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Auf dem Radar: Ethan Gruska


Foto: Josh Rothstein

Im Fall von Ethan Gruska ist die Behauptung, dass ihm das Gespür fürs Musikalische in die Wiege gelegt wurde, weitaus mehr als eine platte Phrase. Der in Los Angeles lebende 32-Jährige wuchs im sagenumwobenen San Fernando Valley auf und begleitete seinen Vater, den Emmy-nominierten Komponisten Jay Gruska, schon als kleiner Steppke bei der Arbeit mit mal diesen, mal jenen Session-Musikern in dessen Hinterhofstudio, in welchem dieser an der Hintergrunduntermalung für bekannte Fernsehserien wie “Supernatural” “Charmed” oder “Lois & Clark: The New Adventures of Superman” werkelte. Auch seine Begeisterung für die Soundtracks großer Filmklassiker von „Star Wars“ über „Der weiße Hai“ bis „Indiana Jones“ ist keinesfalls verwunderlich, immerhin stammen die Partituren von seinem Großvater, dem legendären John Williams. „Als Kind habe ich nicht verstanden, wie schwer das alles ist“, meint Ethan Gruska heute. „Aber die Studioumgebung fühlte sich für mich nie fremd oder beängstigend an.“

Diese früh erlernte Mentalität half Gruska wohl auch, als er 2019 einen recht unerwarteten Anruf von Fiona Apple erhielt, der dazu führte, dass sie zusammen ins Studio gingen. Und die unlängst mehrfach Grammy-prämierte Indie-Musikerin ist bei weitem nicht der einzige fashionable Name auf Gruskas Produzenten-Vita. So schrieb der Tausendsassa auch Songs für John Legend, arbeitete mit dem Ghanaisch-US-amerikanischen R’n’B-Soul-Jazzer Moses Sumney zusammen, co-produzierte etwa „Punisher“ von Singer/Songwriter-Senkrechtstarterin Phoebe Bridgers – ohne Zweifel eines der Indie-Konsens-Alben des vergangenen Jahres – und half mal hier, mal da bei der Arbeit an „The Million Masks Of God„, dem in Kürze erscheinenden neuen Album der Atlanta-Alternative-Rocker Manchester Orchestra aus. Und all das, während er selbst sein im Januar 2020 erschienenes zweites Solo-Werk „En Garde“ aufnahm. Und nun? „Ich hoffe, dass all das zu mehr Kollaborationen als Produzent und Autor führt“, sagt er. „Es ist ein langer Prozess, in dem ich alles zusammenführe, was ich gelernt habe – und es mit meiner eigenen Stimme verbinde.“

Dabei war die Zusammenarbeit mit Phoebe Bridgers die wohl wichtigste für den aufstrebenden Studio-Sidekick. Gruska traf die ebenfalls in Los Angeles beheimatete Indie-Musikerin zum ersten Mal durch Tony Berg, einen erfahrenen Studio-/A&R-Veteranen, der Gruskas erstes Soloalbum, das 2017 erschienene „Slowmotionary“, produzierte. „Phoebe, Tony und ich – wir nennen uns ‚The Trilemma‘: ein Dilemma mit drei möglichen Ausgängen“, meint Gruska lachend. „Wir helfen uns oft gegenseitig aus.“ Berg und er hatten bereits „Stranger In The Alps„, Bridgers‘ gefeiertes Albumdebüt von 2017, mitproduziert und waren umso mehr in den Kreativprozess des großartigen „Punisher“ (ANEWFRIENDs „Album des Jahres 2020„) eingebunden. „Sie [Phoebe Bridgers] brachte eine Reihe von Songs mit ins Studio, die wirklich klasse waren – sowohl textlich als auch kompositorisch“, meint Gruska. „Und ich hatte vor den Albumarbeiten ein paar neue Studio-Spielzeuge bekommen – Granular-Synthesizer-Sampler – also gab es so einige Soundspielereien auf der Platte.“

Auch Ethan Gruskas Kontakt zu Fiona Apple verdankt dieser wohl seinen familiären Banden: Seine ältere Schwester Barbara, mit der er übrigens als The Belle Brigade zwischen 2011 und 2014 zwei irgendwie sonnig-kalifornische, irgendwie auch somnambule Folk-Rock-Alben irgendwo im musikalischen Dickicht zwischen den Beach Boys und Fleetwood Mac in die Plattenregale stellte und die unter anderem für einige Zeit in Apples Live-Band hinterm Schlagzeug saß, machte ihn schon als Teenager mit den „klassischen“ Alben der lange von der breiten Masse verschmähten, jedoch stets vom distinguierten Feuilleton geliebten Indie-Musikerin bekannt. Wen wundert’s – Gruska verliebte sich sofort in die seelenvolle Tiefe von Werken wie „Tidal“ oder „When The Pawn…“. Als Tony Berg ihn also Mitte 2019 bat, bei einem von ihm produzierten Apple-Song – einer Coverversion des The Waterboys-Evergreens „The Whole Of The Moon“ für die Showtime-Serie „The Affair“ – Klavier zu spielen, war er logischerweise hellauf begeistert. „Ich hatte noch nie jemanden erlebt, der mit so viel Energie in einem Take singt und es dann auch noch perfekt hinbekommt“, erinnert sich Gruska. Wenige Wochen später war er Co-Produzent von Apples Cover von Simon & Garfunkels „7 O’Clock News/Silent Night„, das diese gemeinsam mit Bridgers und Matt Berninger von The National aufnahm und zugunsten der Charity-Organisation Planned Parenthood veröffentlichte.

Und auch seine Zusammenarbeit mit Manchester Orchestra verlief über ähnliche Umwege. So wurde Ethan Gruska 2019 hinzugezogen, um dem recht programmatisch im LedZep-Stil „III“ betitelten dritten Album von Bad Books, Andy Hulls Kollabo-Projekt mit Indie-Singer/Songwriter Kevin Devine, den letzten Schliff zu geben. Und Hull, rein zufällig eben auch Frontmann und Mastermind hinter Manchester Orchestra, war so beeindruckt, dass er Gruska für die Co-Produktion des kommenden sechsten Studioalbums seiner Hauptband engagierte, deren letztes Album, „A Black Mile To The Surface“ von 2017, für die vierköpfige Alternative-Rock-Band sowohl klanglich als auch was die Chart-Platzierungen betraf, einen kleinen Quantensprung darstellte. Und wenn man Gruska (sowie den ersten Hörproben „Bed Head“ und „Keel Timing„) Glauben schenken darf, dann werden Fans der Band auch an „The Million Masks Of God“ Gefallen finden. „Es gibt wirklich interessante, charaktergetriebene Erzählungen, aber man merkt immer, dass es um etwas geht, das für ihn [Andy Hull] real ist“, so Gruska über das neue Album von Manchester Orchestra.

Klare Sache: Von Ethan Gruska, dem das Gespür fürs Musikalische ohne jeden Zweifel in die Wiege gelegt wurde, wird in Zukunft noch einiges zu hören sein. Dennoch seien allen abseits der Sachen, die er auch in der kommenden Zeit für andere im Studio an den Reglern und Instrumenten in kreative Bahnen lenken wird, noch einmal Gruskas eigene Solo-Alben „Slowmotionary“ und „En Garde„, auf denen von hintersinnigen kleinen Indie-Pop-Experimenten über entspannt-kalifornischen Indie Rock bis hin zu verträumtem Indie Folk so vieles passiert, wärmstens empfohlen. Allein schon – aber natürlich nicht nur – wegen des tollen Duetts mit Phoebe Bridgers beim Song „Enough For Now“.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Manchester Orchestra – „The Alien“


manchester-orchestra-2017

Obwohl es in den letzten Jahren etwas stiller um Manchester Orchestra geworden ist, dürfte es wohl kein Geheimnis sein, dass die vierköpfige Band aus Atlanta, Georgia zu meinen absoluten Herzensbands zählt und mindestens die beiden Alben „Mean Everything To Nothing“ (2009) sowie „Simple Math“ (2011) auch heute und in gefühlten einhundert Jahren noch über jeden Zweifel erhaben sind – man höre nur Songs wie „Shake It Out„, „Simple Math“ oder „Virgin“ und staune…

Dass „still“ nicht unbedingt „stillstehend“ bedeutet, zeigt sich nun, denn Frontmann Andy Hull, der nebenbei noch gut beschäftigt mit seinem Solo-Projekt Right Away, Great Captain!, dem zweiten Band-Projekt Bad Books (bei dem unter anderem auch der nicht minder tolle Kevin Devine mitspielt) sowie dem Soundtrack zum spleenigen Film „Swiss Army Man“ war, sowie Robert McDowell, Tim Very und Andy Prince haben fleißig am Nachfolger zum 2014 erschienenen Album-Doppelschlag „Cope“ / „Hope“ (das eine die stürmische, das andere die ruhige Seite) geschraubt.

0888072031326Glaubt man den ersten Vorboten zum am 28. Juli erscheinenden sechsten Werk „A Black Mile To The Surface„, welches von Catherine Marks (PJ Harvey, The Killers) und John Congleton (St. Vincent, Explosions In The Sky, Strand Of Oaks) produziert wurde, so hüllen sich die elf neuen Stücke in eine um einiges atmosphärischere Soundschicht als noch etwa „Cope“. „The Gold“ etwa treibt über viereinhalb Minuten gemächlich voran, ohne wirklich je auszubrechen. Zwischendurch schlagen die Gitarren leichte Wellen, lassen den Song luftig klingen und geben Sänger Andy Hull ausreichend Raum für dessen weiche Stimme.

Aus ganz ähnlich balladeskem Kerbholz haben Manchester Orchestra auch den zweiten Vorboten „The Alien“ geschnitzt: Ganz sacht erzeugen die Instrumente schüchterne Indierock-Melodien, über die Hull zerbrechlich singt. Der Song erzeugt mit Piano-Einsprengseln und hallenden Vocals eine leicht träumerische Atmosphäre, in seinen fünfeinhalb Minuten wagt auch „The Alien“ es nicht ein einziges Mal, auch nur kurz auszubrechen – wäre da nicht Hulls dezent hohes Gesangsorgan, man könnte glatt die Chef-Melancholiker von The National hinter dem Song vermuten (allerdings könnten die stimmlichen Unterschiede zwischen Andy Hull und Matt Berninger größer kaum sein). Inhaltlich geht es in dem Stück darum, welche kleinen und großen Effekte die eigene Familie auf einen ausübt. Der Clip setzt die Geschichte eines Mannes, der laut Hull „eine hochmütige Entscheidung mit schlimmen Konsequenzen fällt“, in einem erzählerischen Video um. Das Musikvideo läuft rückwärts und zeigt dabei alte Aufnahmen eines glücklichen kleinen Mädchens mit ihrer Mutter sowie Bilder aus der Gegenwart, in denen sie erwachsen ist. Zu Beginn liegt die junge Frau im Garten vor ihrem Haus, später zeigt das Video, wie sie dorthin herunterstüzte. Ein Mann wird dabei immer nur kurz, unzufrieden und leer aussehend eingeblendet.

Zwei Vorab-Songs von „A Black Mile To The Surface“, zwei Beweise, dass sich Manchester Orchestra klanglich dehnen und weiterentwickeln können, ohne auch in ruhigeren Gefilden allzu viel an Intensität einzubüßen. Ob denn die bisher so geliebten Alternative-Rock-Anwandlungen von Andy Hull und Co. ebenfalls aufs neue Album zurückkehren werden? Man darf gespannt sein…

 

 

„The lights were low enough you guessed
You swapped your conscience with your father’s medication
Limped from Rome to Lawrenceville
And on the way wrote out a self made declaration
And when you got to Pleasant Hill
You forced the traffic to erase your family demons
And made a pact with you and god
If you don’t move I swear to you I’m gonna make ya

Do you need me?

When the first officer arrived
It happened to be the high school bully of your brother
When you finally recognised
You felt some guilt that you had even let him touch you
„Can you hear me, what’s your name?“
You could not speak just laid amazed at all the damage
As the high school’s letting out
All the kids are saying the same thing that they used to

It’s an alien…

The lights are low enough you guessed
Hospital food, there’s never enough medication
The doctor asked about your ears
You said your mom said you were made from a revelation
The revelation never scares
Your fear came from your drunken dad and a pair of scissors
„Were you just finally letting go?“
„Did you mean to take out all those people with you?“

Didn’t mean to…

Oh I didn’t mean to…

Time is here to take your last amendments and believe them on your own
Time is here to take you by the hand, and leave you there alone
Time has come to take the last commandment and to carve it into stone
Time has come to take you by the hand, and leave you here alone“

 

Rock and Roll.

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