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Auf dem Radar: Grace Cummings


Während vielerwebs die Jahresbestenlisten von 2021 noch lauwarm glühen, deutet sich bereits an, wer die Pop-Feuilletons der kommenden Monate einhellig verzaubern könnte. Grace Cummings etwa. Zwar hat die in Melbourne geborene Songwriterin in ihrem Heimatland mit „Refuge Cove“ bereits 2019 ein vielbeachtetes Debüt vorgelegt, abseits Australiens ist sie jedoch ein noch recht gut behütetes Geheimnis. Und man muss keineswegs der Ahnenreihe eines Nostradamus entstammen, um die risikoarme Prognose zu wagen, dass sich das in diesem Jahr und mit dem kommenden Album „Storm Queen“ schlagartig ändern könnte.

Dabei liest sich Grace Cummings‘ bisheriger Werdegang irgendwo zwischen Umtriebigkeit und gepflegter Down-Under-Langeweile. So begann die ausgebildete Schauspielerin ihre musikalische Laufbahn als Schlagzeugerin in einer Reihe von Highschool-Bands, deren Repertoire hauptsächlich aus AC/DC- und Jimi-Hendrix-Covern bestand. Als Cummings begann, eigene Songs zu schreiben, ließ sie sich vermehrt von Acts wie Paul Kelly, Bob Dylan, J Spaceman sowie traditioneller irischer Folkmusik inspirieren, die ihr Vater oft zu Hause spielte. Vor allem die Ehrerbietungen an den ewig großen Dylan hörte man an vielen Ecken der Eskapismus-Kleinode von „Refuge Cove“ heraus.

Einer weiteren Eigenart bleibt Cummings auch auf dem neuen Werk treu: sie behält die künstlerischen Zügel gern in der eigenen Hand. So übernimmt die Newcomerin, wie schon auf dem Debütalbum, auch auf “Storm Queen” das Ruder als Produzentin. Die minimalistischen Arrangements werden von einer Reihe von befreundeten Künstler*innen aus Melbourne mit unerwarteten Verzierungen geschmückt: prunkvolle Geigenmelodien, gespenstische Theremin-Töne oder das frenetische Heulen eines Baritonsaxophons, welche das Album, getreu seines Titels, in ein ganz eigenes, unbändiges Klima hüllen.

„Storm Queen“ beginnt mit der majestätischen Vorab-Single „Heaven“ und offenbart sofort die ungezähmte Intensität von Cummings‘ ebenso eigenwilliger wie mächtiger Stimme sowie ihre Vorliebe für poetische und zugleich seltsam direkte Texte. Oft genug lässt die geübte Bühnenmimin dabei die Theatralik einer Aldous Harding mit der stimmlichen Präsenz von Marlene Dietrich unikal verschmelzen. Außerdem auffällig: religiöse Anklänge. Aber auch hier verhält es sich etwas anders, als man im ersten Moment zunächst denken könnte. „Der Refrain von ‚Heaven‘ enthält zwar die Worte ‚Ave Maria‘ – aber nicht, weil ich in irgendeiner Weise religiös bin“, erklärt die Australierin, die kürzlich erst die Hauptrolle in einer Joanna Murray-Smith-Produktion an der Melbourne Theatre Company spielte. „Für mich ist das Reden und Singen über Gott oder Mutter Maria eine Art, etwas Schönes zu benennen, das ich nicht verstehe, etwas, das nicht ganz zu der Welt gehört, in der wir leben“, fügt Cummings hinzu, die ihre eigenwillige Musikalität mit einer bewusst spontanen Herangehensweise an das Songwriting kombiniert. „Ich habe ‚Heaven‘ tatsächlich in der gleichen Zeit geschrieben, die man zum Singen braucht. Ich habe gehört, dass man in alten Cowboy-Filmen immer weiß, wer der Held ist, weil er einen Zehn-Gallonen-Stetson trägt. Der Himmel könnte eine Person sein. Oder ein Ort. Oder mein Vater oder eine winzig kleine Raupe oder der Klang des Lachens eines Kookaburra. Der Kookaburra ist ein Held, ich bin es nicht.“ Mit dieser Erklärung zwischen Augenzwinkerei und heiligem Ernst begründet Cummings, warum ihr Spiel mit christlicher Symbolik der ohnehin schon überbordenden Affektkulisse ihres eigenartig reduzierten Songwritings noch eine weitere Ebene einzieht.

Diese Musik mag keineswegs gefälliger Einweg-Radiopop für Familie Jedermann sein, aber eines ist sie in jedem Fall: besonders. Ave Maria, a star is born.

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Onslow


Zumindest in der australischen Musikszene sind sowohl Sean Harmanis als auch Scott Kay keine gänzlich unbeschriebenen Blätter. Der eine (Harmanis) als Stimme und Frontmann der Symphonic Deathcore-Band Make Them Suffer, während sich der andere (Kay) normalerweise für die sechs Saiten der Progressive Metal-Kapelle Voyager verantwortlich zeichnet. Und da die Banddichte im heimatlichen Perth wohl auch Grenzen haben dürfte, liefen sich die beiden in der Vergangenheit das ein oder andere Mal über den Weg und freundeten sich an – bis zu Onslow, ihrem gemeinsamen musikalischen Projekt, war es von da aus quasi nur noch ein Kängurusprung, aus welchem nun eine erste EP resultiert.

Und diese gerät durchaus bemerkenswert, weist sich doch eine erstaunliche musikalische Bandbreite auf, mit Songs, die innerhalb von Sekunden und meist inmitten eines einzigen Stückes von Jingle-jangle-Melodien zu vollkehligem Metal-Geschrei reichen. Das Ergebnis ist etwas ganz Außergewöhnliches – ein schwer zu definierender Genreritt, der sowohl hymnische Infrastrukturen als auch donnerndes Beiwerk aufweist.

Sean Harmanis, der sich auch bei Onslow vor allem für den Gesang verantwortlich zeichnet, erzählt Folgendes über den Entstehungsprozess der EP: „Nach den Gesangsaufnahmen zum letzten Make Them Suffer-Album spürte ich mehr Kreativität in mir sowie den Wunsch, diese zu kanalisieren und zu verfeinern. Nachdem ich zu Beginn von Covid ein paar Monate lang versucht hatte, Songs zu schreiben, beschloss ich, sie Scott zu zeigen, einem langjährigen Freund und Gitarristen, den ich immer bewundert und respektiert habe. Ich wollte ein ehrliches Feedback zu den Songs, Riffs und Ideen hören. Scott war von den Songs begeistert und hatte einige eigene Ideen, die er einbringen konnte. Von da an beschlossen wir, zu schauen, wohin uns das führen würde. Die Songs handeln größtenteils vom Leben im Allgemeinen, obwohl ich mir insgesamt sehr wenig Gedanken über die Texte selbst gemacht habe. Beim Schreiben der Texte ging es mehr darum, welche Worte sich natürlich ergeben oder gut klingen, als um die Bedeutung der Songs. Für mich ging es bei der Veröffentlichung eher darum, mir selbst zu beweisen, dass ich Songs schreiben kann, als zu versuchen, die Songs zu persönlich zu gestalten. Scott war mir während des gesamten Prozesses eine große Hilfe, da er nicht nur tolle Ideen einbrachte, sondern mir auch viel Selbstvertrauen in meine Gitarrenarbeit mitgab.“

Schon „Saving Face“, die Eröffnungsnummer der selbstbetitelten EP, kontrastiert Heavy-Metal-Riffs mit engelsgleichem Gesang und Melodien, die geradezu opernhaft, dramatisch und theatralisch tönen, bevor aus voller Kehle schreiender Gesang einsetzt – im besten Fall ja eine äußerst befriedigende Dichotomie. „Let Me Rust“ wiederum beginnt mit fast schon gen Firmament stürmenden Gitarrenwänden, bevor Harmanis‘ süßlicher Gesang über die gedämpfte, zurückhaltende Instrumentierung gleitet – beinahe im Falsett, fast schon engelsgleich. Umso explosiver und kathartisch geraten die attackierenden Gitarren und angefuzzten Basslinien. Deftones, anyone? Ähnlich geht auch „Gauze“ vor: mal atmosphärisch und treibend, mit zuckriger Melodie und Gesang, dann wieder kontrastiert von Passagen mit schwermetallischem Gebrüll – ein Kontrast, der wirklich gut funktioniert und mit seiner Art janusköpfiger Persönlichkeit die zwei Seiten eines Gefühls zum Ausdruck bringt. Zudem versetzt einen der Song mit seinen gewaltigen Riffs und seiner kolossalen Instrumentierung in die frühen 2000er zurück und lässt eine tiefe Verehrung für damals recht einflussreiche Bands wie Alkaline Trio oder Jimmy Eat World erkennen. Das gleichsam komplexe wie gefühlsbetonte „Limbs“ unterstreicht mit seiner sich ständig ändernden Taktart und einer erstaunlichen Synkopierung zwischen rhythmischen Instrumenten und aufsteigenden Gitarren die enormen Songwriting-Fähigkeiten des Duos Harmanis/Kay. Das abschließende „Freddie Mercury“ dürfte vor allem für alle Freunde von Bands wie Brand New ein besonderes Highlight darstellen, gemahnt es doch an Großtaten wie etwa deren Meisterwerk „The Devil And God Are Raging Inside Me“ – Vergleiche zu Stücken wie „Jesus Christ“ sind quasi unabdingbar. Das Stück beginnt zunächst balladesk-nachdenklich und entwickelt sich gen Ende zu einem geradezu stratosphärischen Shoegaze-Orkan, der Elemente aus Post Rock ebenso in sich vereint wie aus Alternative Rock und Post Hardcore. Sean Harmanis über den Song, der zwar nach dem legendären Queen-Frontmann benannt sein mag, am Ende aber wohl wenig mit selbigem zu tun hat: „‚Freddie Mercury‘ handelt davon, dass man an etwas festhält, von dem man tief im Inneren weiß, dass es nicht mehr da ist. Unsere Herangehensweise an das Songwriting rührt wahrscheinlich von unserer Wertschätzung für Post Rock her. Wir haben es beide schon immer geliebt, dass vor allem Bands aus diesem Genre in der Lage sind, aus dem Nichts heraus diese gigantischen Klangwände aufzubauen, und instrumental wollten wir wirklich etwas von diesem Einfluss in den Song einfließen lassen.“

Letztendlich bieten die fünf Stücke der „Onslow EP“ (zu welcher man hier Track-By-Track-Erläuterungen des Duos findet) eine erfrischende, gelungene Mischung mit tönenden Zutaten aus einigen sehr unterschiedlichen Genres: Progressive Metal, Post Hardcore, Alternative Rock, Post Rock, Post Grunge und Emo Rock, gar sachte Prisen aus Indie Pop lassen sich hier wiederfinden. Mächtig gewaltig geratene Songs aus Down Under, die sich in den Dienst von Dramatik und Katharsis stellen.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Carla Geneve – „The Right Reasons“


Alle Freunde gefühligen weiblichen Indierocks à la Courtney Barnett oder Phoebe Bridgers sollten nun hellhörig werden und sich den Namen Carla Geneve fürs kommende Jahr fein säuberlich in ihrer „Artists to watch“-Liste notieren. Wieso, weshalb, warum? Nun, zur Eliminierung aller Fragezeichen höre man gern ihre neuste, ebenso wunderschöne wie zutiefst persönliche Single „The Right Reasons„, die zweite nach „Don’t Wanna Be Your Lover„, welche wiederum Anfang des Jahres veröffentlicht wurde, und einen weiteren passablen Appetithappen für ihr Debütalbum abgibt, das – nach einigen Singles sowie einer EP im März 2020 – im Jahr 2021 erscheinen soll.

Passend zur Stimmung des Songs geben sich der Gesang der im australischen Perth beheimateten Singer/Songwriterin und die Begleitband um einiges zurückhaltender als noch bei „Don’t Wanna Be Your Lover“. Mehr sogar: Gitarren- und Rhythmusbegleitung schmiegen sich sanft und sinnig an Geneves fast schon schüchternen Gesang in einem Song, mit dessen um Themen wie Beziehungen und Mental Health kreisenden Textzeilen sich wohl durchaus einige identifizieren können. Das Songwriting zeugt von beeindruckender Reife, trägt gar ein paar zart-lässige Springsteen-Vibes in sich, sodass es schwer zu glauben sein mag, dass Geneve erst 21 Jahre jung ist.

Carla Geneve schreibt über den Hintergrund des Songs: „Ich habe sehr lange gebraucht, um ‚The Right Reasons‘ zu schreiben – ich glaube, ich habe wahrscheinlich sechs oder sieben völlig verschiedene Versionen geschrieben. Obwohl so viel Kunst durch das Thema psychische Krankheiten inspiriert und auf kathartische Weise geschaffen wird, ist es immer noch eine schwierige Sache, darüber zu schreiben und sich darüber auszutauschen. Dieser Song ist ziemlich direkt. Ich wollte ein helles Licht auf einige meiner dunkelsten Erfahrungen werfen, weil es für mich Sinn macht, dass radikale Verletzlichkeit der erste Schritt zu radikaler Selbstakzeptanz sein kann. Und ohne Selbstakzeptanz ist es meiner Meinung nach sehr schwierig, tiefe und bedeutungsvolle Verbindungen zu den Menschen um einen herum aufzubauen.“

Das dazugehörige Musikvideo wurde in Geneves Haus von ihrem engen Freund Duncan Wright gefilmt. „In dem Song geht es um verletzliche und unbequeme Dinge, deshalb wollte ich mich während der ziemlich einschüchternden Erfahrung, mein Gesicht zu zeigen, sicher und zu Hause fühlen.“

„Mixing antibiotics with alcohol
When you kiss me, you say that I taste like methanol
Tell me that it’s a crying shame
Drinking through the night and sleeping in the day

It’s not me, it’s not you
Sometimes we all do the wrong thing
For the right reasons
I’ve been going through the seasons

Mixing escitalopram
With the person that I am
Didn’t wanna change myself
But sometimes it takes a little more than self-help

It’s not me, it’s not you
Sometimes we all do the wrong thing
For the right reasons
I’ve been going through the seasons

An emotional iron deficiency
I get so tired of bruising so easy
‚Cause I know it’s a crying shame
Closing the blinds on another day

It’s not me, it’s not you
Sometimes we all do the wrong thing
For the right reasons
I’ve been going through the seasons“

Rock and Roll.

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Song des Tages #2: Julia Jacklin – „Baby Jesus Is Nobody’s Baby Now“


Corona-Lockdown hin oder her: Weihnachten steht (mit Sicherheitsabstand, und wohl in Form eines vielbeschäftigten Paketboten) vor der Tür. Und wie jedes Jahr erreichen uns auch in 2020 eine Reihe mal mehr, mal weniger überzeugender Weihnachtssongs. Wenig verwunderlich, dass auch in diesem Jahr die Indie-Szene stark am Mitmischen ist. Auf Girl In Reds „Two Queens In A King Size Bed“, Julien Bakers Cover von Perry Como and The Fontane Sisters „A Dreamer’s Holiday“, Sam Fenders „Winter Song“ oder Phoebe Bridgers‘ einmal mehr bezaubernde diesjährige Weihnachtssingle „If We Make It Through December“ folgt nun Julia Jacklin mit einer besinnlich-weihnachtlichen Single, die wie gemacht für den Slow-Dance um den Weihnachtsbaum scheint.

Zusammen mit der Single „Baby Jesus Is Nobody’s Baby Now“ gibt es auch ein Musikvideo zum Song zu sehen, für das Jacklin gemeinsam mit Nick Mckk Regie führte – keine Seltenheit für die 30-jährige Aussie-Musikerin, die bereits als Regisseurin ihrer vorherigen Musikvideos tätig war.

Mit Eleganz, lyrischer Treffsicherheit und einer nahezu perfekten Dosis düsterer Melancholie erzählt Julia Jacklin, deren jüngstes Album „Crushing“ im Februar 2019 erschien und die den Song bereits Ende des vergangenen Jahres schrieb, von der Last familiärer Schicksalsschläge, von Isolation und Katastrophen, aber auch von Hoffnung.

In einem Statement zum Release heißt es von der australischen Singer-Songwriterin: „2019 war ein ziemlich hartes Jahr für meine Familie. Ich war das ganze Jahr auf Tournee und trug eine Menge Schuldgefühle mit mir herum, weil ich nicht Zuhause sein konnte. Jeden Abend super traurige Lieder zu singen, war je nach Tag ein Segen und ein Fluch. Ich stellte mir Weihnachten als eine Zeit vor, in der wir alle wieder zusammenkommen und gemeinsam durchatmen, aber dann brachen die Buschfeuer aus und meine Familie lebt auf dem Land, sodass es eine direkte Bedrohung war. Ich bin gerade erst nach Melbourne gezogen und konnte nicht nach Hause fahren, die Straßen waren blockiert, und meine Familie wurde für einen Monat evakuiert. Irgendwann wurde ganz Melbourne in Rauch getunkt, die Sonne war so bedrohlich rot, es fühlte sich apokalyptisch und ziemlich hoffnungslos an. Ich schrieb den Song in meinem Zimmer mit Blick auf das Jahr 2020, in der Hoffnung, dass es eine Art Reset sein würde, lol.“

Nun, damit lag Jacklin leider nicht ganz richtig. Aber wie der Song zeigt, gibt auch sie die Hoffnung und das positive Denken nicht auf…

„She lost the baby, the house nearly burnt down
Baby Jesus is nobody’s baby now
Watched him pick the pack of smokes out of the bin
This time of year has always been so hard on him

Last Christmas, at my aunty’s house
I tried so hard to make my uncle shut his mouth
Grandma cried, ‚Can’t this wait?‘
Drink a cup of juice, try to celebrate

The family asked me to sing ‚em all a song
Get up in the lounge room while they keep the TV on
Pick a fun one, everybody claps
Plates of cold cuts tremble in their laps

Watch me go to bed alone this year
There was someone I wanted, but they’re no longer here
Grow up, girl, it’s good for your health
To go to bed sometimes simply holding yourself

She lost the baby, the house might still burn down
Baby Jesus is nobody’s baby now
Wanna be there to pick her up off the floor
But I’ve never had to reach this far down before

This Christmas, at my aunty’s house
I’m gonna try so hard to open up my mouth
Say it loud, and hope it’s true
Next year will be much easier on you“

Rock and Roll.

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Song des Tages: Alex The Astronaut – „Caught In The Middle“


Foto: Jess Gleeson

Alex The Astronaut, dahinter steckt keineswegs – obwohl das gerade hierzulande der eine oder die andere im ersten Moment vermuten könnte – „unser“ Alexander „Astro-Alex“ Gerst, der 2018 als erster Deutscher überhaupt für drei Monate das Kommando über die ISS innehatte. Und auch nicht jener Weltraum-Abenteurer, der 2013 mit seiner Version von „Space Oddity“ Bowies Evergreen zu neuem Ruhm verhalf (jener schnurrbärtige Kanadier hieß ja auch Chris Hadfield). Nope, hinter Alex The Astronaut verbirgt sich Alexandra Lynn, eine australische Singer/Songwriter-Newcomerin, die mit Mitte Zwanzig zwar schon den ein oder anderen Fleck jenseits von Bondi Beach gesehen haben mag (immerhin hat die junge Frau bereits einen Studienabschluss in Mathematik und Physik an der New Yorker Long Island University in der Tasche), jedoch noch nie die Erde vom Weltraum aus betrachtet hat. Dafür tritt sie in ihrer Freizeit recht talentiert gegen das runde Leder – oder gibt sich in ihren Songs als reisende Beobachterin, die eine Welt aus unendlich vielen Geschichten sieht. Nach so einigen Singles, EPs sowie einem Live-Album debütiert Alexandra Lynn nun mit ihrem ersten Langspieler.

Dabei könnte „The Theory Of Absolutely Nothing“ genauso gut der Titel eines Coming-Of-Age-Indie-Films sein, so grob zwischen „The Perks Of Being A Wallflower“ und „The Spectacular Now“. Auch musikalisch kann man sich die Songs von Alex The Astronaut ganz gut auf dem „Juno“-Soundtrack vorstellen, irgendwo zwischen Belle & Sebastian, Kimya Dawson und Evergreens von The Kinks und The Velvet Underground. Selbst inhaltlich packt Alexandra Lynn ernste Themen mit dem selben warmherzigen Optimismus an wie etwa die soeben genannten Filme. Immer knapp vor cheesy, immer herzergreifend, und selbst das stellenweise überbordende Pathos mag man der juvenilen Unbedarftheit anrechnen. Insofern legt der Albumtitel eine feine falsche Finte, denn es geht hier nicht um nichts, sondern sogar um ziemlich viel.

Aus dem Folk übernimmt die junge Australierin aus dem sonnigen Sydney das Geschwätzige, das lyrische Erzählen, die sozio-politschen Anklänge, und verknüpft all das mit der Eingängigkeit des Indie-Pop. Im Jahr 2017 wurde ihr Song „Not Worth Hiding“ zu einer Hymne der australischen Bewegung für die gleichgeschlechtliche Ehe, auf ihrem Debütalbum nimmt sie, die selbst recht offen und selbstverständlich mit ihrer Homesexualität umgeht, sich nun unter anderem Themen wie häusliche Gewalt und Abtreibungen vor. Wahrlich keine kleinen Armstrong-Schritte, aber Lynn meistert sie dank ihrer sehr eindringlichen Erzählungen und ihres sehr dynamischen, abwechslungsreichen Songwritings.

Direkt im lagerfeuertauglichen Opener „Happy Song“ verpackt sie Gedanken über Vergänglichkeit und Nostalgie in einen erbaulichen Indiepop-Song: „You know that I love you, but I think it’s over / Will it still be over, always? / I don’t know„. Das Stück besticht vor allem durch seinen treibenden Refrain, dem sogar ein Da-da-Part erstaunlich gut steht. Ab und zu scheint etwas Britpop durch, beispielsweise in „Split The Sky„, das anfangs an Oasis erinnern mag (freilich ohne das gockelhafte Machogehabe der Gallagher-Lads). Die Songs bauen klassischerweise auf gestrummten Gitarren auf, sind aber alle recht aufwendig instrumentiert, im Hintergrund fügen sich Chöre, Piano und sogar Streicher zu einer meist geschmackvollen Soundkulisse zusammen. Besonders die Streicher hauchen manchen Songs, etwa „I Like To Dance„, aber auch diesen Eindruck des leicht Pathetischen ein – was etwas schade ist, da das Stück über häusliche Gewalt bereits textlich zu überzeugen weiß und den musikalischen Kitsch so gar nicht nötig hätte. Für den Song hat Lynn mit Helferinnen von Betroffenen gesprochen, um sich ein Bild entsprechender Beziehungen zu verschaffen. Besonders hart erwischt einen die sehr direkt formulierte Zeile „I just wish he would stop hitting me„. Inhaltlich trifft sie hier den richtigen Ton und nährt sich dem Thema sehr gefühlvoll. „Banksia“ und „Christmas In July“ hingegen kommen mit dem perfekten Maß an Pathos daher, beide Songs laden zu verträumtem Schunkeln ein. Mit ihrer ausdrucksstarken Stimme irgendwo im Spannungsfeld zwischen Nonchalance und gutturaler Rauheit und ihrem charmanten Aussie-Dialekt gedenkt Lynn in „Banksia“ einer sehr jung verstorbenen Freundin: „And all of the roses will be too white because twenty years old’s too soon for goodbye„.

Klanglich überzeugen jedoch die energievollen Songs am schnellsten, so etwa „I Think You’re Great„, das an die neuseeländische Band The Beths erinnert und mit seinem nach vorn drängenden Schlagzeug mitreißt. „Caught In The Middle“ erinnert an die ersten Werke der Shout Out Louds und wartet wie viele der Stücke mit einem eingängigen Refrain auf. Zwar neigt die australische Newcomerin dazu, ihre Indiefolk-Songs mit zu vielen Instrumenten zu überfrachten und untermalt ihre konkreten Texte an mancher Stelle mit recht beliebigen Melodien. Spurlos am Ohr vorbei rauschen die Lieder dennoch nicht – dazu kommen sie einem zu nahe.

Im Großen und Ganzen ist „The Theory Of Absolutely Nothing“ (zu welchem man hier Track-By-Track-Kommentare findet) das starke Debüt einer jungen Frau, die ihre ganz eigene Sicht auf unsere vielfältige, teilweise doch recht düstere Welt optimistisch, jedoch in keinem Moment verklärend in sonnenbeschienenen Wohlklang übersetzt. Wer mit anderen Aussie-Indierockerinnen wie etwa Courtney Barnett oder den eingangs erwähnten, manchmal etwas juvenil-gefühlsduseligen Filmen etwas anfangen kann, sollte zweifellos auch an dieser Platte schnell Gefallen finden.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Stu Larsen – „Phone Call From My Lover“


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Auch Australien hat aufgrund der Corona-Krise seine Grenzen dichtgemacht, mancherorts aktuell sogar wieder Ausgangssperren verhängt. Reisen ist, wie in vielen anderen Ländern der Welt, nicht – oder nur sehr eingeschränkt – möglich. Dabei ist der australische Singer/Songwriter Stu Larsen eigentlich immer unterwegs, lebt seit zwölf Jahren ohne festen Wohnsitz, ist der „Vagabond„, der seinem ersten Album 2014 seinen Titel gab. Auf seinem neuen, mittlerweile dritten Werk „Marigold“ jedoch geht es um ein Thema, da wohl jede(r) von uns kennt: Liebeskummer. Ein universell beliebtes und in der Pophistorie bereits vielfach besungenes Thema – da kann’s schnell weinerlich bis kitschig werden. Larsen schafft es jedoch, dass seine Songs nie so ganz in diese Richtung abdriften…

„Es hat mir das Herz gebrochen wie nichts zuvor. Niemals wieder möchte ich das erleben…“

Dieses gebrochene Herz gehört Stu Larsen. Wobei – mittlerweile ist sein Herz gar nicht mehr gebrochen. Aber diesen vermeintlichen Happy End-Twist heben wir uns schön bis zum Schluss auf, okay? Noch sind wir ja bei Stu Larsen und seinem gebrochenen Herzen, denn genau darum geht es auf „Marigold„: zwölf Lieder über den wilden Beginn und das dramatische Ende einer Liebesbeziehung. Über Liebeskummer, das schmerzhafte Gefühl, verlassen zu werden und den schweren Versuch, das eigene Leben nach einer Trennung wieder in den Griff zu bekommen.

A1ipzBou1iL._SS500_Freilich passt Larsens Singer/Songwriter-Folk mit akustischer Instrumentierung und emotionalem, zurückgenommenem Gesang perfekt zur Thematik. Man spürt des Troubadours Schmerz. Einige Lieder habe er in Amsterdam geschrieben, wie er erzählt. Für einen Freund habe er dort auf dessen Katze aufgepasst. In Amsterdam habe ihn auch jene Frau besucht, „über die ich dieses Album geschrieben habe“. „Sie sagte, dass sie nicht mehr mit mir zusammen sein will. Ich hatte also ein kleines gebrochenes Herz. Naja, wenn ich ehrlich bin: ein riesiges gebrochenes Herz“, gibt Larsen zu.

Seit über einer Dekade lebt der Musiker aus einer kleinen Stadt in Queensland, Australien nun schon ohne festen Wohnsitz. Er reist um die Welt, lebt mal aus dem Rucksack, mal aus dem Koffer und vom Musik machen. Seine Reiseerfahrungen hat er bereits auf zwei Alben musikalisch verarbeitet – zuletzt auf „Resolute“ (2017), welches quasi unterwegs entstand: bei Freunden auf der Couch in England, an einem Lagerfeuer in Schweden, in einem Bunker in Australien, in einer Hütte in Schottland und an vielen weiteren, inspirierenden Orten, an die es Larsen in den letzten Jahren verschlug. Doch dieser vagabundierenden Reiselust sind nun erst einmal jähe Grenzen gesetzt . Seine verrückte Welttour, die ihn – teilweise per VW Bus – in diesem Jahr in elf Länder verschlagen sollte, musste er in München nach der Hälfte abbrechen.

Am liebsten hätte er danach sein Handy ausgeschaltet und sich irgendwo fern der Öffentlichkeit versteckt. Doch er hat sich dagegen entschieden, denn Musiker haben in dieser außergewöhnlichen Zeit jetzt eine ganz besondere Aufgabe, meint Larsen. In Zeiten von sozialer Distanz bringen sie mit ihrer Musik Menschen einander näher: „Meine erste Reaktion war, die Veröffentlichung dieses Albums zu verschieben. Aber dann habe ich mit verschiedenen Leuten gesprochen, die alles gesagt haben: wir brauchen dieses Album jetzt! Wir brauchen etwas, das uns Hoffnung gibt, das uns zusammenbringt! Wir brauchen neue Musik!“

„So here’s another sad song about the time you broke my heart…“ (aus „Je te promets demain„)

Liebeskummer, Herzschmerz, verlassen und betrogen werden – wie viele Lieder es darüber gibt… Da ist es nicht leicht, aus der riesigen musikalischen Kiste voller gebrochener, ach so wunder, ach so blutroter Herzen herauszustechen. Doch Stu Larsen ist das mit „Marigold“ durchaus gelungen. Klar, man hört – vor allem textlich – seinen Liebeskummer, aber er klingt dabei nie (zu) kitschig, jammerig oder klischeehaft. Die Texte sind persönlich, kurze Liebesgeschichten, an mancher Stelle auch Anti-Liebesgeschichten. Wie im tollen Streichermeer-Lamento „Wide Awake & Dreaming„, das beinahe an die großen Oden eines Damien Rice heran reicht, oder im Abschluss „Phone Call From My Lover“, in dem der Musiker zu feinem Finger-Picking davon singt, dass seine Freundin ihn zwar noch lieben würde, aber erst einmal allein reisen möchte, um sich selbst zu finden – Abschiedsschmerz galore.

„Everything will be just fine…“ (aus „We Got Struck By Lightning“)

Die vielleicht wichtigste Erkenntnis: „Marigold“ ist dabei keineswegs ein deprimierendes Album, das einen beim Hören runterzieht – im Gegenteil. So ist „We Got Struck By Lightning“ ein geradezu genüsslicher Auftakt vom Stile des Gitarren-Slackers Kurt Vile, im darauf folgenden „Hurricane“ klingt eine Ahnung von „Sultans Of Swing“ der Dire Straits an, „Wires Crossed“ ist ein country’esker Slow Motion-Fußwipper, „Where Have All The Leaves Gone?“ eine unaufdringliche melancholische Ballade, dazu haben Songs wie „The Loudest Voice„, bei denen manche wohlmöglich an den britischen Wunder-Singer/Songwriter Ben Howard denken mögen, eine durchaus positive und motivierende Strahlkraft. Gerade in der aktuellen Zeit, in der die Corona-Pandemie in vielen Momenten unser gesamtes Leben dominiert, sind es Alben wie dieses, die das Herz erwärmen, die einen dazu einladen, den sonnigen Spätsommer für kleine Roadtrips mit heruntergelassenen Fensterscheiben zu nutzen, durch die die Wärme die Nasenspitze kitzeln darf. Stu Larsen emphiehlt gerade jetzt, das Handy öfter mal in den Flugmodus zu schalten und mehr Musik zu hören. Er würde das auch tun, sagt er, mit seiner neuen alten Freundin. Aha? Richtig! Dieselbe Dame, die ihn verlassen hatte und über die er ebenjenes Album geschrieben hat. Und das, liebe Freunde der guten Töne, ist mal ein amtlicher Twist von einem Happy End!

 

 

Hier gibt’s obendrein einen YouTube-Livestream, bei dem Stu Larsen alle Songs des Albums in akustisch-reduzierten Varianten spielte (während man auf seinem YouTube-Kanal einige der Stücke an Orten wie London, München, Istanbul oder Gaborone dargeboten findet):

 

Rock and Roll.

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