Schlagwort-Archive: Benjamin Clementine

Der Jahresrückblick 2015 – Teil 3


Ein zwar nicht durch und durch hochkarätiges, jedoch ebenso wenig an tollen Veröffentlichungen armes Musikjahr 2015 neigt sich unausweichlich seinem Ende zu. Zeit also, ANEWFRIENDs “Alben des Jahres” zu küren und damit, nach der Rückschau aufs Film- und Serienjahr, auch die Königsdisziplin ad acta zu legen! Dem regelmäßigen Leser dieses Blogs werden sich wohl wenige Überraschungen offenbaren, schließlich wurde ein guter Teil der Alben meiner persönlichen Top 15 im Laufe des Jahres – insofern es die Zeit zuließ – bereits besprochen. Bleibt nur zu hoffen, dass auch 2016 ein ähnlich gutes Niveau an neuen Platten und Neuentdeckungen bieten wird… Ich freue mich schon jetzt drauf.

 

 

adam angst1.  Adam Angst – Adam Angst

Wenn ich ehrlich bin, dann war die Pole Position meiner Lieblingsalben dieses Jahres bereits im Februar vergeben. Und dass an ein Album, dessen Protagonist ein „arroganter Drecksack“ (Pressetext) ist, der dem Hörer elf Kapitel lang seine eigenen Verfehlungen, seine Makel und Achillesfersen vor Augen und Ohren führt. Muss man sich ein derart gerüttelt Maß an Antipathie wirklich anhören? Man muss! Vor allem wenn sie von Felix Schönfuss und seiner neuen Band Adam Angst stammt. Denn den großmäuligen Versprechungen, die da bereits im Vorfeld um das neuste musikalische Baby des Ex-Frau-Potz- und Escapado-Frontmanns gemacht wurden, liefern Schönfuss und Co. Songs nach, die einen schlichtweg umhauen – sei es durch zackigen, verquer melodieverliebten Rock, der weder den Punk von Frau Potz noch den Hardcore von Escapado noch in sich trägt, oder – vor allem – durch die durch und durch brillanten Texte. Denn in denen bekommen wirklich alle ihr Fett weg – die Schweinepriester und Heiden („Jesus Christus“), die mehr oder minder latenten Rassisten („Professoren“), das tumbe Wochenend-Partyvolk („Wochenende. Saufen. Geil.“), die digital süchtigen Klickzahlenjunkies („Wunderbar“), die sinnentleerten Workaholics („Flieh von hier“), die dysfunktional-zerstrittenen Pärchen („Ja, ja, ich weiß“)… Da muss man schon sehr weit ab von allem sein, um sich an der ein oder anderen Stelle nicht selbst ertappt zu fühlen. „Adam Angst“ mag vielleicht kein Album für die nächsten zehn Jahre sein, mehr Aktualität, Zeitgeist und tolle Songs hatte 2015 jedoch kein anderes an Bord. Obendrein liefern Schönfuss und Band mit „Splitter von Granaten“ noch den definitiv wichtigsten Song des Jahres…

 

 

Benjamin Clementine2.  Benjamin Clementine – At Least For Now

Benjamin Clementines Geschichte liest sich fast wie eine moderne, musikalische Cinderella-Story: Mittelloser Junge aus *hust* „schwierigen Umständen“, der sich bereits seit Kindestagen – und das nicht nur seiner Hautfarbe wegen – als beflissener, belesener Außenseiter fühlt, flieht erst – von verheißungsvollen Versprechungen und vom Fernweh getrieben – aus dem Zig-Millionen-Einwohner-Molloch der englischen Hauptstadt und nach Paris, von dem er einst so viel las, sich so viel versprach. Dort führt er ein Vagabunden-, ein Herumtreiberdasein, schläft unter Brücken und dem freien Himmel, spielt seine Lieder in Metrostationen und wird dann und dort – endlich – von einem findigen Musikmanager erhört, der ihn alsgleich mit einem Plattenvertrag ausstattet. Und so klingen auch die pianolastigen Stücke auf dem vollkommen zu recht mit dem renommierten Mercury Prize ausgezeichneten Debütalbum „At Least For Now“: aus der Zeit gefallen, ebenso modern wie von gestern, schwelgerisch, energisch, klagend, zentnerschwer ausufernd und melancholisch in sich gekehrt. Dazu vorgetragen von einer Stimme, die zu den besondersten seit Antony Hegarty, vielleicht sogar seit Jeff Buckley und Nina Simone (welch‘ Dimensionen!) zählen darf. Man kann, man will dieses Werk gar nicht beschreiben – man sollte es hören! Meine Entdeckung des Jahres.

 

 

love a3.  Love A – Jagd und Hund

Wie schrieb ich doch in meiner Rezension zur Jahresmitte? „Eines steht fest: Frontmann Jörkk Mechenbier und seine drei Bandkumpane von Love A sind angepisst. Aus Gründen.“ Das hat sich freilich auch im Dezember noch nicht geändert, die zwölf runtergekühlten Post-Punk-Stücke des dritten Love-A-Albums haben allerdings nichts von ihrer überhitzt angewiderten Aura verloren. Wer „Adam Angst“ 2015 etwa abgewinnen konnte, der sollte auf „Jagd und Hund“ gern mal ein Ohr riskieren, schlagen die polternden Trierer Punker doch in eine ganz ähnliche Kerbe – vor allem textlich. Die Überdrehtheit der Vorgänger mag „Jagd und Hund“ nicht mit an Bord haben, doch die poppigen Ansätze und neue Introvertiertheit (beides natürlich sehr relativ zu sehen!) stehen Love A ganz ausgezeichnet.

 

 

pusicfer4.  Puscifer – Money Shot

Für Tool-Fans dürfte 2015 eigentlich als ein (weiteres) enttäuschendes Jahr in die Musikgeschichte eingehen, wurde man doch erneut wieder und wieder vertröstet in seinem Warten auf das erste neue Album seit dem 2006er Werk „10,000 Days“ (was umgerechnet gut 27 Jahren entspräche und somit der gefühlten Wartezeit näher und näher kommt). Auch für Freunde von A Perfect Circle sieht es da eigentlich kaum besser aus – trotz der Tatsache, dass vor etwa zwei Jahren mit „Stone And Echo“ ein üppiges Live-Dokument erschien. Eigentlich. Wäre da nicht das dritte, im Oktober erschiene Puscifer-Album „Money Shot“. Denn das Projekt, welches Tool- und A-Perfect-Circle-Stimme und -Fronter Maynard James Keenan vor einigen Jahren zur Auslegung verquerer (elektronischer) Ideen ins Leben gerufen hatte, hat sich über die Jahre zur veritablen Band gemausert. Und hat 2015 erstmals auch albumfüllend großartige Songs auf Lager, die fast ausnahmslos mit den bisherigen Stammbands des passionierten Winzers mithalten können (mit mehr Schlagseite zu A Perfect Circle, freilich). Den Stücken kommt vor allem zugute, dass ihnen die britische Musikerin Carina Round, die erfreulicherweise Jahr für Jahr immer tiefer mit Puscifer verwächst, eine zweite, weibliche Ebene liefert. Für Freunde von Tool und A Perfect Circle ist „Money Shot“ also Segen und Fluch zugleich – zum einen tröstet das Album fulminant über die länger werdende Wartezeit auf neue Songs hinweg, zum anderen wird es für Maynard James Keenan – mit derart feinen Songs im Puscifer-Gepäck – jedoch kaum attraktiver, zu den anderen Bands zurück zu kehren…

 

 

tobias jesso jr.5.  Tobias Jesso Jr. – Goon

Ähnlich wie bei Benjamin Clementine dürfte man beim Lebenslauf von Tobias Jesso Jr. an eine modern-männlich-musikalische Aschenputtel-Variante gedacht haben, die es dem 30-jährigen Eins-Neunzig-Schlacks dieses Jahr sogar ermöglichte, eines seiner (unveröffentlichten) Stücke auf dem Alles-Abräumer-Album „25“ von – jawoll! – Adele zu platzieren (nämlich die Single „When We Were Young„). Dass die Grande Madame des Konsenspop beim Hören von Jesso Jr.s Debüt „Goon“ sein Talent für feine, kleine Popsongs aufgefallen sein dürfte, ist allerdings nur allzu verständlich, denn immerhin ist das Album voll davon. Oder wie ich bereits im März schrieb: „Wer es schafft, bereits das eigene Debüt nach John Lennon, Paul McCartney, Harry Nilsson, Randy Newman, Billy Joel, Elton John, Todd Rundgren, Nick Drake oder Ron Sexsmith klingen zu lassen (und das, obwohl Jesso Jr. laut eigener Aussage einen Großteil dieser Künstler erst während der Arbeit an seinem Album kennen lernte), während man sich darüber hinaus noch eine gewisse Eigenständigkeit bewahrt, dem gebührt jeder einzelne Applaus“. Genauso sieht’s aus.

 

 

sufjan stevens6.  Sufjan Stevens – Carrie & Lowell

Dass Sufjan Stevens großartige, zu Herzen gehende Singer/Songwriter-Kunst abliefern kann, hat der 40-Jährige in den vergangenen 15 Jahren bereits hinlänglich bewiesen. Nur wollen wollte Stevens in den zehn Jahren, die seit „ILLINOIS“ ins Land gegangenen sind, immer weniger, veröffentlichte stattdessen Verqueres wie „The Age Of Adz“ oder gar Soundtracks über Schnellstraßen-Dokus. Von daher ist die größte Überraschung, dass Sufjan Stevens tatsächlich noch einmal mit einem Werk wie „Carrie & Lowell“ ums Eck kommt. Und dass es ein derartiges Meisterwerk des bittersüßen Songwritings werden würde. Denn das wiederum hat ganz persönliche Gründe: Stevens setzt sich auf „Carrie & Lowell“ mit dem Tod seiner Mutter und seines Stiefvaters auseinander und schreibt herzzerreißende Songs über das Leben, das Sterben und alles, was danach kommen mag. Klingt nach Tränendrückern? Die gibt es zwar („Fourth Of July“), aber das Album als Ganzes stellt dabei keinen musikalischen Trauermarsch dar, vielmehr feiert Sufjan Stevens das Leben als Kreislauf – in ruhigen Tönen, wie es nur er es kann. Toll.

 

 

Ryan Adams7.  Ryan Adams – 1989

Ryan Adams covert Taylor Swift – im Studio, ein ganzes Album, und dann auch noch den Millionenseller „1989„. Was sich lesen mag wie ein – wahlweise – verfrühter oder verspäteter musikalischer Aprilscherz, war keiner. Denn der 41-Jährige mit dem ohnehin breit aufgestellten Musikgeschmack, der bereits in der Vergangenheit hinlänglich bewiesen hat, dass es im Zweifelsfall jedes Genre von Doom Metal bis HipHop (mehr oder weniger ernsthaft) für sich besetzen kann, beweist mit seinen Interpretationen von Radiohits von „Shake It Off“ bis „Bad Blood“ seine Fertigkeiten. Freilich klingen die dreizehn Stücke nun gänzlich nach Ryan Adams, doch auch er kann sich den feinen Melodien der Ausgangskompositionen nicht gänzlich entziehen. Warum auch? Im Plattenladen oder auf Spotify mögen die Fanlager von Swift und Adams ganze Universen trennen. Hier kommt zusammen, was noch vor Monaten unmöglich schien. Da war auf Twitter selbst die Ursprungsinterpretin der Schnappatmung nahe…

 

 

Florence and the Machine8.  Florence and the Machine – How Big, How Blue, How Beautiful

Gerade im Vergleich zum großartigen, fünf Jahre jungen Debüt „Lungs“ war „Ceremonials„, 2011 erschienen, eine kleine Enttäuschung, setzten sich darauf doch deutlich weniger Songs zwischen den Ohrmuscheln fest. „How Big, How Blue, How Beautiful“ nun ist wieder ein durchweg tolles Album, getrieben durch imposante Orchesterinszenierungen und erzählt von der variablen Stimme von Florence Welch. Ein spannendes Werk mit elf Geschichten, die durch ihre Musikvideos noch mitreißender werden und erneut so universelle Themen zwischen Liebe, Wut, Tod und Angst behandeln. Ein Album, das am besten als Ganzes funktioniert und ausgestattet mit einem dramatischen Sog, Songs mit Gefühlen zwischen bunter Leichtigkeit („Queen Of Peace“) und erdrückendem Drama – alle mit einer immensen Wucht, und sogar mit Saxofon! Kaum verwunderlich, aber umso erfreulicher, dass der Britin und ihrer Band damit ihre erste US-Nummer-eins gelungen ist. Florence and the Machine sind 2015 ganz oben, da wo sie hingehören.

 

 

frank turner9.  Frank Turner – Positive Songs For Negative People

Frank Turner ist einer von den Guten. Plattitüde? Logisch. Aber besser kann und will man’s gar nicht ausdrücken. Und wenn der britische Punkrocker by heart dann noch mit so guten Songs wie denen seines sechsten Solowerks „Positive Songs For Negative People“ aus dem Studio kommt, dann kann der kommende schweißnasse Festivalsommer kein ganz Schlechter werden. Und wer beim abschließenden „Song For Josh“ nicht mindestens einen Sturzbach Tränen verdrücken muss, der ist aus Stein. Oder hört Techno. Beides wäre schade um ein Paar Ohren…

 

 

noah gundersen10. Noah Gundersen – Carry The Ghost

Top 3 im Vorjahr, Top 10 in diesem – kein ganz schlechtes Ergebnis für einen 26-Jährigen, für den sich außerhalb der heimatlichen USA kaum ein Schwein (geschweige denn Hörer) zu interessieren scheint. Was schade ist, denn Noah Gundersens Songs sind nicht erst seit dem fulminanten 2014er Debüt „Ledges“ eine Wucht, die mich gar zu Vergleichen mit Damien Rice, Ryan Adams oder dem Dylan-Bob hinrissen. Und dem steht „Carry The Ghost“ (fast) in nichts nach. Freilich merkt man dem zweiten Werk des Musikers aus Seattle (!) an, dass das Leichte des Erstlings einer schweren Reife Platz machen musste, doch ist es gerade dieses Geschlossene, in welches man sich mit jedem Hördurchgang immer tiefer hinein gräbt, das „Carry The Ghost“ erneut so ergreifend macht. Freunde von Ryan Adams‘ „Love Is Hell“ sollten reinhören, wer tolle Songs für ruhige Momente sucht, natürlich auch.

 

 

…und auf den weiteren Plätzen:

Foxing – Dealer

Desaparecidos – Payola

Roger Waters – The Wall (LIVE)

Kante – In der Zuckerfabrik: Theatermusik

William Fitzsimmons – Pittsburgh

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages: Benjamin Clementine – „River Man“


benjamin-clementine-c2a9sachaheron

Zu Benjamin Clementine möchte ich im Grunde gar nichts mehr sagen. Alles, was notwenig ist, habe ich wohl bereits im Juni in (m)einer Rezension zum noch immer großartigen Debüt „At Least For Now“ vom Stapel gelassen. Kaum ein Album hat mich – so viel steht bereits jetzt, Ende Oktober, fest – im Laufe des aktuellen Musikjahres derart nachhaltig beeindruckt. Und sicherlich wird sich diese Begeisterung wohl auch im Dezember zeigen, wenn es wieder einmal gilt, Jahresbestenlisten zu erstellen. Den Titel der „Entdeckung des Jahres“ hat der gebürtige Londoner und ehemalige Straßenmusiker schonmal inne, soviel ist sicher…

Five_Leaves_LeftDass der 26-jährige talentierte Pianoautodidakt nicht nur ein nahezu unheimliches Gespür für Harmonien und eine große Stimme besitzt, sondern scheinbar auch einen exquisiten Musikgeschmack, ist jedoch neu (aber am Ende kaum verwunderlich). So hat er – nebst naheliegenden Jazz-Größen wie Nina Simone – vor einigen Jahren auch den ewig tollen englischen Trauerweiden-Sänger Nick Drake, welcher bereits 1974 jung verstarb, für sich entdeckt. Passt das? Diese Frage könnte nun beantwortet werden, denn Benjamin Clementine, dieser wunderliche, fein gekleidete Schlacks mit den vielsagenden Augen einer alten Seele, hat sich Drakes wohl schönstes Stück „River Man„, das ursprünglich 1969 auf Nick Drakes Debütwerk „Five Leaves Left“ erschien, zur Brust genommen und ihm seine ganz eigene Note verliehen. Oder wie er auf seiner Facebook-Seite schreibt:

„I hope its not to far fetched. I discovered the song 3 years ago. As i do with interpretations, after listening the song a couple of times i stop then went to my piano a year later trying to tell the story but in my own way.“

 

Hier Clementines „River Man“-Version in der Variante der „Session Très Très Privée“ für den französischen Sender RTL2…

 

…und als aktuelle BBC Radio 2-Version:

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , ,

Das Album der Woche


Benjamin Clementine – At Least For Now (2015)

bc_by_akatre_t1000-erschienen bei Caroline/Barclay/Universal-

Echt jetzt? Wollen die einen etwa für dumm verkaufen? Mittelloser Junge aus *hust* „schwierigen Umständen“, der sich bereits seit Kindestagen – und das nicht nur seiner Hautfarbe wegen – als beflissener, belesener Außenseiter fühlt, flieht erst – von verheißungsvollen Versprechungen und vom Fernweh getrieben – aus dem Zig-Millionen-Einwohner-Molloch der englischen Hauptstadt und nach Paris, von dem er einst so viel las, sich so viel versprach. Dort führt er ein Vagabunden-, ein Herumtreiberdasein, schläft unter Brücken und dem freien Himmel, spielt seine Lieder in Metrostationen und wird dann und dort – endlich – von einem findigen Musikmanager erhört, der ihn alsgleich mit einem Plattenvertrag ausstattet… Was sich liest wie die größte, sich immer und immer wieder wiederkäuende Klischee-Räuberpistole des Pressesprechs, ist
so wohl tatsächlich die (bisherige) Lebensgeschichte von Benjamin Clementine.

Bilder: Micky Clement / Promo

Bilder: Micky Clement / Promo

Der heute 26-Jährige wurde 1988 als fünftes Kind einer ghanaischen Einwandererfamilie im Südlondoner Stadtbezirk Crystal Palace geboren. Einen Großteil seiner Kindheit, die wohl tatsächlich keine einfache war, verbrachte er bei seiner Großmutter in Edmonton im Norden der englischen Hauptstadt. Clementine wurde unter anderem wegen seiner Hautfarbe schikaniert und von seinen Mitschülern gemieden, ja: gemobbt, was er mit häufigem Schulschwänzen beantwortete. Er flüchtete sich in die Welt der Literatur, der Kunst und Musik, befasste sich unter anderem mit den Dichtungen von William Blake und der Bibel und bereicherte damit seinen Wortschatz.

Nachdem Clementine sein Studium der Rechtswissenschaften an die Wand gefahren und sich mit seinem damaligen Mitbewohner verkracht hatte, brach er seine Zelte in London ab. Er flüchtete nach Paris, wo er mehrere Jahre als Obdachloser lebte und unter Brücken schlief, bis er seinen Lebensunterhalt als Straßenkünstler (er spielte etwa in der Pariser Métro Songs auf der Gitarre) sowie als Pianist in Bars und Hotels bestreiten und sich eine Unterkunft in einem Wohnheim im Pariser Künstlerviertel Montmartre leisten konnte. Benjamin begann, eigene Songs zu schreiben und vorzutragen und wurde von einem A&R-Manager entdeckt, der ihn förderte und mit Kontakten versorgte. Die waren es denn auch, die ihm im Jahr 2012 einen Auftritt beim „Festival de Cannes“ ermöglichten, wo er Lionel Bensemoun, einen französischen Medienmogul, kennenlernte. Der war von Benjamin derart begeistert, dass er ihm prompt einen Vertrag beim renommierten französischen Label Barclay Records besorgte. Nach zwei kleineren Ausrufezeichen, die Clementine 2013 und 2014 mit EP-Veröffentlichungen setzten konnte, erscheint nun sein Debütalbum „At Least For Now„. Um eines vorweg zu nehmen: es ist kein Werk zum Nebenbeihören.

Benjamin-Clementine-c-Micky-Clement-664x440

Das wird schon mit dem Eröffnungsstück „Winston Churchill’s Boy“ allzu deutlich. „Nobody knows what’s on this boy’s mind / Nobody knows what he’s been picturing“ – zunächst einzig und allein von (s)einem Piano begleitet, erzählt er die Geschichte von Randolph Churchill, dem einzigen Sohn des großen Staatsmannes, einem Dandy, Trinker, Reporter – und tatsächlich später auch Abgeordneten. Den Schatten des Übervaters wurde er dennoch nie los, und so ist der Song auch eine Fabel, die von allen Söhnen mit starken Vätern handelt: „Don’t you ever judge Winston boy“. In den ersten fünfeinhalb Minuten des Albums nimmt Clementine bereits Vieles vorweg, was in den kommenden zehn Stücken noch kommen wird: die stets unstete Struktur seiner Stücke, die Brüche aufweisen, die der junge Künstler gekonnt mit unerwarteten Stimm- oder Tempowechsel füllt. Hier eilen ihm Streicher zu Hilfe, da huscht ein sacht angeschlagenes Schlagzeug vorbei. Die Mitte, das Zentrum bilden immer Benjamin Clementine und sein Piano. Und wie! Er erzählt bedächtig und staatstragend, er barmt und fleht („Then I Heard A Bachelor’s Cry“), er frohlockt („London“), er greint, er windet sich von den höchsten stimmlichen Höhen hinab in abgrundtiefe Tiefen (und das alles innerhalb weniger Augenblicke – zu hören in „Adios“), er rührt mit Ehrlichkeit, Direktheit und einer Menge Tremolo nicht selten mitten im Herz.

Vor allem die beiden Fixpunkte Paris und London sind auf den Stücken von „At Least For Now“, das Clementine gemeinsam mit dem Produzenten Jonathan Quarmby (u.a. Ziggy Marley, Pretenders, Eagle-Eye Cherry, Sugababes) in der englischen Hauptstadt aufnahm, kaum zu überhören, winden sich doch Größen wie Léo Ferré, Nina Simone, Edith Piaf, Leonard Cohen und Jaques Brel, aber auch Erik Satie, Nick Drake oder Jeff Buckley aus jeder Pore der gut 50 Minuten – kein Wunder, dass sich vor allem die französischen Hörer mit Jubelarien überschlagen. Chanson steht gleichberechtigt neben Jazz, Blues, Gospel, Soul, Kammermusik, Singer/Songwritertum, Neo-Klassik und Neuer Musik, ja sogar einen Spritzer nervöser Dubstep (man höre „Condolence“!) huscht durch die Songs. Benjamin Clementine baut darum seine Erzählungen auf, die mal autobiografische („London“, „Cornerstone“, „Adios“), mal historische („Winston Churchill’s Boy“), mal rein fiktive Ursprünge haben. Und er ist ein ebenso fesselnder Erzähler wie Sänger! Seine Biografie, seine Begabung, seine nicht selten unorthodoxe Herangehensweise an Songwriting und Vortrag lassen an große Künstler der letzten Jahrzehnte denken, wie Rufus Wainwright (ohne den Schwulst) oder Patrick Wolf (in seinen schönsten, berührendsten Momenten), vor allem jedoch an einen: Antony Hegarty. Denn ebenso wie das androgyne Frontwesen von Antony & The Johnsons, dieser scheue Pausbackenpummel mit der Jahrhundertstimme, schafft Benjamin Clementine etwas, was auch tausend Orchester mit Pomp und allerlei Tamtam nicht auszugleichen wissen: er berührt allein schon durch seine Stimme, ohne dass es in diesem Minuten allzu mehr bedarf. Der Abgang in „Gone“ ist ein stiller, ist ein einfach fulminanter: „But it all doesn’t matter anymore / It doesn’t matter / All because I’m here now“.

Freilich werden sie in unseren schnelllebigen schönen neuen Zeiten, in denen Taylor Swifts Outfit bei ter x-ten Preisverleihung mehr Aufmerksamkeit zukommt als ihren Songs (ein zufälliges Beispiel, natürlich), dem Zweimeterschlacks kaum die roten Teppiche ausrollen. Viel zu sehr sind Clementines Songs in einer Zeit verhaftet, in der Qualität alles war, Quantität etwas, dass Schellack nur überfordert hätte. Und obwohl seine Stücke bereits ein kumuliertes Raunen durch den (digitalen) Blätterwald geblasen haben, tastet sich „At Least For Now“ zunächst mit einigen Top-20-Plazierungen (etwa in – natürlich – Frankreich, den Niederladen oder Belgien) an größere Meriten heran. Die große Bühne, die schweren Samtvorhänge, die feine Abendgarderobe – all das hätten seine Songs, die so sehr im Gestern und Heute, in den englischen Nebelschwaden von Edgar Allen Poe wie den flamboyanten Sonnenstrahlen eines Serge Gainsbourg verhaftet sind, sicherlich verdient. Andererseits hätte man die Erzählungen des jungen Mannes, der obendrein aussieht wie Nina Simones geheim gehaltener Sohn, auch gern noch ein wenig ganz für sich – und wenn auch nur für einige intime Augenblicke mehr. Ganz allein für sich – als Geheimtipp, den man guten Freunden beim Weintrinken ans Herz legt. Damit auch sie berührt werden…

arton176036

 

 

Hier gibt’s die Musikvideos zu „Cornerstone“, „Nemesis“ und „Condolence“…

 

…sowie zwei ausführliche Live Sessions von und mit Benjamin Clementine:

 

Und wer ein wenig mehr über den 26-jährigen Vollblut-Musiker erfahren möchte, dem sei dieses Portrait des deutschen „Rolling Stone“ ans Herz gelegt…

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
%d Bloggern gefällt das: