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Auf dem Radar: The Bronze Medal


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Spätestens, wenn andere Bands und Künstler den eigenen, sehr charakteristischen Sound in mehr oder minder groben Zügen gleichsam eheerbietend wie ehrfürchtig kopieren, weiß man als Band: man hat’s geschafft, man ist endlich im Kanon der ganz Großen angekommen. Selbiges darf man mit Fug und Recht mittlerweile auch von The National behaupten, denn nicht nur bespielen die fünf US-Indierocker um Frontmann Matt Berninger – spätestens – seit ihrem verdienten Durchbruch mit dem unlängst eine Dekade jung gewordenen Album „High Violet“ die ganz großen Konzertsäle und Prime-Time-Festival-Slots, ihr Sound findet mittlerweile auch immer öfter seine Kopisten (freilich ohne dies despektierlich zu meinen). Man denke etwa an The Slow Show aus dem englischen Manchester, die sich nicht nur nach einem Song vom 2007er The National-Werk „Boxer“ benannten (selbst, wenn The Slow Show das immer wieder verneinten und vielmehr auf „die Liebe zu Showeinlagen und die Entschlossenheit der Band, keine überstürzte Musik zu machen“ verwies), sondern – nebst dem dezent heiseren Bariton von Sänger Rob Goodwin – auch in die Stücke ihrer bislang drei Alben ganz ähnliche grundmelancholische Strukturen einwoben wie die großen Vorbilder aus Cincinnati, Ohio. Natürlich tönen Plagiate anders, gewisse Ähnlichkeiten sind jedoch trotzdem kaum von der Hand zu weisen. Gleiches könnte man übrigens auch von The Bronze Medal behaupten…

a2632293468_16The Bronze… wer? Eben. Irgendeinen Grund muss es doch haben, dass selbst ich, der ja für The National-likes nun nicht erst seit gestern überaus empfänglich ist, erst vor wenigen Tagen auf das Quintett aus dem englischen Bristol aufmerksam geworden bin. Immerhin machen Chris Hillier, Robin Southwell, Rory O’Gorman, Daniel Rogers und Mike Barnett bereits seit 2009 gemeinsam Musik, und auch der feine Album-Erstling „Darlings“ erschien bereits 2014 (nach einer selbstbetitelten EP zwei Jahre zuvor). Da erscheint es fast tröstlich, dass The Bronze Medal, die sich ihrerseits nach einem Song der schottischen Indierocker Idlewild benannten, nicht nur hierzulande, sondern auch im heimischen UK in den vergangenen Jahren (leider) meist etwas unterhalb des internetten Hype-Radars flogen (das belegen etwa auch Facebook-Likes, bei denen etwa The Slow Show mit aktuell etwas über 16.000 bereits vier mal so viele vorweisen können wie Chris Hillier und Co.). Trotzdem konnte sich der Fünfer in den letzten Jahren zu einem absoluten Geheimtipp der Szene mausern und mit ihrem filigran-einfühlsamen Indiefolkrock neben vielen Fans auch vielversprechende Referenzen sammeln. Die renommierte The Times etwa nannte sie liebevoll “masters of slow-build indie minimal”  – und genau das passt wohl wie kaum eine andere Beschreibung auf den Sound von The Bronze Medal. Die Songs der Band laden zum bewussten Zuhören ein und fordern dabei die volle Aufmerksamkeit – die sollte man ihnen auch zuteil werden lassen, um die vielen Facetten in ihrer Musik zu entdecken.

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Klar, wenn es um die reine Bekanntheit geht, sind die fünf Lads um Chris Hillier, Robin Southwell, die sich einst in Norwegen trafen, im Vergleich mit Bands wie eben The National, Idlewild, The Slow Show oder Snow Patrol, aber auch zu anderen Ähnlich tönenden Kapellen wie die mittlerweile – aus recht unterschiedlichen Gründen – aufgelösten Frightened Rabbit oder Dry The River natürlich nahezu mikroskopisch klein, musikalisch müssen sie sich jedoch keineswegs hinter ebenjenen verstecken. Man höre da am besten das lediglich neun Songs umfassende Debütwerk „Darlings„, welches die fünf Herren aus Bristol im hohen isländischen Norden von Reykjavík zusammen mit Produzent Valgeir Sigurdsson, der seinerseits bereits mit Größen wie Björk, Damon Albarn, Feist oder Sigur Rós arbeitete, aufnahmen. Darauf präsentieren sich The Bronze Medal nicht nur als (noch immer) spannender Hoffnungsträger für alle Freunde von geduldigen Grower-Songs, sphärisch getragener Indiepop-Intimität, folkig-verträumtem Kaminknistern und minimalistischen, gen Indie-Drama schreitenden Songstrukturen, sondern tönen auch gleichzeitig intimer als auf ihrer zuvor veröffentlichten, manches Mal gar Richtung Postrock schielenden EP (von dieser sei etwa das feine „No Hospitals“ ans Hörerherz gelegt, welches live schonmal zum zehnminütigen Song-Epos gerät, das den Fokus mehr auf sich überlagernde Sounds denn auf Rhythmus oder Melodie legt).

Im Übrigen könnte es gut sein, dass sich The Bronze Medal in nächster Zeit mit einer neuen EP – eventuell gar mit einem neuen Langspieler – zurückmelden (was ja nach sechs Jahren Veröffentlichungsfunkstille durchaus angebracht wäre). Mit einer Rohfassung von „Can’t Beat“ ließ das englische Indierock-Quintett im April einen ersten formidablen Vorgeschmack hören. Bleibt eigentlich nur noch, der Band zu wünschen, dass sie es in Zukunft ein wenig aus dem Geheimtipp-Schatten heraus schaffen…

 

Wer sich einen ersten Eindruck von The Bronze Medal verschaffen möchte, der höre doch bei Bandcamp rein – oder eben die reduzierten „Home Sessions“…

 

Rock and Roll.

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Zu kurz gekommen… Standstill


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Was machen eigentlich Standstill? Nun… nicht mehr viel (mehr dazu gleich). Und im Grunde scheint’s auch kaum einen zu interessieren – was bei genauerem Hineinhören in den Backkatalog lediglich im Ansatz verständlich erscheint…

Denn zumindest in den Anfangstagen bewegte sich die Band aus der katalanischen Metropole Barcelona stets recht nah am musikalischen Zeitgeist, hatte etwa auf dem 2001 erschienenen Debütalbum „The Ionic Spell“ lautstarken Emocore und einige deftige (Post-)Refused-Reminiszenzen im Köcher oder wusste im nur ein Jahr darauf veröffentlichten Nachfolger „Memories Collector“ mit nicht wenigen satten Riffs und Rhythmen zu überzeugen, welcher während dieser Zeit auch Post-Hardcore- und Alternative-Rock-Kapellen wie At The Drive-In, deren Phönix-aus-der-Asche-Nachfolgern Sparta oder Thursday wild durcheinander gewürfelte Moshpits zwischen El Paso, Köln oder Tokyo bescherten. Mit dem nächsten, 2004 in die Indie-Plattenläden gestellten selbstbetitelten Langspieler wagten Standstill einen ebenso offensichtlichen wie mutigen Richtungswechsel, denn Frontmann Enric Montefusco entschied sich, fortan nicht mehr auf Englisch zu texten und singen, sondern in seiner Muttersprache Spanisch. Wem die Band also bisher mit ihrer fortwährenden Suche nach klanglichen Experimenten, mit ihrem strikten ¡No!“ zum – uffjepasst, naheliegendes Wortspiel! – kreativen Stillstand (hier haben wir übrigens einen weiteren Bezug zum Refused-Meilenstein „The Shape Of Punk To Come„) ein paar Dinge zuviel fürs gefällige Nebenbeihören wagte (oder schlichtweg der spanischen Sprache nicht mächtig war), der war wohl spätestens ab diesem Zeitpunkt komplett raus aus dem Standstill’schen Kosmos.

300x300Der Teil der Indie-Fanbase, der der katalanischen Band auch danach die treue Stange hielt, durfte sich an ausgeprägtem Abwechslungsreichtum, ausgetüftelter Percussionarbeit (bei manch einem Song – …And You Will Know Us By The Trail Of Dead gleich – gar mit zwei Schlagzeugern!) oder auch mal recht sparsamer Instrumentierung, die immer öfter Ausflüge in spanische Folklore-Gefilde wagte, erfreuen. Und an einer Stimme, die mehr ausstrahlte als eben nur puren Exotenbonus – in der Tat findet man solch ein eindringliches, durch Mark, Bein und Seelenstränge tönendes Gesangsorgan wie das von Enric Montefusco höchst selten (ich selbst möchte hier einen Vergleich zu Declan de Barra von den ebenfalls viel zu früh aufgelösten Clan Zú ziehen). Diese Entwicklung nahm auch auf den weiteren, zwischen 2006 und 2013 erschienenen Alben „Vivalaguerra„, „Adelante Bonaparte“ und „Dentro de la Luz“ ihren Lauf – die explosiven Post-Hardcore-Momente wurden seltener, dafür ließen Standstill immer öfter ihre Kompetenzen für experimentelle Klangkulissen sowie post-rockige und melancholisch-folkloristische Songgebilde aufblitzen. Nach jahrelangen Touren, die die Band zwar auch ins europäische Ausland, nach Frankreich, Belgien, die Niederlande oder Deutschland führten, jedoch immer auch – leider, leider – nah am finanziellen Minimum zurückließen, spielte das Quintett im Oktober 2015 eine letzte Show im Apolo in Barcelona – und ließ nach diesem Heimspiel, welches glücklicherweise für die Nachwelt festgehalten wurde (und jedem wärmstens empfohlen sei), den Vorhand fallen…

Seitdem sind nun schon ganze fünf Jahre vergangen. Was die einzelnen Teile von Standstill heute so treiben? Nun, zumindest Ex-Frontmann Enric Montefusco ist glücklicherweise der Musik treu geblieben und hat in den vergangenen Jahren mit „Meridiana“ (2016) und „Diagonal“ (2019) zwei Alben veröffentlicht, welche musikalisch den zuletzt mit Standstill eingeschlagenen Weg hin zu traditionelleren spanischen Folk-Gefilden recht konsequent weiter gehen, während sich die Texte – nebst persönlichen Anklängen – mal recht kritisch, mal verdammt melancholisch mit dessen katalanischer Heimat beschäftigen (wer mehr wissen mag, der findet hier ein Interview mit dem Musiker aus dem vergangenen Jahr). Nichtsdestotrotz lohnt es sich auch eine halbe Dekade nach dem (vorläufigen) Ende von Standstill, dem faszinierenden, vielseitigen Klangkosmos der Spanier zu verfallen. *hach*

 

Einen recht guten Einblick in einem jenen Klangkosmos kann man sich etwa anhand eines knapp einstündigen TV-Konzerts verschaffen, welches Standstill im Zuge ihres 2006er Albums „Vivalaguerra“ spielten (wen als nicht dem Spanischen Mächtigen die Texte interessieren: den Song „Victor San Juan“ gibt es auch einzeln und mit englischen Untertiteln)…

 

…oder dem aufs Nötigste reduzierten Folk von „Adelante Bonaparte (I)“ (vom 2010er Doppel-Werk gleichen Titels) lauschen (oder eben ein wenig auf dem YouTube-Kanal der Band stöbern):

 

Ebenso lohnenswert sind zweifellos auch die beiden Solo-Alben von Enric Montefusco, denn stimmlich kann einen der 43-jährige hagere katalanische Musiker mit dem markanten Vollbart auch im Alleingang gefangen nehmen…

 

 

 

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Fugitive Dancer


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Foto: Facebook

Die Zeiten sind, bei allem Merkwürdigem, was da in der Welt um uns gerade so abgeht, kaum weniger schnelllebig als noch vor ein paar Jahren. Das macht sich freilich auch im Musikgeschäft bemerkbar, wo selbst ich, der sich tagein, tagaus die größtgrößte Mühe gibt, nur nichts und keine Band und keine(n) Künstler(in) zu verpassen, manchmal feststelle, dass mir in den letzten Jahren wohl so einiges durch die Lauscher gerutscht sein mag. Fugitive Dancer etwa.

Obwohl: so ganz richtig ist das nun auch nicht. Denn obwohl die sechsköpfige (!) Augsburg-meets-Ulmer Band erst vor wenigen Tagen ihr zweites Album „9 PM On Thursdays“ in die (digitale) weite Welt entlassen hat, sind Informationen rar gesät – was wohl daran liegen mag, dass sich Sebastian Krichler (Gesang, Gitarre), Maxim Skripko (Gesang, Gitarre), Julian Klein (Keyboard, Backgroundgesang), Marius Stehle (Schlagzeug), Jadwiga Seelig (Cello) und Andreas Miehle (Bass) in den letzten Jahren recht rar gemacht haben. Woran lag’s? Nun, wohl – ganz schnöde und piefig – an unterschiedlichen Lebensentwürfen und den Tücken des Alltags (welche heutzutage eben meist das Familiäre und das Brötchenverdienen in der Prioritätenliste am schönen Hobby Musik vorbei mogeln) – darauf lassen auch (untenstehende) Zeilen schließen, die die Band ihrem neusten Release via Facebook mit auf den Weg gab.

49778029816_b373c9d397_oDabei legten Fugitive Dancer vor knapp einer Dekade einst vielversprechend los: Nach Veröffentlichung ihres Debütalbums „Brother From Another Mother“ trat die Band im Frühjahr 2011 als Vorgruppe der norwegischen Singer/Songwriter-Pop-Musikerin Marit Larsen in Neu-Ulm auf, was ihnen zunächst etwas mehr überregionale Bekanntheit und schließlich sogar einen Auftritt im SWR Fernsehen einbrachte. Im Laufe des Jahres spielte die Band ihre ersten zwei bundesweiten Tourneen, die sie das ein ums andere Mal auch zu den österreichischen Nachbarn führten (wie ein Beitrag bei FM4 belegt). Und danach? Kam 2013 mit dem feinen „26“ noch ein vermeintlicher Appetizer während der Wartezeit auf den neuen Langspieler, und dann: der Alltag. Und dann lange Zeit nichts mehr, während nicht nur der Facebook-Auftrittder Band, der zwischen 2014 und 2020 nichts Neues zu berichten weiß (der Wikipedia-Eintrag ebenso wenig), sondern wohl auch die Instrumente im Proberaum ordentlich Staub ansetzten.

Umso schöner zu hören, mit welch‘ großartigen Songs sich Fugitive Dancer nun zurückmelden, schließlich lässt die knappe Dreiviertelstunde von „9 PM On Thursdays“, die sich in der melancholisch-bunten Referenztruhe mal bei Größen wie Matt Berninger und seinen glücklicher- und verdienterweise im Weltruhm angekommenen Lads von The National, mal bei den ganz ähnlich tönenden Mancunians von The Slow Show (die sich ja nicht von ungefähr nach einem Song von ersterer Band benannt haben), mal bei den besten Seiten von Coldplay (meint: die Anfangszeit zwischen „Parachutes“ und „A Rush Of Blood To The Head“) bedient, kaum zu wünschen übrig. Wer lieber in Schubladen einsortiert, der darf gern jene für mit Bedacht und Sorgfalt komponierten, verlässlich zwischen Hymnus und persönlichem Kleinod schwankendem Indie Pop gaaaanz weit aufziehen. Obwohl die ein oder andere musikalische Inspiration freilich kaum zu verleugnen sein dürfte, muss sich das Sechsergespann mit diesen neun neuen Songs selbst vor internationalen Vergleichen keineswegs verstecken.

Umso hin und her gerissener lassen einen Fugitive Dancer mit diesem Album gerade zurück: ein klein wenig traurig ob der Tatsache, dass dieses Werk, welches die Band eventuell bereits vor einiger Zeit aufnahm, jedoch – völlig zurecht – mit all seinem Herzblut und tollen, geradezu süchtig nach der Repeat-Taste machenden Melodien für zu schade für die digitale Schublade befand, wohlmöglich schon das letzte gemeinsame Lebenszeichen gewesen sein mag, und froh, dass man selbst auf Songs wie „Autumn Sky“, „Away“ oder „Weather Woman“ gestoßen ist, bevor die Flut der schnelllebigen Zeiten alles wieder unter sich begräbt. Nicht nur deshalb sind Fugitive Dancer schon jetzt eine meiner persönlichen Entdeckungen des Musikjahres…

 

„‚9 PM On Thursdays‘ – diese Zeit war einmal unsere Zeit. Band-Beisammensein gewordener Termin. Damals, als wir bereits in sechs verschiedenen Städten wohnten und jeden Donnerstag um 21 Uhr für ein, zwei Stunden digitalen Miteinanders auf Skype zusammenfanden. Um unsere, trotz der räumlichen Trennung, noch großen Pläne zu schmieden, Bandproben in Mannheim zu koordinieren, über unsere Zukunft als Band zu sprechen – und den Release jenes Albums zu planen, an dem wir so lange gearbeitet hatten.

Und die Zukunft fand statt, nur ohne unsere Pläne. Lautlos nahm die Zeit jede(n) von uns an die Hand, führte uns hinein in neue Abschnitte und heraus aus anderen, schmiss uns das Leben in allen Farben um die Ohren, ließ uns neue Heimaten finden – und die alte, jahrelange Heimat Fugitive Dancer aus den Augen verlieren. Dabei haben wir sie nie vergessen, nur den Weg zurück nicht mehr gefunden.

Nun lichtet sich in der vielleicht merkwürdigsten Zeit, die man sich dafür ausdenken kann, nach sechs stillen Jahren der Nebel noch einmal und wir reichen nach, was wir zumindest uns damals versprochen hatten: Die Veröffentlichung eines Albums, das uns noch immer die Welt bedeutet und von dem wir hoffen, dass es eure Welt in diesen seltsamen Tagen für ein paar Momente ein bisschen heller macht. Wir verbleiben…

…mit letztem Gruß? Man weiß es nicht. Passt auf Euch auf.
Andi, Jadi, Julian, Marius, Maxim, Sebastian“

 

Via YouTube findet man „9 PM On Thursdays“ im Stream:

 

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Cry Monster Cry


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Das aus Irland stammende Brüderpaar Richie und Jamie Martin hat sich wohl schon immer für Musik interessiert – so weit, so schon x Male in unzähligen Promotexten zu lesen gewesen. Auch, dass die beiden ihr eigenes Faszinosum auf die frühe Auseinandersetzung mit Plattensammlung und dem durchaus erlesenen Musikgeschmack ihrer Eltern zurückführen, dient in der Tat kaum als Alleinstellungsmerkmal. Und alle, denen der Gedanke an Kassettenbandsalate sowie an bunt und doch mit herzblutener Bedacht durch den Gemüsegarten der Töne zusammengestellte Mixtapes selbst heute noch wohlig-nostalgische Gänsehautschauer über die Epidermis jagt, können wohl nachvollziehen, dass die Martins ebenfalls gern an jene Tage zurückdenken, als Sommerferien und lange Autofahrten durch die irische Landschaft zum Haus ihrer Mutter in Donegal immer von den eigenen Mixtapes begleitet wurden…

Diese nostalgischen Jugendjahre sind in ihrer retrospektiven Erinnerung eingehüllt in die Klänge von Bob Dylan, den Everly Brothers, Van Morrison, Ray Charles oder Simon & Garfunkel. Es dauerte nicht lange, bis die Brüder lernten, selbst Instrumente zu spielen. Richie begann mit der Geige, bevor er als Teenager zur Gitarre wechselte. Sein Interesse führte ihn zum Musikstudium am College, wo er mit verschiedenen Klängen experimentierte. Jamie begann auf den weißen und schwarzen Tasten des Klaviers, bevor er von fast jedem Instrument besessen wurde, das er in die Finger bekam. Seine Liebe zum geschriebenen Wort brachte ihn dazu, Englisch am College zu studieren. Die oberste Prämisse der beiden blieb jedoch stets, gemeinsam Musik zu machen. Man erhebe den Vorhang für Cry Monster Cry!

71Syp5Kd+2L._SS500_Zusätzlich sind die Martin-Brüder auch tief in ihrer Heimat verhaftet. So ist es kaum verwunderlich, dass in ihren Songs ein tiefes Interesse an den Traditionen des Geschichtenerzählens in Irland deutlich spürbar scheint. Texte, Melodien und Rhythmen steten dabei gleichberechtigt in einer Reihe. Oft verschmelzen sie in Harmonie miteinander, um gen Firmament jubilierende Klanglandschaften zu erschaffen, während sie andererlieds gegensätzlich und kontrastierend scheinen, um darunter liegende, sanft reibende Spannungen zu erzeugen.

Ihr 2015 erschienenes Debütalbum „Rhythm Of Dawn“ ist dabei – sowohl in künstlerischer als auch in thematischer Hinsicht – ein Werk des Übergangs. Das zyklische Sujet der Platte markiert die Reise von der Nacht in den Tag. Vögel ziehen sich wie ein federner roter Faden durch das ganze Werk und scheinen wie eine Naht in den Stoff der zehn Stücke vernäht. Bei aller Ruhe und Schönklang gelingt es den Brüdern, die sich Zeit nahmen, um mit verschiedenen Sounds zu experimentieren, und neben traditionellen Folk-Instrumenten wie Banjos, Mandolinen und Akustikgitarren auch subtil flirrende Synthesizer, druckvolle E-Gitarren, hypnotische afrikanische Perkussion und Kammerorchester in ihren Sound einbunden, eine offensichtliche Spannung zwischen den melodischen Harmonien und den schwereren, dunkleren Untertönen in den Texten und Klängen, aus denen das Werk besteht, zu erzeugen.

A1Vz-CAbnSL._SS500_Und diesen Weg geht auch das im vergangenen Jahr veröffentlichte Album „Tides“ recht konsequent weiter – nur dass das zweite Werk von Richie und Jamie Martin diesmal einen noch dunkleren, noch einnehmenderen Sog erzeugt. Den beiden Dublinern ist dabei eine – im besten Sinne – wunderbar trügerische Alt.Folk-Platte gelungen – und das trotz ihrer kaum als „happy-go-lucky“ zu umschreibenden Grundthematiken (die auch die Pressemitteilung umreißt): „Der vernichtende Schmerz des Verlusts… Selbstzweifel. Probleme mit Depressionen. Siege. Niederlagen. Neue Lieben…“ – All das könnte natürlich der Grundstoff für harten Songtobak sein, glücklicherweise nimmt die Wärme der ohne viel Tamtam geschrieben Stücke den Zuhörer oft genug kumpelhaft in den Arm. Alles in allem ist „Tides“ gleichsam tröstlich wie widersprüchlich, Ebbe ebenso wie die nahende Flut. Hier lässt es sich von ganzem Herzen ebenso gut träumen wie heulen, lächeln wie grübeln.

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Zu den Highlights von „Tides“ zählen ohne Zweifel die Songs „Citadel“…

 

…und „High“…

 

…oder das Titelstück, welches Richie und Jamie Martin bei dieser Live Session inmitten der fast schon kitschig malerischen Kulisse des Brienzersee, welcher eingebettet zwischen den Emmentaler und Berner Alpen im Schweizer Kanton Bern liegt, zum Besten geben (das Ganze ist wiederum Teil des knapp halbstündigen Kurzfilms „When The Snow Falls I’ll Be Gone„, welcher Cry Monster Cry bei ihrer Reise in die Schweizer Alpen begleitet):

 

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: The Howl & The Hum


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Im Jahr 2020 scheint es mehr Möglichkeiten als je zuvor zu geben, schnell – und quasi über Nacht – bekannt zu werden. Heutige Pop-Stars von Justin Bieber bis hin zu Billie Eilish werden via YouTube, Soundcloud oder Instagram geboren; Musiker können bestenfalls jegliche Landesgrenzen und Sprachbarrieren außer Acht lassen und ganze Anhängerschaften um sich scharen, ohne jemals eine Konzertbühne betreten oder je eine Note außerhalb ihres Schlafzimmers gespielt zu haben. Doch obwohl die Schönheit der Chancen zwischen all den Bits and Bytes digital strahlen mag, geht ihnen dabei doch der romantische Charme davon ab, seine Jugend damit zu verbringen, sich unter Gleichgesinnten juvenilen Seelen die Kehlen heiser zu singen und die Finger wund zu spielen…

Davon weiß auch Sam Griffiths das ein oder andere Liedchen zu singen. Der junge Engländer, der optisch im ersten Moment wie eine Art bleicher Hipster-Nerd wirken mag, jedoch zweifelsohne mit einer mächtigen Stimme, deren Pathos etliche (Jung)Frauenherzen zum Schmelzen bringen kann, gesegnet ist, verbrachte Jahre in der künstlerisch umtriebigen Open-Mic-Szene von York, und entdeckte, dass es genau Erfahrungen wie diese sind, die einen wirklich formen. Nach seinem Umzug in die Stadt im Norden Englands entwickelte Griffiths eine Faszination für die „Open Mic & Poetry Nights“, welche Künstler mit ausgeprägter romantisch-popkultureller Ader wohl am ehesten mit einer seltsamen Version von Bob Dylans Greenwich Village in den Sechzigerjahren (nur eben verlagert nach Yorkshire) vergleichen würden. Und während  dieser Open-Mic-Nights traf Sam Griffiths Bassist Bradley Blackwell, Schlagzeuger Jack Williams und Gitarrist Conor Hirons. The Howl & The Hum waren geboren.

unnamedAlle vier hatten schon vorher reichlich Erfahrungen in lokalen Bands gesammelt, sich in Bars, Pubs und Jugendzentren die Finger blutig gespielt – und wohl auch die Allerwertesten während vieler Meilen in klapprigen Vans ausreichend wund gesessen. Kaum verwunderlich also, dass Griffiths, Blackwell, Williams und Hirons sehr genau wissen, was den Kern eines gut geschriebenen Songs ausmacht, und eine gesunde Sicht bezüglich des Platzes, den Gitarrenmusik in der heutigen Kultur einnimmt, besitzen. Ihre Inspirationen reichen über Genres hinweg von Leonard Cohen und Phoebe Bridgers bis hin zu Lizzo oder Kendrick Lamar, während sie aufgrund ihrer Songs (die Debüt-EP „Godmanchester Chinese Bridge erschien 2017) bereits mit Szene-Größen wie Massive Attack, Radiohead oder Alt-J verglichen wurden.

Dass der Erfolg auch in den heutigen digital-schnelllebigen Zeiten kaum ohne Unterstützung von außen möglich ist, weiß natürlich auch das Newcomer-Quartett. Umso besser, dass etwa BBC Radio 1-Moderator Huw Stephens, der die Band für seine Bühne beim letztjährigen SXSW auswählte und etwa die Single „Hall Of Fame“ in seiner Radio-Show vorstellte, schnell einen Narren an Griffiths und Co. gefressen hatte. Mittlerweile haben The Howl & The Hum, die im Studio eher ihre dunkle, elektronisch-poppig-verspielte Seite à la Alt-J ausleben, während auf Bühnenbrettern oftmals die weitaus faszinierendere Janusköpfigkeit zwischen melancholisch-reduzierter Introspektion und Indierock-meets-Postpunk-Ausbruch zum Vorschein kommt (und sie klanglich in die Nähe zu Bands wie Daughter rückt), einen Plattenvertrag unterschrieben, das Langspiel-Debüt „Human Contact“ ist für den 29. Mai angekündigt. Und wer sich via YouTube und Co. einmal durch das bislang veröffentlichte Material des englischen Newcomer-Vierers hört, dem wird schnell klar, dass dieses Album vielleicht, vielleicht eines der Highlights des Musikjahres werden könnte…

 

 

Einer der bislang schönsten Songs von The Howl & The Hum (über die es hier ein weiteres Porträt zu lesen gibt), der alle Qualitäten der UK-Senkrechtstarter in gerade einmal dreieinhalb Minuten auf den tönenden Punkt bringt, ist „Godmanchester Chinese Bridge„, seines Zeichens Titelstück der 2017er Debüt-EP. 

 

Kaum verwunderlich, dass das Stück auch in seiner Live-Session-Variante keineswegs an Glanz verliert (ohnehin scheint die Band, wie bereits erwähnt, gerade außerhalb des sterilen Studio-Ambientes noch einmal an Intensität zuzulegen)…

 

„Back when you weren’t successful
Back when you were interesting
Back when we were in the same boat
Making waves
Back in my head now
You’ve made yourself very hard to forget now
Do you remember that bridge in the midlands
They pulled apart, just to see how it stood?
But now you’re something big in the city
So cruel to say
But it’s such a pity
So cruel to say
But I hope you lose your way
Back when we were inseparable
Back when you were a reckless one
Back when we’d get lost to get lost
Do you remember that mess?
Now I return to Godmanchester
Back to the bridge
And I see it still standing there
I’m still that lost kid
Wrapping his head around forever
But now you’re something big in the city
So cruel to say
But its such a pity
So cruel to say
But I hope you lose your way
And if you’re lost, I will be waiting
And if you’re lost, I will be waiting
And if you’re lost, I will be waiting
And if you’re lost, I will be waiting
Waiting on Godmanchester Chinese Bridge…“

 

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Cold Reading


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Wer Wikipedia bemüht, der erfährt Folgendes: „Cold Reading (engl. für ‚kalte Deutung‘, auch ’sensory leakage‘) ist ursprünglich der von professionellen Zauberkünstlern und Mentalisten verwendete Fachausdruck für verschiedene Techniken, in Interview-artigen Situationen ohne wirkliches Wissen über den Gesprächspartner bei diesem den Eindruck eines vorhandenen Wissens zu erwecken. In neuerer Zeit wird der Begriff auch für entsprechende Praktiken bei Wahrsagern und anderen ‚Lebensberatern‘ sowie in Vernehmungen oder bei Verkaufsgesprächen gebraucht, wobei unklar ist, inwiefern die Ausübenden diese Techniken bewusst einsetzen oder an den Besitz besonderer Fähigkeiten glauben.“ Weißte Bescheid, wa?

Wieso dies von Interesse sein könnte? Nun, auch bei der Band, die sich nach dieser Art der Gesprächstechnik benannte, weiß man nie so ganz genau, woran man gerade ist… Fakt ist: Cold Reading erzählen Geschichten. Geschichten übers Aufhören und Anfangen, übers Stürzen und Aufstehen, über den wehmütigen Blick zurück und die hoffnungsvolle Vision der kommenden Dinge.

Nach der Veröffentlichung ihres Debütalbums „Fractures & Fragments“ im Jahr 2015 und der „Sojourner EP“ zwar Jahre darauf geht die fünfköpfige Band aus dem schweizerischen Luzern, deren hymnischer Alternative-Sound nicht selten stark an den 00er-Emo von Bands wie Brand New erinnert, bei der Realisierung ihres zweiten Langspielers „ZYT“ Wege abseits der ausgetretenen Pfade. In Form eines Konzeptalbums setzen sich Cold Reading sowohl musikalisch als auch textlich mit dem Thema Zeit auseinander und versuchen, sich diesem schwer fassbaren Konzept aus verschiedenen Perspektiven zu nähern, in welchen Sound und Texte jeweils vielversprechende Symbiosen eingehen. Das insgesamt knapp einstündige Album besteht aus drei EPs zu je vier Titeln, die die 2014 gegründete Band um Sänger Michael Portmann, welche in der Vergangenheit bereit Formationen wie The Get Up Kids oder The Hotelier auf deren Europatourneen begleiten durfte, auch live nacheinander spielen wird und sich mit der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft beschäftigen (ein ganz ähnliches Konzept gelang bei den US-Post-Hardcore-Indierockern Thrice und deren „The Alchemy Index“ vor gut zehn Jahren ebenfalls recht vielversprechend).

Während Cold Reading für den ersten, „Past Perfect“ betitelten Teil, in welchem das lyrische Ich nach einer Phase der Orientierungslosigkeit schließlich zu einem Selbstfindungstrip aufbricht, noch bewusst auf rein analoge Instrumente zurückgreifen, öffnen sie ihren Sound für das folgende „Present Tense“ für aktuelle Klänge zwischen Loops und elektronischen Einschüben. Thematisch bearbeitet diese EP das Prinzip des Carpe Diem. Das abschließende „Future Continuous“ wiederum widmet sich dann in stellenweise ausuferndem Post-Rock sowie in Dreampop- oder Electronica-Experimenten verschiedenen Zukunftsvisionen.

 

91otl8QDdkL._SX522_Part 1: Past Perfect
01. „Through The Woods Pt. 1“
02. „Past Perfect“
03. „Mono No Aware“
04. „Escape Plan Blueprint / New Domain“

Part 2: Present Tense
05. „Stay Here Stay Now“
06. „Through The Woods Pt. 2“
07. „Present Tense“
08. „A Quiet Thought“

Part 3: Future Continuous
09. „Oh Sweet Hereafter“
10. „Future Continuous“
11. „Tree Diagram“
12. „Through The Woods Pt. 3“

 

Das Musikvideo zum Song „Tree Diagram“ (dieser stammt vom letzten Drittel des Albums), das in Mexiko produziert wurde, könnte seiner cineastischen Machart wegen glatt als Kurzfilm durchgehen und spielt – wie schon das ganze Konzept des am 31. Januar erscheinenden Albums – mit dem Thema Zeit. Kurzgefasst könnte man wohl schreiben, das Cold Reading hier die Verbildlichung einer Endlosschleife im Auge hatten…

 

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Rock and Roll.

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