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Hey, Paul! – Eine lebende Legende wird 80


Hier geht es nicht um die Beatles. Doch, vielleicht – und nahezu unweigerlich – auch, ein bisschen, immer wieder. Aber in erster Linie soll er im Mittelpunkt stehen: ein Stehaufmännchen, seit über 60 Jahren. Ein scheinbar Unkaputtbarer in einer Welt, in der Erfolg und Misserfolg nicht mehr von Platten, sondern vielmehr von Klicks, Followern oder Streams abhängig sind. Ein Alleskönner, der zwar offiziell den Bass bedient, aber schon eine ganze Reihe von Alben völlig im Alleingang eingespielt hat. Natürlich ein analoger Dinosaurier, mitnichten zeitlos, sondern bewusst retro, immer mit einem sperrangelweit offenen Fenster in Richtung Vergangenheit, in der längst nicht alles, aber möglicherweise wenigstens die Musik besser war. Eine Novität? Nope, natürlich nicht. Das Phänomen ist nicht neu, wir kennen es von den Rolling Stones, Bruce Springsteen, Carlos Santana, Roger Waters, Elton John… Mal mehr, mal weniger in die Jahre gekommene Rockstars, die auch 2022 noch Massen anziehen und für Konzerte Höchstpreise aufrufen können (wer’s nicht glaubt, der darf sich gern mal zu Gemüte führen, was benannte Mick, Keef und Co. fürs Dabeisein bei ihrem diesjährigen Gastspiel in der Berliner Waldbühne verlangen). Da fragt man sich schon: Was machen sie anders als die Jungen?

Am Beispiel von Sir James Paul McCartney (dem nun sogar ein weiteres Upgrade im Adelsregister winkt), der vor 80 Jahren – am 18. Juni 1942 – in Liverpool als Sohn des Kaufmanns James McCartney und der Krankenschwester Mary Patricia McCartney zur Welt kam, lässt sich das Mysterium vielleicht entschlüsseln. Ihn gibt es gefühlt schon genauso lange wie die Chinesische Mauer, das Taj Mahal, den Mount Everest, die Queen. Den Mann heute noch auf der Bühne zu erleben, fühlt sich war in jedem Moment besonders und wie ein Privileg, jedoch irgendwie auch seltsam an, so als würde man einem Wesen aus einer anderen Zeit begegnen. Als hätte er ein unglaubliches Abenteuer überstanden – die Reise zum Mittelpunkt der Erde, 20.000 Meilen unter dem Meer, von der Erde zum Mond.

Ein Leben ohne die Songs des charmanten, oft noch immer spitzbübisch lächelnden Genies, das man mit Fug und Recht auf eine Stufe mit Mozart, Beethoven, Bach stellen kann? Undenkbar. Seit Generationen findet jeder – in Helsinki ebenso wie in Johannesburg, in Los Angeles ebenso wie in Berlin, Wladiwostok, Abu Dhabi, Peking, Dakar, Kopenhagen oder Lima, garantiert wenigstens eine „klassische“ McCartney-Komposition in seiner musikalischen DNA. „Yesterday“ zum Beispiel, „Let It Be“ oder „Lady Madonna“ etwa, die Kracher seiner 1970er-Band Wings wie „Live And Let Die“, „Jet“ und „Band On The Run“, die Achtziger-Hits „Say Say Say“, ein Duett mit dem anderen Superstar jener Zeit, Michael Jackson, oder „Ebony And Ivory“, bei dem wiederum ein gewisser Stevie Wonder mit ans Mikro trat, sowie „Hope Of Deliverance“ aus den frühen Neunzigern.

Ohne Frage – der Mann ist längst eine lebende Legende. Warum? Nun, das Publikum liebt nun mal verlässliche Konventionen, es braucht standhafte Helden, die es ein Leben lang begleiten, selbst wenn jene Heroen am Schluss manches Mal als nahezu Halbtote auf die Bühne gerollt werden (müssen). Bei „Macca“, wie ihn seine Fans nennen, hat bislang zum Glück – beinahe – nur die Stimme gelitten, nicht jedoch sein Elan, seine beneidenswerte Neugier, sein verblüffender Geschmack und sein verlässlicher Sensor für aktuelle Trends. Beste Beispiele: „Cut Me Some Slack„, ein durchaus derber Rocker als Teil der sehenswerten 2013er „Sound City„-Musikdoku, für den er sich mit Dave Grohl, Krist Novoselic und Pat Smear (also im Grunde Nirvana ohne den verstorbenen Kurt Cobain) zusammentat, oder „FourFiveSeconds“, die ohrwurmige Kollaboration mit Kanye West und Rihanna von 2015. Ein gleichsam innovativer wie spinnerter Rapper, eine erfolgreiche R’n’B-Musikerin und ein Ex-Beatle – mon Dieu, was für eine Kombination!

Und es ist schlechterdings ja ohnehin unmöglich, Paul McCartneys Einfluss auf die Musikgeschichte und heutige Popmusikszene adäquat zu erfassen. Aber um es dennoch auf einen einfachen Nenner zu bringen: Schlichtweg alles, was nach 1966 in der U-Musik geschrieben wurde, wäre ohne sein Schaffen so kaum möglich gewesen. Selbst der Heavy Metal, der Bands wie Black Sabbath, Deep Purple oder Metallica nach oben spülte, geht, wenn man so mag, auf ihn zurück. 1968 las Paul, dass ein Musikkritiker die The Who-Nummer „I Can See For Miles“ als den „lautesten, unerträglichsten und obszönsten Song aller Zeiten“ niedermachte. Das reizte ihn. Also schrieb er seinerseits „das lauteste und härteste Lied aller Zeiten“: Es trug den Titel „Helter Skelter“, erschien 1968 auf dem „Weißen Album“ der Beatles und wurde kurz darauf von einem gewissen Charles Manson, seinerseits ein großer Verehrer der „Fab Four“, für dessen morbide Weltveränderungsfantasien zweckentfremdet. Ja, Musik nimmt manchmal seltsame Wege…

Dabei galt Paul McCartney oft genug eher als Weichspüler, lange nannten sie ihn „Haferschleimbubi“ (was auch daran liegen mag, dass sich der Brite seit vier Jahrzehnten vegan ernährt), „Schnulzenheini“ oder „Kitschbeauftragter“. Die jungen Revoluzzer hielten in Beatles-Gefilden mehr zu John, die alten Spießbürger mehr zum verlässlichen Paul. Und er war schon immer Jazzfan, was sich früher in einigen Songs („When I’m Sixty-Four“) und 2012 gar in einem ganzen Album („Kisses On The Bottom“) niederschlug.

Aber nun müssen wir uns doch ein wenig mit den Beatles beschäftigen. Und mit „Maccas“ wohlmöglich größtem Coup. Es geht um „Hey Jude“, jenen Song, den Paul am 29. Juli 1968 für Julian Lennon, den Sohn seines Mitstreiters und kongenialen Songwriting-Partners John, geschrieben hatte. Der litt – wie Paul selbst – unter der neuen Liebe von John zur Aktionskünstlerin Yoko Ono (für die John Lennon Julians Mutter Cynthia verließ). Für alle Jüngeren und Nicht-Hipster: Damals, in einer Zeit lang, lang vor YouTube, Spotify und Co., gab es Singles; kleine, schwarze Vinylscheiben mit 45 Umdrehungen, für deren Erwerb man sich noch höchstselbst in den nächstgelegenen Plattenladen des Vertrauens begeben musste. Und „Hey Jude“ galt zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung mit seinen über sieben Minuten als bislang längste Single der Musikgeschichte und zugleich größter finanzieller Erfolg der Beatles. Der Höhepunkt eines weltumspannenden Musikwunders und zugleich der Anfang vom Ende der „Beatlemania„.

Spätestens mit „Hey Jude“ stieg McCartney zum Alleinherrscher über die erfolgreichste Band des Planeten auf. In dem Song traf Sentiment auf Monomanie, Kitsch auf Kunst, und alles mündete darin, dass neunzehn Mal, wie ein Mantra, das die Welt retten sollte, der „Na-na-na“-Unsinnsvers wiederholt wurde. Der weitaus bessere, instinktbewusstere, kommerzorientiertere Musiker hatte über sein gleichsam charismatisches wie in seiner beständig überbordenden Kreativität chaotisches Alter Ego John Lennon gesiegt. Die Band spielte den Song nie wieder, und McCartney, erbost darüber, dass John, George und Ringo das Beatles-Imperium nach dem Tod von Brian Epstein dem zwielichtigen Manager Allen Klein in den Rachen geworfen hatten, verkündete schließlich im April 1970 das Aus der „Fab Four“ – und das auf sehr spezielle Weise: am 17. April – knapp einen Monat vor „Let It Be„, dem großen Album-Schwanengesang der Band – brachte „Macca“ nicht nur sein im Alleingang aufgenommenes Solo-Album „McCartney“ heraus, bei dem er bereits Abstand von den drei anderen Beatles gewonnen und sämtliche Instrumente selbst eingespielt hatte. Den ersten hundert Exemplaren legte er auch eine selbst verfasste Presseerklärung bei. Darin enthalten: Erstens Informationen zur Entstehung der LP; zweitens erklärte er in selbiger seinen Austritt bei den Beatles. *hach* Die Anfänge als junge, wilde Barband im verruchten Hamburger Stadtteil St. Pauli, erste Hits wie „Love Me Do“ und der schnelle, rasante Aufstieg zu Weltstars, die zwar irgendwann das Konzertspielen weitestgehend an den Nagel hängten (kein Wunder bei der Masse an hysterisch schreienden und reihenweise in Ohnmacht fallenden Teenagern), dafür jedoch das künstlerische Medium des „Albums“ auf ewig veränderten – alles hinlänglich bekannte Popmusikgeschichte.

Nach der freilich von ebenso viel Mediengetöse wie vielen Fantränen begleiteten Trennung der Beatles und ohne die Inspiration durch den Austausch mit John Lennon fiel McCartney kurzzeitig in ein tiefes kreatives Loch, zog sich mitsamt seiner Familie in die schottische Einöde zurück – und besann sich ebendort, fernab des Glamours und Rockmusikzirkus‘, auf seine Wurzeln. Und siehe da – die Kreativität hielt schnell wieder Einzug. Im August 1971 gründete Paul die Band Wings. Mit an seiner Seite war seine erste Ehefrau Linda McCartney, mit der er seit 1969 – und bis zu ihrem Krebstod im Jahr 1998 – verheiratet war. Mit den Wings platzierte McCartney zahlreiche Hits wie „Jet“, „Silly Love Songs“ oder „Band On The Run„. Es war das erfolgreichste Projekt eines Ex-Beatles. Allen Post-Beatle’schen John Lennon-Evergreens wie „Imagine“, „Give Peace A Chance“ oder „Working Class Hero“ hatte Paul es – wenngleich im inoffiziellen Fernduell – schon wieder geschafft. Mit 12 Top-Ten-Singles in Großbritannien sowie 14 Top-Ten-Hits in den USA, von denen es fünf auf die Nummer 1 schafften, machte er die Band zu einer der ruhmreichsten der Siebzigerjahre. „Live And Let Die“, der Titelsong zum 1973er James Bond-Film gleichen Titels, wurde für einen Oscar nominiert. Und mit „Mull Of Kintyre“ setzte er im Jahr 1977 einen weiteren, einmal mehr sehr speziellen Meilenstein: Der Song war nicht nur in zahlreichen Ländern ein Nummer-1-Hit, sondern auch die erste Single, die sich in Großbritannien über zwei Millionen Mal verkaufte. Der schottisch-folkloristisch angehauchte Popsong überrundete sogar die Beatles-Hits in den europäischen Listen der ewigen Bestseller.

Nun wurde er also amtliche 80 Lenze jung. Aber: ist er es überhaupt noch? Eines der vielen Gerüchte, das sich hartnäckig seit Ende der Sechzigerjahre hält, behauptet, McCartney sei bei einem Verkehrsunfall tödlich verletzt und durch einen Doppelgänger ersetzt worden. Vertreter dieser passenderweise „Paul is dead“ betitelten These verweisen auf das Cover von „Abbey Road“: Paul ist darauf mit halbgeschlossenen Augen abgebildet, barfuß (in England werden Tote ohne Schuhe beerdigt) und trägt die Zigarette als Linkshänder in der rechten Hand. Andere Fans sahen beispielsweise im Cover des „Revolver“- und „St. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“-Albums weitere Hinweise auf den Tod des Beatles. Krude Verschwörungstheorien, die der totgeschriebene Musiker selbst in einem Interview wie so oft mit seinem typisch britischen Humor nahm: „Wenn ich tot wäre, wäre ich der erste, der es wissen würde“. Mit Lennon und Harrison hat sich jener McCartney-Doppelgänger – oder vielleicht doch Paul höchstselbst? – noch vor deren Tod (John Lennon fiel im Dezember 1980 einem Attentat zum Opfer, George Harrison starb im November 2001 an Lungenkrebs) versöhnt. Ringo Starr, der vor knapp zwei Jahren als erster und ältester der Beatles die Achtzig knacken durfte, bezeichnet ihn heute als einen seiner besten Freunde und „treuesten Menschen, den ich kenne“.

Im Jahr 2020 stellte der freilich längst mit zig Grammy Awards, Ehrendoktortiteln, einem Stern auf dem „Hollywood Walk of Fame“ sowie sonstigen Auszeichnungen dekorierte und 1997 von der Queen höchstpersönlich zum Ritter geschlagene Paul McCartney mit „McCartney III“ sein nunmehr 19. Soloalbum in die (heutzutage vornehmlich digitalen) Plattenläden, war unlängst der bislang älteste Headliner des altehrwürdigen Glastonbury-Festivals (und holte dort besondere Gäste auf die Bühne) und spielte mit seiner freilich exzellent eingespielten Band davor einige Konzerte auf großer „GOT BACK“-US-Tour. Dabei beschloss er seine Shows (oder zumindest das reguläre Set vor dem Zugabenblock) stets mit „Hey Jude“, einem der Lieder, welche die Beatles, sein Leben und die Musikgeschichte verändert haben. Und um dem Ganzen die Gänsehaut-Krone aufzusetzen, ließ er das Publikum statt seiner singen. Denn all die Melodien, all die Worte, die sich ein junger Mann aus der Liverpooler Arbeiterschicht vor langer, langer Zeit mit seinen Band-Buddies zusammensponn, um wenig später die Musikwelt für immer zu verändern, sind längst nicht mehr seine. Sie gehören uns allen. Auch aus diesem Grund: Thank you, Sir Macca, and a belated happy birthday. Let’s hope for quite a few more…

Wer mehr wissen mag, dem sei zudem die ebenso sehenswerte wie informative Arte-Doku „Paul McCartney – Eine Beatles-Legende“ (findet man etwa hier oder hier) empfohlen.

Rock and Roll.

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„Ein wahres Herz aus Gold“ – Andy Fletcher ist tot.


Foto: picture alliance / Pacific Press

Unter den Fans von Depeche Mode gab es einen Running Gag, und der ging so: „Was macht eigentlich Andy Fletcher?“ Gemeint war die Rolle, die das stille Mitglied der Band einnahm, wieviel er zum Sound der britischen Synthie-Pop-Pioniere beitrug, er, der bei hunderten von Songs, die in über vierzig Jahren entstanden sind, keinen einzigen Songwriting-Credit erhalten hatte. „Martin [Gore] ist der Songwriter, Alan [Wilder] ist der gute Musiker, Dave [Gahan] ist der Sänger und ich lungere herum“, hatte „Fletch“, wie ihn seine Freunde nannten, einmal halb scherzhaft, halb mit britischen Understatement seine Rolle beschrieben. Das war 1989 in der Filmdoku „101“ des Regisseurs D.A. Pennebaker, da waren Depeche Mode schon längst internationale Superstars.

Sänger Dave Gahan hatte irgendwann im Lauf der langen Karriere von Depeche Mode begonnen, seine Unsicherheit hinter der Fassade einer klischeehaft überzeichneten, harten Männlichkeit zu verbergen, inklusive L.A.-Rockstar-Tattoos sowie allerlei Alkohol- und Drogenexzessen. Martin Gore pflegte eine Zeitlang das Image des extrovertierten, genderfluiden Paradiesvogels, obwohl er im Grunde seines Herzens ein kleines, schüchternes Sensibelchen war (und wohl noch ist). Andy Fletcher war einfach er selbst, blieb auf der Bühne und bei Terminen in der Öffentlichkeit im Hintergrund, war aber für das psychologische Konstrukt Depeche Mode enorm wichtig, zwischen zwei anscheinend riesigen Egos hielt er die Band zusammen. Als Dave Gahan etwa im Jahr 2001 nach der Veröffentlichung des Albums „Exciter“ öffentlich erklärte, sich benachteiligt zu fühlen, weil er keine Songs für Depeche Mode schreiben dürfe und drohte, die Band zu verlassen, war es bezeichnenderweise Fletcher, der den Kompromiss aushandelte: In Zukunft würde Gahan zu den Alben der Band ein paar Songs beisteuern, aber Gore der Hauptsongwriter bleiben.

Andrew John Leonard „Fletch“ Fletcher wurde am 8. Juli 1961 in Nottingham, England, geboren. Ende der 1970er-Jahre gründete er zusammen mit seinem Schulfreund Vince Clarke in Basildon, Essex die kurzlebige Band No Romance, in der er den Bass spielte. Wenig später, 1980, stieß Martin L. Gore dazu, den Fletcher bereits seit Kindheitstagen kannte, das Trio nannte sich ab da Composition Of Sound – und alle drei Musiker spielten Synthesizer. Im selben Jahr stieß Dave Gahan als Sänger dazu, auf seinen Vorschlag hin benannte sich die Band in „Depeche Mode“ um – nach einem französischen Modemagazin. Anfangs wurden Depeche Mode in England als Teenie-Band belächelt, ihre Pionierleistungen für die elektronische Popmusik wurden (noch) nicht gewürdigt, innerhalb weniger Jahre aber wurden sie mit über 100 Millionen verkauften Platten zur größten Synthesizer-Pop-Band (wahlweise auch Synthie-Rock- New-Wave- oder Dark-Wave-Band) der Welt mit einer der loyalsten Fangemeinden, die „ihre Jungs“ bei Konzerten frenetisch feierte.

Vince Clarke ging, Alan Wilder kam und ging, Gahan wurde drogenabhängig und starb um ein Haar, Gore zog nach Kalifornien, alle beruhigten sich, ließen den Rockstar-Zirkus hinter sich und stießen Solo-Karrieren an, welche alle paar Jubeljahre durch ein neues Depeche Mode-Album (zuletzt „Spirit“ von 2017) oder eine Tournee unterbrochen wurden, und schienen sich – you may call it Altersmilde – immer besser zu verstehen. Obgleich die Karriere von Depeche Mode gut dokumentiert sein mag, blieb Andy Fletcher doch über all die Jahre ein kleines Rätsel, der ungleich unglamourösere Mann im Schatten.

Wohl auch deshalb galt „Fletch“ als der Gentleman unter den Depeche Mode-Mitgliedern, warmherzig, klug und ausgestattet mit (s)einem trockenen Humor. So amüsierte er sich darüber, dass Fans seinen Band-Freund Dave höflich als „Mister Gahan“ ansprachen, er (psycho-)analysierte in Off-the-record-Gesprächen seine Bandkollegen recht treffend und traf sich in Backstageräumen mit dem Flair von Umkleidekabinen mit alten Freund*innen, und anhand der Gespräche war zu erkennen, dass diese Freundschaften schon seit Jahrzehnten bestanden. Auch war Fletcher, der sich gern um die geschäftlichen Belange der Band kümmerte, oft genug derjenige, der deutliche Worte fand, während Gahan und Gore die Lage gern auch mal etwas schönredeten, wannimmer sie sich gerade mal nicht so gut verstanden. Die „Faith And Devotion“-Tournee 1993 sei für ihn „die Hölle“ gewesen, erzählte er einmal, und er wusste es nach dem Drogenentzug Gahans 1996 stets sehr zu schätzen, dass bei Depeche Mode so viel Verlässlichkeit, so etwas wie Berechenbarkeit, eingekehrt war. Trotzdem tat er gleich gar nicht so, als wäre dieses Trio ein reiner Kumpelverein: „Mit Dave rede ich eigentlich nur, wenn es um die Band geht. Das war von Anfang an so.“

Im Jahr 2002 gründete Fletcher, der hin und wieder auch als DJ in Erscheinung trat, das Label Toast Hawaii mit dem einzigen Zweck, die Musik des Synth-Pop-Duos Client zu veröffentlichen. Er hatte erkannt, dass die Musik von Katie Holmes und Sarah Blackwood den retromanischen Zeitgeist traf und vielleicht erinnerte ihn der Client-Mix aus Synth Pop, Electroclash und New Wave auch an seine eigenen musikalischen Wurzeln. Und auch hier wurde Fletchers Wesen sichtbar: So tauchte er einmal, während eines Interviews mit Client im Hotel Mariandl in München, wie aus dem Nichts auf und setzte sich an den Tisch neben den Interviewer, bei Auftritten des Duos „lungerte“ er im Publikum herum und strahlte eine Fürsorglichkeit aus wie ein Vater, der seinen Kindern beim Erwachsenwerden zusieht und von dem Gedanken daran gleichermaßen von Stolz erfüllt und von Angst getrieben wird.

Doch zurück zu seiner Stammband.

Als Dave Gahan begann, auch noch Songs zu schreiben, waren er und Martin L. Gore umso mehr der Dreh- und Angelpunkt von Depeche Mode – und doch brauchten sie Andy Fletcher. Denn es ist keineswegs entscheidend, dass dieser musikalisch vielleicht nicht so viel zum eigentlichen Songwriting beitrug – er war nicht nur ein Gründungsmitglied, sondern menschlich ein überaus essenzieller Teil der Band. Sie ist ohne ihn als ausgleichendes Element zwischen den beiden Alphatypen kaum vorstellbar, ohne seine Bescheidenheit und ironische Distanz zu all dem Wahnsinn, den das Superstardasein oft genug mit sich bringt.

„Meine Rolle in dieser Band ist es, im Hintergrund zu stehen“, erzählte er 2005. „Dave ist der Sänger, Martin ist der Songwriter. I’m the backroom boy. Mir ist klar, dass die beiden anderen den Fans wichtiger sind, sie sind die Helden. Ich bekomme nicht dieselbe Aufmerksamkeit. Das ist mein Schicksal. Da geht es mir wie Larry Mullen oder Adam Clayton, die ebenfalls immer im Schatten von Bono und The Edge stehen. Aber die Chemie der Band stimmt trotzdem nur, wenn alle Mitglieder zusammen sind.“

Und damit hat er absolut recht. Depeche Mode ohne hin? In vielerlei Hinsicht schlichtweg undenkbar.

Am 26. Mai ist Andy Fletcher im Alter von 60 Jahren gestorben. Zwei Drittel seines Lebens stellte er in den Dienst von Depeche Mode, die 2020 in die „Rock And Roll Hall Of Fame“ aufgenommen wurden. Er war – in diesem Geschäft auch eher eine Seltenheit – seit 31 Jahren mit derselben Frau zusammen und verheiratet, die beiden hatten zwei Kinder. Die Schlagzeilen überließ er, wie eben auch das Rampenlicht, lieber seinen Bandkumpanen, er landete in ebenjenen (den Schlagzeilen) zuletzt etwa im April dieses Jahres ganz unprätentiös mit der Meldung, dass er sich bei einem Fahrradunfall in Barcelona das Handgelenk gebrochen habe. „Oft kommt mir unsere Karriere wie ein Traum vor. Und ich habe Angst aufzuwachen und plötzlich einen ganz normalen Job machen zu müssen“, sagte er vor einigen Jahren. Darum muss er sich keine Sorgen mehr machen, denn jener Traum blieb bis zum Ende unantastbar. Und irgendwie muss man die kaum von der Hand zu weisende Ironie, dass sich Gevatter Tod – ganz ähnlich wie unlängst bei den Rolling Stones, wo ausgerechnet der ewig stille wie zurückhaltende Schlagzeuger Charlie Watts vor Lebemännern wie Keith Richards oder Mick Jagger die Bühne, die sich da „Leben“ nennt, verlassen musste – nun auch bei Depeche Mode den in vielerlei Hinsicht Nüchternsten der Band zuerst geholt hat, fast schon unweigerlich mit einem diabolisch-sarkastischen Grinsen betrachten. Mach’s gut, Andy Fletcher!

(Lesenswert ist auch dieser Nachruf auf „Zeit Online“)

(via Facebook)

Rock and Roll.

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Moment! Aufnahme.


(gefunden bei Facebook)

Grundsätzlich gilt ja: Vieles von dem, was Macca sagt, ist richtig. Denn man muss nicht erst alle kritische Betrachtung fahren lassen, um zu wissen, dass der Mann einerseits fast acht Jahrzehnte auf dem Buckel hat und andererseits eine waschechte beatle’eske Musiklegende par excellence ist. Heldenhuldigung? Japp, könnte sein. Und ist halt auch angebracht.

Und auch wenn obiger Schnappschuss bereits im März 2018 während eines Protestmarsches in New York City entstand (und McCartney damals auch an seinen 1980 durch Schusswaffengewalt verstorbenen Kumpel John Lennon erinnerte), ist der Slogan, welchen den britische Sir da als frommen Wunsch auf der Brust durch den Big Apple trägt, leider auch drei Jahre später so aktuell wie eh und je. Schusswaffen bringen höchst selten Gutes – ob nun im Krieg oder im Industrienationenalltag. Natürlich: Waffen selbst töten keine Menschen, Menschen töten Menschen. Und ein Verbot ist speziell in den US of A, in denen der Schusswaffenbesitz per se seit 1791 als Grundrecht gilt, ebenso wenig denkbar wie eine schärfere Reglementierung. Das bittere Fazit dürfte leider sein, dass – Attentate und Amokläufe hin, tausende unschuldige Tote pro Jahr her – eine Besserung kaum in Sicht ist. Da konnte selbst Lennons träumerischer Friedengesang bislang recht wenig gegen ausrichten…

Rock and Roll.

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Song des Tages: Enno Bunger – „Kein Mensch startet einen Krieg“


Foto: oh.sweebe

Der Hamburger Singer/Songwriter Enno Bunger lässt mal wieder etwas von sich hören und veröffentlicht mit „Kein Mensch startet einen Krieg“ den ersten neuen Song seit dem Herbst des vergangenen Jahres.

„Wenn jede Hand ’ne andere hält

Macht keine, dass ’ne Bombe fällt

Und kein Mensch startet einen Krieg…“

Anhand von Refrainzeilen wie diesen, aber im Grunde bereits angesichts des Titels ist das Thema klar: Hey, ihr Soldaten, und auch ihr Mächtigen, ihr Machtgeilen, ihr vor Paranoia schon ganz aufgedunsenen Staatschefs – lasst das mit euren Schwanzvergleichskriegen, die sind scheiße, führen zu nichts Gutem und töten man Ende vor allem die Falschen, die Schutzlosen: die Zivilisten! Ein wenig zu viel Kindersprech? Passt schon, denn durch deren Augen singt der 35-jährige Liedermacher das knapp dreiminütige Stück – und erinnert damit ein wenig an Udo Lindenbergs 1981 erschienene Anti-Kriegs-Hmyne „Wozu sind Kriege da„. Diese mag zwar bereits vier Jahrzehnte auch dem Buckel haben, dafür jedoch – leider, leider – einmal mehr aktueller denn je sein. Und zum Glück deckt Bunger, der aktuell am Nachfolger zum 2019 erschienenen Album „Was berührt, das bleibt.“ arbeitet, sein Stück nicht mit pathetischen Streichern zu, sondern lässt seine erfrischend emphatischen Zeilen zu simpler Klavierbegleitung wirken. Ein leiser Song in einer lauten Welt, bei dem es lohnt, genau hinzuhören…

Es fällt ihm schwer zu glauben

Die Bilder nicht vor Augen

Denn solche Filme darf er noch nicht sehen

Er wartet auf die Pause

Und sie will nur nach Hause

Noch einmal so, als wäre nichts geschehen…“

Rock and Roll.

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