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Das Album der Woche


Death Cab For Cutie – Asphalt Meadows (2022)

-erschienen bei Atlantic/Warner-

Die Karriere der US-Indie-Rocker Death Cab For Cutie verlief seit der Bandengründung Mitte der Neunziger so konstant und beschaulich wie nur wenig anderes. Öffentlichkeitswirksame Skandale, zertrümmerte Hotelzimmer oder wilde Drogenabstürze? Wer solch heißen Gossip-Shit aus tausendundein Nächten voll von Sex, Drugs und Rock’n’Roll suchte, der musste in den letzten 25 Jahren woanders klopfen. Bei dem Quintett aus Bellingham, Washington geht es seit jeher so solide zu wie in einem mittelständisch-kleinstädtischen Handwerksbetrieb: Alle drei bis vier Jahre stellt die Truppe um Frontmann Benjamin Gibbard verlässlich eine neue Platte in die Regale, die zwar selten den Status eines Meisterwerks innehat, aber ebenso verlässlich schöne, herbstlich-feierliche Musik liefert, irgendwo an der Grenze zwischen Indie Pop, Emo (freilich frei von Kajal und Weltschmerz-Weinerlichkeit) und College Rock der frühen Nullerjahre. Natürlich mögen Großwerke wie „Transatlanticism“ oder „Plans“ bald zwanzig Jahre zurückliegen, doch anstatt an immer neuen Sentimentalitätsaufgüssen altbewährter Erfolgsformeln zu scheitern, such(t)en Death Cab For Cutie ihr Heil stets in der sanften Kurskorrekturen: So wurden in der Vergangenheit beispielsweise Prog- und Post-Rock-Anflüge eingeflochten oder auch mal Electronica-Sperenzchen integriert. Dass all das nicht immer von künstlerischen Erfolgen gekrönt war, vor allem zuletzt auf Langspiellänge mitunter etwas dröge geriet und das jüngste, 2018 erschienene Werk „Thank You For Today“ seine Beschaulichkeit bereits im Titel vor sich her trug? Geschenkt. Das Werkeln an der nach obenhin offenen Gigantomanie-Skala überließen Gibbard und Co. schon immer den U2s, Muse’ses und Tools da draußen. Umso erstaunter darf man beim Lauschen von „Asphalt Meadows„, dem nunmehr zehnten Studioalbum der Band, feststellen, dass sich selbiges um einiges häufiger in handfester ROCK-Musik erprobt – und die Großbuchstaben sind hier kein Versehen. Klare Sache: So dringlich, so offensiv und stringent klangen Death Cab For Cutie schon seit vielen Jahren nicht mehr. Und das hat durchaus seine Gründe…

Den ersten davon lässt bereits das im Albumtitel enthaltene Oxymoron erahnen: Asphalt und Wiesen, deren Kontrast offenlegt, wie selten sich in unser aller heutigen Lebenswirklichkeit Moderne und Fortschritt mit Naturpflege und sattem Grün vereinen lassen. Ben Gibbard hatte in den Lockdowns der (hoffentlich) zurückliegenden Corona-Pandemie, welche er sich unter anderem mit regelmäßigen Livestreams vertrieb, einige Zeit zum Grübeln – und zum Sorgenmachen über den Weg, welche die Menschheit mitsamt von Klimakrisen, Kriegen, oder tumben Clowns in Führungsämtern eingeschlagen hat. Kein Wunder also, dass dem 46-jährigen Musiker, seit eh und je politisch interessiert und karitativ umtriebig, für die neusten Songs seiner Haupt- und Herzensband alles andere als nach betulicher Danke-und-Shangri-La-Gemütlichkeit war. Der zweite Grund ist in der Bandhistorie zu finden: Gab Ben Gibbard nach dem 2014er Abgang von Gitarrist und Gründungsmitglied Chris Walla (der zudem auch noch für die Albumproduktionen hinter den Reglern saß) noch vor einiger Zeit zu Protokoll, dass die gesamte Zukunft der Band auf seinen Schultern laste, zeigt nicht zuletzt der Blick in die aktuellen Songwriting-Credits, dass die neue Besetzung, zu der neben Bassist Nick Harmer und Schlagzeuger Jason McGerr nun auch Gitarrist Dave Depper und Keyboarder Zac Rae fest dazu stießen, endlich zusammengewachsen ist – jeder bringt Ideen in die Stücke ein, jeder hat seinen festen Platz im kreativen Entstehungsprozess. Durchaus verständlich, dass diese basisdemokratische Bandchemie dem ohnehin nie überaus extrovertiert auftretenden Gibbard die deutlich liebere ist.

Dennoch besteht so die Gefahr, dass zu viele Songschreiberköche die akustischen Endprodukte verderben – was jedoch im Fall der elf Songs von „Asphalt Medows“ nie passiert. Ganz im Gegenteil, wie bereits der vorab veröffentlichte Zweiminüter „Roman Candles“, ein Song über die existenzielle Angst auf einem sterbenden Planeten, unter Beweis stellt: Die Melodie geht runter wie selbstgemachter Zitroneneistee am wärmsten Tag des Jahres, während die Gitarren sirenenhaft aufheulen und das Schlagzeug einen dezenten, an The National gemahnenden Bryan-Devendorf-Vibe versprüht. Da hört her – Death Cab For Cutie wissen endlich wieder zu irritieren und faszinieren! Natürlich rocken Gibbard, Harmer, McGerr, Depper und Rae auch 2022 nicht breitbeinig und mit üblen Klischee-Posen – nein, diese neue Dynamik, zu der nicht nur ein gleichberechtigter Songwriting-Prozess innerhalb der Band, sondern auch Produzent John Congleton beitrug, wird fein säuberlich in den bestehenden Bandsound integriert. So beginnt etwa das famose „Foxglove Through The Clearcut“ mit einem Spoken-Word-Intro und entwickelt seine schimmernde Post-Rock-Aura im Laufe der fünf Minuten Spielzeit: kristallklare Gitarren bilden die shoegazende Grundlage, auf der Schlagzeug und Bass ein spannendes Rhythmusgebäude errichten, während Gibbard einen Naturbeobachter die Misere der Menschheit schmerzlich pointiert darlegen lässt und dafür in den Strophen sogar auf Gesangsmelodien verzichtet. Hier, fernab von den glossy Gitarren und den weiten Hallräumen des Vorgängeralbums, klingen Death Cab For Cutie wie eine US-Westküstenband der späten Neunzigerjahre, welche die Sollbruchstelle von Post-, Math- und Experimental-Rock zu bestimmen versucht. „Here To Forever“ findet seine Inspiration noch mal ein Jahrzehnt davor, denn insbesondere in den Synthie-Schlieren, die sich auf markante Art durch die Nummer ziehen, scheinen die besseren Seiten der Achtziger ihren Widerhall zu finden.

Zwischen all diesen stilistischen Kurswechseln und Sprüngen in vergangene Dekaden haben sich aber auch die „klassischen“ Death-Cab-For-Cutie-Hits gemischt, jene Songs also, die man nur zu gerne auf Mixtapes packen beziehungsweise in Playlists schieben möchte, am besten irgendwo zwischen Nada Surf, Teenage Fanclub und The Dismemberment Plan (man denke nur an den wohl ewig unübertroffenen Balladengeniestreich „I Will Follow You Into The Dark„!). „Pepper“ kommt in der Folge eher als akustisches Intermezzo daher, ein perlender Gitarrenpop-Song mit netter Hook, der so süßlich den letzten Kuss seines Gegenübers einfordert, dass man diesem Aufruf öfter als nötig Folge leisten möchte. Die behutsamen Tontupfer des geschmeidig fließenden potentiellen Herzstücks der der Platte, „Fragments From The Decade“, lullen in Prefab Sprout-Style ein. Das sagenhaft verträumte Teil platziert sich weit hinten als Highlight in der Tracklist und endet nach sphärischen Keyboard-Fantasien in einer Geräusch-Kaskade, die so klingt, als drehe man Tastenmann Zac Rae den Saft ab. Sicherlich wird eine Band anno 2022 mit derlei Kompositionen von ach so edgy Popkultur-Feuilletonisten und jedem noch so beschissenen Trend nachjagenden Pitchfork-Jüngern nicht über den immergrünen Hype-Klee gefeiert – auch dies ist eine Konstante in der Karriere dieses so sympathisch unscheinbaren – und deswegen umso näher ans Hörerherz reichenden – Quintetts. Doch wenn sich Death Cab For Cutie im finalen „I’ll Never Give Up On You“ die Klaviermelodie von Radiohead leihen, wenn gleich im Albumeinstieg „I Don’t Know How I Survive“ synkopische Keys-Hüpfer und rhythmische Betriebsamkeit mit Electro-Verzierungen eine aufgedrehte Melodrama-Hook untermalen, wenn sich in der vorwärts hoppelnden Hitsingle „Here To Forever“ Bass und Schlagzeug ein Wettrennen um die Aufmerksamkeit des Hörers liefern und der Titelsong eine extragroße Portion Melancholie versprüht, dann weiß man, dass man hier richtig ist. Bei den netten, gar nicht mehr so jungen Jungs von nebenan, die selbst mit den einfachsten Mitteln, mit ihrem bittersüßen Pathos, mit ihrem konzisen Songwriting, das an den richtigen Stellen die richtigen Signale sendet, immer noch begeistern können. Musik wie ein Nachausekommen.

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Death Cab For Cutie – Kintsugi (2015)

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Merke: Kintsugi ist eine traditionelle japanische Reperaturmethodik für zerbrochenes Porzellan und Keramik. Mit einem speziellen Lack werden die einzelnen Scherben und Bruchstücke wieder zusammengefügt, verlorengegangene Teile durch eine Kittmasse ersetzt, in die Gold-, Silber- oder Platinpulver eingearbeitet sind. Makel werden hervorgehoben, anstatt sie zu verstecken oder zu übertünchen, und machen das Ganze nur umso besonderer.

Klar könnte man im ersten Moment den Eindruck bekommen, dass Frontmann Ben Gibbard und seine Mitstreiter von Death Cab For Cutie daran interessiert wären, dem geneigten Hörer die eigenen Fremdwortkenntnisse, die sie sich eventuell im Internet oder auf einer ihrer unzähligen Touren der fast schon zwanzigjährigen Bandgeschichte angeeignet haben, unter die Nase zu reiben, oder dem Fan augenzwinkernd den neusten Zungenbrecher als Titel ihres nunmehr achten Studioalbums präsentieren. So weit, so falsch.

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Denn vor allem im Leben von Benjamin Gibbard dürfte sich in den letzten Jahren so Vieles angefühlt haben wie ein trauriger Spaziergang über einen Haufen bunter Scherben. Da wäre zum einen das Ende seiner Ehe mit dem schauspielernden und singenden „Indie-It-Girl“ Zooey Deschanel im November 2011 – wenige Sommer lang galten beide als das Traumpaar des US-Indierocks, plötzlich war es aus. Und wäre der private Katzenjammer nicht schon genug für den einerseits stillen, jedoch stets kreativ umtriebigen und politisch engagierten 38-Jährigen, stand im vergangenen August, mitten im Entstehungsprozess des neuen Albums seiner (Haupt-)Band, die nächste Hiobsbotschaft ins Haus: Chris Walla, seit den Anfangstagen von Death Cab For Cutie in den Neunzigern Hauptgitarrist, musikalischer Kompass und Albumproduzent in Personalunion, verkündete, dass er die Band verlassen werde, um sich fortan voll aufs Produzieren anderer Künstler sowie eigener Projekte zu konzentrieren. Meint: Ausgerechnet der Mann, mit dem Gibbard 17 Jahre lang allerlei Evergreens wie „Title And Registration“, „Soul Meets Body“, „A Movie Script Ending“ oder „I Will Possess Your Heart“ (die Liste könnte beliebig lang fortgesetzt werden) unters Hörervolk brachte, sollte nun nicht länger Teil von Death Cab For Cutie sein. Ob Gibbard, Nick Harmer (Bass) und Jason McGerr (Schlagzeug) das Ganze auch als Trio wuppen können?

Zumindest „Kintsugi“ wird auf diese Frage (noch) keine Antwort liefern können, denn zumindest als Gitarrist und Klangsucher war Walla noch am Großteil der elf neuen Stücke der Band aus dem US-amerikanischen Bellingham beteiligt. Trotzdem macht sich an vielen Ecken und Enden des Nachfolgers zum 2001 erschienenen siebten Werk „Codes And Keys“ eine merkwürdige Abschiedsstimmung breit, für die bereits die gemächlich ins Feld schleichende, aber bald schon pulsierende Eröffnungsnummer „No Room In Frame“ mit den ersten Worten „I don’t know where to begin / There’s too many things that I can’t remember“ den Grundstein legt. Rein klanglich nehmen Death Cab das ein oder andere Synthie-Experiment des Albumvorgängers mit ins Hier und Jetzt (etwa zu hören in der gelungenen Single „Black Sun“, in „The Ghosts Of Beverly Drive“ oder „Everything’s A Ceiling“), allerdings bewegen sich Gibbard und Co. im Gros erfreulicherweise wieder ein Stückweit mehr hin zum Indiepoprock von deutlich gelungeneren Werken wie „Plans“ oder „Narrow Stairs“. Klar, erstes und oberstes Erkennungsmerkmal der Band bleibt weiterhin das honigsamtene Gesangsorgan ihres Frontmanns, der er versteht, selbst traurig-schöne Zeilen wie „There is fear in the eyes of your father / And there is ‚yours‘ and there is ‚mine'“ („Black Sun“) strahlen zu lassen. Dazwischen gibt’s so ziemlich alles, wofür man Death Cab bereits in der Vergangenheit lieben konnte: die ein oder andere Uptempo-Nummer („The Ghosts Of Beverly Drive“), kleine Akustiknummern („Hold No Guns“), die freilich nie und nimmer einem Bandklassiker wie „I Will Follow You Into The Dark“ das qualitative Wasser reichen können, tollen Indiepop, der hängen bleibt („Little Wanderer“, das vom unsteten Leben in einer Fernbeziehung berichtet) sowie das ein oder andere gewagte Experiment – so flirtet „Good Help (Is Hard To Find)“ tatsächlich gut viereinhalb Minuten lang mit dem Disco-Funk. Mit dem Pianorausschmiss „Binary Sea“ ist nach einer Dreiviertelstunde alles schon wieder vorbei.

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Was also wird „Kintsugi“ am Ende in der Bandbiografie von Death Cab For Cutie darstellen? Nun zunächst einmal ist es das erste Werk, für das sich die zum Trio geschrumpfte Band mit Rich Costey (u.a. Muse, Audioslave, Interpol) einen Produzenten von Außerhalb ins Studio holte, da Chris Walla wohl für diese Aufgabe nicht mehr zur Verfügung stand. Und erfreulicherweise bleibt doch die ein oder andere Nummer mehr hängen als noch beim Vorgänger „Codes And Keys“ oder Ben Gibbards 2012 erschienenem Solodebüt „Former Lives„. Klar, an Alben wie „Transatlanticism“ oder „Plans„, selbst an „Narrow Stairs„, reicht „Kintsugi“ in Gänze nicht heran. Der Hausfreund der Band, welche einst, zu seligen „O.C. California“-Zeiten die Liebste der Serienfigur Seth Cohen war, bekommt mit Gibbards inngewandter Herzschmerz-Lyrik und allerlei feinen Indiepoprock-Melodien all das, was er sucht. Und auch, wenn „Kintsugi“ im Grunde erneut ein Album ohne Death Cab’sche Totalausfälle ist, wird sich erst mit dem kommenden Weg zeigen, wie die bandinternen Weichen für die Zukunft gestellt sind…

 

 

Hier gibt’s das Musikvideo zur Single „Black Sun“…

 

sowie mit der Eröffnungsnummer „No Room In Frame“, „The Ghosts Of Beverly Drive“ und „Little Wanderer“ noch weitere Hörbeispiele aus dem achten Death Cab-Album:

 

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Crashcaptains – Some Time Soon (2014)

Some Time Soon (Cover)-erscheint im Eigenvertrieb-

Diese gewieften Meisterdiebe! Fast hätten sie uns glauben gemacht, dass es die letzten zehn Jahre nie gegeben habe…

Erinnert sich noch jemand, als im Oktober 2003 „Transatlanticism„, das vierte Album der damals noch vor allem findigen Indierock-Insidern vorbehaltenen US-Band Death Cab For Cutie, erschien? Nur zu passend war außerdem, dass ausgerechnet dem tollen deutschen Label Grand Hotel van Cleef der Coup gelang, sich für diese Platte die Vertriebsrechte zu sichern (zumindest für die Bundesrepublik). Und auch das Album selbst stellte für die Band aus Bellingham, Washington, einem 80.000-Einwohner-Städtchen an der Pazifikküste im Nordwesten der USA, eine Art Siebenmeilenstiefelsprung in ihrer Entwicklung dar. Denn obwohl auch die drei vorherigen Platten (der Vorgänger „The Photo Album“ erschien 2001) durchaus ihre starken All-Time-Favourite-Momente besaßen, so wirkten sie doch oftmals wie auf dem Absprung zu etwas Größerem, Besserem – die Einzelteile waren im Grunde hübsch anzusehen, das Gesamtkonstrukt jedoch schwankte in der kühlen Pazifikbrise. Und dann kam der Oktober des Jahres 2003, und dann kam „Transatlanticism“! Noch heute beneide ich all jene, die die Entdeckung dieses 44-minütigen Albumkleinödes noch vor sich haben… Wie selbstverständlich hangelt sich die Platte von einem großen Moment zum nächsten. Währenddessen erzeugt die Band um Benjamin Gibbard (Gesang, Gitarre) und Chris Walla (Gitarre, Produktion) süchtig machende Melodie in den Stücken, die wie aus einem Guss wirken, die ineinander fallen und übereinander zu tuscheln scheinen. Dass nun ausgerechnet eine bislang unbekannte Band aus der dauerwuseligen, weltgewandt hippen Metropole Berlin mit ihrem Debüt so ungeniert den dringenden Eindruck vermittelt, dass man es bei ihren Songs mit einem fabelhaft tönendem Haufen von Outtakes von Death Cab For Cuties „Transatlaticism“-Sessions zu tun habe, erstaunt jedoch in der Tat, immerhin trennen Bellingham und Berlin schlappe 8.000 Kilometer Luftlinie, zig Flugstunden und kaum weniger Zeitzonen…

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Wer jedoch die Crashcaptains, welche ANEWFRIEND bereits vor wenigen Tagen „auf dem Radar“ hatte, als bloße Trittbrettfahrer und Kopisten abstempelt, der tut einerseits einer wahnsinnig hoffnungsvollen neuen Band unrecht, und läuft andererseits Gefahr, 48 durchaus tolle Albumminuten ungehört ins (digitale) Regal zu verfrachten. Denn „Some Time Soon„, Crashcaptains in „Crowdfunding“-Eigenregie produziertes und auf die musikalischen Beinchen gestelltes Debütalbum, hat es in sich. Sicherlich wird jeder, der sich je Hals über Kopf in „Transatlanticism“ sowie die drei bisherigen – und noch erfolgreicheren – Death Cab-Nachfolgealben („Plans“ von 2005, „Narrow Stairs“ von 2008 und „Codes And Keys“ von 2011) verliebt hat, sofort so einige Trademarks der US-Band wiederfinden: Ben Gibbards markant hoher Gesangsstil, der in den emphatischsten Stellen so schön brüchig wirkt, Chris Wallas gekonnte Gitarrenakzente, beständig steigernd und allzeit zum Ausbruch nach oben bereit, Nick Harmers tief tönende Bassaiten und Jason McGerrs vielseitig polterndes Schlagzeugspiel. Und insofern steht bereits die Eröffnungsnummer von „Some Time Soon“, „Year Of Years“ sinnbildlich für die neun weiteren Stücke: Spährische Keyboardflächen bilden den Boden für oft wie sanfte Pinseltupfer ins Bild gesetzte Gitarrenakkorde, denen das bald darauf einsetzende Schlagzeug ordentlich Dampf zwischen die Backen bläst, bis die Saiten immer weiter anziehen, um gegen Ende im Bandchor-Kollektiv gen Himmel stürmend auszubrechen – Klimaxschule vom Feinsten, die sich im Text einen geradezu unverschämten verträumten Querverweis auf den ebenfalls (!) als Opener fugierenden „Transatlanticism“-Song „The New Year“ erlaubt: „This morning I opened my eyes / And caught a glimpse at the sunlit sky / And when I fell right back to sleep / I could see you /…/ Resolutions / They come and go / Like indie songs on the radio / And the bitter bottom of every bottle says: ‚Get out of this place… while you still can!'“. Auch die weiteren Stücke scheinen sich erst gar nicht gegen das Indierock-Bandvorbilder-Spurenlesen wehren zu wollen. So ist „Your Heart Is A Lot Like Mine“ kräftig angeschlagener Indierock mit Pophit-Attitüde, Verbrüderungszeilen („Your heart is a lot like mine / It sings and it swings loud every morning / But when your day’s passed its prime / It’s empty and restless and so distorted“) und Girl-Boy-Wechselgesang in der abgesetzten Bridge (schade übrigens, dass die hier stimmlich in Erscheinung tretende damalige Bassistin Olivia Kaletta nun, wie’s ausschaut, nicht mehr an Bord ist). In „Light Lines“ setzt sich das Piano gekonnt zwischen die Schlagzeugtakte, während sich im Hintergrund sachte Soundlandschaften auftürmen. Auch „Kissing A Stranger“ ist ein weiterer kleiner Indiepoprock-Hitkandidat, der einerseits die Unbedarftheit des Überschwangs glorifiziert („Kissing a stranger is better than kissing no one at all“), andererseits die offensichtliche Liebe der Band zur bundesdeutschen Hauptstadtmetropole nur allzu deutlich macht (wie an so einigen Stellen des Albums). „Not So Super 8“ hingegen geht flott – und im Verhältnis fast schon aggressiv – zu Werke, während sich der Text seine eigenen Reime auf hochtrabende (Hoch)Schulabschlussfeiern und nichtssagende Zeugnispampthlete macht. Das Doppel aus „Bright Blue“ und „Grand Central North“ erzählt in malerischer Entschleunigung, die mal ein verschleppt daher wankendes Schlagzeug, mal ein im Hintergrund aufspielendes Akkordeon, mal zärtliche Gitarrenfiguren oder Flughafensoundscapes hinterlassen, von den Chemtrails, den Kondensstreifen, die die immer kleiner werdenden Flugzeuge am Firmament hinterlassen – und erzeugt so am Ende von „Grand Central North“ eine wohlig warme Decke des Fernwehs. Eingelullt in diese erschrickt man beinahe, als „The Lot Of The Optimist“ mit seinen zackigen Indierock-Rhythmen händeschlagend um die Ecke hoppelt. Doch keine Angst, der finale Neunminüter „Saltwater“ fängt auch den letzten davon Aufgeschreckten wieder ein, indem er zu Meeresrauschen und ganz und gar maritimen Textmetaphern („There was a point / Where I thought / We’ve got to stop / We’re just moving in cicles like seagulls / Always chasing the big ships / As long as they’re close to he coast“) gaaaaaanz langsam Anlauf nimmt, um sich am Ende – und in beinahe schon postrockiger Manier – ganz und gänzlich dem wilden Wellenspiel hinzugeben…

So scheint wohl der größte Vorwurf, den man den beiden Heintz-Brüder Nicolas und Tobias (jeweils Gesang und Gitarre), Simon Lohse (Bass) und Felix Menzel (Schlagzeug) machen könnte, der, dass sie sich unter dem Crashcaptains-Banner nicht eindeutiger aus dem großen Schatten von Death Cab For Cutie heraus bewegen. (Dem Facebook-Auftritt der Band zufolge zählen auch The Notwist, Stars, Phoenix und die pathetischen Classic Rocker von Journey zu „Künstler, die wir gut finden“ – und auch diese Querverweise passen.) Paradoxerweise ist dies wohl gleichsam das größte Kompliment, dass man der seit etwa fünf Jahren zusammen spielenden Band aus Berlin machen kann: Dass sie es bereits mit dem Debütalbum schaffen, zehn starke Songs abzuliefern, die in ihrer geschlossenen Gesamtheit eine süchtig machende Melange als Euphorie und Melancholie abgeben, an der man sich so schnell nicht satt gehört hat. Ob es für die „deutsche Antwort auf Death Cab For Cutie“ bereits mit „Some Time Soon“ zu höheren – internationalen – Weihen reicht, bleibt abzuwarten, für die Zukunft darf man Crashcaptains ohne schlechtes Gewissen ein wenig mehr Glück beim Entdecken ihrer Einzigartigkeit wünschen. Am Ende des Musikjahres 2014 sollte man die Band jedoch unter dem Punkt „Newcomer“ durchaus auf dem Schirm haben…

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Hier können zehn Songs des Debütalbums bereits Probe gehört werden..

(Übrigens wäre das nur knapp eine Minute kurze „New Years In Nieuwmarkt“ welches man sich auf der Soundcloud-Seite der Band anhören kann, ein nahezu perfekter Albumabschluss geworden…)

 
…während man sich anhand dieser 2011 über den Dächern von Berlin-Mitte aufgenommenen Live Session – Jawoll, diese war auf ANEWFRIEND bereits in der „Auf dem Radar“-Rubrik zu sehen! –  einen ersten Eindruck von Crashcaptains verschaffen:

 

Rock and Roll.

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