Schlagwort-Archive: Australien

Song des Tages: Cable Ties – „Sandcastles“


Cable_Ties_-_new_image_credit_Lisa_Businovski_1290_860_90

Foto: Lisa Businovski

Systemkritik kann – zumindest in weiten Teilen der (westlichen) Welt – gerade heutzutage auf die unterschiedlichsten Arten ausgelebt werden. Stichwort #MeToo, Stichwort „Fridays for Future„.  Im Musikalischen kann sie im Falle von populären Künstlerinnen wie Lizzo oder Janelle Monáe mit empowernden Tänzen den oftmals sexistischen, mit allerlei Machismen überladenen R’n’B revolutionieren, sie kann wie bei den britischen Post-Punkern IDLES lautstark auf den positiven Umgang miteinander pochen, sie kann aber auch stinksauer herausgebrüllt werden (nicht, dass das vor allem letztgenanntere ab und an nicht täten). Freilich, ein absolutes Novum ist all das kaum, da weiß der Musikkundige etwa die Punk-Urväter von Iggy Pop und seinen Stooges in den späten Sechzigern und frühen Siebzigern oder die kantig den Sozialismus predigenden Crossover-Größen Rage Against The Machine (welche ihre jüngsten Reunions ganz janusköpfig vom schnöden Mammon abhängig machen) und deren jüngste Nachkommen Fever 333 oder Nova Twins aufzuzählen, kurz bevor der Monolog in den „klassischen Punk“ und dessen Riot-Grrrl-Abzweig weiterfährt. Dass sich bei systematischer Benachteiligung ganze Berge von Aggressionen auftürmen, zweifelt wohl niemand an. All diese Emotionen nun herauszulassen, wird aber erneut nur den ohnehin schon Priviligiertesten der Gesellschaft vergönnt sein – wer tagein, tagaus buckeln muss, hat weder Energie noch Muße fürs Kreative… Marginalisierte Gruppen sollten sich hingegen bestmöglich im Zaum halten, damit sie im Optimalfall irgendeine gottverdammte Quote erfüllen können. Cable Ties lassen sich davon erst gar nicht beirren und poltern voller Inbrunst gegen Patriarchat, Kolonialismus und sexuelle Gewalt an. Die größte Kraft des Trios aus dem australischen Melbourne liegt jedoch woanders: Wilde Aggression und tagmüde Depression laufen in den Songs von Jenny McKechnie (Gesang, Gitarre), Shauna Boyle (Schlagzeug) und Nick Brown (Bass) im Zickzack, nehmen selten den direkten Weg. Pop? Ginge irgendwie anders… Ein Statement, das man erst einmal abkönnen muss.

art-8997_cable-ties-far-enoughAber keine Angst vor zerdachter Musik: Die acht Songs von „Far Enough“, dem in dieser Woche erscheinenden zweiten Album der drei Aussie-Post-Punk-Rock’n’Roller, setzt durchaus auf prägnante, eindringliche Riffs, die unaufhaltsam vorantreiben. Auf der Suche nach Transzendenz durch hypnotische Wiederholung entwickelt das Album dabei eine unermüdliche Intensität. Die feurig-coole Hymne „Tell Them Where To Go“ erlangte bereits vor zwei Jahren Popularität, auch da sie in einer Episode der Netflix-Serie „13 Reasons Why“ zu hören war und vom Guardian daraufhin als „an irresistible call to arms“ beschrieben wurde.

Apropos „Ruf zu den Waffen“: Während des gesamten Albums wird rechtschaffener Zorn mit Verwirrung und Selbstzensur gespickt. Songs wie „Self-Made Man“, „Anger’s Not Enough“ oder der sich langsam entfaltende Opener „Hope“ untersuchen den Berührungspunkt zwischen Aktivismus und Fatalismus, Aufschwung und Aussichtslosigkeit, entscheiden sich jedoch letztlich für die Hoffnung. Dabei halten Cable Ties während der gesamten knappen Dreiviertelstunde die Waage zwischen Kampf und Spannungsbogen – gar nicht mal so selbstverständlich, wenn die Band dreiminütige Punk-Brenner zu glühend-hypnotischen Feminismus-Hymnen, die im Geiste der Buzzcocks nicht selten an der Sieben-Minuten-Marke kratzen (auf dem 2017er Debüt waren’s sogar ab und an neun Minuten), ausdehnt. Dabei mischen Cable Ties rhythmisch pulsierenden, knorrigen Post Punk der Güteklasse The Fall oder Wire mit tightem Garage Rock. Jenny McKechnie bündelt ihre Probleme in Songs, die nicht selten tief nachhallen und oft zurückgehaltenen Gefühlen eine Stimme geben. Shauna Boyle und Nick Brown liefern den Rhythmus, der im Primitivismus der Stooges verankert scheint und den Grundstein für McKechnies Gitarren-Feuerwerke und Gesangseinlagen legt. Durch ihre Musik verwandeln die drei Band-Buddies ihre Ängste in Schlachtrufe, welche – ganz ähnlich wie anno dazumal Riot-Grrrl-Genre-Heldinnen wie die Slits oder Le Tigre – auch schonmal die Hörmuscheln strapazieren dürfen. Gut also, dass das Trio im Zweifel noch so knackige Indie-Hits wie den Riot-Grrrl-meets-Post-Punk-Brecher “Sandcastles” oder das wummernde “Tell Them Where To Go” in petto hat.

Und zum eingangs angeschnittenen Thema „Systemkritik ausleben“: Die Band setzt sich folgerichtig seit ihrer Gründung im Jahr 2015 für eine integrative feministische und politische Sichtweise ein und nutzt, wie bereits erwähnt, ihre Songs, um geschlechtsspezifische Gewalt, Kolonialismus und sexuelle Übergriffe zu thematisieren. Die Bandmitglieder veranstalten Benefizshows, DIY-Festivals, riefen unlängst zum Spenden für die Bekämpfung der australischen Buschbrände auf und engagieren sich ehrenamtlich bei Girls Rock!, einer Non-Profit-Organisation, die sich zum Ziel gesetzt hat, weibliche, transsexuelle und non-binäre Jugendliche in der Musik zu stärken. 🤘

 

„Hope is a really important theme on the album. In the past, I thought I could change things. I thought I pointed out how messed up everything is, then people would see a clear path to fixing these problems. By the time I started writing this album, I had lost this hope. But it’s about the importance of getting hope back, even when you can see no logical reason to have it. Without hope, anger becomes despair or bitterness.“ (Jenny McKechnie)

 

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages: Birds Of Tokyo – „Two Of Us“


birds-of-tokyo-band-1748684769-1579218686564

Dass man hierzulande kaum je von Birds Of Tokyo gehört hat, könnte unterschiedliche Gründe haben. Zum einen liegen Deutschland und Perth, die Heimat der fünfköpfigen Aussie-Band, knappe, schlappe 14.000 Kilometer entfernt. Gilt in Zeiten von Spotify, Amazon Music, Apple Music und Co. nicht als Argument? Fair enough. Nichtsdestotrotz legen Ian Kenny, Adam Spark, Adam Weston, Ian Berney und Glenn Sarangapany seit Bandgründung vor gut 15 Jahren ihr Hauptaugenmerk auf den heimischen Musikmarkt – und das auch, schenkt man mehrfachen Auszeichungen mit diversen nationalen Awards sowie etlichen Gold- und Platin-Verleihungen Glauben, recht erfolgreich. Trotz alledem sind selbst Karnivool, die zweite Band von Frontmann Ian Kenny, bei der er (und das sogar bereits seit den späten Neunzigern) alternative-proggend am Mikro steht, in good ol‘ Europe bekannter…

cover0hjtoUnd: Es darf berechtigterweise bezweifelt werden, dass sich daran mit dem Erscheinen ihres neuen, sechsten Studioalbums „Human Design“ im April etwas ändern wird. Das liegt schon allein am Musikalischen, denn den radiopoppigen Alternative Rock, den Birds Of Tokyo im Gros anbieten, bekommt man im schlimmst-nichtssagendsten Fall auch von Formatpop-Retorten wie Imagine Dragons, Twenty One Pilots, The Script oder Thirty Second To Mars geliefert. Erfreuliche Ausnahmen wie der 2016er Vorgänger „Brace„, welcher unter der Ägide von Produzent David Bottrill (Tool, Muse, Silverchair) ungewöhnlich heavy und angenehm unpoppig ausfiel, bestätigen leider selten die Regel (Interessierten sei ungeachtet davon die 2015 veröffentlichte Best Of „Playlist“ empfohlen).

Eines muss man Ian Kenny und seinen Bandkumpanen jedoch zugute halten: sie wissen im Zweifelsfall, wie man einen guten Ohrwurm hinbekommt. Man höre etwa „Two Of Us“, ein triumphales, über beide Backen grinsendes Liebeslied, das Keyboarder Glenn Sarangapany als eine dreieinhalbminütige „celebration of finally finding your happy place“ beschreibt und das – neben einem nicht zu überhörenden jubilierenderen Gospelchor – ein kreativ abgedrehtes One-Shot-Musikvideo zu bieten hat, bei dem die Band Unterstützung von Regisseur Zac Lynch-Woodlock bekam. Eine schöner, durch und durch positiv gestimmter Kontrast zu anderen Albumvorboten wie dem theatralisch überladenen Heartbreak-BangerGood Lord„, die unlängst noch weitaus weniger gut in den Gehörgängen haften blieben…

 

“‘Two Of Us’ is a homage to love. The one you love. I thought I had lost love and would never find it again, never thought I’d be ready again. I spent a couple of years rebuilding my head, heart and soul – then an old friend came back into my life and we both found love again, there and then. We found something we had both been missing for so long. Sometimes everything you need has been there all along – it’s just the universe can take you on a detour to get there. In the end it’s all worth it.” (Ian Kenny)

 

Hier gibt’s das Musikvideo zu „Two Of Us“ für Augen und Ohren…

 

…einen Blick hinter die Kulissen…

 

…sowie das Stück in einer „Dressing Room Version“:

 

„The two of us
Have seen it all
Our story’s been heartache and wonder
This universe
Ain’t big enough
To keep us apart no not ever

How many times did we stumble
How many times was it worth every fall
There’s just something that keeps us together
Whenever my world moves from yours

I will always be with you
Got your name on my heart
In the shape of a tattoo
It’s my favourite piece of art
There is nothing like you in this world that I know
Darling I will never let you go
I will always be with you
You will always be here in my heart

The two of us
We got it all
Don’t need no designer distractions
Cos in the end
I found a friend
My one and my only obsession

How many times did we stumble
How many times was it worth every fall
There’s just something that keeps us together
Whenever my world moves from yours

I will always be with you
Got your name on my heart
In the shape of a tattoo
It’s my favourite piece of art
There is nothing like you in this world that I know
Darling I will never let you go
I will always be with you
You will always be here in my heart

Come and join me in this dance
An impossible romance
Take one step at time and don’t let go

I will always be with you
Got your name on my heart
In the shape of a tattoo
It’s my favourite piece of art
There is nothing like you in this world that I know
Darling I will never let you go
I will always be with you
You will always be here in my heart…“

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages: Damien Rice – „Chandelier“


124338-fitandcrop-717x437

Sias „Chandelier“ ist ein rundum gelungener, im Grunde nahezu perfekter Popsong – bisher mehr als zwei Milliarden (!) Streams allein bei YouTube sowie zigfache Gold- und Platin-Auszeichnungen rund um den Musikglobus seit der Veröffentlichung vor ziemlich genau sechs Jahren sagen zwar nicht alles, sprechen jedoch absolut für sich. Braucht’s also eine Coverversion? Nope. (Nicht, dass das, was Sia Fowler damals bereits im ikonischem Bewegtbildvideo mit der zu der Zeit 11-jährigen Maddie Ziegler und den dazugehörigen Tönen so formvollendet in hymnischen Pop gegossen hat, andere Künstler wie The Script, Charlie Puth, James ArthurSara Bareilles oder diese A-Cappella-Musikerin davon abgehalten hätte, dem Song mal mehr, mal weniger eigene Noten zu verleihen…)

Songs_For_Australia_Cover_BMGAnders sieht’s natürlich – zumindest durch meine Fanboy-Brille (ich geb’s ja zu!) – aus, wenn sich ein gewisser Damien Rice das Stück von Sias Album „1000 Forms Of Fear“ vornimmt – und das auch nicht ohne Grund. Einerseits stammt Sia Kate Isobelle Furler aus dem australischen Adelaide, andererseits nahm Rice seine Variante für einen guten Zweck auf: für die in dieser Woche erscheinende Charity-Compilation „Songs For Australia“, deren Erlöse den Rehabilitationsbemühungen des jüngst übel von Feuer heimgesuchten Landes down under zugute kommen werden (und von jener es hier vor wenigen Tagen bereits die The National-Version des INXS-Klassikers „Never Tear Us Apart“ zu hören gab). Unter den Händen des sowie legendären Singer/Songwriters, der es wie kaum ein anderer versteht, spielend leicht im Spagat zwischen nahebarem Normalo und enigmatischem Troubadour zu wandeln, dem geschätzten Hörer mal die Emotionen der Weltgeschichte in lauten, in leisen Tönen zu Füßen zu legen, nur um sich selbiger (der Welt) hernach mal für Monate, ja gar – Gott bewahre, dass uns dies erneut blühen möge! – für Jahre zu entziehen (don’t let me get deeper into that, it’s gonna be an all-night-long monologue, kids), verwandelt sich der Popsong in eine melancholische Piano-Ballade der stillen Zwischentöne, die ihr Heil nicht im die Menschheit und Menschlichkeit umarmenden Furor, sondern im Innehalten sucht. Ja, einer wie Damien Rice haucht mit wenigen Mitteln (den weißen und schwarzen Tasten) selbst einer tausendundein Mal gehörten Nummer wie „Chandelier“ noch etwas selten Großes, Besonderes ein…

 

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages: The National – „Never Tear Us Apart“


national20-5ff

The National haben ihre Interpretation des INXS-Klassikers „Never Tear Us Apart“ veröffentlicht, welche als Teil von „Songs For Australia“ entstand, einer Zusammenstellung von Coverversionen australischer Künstler (zumindest die Originale), deren Erlöse den Rehabilitationsbemühungen des jüngst übel von Feuer heimgesuchten Landes down under zugute kommen werden. Die von der australischen Folk-Pop-Sängerin Julia Stone (deren Variante des Midnight Oil-Songs “Beds Are Burning” bereits online zu finden ist) kuratierte, 13 Songs starke Charity-Zusammenstellung erscheint am 12. März sowohl in digitaler als auch physischer Form.

Die „Never Team Us Apart“-Version der fünfköpfigen Indie-Band aus Cincinnati, Ohi ersetzt das für INXS typische Stakkato-Spiel der Streicher-Synthies durch ein digital programmiertes Schlagzeug, wobei die Band um Frontmann Matt Berninger durchaus versucht, dem Originalsong treu zu bleiben. Die Gitarrenparts der Desssner-Twins setzen gleich nach dem ersten Refrain ein, und während die Band – wie so oft in ihren Songs – Bläser in das bittersüße Liebeslied mit einbringt, nehmen die Gitarren schnell prominentere Frontpositionen ein, um einen adäquaten Ersatz zum ursprünglichen Saxophon-Solo von Kirk Pengilly zu bilden.

Die Klavieranteile klingen zarter, was der Coverversion einen durchaus passend melancholischen Grundton verleiht, bei dem es weniger um Effekthascherei und Flair geht als beim 1987 erschienenen Original. Abgesehen davon sind The National freilich eine Band, die Songs über die Feier des somnambulen Gefühls des Verlorenseins seit eh und je kleine große Klangkathedralen gebaut hat, und im Ansatz dieser Maßstäbe ist ihre Aufnahme von „Never Tear Us Apart“ tatsächlich sogar erbaulicher als einige der beliebtesten (wenn auch älteren) Lieder aus der Feder von Berninger und Co…

 

— Die Tracklist von „Songs For Australia“ —

Songs_For_Australia_Cover_BMG1.  The National, “Never Tear Us Apart” (INXS)
2.  Petit Biscuit, “Chateau” (Angus & Julia Stone)
3.  Dermot Kennedy, “Resolution” (Matt Corby)
4.  Dope Lemon, “Streets Of Your Town” (The Go-Betweens)
5.  Kurt Vile, “Stranger Than Kindness” (Nick Cave)
6.  Joan As Police Woman, “Hearts A Mess” (Gotye)
7.  Damien Rice, “Chandelier” (SIA)
8.  Martha Wainwright, “The Ship Song” (Nick Cave)
9.  Paul Kelly, “Native Born” (Archie Roach)
10. Dan Sultan, “Into My Arms” (Nick Cave)
11. Pomme, “Big Jet Plane” (Angus & Julia Stone)
12. Julia Stone, “Beds Are Burning” (Midnight Oil)
13. Sam Amidon, “Let Me Down Easy” (Gang of Youths)

 

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Sunday Listen: We Set Sail – „Feel Nothing“


0006458255_10

Es gibt da diese berüchtigte „Monday Tape„-Szene in „High Fidelity“, der Verfilmung von Nick Hornbys gleichnamigem exzellentem Roman, in der Barry – ein nach außen widerwärtiger, elitärer Plattenladenangestellter, perfekt in Szene gesetzt von Jack Black – versucht, seinen Chef und Kumpel Rob – einen melancholischen und von weinerlichem Sarkasmus geprägten Plattenladenbesitzer, gespielt von John Cusack – nach (s)einer besonders schlimmen Trennung aufzuheitern. Barry tut dies, indem er Katrina and the Waves‘ „Walking On Sunshine“ in Robs Laden in geradezu ohrenbetäubender Lautstäralterke spielt. Nachdem Rob das Mixtape – sehr zu Barrys Verärgerung – abrupt anhält, meint Barry zu Rob, er solle ruhig weitermachen und seine „traurige Bastardmusik“ spielen, worauf Rob – einmal mehr nicht eben ironiefrei –  erklärt: „Ich will keine alte, traurige Bastardmusik hören, Barry. Ich will nur etwas, das ich ignorieren kann.“

a1378662891_16In „Reminders Written On Maps„, einem der zweifellos besten Songs auf We Set Sails 2016 veröffentlichtem Album „Feel Nothing„, gibt es eine Stelle, an dem obiges Film-Sample auf dem Höhepunkt eines riesigen Crescendos gekonnt eingespielt wird, kurz bevor das Stück in einen Furor von Akkord um Akkord wirbelnden Gitarren, doppeltem Gesang und hämmerndem Schlagzeug übergeht. Schnell wird beim Hören klar: Die fünfköpfige Band aus dem australischen Brisbane verwendet auf ihrem zweiten Longplayer geschickt das ein ums andere – und mal mehr, mal weniger bekannte – Filmsample, um den Texten mehr Nachdruck zu verleihen, ohne jedoch den Hörer von den kraftvollen Instrumentals abzulenken. Ein paar Anhaltspunkte und Tipps gefällig? Während der knappen Albumdreiviertelstunde tönen Szenen aus Filmen wie der Komödie „Forgetting Sarah Marshall“, dem Sam-Mendes-Drama „Zeiten es Aufruhrs“ oder dem durch und durch fatalistischen Coen-Brüder-Epos „No Country For Old Men“. Schon bemerkenswert, was We Set Sail mit dieser durchaus einfallsreichen Art des medialen Nebeneinanders gelingt: eine nahezu nahtlose Verbindung von Stimmung, Bedeutung und Musik.

Obwohl die „laziest band in Brisbane“ (so die augenzwinkernde Selbstbeschreibung des Quintetts) musikalische Trademarks wie ebenjenen Hang zum Einsatz von Filmsamples, dichte, hallgetränkte Gitarrenschichten oder dynamische Vocal-Shouts beibehält, haben Paul Voge, James Jackson, Andrew Martin, Hayden Robins und Benjamin Britenstein – gerade im Vergleich zum 2013 veröffentlichten Albumdebüt „Rivals“ – Ausflüge in postrockige Gefilde, in denen siebenminütige Tracklängen bekanntlich mehr Regel denn Ausnahme sind, merklich zurückgefahren, und im Gros durch direktere, fokussiertere Songstrukturen ersetzt, was wiederum dazu führt, dass „Feel Nothing“ einige der bisher stärksten Hooklines der Band enthält.

we-set-sail-band_overhead-s

Schon der Opener „Animal, Mineral, Vegetable“ (hier kommt ebenfalls ein bekannter Auszug aus „High Fidelity“ zum Einsatz) macht mit seinen lautstark triumphierenden, druckvollen Rhythmen, weitläufigen Riffs und eingängigen Refrainzeilen wie „You’re like a wave / Wash over me“ mächtig Eindruck. Mit „Snails“ löst die Band eines ihrer Versprechen ein: eine vollmundige Up-Beat-Hymne mit gleitenden Melodien und dem über allem zu schweben scheinenden Gesang von Sänger und Gitarrist Paul Voge, dem nun – der musikalischen Neujustierung geschuldet fast zwangsläufig – eine zentralere (Gesangs)Rolle zuteil wird. Wenn sich We Set Sail auf „Feel Nothing“ heavieren Momenten hingeben (wie etwa beim sich episch-grungy aufbäumenden „This Machine Destroys Everything!“ oder beim emotionalen Outro des brillanten „Pet Cemetery„), tragen die Gitarristen Andrew Martin und James Jackson geschickt ihren Teil zum „Wall of Sound“-Ansatz bei, indem sie gemeinsam einen Kontrast zu den oftmals dichten Texturen und düster-lyrischen Ansatzpunkten bilden. Bassist Hayden Robins setzt mit seinem Tieftöner ein paar feine Fußnoten unter das wehmütige „Space Jam„, während Schlagzeuger Benjamin Britenstein „How Did It Go Last Night?“ oder das langsam verglühende „Understanding This Is Not A Car Crash“ mit dem ein oder anderen perkussiven Ausbruch veredelt (wer übrigens bei Letzterem eine unverhohlen offenkundige Thursday-Referenz vermutet, liegt nicht eben falsch). Und selbst an den obligatorischen Akustikgitarren-Rausschmeißer haben We Set Sail mit „P̶o̶l̶l̶y̶ Molly“ gedacht.

In der Roman-Version von „High Fidelity“ reflektiert Nick Hornbys Protagonist darüber, dass Musik durchaus eine Form widersprüchlicher Zeitreise sein kann: „Sentimentale Musik schafft es, dich gleichzeitig an einen Ort zurückzubringen und dich voranzubringen, sodass du dich zugleich nostalgisch und hoffnungsvoll fühlst.“ In vielerlei Hinsicht beschreibt dies perfekt ebenjene fürs Kopefhörervergnügen geeichte Mischung aus Sehnsucht und Optimismus, die We Set Sail in ihren Klangteppich einzubinden vermögen. Umso verwunderlicher erscheint es da, dass „Feel Nothing“, diese tolle Indierock-meets-Post-Rock-Melange aus ehrfürchtigen Knicksen vor Midwest-Emo-Größen wie Sunny Day Real Estate, Texas Is The Reason, Jawbreaker, Braid oder Taking Back Sunday und stolzen Fingerzeigen zu anderen ähnlich modernen, jedoch weitaus einflussreicheren Bands wie Brand New oder Balance & Composure, vor nunmehr drei Jahren keine größere Hörerschaft gefunden hat. Ja, „traurige Bastardmusik“ mag all das schon sein, aber ignorieren sollte man diese Songs keineswegs…

 

 

Hier gibt’s die Musikvideos zum Album-Opener „Animal, Mineral, Vegetable“…

 

…“Reminders Written On Maps“…

 

…und „Snails“:

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages: Lucas Laufen – „I Know Where Silence Lives“


180921-LucasLaufen-Berlin-7331

Tolle Töne fürs auf Herbst und Winter geeichte Gemüt: „I Know Where Silence Lives“, nach „A Million Miles From Love“ die zweite Single aus dem in der vergangenen Woche erschienenen Debütalbums gleichen Titels des australischen Singer/Songwriters und Wahlberliners Lucas Laufen. Mit intimen Folk-Melodien und (s)einem zart gehauchten Säuseln nimmt der klischeemäßig bärtige Barde den Hörer mit an einen Ort, an dem wir unsere innere Stille finden und vielleicht, vielleicht sogar dem ewigen Lärm unserer Gedanken entkommen können…

911dKVMLFdL._SS500_Die Idee zum Song entstand, als Lucas Laufen, der ursprünglich aus Port Lincoln im Süden Down Unders kommt, auf einem Vogelbeobachtungsturm an der Grenze zwischen den Niederlanden und Deutschland stand und auf das Meer blickte: „Es war das erste Mal seit Monaten, dass ich den Ozean sah, und ich dachte mir: An diesem Ort lebt die Stille! Der Wind war sehr stark, sodass es in dem Moment eigentlich gar nicht so leise war. Aber ich fühlte mich sofort zuhause – alleine, umgeben von der salzigen Luft. Die Stille bezieht sich also mehr auf ein Gefühl des inneren Friedens, als auf die akustische Stille selbst.

Von diesem Gedanken ausgehend, strickte Lucas die Story mit persönlichen Details aus seinen zwischenmenschlichen Beziehungen weiter. Er erinnerte sich an seine Kindheit in Australien und daran, wie sein Vater immer früh morgens aufstand, um einen ruhigen Platz zu finden, an dem er innehalten konnte, bevor der Rest der Welt die Augen aufmachte. „Ich sehe ihn noch heute alleine hinunter zum Strand laufen und ich verstand nie genau, warum er dies tat. Erst mit dem Schreiben dieses Songs begriff ich es in Gänze und lernte, diese Momente der Stille ebenfalls zu schätzen. Das Komponieren des Songs zog sich über ein Jahr hin, was sehr unüblich für mich ist. Normalerweise ziehe ich es vor, ein Gefühl an Ort und Stelle in Musik zu verwandeln, da der Song sonst seine Bedeutung verliert, wenn man jenes Gefühl über die Zeit dahinziehen lässt. Es war also mein Versuch, sein Leben und seine Art besser erfassen zu können. So fand ich heraus, dass wir uns sehr ähnlich sind und das dient mir jetzt auch als Anker, wenn ich einmal nicht weiß, wie es weiter gehen soll.

Dennis Schischke, der Regisseur des wundervoll inszenierten dazugehörigen Musikvideos, setzt dabei eine junge Frau in Szene, die sich dazu entschließt, die „giftige Stadt“ zu verlassen, um ihre eigene persönliche Stille inmitten der norwegischen Natur zu suchen: „Der Clip startet in einem ernsten Setting, in dem die Schauspielerin Leona Grundig – offenbar gestresst vom Verkehr und Lärm – den Eindruck erweckt, das Gefühl zu haben, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Doch ihre Stimmung scheint sich mit jedem Meter in Richtung ihres Ziels aufzumuntern. So verändern sich auch die Farben ihrer Kleidung. Innerhalb des Videos werden drei Portraits von ihr gezeigt, während das letzte davon ihr Reiseziel – ihre eigene Zufriedenheit – darstellt.

 

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
%d Bloggern gefällt das: