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Song des Tages: Casper – „Flackern, Flimmern.“


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Obwohl das im vergangenen September – nach mehreren enervierenden Verschiebungen – erschienene vierte Casper-Album „Lang lebe der Tod“ wohl als eine der persönlichen Enttäuschungen meines Musikjahres 2017 bezeichnet werden musste (wie hier zu lesen war), ist es in Gänze natürlich noch längst kein schlechtes – vielmehr waren die beiden Vorgänger „XOXO“ und „Hinterland“ so gut.

Ebenfalls unbestritten ist auch, dass ein guter Teil von „Lang lebe der Tod“ musikalisch an die Großtaten von 2011 beziehungsweiße 2013 anknüpft (es dem Album jedoch als Werk an dem Struktur gebenden rotem Faden fehlt). Man nehme nur das einleitende Titelstück. Oder eben den kaum weniger tollen Abschlusssong „Flackern, Flimmern.“, der  mit seinen Gitarren und seiner Stimmung sehr an Stücke wie „Auf und davon„, „Alaska“ oder „Kontrolle / Schlaf“ vom Erfolgsalbum „XOXO“ erinnert, während auch Casper-Griffey selbst den Song zur eigenen, persönlichen Top 5 zählt (mehr dazu etwa hier).

Zu ebenjenem „Flackern, Flimmern.“ hat Benjamin „Casper“ Griffey kürzlich in der Arscheskälte von Yukon, Kanada ein bildgewaltiges Musikvideo gedreht (oder eben unter seiner Beteiligung drehen lassen, wie man auch auf dem Instagram-Kanal des Wahl-Berliners sehen konnte).

Zu Anfang des gut sechsminütigen Stückes gleitet die Kamera über eine Schneelandschaft und zeigt ein abgestürztes Flugzeug, aus dem Casper als einzig Überlebender klettert. Er schlägt sich durch die eisige Landschaft, halluziniert des öfteren von seiner bei dem Flugzeugabsturz verstorbenen Freundin und stirbt letzten Endes – ebenfalls in Gedanken an sie…

Großes, toll in Szene gesetztes Drama von Deutschlands liebstem „Emo-Rapper“.

 

 

„Die machen Kinder, wir machen Liebe
Die zählen die Niederlagen, wir die Siege
Was, wenn wir fallen? Was, wenn wir fliegen?
Augen zu, zähl bis sieben
Süße, die verbreiten Lügen
Halb fiktiv, leicht übertrieben
Plus Rauch und Spiegel
Höhen ziehen uns runter, miese Augenlider
Sind unbegreiflich müde
Suche nächtelang alles im Nichts
Finde nichts in allem
Spucke Gift und Galle
Bin fix und alle
Vielleicht mein Tunnel, dein Abstellgleis?
Nächste Flasche Wein
Nein, brauchst nicht wachzubleiben
Mein sogenannter Scheiß bedeutet mir noch immer die Welt
Solang die Stimme noch hält und ich dem Herzinfarkt entkomme
Bleibt es Kansas City Shuffle
Schauen alle rechts
Ziehen wir links vorbei, für alle Zeit und ich
Versteh‘ diese Ängste, die du hast
Was dich quält jede Nacht
Hör, was du redest im Schlaf
Weit weg, doch immer nah wo du liegst
Und plötzlich alles so leicht
So leicht, als ging es von selbst
Erst flackern, dann flimmern, Blitz und Gewitter
Die Wölfe kratzen an der Tür
Alles so leicht
So leicht, als ging es von selbst
Erst flackern, dann flimmern, Blitz und Gewitter
Die Wölfe kratzen an der Tür
Immer schlimmer, bevor’s besser wird, greif es nun an
Mit nicht viel zu verlieren, außer Zeit und Verstand
Bin am Rande des Wahnsinns, baumel an einer Hand
Liegt sich seltsam friedlich im Auge des Orkans
Trage schon seit Jahren diese Dunkelheit so tief in mir drin
Doch lass dir sagen: Habe nie geliebt, so wie dich
Wenn ich mal kurz flieh‘, liegt’s nich an dir
Manchmal will ich nicht zu finden sein, doch komm immer wieder zurück
Ganz im ernst, hatte niemals Angst wie jetzt
Selten Schlaf vor sechs, Selbstzweifel A bis Z
Nachts im Bett, Atem weg, wälz‘ mich im Kreis
Weiß, es ist schwer, doch hoffe so sehr, dass du bleibst
Augen überall, Augen überall
Hoff‘ so sehr, dass du nicht gehst, wenn ich fall
Augen überall, Augen überall
Hoff‘ so sehr, dass du nicht gehst, wenn ich fall
Und plötzlich alles so leicht
So leicht, als ging es von selbst
Erst flackern, dann flimmern, Blitz und Gewitter
Die Wölfe kratzen an der Tür
Alles so leicht
So leicht, als ging es von selbst
Erst flackern, dann flimmern, Blitz und Gewitter
Die Wölfe kratzen an der Tür
Und plötzlich alles so leicht
Alles so leicht
Und plötzlich alles so leicht
Alles so leicht…“

 

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Casper – Hinterland (2013)

Casper - Hinterland (Cover)-erschienen bei Four Music/Sony-

Jammern auf einem verdammt hohen Thron. Genau so – oder zumindest: so ähnlich – könnte Benjamin Griffeys Situation ausgesehen haben, als er sich nach der Endlostour zu seinem vor zwei Jahren erschienenen dritten Album „XOXO“ so seine Gedanken machte. Wie geht’s nun weiter? Eine durchaus berechtigte Frage…

Immerhin hatte er, der als Casper für Furore gesorgt hatte, es geschafft, auch den Feuilleton mit Songs, denen – HipHop hin oder her – eine vor nicht all zu langer Zeit noch vorherrschende kleingeistige „Ghetto Gangster“- und „Fick deine Mutter und alle deine Freunde“-Attitüde eines Fler, Bushido oder Haftbefehl (allein die Namen sprechen Bände) völlig abging, von sich zu vereinnahmen. Dass der Wunsch, als ehemaliger Underground-Rapper endlich vom liebsten Hobby leben zu können, auch bedeutete, dass einem die eigene Visage fortan von „Bravo“-Covern entgegen griente und nun die ersten Konzertreihen von nicht selten minderjährigen Mädchen, die nach Konzertschluss pünktlichst von ihren besorgten Eltern vor der Halle abgeholt wurden, bevölkert wurden – fair enough. Viel wichtiger scheint jedoch, dass Griffey/Casper sich auf „XOXO“ in einem Maße freischwamm, welches zumindest im deutschsprachigen HipHop seinesgleichen suchen dürfte. Gemeinsam mit seiner Band (!) bastelte der ehemalige Bielefelder, der nun wie jedermann freilich in der Hauptstadt wohnt und lebt, jahrelang an Sounds und Songs – und verließ die Proberäume und Aufnahmestudios erst, als er mit „XOXO“ ein Ergebnis in seinen Händen hielt, dass sich kaum fundamentaler vom vor allem in Fankreisen höchst beliebten, 2008 erschienenen Vorgänger „Hin zur Sonne“ unterscheiden konnte. „XOXO“ war groß, hymnisch, mitreißend und positiv – jedoch auch melancholisch, introspektiv und unvermittelt. „XOXO“ hatte Aufruhr im Sinn und Veränderungen im Blick, verknüpfte Beats mit klassischem Rock-Instrumentarium aus GitarreSchlagzeugBass zu nahezu durchgängig unwiderstehlichen Popmomenten, während Griffey in den Texten nicht selten die mal salzigen, mal schmutzigen Finger in die Wunden der Zeit legte: „Und bin weg, weit weg, da wo dir Fehler verzeihbar sind / An den Ort, wo wir mit 16 dachten, wo wir mit 30 sind / Kein Ärger und Mist, denn als merkten wir’s nicht  / Alltag ist Treibsand, du steigst ab, je stärker du trittst / Immer nur lang leben von Mahnung zu Mahnung und Ratenabzahlung / Für ein Mal im Jahr 14 Tage Malle / Ich bin raus, kann schon nach dem Ende ’nen Anfang sehen / Ganz egal, wie lang‘ der Fall, solange die Landung steht / Vielleicht Saint Tropez / Vielleicht weit hinter den Bergen / Vielleicht nur Bielefeld, doch dort, wo noch Grinsen ‚was wert ist“ (aus „Auf und davon“). War das, wozu sich da plötzlich Lederjacken-Indierocker und Übergrößenklamotten-Hiphopper unisono über die Tanzflächen der Studentendiskos bewegten, eigentlich noch HipHop? Wenn nicht – was zur Hölle dann? Raprock? Poprockhop? Indiehippostrock? Fest stand: Da hatte ein junger Mann, ein ehemaliger Medienpädagogik- und Psychologiestudent mit – Obacht! – „Migrationshintergrund“, mal eben die komplette deutsche Musikszene gefoppt und sich mit dem gefühlten Debütalbum „XOXO“ nachhaltig auf dem ersten Platz der Albumcharts breitgemacht, während Songs wie „Auf und davon“ oder „So perfekt“ massig Radioairplay erhielten und gestandene Künstler wie Thees Uhlmann oder Madeira ihm auf dem Album mit Gastbeiträgen ihre Aufbietung machten… Und wer je ins Gespräch mit dem nicht selten „Emorapper“ titulierten Endzwanziger kam (der sich selbst ironietriefend als „Vater des Hipster-Raps“ bezeichnet), der stellte fest, dass dieser zwar durchaus seine Wurzeln im westfälischen HipHop hatte, dass Griffey jedoch ebenso einen Gedichtband von Rainer Maria Rilke unter dem „Black Album“ von Jay-Z auf seinem Nachttisch liegen haben könnte. Außerdem schienen dem Herrn Genregrenzen völlig fremd zu sein. Gepflegte Punchlines zu Tom Petty’esken Akkorden? Rapsalven über Endhaltestellen und Auswege, über Depression, Tode und die Lichter am Tunnelende, gekreuzt mit dem Rockismusgeist von Springsteen oder den Counting Crowes, während sich die Gitarren in ungeahnte Post Rock-Höhen á la Explosions In The Sky schrauben (man höre und staune noch immer über die bewegenden Songs „Michael X“ oder „Kontrolle/Schlaf“!)? Geht, alles. „XOXO ist das Ergebnis einer positiven Dialektik aus HipHop und Hardcore, Zerstörung und Erneuerung, Lachen und Weinen, Zurücklassen und Wiederfinden, Liebe und Wut, Depression und Hoffnung, alles geht fließend ineinander über“, wie die TAZ damals in ihrer Kritik schrieb. Unterschrieben.

Foto: Paula Winkler; Alexander Gehring

Foto: Paula Winkler; Alexander Gehring

Was also sollte nach „XOXO„, diesem unverhofft genreübergreifenden Statement, kommen? Die Kehrtwende zurück zum Purismus des HipHop? Weiter in Richtig Pop? Oder gar: noch mehr Handwerk, noch mehr Songwriting? Hört man nun „Hinterland„, Album Nummer zwei in der „neuen Casper’schen Zeitrechnung“, Album Nummer vier in der Gesamtdiskografie des mittlerweile 31-Jährigen, so dürften die elf neuen Stücke bei vielen zunächst einmal für Verwunderung sorgen, denn Griffey setzt genau da an, wo einen „XOXO“ vor zwei Jahren zurück ließ. Und macht doch alles anders.

Hinterland

Rein oberflächlich wäre da schon einmal das Coverartwork: Ein schwarzer Priester scheint wie in Trance himmlische Mächte zu beschwören, während er als Täufer eine vormals Ungläubige in sonnenbeschienene Gewässer taucht. Wo waren die einsamen Wölfe geblieben, die einen noch bei „XOXO“ vom Plattencover – beziehungsweise zu Anfang der begleitenden Konzerte als leuchtende Masken bei allen Bandmitgliedern – Ehrfurcht einflössend anstarrten? Passend dazu präsentierte sich Griffey mit Redneckkappe und amtlichem Vollbart. Ein shoutender Indie-Jesus? Wohl kaum. Vielmehr begab sich der deutsch-amerikanische Musiker, der zwar in Ostwestfalen zu Welt kam, dank seines amerikanischen Vaters, einem US-Soldaten, jedoch die ersten elf Lebensjahre in Augusta (nahe Atlanta, US-Bundesstaat Georgia) verbrachte, bevor seine Mutter mit ihm und seiner älteren Schwester nach Deutschland zurückkehrte, klanglich auf Spurensuche. Die größte Rolle bei der musikalischen Neujustierung dürften dabei wohl die beiden als Produzenten fungierenden Studioasse Konstantin Gropper und Ganter gewesen sein – der eine (Gropper), als Vorsteher der international angesehenen, am Ende doch stets leicht größenwahnsinnig aufspielenden Get Well Soon, das „ewige Wunderkind“ des deutschen Indiepop, der andere (Ganter) bislang bekannt für seine dubstepaffinen Produktionen für Elektropopper wie Sizarr. Dazu ein Haufen offener Kreativlinge wie Griffey und Band. Was für eine Melange!

Casper - Hinterland (Single)Und so ist es kaum verwunderlich, dass bereits der erste Song, „Im Ascheregen“, ohne Umschweife in die Gehörgänge rutscht. Erst noch von einsamen Pianonoten eingeführt, mischen sich alsbald treibende Schlagzeugschläge, flirrende Gitarren und „Ohoho“-Chöre ins Geschehen ein, während Griffey die Parole ausgibt: „Dies ist kein Abschied, denn ich war nie willkommen / Will auf und davon und nie wiederkommen / Kein Lebewohl, will euch nicht kennen / Die Stadt muss brenn‘, brenn‘, brenn‘, brenn‘ „. Ist dies etwa – und man unterstelle mir hier bitte keinerlei Blasphemie! – etwa der persönliche „Born To Run“-Versuch des bekennenden Springsteen-Fans? In eine ähnliche Kerbe schlägt denn auch das darauf folgende Titelstück: „Wo jeder Tag aus Warten besteht / Und die Zeit scheinbar nie vergeht / In diesem Hinterland, verdammtes Hinterland / Wo Gedanken im Wind verwehen / Und die Zeit scheinbar nie vergeht / Geliebtes Hinterland, Willkommen im Hinterland“. Zu schmucker Akustikklampfe und E-Gitarren, sanften Chören, treibendem Schlagzeug und Handclaps erzählt der „Konsensrapper“ von der Tristesse des Irgendwos im Nirgendwo und lässt gleich mal eben sein roadtriptaugliches „Thunder Road“ folgen. „Alles endet (aber nie die Musik)“ setzt darauf wieder mehr auf die Euphoriekarte, holt mit poppigen Rhythmen die Freunde von „XOXO“ (wieder) ins Boot, während man die eigene Vergangenheit, die ersten dreißig Lebensjahre, im Rückspiegel betrachtet („Einer ging zu früh, einer bekam dann Kinder / Einer geht ein und aus, irgendwas ist immer / Einer ging zum Bund, der Rest weg, die Welt erfahren / Ich mach noch immer das Musikding, bin selten da“). Die im HipHop-Zirkus nicht eben seltene Kunst der Referenzeinwürfe und Querverweise spielt „…Nach der Demo ging’s bergab!“ zu freudetrunkenem Piano, Bandinstrumentierung und Bläsern höchst clever aus – oder wo sonst werden Die Sterne, Ton Steine Scherben, Tomte, Wir sind Helden, Kraftklub (in anderen Stücken gar Slime, Kettcar oder Oasis) mal eben so augenzwinkernd genamedropped? „Nun nur noch ein Mixtape, wo kein Song zu dem anderen passt“? Nee, Casper, passt schon! Und auch die gewohnten Melancholiebolzen kommen auf „Hinterland“ nicht zu kurz: „20 qm“ ist der feierlich schöne Abgesang an die guten Zeiten einer gescheiterten Beziehung (inklusive windschief niedlicher „Oho“-Chorale), „Lux Lisbon“ könnte mit seinen schleppenden Rhythmen und dem großen Refrain, für welchen Griffey keinen Geringeren als Editors-Stimme Tom Smith gewinnen konnte, die Vorgeschichte des bitteren „XOXO“-Songs „230409“ sein. Auf „Ariel“ kommen dann erstmals (!) verhalten bummernde Hintergrundbeats zum Einsatz, während im Text Besinnlichkeit und Gedanken über den Tod Einzug halten: „Wenn ich geh‘ – wenn ich geh‘, wenn ich geh‘, wenn ich geh‘ / Bin ich doch da, solang‘ die Band noch spielt / Und alles ist gut, anders, aber gut anders“ – it ain’t over before it’s over. Weitere Highlights sind etwa „La Rue Morgue“, in welchem sich Griffey zu betrunken hinterher taumelndem Piano, Schepperpercussion und „Lalala“-Chören als deutsche Antwort auf jenseitige Greiner wie Tom Waits oder Nick Cave präsentiert, oder der Abschluss „Endlich angekommen“, bei dem der Musiker innerhalb von sechseinhalb Minuten – und mit hörbarem Stolz auf sich und seinen eingeschworenen kleinen Haufen Kumpane! – noch einmal den bislang zurückgelegten Weg Revue passieren lässt: „Applaus, Applaus / Vorhang auf / Endlich angekommen / Und alles zieht vorbei, bei, bei, bei, bei… /…/ Liebe kommt, Liebe geht / Nur was immer bleibt, sind Bilder zur Zeit / Die kann uns niemand nehmen…“.

Foto: Sony Music

Foto: Sony Music

Alles in allem ist Benjamin „Casper“ Griffey und dem nicht selten spürbar die Richtung vorgebendem Reglerschiebeduo Gropper/Ganter mit „Hinterland“ eine bis ins kleinste 47-minütige Detail ausbalancierte Antwort auf dem Achtungserfolg „XOXO“ gelungen (die beiden halbgaren Stücke „Ganz schön okay“, welcher ein Feature der chemnitzer Tourneekumpels von Kraftklub beinhaltet und den Tourbus als Butterfahrtskommando – beinahe – gegen die Wand fährt, und „Jambalaya“, das sich als augenzwinkernder Partyschwanzvergleich im Bigband-Konstrukt präsentiert, mal außen vor). Skandierte der Indie-Rapper („Indie“ explizit der Herangehensweise wegen!) vor zwei Jahren noch „Anti-alles für immer!“, so kann man anno 2013 bedenkenfrei das „Anti“ streichen. „Hinterland“ ist Caspers nicht eben pathosfreies Rückspiegelhohelied auf die eigene Jugend in der Provinz und stellt die Trostlosigkeit der Trailerparksiedlungen neben die Lust auf die große, weite Welt. „Hinterland“ ist die Fortsetzung des Weges, der für Casper nach dem zweiten, damals noch recht raplastigen „Hin zur Sonne“ begann, und, wenn man so will: sein persönlicher, Musik gewordener Springsteen-Moment. „Man kann das als Jugendzimmer-Lyrik abtun. Aber jeder, der schon mal ein Jugendzimmer bewohnte, wird darin etwas von sich selbst wiederfinden. Nur wenn man nicht vergisst, woher man kommt, versteht man die Sehnsucht, die immer noch an einem nagt“, wie es der Musikjournalist Jens Balzer in seiner Kritik für den deutschen „Rolling Stone“ so treffend auf den Punkt bringt. All den Zweiflern, den notorischen Nörglern und „Eintagsfliege“-Gröhlern dreht Griffey mit großen Momenten und feinen Melodien eine lange Nase, während er mit „Hinterland“ schon wieder – und das nicht völlig zu unrecht – von der Pole Position der Charts grüßt. Gekommen, um zu bleiben? Sieht ganz danach aus…

Casper - Hinterland (teaser)

 

Wer mehr über Benjamin „Casper“ Griffey, dessen Gemütslage und die Hintergründe zum neuen Album „Hinterland“ erfahren möchte, der findet hier ein Ende September von „Zeit Online“ geführtes Interview mit dem Musiker…

…sowie hier die – visuell wie akustisch – tollen Musikvideos zu „Im Ascheregen“…

 

…und „Hinterland“:

 

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


 Casper – XoXo (2011)

Auch auf die Gefahr hin, dass einige jetzt gelangweilt abwinken oder in die endlosen Weiten der weltweiten Netzes entschwirren werden, möchte ich noch einmal einige Worte über „XoXo“, ANEWFRIENDs Platte der Woche, und überhaupt: mein Album des Jahres 2011, verlieren.

Warum dieses Album? Nun, im letzten Jahr wurden wohl nur wenige andere Platten mit ähnlicher Spannung erwartet, bei wenigen anderen (wie Adeles „21“) war auch der Hype im Vorfeld größer. Ehre, wem Ehre gebührt. Der 28-jährige Benjamin Griffey erfindet zwar mit seinem (regulären) Zweitwerk – der Vorgänger „Hin zur Sonne“ erschien 2008 – das Rad nicht neu, hebt aber den deutschen HipHop auf eine neue Stufe. Sein Konzept, auch Studioalben im Bandsound einzuspielen, kennt man zwar schon von (unter anderem) Dendemanns „Vom Vintage verweht“, doch geht Casper persönlicher zu Werke als der auf Sprachwitz getrimmte ehemalige EinsZwo-Wortakrobat.

Angefangen bei „Der Druck steigt“, eine Anspielung auf den gleichnamigen Song seines Kumpels Prinz Pi, der den Bandsound übrigens nun auch für sich entdeckt hat, gelingt es Griffey, den Hörer über die kompletten 49 Minuten für sich einzunehmen. Die Texte sind durchgängig persönlich, die sonst für den HipHop klischeehaft-üblichen Disstracks findet man eher auf den Album-B-Seiten wie „Wilson Gonzales“ wieder. Dabei gelingt Casper das große Kunststück, zwar von seinem Leben und Erleben zu erzählen, jedoch gerade persönlich genug zu werden, um dem Hörer noch ausreichend Freiraum zu lassen, sich auch selbst in seinen Texten wiederzufinden. Und egal, ob er nun von der übergangenen Jugend („Der Druck steigt (Die Vergessenen Pt. 1)“ / „Blut sehen (Die Vergessenen Pt. 2)“), dem Ausbrechen aus gewohnten Bahnen, gesellschaftlichen Konventionen und alten Zwängen („Auf und davon“), dem Gefühl nach dem Freischwimmen vom Trott („XoXo“, inklusive Gastbeitrag von Thees Uhlmann) oder der bitteren Erinnerung an ein One-Night-Stand („230409“) rappt – das Niveau bleibt hoch. Besonders bewegende Songs sind „Michael X“, die Hommage an einen zu früh verstorbenen Freund, bei dem die Backing Band einen Post-Rock-artigen Sound à la Explosions In The Sky kreiert, „Das Grizzley Lied“, in dem Griffey von seiner von Umzügen zwischen den USA (der Heimat seines Vaters, einem US-Soldaten) und Deutschland geprägten Kindheit erzählt, oder „Kontrolle/Schlaf“, welches von den Schattenseiten des Gefühlslebens handelt und von einem kurzen, sehr persönlichen Spoken Word-Intro (mit einem Erinnerungs-O-Ton von Arlen Griffey, Caspers Vater) eingeleitet wird. Auf „XoXo“ wird im Kleinen von sich selbst angefangen und nach und nach alle, die sich in irgendeiner Weise angesprochen fühlen, mit an Bord geholt. Casper, der Seelentröster. Ist das noch HipHop? Oder schon, wie, mehr im Scherz als im Ernst, im Vorfeld von Casper selbst betitelt „DoomHop“ oder „RapGaze“? Scheißegal, „XoXo“ ist so rund und gelungen wie nur wenige Alben 2011.

Dass solch ein Album in der HipHop-Szene und der deutschen Musiklandschaft auf geteiltes Echo stößt, ist natürlich logisch. Als „zu pop-affin“ wurde es betitelt, Casper als „Emo-Rapper“ abgestempelt und der Ausverkauf an die breite Masse vorgeworfen. Doch was ist schlimm daran, mit einem Werk und ehrlich gemeinten, intelligenten Texten eine möglichst große Hörergruppe ansprechen zu wollen? Man merkt, dass hier lange an (Band)Sound und Texten gearbeitet und gefeilt wurde. Und wer einmal ein Konzert von Casper besucht hat, wird wissen, dass der aus Bielefeld stammende und jetzt in Berlin (wo sonst?) lebende Rapper nicht aufs schnelle Geld aus ist und ihm der Erfolg seines Nummer-Eins-Albums lediglich Recht gibt. Und auch die zahlreichen Bestenlistenplätze in den Jahrescharts von Online- und Printmedien sprechen eine deutliche Sprache: Casper ist alles andere als Everybody’s Darling der Stunde, alles andere als eine Eintagsfliege oder Konsensrapper. Casper ist gekommen um zu bleiben.

Ich habe lange kein so kurzweiliges Album mehr gehört, dass mich auch nach vielen, vielen Durchläufen – und trotz Pop-Faktor! – noch bei der Stange hält und die Repeat-Taste drücken lässt. Hier spricht das Herz, wo bei anderen nur die dicke Hose spricht. Ich höre gern zu.

An dieser Stelle sei auch Caspers „Auf den Dächern“-Session aus der gleichnamigen Reihe des Online-Musikvideosenders tape.tv empfohlen. Lohnt sich.

 

Rock and Roll.

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