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Das Album der Woche


Kevin Devine – Nothing’s Real, So Nothing’s Wrong (2022)

-erschienen bei Triple Crown/Membran-

Regelmäßige Leser von ANEWFRIEND wissen es freilich: Kevin Devine ist seit Jahr und Tag ein regelmäßiger Gast auf diesem bescheidenen Blog, wannimmer es von neuen Tönen aus der Feder des kreativen 42-jährigen Singer/Songwriters aus Brooklyn zu berichten gibt.

Für alle anderen als kleiner Service hier noch einmal (s)ein Indie-Rock-Werdegang im Schnellabriss: Devines Karriere begann in den frühen Nullerjahren mit der Emo-Indie-Rock-Band Miracle of 86. Anschließend veröffentlichte er erste Soloalben, tourte mit seinem ständig wechselnden Backing-Kollektiv The Goddamn Band (welche ihrerseits unter anderem aus ehemaligen Mitgliedern von Miracle Of 86 besteht) und gründete mit Manchester Orchestra-Frontmann Andy Hull zudem das Projekt Bad Books. Neben seiner Solokarriere, welche zuletzt, 2016, die Alben “Instigator” sowie “We Are Who We’ve Always Been” (das 2017 erschien und Akustik-Versionen der “Instigator”-Songs beinhaltete) hervorbrachte, war Kevin Devine, der sich zudem auch politisch engagiert und oft genug Wort gegen soziale Missstände ergreift, auch Tourmusiker in zahlreichen anderen Bands und tourte weltweit, sowohl solo als auch mit befreundeten Bands und Musker*innen wie Frightened Rabbit, John K. Samson oder Julien Baker. Neuerdings beschritt der US-Musiker außerdem neue digitale Wege und bietet seinen treuesten Fans via Patreon exklusiven Content sowie Livestream-Shows (in welchen er etwa auch seinem Idol Elliott Smith die Ehre erwies).

Foto: Erik Tanner

Ja, auch ohne eigene „vollwertige“ Albumveröffentlichung hatte Kevin Devine in den letzten Jahren alle Hände voll zu tun. Wer da nicht versuchte, beständig am Ball zu bleiben, der konnte anhand des enormen Outputs des New Yorker Musikers (zu dem in der Vergangenheit außerdem ein Aus-Spaß-an-der-Freude-Komplettcover des Nirvana-Meilensteins „Nevermind“ zählte) schonmal den Überblick verlieren. Dass es nun doch ganze fünf Jahre gedauert hat, bis „Instigator“ einen Nachfolger erhält, kommt da fast ein wenig überraschend…

Andererseits platzt „Nothing’s Real, So Nothing’s Wrong“ mitten hinein in eine in vielerlei Hinsicht durch eine weltweite Pandemie, den Klimawandel, kriegerische Konflikte, rassistische Gewalttaten oder „Me Too“ aufgewühlte Zeit – vor allem, wenn man dessen Schöpfer selbst befragt: Konzepte wie Kapitalismus und Männlichkeit seien am Ende, so Devine, die Realität an Bizarrheit kaum noch zu überbieten. Wo Tocotronic ob des Zustands der Welt bereits anno 2007 einst „Kapitulation“ forderten, ruft der 42-Jährige nun zum eskapistischen Rückzug auf. Und zwar dem ins Innere: Realitätsverlust als Chance.

„Die Songs loten alle eine bestimmte Art aus, wie man auf eine Krise reagiert: spirituell, familiär und kulturell. Anstatt der ohnmächtigen Annahme, dass es einen unsichtbaren Architekten gibt, der alles bestimmt, sage ich mir: Alles ist genauso, wie es ist, und vieles von dem, was mir real vorkommt, ist gar nicht real: Ich muss mich nicht von Allem emotional kaputt machen lassen. ‚Nothing’s Real, So Nothing’s Wrong‘ ist natürlich eine plakative Aussage – Aber wie soll es sonst auch anders gehen heutzutage? Ich habe mir mit einem mentalen Skalpell einen ’safe space‘ erschaffen, in dem ich mich in Ruhe sortieren kann.“ (Kevin Devine)

Vor allem klanglich präsentiert sich Kevin Devines nunmehr zehntes Solo-Werk dabei in einem nahezu völlig neuen Gewand, denn garagiger Power Pop oder splitternackte Songwriter-Übungen sind auf „Nothing’s Real, So Nothing’s Wrong“ nicht mehr anzutreffen. Stattdessen balancieren Devine und Band spürbar mehr Tonspuren als je zuvor auf ihren schmalen Schultern und legen sich richtig hinein in die weiträumig ausgetüftelten und detailliert orchestrierten Stücke – ein „surrealer, cineastischer Bedroom-Rock-Fiebertraum“, wie’s im Begleittext zum neuen Album heißt. Songs wie „Override“ oder „Someone Else’s Dream“ klingen entsprechend, als hätte man rohen Elliott-Smith-Skizzen eine Pomp-Behandlung spendiert, so wie auch dieser seinen todtraurigen Songs auf „XO“ und insbesondere „Figure 8“ (freilich auch auf dem postum erschienenen „From A Basement On The Hill“) ein gewisses Mehr an Gewicht genehmigt hat. Schon das Eröffnungsstück „Laurel Leaf (Anhedonia)“, welches sich mit Anhedonia, der Unfähigkeit Freude und Lust zu empfinden, befasst, schichtet hibbelige Streicher und verrauschte Schlagzeugeffekte über eine Beatle’eske Pop-Melodie, die mit den Symptomen einer Depression konterkariert wird. „All the nights I cut myself and I felt nothing / Murder every messenger, but they keep coming“ – Auswege zu finden, ist oft genug unerträglich schwer. Manchmal bleibt da nur, sich mit dem inneren schwarzen Hund zu versöhnen. Mit dieser Überdosis Harmonie zwischen den Noten demonstriert Devine gleich zum Einstieg, wie viel Kraft und Selbstheilungspotential in tönender Kunst stecken kann – für die, die sie hören und die, die sie machen.

Galoppierende Stampf-Drums und flirrende Elektro-Sprengsel regnen in „How Can I Help You?“ herab, das zwar nicht direkt ins Ohr will, seine Qualitäten aber dennoch nach und nach offenbart. In anderen Songs experimentiert Devine nicht nur mit Soundcollagen, sondern auch mit Tempowechseln, weiteren Synthie-Backings und immer wieder mit traumwandlerischen, gar psychedelischen Harmonien, die in große Gesten umschlagen. Selbst in Momenten der Paranoia („Someone’s after me“) versucht er, seine innere, entspannte Mitte nicht zu verlieren, sodass ebenjene Momente fast ein wenig zugedröhnt wirken mögen. Was wiederum nicht heißt, dass Kompositionen wie etwa „It’s A Trap!“ nicht auch – im positiven Sinne – ein wenig chaotisch werden dürfen, wenn sich noch klarinettenähnliche Töne und krumme Rhythmen zu dem bunten Reigen dazugesellen – Größen von den Flaming Lips über Sparklehorse bis hin zu Wilco lassen hier als Referenzen lieb grüßen. Mit am besten kulminiert dies alles im vorab veröffentlichten „Albatross“. „I think my brain is broken“, fürchtet Devine in der nahezu formvollendeten, als feierlicher Sixties-Schunkler getarnten Stadion-Pop-Hymne, stellt jedoch auch relativierend fest: „Nothing matters anyway.“ – und man selbst merkt immer mehr, dass da vielleicht etwas dran sein könnte an seiner Feststellung. Das Album endet schließlich versöhnlich mit „Stitching Up The Suture“, und tatsächlich hat Devine im Laufe dieser Songs mit seinem vorsichtigen Optimismus so einige Wunden zugenäht – unsere, aber auch seine.

Obwohl „Nothing’s Real, So Nothing’s Wrong“, dessen Albumtitel etwas von zu viel Wein und Küchenphilosophie hat, nicht wenige musikalisch herausfordernde Geschütze auffährt (von denen zugegebenermaßen nicht jedes einen Volltreffer landet und einen im ersten Moment ein wenig überrumpeln mag), erstickt Album Nummer zehn dennoch nicht an der eigenen Theatralik. Auch lyrisch wagt sich der „Brooklyn Boy“ noch stärker als ohnehin schon ins Literarische vor, erzählt hochintrospektive, jedoch mit allerlei textlichen Verrenkungen ausgeschmückte Anekdoten eines zwar wachen, aber hochgradig an sich selbst zweifelnden Geistes, der sich vor der ihm fremd gewordenen Welt da draußen in sich selbst zurückzuziehen sucht. Letztendlich steckt jedoch mehr Konfrontation als Augenverschließen in Devines emphatischen Bewältigungsmechanismen, vor allem wenn es um seine eigene Einsamkeit geht – umso besser, dass all die Albträume, all die Ängste das Album nie in allzu dunkle Gefilde ziehen. Und natürlich tönen hier viele Songs schwer und sperrig, sind mit all den überbordenden, surrealen Arrangements, den gleißenden Synthies, den schwankenden Gitarren, den Popsongrahmen oft genug sprengenden Klangexperimenten recht nahe dran am Psychedelic Pop der bereits genannten Flaming Lips oder Sparklehorse, muten mitunter sogar ein bisschen esoterisch an, und sind von der Unbekümmertheit des jungen „Emo-Devine“ von vor einem Jahrzehnt, der nur Stimme, Gitarre und ein bisschen Grunge Rock benötigte, um jedes Hörerherz zu erwärmen, meilenweit entfernt. Aber auch eine konsequente Weiterentwicklung – zumindest musikalisch. Bei all dem absurden Irrsinn in der Welt da draußen bleibt eben manchmal nur noch die Einsiedelei und der Weg zurück zu sich selbst. Denn da, dort drinnen, kriegt einen keiner. Dennoch: all is not lost.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Kevin Devine – „Albatross“


Regelmäßige Leser von ANEWFRIEND wissen es freilich: Kevin Devine ist seit Jahr und Tag ein regelmäßiger Gast auf diesem bescheidenen Blog, wannimmer es Neues über den 42-jährigen Singer/Songwriter aus Brooklyn zu berichten gibt.

Für alle anderen als kleiner Service hier einmal (s)ein Indie-Rock-Werdegang im Schnellabriss: Devines Karriere begann in den frühen Nullerjahren mit der Emo-Indie-Rock-Band Miracle of 86. Anschließend veröffentlichte er erste Soloalben, tourte mit seinem ständig wechselnden Backing-Kollektiv The Goddamn Band (welche ihrerseits unter anderem aus ehemaligen Mitgliedern von Miracle Of 86 besteht) und gründete mit Manchester Orchestra-Frontmann Andy Hull zudem das Projekt Bad Books. Neben seiner Solokarriere, welche zuletzt, 2016, die Alben “Instigator” sowie “We Are Who We’ve Always Been” (das 2017 erschien und Akustik-Versionen der “Instigator”-Songs beinhaltete) hervorbrachte, war Kevin Devine, der sich zudem auch politisch engagiert und oft genug Wort gegen soziale Missstände ergreift, auch Tourmusiker in zahlreichen anderen Bands und tourte weltweit, sowohl solo als auch mit befreundeten Bands und Musker*innen wie Frightened Rabbit, John K. Samson oder Julien Baker. Neuerdings beschritt der US-Musiker außerdem neue digitale Wege und bietet seinen treuesten Fans via Patreon exklusiven Content sowie Livestream-Shows.

Und: Kevin Devine hat, wie so einige andere Kollegen, die Corona-bedingte Zwangspause scheinbar recht kreativ genutzt und ein neues Album aufgenommen. Selbiges – es ist bereits sein nunmehr zehntes Solo-Werk – hört auf den Titel „Nothing’s Real, So Nothing’s Wrong“ und wird am 25. März via Triple Crown Records erscheinen. Wie der begleitende Pressetext – zugegebenermaßen recht blumig – wissen lässt, strahlen die elf Stücke des neuen Albums eine anmutige Reife aus. In einer Welt, die um einen herum zerfällt, ist „Nothing’s Real, So Nothing’s Wrong“ ein Rettungsboot in einem stürmischen Meer von kulturellen, familiären, spirituellen und gesellschaftlichen Krisen. Musikalisch verschmelzen Psych Folk mit Orchesterarrangements, Bedroom Pop und Indie Rock zu einem ungemein dichten Sound. Die Leadsingle „Albatross„, welche Devine nun als ersten Eindruck hören lässt, beschreibt im Refrain das bereits thematische Fundament des kommenden Albums: „If you’re sinking / Sing along / Nothing’s real, so nothing’s wrong“.

Kevin Devine über den neuen Song: „‚Albatross‘ steht für einen harten Reboot. Der Song beschreibt eine Entladung für all die, die mit den vorgefertigten Lösungen und Wundermitteln des 21. Jahrhunderts zu kämpfen haben. Wo findet man noch Trost, wenn das allgemeine Wertesystem und der Diskurs degradiert und grotesk sind? Vielleicht müssen wir loslassen, und dann noch mehr loslassen: Von der Last, etwas zu kommunizieren, für das es keine noch keine passende Worte gibt. Von den Ad-Hoc-Antworten auf unbeantwortbare Fragen. Von einer pervertierten und auf den Kopf gestellten Realität, die einen glauben lassen will, Dinge reparieren zu müssen, die gar nicht kaputt sind.“

Devine malt auf „Nothing’s Real, So Nothing’s Wrong“ ein komplexes, jedoch optimistisches Porträt eines Lebens, das größer ist als sein eigenes. Er findet, wohlmöglich sogar besser denn je, ein Gleichgewicht zwischen eigenen Mikroerfahrungen und den Makrostrukturen unserer Gesellschaft. Alte und neue Hörer*innen werden eingeladen, sich mit ihm auf eine intime Reise zu begeben, in der das Verständnis über das eigene Innenleben eine der letzten – aber vielleicht besten – Methoden des Widerstands wird.

Liest sich, als hätte Kevin Devine auch 2022 viel mit dieser Welt da draußen zu teilen. Man darf – nein, sollte – also mächtig gespannt aufs neue Album sein…

„In simplest terms: ‚Nothing’s Real, So Nothing’s Wrong‘ is a grown-up break-up (or break-ups, as it were) record, for strugglers by strugglers, a kitchen-sink 10th album pivot, painstakingly brought to life by two career-long collaborators and their shared (& split) obsessions. 

The mission: alchemize a chainsmoked series of destabilizing life experiences into something musically dynamic & progressive & expansive; be lyrically evocative & excavating & unflinching without irresponsibly printing your journals; navigate two successive endings, and the “how did I get here,” and the dark night of honestly assessing the soul, and digging a tunnel, and the stubborn humanity in beginning again. 

(It’s also sort of a fatherhood record.) 

And now: to get people to hear it.“

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Ethan Gruska


Foto: Josh Rothstein

Im Fall von Ethan Gruska ist die Behauptung, dass ihm das Gespür fürs Musikalische in die Wiege gelegt wurde, weitaus mehr als eine platte Phrase. Der in Los Angeles lebende 32-Jährige wuchs im sagenumwobenen San Fernando Valley auf und begleitete seinen Vater, den Emmy-nominierten Komponisten Jay Gruska, schon als kleiner Steppke bei der Arbeit mit mal diesen, mal jenen Session-Musikern in dessen Hinterhofstudio, in welchem dieser an der Hintergrunduntermalung für bekannte Fernsehserien wie “Supernatural” “Charmed” oder “Lois & Clark: The New Adventures of Superman” werkelte. Auch seine Begeisterung für die Soundtracks großer Filmklassiker von „Star Wars“ über „Der weiße Hai“ bis „Indiana Jones“ ist keinesfalls verwunderlich, immerhin stammen die Partituren von seinem Großvater, dem legendären John Williams. „Als Kind habe ich nicht verstanden, wie schwer das alles ist“, meint Ethan Gruska heute. „Aber die Studioumgebung fühlte sich für mich nie fremd oder beängstigend an.“

Diese früh erlernte Mentalität half Gruska wohl auch, als er 2019 einen recht unerwarteten Anruf von Fiona Apple erhielt, der dazu führte, dass sie zusammen ins Studio gingen. Und die unlängst mehrfach Grammy-prämierte Indie-Musikerin ist bei weitem nicht der einzige fashionable Name auf Gruskas Produzenten-Vita. So schrieb der Tausendsassa auch Songs für John Legend, arbeitete mit dem Ghanaisch-US-amerikanischen R’n’B-Soul-Jazzer Moses Sumney zusammen, co-produzierte etwa „Punisher“ von Singer/Songwriter-Senkrechtstarterin Phoebe Bridgers – ohne Zweifel eines der Indie-Konsens-Alben des vergangenen Jahres – und half mal hier, mal da bei der Arbeit an „The Million Masks Of God„, dem in Kürze erscheinenden neuen Album der Atlanta-Alternative-Rocker Manchester Orchestra aus. Und all das, während er selbst sein im Januar 2020 erschienenes zweites Solo-Werk „En Garde“ aufnahm. Und nun? „Ich hoffe, dass all das zu mehr Kollaborationen als Produzent und Autor führt“, sagt er. „Es ist ein langer Prozess, in dem ich alles zusammenführe, was ich gelernt habe – und es mit meiner eigenen Stimme verbinde.“

Dabei war die Zusammenarbeit mit Phoebe Bridgers die wohl wichtigste für den aufstrebenden Studio-Sidekick. Gruska traf die ebenfalls in Los Angeles beheimatete Indie-Musikerin zum ersten Mal durch Tony Berg, einen erfahrenen Studio-/A&R-Veteranen, der Gruskas erstes Soloalbum, das 2017 erschienene „Slowmotionary“, produzierte. „Phoebe, Tony und ich – wir nennen uns ‚The Trilemma‘: ein Dilemma mit drei möglichen Ausgängen“, meint Gruska lachend. „Wir helfen uns oft gegenseitig aus.“ Berg und er hatten bereits „Stranger In The Alps„, Bridgers‘ gefeiertes Albumdebüt von 2017, mitproduziert und waren umso mehr in den Kreativprozess des großartigen „Punisher“ (ANEWFRIENDs „Album des Jahres 2020„) eingebunden. „Sie [Phoebe Bridgers] brachte eine Reihe von Songs mit ins Studio, die wirklich klasse waren – sowohl textlich als auch kompositorisch“, meint Gruska. „Und ich hatte vor den Albumarbeiten ein paar neue Studio-Spielzeuge bekommen – Granular-Synthesizer-Sampler – also gab es so einige Soundspielereien auf der Platte.“

Auch Ethan Gruskas Kontakt zu Fiona Apple verdankt dieser wohl seinen familiären Banden: Seine ältere Schwester Barbara, mit der er übrigens als The Belle Brigade zwischen 2011 und 2014 zwei irgendwie sonnig-kalifornische, irgendwie auch somnambule Folk-Rock-Alben irgendwo im musikalischen Dickicht zwischen den Beach Boys und Fleetwood Mac in die Plattenregale stellte und die unter anderem für einige Zeit in Apples Live-Band hinterm Schlagzeug saß, machte ihn schon als Teenager mit den „klassischen“ Alben der lange von der breiten Masse verschmähten, jedoch stets vom distinguierten Feuilleton geliebten Indie-Musikerin bekannt. Wen wundert’s – Gruska verliebte sich sofort in die seelenvolle Tiefe von Werken wie „Tidal“ oder „When The Pawn…“. Als Tony Berg ihn also Mitte 2019 bat, bei einem von ihm produzierten Apple-Song – einer Coverversion des The Waterboys-Evergreens „The Whole Of The Moon“ für die Showtime-Serie „The Affair“ – Klavier zu spielen, war er logischerweise hellauf begeistert. „Ich hatte noch nie jemanden erlebt, der mit so viel Energie in einem Take singt und es dann auch noch perfekt hinbekommt“, erinnert sich Gruska. Wenige Wochen später war er Co-Produzent von Apples Cover von Simon & Garfunkels „7 O’Clock News/Silent Night„, das diese gemeinsam mit Bridgers und Matt Berninger von The National aufnahm und zugunsten der Charity-Organisation Planned Parenthood veröffentlichte.

Und auch seine Zusammenarbeit mit Manchester Orchestra verlief über ähnliche Umwege. So wurde Ethan Gruska 2019 hinzugezogen, um dem recht programmatisch im LedZep-Stil „III“ betitelten dritten Album von Bad Books, Andy Hulls Kollabo-Projekt mit Indie-Singer/Songwriter Kevin Devine, den letzten Schliff zu geben. Und Hull, rein zufällig eben auch Frontmann und Mastermind hinter Manchester Orchestra, war so beeindruckt, dass er Gruska für die Co-Produktion des kommenden sechsten Studioalbums seiner Hauptband engagierte, deren letztes Album, „A Black Mile To The Surface“ von 2017, für die vierköpfige Alternative-Rock-Band sowohl klanglich als auch was die Chart-Platzierungen betraf, einen kleinen Quantensprung darstellte. Und wenn man Gruska (sowie den ersten Hörproben „Bed Head“ und „Keel Timing„) Glauben schenken darf, dann werden Fans der Band auch an „The Million Masks Of God“ Gefallen finden. „Es gibt wirklich interessante, charaktergetriebene Erzählungen, aber man merkt immer, dass es um etwas geht, das für ihn [Andy Hull] real ist“, so Gruska über das neue Album von Manchester Orchestra.

Klare Sache: Von Ethan Gruska, dem das Gespür fürs Musikalische ohne jeden Zweifel in die Wiege gelegt wurde, wird in Zukunft noch einiges zu hören sein. Dennoch seien allen abseits der Sachen, die er auch in der kommenden Zeit für andere im Studio an den Reglern und Instrumenten in kreative Bahnen lenken wird, noch einmal Gruskas eigene Solo-Alben „Slowmotionary“ und „En Garde„, auf denen von hintersinnigen kleinen Indie-Pop-Experimenten über entspannt-kalifornischen Indie Rock bis hin zu verträumtem Indie Folk so vieles passiert, wärmstens empfohlen. Allein schon – aber natürlich nicht nur – wegen des tollen Duetts mit Phoebe Bridgers beim Song „Enough For Now“.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Manchester Orchestra – „The Alien“


manchester-orchestra-2017

Obwohl es in den letzten Jahren etwas stiller um Manchester Orchestra geworden ist, dürfte es wohl kein Geheimnis sein, dass die vierköpfige Band aus Atlanta, Georgia zu meinen absoluten Herzensbands zählt und mindestens die beiden Alben „Mean Everything To Nothing“ (2009) sowie „Simple Math“ (2011) auch heute und in gefühlten einhundert Jahren noch über jeden Zweifel erhaben sind – man höre nur Songs wie „Shake It Out„, „Simple Math“ oder „Virgin“ und staune…

Dass „still“ nicht unbedingt „stillstehend“ bedeutet, zeigt sich nun, denn Frontmann Andy Hull, der nebenbei noch gut beschäftigt mit seinem Solo-Projekt Right Away, Great Captain!, dem zweiten Band-Projekt Bad Books (bei dem unter anderem auch der nicht minder tolle Kevin Devine mitspielt) sowie dem Soundtrack zum spleenigen Film „Swiss Army Man“ war, sowie Robert McDowell, Tim Very und Andy Prince haben fleißig am Nachfolger zum 2014 erschienenen Album-Doppelschlag „Cope“ / „Hope“ (das eine die stürmische, das andere die ruhige Seite) geschraubt.

0888072031326Glaubt man den ersten Vorboten zum am 28. Juli erscheinenden sechsten Werk „A Black Mile To The Surface„, welches von Catherine Marks (PJ Harvey, The Killers) und John Congleton (St. Vincent, Explosions In The Sky, Strand Of Oaks) produziert wurde, so hüllen sich die elf neuen Stücke in eine um einiges atmosphärischere Soundschicht als noch etwa „Cope“. „The Gold“ etwa treibt über viereinhalb Minuten gemächlich voran, ohne wirklich je auszubrechen. Zwischendurch schlagen die Gitarren leichte Wellen, lassen den Song luftig klingen und geben Sänger Andy Hull ausreichend Raum für dessen weiche Stimme.

Aus ganz ähnlich balladeskem Kerbholz haben Manchester Orchestra auch den zweiten Vorboten „The Alien“ geschnitzt: Ganz sacht erzeugen die Instrumente schüchterne Indierock-Melodien, über die Hull zerbrechlich singt. Der Song erzeugt mit Piano-Einsprengseln und hallenden Vocals eine leicht träumerische Atmosphäre, in seinen fünfeinhalb Minuten wagt auch „The Alien“ es nicht ein einziges Mal, auch nur kurz auszubrechen – wäre da nicht Hulls dezent hohes Gesangsorgan, man könnte glatt die Chef-Melancholiker von The National hinter dem Song vermuten (allerdings könnten die stimmlichen Unterschiede zwischen Andy Hull und Matt Berninger größer kaum sein). Inhaltlich geht es in dem Stück darum, welche kleinen und großen Effekte die eigene Familie auf einen ausübt. Der Clip setzt die Geschichte eines Mannes, der laut Hull „eine hochmütige Entscheidung mit schlimmen Konsequenzen fällt“, in einem erzählerischen Video um. Das Musikvideo läuft rückwärts und zeigt dabei alte Aufnahmen eines glücklichen kleinen Mädchens mit ihrer Mutter sowie Bilder aus der Gegenwart, in denen sie erwachsen ist. Zu Beginn liegt die junge Frau im Garten vor ihrem Haus, später zeigt das Video, wie sie dorthin herunterstüzte. Ein Mann wird dabei immer nur kurz, unzufrieden und leer aussehend eingeblendet.

Zwei Vorab-Songs von „A Black Mile To The Surface“, zwei Beweise, dass sich Manchester Orchestra klanglich dehnen und weiterentwickeln können, ohne auch in ruhigeren Gefilden allzu viel an Intensität einzubüßen. Ob denn die bisher so geliebten Alternative-Rock-Anwandlungen von Andy Hull und Co. ebenfalls aufs neue Album zurückkehren werden? Man darf gespannt sein…

 

 

„The lights were low enough you guessed
You swapped your conscience with your father’s medication
Limped from Rome to Lawrenceville
And on the way wrote out a self made declaration
And when you got to Pleasant Hill
You forced the traffic to erase your family demons
And made a pact with you and god
If you don’t move I swear to you I’m gonna make ya

Do you need me?

When the first officer arrived
It happened to be the high school bully of your brother
When you finally recognised
You felt some guilt that you had even let him touch you
„Can you hear me, what’s your name?“
You could not speak just laid amazed at all the damage
As the high school’s letting out
All the kids are saying the same thing that they used to

It’s an alien…

The lights are low enough you guessed
Hospital food, there’s never enough medication
The doctor asked about your ears
You said your mom said you were made from a revelation
The revelation never scares
Your fear came from your drunken dad and a pair of scissors
„Were you just finally letting go?“
„Did you mean to take out all those people with you?“

Didn’t mean to…

Oh I didn’t mean to…

Time is here to take your last amendments and believe them on your own
Time is here to take you by the hand, and leave you there alone
Time has come to take the last commandment and to carve it into stone
Time has come to take you by the hand, and leave you here alone“

 

Rock and Roll.

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