der 39-jährige Musiker, der Asheville im Westen von North Carolina schon lange sein Zuhause nennt, einst aufwuchs. Neben den Aufnahmen zu seinem fünften Album „Best Of Luck“ befand er sich also für einen Großteil des Jahres auf Achse und drehte unermüdlich Konzerte spielend seine Runden durch Nordamerika. Das Ziel: Er wollte nicht nur pünktlich zu Weihnachten nach Hause kommen, sondern auch Emma, seine 92-jährige Großmutter, besuchen. Man darf es wohl als strategisch bitteres Zwinkern des Lebens, das einem eben manchmal auf die verdammte harte Tour die wahren Prioritäten aufzeigen möchte, betrachten, dass ihm letzteres nicht gelang – seine Großmutter verstarb nur wenige Tage vor seiner Ankunft. Von diesem traurigen Schicksalsschlag erzählt nun auch Stellings neues Werk „Forgiving It All“, das der Musiker allein im bescheidenen weißen Ranchhaus seiner Großmutter in Daytona Beach aufnahm. Es ist Stellings bisher lebensweiseste, intimste und ruhigste Platte sowie seine erste selbstveröffentlichte LP seit acht Jahren, die sich wie ein letzter Tribut an sie und im Grunde an alles anfühlt, was er und wir verloren oder gewonnen haben. Schließlich wohnt jedem noch so schlechten Ereignis im Kern das ein oder andere Gute inne – und sein es nur Erfahrungen, welche erst die von der Zeit geheilten Wunden offenlegen mögen…

Ja, wie für viele von uns schien das vergangene Jahr auch für Christopher Paul Stelling voller Transformationspotenzial zu stecken. Fast ein ganzes Jahrzehnt lang war er ein wie im Fieber umherziehender Troubadour, der während seiner Solokonzerte Blut, Schweiß und Tränen vergoss. Er lebte diesen nomadischen, unsteten Lebensstil und spülte das aufkommende Heimweh auf der Bühne oft genug mit Hochprozentigem hinunter. Ende 2017 dann der Cut: er schwor dem abgründigen Teufel Alkohol ab, nachdem er erkannt hatte, dass Teile seines Lebens Stück für Stück verschwunden waren – eine weise Entscheidung, wie sich zeigen sollte. Das ein Jahr später aufgenommene „Best Of Luck“, das erste, für das er sich einen Produzenten, der in diesem Fall kein Geringerer als Ben Harper war, mit ins kreative Boot holte (kaum verwunderlich, dass sich Harpers Impulse schwerlich überhören lassen), schien ihm einen ganz neuen Publikumskreis zu eröffnen, denn die Mischung aus wehmütigen akustischen Balladen und zutiefst US-amerikanischem Roots Rock war sowohl ausgefeilt als auch… nunja: ursprünglichback to basics, aber auch auf zu neuen Ufern. Unterm Strich eine geschickte Verbindung im weiten Feld von Folk und Singer/Songwritertum, da wie dort dezent und gekonnt angereichert mit einem Quäntchen Blues, Soul, Gospel oder Pop – dies alles jedoch nicht in der Art von zusätzlicher, dick aufgetragener Studio-Schminke, sondern in Form eines organischen Zusammengehens der erfreulichen Art (wenngleich Ben Harper hier als Produzent wohlmöglich die ein oder andere Kante zu viel abgeschliffen haben mag). Die Auftritte häuften sich, und zwar so sehr, dass Stellings Tourneekalender zum Jahresanfang 2020 für die kommenden Monate kaum einen einzigen freien Tag aufwies…

Und dann? Wurde auch bei ihm alles gestrichen. Ende, aus, Corona-Quarantäne. Als er an der Westküste entlang gen Norden der US of A tourte, überschlugen sich die Nachrichten wie Meldungen um ihn herum. Also lenkte er, mit drei Vierteln Verzweiflung und einem Rest Hoffnung im Gepäck, seine kommenden Tourneestops nach Osten und kam bis nach Colorado, wo er in einer Raststätte in Kansas eine Panikattacke erlitt. Wer könnte es ihm auch verdenken, dass er, der ja schließlich kein Paul McCartney oder Chris Martin mit einem durch Millionen gepolsterten Bankkonto war, ob der ungewissen Aussicht es plötzlich mit existenziellen Ängsten zu tun bekam, während die Welt um ihn herum gerade aus den Angeln gehoben wurde? Also kehrte Stelling notgedrungen nach Hause zurück und gab, wie viele von uns, sein Bestes, sich „neue Routinen“ in einer Welt zu erschaffen, die ihm auf Anhieb so seltsam fremd war. Natürlich hatten jene Routinen auch ihr Gutes: Zum ersten Mal seit Jahren verbrachte er eine tagelange Zeitspanne mit seiner Partnerin und ihrem jungen Hund. Er machte lange Spaziergänge, las viel und schaute endlos Fernsehen, um die in manchem Moment überwältigende Angst so gut es eben ging zu besänftigen. Nachdem er seinen Plattenvertrag erfüllt hatte (und überzeugt war, dass er ohnehin keinen neuen wollte), startete Stelling eine Crowdfunding-Kampagne und bat seine Fans darum, in seine neuen Songs zu investieren. Zu seiner großen Erleichterung stimmten sie zu. Noch besser sogar: er verkaufte in den ersten 48 Stunden mehr Platten als er je zuvor im Voraus an Hörer und Hörerinnen gebracht hatte.

Gepackt von neuer Hoffnung begann Stelling endlich, ein Jahrzehnt Revue passieren zu lassen, in dem so viel passiert war – oder doch nicht? Was hatte ihn die Musik gelehrt, was er vom Leben jenseits der Konzertbühnen und Aufnahmestudios nicht gelernt hatte, und umgekehrt? Was hatte er am Ende über all das, was er erlebt hatte, eigentlich zu erzählen, zu singen? Die zwar leisetretenden, aber dennoch fesselnden zehn Stücke von „Forgiving It All“ sind das aus der Tiefe hervor geholte Destillat dieser Reflexion. Ein Jahr, nachdem Stelling seine eigentlich nicht enden wollende Tournee abgebrochen hatte, nahm er jene Songs im Haus seiner verstorbenen Großmutter auf. Sie sind die Lektionen eines einst wilden, unsteten jungen Mannes, der nun auf seine (nicht ganz) vierzig Jahre zurückblickt, ein Stückweit seinen Frieden mit all den Kämpfen und Freuden des Lebens macht und seine Dankbarkeit für den simplen Fakt, noch am Leben zu sein, besingt.

Gleich der Opener „Die To Know“ ist eine zärtliche Ode an die Unschuld, eine Erinnerung an einfache Freude und Aufrichtigkeit, bevor die Erfahrungen des Alters unseren juvenilen Enthusiasmus Stück für Stück zurecht stutzen. „Wildfire“, das sich – jaja, jetzt kommt so ein Fall eines klischeehaften Bildes! – mit der unvergleichlichen Anmut von Wellen auf einem idyllischen Teich bewegt, starrt wiederum aus der Ferne auf die aufgestauten Ängste der Erwachsenen und bittet um die Gnade der Wiedergeburt. „WWYLLYD“ ist in seiner beinahe schon Dylan’esken Folk-Simplizität eine Übung in radikaler Empathie, welche bestens für jene allgemein schwierige Zeiten geeignet scheint. “Remember, everyone is suffering, not just you“, mahnt Stelling zu gezupften Akkorden, die rauschen wie das Blut in unser aller Adern. Der Titel ist übrigens ein Akronym für „When What You Love Lets You Down“. Wir sind alle mögen – auf die ein oder andere Weise – hungernde Künstler sein, und die glücklichsten von uns werden durch das, was ihnen Freude bereitet, am Leben gehalten – oder besser noch: lebendig.

„Kürzlich machte ich einen Spaziergang über den Friedhof hinunter zum Fluss, um ein wenig zu angeln. Mein Freund Josh Finck schloss sich mir an und brachte seinen alten Camcorder mit, und so entstand ein Video für meinen Song ‚Die To Know‘. Ich habe diesen Friedhof in Asheville schon oft besucht, habe 2007 sogar gegenüber gewohnt, bevor ich nach New York City zog. Meine Familie hat dort eine Grabstelle aus den 1800er-Jahren, gegenüber dem Grab des Schriftstellers Thomas Wolfe (‚Look Homeward Angel‘). Dort liegt der Namensvetter meines Vaters und seines Vaters, aber niemand kannte sie direkt, ihre Geschichten sind größtenteils im Laufe der Zeit verloren gegangen. Alle Flüsse scheinen mich zum Sinnieren und Nachdenken einzuladen. Es ist friedlich, sie vorbeiziehen zu sehen, auch wenn man nichts fängt…“ (Christopher Paul Stelling über das Musikvideo zu „Die To Know“)

Bis zu einem gewissen Grad geht es in diesen Songs darum, sich selbst von Zwängen zu befreien, seine Unvollkommenheiten zu akzeptieren, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Das Titelstück, welches ebenso fesselnd und motivierend wie ein religiöses Mantra gerät, weist darauf hin, dass wir nicht allein die Verantwortung für all unser Gepäck tragen, dass auch andere in unseren Leben eine gewichtige Rolle gespielt haben. Wenn wir mit uns selbst ins Reine kommen wollen, so Stelling, müssen wir andere dazu ermutigen, das Gleiche zu tun und an dieser Katharsis teilzuhaben. „Let the doubtful confide in you“ (Lass die Zweifler sich dir anvertrauen), singt er gleich zu Beginn, was sich im besten Fall wie die offenste Therapiesitzung anfühlen mag, die man seit langem erlebt hat. Stelling, bei genauerem Ohrenschein ein hervorragender Fingerpicking-Gitarrist, der sich lediglich nie damit begnügt hat, „nur“ wortlose Musik zu machen, legt kurz vor Schluss für das wunderschöne Instrumental „For Your Drive“ eine Pause ein und beendet sein neues Album mit einer eigenen Hymne, „They’ll All Proclaim“. Es ist ein anmutiges, geradezu prächtiges Sonnenaufgangsständchen für das, was noch kommen mag – ob nun morgen, übermorgen, nach dieser gottverdammten Pandemie, oder wann auch immer.

Ja, nicht wenige von uns werden in vielfältiger Weise unser Leben lang mit vielem von dem ringen, was im Jahr 2020 passiert ist und was danach kommen könnte. „Forgiving It All“ ist eine instinktive und ehrliche Antwort auf den Versuch, das Beste aus der Misere zu machen: die Vergangenheit neu und reflektiert zu sortieren und die Gegenwart zu nutzen, um sich auf eine ebenso ungewisse wie ungeschriebene Zukunft vorzubereiten. Diese soulful Folk-Songs erinnern nicht nur Christopher Paul Stelling, sondern auch uns alle daran, dass wir – allem Alltagsgrau, allem Mühsal zum Trotz – Glück haben, hier zu sein – egal, was oder wem wir am Ende des Weges zu vergeben haben.

Rock and Roll.

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Der Taktgeber der Rolling Stones – Charlie Watts ist tot.


Fast sechs Jahrzehnte saß er bei den Rolling Stones am Schlagzeug. Zwei Monate nach seinem 80. Geburtstag ist Charlie Watts – trotz des stolzen Alters etwas überraschend – heute gestorben.

Gerade erst hatte sich der taktgebende Elder Statesman des Rock’n’Roll gedanklich mit dem Ruhestand beschäftigt. „Ich weiß nicht, was die anderen denken, aber mich würde es nicht stören, wenn die Rolling Stones sagen würden, dass es das jetzt war“, sagte der Schlagzeuger anlässlich seines 80. Geburtstags im Juni diesen Jahres dem englischen „Guardian“. Allerdings, so räumte er ein, wisse er gar nicht, was er machen würde, wenn wirklich alles zu Ende sei.

So abrupt hatte sich der Schlagzeuger sein Ende bei den Rolling Stones jedoch keineswegs vorgestellt: Am 24. August 2021 ist Charlie Watts in einem Londoner Krankenhaus im Kreis seiner Familie gestorben. „Charlie war ein geschätzter Ehemann, Vater und Großvater und als Mitglied der Rolling Stones auch einer der größten Schlagzeuger seiner Generation“, teilte ein Sprecher mit.

Fast sechszig Jahre gab er bei einer der größten, erfolgreichsten und populärsten Bands der Musikgeschichte den Takt vor, war wohlmöglich sogar ihr Motor. Freilich mag dies recht hypothetisch sein, trotzdem lässt sich ohne einen Funken britischem Understatement behaupten, dass es die Rolling Stones ohne ihn wahrscheinlich schon längst nicht mehr gegeben hätte, schließlich gelang es ihm mit diplomatischem Fingerspitzengefühl im Laufe der Jahrzehnte immer wieder, die aufbrausenden Streithähne Mick Jagger und Keith Richards zur Räson zu bringen.

Charles Robert „Charlie“ Watts erblickte am 2. Juni 1941 in Kingsbury das Licht der Welt, einem heutigen Stadtteil im Norden Londons. Der Sohn eines Lastwagenfahrers studierte, nachdem er schon früh seine Liebe zu Jazz und Blues entdeckte und sich aus einem alten Banjo sein erstes Schlagzeug bastelte, zunächst Kunst und Grafik und stieg in seiner Freizeit als Drummer in Alexis Korners Band Blues Incorporated ein. Ebendort spielten auch ein gewisser Michael Philip „Mick“ Jagger und der 1969 verstorbene Gitarrist Brian Jones, die 1962 die Rolling Stones mitgründeten. Nur ein Jahr später schmiss Watts seinen Job als Grafiker, als Keith Richards ihn unbedingt als Schlagzeuger in der Band haben wollte. Die Entscheidung machte sich bezahlt – musikalisch wie finanziell. Die Stones hätten eben das Glück und das Geld gehabt, viel Zeit im Studio verbringen zu können, sagte er dem britischen „Telegraph“ ein halbes Jahrhundert später – und sie hätten daher viel ausprobieren können. Nach anfänglichen Erfolgen mit Coverversionen in Großbritannien und den Vereinigten Staaten erlangte die Band mit Hits aus der Feder von Mick Jagger und Keith Richards wie „(I Can’t Get No) Satisfaction„, „Get Off Of My Cloud“ oder „Paint It, Black“ sowie Alben wie „Aftermath“ oder „Exile On Main St.“ weltweiten Ruhm. Der Rest? Ist längst Rockgeschichte.

Watts mag zwar nach Jagger und Richards das dienstälteste Mitglied der Rolling Stones gewesen sein, war dabei jedoch der oft unterschätze Mann im Hintergrund, derStoiker hinter Keith und Mick, der seinen Bandkollegen mit reichlich cooler Eleganz, britischem Understatement und knochentrockenen Beats die großen Bühnen überließ. „Charlie Watts gibt mir die Freiheit, auf der Bühne fliegen zu können“, meinte der ungleich exzentrischere Gitarrist Keith Richards einmal.

(Im Mittelpunkt stand der zurückhaltende Drummer selten – hier tat er es im Kreise seiner Bandkollegen im Jahr 1967)

Watts galt als wortkarg und solide, seine Alkohol- und Drogensucht hatte der einst starke Raucher schon in den 1980er-Jahren überwunden. Während viele Rockstars – und mitunter auch seine Bandkollegen – eher durch einen unsteten Lebenswandel Schlagzeilen machten, war der Drummer seit 1964 glücklich mit Shirley Ann Shepherd verheiratet. Die beiden lebten zurückgezogen auf dem Land, wo Watts Vollblutaraber züchtete.

Charlie Watts stand für all das, was nicht zum ursprünglichen, wahlweise wilden und rüpelhaften Image der Rolling Stones passte. Er bevorzugte Anzüge und liebte Jazz – ironischerweise genau jene Musikrichtung, gegen die die Stones am Anfang ihrer Karriere aufbegehrt hatten. Wenn er nicht mit Mick Jagger, Keith Richards und Ron Wood auf Tour oder (zuletzt immer seltener) im Studio war, spielte er Schlagzeug in seiner eigenen Jazz-Band. Dort fühlte er sich wohler als im Scheinwerferlicht (das er demnach lieber Jagger und Richards überließ), minutenlange Standing Ovations waren ihm unangenehm.

Gemeinsam mit den Stones zog Charlie Watts 1989 in die „Rock ’n‘ Roll Hall of Fame“ ein, das Magazin „Rolling Stone“ (das sich seinerzeit wohl nicht ohne Grund nach seiner Band benannte) wählte ihn schon vor einigen Jahren auf seiner Liste der „besten Schlagzeuger aller Zeiten“ auf Platz zwölf. 2004 erhielt er die Diagnose Kehlkopfkrebs, besiegte die Krankheit aber mit zwei Operationen, um schon im Jahr darauf wieder mit den Stones auf Welttournee zu gehen.

Nachdem er sich in diesem Jahr einer Operation unterziehen musste, hatte Charlie Watts seine Teilnahme an der für kommenden September geplanten US-Tour der Rolling Stones abgesagt. Seinerzeit hieß es, Watts habe eine medizinische Behandlung hinter sich (zu dessen Hintergrund der Sprecher keinerlei Angaben machte), weshalb es „unwahrscheinlich“ sei, dass er für diese Konzerte zur Verfügung stehe. Nun hat der Taktgeber, die Herzmaschine der dienstältesten Rockband der Welt seine irdischen Drumsticks für immer zur Seite gelegt… Mach’s gut, Charlie Watts!

(Hier findet man etwa einen Nachruf des deutschen „Rolling Stone“, hier einen vom „Musikexpress“…)

Rock and Roll.

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