Schlagwort-Archive: Benjamin Griffey

Der Jahresrückblick – Teil 1


„High Fidelity“ lässt lieb grüßen, denn der Pop ist bekanntlich seit jeher besessen von Listen. Ob Verkaufscharts, Streamingzahlen oder höchst subjektive Kritiker*innen-Rankings – ständig weder Plattenregale uns -sammlungen, wird die Veröffentlichungsflut in Listenform gebracht, wird Altes in Listenform neu gewichtet. Zum Jahresende ist es besonders heftig, denn natürlich dürfen, sollen, müssen überall die besten Alben und Songs der vergangenen zwölf Monate gekürt werden. 

Vor dem Blick auf die Deutschen Charts scheue (nicht nur) ich auch sonst schon zurück, da sich dieses Land seit jeher durch (s)einen notorisch schlechten Geschmack auszeichnet und Fremdscham-Alarm jedes Mal aufs Neue garantiert ist. Und leider bilden die erfolgreichsten Titel des Jahres 2022 da – Bestätigung, hier kommt sie – keine Ausnahme: Das nervtötend ohrwurmige Vollpfosten-Lied „Layla“ von DJ Robin & Schürze belegt den ersten Platz der Single-Charts – neun Wochen hielt sich der dumpftumbe Ballermann-Hit, der ein Skandälchen auslöste, jedoch besser keinerlei Erwähnung verdient gehabt hätte, an der Chartspitze, mehr als 143 Millionen Mal wurde er gestreamt. Bei den Alben dann ebenfalls keine Überraschung: Mit „Zeit“ führen die Teutonen-Böller-und-Ballermänner von Rammstein erwartungsgemäß die Liste an – und zwar mit deutlichem Abstand. 340.000 Mal hat sich das elfte Nummer-Eins-Album der Berliner Band um das personifizierte rrrrrrrrollende „R“, Till Lindemann, insgesamt verkauft. Wie erwartbar, wie öde. Und irgendwie ja auch ein Spiegelbild der aktuellen Gesellschaft…

———————————

Christian Lee Hutson – Quitters

In den zurückliegenden Monaten durfte man ein ums andere Mal kopfschüttelnd seinen Glauben an die Menschheit verlieren: Kriege, Krisen, Klimawandel und damit einhergehende Umweltkatastrophen, Inflation, dazu die – hoffentlich – letzten Ausläufer einer weltweiten Pandemie, gesellschaftliche Spaltungen, politischer Stillstand (oder gar der ein oder andere Rechtsruck) wohin man schaute. Gesellschaftliche Unruhen im Iran, weil irgendwelche gottverdammten Männer unter religiösen Deckmänteln an ihrem formvollendet sinnfreien Regelwerk der Unterdrückung von Frauen und Andersdenkenden festhalten wollen? Eine aus so vielen, so falschen Gründen aus dem heißen Wüstenboden hochgezogene und mit unvorstellbar viel Blutgeld durchgeführte Winter-Fußball-WM in Katar? Ja, auch 2022 fanden Tagesschau und Co. meist statt, wenn der Sprecher (oder die Sprecherin) einem einen „Guten Abend“ wünschte und darauf mit vielerlei Schlagzeilen bewies, dass es eben kein guter war. Dass die Musikwelt in diesem Jahr Größen wie Mark Lanegan, Taylor Hawkins (Foo Fighters), Meat Loaf, Jerry Lee Lewis, Andy Fletcher (Depesche Mode), Christine McVie (Fleetwood Mac), Loretta Lynn, Betty Davis oder Mimi Parker (Low) verlor, macht das Ganze keineswegs besser. Dass 2022 Konzerte und Festivals endlich wieder in halbwegs „normalem“ Rahmen stattfinden konnten, jedoch schon – wenngleich es der Live-Branche jedoch alles andere als gut geht und vor allem kleinere, unbekanntere Künstler*innen und Bands sich in der Post-Corona-Zeit mit immer neuen Schwierigkeiten konfrontiert sehen (wen es interessiert, dem sei ein recht ausführlicher Artikel mit dem Titel „Kuh auf dem Eis“ hierüber in der aktuellen Ausgabe der „VISIONS“ – Nummer 358 von 01/2023 – ans Herz gelegt). Ja, das noch aktuelle Jahr war rückblickend sowohl gesellschaftlich als auch fürs menschliche wie planetare Zeugnis kein tolles – musikalisch darf zum Glück das komplette Gegenteil behauptet werden.

Wie also sieht und wertet die schreiberische Zunft als Albumjahr 2022? Nun, beim deutschen „Rolling Stone“ landen Tom Liwas „Eine andere Zeit“, „And In The Darkness, Hearts Aglow“ von Weyes Blood sowie „Ytilaer“ von Bill Callahan auf dem Treppchen, beim erfahrungsgemäß hype- und pop-affinen „Musikexpress“ sieht man Kendrick Lamars „Mr. Morale & The Big Steppers“, „DIE NERVEN“ von Die Nerven und „Motomami“ von Rosalía vorn, bei der „VISIONS“ wiederum „DIE NERVEN“ von Die Nerven, „Eyes Of Oblivion“ von den Hellacopters sowie „Wet Leg“ von Wet Leg. International führt „Renaissance“, das siebente Studioalbum von Beyoncé, das Kritiker-Ranking an. Und bei ANEWFRIEND? Ich greife mal vorweg und verrate, dass es zwar ein kleinwenig Konsens, jedoch recht wenig Überschneidungen mit alledem bei mir gibt und meine persönliche Bestenliste der Qualität wegen auf eine amtliche Top 25 erweitert wurde…

Foto: Promo / Michael Delaney

Dass die vergangenen Monate die notwendige Untermalung fanden, lag auch an „Quitters„, dem vierten Langspieler von Christian Lee Hutson. Was mich rückblickend etwas erstaunt, ist, dass der im April erschienene Nachfolger zum 2020er „Beginners“ zwar seinerzeit von den einschlägigen kritischen Stimmen wohlwollend goutiert, in den jeweiligen Jahresendabrechnungen jedoch kaum berücksichtigt wurde. An den durch und durch großartigen 13 Songs des Albums kann’s kaum gelegen haben, denn näher an das Schaffen eines Elliott Smith ist lange, lange Zeit niemand herangekommen – und das ist vor allem aus meiner digitalen Feder als recht großes Kompliment zu verstehen. Zudem mischen einmal mehr keine Geringeren als Phoebe Bridgers und Conor Oberst mit. Heraus kommt eine Dreiviertelstunde musikalischer Zerstreuung und Realitätsflucht, die auch bei der Vielzahl an Konkurrenz im Jahr 2022 völlig zurecht auf meiner Eins landet. A singular ode to melancholy.

mehr…

2.  Nullmillimeter – Wer die Wahrheit sagt, der braucht ein schnelles Pferd

Nullmillimeter sind eine von so einigen tollen musikalischen Neuentdeckungen des zurückliegenden Musikjahres. Und knallen dem geneigten Hörer (oder eben der geneigten Hörerin) mit „Wer die Wahrheit sagt, der braucht ein schnelles Pferd“ mal eben ein derart faszinierendes Debüt vor die Lauscher, dass man sich im Wirbel kaum entscheiden mag, was hier toller ist. Das großartige Coverartwork mit dem auf einem Poller festgerittenen Pony? Der Albumtitel, in welchem wortwörtlich ebensoviel Wahrheit steckt wie in all den klugen Textzeilen? Die Stimme von Sängerin Naëma Faika, die der bundesdeutschen Musiklandschaft – tatsächlich, tatsächlich – gerade noch gefehlt hat? Die bockstarke Band hinter ihr, die manch eine(r) in der Vergangenheit bereits als Teile der Begleitbands von Kid Kopphausen, Staring Girl, Jochen Distelmeyer, Tom Liwa, Olli Schulz oder Gisbert zu Knyphausen zu hören bekam? Dass letztgenannter hier bei einer Coverversion eines Songs aus dem Solo-Schaffen von Pearl Jam-Frontstimme Eddie Vedder mitmischt? Dass sich diese Nummer dann noch ganz organisch in den Albumfluss einfügt und man sich immer wieder kopfüber in die Platte schmeißen möchte, die so voller Schmerz, so voll herrlicher Melancholie, aber vor allem so voller Leben steckt? Ach, herrje – man weiß es nicht. Man will’s auch gar nicht wissen, denn im Zweifel aller Zweifel ist’s all das. Doppelt. Dreifach. Gleichzeitig. Und es ist einfach so toll, dass man lediglich kritisieren mag, dass dem Album kein Booklet beiliegt.

mehr…

3.  Pianos Become The Teeth – Drift

Es gibt Bands, Alben und Songs, die einen vom ersten Moment an mit ihrer Atmosphäre und ihrer wunderbaren Unmittelbarkeit einfangen und so schnell auch nicht mehr loslassen. Pianos Become The Teeth wurden für mich anno 2014 mit ihrem dritten Langspieler „Keep You“ zu einer solchen Band (und schafften es damals auch völlig zurecht aufs Treppchen der „Alben des Jahres„). Ihr vorheriges Post-Hardcore-Brülloutfit war (und ist) mir im Gros herzlich schnuppe, aber mit ihrem einschneidenden Wechsel hin zu melancholischem Emo-Indie und mit den ersten Tönen des „Keep You“-Openers „Ripple Water Shine“ war ich unwillkürlich schockverliebt. Nach dem auf hohem Niveau stagnierenden 2018er Album „Wait For Love“ besitzt „Drift“ nun wieder diesen „Ripple Water Shine“-Effekt, denn das Album ist schlichtweg schonungslos emotional – in Ton und Wort. Dicht gewebte, hallende Rhythmen, melancholische Melodien und wenige, gut dosierte laute Momente. Dazu singt Kyle Durfey seine persönlichen Texte, die vom Leben und oft von dessen Schwere handeln. In „Pair“ etwa davon, wie Durfeys Frau Lou (die in vier Stücken namentlich genannt wird) und er lange auf ihren Nachwuchs warten mussten. Wie es sich für richtig gute Alben gehört, wechselt die Lieblingssongs von Zeit zu Zeit, neben der Übernummer „Genevieve“ sticht etwa das repetitive, an Radiohead erinnerte „Easy“ hervor. So oder so liefert die Band aus Baltimore, Maryland einmal mehr zehn wundervolle Tearjerker, zu denen es sich vortrefflich die Fäuste gen Firmament ballen lässt.

mehr…

4.  Frank Turner – FTHC

Apropos „liefern“, apropos „Fäuste gen Firmament“: Beides trifft natürlich auch auf Frank Turner zu, denn der britische Punkrock-Barde scheint Schlaf so nötig zu haben wie ein Uhu eine Badekappe. Nicht nur hat der 41-jährige Musiker bereits über 2.700 Shows unter eigenem Namen gespielt (etwa 140 allein in diesem Jahr, zudem fand mit den „Lost Evenings“ gar ein eigenes Festival in Berlin statt), er trägt das Herz auch am richtigen Fleck und liefert im Zwei- bis Drei-Jahres-Turnus auch verlässlich Alben ab, zu deren Songs man nur allzu gern die geballte Patschehand gen Himmel strecken und ein bierseliges „Aye, mate!“ ausstoßen möchte. Daran ändern die 14 Nummern (beziehungsweise 20 in der Deluxe Edition) von „FTHC„, seinem nunmehr neunten Studioalbum, mal so rein gar nix. Und so vielseitig, so frisch klang der nimmermüde Turner schon lange nicht mehr. Frank und frei – Sie wissen schon… Und wem bei „A Wave Across A Bay“, seinem Tribute an den zu früh verstorbenen Frightened Rabbit-Buddy Scott Hutchison, nicht das Herz holterdipolter gen Schlüppi rutscht, der hat statt pochendem Muskel nur einen ollen Betonklotz in der Brust sitzen…

mehr…

5.  Dreamtigers – Ellapsis

Nerds wissen es freilich längst: Die meisten Fachsimpeleien über Musik stützen sich manches Mal schon sehr auf eine Art von Genre-Taxonomie, bei welcher sowohl Kritiker als auch Fans Songs und Alben in verschiedene Bestandteile zerlegen und die Anatomie der verwendeten Formen in erkennbare Strukturen unterteilen. Doch was für die einen nützlich erscheinen mag, um dem lesenden Gegenüber Empfehlungen zu geben, dürfte all jene, die sich eben nicht knietief im musikalen Nerdtum bewegen, schnell abschrecken. Ein recht gutes Beispiel, dass man bei Empfehlungen lange wie kurze Wege gehen kann, ist „Ellapsis“, das zweite Album von Dreamtigers, einem Bandprojekt, das sich aus Mitgliedern der Melodic-Hardcore-Helden Defeater und den Post-Rock-Größen Caspian zusammensetzt. Denn auf dem Langspieler, dessen Titel ein erfundener Begriff für eine Krankheit, die durch den Lauf der Zeit hervorgerufen wird, ist, passiert eine ganze Menge, und vieles davon scheint unvereinbar zu sein. Das erste, das Unmittelbarste, was man wahrnimmt, ist die beständig zwischen fragilem und mächtigem Momentum pendelnde Instrumentierung. Die Gitarren werden durch eine ganze Reihe von Effektpedalen gejagt, dazu kommen ein unscharf ins Rund tönender Bass und souveräne Drums. Einen Moment lang könnte man meinen, es handele sich um ein eher konventionelles Post-Rock-Album – bis der Jake Woodruffs Gesang einsetzt, der auch in einer Alt-Country-Band nicht fehl am Platz wäre. Überhaupt lassen sich die Stücke stilistisch nur schwerlich festlegen, denn während des gesamten Albums schimmern verschiedene Nuancen durch, die wie Lichtstrahlen durch einen Kristall fallen: Folk-Songs brechen in Post-Rock-Höhepunkte aus, Indie-Rock-Hooks huschen durch Shoegaze-Atmosphären, wobei Gesang und Songwriting stets unbehelligt von dem akustischen Wirbelsturm aus Effektpedalen und treibenden Schlagzeugmustern um sie herum bleiben. Fast könnte man meinen, dass die Songs so sehr auf akustische Soloauftritte zugeschnitten zu sein scheinen, dass die üppigen, hymnisch empor steigenden Arrangements, welche mit ihrer Dringlichkeit und latent aggressiven Energie ein ums andere Mal an Defekter erinnern, fast trotzig klingen. Dennoch kommt man der Sogwirkung dieses Albums als Ganzes (ganz ähnlich wie bereits beim kaum weniger tollen 2014er Vorgänger „Wishing Well„) nicht wirklich nahe. Denn wie auch immer man das Zusammenspiel zwischen Instrumentalem und Gesang beschreiben mag, was bei dieser Platte wirklich heraussticht, sind all die Meditationen über das Verfliegen der Zeit und wie die Band aus Massachusetts hier selbst die flüchtigsten Momente ewig erscheinen lässt. Selbst die längeren Songs von „Ellapsis“ fühlen so kurz an wie die kürzeren, während die kurzen den längsten ebenbürtig erscheinen, und das Album als Ganzes hallt weit über seine lediglich dreißig Minuten Laufzeit hinaus. Angefangen beim Opener „Six Rivers“ umspülen einen die Stücke wie ans Ufer schlagende Wellen, die mit den Gezeiten verebben und fließen. Wenn der Albumabschluss „Stolen Moments“ schließlich sein Ende findet, fühlt es sich beinahe so an, als ob der Schlusschor schon ewig hinter dem Universum her gesummt wäre.

mehr…

6.  Pale – The Night, The Dawn And What Remains

Pale melden sich ein allerletztes Mal zurück – einerseits ja wunderbar, wären die Gründe für das unerwartete Comeback keine so traurigen. Umso schöner, dass die Aachener Indie-Rock-Band mit „The Night, The Dawn And What Remains“ umso trotziger sowohl ihre Freundschaft und den gemeinsamen Weg als auch das Leben feiert. Macht’s gut, Jungs – und danke für diese wundervolle Ehrenrunde! #träneimknopfloch

mehr…

7.  Muff Potter – Bei aller Liebe

Und wo wir gerade bei Comebacks wären, sind Muff Potter in diesem Jahr freilich nicht allzu weit, denn: Alle kommen sie wieder, irgendwann und irgendwie. Das traf 2022 selbst auf ABBA zu, die 2021 mit „Voyage“ zunächst die ersten neuen Songs seit fast vierzig Jahren präsentierten, um im Jahr darauf ausverkaufte Hologramm-Konzerte in London zu „spielen“- getreu dem schwedischen Erfolgsmotto „Entdecke die Möglichkeiten“. Und auch in der Rockmusik konnte man zuletzt vermehrt das Gefühl bekommen, selbige bestehe nur noch aus Reunions einst erfolgreicher Bands, die in Ermangelung neuer Ideen versuchen, mit den alten noch einmal abzukassieren. Dann wiederum gibt es Truppen wie eben Muff Potter, denen es mit ihrem Albumcomeback nach schlappen 13 Jahren Pause gelingt, selbst eingefleischte Per-se-Skeptiker umzudrehen, weil man „Bei aller Liebe“ bei allem frischen Ideenreichtum die Zeit anhört, die seit dem Abschied mit „Gute Aussicht“ vergangen ist. Die Platte zeugt davon, dass das Leben eben auch ohne gemeinsame Band weitergeht, und es töricht wäre, all die Erfahrungen beiseite zu lassen, die man in der Zwischenzeit zwangsläufig macht. Und deshalb steht hier Blumfeld-artiges wie „Ein gestohlener Tag“ neben Instant-Hits wie „Flitter & Tand“ oder einem 72 Sekunden kurzen Punkausbruch wie „Privat“. Verschränken sich in Thorsten „Nagel“ Nagelschmidts Texten seine schriftstellerische Arbeit (sic!) mit dem Punk-Fan, den es auch mal einfach braucht. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass man Muff Potter – bei aller Liebe – keineswegs zugetraut hätte, noch einmal so viel zu sagen zu haben und sich musikalisch so offen zu zeigen – mit Kurzweil wie mit Tiefgang. Andererseits ist’s natürlich umso schöner, wenn die eigenen Erwartungen übertroffen werden und man eine lange Zeit auf kreativem Eis liegende Herzensband neu für sich entdeckt.

mehr…

8.  Cat Power – Covers

Dass Chan „Cat Power“ Marshall für ihre Coverversionen bekannt ist, dürfte sich mittlerweile auch bis zu den allerletzten Hütern des guten Musikgeschmacks herumgesprochen haben, immerhin hat die 50-jährige US-Musikerin im Laufe ihrer annähernd dreißigjährigen Kariere bislang zwei verdammt formidable Coversong-Alben veröffentlicht, auf denen sie von unbekannteren Bob Dylan-Nummern über Blues’n’Soul-Stücken bis hin zu abgeschmackten Evergreens wie „(I Can’t Getroffen No) Satisfaction“ jedem Song derart ihren ganz eigenen, unverwechselbaren Stempel aufdrücken konnte, dass es eine wahre Schau war. Nach „The Covers Record“ (2000) und „Jukebox“ (2008) macht Cat Power nun mit „Covers“ das Trio voll und liefert erneut formvollendet-exquisites Coverhandwerk – ganz egal, ob die Originale von von Nick Cave and the Bad Seeds („I Had A Dream, Joe“), Lana Del Rey („White Mustang“), den Replacements („Here Comes A Regular“) oder Billie Holiday („I’ll Be Seeing You“) stammen. Ja, die Frau kann mit ihrer so wunderbar rauen, so unendlich tiefen Stimme kaum etwas falsch und sich so ziemlich jede Fremdkomposition zueigen machen.

mehr…

9.  Tristan Brusch – Am Rest

Wie bereits in der dazugehörigen Rezension erwähnt, bin ich bei Tristan Bruschs dritten Album „Am Rest“ etwas late to the party, immerhin erschien die Platte bereits im Oktober 2021. Dennoch verpassen alle jene, die diese Musik gewordene Trübsalsfeierlichkeit ganz außen vor lassen, so einiges bei diesen Oden an das Ende der Dinge und an die Akzeptanz des Verlusts. Ja, im Grunde könnte es kaum bessere Stücke geben, um jenen so intensiv graumeliert schimmernden Tagen einen passenden Soundtrack zu liefern. Sucht wer die passenden Gegenstücke zu Max Raabes „Wer hat hier schlechte Laune“ (welches, wenn ihr mich fragt, übrigens als weltbeste Warteschleifenmusik für alle Kundendiesnthotlines taugen würde)? Nun, hier habt ihr sie – dargeboten von einem begnadeten Liedermacher, der alle nach billigem Tetrapack-Weißwein und zu vielen Marlboro-Kippen müffelnden, mieslaunigen Chansoniers ins piefige Bundesdeutsche überträgt.

mehr…

10. Betterov – Olympia

Freilich war die Vielzahl an Erwartungen, die an den Debüt-Langspieler von Manuel „Betterov“ Bittorf geknüpft waren, ebenso groß wie die Vorfreude auf neue Songs des gebürtigen Thüringers und Wahl-Berliners. Umso schöner, dass „Olympia“ diese Hürde beinahe mühelos nimmt und elf Songs präsentiert, denen man den Produzenten ebenso anhört wie die Platten, die beim Schreiben wohlmöglich im Hintergrund liefen. So mausert sich Betterov vom Newcomer-Geheimtipp zum amtlichen Senkrechtstarter, der völlig zurecht einen Platz in meinen persönlichen-Jahres-Top-Ten einfährt. Olympia-Norm? Vollends erfüllt.

mehr…

…auf den weiteren Plätzen:

Husten – Aus allen Nähten mehr…

Casper – Alles war schön und nichts tat weh

Death Cab For Cutie – Asphalt Meadows mehr…

William Fitzsimmons – Covers, Vol. 1

Caracara – New Preoccupations mehr…

Eddie Vedder – Earthling mehr…

Black Country, New Road – Ants From Up There

Gang Of Youths – Angel In Realtime.

Spanish Love Songs – Brave Faces Etc. mehr…

Faber – Orpheum (Live)

Die Nerven – DIE NERVEN

Ghost – Impera

Proper. – The Great American Novel mehr…

Rocky Votolato – Wild Roots mehr…

The Afghan Whigs – How Do You Burn?

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages: Casper – „Alles war schön und nichts tat weh“


Foto: Promo / Chris Schwarz

Dass bei Benjamin „Casper“ Griffey etwas im Busch ist, hatte sich in den vergangenen Tagen in dessen Social-Media-Profilen bereits abgezeichnet: Ein auf null gesetzter Instagram-Account, unkommentierte Fotos von Bienenvölkern, ein neues Profilbild mit Bienenbart – es war offensichtlich, dass der Indie-Emo-Rapper etwas ankündigen würde. Ohnehin war bekannt, dass er sich im März 2020 zum Schreiben eines neuen Albums nach New Orleans zurückgezogen hatte und die Aufnahmen seitdem gut vorangekommen waren.

Wasserstandsmeldungen, Gerüchte – klar. Nun ist es jedoch offiziell: Am 25. Februar 2022 soll eine neue Casper-Platte mit dem Titel „ALLES WAR SCHÖN UND NICHTS TAT WEH“ erscheinen. Produziert hat Max Rieger (Die Nerven), an den Songs mitgeschrieben Caspers Podcast-Kollege Drangsal. Fans können die Platte bereits auf Vinyl oder CD vorbestellen, bei Bedarf auch mit weiterem exklusiven Merch im Bundle, etwa mit Hoodies und T-Shirts.

Freunde des deutschen Indie-Punks dürfte des neuen Langspielers zudem durchaus bekannt vorkommen. Woher? Nun, nachdem der Rapper sich bereits für einen Song des vergleichsweise düsteren 2017er Vorgängeralbums „Lang lebe der Tod“ vom Buchtitel „Wo die wilden Maden graben“ des Muff Potter-Sängers und Autoren Thorsten „Nagel“ Nagelschmidt inspirieren ließ, scheint der neue Albumtitel nun vom gleichnamigen Muff-Potter-Stück von deren 2009er Abschiedsalbum „Gute Aussicht“ ausgeliehen. Oder doch nicht? Zumindest ging Casper die Wendung nach eigenen Angaben nicht mehr aus dem Kopf, seit er sie im Lockdown in Kurt Vonneguts Roman „Slaughterhouse-Five“ gelesen hatte, in welchem der amerikanische Autor seine Erlebnisse als Kriegsgefangener während der Luftangriffe auf Dresden verarbeitete…

Da bis zum kommenden Februar noch ein paar Monde durch Land ziehen werden, entlässt Benjamin „Casper“ Griffey, der abseits seiner Solo-Ausflüge außerdem 2018 das Koop-Album „1982“ mit Marteria veröffentlichte, bereits jetzt einen ersten Höreindruck ins gespannte Hörervolk: Die gleichnamige erste Single der fünften Studio-Platte startet mit einem kurzen Bläser- und Streicher-Intro, dann wird in mächtigen Dur-Klavierakkorden und Chor-Backgrounds der New-Orleans-Einfluss im Stil des 2013er Erfolgsalbums „Hinterland“ hörbar, während Casper in der Post-Lockdown-Zeit über mentale Gesundheit, Erwartungshaltung und Druck rappt – all das Dinge, von denen er sich frei machen will. Freilich gibt’s auch diesmal so einige typisch-gewohnte Buzzwords oder Futter für ein Casper-Bingo (das man durchaus mal anlegen sollte), aber auch viele starke Lines wie diese: „Depression bei Fuß / Wie ein Hund bei der Jagd“. Langweilig ist der neue Song jedoch keineswegs, denn im Pre-Chorus wird er kurz ganz zart, singt melodisch – bevor der Rapper im groß aufwallenden Refrain wieder seinen Weg aus dem Zweifel findet: „Ich explodier‘ / Renn‘ zu dir / So weit wie meine Beine mich tragen auf meinem Weg und Licht in allen Farben angeht / Alles war schön und nichts hat weh getan“. Weniger Schmirgelpapier, kaum Testosteron – irgendwie unperfekt, und am Ende doch gut durchdacht.

Das zugehörige Musikvideo arbeitet zudem mit einigen assoziativen Bildern: Casper auf seiner eigenen Blumeninsel des Glücks in einem Meer, in dem ihn die Haie umkreisen, während sich die nächste große Sturmflut schon am Horizont ankündigt. „Es ging mir darum, mich aus der Schale zu pellen, dieser Song ist für mich wie eine Katharsis – und blickt insofern gleichermaßen zurück wie nach vorne“, sagt Casper selbst.

Anlässlich der Plattenveröffentlichung hat der 38-jährige Musiker außerdem frische Tourdaten angekündigt. In 14 Städten innerhalb der deutschsprachigen Länder wird der Emo-Rapper Clubshows spielen, gemessen an seinen sonst üblichen Arena-Shows also vor vergleichsweise kleinem Publikum auftreten. Kaum verwunderlich also, dass fast alle Konzerte in kürzester Zeit ausverkauft waren, nur für Bern gibt es aktuell noch Tickets im Casper-Shop. Zum Glück folgt später noch die große Hallentour, die im November und Dezember 2022 zwölf weitere Termine bereithält. Auch hierfür gibt es Tickets bei Krasser Stoff.

CASPER
— „Alles war schön und nichts tat weh“  Tour 2022 —

Tickets

17.03.22 Hannover, Capitol (ausverkauft)
18.03.22 Tübingen, Sudhaus (ausverkauft)
19.03.22 CH-Bern, Bierhübeli
21.03.22 Leipzig, Felsenkeller (ausverkauft)
22.03.22 München, Muffathalle (ausverkauft)
23.03.22 AT-Wien, Arena (ausverkauft)
25.03.22 Dortmund, FZW (ausverkauft)
26.03.22 LU-Luxemburg, Den Atelier
28.03.22 Köln, Carlswerk Victoria (ausverkauft)
29.03.22 Mannheim, Alte Feuerwache (ausverkauft)
31.03.22 Berlin, Metropol (ausverkauft)
01.04.22 Münster , Skaters Palace
02.04.22 Bremen, Schlachthof (ausverkauft)
04.04.22 Hamburg, Uebel & Gefährlich (ausverkauft)

27.11.2022 Leipzig, Haus Auensee
29.11.2022 Stuttgart, Porsche-Arena
30.11.2022 CH-Zürich, Halle 622
01.12.2022 Frankfurt am Main, Jahrhunderthalle 
03.12.2022 Hamburg, Sporthalle 
05.12.2022 München, Zenith
06.12.2022 AT-Wien, Gasometer
09.12.2022 Bochum, RuhrCongress
10.12.2022 Münster, Halle Münsterland 
13.12.2022 Köln, Palladium 
14.12.2022 Hannover, Swiss Life Hall 
16.12.2022 Berlin, Max-Schmeling-Halle 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages: Casper – „Flackern, Flimmern.“


casper-flackern-flimmern

Obwohl das im vergangenen September – nach mehreren enervierenden Verschiebungen – erschienene vierte Casper-Album „Lang lebe der Tod“ wohl als eine der persönlichen Enttäuschungen meines Musikjahres 2017 bezeichnet werden musste (wie hier zu lesen war), ist es in Gänze natürlich noch längst kein schlechtes – vielmehr waren die beiden Vorgänger „XOXO“ und „Hinterland“ so gut.

Ebenfalls unbestritten ist auch, dass ein guter Teil von „Lang lebe der Tod“ musikalisch an die Großtaten von 2011 beziehungsweiße 2013 anknüpft (es dem Album jedoch als Werk an dem Struktur gebenden rotem Faden fehlt). Man nehme nur das einleitende Titelstück. Oder eben den kaum weniger tollen Abschlusssong „Flackern, Flimmern.“, der  mit seinen Gitarren und seiner Stimmung sehr an Stücke wie „Auf und davon„, „Alaska“ oder „Kontrolle / Schlaf“ vom Erfolgsalbum „XOXO“ erinnert, während auch Casper-Griffey selbst den Song zur eigenen, persönlichen Top 5 zählt (mehr dazu etwa hier).

Zu ebenjenem „Flackern, Flimmern.“ hat Benjamin „Casper“ Griffey kürzlich in der Arscheskälte von Yukon, Kanada ein bildgewaltiges Musikvideo gedreht (oder eben unter seiner Beteiligung drehen lassen, wie man auch auf dem Instagram-Kanal des Wahl-Berliners sehen konnte).

Zu Anfang des gut sechsminütigen Stückes gleitet die Kamera über eine Schneelandschaft und zeigt ein abgestürztes Flugzeug, aus dem Casper als einzig Überlebender klettert. Er schlägt sich durch die eisige Landschaft, halluziniert des öfteren von seiner bei dem Flugzeugabsturz verstorbenen Freundin und stirbt letzten Endes – ebenfalls in Gedanken an sie…

Großes, toll in Szene gesetztes Drama von Deutschlands liebstem „Emo-Rapper“.

 

 

„Die machen Kinder, wir machen Liebe
Die zählen die Niederlagen, wir die Siege
Was, wenn wir fallen? Was, wenn wir fliegen?
Augen zu, zähl bis sieben
Süße, die verbreiten Lügen
Halb fiktiv, leicht übertrieben
Plus Rauch und Spiegel
Höhen ziehen uns runter, miese Augenlider
Sind unbegreiflich müde
Suche nächtelang alles im Nichts
Finde nichts in allem
Spucke Gift und Galle
Bin fix und alle
Vielleicht mein Tunnel, dein Abstellgleis?
Nächste Flasche Wein
Nein, brauchst nicht wachzubleiben
Mein sogenannter Scheiß bedeutet mir noch immer die Welt
Solang die Stimme noch hält und ich dem Herzinfarkt entkomme
Bleibt es Kansas City Shuffle
Schauen alle rechts
Ziehen wir links vorbei, für alle Zeit und ich
Versteh‘ diese Ängste, die du hast
Was dich quält jede Nacht
Hör, was du redest im Schlaf
Weit weg, doch immer nah wo du liegst
Und plötzlich alles so leicht
So leicht, als ging es von selbst
Erst flackern, dann flimmern, Blitz und Gewitter
Die Wölfe kratzen an der Tür
Alles so leicht
So leicht, als ging es von selbst
Erst flackern, dann flimmern, Blitz und Gewitter
Die Wölfe kratzen an der Tür
Immer schlimmer, bevor’s besser wird, greif es nun an
Mit nicht viel zu verlieren, außer Zeit und Verstand
Bin am Rande des Wahnsinns, baumel an einer Hand
Liegt sich seltsam friedlich im Auge des Orkans
Trage schon seit Jahren diese Dunkelheit so tief in mir drin
Doch lass dir sagen: Habe nie geliebt, so wie dich
Wenn ich mal kurz flieh‘, liegt’s nich an dir
Manchmal will ich nicht zu finden sein, doch komm immer wieder zurück
Ganz im ernst, hatte niemals Angst wie jetzt
Selten Schlaf vor sechs, Selbstzweifel A bis Z
Nachts im Bett, Atem weg, wälz‘ mich im Kreis
Weiß, es ist schwer, doch hoffe so sehr, dass du bleibst
Augen überall, Augen überall
Hoff‘ so sehr, dass du nicht gehst, wenn ich fall
Augen überall, Augen überall
Hoff‘ so sehr, dass du nicht gehst, wenn ich fall
Und plötzlich alles so leicht
So leicht, als ging es von selbst
Erst flackern, dann flimmern, Blitz und Gewitter
Die Wölfe kratzen an der Tür
Alles so leicht
So leicht, als ging es von selbst
Erst flackern, dann flimmern, Blitz und Gewitter
Die Wölfe kratzen an der Tür
Und plötzlich alles so leicht
Alles so leicht
Und plötzlich alles so leicht
Alles so leicht…“

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Das Album der Woche


Casper – Hinterland (2013)

Casper - Hinterland (Cover)-erschienen bei Four Music/Sony-

Jammern auf einem verdammt hohen Thron. Genau so – oder zumindest: so ähnlich – könnte Benjamin Griffeys Situation ausgesehen haben, als er sich nach der Endlostour zu seinem vor zwei Jahren erschienenen dritten Album „XOXO“ so seine Gedanken machte. Wie geht’s nun weiter? Eine durchaus berechtigte Frage…

Immerhin hatte er, der als Casper für Furore gesorgt hatte, es geschafft, auch den Feuilleton mit Songs, denen – HipHop hin oder her – eine vor nicht all zu langer Zeit noch vorherrschende kleingeistige „Ghetto Gangster“- und „Fick deine Mutter und alle deine Freunde“-Attitüde eines Fler, Bushido oder Haftbefehl (allein die Namen sprechen Bände) völlig abging, von sich zu vereinnahmen. Dass der Wunsch, als ehemaliger Underground-Rapper endlich vom liebsten Hobby leben zu können, auch bedeutete, dass einem die eigene Visage fortan von „Bravo“-Covern entgegen griente und nun die ersten Konzertreihen von nicht selten minderjährigen Mädchen, die nach Konzertschluss pünktlichst von ihren besorgten Eltern vor der Halle abgeholt wurden, bevölkert wurden – fair enough. Viel wichtiger scheint jedoch, dass Griffey/Casper sich auf „XOXO“ in einem Maße freischwamm, welches zumindest im deutschsprachigen HipHop seinesgleichen suchen dürfte. Gemeinsam mit seiner Band (!) bastelte der ehemalige Bielefelder, der nun wie jedermann freilich in der Hauptstadt wohnt und lebt, jahrelang an Sounds und Songs – und verließ die Proberäume und Aufnahmestudios erst, als er mit „XOXO“ ein Ergebnis in seinen Händen hielt, dass sich kaum fundamentaler vom vor allem in Fankreisen höchst beliebten, 2008 erschienenen Vorgänger „Hin zur Sonne“ unterscheiden konnte. „XOXO“ war groß, hymnisch, mitreißend und positiv – jedoch auch melancholisch, introspektiv und unvermittelt. „XOXO“ hatte Aufruhr im Sinn und Veränderungen im Blick, verknüpfte Beats mit klassischem Rock-Instrumentarium aus GitarreSchlagzeugBass zu nahezu durchgängig unwiderstehlichen Popmomenten, während Griffey in den Texten nicht selten die mal salzigen, mal schmutzigen Finger in die Wunden der Zeit legte: „Und bin weg, weit weg, da wo dir Fehler verzeihbar sind / An den Ort, wo wir mit 16 dachten, wo wir mit 30 sind / Kein Ärger und Mist, denn als merkten wir’s nicht  / Alltag ist Treibsand, du steigst ab, je stärker du trittst / Immer nur lang leben von Mahnung zu Mahnung und Ratenabzahlung / Für ein Mal im Jahr 14 Tage Malle / Ich bin raus, kann schon nach dem Ende ’nen Anfang sehen / Ganz egal, wie lang‘ der Fall, solange die Landung steht / Vielleicht Saint Tropez / Vielleicht weit hinter den Bergen / Vielleicht nur Bielefeld, doch dort, wo noch Grinsen ‚was wert ist“ (aus „Auf und davon“). War das, wozu sich da plötzlich Lederjacken-Indierocker und Übergrößenklamotten-Hiphopper unisono über die Tanzflächen der Studentendiskos bewegten, eigentlich noch HipHop? Wenn nicht – was zur Hölle dann? Raprock? Poprockhop? Indiehippostrock? Fest stand: Da hatte ein junger Mann, ein ehemaliger Medienpädagogik- und Psychologiestudent mit – Obacht! – „Migrationshintergrund“, mal eben die komplette deutsche Musikszene gefoppt und sich mit dem gefühlten Debütalbum „XOXO“ nachhaltig auf dem ersten Platz der Albumcharts breitgemacht, während Songs wie „Auf und davon“ oder „So perfekt“ massig Radioairplay erhielten und gestandene Künstler wie Thees Uhlmann oder Madeira ihm auf dem Album mit Gastbeiträgen ihre Aufbietung machten… Und wer je ins Gespräch mit dem nicht selten „Emorapper“ titulierten Endzwanziger kam (der sich selbst ironietriefend als „Vater des Hipster-Raps“ bezeichnet), der stellte fest, dass dieser zwar durchaus seine Wurzeln im westfälischen HipHop hatte, dass Griffey jedoch ebenso einen Gedichtband von Rainer Maria Rilke unter dem „Black Album“ von Jay-Z auf seinem Nachttisch liegen haben könnte. Außerdem schienen dem Herrn Genregrenzen völlig fremd zu sein. Gepflegte Punchlines zu Tom Petty’esken Akkorden? Rapsalven über Endhaltestellen und Auswege, über Depression, Tode und die Lichter am Tunnelende, gekreuzt mit dem Rockismusgeist von Springsteen oder den Counting Crowes, während sich die Gitarren in ungeahnte Post Rock-Höhen á la Explosions In The Sky schrauben (man höre und staune noch immer über die bewegenden Songs „Michael X“ oder „Kontrolle/Schlaf“!)? Geht, alles. „XOXO ist das Ergebnis einer positiven Dialektik aus HipHop und Hardcore, Zerstörung und Erneuerung, Lachen und Weinen, Zurücklassen und Wiederfinden, Liebe und Wut, Depression und Hoffnung, alles geht fließend ineinander über“, wie die TAZ damals in ihrer Kritik schrieb. Unterschrieben.

Foto: Paula Winkler; Alexander Gehring

Foto: Paula Winkler; Alexander Gehring

Was also sollte nach „XOXO„, diesem unverhofft genreübergreifenden Statement, kommen? Die Kehrtwende zurück zum Purismus des HipHop? Weiter in Richtig Pop? Oder gar: noch mehr Handwerk, noch mehr Songwriting? Hört man nun „Hinterland„, Album Nummer zwei in der „neuen Casper’schen Zeitrechnung“, Album Nummer vier in der Gesamtdiskografie des mittlerweile 31-Jährigen, so dürften die elf neuen Stücke bei vielen zunächst einmal für Verwunderung sorgen, denn Griffey setzt genau da an, wo einen „XOXO“ vor zwei Jahren zurück ließ. Und macht doch alles anders.

Hinterland

Rein oberflächlich wäre da schon einmal das Coverartwork: Ein schwarzer Priester scheint wie in Trance himmlische Mächte zu beschwören, während er als Täufer eine vormals Ungläubige in sonnenbeschienene Gewässer taucht. Wo waren die einsamen Wölfe geblieben, die einen noch bei „XOXO“ vom Plattencover – beziehungsweise zu Anfang der begleitenden Konzerte als leuchtende Masken bei allen Bandmitgliedern – Ehrfurcht einflössend anstarrten? Passend dazu präsentierte sich Griffey mit Redneckkappe und amtlichem Vollbart. Ein shoutender Indie-Jesus? Wohl kaum. Vielmehr begab sich der deutsch-amerikanische Musiker, der zwar in Ostwestfalen zu Welt kam, dank seines amerikanischen Vaters, einem US-Soldaten, jedoch die ersten elf Lebensjahre in Augusta (nahe Atlanta, US-Bundesstaat Georgia) verbrachte, bevor seine Mutter mit ihm und seiner älteren Schwester nach Deutschland zurückkehrte, klanglich auf Spurensuche. Die größte Rolle bei der musikalischen Neujustierung dürften dabei wohl die beiden als Produzenten fungierenden Studioasse Konstantin Gropper und Ganter gewesen sein – der eine (Gropper), als Vorsteher der international angesehenen, am Ende doch stets leicht größenwahnsinnig aufspielenden Get Well Soon, das „ewige Wunderkind“ des deutschen Indiepop, der andere (Ganter) bislang bekannt für seine dubstepaffinen Produktionen für Elektropopper wie Sizarr. Dazu ein Haufen offener Kreativlinge wie Griffey und Band. Was für eine Melange!

Casper - Hinterland (Single)Und so ist es kaum verwunderlich, dass bereits der erste Song, „Im Ascheregen“, ohne Umschweife in die Gehörgänge rutscht. Erst noch von einsamen Pianonoten eingeführt, mischen sich alsbald treibende Schlagzeugschläge, flirrende Gitarren und „Ohoho“-Chöre ins Geschehen ein, während Griffey die Parole ausgibt: „Dies ist kein Abschied, denn ich war nie willkommen / Will auf und davon und nie wiederkommen / Kein Lebewohl, will euch nicht kennen / Die Stadt muss brenn‘, brenn‘, brenn‘, brenn‘ „. Ist dies etwa – und man unterstelle mir hier bitte keinerlei Blasphemie! – etwa der persönliche „Born To Run“-Versuch des bekennenden Springsteen-Fans? In eine ähnliche Kerbe schlägt denn auch das darauf folgende Titelstück: „Wo jeder Tag aus Warten besteht / Und die Zeit scheinbar nie vergeht / In diesem Hinterland, verdammtes Hinterland / Wo Gedanken im Wind verwehen / Und die Zeit scheinbar nie vergeht / Geliebtes Hinterland, Willkommen im Hinterland“. Zu schmucker Akustikklampfe und E-Gitarren, sanften Chören, treibendem Schlagzeug und Handclaps erzählt der „Konsensrapper“ von der Tristesse des Irgendwos im Nirgendwo und lässt gleich mal eben sein roadtriptaugliches „Thunder Road“ folgen. „Alles endet (aber nie die Musik)“ setzt darauf wieder mehr auf die Euphoriekarte, holt mit poppigen Rhythmen die Freunde von „XOXO“ (wieder) ins Boot, während man die eigene Vergangenheit, die ersten dreißig Lebensjahre, im Rückspiegel betrachtet („Einer ging zu früh, einer bekam dann Kinder / Einer geht ein und aus, irgendwas ist immer / Einer ging zum Bund, der Rest weg, die Welt erfahren / Ich mach noch immer das Musikding, bin selten da“). Die im HipHop-Zirkus nicht eben seltene Kunst der Referenzeinwürfe und Querverweise spielt „…Nach der Demo ging’s bergab!“ zu freudetrunkenem Piano, Bandinstrumentierung und Bläsern höchst clever aus – oder wo sonst werden Die Sterne, Ton Steine Scherben, Tomte, Wir sind Helden, Kraftklub (in anderen Stücken gar Slime, Kettcar oder Oasis) mal eben so augenzwinkernd genamedropped? „Nun nur noch ein Mixtape, wo kein Song zu dem anderen passt“? Nee, Casper, passt schon! Und auch die gewohnten Melancholiebolzen kommen auf „Hinterland“ nicht zu kurz: „20 qm“ ist der feierlich schöne Abgesang an die guten Zeiten einer gescheiterten Beziehung (inklusive windschief niedlicher „Oho“-Chorale), „Lux Lisbon“ könnte mit seinen schleppenden Rhythmen und dem großen Refrain, für welchen Griffey keinen Geringeren als Editors-Stimme Tom Smith gewinnen konnte, die Vorgeschichte des bitteren „XOXO“-Songs „230409“ sein. Auf „Ariel“ kommen dann erstmals (!) verhalten bummernde Hintergrundbeats zum Einsatz, während im Text Besinnlichkeit und Gedanken über den Tod Einzug halten: „Wenn ich geh‘ – wenn ich geh‘, wenn ich geh‘, wenn ich geh‘ / Bin ich doch da, solang‘ die Band noch spielt / Und alles ist gut, anders, aber gut anders“ – it ain’t over before it’s over. Weitere Highlights sind etwa „La Rue Morgue“, in welchem sich Griffey zu betrunken hinterher taumelndem Piano, Schepperpercussion und „Lalala“-Chören als deutsche Antwort auf jenseitige Greiner wie Tom Waits oder Nick Cave präsentiert, oder der Abschluss „Endlich angekommen“, bei dem der Musiker innerhalb von sechseinhalb Minuten – und mit hörbarem Stolz auf sich und seinen eingeschworenen kleinen Haufen Kumpane! – noch einmal den bislang zurückgelegten Weg Revue passieren lässt: „Applaus, Applaus / Vorhang auf / Endlich angekommen / Und alles zieht vorbei, bei, bei, bei, bei… /…/ Liebe kommt, Liebe geht / Nur was immer bleibt, sind Bilder zur Zeit / Die kann uns niemand nehmen…“.

Foto: Sony Music

Foto: Sony Music

Alles in allem ist Benjamin „Casper“ Griffey und dem nicht selten spürbar die Richtung vorgebendem Reglerschiebeduo Gropper/Ganter mit „Hinterland“ eine bis ins kleinste 47-minütige Detail ausbalancierte Antwort auf dem Achtungserfolg „XOXO“ gelungen (die beiden halbgaren Stücke „Ganz schön okay“, welcher ein Feature der chemnitzer Tourneekumpels von Kraftklub beinhaltet und den Tourbus als Butterfahrtskommando – beinahe – gegen die Wand fährt, und „Jambalaya“, das sich als augenzwinkernder Partyschwanzvergleich im Bigband-Konstrukt präsentiert, mal außen vor). Skandierte der Indie-Rapper („Indie“ explizit der Herangehensweise wegen!) vor zwei Jahren noch „Anti-alles für immer!“, so kann man anno 2013 bedenkenfrei das „Anti“ streichen. „Hinterland“ ist Caspers nicht eben pathosfreies Rückspiegelhohelied auf die eigene Jugend in der Provinz und stellt die Trostlosigkeit der Trailerparksiedlungen neben die Lust auf die große, weite Welt. „Hinterland“ ist die Fortsetzung des Weges, der für Casper nach dem zweiten, damals noch recht raplastigen „Hin zur Sonne“ begann, und, wenn man so will: sein persönlicher, Musik gewordener Springsteen-Moment. „Man kann das als Jugendzimmer-Lyrik abtun. Aber jeder, der schon mal ein Jugendzimmer bewohnte, wird darin etwas von sich selbst wiederfinden. Nur wenn man nicht vergisst, woher man kommt, versteht man die Sehnsucht, die immer noch an einem nagt“, wie es der Musikjournalist Jens Balzer in seiner Kritik für den deutschen „Rolling Stone“ so treffend auf den Punkt bringt. All den Zweiflern, den notorischen Nörglern und „Eintagsfliege“-Gröhlern dreht Griffey mit großen Momenten und feinen Melodien eine lange Nase, während er mit „Hinterland“ schon wieder – und das nicht völlig zu unrecht – von der Pole Position der Charts grüßt. Gekommen, um zu bleiben? Sieht ganz danach aus…

Casper - Hinterland (teaser)

 

Wer mehr über Benjamin „Casper“ Griffey, dessen Gemütslage und die Hintergründe zum neuen Album „Hinterland“ erfahren möchte, der findet hier ein Ende September von „Zeit Online“ geführtes Interview mit dem Musiker…

…sowie hier die – visuell wie akustisch – tollen Musikvideos zu „Im Ascheregen“…

 

…und „Hinterland“:

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Das Album der Woche


 Casper – XoXo (2011)

Auch auf die Gefahr hin, dass einige jetzt gelangweilt abwinken oder in die endlosen Weiten der weltweiten Netzes entschwirren werden, möchte ich noch einmal einige Worte über „XoXo“, ANEWFRIENDs Platte der Woche, und überhaupt: mein Album des Jahres 2011, verlieren.

Warum dieses Album? Nun, im letzten Jahr wurden wohl nur wenige andere Platten mit ähnlicher Spannung erwartet, bei wenigen anderen (wie Adeles „21“) war auch der Hype im Vorfeld größer. Ehre, wem Ehre gebührt. Der 28-jährige Benjamin Griffey erfindet zwar mit seinem (regulären) Zweitwerk – der Vorgänger „Hin zur Sonne“ erschien 2008 – das Rad nicht neu, hebt aber den deutschen HipHop auf eine neue Stufe. Sein Konzept, auch Studioalben im Bandsound einzuspielen, kennt man zwar schon von (unter anderem) Dendemanns „Vom Vintage verweht“, doch geht Casper persönlicher zu Werke als der auf Sprachwitz getrimmte ehemalige EinsZwo-Wortakrobat.

Angefangen bei „Der Druck steigt“, eine Anspielung auf den gleichnamigen Song seines Kumpels Prinz Pi, der den Bandsound übrigens nun auch für sich entdeckt hat, gelingt es Griffey, den Hörer über die kompletten 49 Minuten für sich einzunehmen. Die Texte sind durchgängig persönlich, die sonst für den HipHop klischeehaft-üblichen Disstracks findet man eher auf den Album-B-Seiten wie „Wilson Gonzales“ wieder. Dabei gelingt Casper das große Kunststück, zwar von seinem Leben und Erleben zu erzählen, jedoch gerade persönlich genug zu werden, um dem Hörer noch ausreichend Freiraum zu lassen, sich auch selbst in seinen Texten wiederzufinden. Und egal, ob er nun von der übergangenen Jugend („Der Druck steigt (Die Vergessenen Pt. 1)“ / „Blut sehen (Die Vergessenen Pt. 2)“), dem Ausbrechen aus gewohnten Bahnen, gesellschaftlichen Konventionen und alten Zwängen („Auf und davon“), dem Gefühl nach dem Freischwimmen vom Trott („XoXo“, inklusive Gastbeitrag von Thees Uhlmann) oder der bitteren Erinnerung an ein One-Night-Stand („230409“) rappt – das Niveau bleibt hoch. Besonders bewegende Songs sind „Michael X“, die Hommage an einen zu früh verstorbenen Freund, bei dem die Backing Band einen Post-Rock-artigen Sound à la Explosions In The Sky kreiert, „Das Grizzley Lied“, in dem Griffey von seiner von Umzügen zwischen den USA (der Heimat seines Vaters, einem US-Soldaten) und Deutschland geprägten Kindheit erzählt, oder „Kontrolle/Schlaf“, welches von den Schattenseiten des Gefühlslebens handelt und von einem kurzen, sehr persönlichen Spoken Word-Intro (mit einem Erinnerungs-O-Ton von Arlen Griffey, Caspers Vater) eingeleitet wird. Auf „XoXo“ wird im Kleinen von sich selbst angefangen und nach und nach alle, die sich in irgendeiner Weise angesprochen fühlen, mit an Bord geholt. Casper, der Seelentröster. Ist das noch HipHop? Oder schon, wie, mehr im Scherz als im Ernst, im Vorfeld von Casper selbst betitelt „DoomHop“ oder „RapGaze“? Scheißegal, „XoXo“ ist so rund und gelungen wie nur wenige Alben 2011.

Dass solch ein Album in der HipHop-Szene und der deutschen Musiklandschaft auf geteiltes Echo stößt, ist natürlich logisch. Als „zu pop-affin“ wurde es betitelt, Casper als „Emo-Rapper“ abgestempelt und der Ausverkauf an die breite Masse vorgeworfen. Doch was ist schlimm daran, mit einem Werk und ehrlich gemeinten, intelligenten Texten eine möglichst große Hörergruppe ansprechen zu wollen? Man merkt, dass hier lange an (Band)Sound und Texten gearbeitet und gefeilt wurde. Und wer einmal ein Konzert von Casper besucht hat, wird wissen, dass der aus Bielefeld stammende und jetzt in Berlin (wo sonst?) lebende Rapper nicht aufs schnelle Geld aus ist und ihm der Erfolg seines Nummer-Eins-Albums lediglich Recht gibt. Und auch die zahlreichen Bestenlistenplätze in den Jahrescharts von Online- und Printmedien sprechen eine deutliche Sprache: Casper ist alles andere als Everybody’s Darling der Stunde, alles andere als eine Eintagsfliege oder Konsensrapper. Casper ist gekommen um zu bleiben.

Ich habe lange kein so kurzweiliges Album mehr gehört, dass mich auch nach vielen, vielen Durchläufen – und trotz Pop-Faktor! – noch bei der Stange hält und die Repeat-Taste drücken lässt. Hier spricht das Herz, wo bei anderen nur die dicke Hose spricht. Ich höre gern zu.

An dieser Stelle sei auch Caspers „Auf den Dächern“-Session aus der gleichnamigen Reihe des Online-Musikvideosenders tape.tv empfohlen. Lohnt sich.

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , ,
%d Bloggern gefällt das: