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Song des Tages: Cat Power – „I’ll Be Seeing You“


Foto: Promo / Mario Sorrenti

Chan Marshall aka Cat Power covert oft und gerne Das hat sie bereits mit ihren 2000 beziehungsweise 2008 erschienenen Alben „The Covers Record“ und „Jukebox“ bewiesen. Von The Velvet Underground über Bob Dylan und Joni Mitchell bis hin zu neuen Versionen ihrer eigenen Songs – aus jedem Stück bastelt sie eine verdammt eigene, aber dafür absolut unnachahmliche Cat Power-Version. Anfang nächsten Jahres folgt mit „Covers“ das dritte Coveralbum und vollendet somit die Trilogie.

Aus jenem Werk, ihrem mittlerweile elften Studioalbum und der Nachfolger zum 2018er „Wanderer„, hat die wandelbare 49-jährige US-Musikerin nun, nach Interpretationen von Frank Oceans „Bad Religion„, The Pogues‘ „A Pair Of Brown Eyes“ und Dead Man’s Bones‘ „Pa Pa Power„, den nächsten Vorgeschmack veröffentlicht. „I’ll Be Seeing You“ ist ihre persönliche Version des oft mit Jazz-Ikone Billie Holiday assoziierten Standards. Gewählt hat sie ihn, um den ihr nahestehenden Menschen zu gedenken, die sie in jüngster Zeit verlieren musste, unter anderem den 2019 auf tragische Weise verstorbenen Cassius- und French-House-DJ Philippe Zdar, der unter anderem auch ihr 2012er Album „Sun“ produzierte. Die Auswahl begründet Chan Marshall selbst wie folgt:

“When people who you love have been taken from you, there’s always a song that holds their memory in your mind.  It’s a conversation with those on the other side, and it’s really important for me to reach out to people that way.” 

Auch das dazugehörige Musikvideo ist eine Art Tribut an die Holiday’sche Variante, welche immerhin bereits amtliche 77 Jahre auf dem musikalischen Buckel hat (das Original ist gar noch älter und stammt von 1938). Um die von Nostalgie getränkte Atmosphäre vergangener Tage in den bewegten Bildern einzufangen, performt Chan Marshall in Frack und Zylinder auf einer kleinen Bühne eines dunklen Kabarett-Saals im Stil der 1940er Jahre, während nur ein kleines, scheinbar elitäres Publikum und die Mitarbeiter*innen der samtigen, zugleich zurückhaltend zärtlich und doch kraftvollen Stimme von Cat Power lauschen.

Das Cover ist übrigens der B-Part der Doppelsingle “Unhate / I’ll Be Seeing You”. In “Unhate” covert die Musikerin sogar sich selbst, indem sie ihren Song “Hate” aus dem 2006 erschienenen Album “The Greatest” in ein neues Gewand taucht. Einen besseren Soundtrack für den eigenen Winterblues mag man sich kaum vorstellen…

Rock and Roll.

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Song des Tages: Moddi – „Punk Prayer“


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„Unsongs is a collection of songs that have, at one stage, been banned, censored or silenced. The attempts to suppress them were as mild as an airplay ban and as brutal as murder.

The idea for the album came when I learned about officer Eli Geva, who refused to lead his forces into Beirut during the Lebanon war in 1982. The song about Eli Geva, sung by the famous Norwegian songstress Birgitte Grimstad, had never been released due to being ‘too provocative at the time’.

I was amazed to discover that one short song could convey so much history – and still be unheard. Fired with inspiration, I started looking for similar stories, banned and silenced songs from around the world, in hope that I might find other voices that deserved to be heard.

The result of this process is Unsongs. The new album contains translated and reinterpreted music from countries as different as Russia, Mexico, Palestine, Norway and England. Many of the writers who penned the songs are still imprisoned or exiled. Some were killed, like the Chilean folk legend Víctor Jara and the Algerian rebel singer Lounès Matoub.“

 

Das hat Pål Moddi Knutsen – vielen besser bekannt als lediglich unter seinem Zweitnamen auftretender Künstler – zu seinem neusten, vierten Album „Unsongs“ zu sagen. Und: Ja, die Geschichte des Protestsongs ist älter als die der Pop(ulär)musik selbst. Viel älter. Denn lange bevor sich Künstler und Bands wie Rage Against The Machine, M.I.A., Pussy Riot, The Gossip, PJ Harvey, Louise Distras oder Feine Sahne Fischfilet (um auch eine deutsche Band aus Punk-Gefilden zu nennen) mit erhobener Faust lautstark gegen das vorherrschende Establishment positionierten, gab es Musiker, ohne die all das wohl kaum denkbar gewesen wäre: Woody Guthrie etwa, freilich Bob Dylan oder Joan Baez, natürlich Billie Holiday oder der ewig aufrecht links stehende Brit-Barde Billy Bragg. Die Geschichte des modernen Protestsongs ist so alt wie das Nicht-Einverstandensein mit sozialen Missständen.

moddi-unsongs-digitalUnd obwohl die skandinavischen Länder doch gemeinhin als liberal gelten (auch, wenn unmenschliche Vollidioten wie Anders Behring Breivik da anderes andeuten mögen), ist es doch verwunderlich, dass sich mit Moddi ausgerechnet ein norwegischer Musiker der Aufgabe stellt, zwölf Songs aus aller Welt, die in ihren Länder ganz oder zumindest zeitweise auf dem Schwarze-Liste-Index standen oder stehen, Gehör zu verschaffen. Und so haben es auf „Unsongs“ Stücke aus Palästina, Norwegen, Mexiko, Chile, China, Algerien, Vietnam, den USA, England oder Russland geschafft. Es sind Klassiker wie Billie Holidays ewig großes „Strange Fruit“ (laut dem „Time Magazine“ der „beste Song des 20. Jahrhunderts“ und in der Vergangenheit bereits von zahlreichen Künstlern von Jeff Buckley bis Diana Ross neu interpretiert) oder Kate Bushs „Army Dreamers“ (welches zwar nie verboten war, zur Zeit des ersten Irakkriegs aber von den Radio-Playlists gestrichen wurde) dabei. Oder das Stück „Open Letter“ des Algeriers Lounès Matoub, welcher für sein regierungskritisches Protestlied gar ermordet wurde. Oder „Where Is My Vietnam?“ des vietnamesischen Sängers Viet Khang, für welches er 2012 inhaftiert wurde. Oder „Eli Geva“ der norwegischen Sängerin Brigitte Grimstead, welches Moddi zu diesem Projekt inspirierte und vor nicht allzu langer Zeit in seiner Heimat beinahe eine kleine Staatskrise ausgelöst hätte (der norwegische Botschafter mit Konsequenzen, als Grimstead es in Israel spielen wollte). Viele von diesen Stücken finden so – wenn auch übersetzt und in ruhig daher schleichendem Folk-Gewand – nun erstmals außerhalb ihrer Landesgrenzen Gehör. Und das völlig zu recht.

Eine der besten Neuinterpretationen auf „Unsongs“ ist „Punk Prayer“, welches im Original von der 2011 gegründeten feministischen, regierungs- und kirchenkritischen russischen Punkrock-Band Pussy Riot stammt. Die kennt man ja weltweit spätestens, seit Russland postmoderner Harte-Hand-Zar Wladimir Wladimirowitsch Putin zwei der etwa zehn oft mit bunter Sturmhaube auftretenden Mitglieder, Nadeschda Tolokonnikowa und Marija Aljochina, 2012 für mehrere Monate inhaftierte. Offiziell wegen „Rowdytums aus religiösem Hass“, jedoch im Grunde nur, um ein weiteres Exempel für alle russischen Freidenkenden zu statuieren (wer mehr wissen möchte, dem sei die Dokumentation „Pussy Riot: A Punk Prayer“ empfohlen). Ist das Pussy-Riot-Stück wohl ausschließlich seiner Botschaft wegen hörbar, so verwandelt der 29-jährige norwegische Singer/Songwriter in einer fragile, von Piano und Harmonium getragene Hymne an das Nicht-Einversandensein mit einem System – sowohl politisch als auch gesellschaftlich. Und kommt so der Essenz des Protestsongs ganz, ganz nahe.

 

 

 

„Prayers crawl towards the cross,
golden marks upon their frocks.
Freedom’s ghost has left these lands.
Help us if you can!

KGB have turned to saints.
Gay parades sent off in chains.
Blessed limousines congest the streets
to hail their saint-in-chief.

Holy Mary, drive Putin away.
Drive away this darkness from your halls.
Drive away the ungodly souls.
Our Lady tear the eagle off your walls.

Father Gundyayev pays back
from his bag of holy crap:
‘Woman, keep quiet and love your man
your fate and fatherland!’

Holy Mary, be a feminist.
Pray not for the mighty but the meek.
Drive away the lies that they speak.
Our lady, hear our prayer unto thee.

Gundy never cared for God.
All that dickhead wants is power.
Mary, your belt should bring us hope
now it’s used as rope.

Damn their lies, deliver us!
Pry the copper from the cross!
Mary, our hands are tied in prayer.
Help us if you’re there!

Holy Mary, drive Putin away.
Drive away this darkness from your halls.“

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Billie Holiday – „Strange Fruit“


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Die Ursprünge des Liedes „Strange Fruit“ reichen mehr als 70 Jahre in die Vergangenheit, aufgrund der aktuellen Vorkommnisse in den USA – den anhaltenden Protesten in mehreren Teilen des Landes nach dem Freispruch des (weißen) Polizisten, der im August diesen Jahres in Ferguson, Missouri den unbewaffneten Teenager Michael Brown niedergeschossen hatte – gewinnt das Stück jedoch eine nahezu gespenstisch zeitlose Brisanz. Und die Tatsache, dass es sich bei dem tragischen Fall von Michael Brown eben um keinen Einzelfall, bei dem ein schießwütiger, (wohlmöglich) rassistisch motivierter weißer Polizist einen vermeintlich kriminell-gefährlichen Schwarzen niederschießt, handelt, zeigen Fälle wie der von Eric Garner vom Juli 2014 oder das jüngste traurige Beispiel aus Phoenix, Arizona. Auch 50 Jahre nach dem offiziellen Ende der Rassentrennung in den USA (durch den „Civil Rights Act“ von 1964) ist die Gleichstellung zwar schwarz auf weiß in den Gesetzespapieren verbrieft, jedoch noch längst nicht in den Köpfen so einiger Bürger des „land of the free and home of the brave“ angekommen. The times they aren’t a-changin’…

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Dass erwähntes Lied – „Strange Fruit“ – auch ohne seine traurige Zeitlosigkeit so einiges an Geschichtsträchtigkeit per se in sich trägt, zeigt dessen Entstehungsgeschichte. Geschrieben von Abel Meeropol, einem russisch-jüdischen, linksintellektuellen Lehrer aus der Bronx, der kurz zuvor ein Foto der Lynchmorde an den beiden Schwarzen Thomas Shipp und Abram Smith in den Südstaaten der USA, das ihn nach eigenen Aussagen für Tage verfolgte und nicht schlafen ließ, als Gedicht zu Musik, erlangte es nach seiner Veröffentlichung in mehreren kleineren Magazinen und Zeitungen (jedoch nicht unter Meeropols Namen, sondern unter dem Pseudonym „Lewis Allen“) bereits einiges an Aufmerksamkeit. Doch erst als Barney Josephson, der Betreiber des New Yorker „Café Society“, davon hörte und Meeropol mit der schwarzen Jazz-Sängerin Billie Holiday zusammen brachte, sollte das Stück seine eigentliche Bestimmung finden. In Josephsons Café, in dem sich damals das Who-is-Who der linken und liberalen Intellektuellen sowie der New Yorker Bohème im Greenwich Village die Klinke in die Hand gab, wurde „Strange Fruit“ im Jahr 1939 als Lied uraufgeführt und sorgte mit seinem gespenstischen Text, der ebenso bezeichnend wie anklagend von der Schwarzen Billie Holiday vorgetragen wurde, für Gänsehaut. Und tut dies noch heute…

 

„Southern trees bear strange fruit
Blood on the leaves and blood at the root
Black bodies swinging in the southern breeze
Strange fruit hanging from the poplar trees

Pastoral scene of the gallant south
The bulging eyes and the twisted mouth
Scent of magnolias, sweet and fresh
Then the sudden smell of burning flesh

Here is fruit for the crows to pluck
For the rain to gather, for the wind to suck
For the sun to rot, for the trees to drop
Here is a strange and bitter crop“

 

Dass Meeropols Biografie auch mit der des 1953 wegen Spionage verurteilten und hingerichteten US-amerikanisches Ehepaares Ethel und Julius Rosenberg verknüpft ist und ausgerechnet Holiday selbst später in ihrer Autobiografie behauptete, dass ihr das Stück nicht von Meerepol, sondern von ihrem damaligen Klavierlehrer Sonny White geschrieben worden sei, sind hierbei nur zwei von unzähligen Anekdoten rund um den Legendenstatus des Songs. Interessant auch: Ausgerechnet das „Time Magazine“, das das Lied 1939 noch als „musikalische Propaganda“ verunglimpft hatte, ernannte „Strange Fruit“ 60 Jahre darauf zum „Song des 20. Jahrhunderts“.

Über die Jahre wurde „Strange Fruit“ von allerhand namenhaften wie unbekannten und selbstberufenen Künstlern gecovert und neu interpretiert (darunter etwa Jeff Buckley, Nina Simone, Annie Lennox, Tori Amos oder Tricky, während zum Beispiel der nicht eben für Tiefstapelei bekannte Kanye West ein Sample des Songs auf seinem bislang letzten Album „Yeezus“ verwendete). Billie Holidays Interpretation bleibt jedoch auf ewig unerreicht.

 

 

Wer mehr über die Hintergründe von „Strange Fruit“ erfahren möchte, dem bietet das Internet freilich massig Quellen – etwa Wikipedia oder diese audiovisuelle Reportage auf npr.org von 2012…

 

Rock and Roll.

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