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Song des Tages: The Lazy Susans – „R U OK?“


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Ein weiser Mensch sagte einmal, dass man Songs, die einen vom ersten Moment an gefangen nehmen, bis man völlig in ihnen aufgegangen und eins mit jedem Ton, jeder Sekunde geworden ist, festhalten, bewahren und für immer nah am Hörerherzen tragen sollte. Denn Songs, die eine solche fast schon einzigartige Reaktion in einem selbst hervorrufen, sind dazu bestimmt, geschätzt und weitergetragen zu werden und stellen eine der wenigen gleichsam direkten wie einfachen Freuden dar, die uns alle daran erinnern, wie gut es sich anfühlt, zu leben…

Ohne jetzt gleich ins Pastorale zu verfallen: Nicht wenige Musik-Geeks werden im vergangenen Sommer ein recht ähnliches Gefühl gehabt haben, als sie einen Song hörten, bei dem sie dieses vertraute Ziehen in und dieses Kribbeln auf der Haut spürten. Bei dem ihnen im ersten Moment die Worte fehlten, um zu erklären, warum er eine solche Wirkung auf sie hatte. Warum sie sich innerhalb weniger Augenblicke so sehr mit jenem Stück verwoben fühlten, das ihnen drei Minuten zuvor noch nichts bedeutet hatte. Und ebenjener Song war „R U OK?“, eine Single von The Lazy Susans.

a2364620560_16Was ein Bandname überhaupt… The Lazy Susans. Der hat wohl eher weniger etwas mit „einem drehbaren, im Allgemeinen kreisförmigen Tablett, das in der Tischmitte platziert wird, um das Bewegen der Speisen zu allen Gästen auf allen Seiten des Tisches zu erleichtern“ zu tun als mit der Tatsache, dass Frontfrau Antonia Susan (Gesang, Gitarre) und ihre Bandmates Kieren Turnbull (Gitarre), Wesley Reyes (Bass) und Ashlee Giblin (Schlagzeug) wohl einfach einen griffigen Bandnamen brauchten, der einerseits cool, andererseits jedoch auch slackermäßig genug war. Aaaaaand… that was it. Ihre Anfänge nahm die vierköpfige Band anno 2016 in den Blue Mountains Australiens, etwa eine Autostunde entfernt von Sydney (damals noch als Antonia & The Lazy Susans), und bevor sie ins wesentliche trubelhaftere Melbourne zogen, hatten sich The Lazy Susans bereits mit der „Closure EP“ und Songs, die ihre juvenilen Herzen allzeit auf der Zunge vor sich her trugen, einen Namen gemacht. Mit „Now That The Party’s Over“ haben die vier Emo-Indierocker im vergangenen August ihr Debütalbum veröffentlicht. Und es wäre doch gelacht, wenn von den oft genug recht persönlichen Geschichten lediglich ein paar nah am Tränensack geparkte Musik-Geeks Wind bekommen sollten…

Den Anfang macht gleich besagtes „R U OK?“, ein Song, der es einem mit seinen simplen Melodien und seinem ebenfalls einfachen, jedoch definitiv zu Herzen gehenden Zeilen leicht macht, sich an jenen Moment zurück zu erinnern, in dem man den Dreieinhalbminütiger zum ersten Mal hörte. An die Gänsehaut, die Antonia Susans Stimme bereits damals hervorrief. Aber auch an den Trost, das Verständnis dafür, dass jeder ab und an schwere Tage hat, an denen sich jeder Schritt wie unter Bleigewichten anfühlt. In die Kerbe „Coming of Age“ schlagen auch die nächsten Stücke, „Reaching Out“ und „If I Hurt You“, zweiteres gar mit bittersüß-sehnsüchtig ausgestreckten Armen, gen Firmament stürmenden Melodien und nahezu herzzerreißenden Zeilen wie „I don’t want you to think I’m a monster / Even though I am“ (ersteres trägt das Herz mit „Nobody ever told me how lonely being an adult would be“ kaum weniger leicht in der adoleszenten Brust). Mehr wild in selbiger Pochendes gefällig? Im bitteren Goodbye-Song „Nice Bones“ singt Susan „What gives you the right to say I’m wrong / When all I did was love someone different to you?“. Und auch das abschliessende „Joy“ erzählt davon, dass das Leben der Liebe manchmal in die Parade fährt: „Find what fills you with joy and hold on till you die / That’s the answer to having a good life“ (was anhand von das Stück eröffnenden Zeilen wie „I want you to know / I miss you more each day“ noch herzergreifender gerät).

Manch einer wird beim bewusst auf der guten Seite der Poppigkeit balancierenden Indie Rock des Melbourne-Vierers eventuell an eine Melange aus den Neunziger-Power-Alternative-Rock-Avancen von Everclear und der Direktheit einer jungen Courtney Love denken, wohl nicht wenige auch an Paramore (schließlich sind stimmliche Ähnlichkeiten zwischen deren Frontfrau Hayley Williams und Antonia Susan nur schwerlich zu überhören). Und dass die Australier ihrem musikalischen Nachwuchs irgendwelche Großartigkeitsvitaminchen ins Trinkwasser mischen, vermutet ANEWFRIEND aufgrund so vieler weiterer – und kaum weniger tollerBeispiele sowieso schon länger. Höchste Zeit also, dass noch mehr auf emotionalen Indie Rock geeichte Musik-Geeks Wind von The Lazy Susans bekommen, denn für Antonia Susan und ihre Bandmates hat die Party wohl gerade erst begonnen…

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„Waiting for time to pass, for your train to come, so you can head home
The cities filled with people are the loneliest of places, just looking for distraction but it’s just emotionless faces

Do you feel okay, my friend? I can see it in your face. That your peace of mind is slipping away

Is it okay to ask if you’re okay?
Is it okay to ask if you’re okay?
Is it okay to ask if you’re okay?
Is it okay to ask if you’re okay?

You light up a cigarette to try to ease the pain, it never goes away, it never goes away
Your lungs hurt because you self medicate twenty times a day
Do you feel comfort in empty spaces? Did you make it home? I hope you feel safe

Do you feel okay, my friend? I can see it in your face. That your peace of mind is slipping away

Is it okay to ask if you’re okay?
Is it okay to ask if you’re okay?
Is it okay to ask if you’re okay?
Is it okay to ask if you’re okay?

Your self, self destructive state
Your self destructive ways
Dear friend, I hope you’re okay“

 

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Maddy Jane


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“I’m not into bullshit anyway”, singt Maddy Jane im sommerlich indierockenden Slacker-meets-Mittelfinger-Song „The Other Day„, und diese Haltung scheint sich wie ein roter Faden durch ihr herzerwärmend-unbedarftes Debütalbum zu ziehen. Auf „Not All Bad Or Good“ nimmt die auf Bruny Island, einer Insel südöstlich von Tasmanien, geborene Künstlerin wahrlich auch keine Gefangenen, sondern erzählt Geschichten von Schmerz, Verwirrung, Wut und allem, was so dazwischen liegen mag, während sie ihr angeschlagenes Mittzwanziger-Herz mit der Welt teilt. Furchtlos, schamlos und im Moment brillierend, denn nichts scheint für die Newcomerin, welche in ihrer australischen Heimat bereits als Support von Größen wie Harry Styles oder den Red Hot Chili Peppers von sich hören ließ, tabu. So würde Kate Nash wohl klingen, wenn die ihre Kleinode von „Made Of Bricks“ anno dazumal down under geschrieben hätte…

coverDie Eröffnungsnummer „I’m Hearing Ya“ baut sich mit allerlei hektischer Energie auch gleich selbstbewusst auf (und droht im Furor beinahe sein klangliches Gleichgewicht zu verlieren), bevor der Slacker-Pop-Bouncer „Perfection’s A Thing And You’re It“ mit seinen zackigen Widerhaken und sarkastischen Wendungen die Stimmung weiter anheizt. Ja, Madeleine Jane Woolley mag in ihren Songs das ein oder andere intime Nähkästchen-Detail ausplaudern, andererseits scheinen ihre Texte wie gemacht dafür, um fortan stilsichere und über jeden weltweisen Zweifel erhabene Instagram-Posts von Bangkok bis Brooklyn zu untertiteln, geben sie doch einer verrückt gewordenen Welt ein wenig (Kurz)Kommentar gewordenen Sinn zurück: “I’m not old but I’m too old for this shit” – ein zwischen Kalenderspruch und juveniler Punktlandung platzierter Spruch wie dieser könnte ebenso gut der Slogan der letzten Jahre sein, während die achselzuckende Fuck-Off-Attitüde von “I’m not trying to be, I’m just being / I’m not any different, don’t care what you’re seeing” im somnambulanten Schein von „Femme“ zurecht feministischen Widerstand in einer Welt leistet, in der “tampons are a luxury item and my opinion is still a waste of time”. Japp, „Not All Bad Or Good“ legt sich ohne größere Umschweife und mit allerhand jugendlichem Elan mit alten Machtgefügen an. Das neongrell tönende „Fuck You, I’m A Good Person“ packt ein gutes Maß an Selbstvertrauen auf den Tisch, während der schwankend-langsame Burner „Say You Weren’t Mine“ offene Wunden leckt. Doch freilich ist nicht alles eitel gelungener Sonnenschein auf diesem Debüt – an anderer Stelle ist sich das Badezimmerspiegel-Confessional „Something Old And Something New“ bei allem wärmenden Trost nicht wirklich sicher, was es denn nun will. Der Fuzz-Rock gewordene Traum von „Thank You And Sorry“ bietet da einen Moment mutiger Aufrichtigkeit, während er in der Ruhe nach Sturm und Trennung Frieden findet – und wäre wohl der bewegendste Moment sowie das insgeheime Highlight des Albums, wenn da nicht der Abschlusssong „Always Saying What They All Can’t“ mit seinem fast schon episch dazwischen grätschendem Gitarrensolo wäre. Auch dieses Stück beweist noch einmal Maddy Janes Idealismus, geht es doch darum, sich für andere einzusetzen und das Richtige zu tun, egal wie schwer es auch scheinen mag. Kein Ruf zu den Waffen, sondern eher ein Aufruf zur Fürsorge sowie für ein besseres Miteinander.

Alles in allem ist „Not All Bad Or Good„, das der 2018 erschienenen EP „Not Human At All“ nachfolgende Debütalbum von Maddy Jane, eine zwar recht ungeschliffene, aber dennoch mit feiner Feder ausgearbeitete Song-Sammlung, welche durchaus das Zeug haben könnte, die ein oder andere Altersgenossin (oder -genossen) in ganz ähnlicher Art und Weise zur Nachahmung zu inspirieren wie andere erfolgreiche Aussie-Exporte wie Courtney Barnett oder Camp Cope. Mit Songs, die die Kraft haben, gebrochene Herzen zu heilen oder sie erneut zu zerschmettern, bildet das Album einen wilden Ritt voller diebisch grinsender Wut und verstohlener Blicke, während die Songs ein juveniles Themen-Potpourri von Verlangen und Verliebtheit und Verlust bis hin zu dem ein oder anderen Kindheitstraumata abhandeln. Die Klaustrophobie einer australischen Kleinstadt vermischt sich mit der Sehnsucht nach der großen weiten Welt in einem Debütwerk, das zwar Träumen hinterher jagen mag, aber nie den Bezug zur Realität verliert. Manchmal scheint sie den Joker auszuspielen (das zumindest deutet das Coverartwork an), aber auf „Not All Bad Or Good“ hat Maddy Jane immer ein Ass im Ärmel.

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Rock and Roll.

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Moment! Aufnahme.


Im Angesicht der Coronavirus-Pandemie hatten (und haben) viele Menschen die Chance, ihr Leben und die Menschen um sie herum neu zu bewerten. Schließlich ist es irgendwie immer leichter, Dinge schätzen zu lernen, wenn sie einem plötzlich weggenommen werden, auch wenn es nur vorübergehend ist, als sie wert zu schätzen, solange man sie noch hat. Daher ist es keine Überraschung, dass die meisten von uns heute mehr denn je nach menschlicher Nähe suchen und ganz neue Wege des Miteinanders finden, selbst wenn sie den Regeln des Social Distancing folgen.

Allerdings scheint es so, als wenn nicht nur Menschen in schweren Zeiten Trost in den Armen des anderen suchen. Dem Fotografen Tobias Baumgaertner etwa ist vor einigen Monaten eine einmalige Aufnahme von zwei verwitweten Pinguinen gelungen, die sich umarmen und trösten, während sie vom Stadtteil St. Kilda aus auf die Skyline von Melbourne blicken.

„In Zeiten wie diesen sind die wirklich Glücklichen diejenigen, die mit der Person oder den Menschen zusammen sein können, die sie am meisten lieben. Diesen Moment habe ich vor etwa einem Jahr festgehalten. Diese beiden Feenpinguine, die auf einem Felsen mit Blick auf die Skyline von Melbourne balancierten, standen dort stundenlang, Schwimmflosse an Schwimmflosse, und beobachteten die funkelnden Lichter der Skyline und des Ozeans. Ein Freiwilliger kam auf mich zu und erzählte mir, dass es sich bei dem Weißen um eine ältere Dame handelte, die ihren Partner verloren hatte, und offenbar auch das jüngere Männchen auf der linken Seite. Seitdem treffen sie sich regelmäßig, um sich gegenseitig zu trösten und stundenlang zusammenzustehen und die tanzenden Lichter der nahe gelegenen Stadt zu beobachten. Ich verbrachte 3 volle Nächte mit dieser Pinguinkolonie, bis ich dieses Bild schießen konnte. Angesichts der Tatsachen, dass ich keine Lichter benutzen konnte oder durfte, und der Winzigkeit der Pinguine, die sich ständig bewegen, sich gegenseitig die Flossen an ihren Rücken reiben und sich gegenseitig putzen, war es wirklich schwer, ein gutes Bild zu bekommen, aber ich hatte während eines schönen Momentes Glück. Ich hoffe, ihr genießt diesen Moment genauso wie ich“, schreibt Tobias Baumgaertner auf Instagram.

Weiter meint der passionierte Natur-Fotograf: „In der Art und Weise, wie diese beiden Turteltauben füreinander sorgten, hoben sie sich von der gesamten Kolonie ab. Während all die anderen Pinguine schliefen oder herumliefen, schienen die beiden einfach nur dazustehen und jede Sekunde, die sie zusammen hatten, zu genießen, sich gegenseitig an ihren Flossen zu halten und über Pinguin-Zeug zu reden. Der Schmerz hat sie zusammengebracht; ich schätze, manchmal findet man Liebe, wenn man sie am wenigsten erwartet. Es ist ein Privileg, jemanden wirklich zu lieben, und geradezu paradiesisch, wenn der oder die andere einen auch liebt.“

(Mehr Bilder findet ihr bei boredpanda.com)

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Cable Ties – „Sandcastles“


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Foto: Lisa Businovski

Systemkritik kann – zumindest in weiten Teilen der (westlichen) Welt – gerade heutzutage auf die unterschiedlichsten Arten ausgelebt werden. Stichwort #MeToo, Stichwort „Fridays for Future„.  Im Musikalischen kann sie im Falle von populären Künstlerinnen wie Lizzo oder Janelle Monáe mit empowernden Tänzen den oftmals sexistischen, mit allerlei Machismen überladenen R’n’B revolutionieren, sie kann wie bei den britischen Post-Punkern IDLES lautstark auf den positiven Umgang miteinander pochen, sie kann aber auch stinksauer herausgebrüllt werden (nicht, dass das vor allem letztgenanntere ab und an nicht täten). Freilich, ein absolutes Novum ist all das kaum, da weiß der Musikkundige etwa die Punk-Urväter von Iggy Pop und seinen Stooges in den späten Sechzigern und frühen Siebzigern oder die kantig den Sozialismus predigenden Crossover-Größen Rage Against The Machine (welche ihre jüngsten Reunions ganz janusköpfig vom schnöden Mammon abhängig machen) und deren jüngste Nachkommen Fever 333 oder Nova Twins aufzuzählen, kurz bevor der Monolog in den „klassischen Punk“ und dessen Riot-Grrrl-Abzweig weiterfährt. Dass sich bei systematischer Benachteiligung ganze Berge von Aggressionen auftürmen, zweifelt wohl niemand an. All diese Emotionen nun herauszulassen, wird aber erneut nur den ohnehin schon Priviligiertesten der Gesellschaft vergönnt sein – wer tagein, tagaus buckeln muss, hat weder Energie noch Muße fürs Kreative… Marginalisierte Gruppen sollten sich hingegen bestmöglich im Zaum halten, damit sie im Optimalfall irgendeine gottverdammte Quote erfüllen können. Cable Ties lassen sich davon erst gar nicht beirren und poltern voller Inbrunst gegen Patriarchat, Kolonialismus und sexuelle Gewalt an. Die größte Kraft des Trios aus dem australischen Melbourne liegt jedoch woanders: Wilde Aggression und tagmüde Depression laufen in den Songs von Jenny McKechnie (Gesang, Gitarre), Shauna Boyle (Schlagzeug) und Nick Brown (Bass) im Zickzack, nehmen selten den direkten Weg. Pop? Ginge irgendwie anders… Ein Statement, das man erst einmal abkönnen muss.

art-8997_cable-ties-far-enoughAber keine Angst vor zerdachter Musik: Die acht Songs von „Far Enough“, dem in dieser Woche erscheinenden zweiten Album der drei Aussie-Post-Punk-Rock’n’Roller, setzt durchaus auf prägnante, eindringliche Riffs, die unaufhaltsam vorantreiben. Auf der Suche nach Transzendenz durch hypnotische Wiederholung entwickelt das Album dabei eine unermüdliche Intensität. Die feurig-coole Hymne „Tell Them Where To Go“ erlangte bereits vor zwei Jahren Popularität, auch da sie in einer Episode der Netflix-Serie „13 Reasons Why“ zu hören war und vom Guardian daraufhin als „an irresistible call to arms“ beschrieben wurde.

Apropos „Ruf zu den Waffen“: Während des gesamten Albums wird rechtschaffener Zorn mit Verwirrung und Selbstzensur gespickt. Songs wie „Self-Made Man“, „Anger’s Not Enough“ oder der sich langsam entfaltende Opener „Hope“ untersuchen den Berührungspunkt zwischen Aktivismus und Fatalismus, Aufschwung und Aussichtslosigkeit, entscheiden sich jedoch letztlich für die Hoffnung. Dabei halten Cable Ties während der gesamten knappen Dreiviertelstunde die Waage zwischen Kampf und Spannungsbogen – gar nicht mal so selbstverständlich, wenn die Band dreiminütige Punk-Brenner zu glühend-hypnotischen Feminismus-Hymnen, die im Geiste der Buzzcocks nicht selten an der Sieben-Minuten-Marke kratzen (auf dem 2017er Debüt waren’s sogar ab und an neun Minuten), ausdehnt. Dabei mischen Cable Ties rhythmisch pulsierenden, knorrigen Post Punk der Güteklasse The Fall oder Wire mit tightem Garage Rock. Jenny McKechnie bündelt ihre Probleme in Songs, die nicht selten tief nachhallen und oft zurückgehaltenen Gefühlen eine Stimme geben. Shauna Boyle und Nick Brown liefern den Rhythmus, der im Primitivismus der Stooges verankert scheint und den Grundstein für McKechnies Gitarren-Feuerwerke und Gesangseinlagen legt. Durch ihre Musik verwandeln die drei Band-Buddies ihre Ängste in Schlachtrufe, welche – ganz ähnlich wie anno dazumal Riot-Grrrl-Genre-Heldinnen wie die Slits oder Le Tigre – auch schonmal die Hörmuscheln strapazieren dürfen. Gut also, dass das Trio im Zweifel noch so knackige Indie-Hits wie den Riot-Grrrl-meets-Post-Punk-Brecher “Sandcastles” oder das wummernde “Tell Them Where To Go” in petto hat.

Und zum eingangs angeschnittenen Thema „Systemkritik ausleben“: Die Band setzt sich folgerichtig seit ihrer Gründung im Jahr 2015 für eine integrative feministische und politische Sichtweise ein und nutzt, wie bereits erwähnt, ihre Songs, um geschlechtsspezifische Gewalt, Kolonialismus und sexuelle Übergriffe zu thematisieren. Die Bandmitglieder veranstalten Benefizshows, DIY-Festivals, riefen unlängst zum Spenden für die Bekämpfung der australischen Buschbrände auf und engagieren sich ehrenamtlich bei Girls Rock!, einer Non-Profit-Organisation, die sich zum Ziel gesetzt hat, weibliche, transsexuelle und non-binäre Jugendliche in der Musik zu stärken. 🤘

 

„Hope is a really important theme on the album. In the past, I thought I could change things. I thought I pointed out how messed up everything is, then people would see a clear path to fixing these problems. By the time I started writing this album, I had lost this hope. But it’s about the importance of getting hope back, even when you can see no logical reason to have it. Without hope, anger becomes despair or bitterness.“ (Jenny McKechnie)

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Birds Of Tokyo – „Two Of Us“


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Dass man hierzulande kaum je von Birds Of Tokyo gehört hat, könnte unterschiedliche Gründe haben. Zum einen liegen Deutschland und Perth, die Heimat der fünfköpfigen Aussie-Band, knappe, schlappe 14.000 Kilometer entfernt. Gilt in Zeiten von Spotify, Amazon Music, Apple Music und Co. nicht als Argument? Fair enough. Nichtsdestotrotz legen Ian Kenny, Adam Spark, Adam Weston, Ian Berney und Glenn Sarangapany seit Bandgründung vor gut 15 Jahren ihr Hauptaugenmerk auf den heimischen Musikmarkt – und das auch, schenkt man mehrfachen Auszeichungen mit diversen nationalen Awards sowie etlichen Gold- und Platin-Verleihungen Glauben, recht erfolgreich. Trotz alledem sind selbst Karnivool, die zweite Band von Frontmann Ian Kenny, bei der er (und das sogar bereits seit den späten Neunzigern) alternative-proggend am Mikro steht, in good ol‘ Europe bekannter…

cover0hjtoUnd: Es darf berechtigterweise bezweifelt werden, dass sich daran mit dem Erscheinen ihres neuen, sechsten Studioalbums „Human Design“ im April etwas ändern wird. Das liegt schon allein am Musikalischen, denn den radiopoppigen Alternative Rock, den Birds Of Tokyo im Gros anbieten, bekommt man im schlimmst-nichtssagendsten Fall auch von Formatpop-Retorten wie Imagine Dragons, Twenty One Pilots, The Script oder Thirty Second To Mars geliefert. Erfreuliche Ausnahmen wie der 2016er Vorgänger „Brace„, welcher unter der Ägide von Produzent David Bottrill (Tool, Muse, Silverchair) ungewöhnlich heavy und angenehm unpoppig ausfiel, bestätigen leider selten die Regel (Interessierten sei ungeachtet davon die 2015 veröffentlichte Best Of „Playlist“ empfohlen).

Eines muss man Ian Kenny und seinen Bandkumpanen jedoch zugute halten: sie wissen im Zweifelsfall, wie man einen guten Ohrwurm hinbekommt. Man höre etwa „Two Of Us“, ein triumphales, über beide Backen grinsendes Liebeslied, das Keyboarder Glenn Sarangapany als eine dreieinhalbminütige „celebration of finally finding your happy place“ beschreibt und das – neben einem nicht zu überhörenden jubilierenderen Gospelchor – ein kreativ abgedrehtes One-Shot-Musikvideo zu bieten hat, bei dem die Band Unterstützung von Regisseur Zac Lynch-Woodlock bekam. Eine schöner, durch und durch positiv gestimmter Kontrast zu anderen Albumvorboten wie dem theatralisch überladenen Heartbreak-BangerGood Lord„, die unlängst noch weitaus weniger gut in den Gehörgängen haften blieben…

 

“‘Two Of Us’ is a homage to love. The one you love. I thought I had lost love and would never find it again, never thought I’d be ready again. I spent a couple of years rebuilding my head, heart and soul – then an old friend came back into my life and we both found love again, there and then. We found something we had both been missing for so long. Sometimes everything you need has been there all along – it’s just the universe can take you on a detour to get there. In the end it’s all worth it.” (Ian Kenny)

 

Hier gibt’s das Musikvideo zu „Two Of Us“ für Augen und Ohren…

 

…einen Blick hinter die Kulissen…

 

…sowie das Stück in einer „Dressing Room Version“:

 

„The two of us
Have seen it all
Our story’s been heartache and wonder
This universe
Ain’t big enough
To keep us apart no not ever

How many times did we stumble
How many times was it worth every fall
There’s just something that keeps us together
Whenever my world moves from yours

I will always be with you
Got your name on my heart
In the shape of a tattoo
It’s my favourite piece of art
There is nothing like you in this world that I know
Darling I will never let you go
I will always be with you
You will always be here in my heart

The two of us
We got it all
Don’t need no designer distractions
Cos in the end
I found a friend
My one and my only obsession

How many times did we stumble
How many times was it worth every fall
There’s just something that keeps us together
Whenever my world moves from yours

I will always be with you
Got your name on my heart
In the shape of a tattoo
It’s my favourite piece of art
There is nothing like you in this world that I know
Darling I will never let you go
I will always be with you
You will always be here in my heart

Come and join me in this dance
An impossible romance
Take one step at time and don’t let go

I will always be with you
Got your name on my heart
In the shape of a tattoo
It’s my favourite piece of art
There is nothing like you in this world that I know
Darling I will never let you go
I will always be with you
You will always be here in my heart…“

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Damien Rice – „Chandelier“


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Sias „Chandelier“ ist ein rundum gelungener, im Grunde nahezu perfekter Popsong – bisher mehr als zwei Milliarden (!) Streams allein bei YouTube sowie zigfache Gold- und Platin-Auszeichnungen rund um den Musikglobus seit der Veröffentlichung vor ziemlich genau sechs Jahren sagen zwar nicht alles, sprechen jedoch absolut für sich. Braucht’s also eine Coverversion? Nope. (Nicht, dass das, was Sia Fowler damals bereits im ikonischem Bewegtbildvideo mit der zu der Zeit 11-jährigen Maddie Ziegler und den dazugehörigen Tönen so formvollendet in hymnischen Pop gegossen hat, andere Künstler wie The Script, Charlie Puth, James ArthurSara Bareilles oder diese A-Cappella-Musikerin davon abgehalten hätte, dem Song mal mehr, mal weniger eigene Noten zu verleihen…)

Songs_For_Australia_Cover_BMGAnders sieht’s natürlich – zumindest durch meine Fanboy-Brille (ich geb’s ja zu!) – aus, wenn sich ein gewisser Damien Rice das Stück von Sias Album „1000 Forms Of Fear“ vornimmt – und das auch nicht ohne Grund. Einerseits stammt Sia Kate Isobelle Furler aus dem australischen Adelaide, andererseits nahm Rice seine Variante für einen guten Zweck auf: für die in dieser Woche erscheinende Charity-Compilation „Songs For Australia“, deren Erlöse den Rehabilitationsbemühungen des jüngst übel von Feuer heimgesuchten Landes down under zugute kommen werden (und von jener es hier vor wenigen Tagen bereits die The National-Version des INXS-Klassikers „Never Tear Us Apart“ zu hören gab). Unter den Händen des sowie legendären Singer/Songwriters, der es wie kaum ein anderer versteht, spielend leicht im Spagat zwischen nahebarem Normalo und enigmatischem Troubadour zu wandeln, dem geschätzten Hörer mal die Emotionen der Weltgeschichte in lauten, in leisen Tönen zu Füßen zu legen, nur um sich selbiger (der Welt) hernach mal für Monate, ja gar – Gott bewahre, dass uns dies erneut blühen möge! – für Jahre zu entziehen (don’t let me get deeper into that, it’s gonna be an all-night-long monologue, kids), verwandelt sich der Popsong in eine melancholische Piano-Ballade der stillen Zwischentöne, die ihr Heil nicht im die Menschheit und Menschlichkeit umarmenden Furor, sondern im Innehalten sucht. Ja, einer wie Damien Rice haucht mit wenigen Mitteln (den weißen und schwarzen Tasten) selbst einer tausendundein Mal gehörten Nummer wie „Chandelier“ noch etwas selten Großes, Besonderes ein…

 

 

Rock and Roll.

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