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Das Album der Woche


Death Cab For Cutie – Asphalt Meadows (2022)

-erschienen bei Atlantic/Warner-

Die Karriere der US-Indie-Rocker Death Cab For Cutie verlief seit der Bandengründung Mitte der Neunziger so konstant und beschaulich wie nur wenig anderes. Öffentlichkeitswirksame Skandale, zertrümmerte Hotelzimmer oder wilde Drogenabstürze? Wer solch heißen Gossip-Shit aus tausendundein Nächten voll von Sex, Drugs und Rock’n’Roll suchte, der musste in den letzten 25 Jahren woanders klopfen. Bei dem Quintett aus Bellingham, Washington geht es seit jeher so solide zu wie in einem mittelständisch-kleinstädtischen Handwerksbetrieb: Alle drei bis vier Jahre stellt die Truppe um Frontmann Benjamin Gibbard verlässlich eine neue Platte in die Regale, die zwar selten den Status eines Meisterwerks innehat, aber ebenso verlässlich schöne, herbstlich-feierliche Musik liefert, irgendwo an der Grenze zwischen Indie Pop, Emo (freilich frei von Kajal und Weltschmerz-Weinerlichkeit) und College Rock der frühen Nullerjahre. Natürlich mögen Großwerke wie „Transatlanticism“ oder „Plans“ bald zwanzig Jahre zurückliegen, doch anstatt an immer neuen Sentimentalitätsaufgüssen altbewährter Erfolgsformeln zu scheitern, such(t)en Death Cab For Cutie ihr Heil stets in der sanften Kurskorrekturen: So wurden in der Vergangenheit beispielsweise Prog- und Post-Rock-Anflüge eingeflochten oder auch mal Electronica-Sperenzchen integriert. Dass all das nicht immer von künstlerischen Erfolgen gekrönt war, vor allem zuletzt auf Langspiellänge mitunter etwas dröge geriet und das jüngste, 2018 erschienene Werk „Thank You For Today“ seine Beschaulichkeit bereits im Titel vor sich her trug? Geschenkt. Das Werkeln an der nach obenhin offenen Gigantomanie-Skala überließen Gibbard und Co. schon immer den U2s, Muse’ses und Tools da draußen. Umso erstaunter darf man beim Lauschen von „Asphalt Meadows„, dem nunmehr zehnten Studioalbum der Band, feststellen, dass sich selbiges um einiges häufiger in handfester ROCK-Musik erprobt – und die Großbuchstaben sind hier kein Versehen. Klare Sache: So dringlich, so offensiv und stringent klangen Death Cab For Cutie schon seit vielen Jahren nicht mehr. Und das hat durchaus seine Gründe…

Den ersten davon lässt bereits das im Albumtitel enthaltene Oxymoron erahnen: Asphalt und Wiesen, deren Kontrast offenlegt, wie selten sich in unser aller heutigen Lebenswirklichkeit Moderne und Fortschritt mit Naturpflege und sattem Grün vereinen lassen. Ben Gibbard hatte in den Lockdowns der (hoffentlich) zurückliegenden Corona-Pandemie, welche er sich unter anderem mit regelmäßigen Livestreams vertrieb, einige Zeit zum Grübeln – und zum Sorgenmachen über den Weg, welche die Menschheit mitsamt von Klimakrisen, Kriegen, oder tumben Clowns in Führungsämtern eingeschlagen hat. Kein Wunder also, dass dem 46-jährigen Musiker, seit eh und je politisch interessiert und karitativ umtriebig, für die neusten Songs seiner Haupt- und Herzensband alles andere als nach betulicher Danke-und-Shangri-La-Gemütlichkeit war. Der zweite Grund ist in der Bandhistorie zu finden: Gab Ben Gibbard nach dem 2014er Abgang von Gitarrist und Gründungsmitglied Chris Walla (der zudem auch noch für die Albumproduktionen hinter den Reglern saß) noch vor einiger Zeit zu Protokoll, dass die gesamte Zukunft der Band auf seinen Schultern laste, zeigt nicht zuletzt der Blick in die aktuellen Songwriting-Credits, dass die neue Besetzung, zu der neben Bassist Nick Harmer und Schlagzeuger Jason McGerr nun auch Gitarrist Dave Depper und Keyboarder Zac Rae fest dazu stießen, endlich zusammengewachsen ist – jeder bringt Ideen in die Stücke ein, jeder hat seinen festen Platz im kreativen Entstehungsprozess. Durchaus verständlich, dass diese basisdemokratische Bandchemie dem ohnehin nie überaus extrovertiert auftretenden Gibbard die deutlich liebere ist.

Dennoch besteht so die Gefahr, dass zu viele Songschreiberköche die akustischen Endprodukte verderben – was jedoch im Fall der elf Songs von „Asphalt Medows“ nie passiert. Ganz im Gegenteil, wie bereits der vorab veröffentlichte Zweiminüter „Roman Candles“, ein Song über die existenzielle Angst auf einem sterbenden Planeten, unter Beweis stellt: Die Melodie geht runter wie selbstgemachter Zitroneneistee am wärmsten Tag des Jahres, während die Gitarren sirenenhaft aufheulen und das Schlagzeug einen dezenten, an The National gemahnenden Bryan-Devendorf-Vibe versprüht. Da hört her – Death Cab For Cutie wissen endlich wieder zu irritieren und faszinieren! Natürlich rocken Gibbard, Harmer, McGerr, Depper und Rae auch 2022 nicht breitbeinig und mit üblen Klischee-Posen – nein, diese neue Dynamik, zu der nicht nur ein gleichberechtigter Songwriting-Prozess innerhalb der Band, sondern auch Produzent John Congleton beitrug, wird fein säuberlich in den bestehenden Bandsound integriert. So beginnt etwa das famose „Foxglove Through The Clearcut“ mit einem Spoken-Word-Intro und entwickelt seine schimmernde Post-Rock-Aura im Laufe der fünf Minuten Spielzeit: kristallklare Gitarren bilden die shoegazende Grundlage, auf der Schlagzeug und Bass ein spannendes Rhythmusgebäude errichten, während Gibbard einen Naturbeobachter die Misere der Menschheit schmerzlich pointiert darlegen lässt und dafür in den Strophen sogar auf Gesangsmelodien verzichtet. Hier, fernab von den glossy Gitarren und den weiten Hallräumen des Vorgängeralbums, klingen Death Cab For Cutie wie eine US-Westküstenband der späten Neunzigerjahre, welche die Sollbruchstelle von Post-, Math- und Experimental-Rock zu bestimmen versucht. „Here To Forever“ findet seine Inspiration noch mal ein Jahrzehnt davor, denn insbesondere in den Synthie-Schlieren, die sich auf markante Art durch die Nummer ziehen, scheinen die besseren Seiten der Achtziger ihren Widerhall zu finden.

Zwischen all diesen stilistischen Kurswechseln und Sprüngen in vergangene Dekaden haben sich aber auch die „klassischen“ Death-Cab-For-Cutie-Hits gemischt, jene Songs also, die man nur zu gerne auf Mixtapes packen beziehungsweise in Playlists schieben möchte, am besten irgendwo zwischen Nada Surf, Teenage Fanclub und The Dismemberment Plan (man denke nur an den wohl ewig unübertroffenen Balladengeniestreich „I Will Follow You Into The Dark„!). „Pepper“ kommt in der Folge eher als akustisches Intermezzo daher, ein perlender Gitarrenpop-Song mit netter Hook, der so süßlich den letzten Kuss seines Gegenübers einfordert, dass man diesem Aufruf öfter als nötig Folge leisten möchte. Die behutsamen Tontupfer des geschmeidig fließenden potentiellen Herzstücks der der Platte, „Fragments From The Decade“, lullen in Prefab Sprout-Style ein. Das sagenhaft verträumte Teil platziert sich weit hinten als Highlight in der Tracklist und endet nach sphärischen Keyboard-Fantasien in einer Geräusch-Kaskade, die so klingt, als drehe man Tastenmann Zac Rae den Saft ab. Sicherlich wird eine Band anno 2022 mit derlei Kompositionen von ach so edgy Popkultur-Feuilletonisten und jedem noch so beschissenen Trend nachjagenden Pitchfork-Jüngern nicht über den immergrünen Hype-Klee gefeiert – auch dies ist eine Konstante in der Karriere dieses so sympathisch unscheinbaren – und deswegen umso näher ans Hörerherz reichenden – Quintetts. Doch wenn sich Death Cab For Cutie im finalen „I’ll Never Give Up On You“ die Klaviermelodie von Radiohead leihen, wenn gleich im Albumeinstieg „I Don’t Know How I Survive“ synkopische Keys-Hüpfer und rhythmische Betriebsamkeit mit Electro-Verzierungen eine aufgedrehte Melodrama-Hook untermalen, wenn sich in der vorwärts hoppelnden Hitsingle „Here To Forever“ Bass und Schlagzeug ein Wettrennen um die Aufmerksamkeit des Hörers liefern und der Titelsong eine extragroße Portion Melancholie versprüht, dann weiß man, dass man hier richtig ist. Bei den netten, gar nicht mehr so jungen Jungs von nebenan, die selbst mit den einfachsten Mitteln, mit ihrem bittersüßen Pathos, mit ihrem konzisen Songwriting, das an den richtigen Stellen die richtigen Signale sendet, immer noch begeistern können. Musik wie ein Nachausekommen.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Noah Cyrus & Benjamin Gibbard – „Every Beginning Ends“


Noah Cyrus und Benjamin Gibbard – das ist durchaus eine Paarung, welche man – selbst mit weniger Fantasie – so nicht unbedingt erwartet haben dürfte. Und dennoch haben sich Miley Cyrus‘ jüngere Schwester (von der bereits 2019 auf ANEWFRIEND die Schreibe war) und der Death Cab For Cutie-Frontmann für einen gemeinsamen Song zusammengetan.

„Every Beginning Ends“, die neueste Single aus Noah Cyrus‘ im September erscheinendem Debütalbum „The Hardest Part“ (das interessanterweise am selben Tag wie „Asphalt Meadows„, das neue Album von Death Cab For Cutie, veröffentlicht wird), wurde in Gibbards Studio in Seattle aufgenommen und ist eine reduziert-sanfte, mit Pedal Steel unterlegte Akustikballade, die das jähe Ende einer romantischen Beziehung dokumentiert. “You have to wake up every morning and choose to love someone“, singen Cyrus und Gibbard im Duett, nur um daraufhin gleich die bittere Kehrseite dieses löblichen Mottos zu liefern: „But I’m finding that harder the more that I’m falling out of love with you“. Heraus kommt ein zu Herzen gehender Call-and-Response-Tearjerker, der ebenso an diverse Alt.Country-Troubadoure denken lässt wie an den DCfC-Evergreen „I Will Follow You Into The Dark„.

Gegenüber dem „Rolling Stone“ lässt Noah Cyrus wissen, dass die Zusammenarbeit mit Gibbard (der mit 24 Jahren Altersunterschied glatt ihr Vater sein könnte) recht organisch verlief: „Das war so eine surreale Erfahrung! Ich war schon immer ein großer Fan von ihm, also war es im ersten Moment recht erfurchteinflößend, mit ihm in einem Raum zu sein. Aber als wir dann mit der Arbeit anfingen, fand sich alles ganz natürlich zusammen. Wir sprachen über vergangene Beziehungen, gescheiterte Beziehungen, die Beziehungen unserer Eltern und über Beziehungen, die ewig gehalten haben. Er erzählte mir, dass sein Vater ein Sprichwort hat: ‚Du musst jeden Tag aufwachen und dich dafür entscheiden, jemanden zu lieben‘, und das war der Auslöser für diesen Song über das nahende Ende einer Beziehung und den Widerwillen, zuzugeben, dass etwas seinen Lauf genommen hat. Ich kann das in vielerlei Hinsicht nachvollziehen, nicht nur bei mir, sondern auch in Hinblick auf die Beziehung meiner Eltern. Das Schreiben darüber hat mir mehr Verständnis gebracht.“

In seinem eigenen Kommentar gegenüber dem „Rolling Stone“ ist auch Benjamin Gibbard voll des Lobes und verglich die 22-jährige Cyrus etwa mit seiner Freundin und Musiker-Kollegin Jenny Lewis: „Ich bin immer wieder darauf zurückgekommen und habe mich einfach in ihrem Talent gesonnt. Es ist leicht, geheimnisvoll zu sein. Es ist leicht, unnahbar zu sein. Es ist leicht, cool zu sein. Doch es ist so viel schwieriger, ernsthaft zu sein, und sie [Noah Cyrus] gibt in vielen ihrer Songs einiges von sich Preis.“

„You went to sleep without saying you love me
I guess I thought you already knew
You′ve been so cold and far from me, darling
Someone’s at fault but I′m not blaming you

I can’t remember the last time you touched me
I can’t recall you making the move
Doesn′t seem all that long ago, darling
We′d go a whole weekend and not leave our room

You have to wake up every morning
And choose to love someone
But I’m finding that harder the more that I′m falling out of love with you

You used to kiss me without a reason
No one’s made me laugh like you do
We had some good times, didn′t we, honey?
But now, every beginning has ended with you

You have to wake up every morning
And choose to love someone
But I’m finding that harder the more that I′m falling out of love with you

That I’m falling out of love with you“

Rock and Roll.

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