Schlagwort-Archive: Ben Folds

Klassiker des Tages: Ben Folds – „Smoke“


ben_folds

Da Ben Folds seit einigen Jahren etwas außerhalb des popkulturellen Massengeschmacks agiert (wobei man schon wieder genüsslich darüber debattieren könnte, ob er je „drin“ war), gerät schnell in Vergessenheit, was für ein toller Songschreiber und Geschichtenerzähler der 52-jährige „Piano Man“ doch ist…

600x600bfMan nehme etwa „Smoke„, seines Zeichens anno 1997 auf „Whatever and Ever Amen„, dem zweiten Album seiner On/Off-Band Ben Folds Five, zu der neben Folds noch Bassist Robert Sledge und Schlagzeuger Darren Jessee gehören, veröffentlicht und – nebst dem (für mich auch aus ganz persönlichen Gründen) bewegenden „Brick“ – bis heute eines der tollsten Gänsehaut-Stücke aus Folds‘ (vermeintlicher) Feder – guter Konkurrenz noch und nöcher zum Trotz.

Und: Wenn ich mich recht entsinne, war dieser Song vor vielen Jahren mein Erstkontakt mit Ben Folds‘ mittlerweile nicht eben kleiner Diskografie, als der von mir seit jeher geschätzte Nick Hornby in seinem 2003 erschienenen Buch „31 Songs“ das Lied von Ben Folds Five als einen der „schlauesten, weisesten Songs über den schleichenden Tod einer Beziehung“ über den literarischen grünen Klee lobte und Folds zu den perfekten und cleveren Lyrics gratulierte. Dieser wiederum bedankte sich zwar artig bei Hornby, wies jedoch darauf hin, dass der Text gar nicht von ihm stamme (sondern – ausgerechnet und interessanterweise – von seiner Ex-Frau Anna Goodman, mit der er bis 1992 verheiratet war). Der US-amerikanische Piano-Singer/Songwriter und der britische Autor (u.a. „About A Boy“, „High Fidelity“) wurden übrigens recht schnell Buddies und brachten einige Jahre später, 2010, mit „Lonely Avenue“ sogar ein gemeinsames Album heraus, auf welchem Folds Texte von Nick Hornby in Songs verwandelte…

Nevermind – absoluter Gänsehaut-Song, bis heute und auf ewig, der in den brillanten Zeilen „Those who say the past is not dead / Stop and smell the smoke / You keep on saying the past is not dead / Come on and smell the smoke“ kulminiert. Wahre Worte. Hummeltitten überall. 💔

 

Eine der tollsten Versionen von „Smoke“ gab Ben Folds vor einigen Jahren unterstützt vom West Australian Symphony Orchestra zum Besten:

 

„Leaf by Leaf, page by page
Throw this book away
All the sadness all the rage
Throw this book away
Rip out the binding, tear the glue
All of the grief we never ever knew
We had it all along
Now it’s smoke

The things we’ve written in it
Never really happened
All of the people come and gone
Never really lived
All of the people have come have gone
No one to forgive smoke
We will never write a new one
There will not be a new one
Another one, another one…

Here’s an evening dark with shame
Throw it on the fire
Here’s the time I took the blame
Throw it on the fire
Here’s the time we didn’t speak
It seemed for years and years
Here’s a secret
No one will ever know the
Reasons for the tears
They are smoke

Where do all the secrets live?
They travel in the air
You can smell them when they burn
They travel…

Those who say the past is not dead
Stop and smell the smoke
You keep on saying the past is not dead
Come on and smell the smoke
You keep saying the past is not even past
You keep saying
We are… smoke“

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Abgehört…


Um eines vorweg zu nehmen: Ich mag es nicht, Verrisse zu schreiben. Zum einen ist unser aller Zeit viel zu kurz für – freilich subjektiv empfunden – schlechte Musik. Zum anderen bin ich mir all der Mühe, die die jeweiligen Künstler in ihre zu Alben kumulierten Stücke haben fließen lassen, all der Zeit beim Schreiben und Proben der Songs, all dem Herzblut, die sie in vielen, vielen Stunden Studioarbeit haben einfließen lassen (ganz zu schweigen von den Kosten), durchaus bewusst. Wenn ein Stück, wenn ein Album irgendwann das Licht der Plattenläden erblickt, dann nur, weil die Künstler ihren Hörern wohl etwas zu sagen, etwas zu geben haben. Und nichts läge mir ferner, als sie, nur weil es eben nicht meine sprichwörtliche cup of tea ist, dafür zu kritisieren. Andererseits bin auch ich nur ein Fan, ein Hörer mit all seinen Erwartungshaltungen. Mag sein, dass man im Alter wählerischer wird und weniger offen für Neues. Mag sein, dass die Hürden beim Hören, beim Gefallen und Nichtgefallen mit der Zeit – auch bei mir – höher angesetzt worden sind. Umso trauriger ist es, wenn einen dann einstige Lieblingskünstler immer wieder aufs Neue herb enttäuschen. Also muss es wohl sein… here we go!

 

 

The Good Life – Everybody’s Coming Down (2015)

GD30OB2-N.cdr-erschienen bei Saddle Creek/Cargo-

Einer dieser Allzeit-Lieblingskünstler war (und ist) Tim Kasher. Nicht nur ist der Ü40er seit den Neunzigern eine der stetigen kreativen Triebfedern des renommierten US-Indie-Labels Saddle Creek, über die Jahre hat der Mann mit dem dritten, 2004 erschienenen Album „Album Of The Year“ seines Zweitprojekts The Good Life ANEWFRIENDs potentielles All-Time-Fav-Werk abgeliefert, ohne das es diesen Blog vielleicht nie gegeben hätte – zumindest würde er nicht diesen Namen tragen (mehr dazu eventuell in Zukunft). Obwohl: Zweitprojekt? Das war ja bei Kasher nie so klar. Mal veröffentlichte der Musiker unter dem Namen Cursive (acht Alben bis dato), mal unter dem The-Good-Life-Deckmantel (fünf Alben), mal wieder solo (zwei Alben) – alles in mehr oder minder kurzen Abständen. Und wo Kasher drauf stand, war freilich am Ende auch sehr viel Kasher drin. Den Herren, Jahrgang 1974 und waschechter Omaha’laner (genauso wie sein Herzenslabel Saddle Creek), erkannte man schon immer an seinem windschiefen *hust* Gesang und den wortgewaltigen Texten. Die wurden denn mal von Ausbrüchen, gepflegten Disharmonien und Post-Hardcore mit Hang zum überkandidelten Konzept umrahmt (Cursive), mal von ruhigen, melancholischen bis depressiv-nachtschwarzen Momenten (The Good Life) oder von einem zwischen den Stühlen changierenden Singer/Songwriter mit Lust auf kleine elektronische Experimente (solo). Über die Jahre sprangen so mindestens eine Handvoll toller Alben heraus (etwa „Black Out“ oder das bereits erwähnte „Album Of The Year“ von The Good Life, „The Ugly Organ“ oder „Happy Hollow“ von Cursive oder Tim Kashers Solo-Einstand vor fünf Jahren, „The Game Of Monogamy“), mit denen Kasher und seine jeweiligen Mitmusiker ihre Nische gefunden hatten, die die Orientierungslosigkeit (vom Endzwanziger bis zum Ü40er) in einer immer verworrener erscheinenden Welt als stetes Sujet hatte – auch etwas, was nicht nur mich durch schwere Tage und Nächte gerettet hat.

Mit dem neusten The Good Life-Werk „Everybody’s Coming Down“ verhält es sich nun anders. Zwar ist Tim Kasher noch immer nicht der himmelhoch jauchzende Rosarotmaler (der er freilich nie war). Zwar dominieren noch immer die Gitarren. Aber The Good Life klingen so gar nicht mehr nach der Band, die da einst, auf dem bereits stattliche acht Jahre zurückliegenden letzten Album „Help Wanted Nights„, musizierte und so wunderbar melancholische Barschemel-Musik zustande brachte. Vielmehr haut Kasher anno 2015 alle Haupt- und Nebenschauplätze seiner Kreativität – Cursive, The Good Life, Soloaktivitäten – gleich in einen Topf. Das wäre natürlich nicht weiter schlimm, denn bei Borussia Dortmund würden sich wohl auch nur die Wenigsten beschweren, wenn ihr Verein plötzlich wie der verhassten Bayern aus München spielen, solange man(n) nur Spiele gewinnt. Das Problem ist nur (um einmal bei dieser Analogie zu bleiben): „Everybody’s Coming Down“ fährt keineswegs den Sieg oder die drei Punkte ein…

thegoodlifebytonybonacci

Stattdessen schlagen die zwölf neuen Stücke eine Brücke vom Cursive-Krach zum Solo-Pop – und reißen diese in Sekundenbruchteilen mit exorbitant windschiefen Melodien wieder ein. Manch einer mag bei Stücken wie „Everybody“ an Pavement denken, klar. Und gegen die ein oder andere eingestreute Disharmonie mag auch gar nichts zu sagen sein. Allerdings klingt der Großteil der Stücke auf „Everybody’s Coming Down“ derart schräg nach unfertigen Proberaum-Demos, dass man sich wünscht, dass der ein oder andere Song auf ewig dort geblieben wäre. Elektronische Experimente (das Interlude „Happy Hour“) nerven, von hinten aufgezogene Stücke („Flotsam Locker Into A Groove“) gehen komplett nach hinten los. Ganze zehn Songs als sichere Skip-Kandidaten – einzig das gemächliche „The Troubadour’s Green Room“ und der Abschluss „Midnight Is Upon Us“, in welchem Kasher verpassten Gelegenheiten nachtrauert, erinnern im Ansatz an einstige geliebte Großtaten.

Wieso Tim Kasher „Everybody’s Coming Down“ unter dem Deckmantel von The Good Life veröffentlicht hat (außer der Tatsache, dass Schlagzeuger Roger L. Lewis, Gitarrist Ryan Fox und Bassistin Stefanie Drootin-Senseney daran beteiligt waren), wird wohl auf ewig sein Geheimnis bleiben – ebenso wie die Tatsache übrigens, dass diese Stücke überhaupt durch seine Qualitätskontrolle kommen konnten. Wo sind die tollen Melodien, wo die majestätischen Refrains, wo die feinen Books und Wendungen? Nervöse Widerhaken und Stacheldrahtriffs statt bekömmlicher Folk-Atmosphäre. Es scheint fast so, als würde sich beinahe jeder Song des aktuellen The Good Life-Werks der Hörbarkeit verweigern. Und das wäre selbst für die Widerspenstigkeit von Cursive bei Weitem zu wenig. „I’m singing for show and tell / I’m singing for a spot on your record shelf“ – hiermit wohl kaum…

 

 

 

Ben Folds – So There (2015)

bf-sothere-72dpi-erschienen bei New West/Rough Trade-

Ganz ähnlich verhält es sich bei Ben Folds. Wie auch Tim Kasher kann der heute 48-jährige Musiker auf eine lange Diskographie in den verschiedensten Formation und Variationen zurückblicken, welche bis Mitte der Neunziger zurückreicht. Mal spielte er mit seiner Stammband Ben Folds Five, die 2012 – nach schlappen 13 Jahren Veröffentlichungsauszeit – ihr viertes Studioalbum „The Sound Of The Life Of The Mind“ in die Plattenläden stellten, mal – und vor allem – solo (drei Alben, von denen das letzte, „Way To Normal„, 2008 erschien), mal gemeinsam mit Ben Lee und Ben Kweller als „The Bens“. Nebenbei verdingte sich der US-Musiker noch als Produzent (etwa für William „Captain Kirk“ Shatner, Regina Spektor oder Amanda Palmer), vertonte Nick-Hornby-Texte (das 2010 veröffentlichte Album „Lonely Avenue„) oder als passabler Fotograf. Doch wenn man ehrlich war, so liegt das letzte richtig gute Ben-Folds-Werk („Songs For Silverman„) schon ganze zehn Jahre zurück. Ganz zu schweigen vom Ben Folds Five-Meilenstein „Whatever And Ever Amen„, der 1997 erschien…

So gesehen hätte er mit „So There“ einiges gut zu machen. Doch wer Ben Folds kennt und dessen Karriere aufmerksam verfolgt, der weiß, dass der gewitzte Songwriter Billy-Joel’scher Couleur sich einen feuchten Kehricht um derlei Erwartungshaltungen schert. Stattdessen hat Folds sich für sein neustes Album mit dem New Yorker Klassik-Sextett yMusic zusammen getan.

ben-folds-y-music-2015-promo-img

Klassik? Nun ist auch das nichts Neues in Folds‘ Betätigungsfeld, immerhin hatte der Mann schon seit jeher einen Hang zum Getragenen, Sentimentalen. Und: auch Streicher fanden bereits des Öfteren den Weg in seine Songs – ob nun bei Ben Folds Five, auf Solo-Werken oder auf Tournee (siehe die Live-DVD „Ben Folds and WASO Live in Perth“, die ein gemeinsames Konzert mit dem West Australian Symphony Orchestra dokumentiert). Nun also stellte er sich ein Klassik-Sextett zur Seite, um mit diesem acht neue Songs sowie ein dreiteiliges, zwanzigminütiges „Concerto For Piano And Orchestra“ einzuspielen und nebenbei die ein oder andere seiner oft so tollen, gewitzten, hintergründigen Geschichten zu erzählen. Gelungen ist das leider nur teilweise.

Dabei mangelt es – wie so oft – nicht an den Texten. Ben Folds weiß, wie er den Hörer zu Lachen, zum Weinen bringen kann (siehe das ewig große „Brick“ oder die große Elliott-Smith-Hommage „Late„). Ben Folds weiß, wie er Stücke mit doppelten Böden, zeitgeistigen Hakenschlägen und offen sezierten Gefühlsenden schreibt. Nur hört man all das auf „So There“ leider viel zu selten. Klar, „Capable Of Anything“ mag recht flott einleiten, „Phone In A Pool“ (fast) an den „alten“ Ben Folds erinnern, der Songreigen-Abschluss „I’m Not The Man“ (welches, den Gerüchten nach, tatsächlich für den Soundtrack des Al-Pacino-Films „Danny Collins“ gedacht war, von den Filmmachern jedoch abgelehnt wurde) fein sentimental ausfallen. Sonst bleibt jedoch von „So There“ (der Witz steckt hier bereits im Titel!) kaum etwas hängen – Klassik hin oder her. Festzustellen bleibt auch: Betrachtet man 20 Jahre Ben Folds, so fällt auf, dass er immer dann am besten war, wenn er die Balance zwischen rumpelnder Ätze und väterlicher Milde hielt. Stücke wie „Song For The Dumped“, „Rockin’ The Suburbs“ oder „Landed“ zogen ihre Stärke nicht nur aus der Form, sondern auch aus dem Inhalt. „So There“ bietet viele Fingerübungen, jedoch wenig Konkretes. „I stopped caring what you think about me“ – sieht ganz so aus. Schlagfertig geht definitiv anders. Und Ben Folds ohne Schlusspointe funktioniert einfach nicht.

 

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Viele Namen in Nacht und Nebel – Ben Lees „Mixtape“-Album mit Ben Folds, Zooey Deschanel, Nina Persson, Neil Finn…


ben-lee-promo-2015-900x506

Das Schöne an Nacht-und-Nebel-Aktionen ist ja, dass niemand mit ihnen rechnet.

So auch im Falle von Ben Lee. Der australische Singer/Songwriter mag hierzulande trotz seiner zahlreichen sehr gelungen Alben, die er seit Mitte der Neunziger veröffentlicht hat, nach wie vor ein quasi unbeschriebenes Blatt und nur den Wenigsten bekannt sein (von daher wird auch kaum jemanden interessieren, dass sein neues Album „Love Is The Greatest Rebellion“ im Mai diesen Jahres erscheinen soll). Und doch hat der Musiker von „Down Under“ nun für eine kleine Überraschung gesorgt: ein namenhaft besetztes „Mixtape-Album“, das er vor wenigen Tagen über Nacht via Bandcamp ins Netz stellte…

Eigentlich begann das „Mixtape“-Projekt als kleines Experiment, wie Ben Lee selbst anmerkt. Er schrieb Songs auf bestimmte Stimmen zugeschnitten und lud schließlich die betreffenden Künstler ein, um die jeweiligen Stücke einzusingen. So entstand eine Platte mit befreundeten Künstlern wie Zooey Deschanel, Ben Folds (mit ihm und Ben Kweller nahm Lee 2003 die – wie passend – „The Ben EP“ auf), Eels-Frontmann E, John-Lennon-Sohn Sean, Maria Taylor und Orenda Fink von Azure Ray, Cardigans-Chanteuse Nina Persson oder Neil Finn.

Das Beste: Im Grunde „verschenkt“ der Musiker das komplette elf Songs starke „Mixtape“-Album. Ben Lee bittet lediglich um eine Spende von (zumindest) einem Dollar für sein Werk. Das Geld soll der von ihm unterstützten Inkarri Cultural Organization zugute kommen.

 

 

Hier könnt ihr das gesamte „Mixtape“-Album im Stream hören:

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Mein Senf: „Musik sollte immer ein schönes Hobby bleiben“ – oder man ist Coldplay


pomplamoose

Im Grunde sind das ja alles altbekannte Hüte. Als mehr oder minder professioneller Musiker hat man es heutzutage immer schwerer, auch „von der Musik leben zu können“. Heißt im Klartext: Bezahlt einem das „schöne Hobby“ (Zitat Kettcar, deren Frontmann Marcus Wiebusch im Jahr 2005 eine B-Seite zum Album „Von Spatzen und Tauben…“ nur halb im Spaß mit „Musik sollte immer ein schönes Hobby bleiben“ betitelte) am Monatsende (zumindest) auch Miete, Nebenkosten und das täglich‘ Brot? Insofern man nicht Madonna, Justin Timberlake, Taylor Swift, U2 oder Coldplay ist und im Nu ganze Stadien ausverkaufen kann, ist diese Rechnung noch längst nicht gesichert. Und auch ein guter Ruf innerhalb der Landesgrenzen oder darüber hinaus macht das nicht besser. Vor und nach Konzerten hatte ich selbst über die Jahre so einige Gelegenheiten, mit Musikern über deren Leben dies- wie jenseits der Bühnenbretter zu sprechen. Tenor, sehr oft: Die Musik als solche – sprich: der „reine Tonträger“ als CD, LP oder bezahlter Download – deckt meist (bestenfalls) die Kosten für Aufnahme, Herstellung und Vertrieb ab (siehe auch die Grafiken weiter unten), während der Künstler/die Band touren muss (unabhängig davon, dass sie im Grunde ja auch „Bock“ auf die Livepräsentation haben), um „das Ding“ zu promoten und sich bei der Hörerschaft wieder ins Gedächtnis zu rufen. Des weiteren sind alle „kleineren Namen“, die eben kein zahlungskräftiges (Major)Label im Rücken haben, gezwungen, die Kosten zur Aufnahme, Herstellung etc. fürs nächste Album selbst vorzustrecken, bevor die gleiche Ochstentour aufs Neue beginnen kann. Ein Teufelskreis par excellence? Aber holla! Und auch wenn ihnen auf Tour allabendlich (bestenfalls) einige hundert bis tausend Besucher zujubeln und lautstark nach Zugaben rufen, haben diese Musiker „im wahren Leben“ nicht selten stinknormale Broterwerbsjobs, hinter denen sich nur mit massig Fantasie ein derart kreatives Leben „on the road“ beziehungsweise auf Bühnenbrettern und im Glanze von Scheinwerferspotlights vermuten lässt. Freilich ließe sich nun wieder die altbekannte und oft angeführte Debatte über die „schöne neue digitale Welt“, über das Internet mit all seinen Vor- und Nachteilen ins Feld treten. Fakt ist, dass die „fetten Jahre“, in denen große Labels mit sinnbildlichen Dollarscheinen und finanziellen Vorschüssen nur um sich schmissen, den Künstler namenhafte Produzenten, teure Studios und noch teurere Hotelsuiten im Voraus und in der guten Hoffnung auf den nächsten Superhit finanzierten, dank des moralisch verwerflichen Denkfehlers, dass Musik im „digitalen Zeitalter“ immer und überall verfügbar sein sollte (tatsächlich oft auch: ist) und daher auch nichts kosten muss, längst vorbei sind (Namen wie die weiter oben genannten mal außen vor). Sobald man als Künstler oder Band unter dem – natürlich ebenso weit gefassten wie nichts sagenden – Label „Indie“ läuft, gehört schon eine große Schippe Enthusiasmus, Idealismus und Erfindungsreichtum dazu, um im Jahr 2014 noch das große „Hamsterrad Musikbusiness“ zu betreten. Wohl dem, der all dies aufbringen kann…

verkauf_cd_album

verkauf_cd_single

(beide grafischen Statistiken stammen von 2008 und sind diesem Artikel entnommen…)

 

Diese „Rechnung“ – im wahrsten Wortsinne – machen nun auch Pomplamoose auf. Den Ausschlag hierfür hat wohl gegeben, dass dem aus dem Pärchen Jack Conte und Nataly Dawn bestehenden kalifornischen Indiepopduo, welches seit 2008 – vornehmlich über den eigenen YouTube-Kanal – gemeinsam musiziert und es so zu ansehnlicher (Internet-)Bekanntheit gebracht hat, auf deren Tour immer wieder in den Mund gelegt wurde, dass „man es nun geschafft“ habe. „Nichts da!“ entgegnen Pomplamoose. Und stellen nun selbst eine detaillierte Rechnung ihrer kürzlich absolvierten 2014er Tournee online, die belegt, dass auch ein Name allein noch längst keine Tour zur gewinnbringenden – oder schwarze Zahlen schreibenden – Sache macht.

pomplamoose_main

Freilich hagelt es da auch (nicht ganz unberechtigte) Kritik aus dem eigenen „Indie-Lager“. So habe das Duo und deren Crew (Mitmusiker, Techniker, Tourmanager) die Preisgrenze für Equipment, Unterkunft, Verpflegung etc. deutlich zu hoch angesetzt, um am Ende der Tournee mit einem schwarzen Plus dastehen zu können und den – gerade in „Indie-Kreisen“ – hoch gepriesenen und immens wichtigen Erfindungsreichtum vermissen lassen. Oder sind die beiden am Ende gar nur weinerliche, wenig realistische „Indie-Weicheier“? Sei’s drum! Ganz unabhängig vom Gefallen oder Nicht-Gefallen der Musik von Pomplamoose sowie der Nachvollziehbarkeit der bitteren Schlussbilanz ihrer Tourneeabrechnung bleibt unterm Strich jedoch der Anstoss des Duos zur erneuten Debatte um den Broterwerb vom „schönen Hobby“ und den tagtäglichen, enthusiastisch geführten Kampf ums das „Leben mit und von der eigenen Musik“. Glaubt mir: Heutzutage ist für die Musiker selbst, denen man bei Konzerten vor wenigen Augenblicken noch frenetischen Applaus gezollt hat, kaum etwas wichtiger, als dass man sich als zufriedener Besucher – insofern nicht gerade selbst klamm bei Kasse – mit einem kleinen „Souvenir“ vom Merchandise-Stand – sei es nun ein T-Shirt, eine CD, LP oder ein Poster – bei ihnen bedankt und revanchiert. „Musik sollte immer ein schönes Hobby bleiben.“ Die Frage ist: Muss es das?

 

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , ,

Neues Ben Folds Five-Video zu „Do It Anyway“


In 13 Jahren kann man so einiges machen: die halbe kommende Nachwuchsmannschaft von Borussia Dortmund zeugen, die komplette Schullaufbahn durchleben, ausgiebig Medizin studieren, kreuz und quer durch die Weltgeschichte reisen, sich allen Bob Dylan-Alben oder Stephen King-Romanen en detail widmen…

 

In das dieser Tage erschienene Ben Folds Five-Album „The Sound of the Life of the Mind“ muss ich mich, wie in alle anderen Veröffentlichungen des großen Tastenmeisters bisher, erst noch hineinhören… Nichtsdestotrotz möchte ich euch das Video zur ersten Single aus dem ersten Album des wiedervereinigten Dreiergespann (neben Folds am Piano und Gesang besteht die Band noch aus dem Bassisten Robert Sledge und dem Schlagzeuger Darren Jessee) nach geschlagenen 13 Jahren (Veröffentlichungs)Pause nicht vorenthalten.

„Do It Anyway“ zeigt wieder einmal den hohen Humorfaktor Folds‘ auf, welcher sich durch die komplette Band- und Solo-Karriere des arbeitswütigen Herren zieht (und – hey! – mit Amanda Palmer und William Shatner in der Produzentenvita macht man auch nichts falsch!). In prominenten Gastrollen zu bestaunen sind unter anderem Jim Hensons bunte Truppe Die Fraggles, Schauspielerin Anna Kendrick sowie die Comedians Rob Corddry und Chris Hardwick.

Das Album benötigt noch ein paar Umdrehungen, das Video überzeugt und unterhält im ersten Durchgang.

 

Und bei soviel Unterhaltungswert lässt sich ANEWFRIEND nicht lumpen und liefert auch gleich noch ein kleines Behind the Scenes-Video:

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , ,

Das Album der Woche


Da mich der – selbstredend legal erworbene – digitale Download erst gestern erreichte, kommt ANEWFRIENDs aktuelles „Album der Woche“ dieses Mal mit Verspätung. Aber: es kommt. Und: es lohnt sich! Denn es ist ein Liebesgeständnis an eine besondere Frau…

 

Amanda Palmer & The Grand Theft Orchestra – Theatre Is Evil (2012)

-erschienen bei Cooking Vinyl/Indigo + im Selbstvertrieb-

Findige, der journalistischen Gilde angehörende Schreiberlinge haben es bekanntlich oft genug in den letzten Jahren in Druckerschwärze sowie digitale Nullen und Einsen setzen lassen: das Musikgeschäft ist tot, die Industrie am Ende und die Musikschaffenden in Zukunft unweigerlich – wahlweise – zum Bettlertum oder Malochen im „9 to 5“-Job verdammt. Nun, eine Dame namens Amanda MacKinnon Gaiman Palmer straft all diese vermeintlich hellsichtigen Köpfe zumindest in letzterem Punkt und beindruckendem Maße Lügen…

Denn nach der Trennung von ihrem bisherigen Label beschloss sie, ihr nun erschienenes zweites Soloalbum „Theatre Is Evil“ komplett über Kickstarter finanzieren zu lassen. Bedeutet: man mobilisiert in einem festgelegten Zeitraum ausreichend Fans und Interessenten, um eine bestimmte Schwellensumme zu erreichen, und bietet im Gegenzug eine Beteiligung am Projekt und/oder eine Gegenleistung (Gratis-Download, spezielle Editionen, handgefertigte Extras, exklusive Konzerte und/oder Meet & Greets…). In Palmers Fall waren es 100.000 benötigte Dollar innerhalb eines Monats. Ende Mai zählte die Seite 24.883 Unterstützer und die unglaubliche Rekordsumme von 1.192.793 Dollar, also mehr als das Elffache des veranschlagten Betrags! Wer Mrs. Palmer jedoch kennt und ihre Karriere, welche als Straßenkünstlerin und später als Frontfrau der Dresden Dolls ihren Anfang nahm, wachen Auges und Ohres betrachtet und belauscht, der weiß, dass diese bedingungs- und kompromisslos für Kunst, Individualität und künstlerische Freiheit lebende Frau wie wohl kaum eine andere auf ihre Fans bauen konnte und kann.

Amanda Palmer machte sich also sogleich mit Band, befreundeten Künstlern und Unterstützern ans Werk, nahm Songs auf, ließ thematisch an Albumkontexte gebundene Artworks anfertigen, trug Goodies als Albumbeilagen für ihre treuen Fans zusammen… und hielt, als berühmt-berüchtigte Bloggerin die Außenwelt stets auf dem Laufenden.

Doch die wichtigste Frage für den Hörer ist wohl: haben sich die vierjährige Wartezeit (ihr Solodebüt erschien 2008, weitere Veröffentlichungen der umtriebigen Musikerin hielten die zahlreichen Fans bei der Stange) und die finanzielle Beihilfe gelohnt? Nach dreizehn Songs (plus ein auf deutsch gesprochenes Intro, plus einem Zwischenspiel) in gut 70 Minuten kann man alle Zweifel mit einem eindeutigen „Ja!“ beiseite räumen. Zwar ist „Theatre Is Evil“ in großen Teilen so ganz anders als noch das gemeinsam mit Ben Folds geschriebene und aufgenommene „Who Killed Amanda Palmer“ (für welches sie einige Lieder, da sie wohl nicht in den Kontext ihrer Haupt-Zwei-„Mann“-Band The Dresden Dolls passten, bereits seit Jahren auf Halde liegen hatte), doch im Großen und Ganzen ist es eine faszinierende, unterhaltsame Bandplatte – nicht umsonst wird ihre neue Begleitband The Grand Theft Orchestra an allen Ecken und Ende gleichberechtigt erwähnt.

Bereits der erste Titel „Smile“ („Smile / You can forget about your life“) ist eine opulente Mutmachhymne, das darauf folgende „The Killing Type“ Rocksong und Pazifismusbekenntnis in augenzwinkernder Personalunion. „Do It With A Rockstar“ rockt – nomen est omen – den Hörer (respektive: die Hörerin) ordentlich durch und macht ein nicht ganz ernst gemeintes unmoralisches Angebot (schließlich ist Palmer seit gut einem Jahr mit dem nicht unbekannten und gleichsam kreativen englischen Autor Neil Gaiman verheiratet): „Do you wanna dance? / Do you wanna fight? / Do you wanna get drunk and stay the night? / Do you wanna smoke ‚till our throats are sore? / Make out and then talk and then make out some more?“. „Want It Back“ rückt Synthesizer und Piano ins instrumentale Rampenlicht und „Grown Man Cry“ feiert den Abgesang an die weinerliche, metrosexuell-unterdrückte Männlichkeit. Das Herzstück des Albums ist wohl „Trout Heart Replica“, in welchem Amanda Palmer, von Piano und Streichern begleitet, von den letzten Momenten im Leben einer Forelle (und – zwischen den Zeilen – davon, wie es ist, sich „in der Welt da draußen“ zurecht zu finden) singt. Das bereits erwähnte orchestrale Zwischenspiel „A Grand Theft Intermission“ ist, bei aller Textfreiheit, keineswegs eine Verschnaufpause und leitet den Hörer in „Lost“ hinein, welches davon, wie man zwar im Laufe der Zeit sowohl Dinge als auch Menschen verliert, jedoch alles und jeden eines Tages auf die ein oder andere Weise wiedersehen wird, erzählt („Nothing’s ever lost forever / It’s just caught inside the cushions of your couch / And when you’ll find it you’ll have such a nice surprise“). „Bottomfeeder“ beginnt entspannt und steigert sich furios, „The Bed Song“ ist der einzige Song, der Palmer solo an ihrem Hauptinstrument, dem Piano, präsentiert und, anhand fünf beispielhaft ausgewählter Lebenssituationen, das Auseinander- und Nebeneinanderherleben in einer Beziehung zweier Menschen nachzeichnet, die zwar – beruflich – alles zu besitzen glauben, jedoch die Zeit füreinander zu nebensächlich bemessen: „All the money in the world won’t buy you a bed / So big and wide / To guarantee that you won’t accidently touch me in the night“. In „Massachusetts Avenue“ besingt die 36-jährige, in Lexington, MA, geborene Künstlerin ihre Heimatstadt Boston, in welcher sich, Globalisierung und Urbanisierung zum Trotz, in bestimmten Ecken wohl nie etwas verändern wird („Even if the Russians came and named it something new / It would always look like Massachusetts Avenue“), „Melody Dean“ ist ihre Hommage an The Knacks „My Sharona„, „Berlin“ ihre ruhig beginnende und im Mittelteil und Großstadtdschungel in voller Band- und Orchesterbesetzung überbordende Ode an die deutsche Hauptstadt, „Olly Olly Oxen Free“ ein finaler Mittelfinger an übertriebene Ernsthaftigkeit und Erwartungshaltungen: „See no evil, hear no evil / Capture me and throw the key away“ – oder, wie es im Intro heißt: „Meine Damen und Herren, wie könnte ich meine Pulsadern aufschneiden, wenn ich nicht aufhören kann zu tanzen?“. Treten Sie näher, treten Sie ein! Amanda Palmer & The Grand Theft Orchestra erwarten Sie bereits! Ein neues musikalisches Kaleidoskop des Cabaret Punk und Vaudeville Rock in fünfzehn Akten! Lebensfreude! Sinnstiftende Unterhaltung! Attraktionen! Der Eintritt? Kostet die Sorgen des Alltags, kostet den Verstand! Treten Sie ein! Denn „Theatre Is Evil“!

Und wohlmöglich würde Amanda Palmer sich – und ihrem großen Herzen – untreu werden, würde sich nicht aus lauter Dankbarkeit und Glauben an ihre eigenen Qualitäten und das Gute im Musikhörer sofort ein frei wählbares Stück vom Kickstarter-Kuchen zurück geben, denn hier kann sich, wer will, das Album in Gänze komplett kostenfrei (!!!) herunterladen und im Nachhinein eine frei wählbare Summe für zukünftige Projekte der Künstlerin und ihrer Band beitragen. Oder das „Deluxe Package“ mit 40 (!) Minuten Bonus Material sowie einem 59-seitigen (!!) digitalen Booklet für minimal 1 Dollar (!!!) laden. Oder sich das zweite Solowerk über ihre Internetseite (oder eben, old school, im Laden des Vertrauens) als physischen Tonträger besorgen. Ihr habt die Wahl. Wer bei Angeboten wie diesen nicht zugreifen mag, darf sich hier gern als ignoranter Kleingeist bestätigt sehen.

 

Ich liebe diese Frau seit Jahren. Natürlich vor allem ihrer Musik wegen. Aber ebenso für ihre Art. Für ihre Ausstrahlung. Für all ihre Herzlichkeit, ihre Selbstironie, ihren unbedingten Willen, ihren Idealismus, ihren Ideenreichtum. „Theatre Is Evil“ ist „Win-Win“ auf jeder Ebene,  ein voller Erfolg für alle Parteien. Das Musikbusiness ist tot? Es lebe Kickstarter! Es lebe die Musik! Es lebe Amanda Fucking Palmer!

 

Wer mag, kann sich „Theatre Is Evil“ auch hier im Stream anhören…

 

…sich das, dem Titel entsprechend, recht blutig gestaltete Video zu „The Killing Type“ ansehen…

 

…oder das ebenfalls künstlerisch hochwertige Video zu „Want It Back“:

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
%d Bloggern gefällt das: