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Song des Tages: BirdPen – „Function“


Nach gut vier Jahren Sendepause melden sich Mike Bird und Dave Pen alias BirdPen im März mit ihrem neuen Album „All Funktion One“ zurück. Bereits im vergangenen November ließ das englische Alternative-Electronic-Rock-Duo mit dem Albumopener „Function“ eine erste Kostprobe aus dem kommenden sechsten Langspieler hören, welche sich mit Themen wie Isolation und unserer Verletzlichkeit beschäftigt, die sich in diesen Tagen besonders deutlich zeigt. Der Song wurde in der Zeit des ersten Auftretens von Covid-19 geschrieben und gewann durch die nachfolgenden Entwicklungen an Relevanz.

Stilistisch stehen hier einmal mehr die großen TripHop-Prog-Rocker Archive Pate – nicht ganz zufällig übrigens, immerhin ist Dave Pen einer von deren Gitarristen und Stimmen. Der Song eröffnet getragen und sphärisch, bevor er mithilfe eines treibenden Mittelteils an Fahrt gewinnt. Cinematische Flächen bieten den Boden für einen beinahe technoiden Motorik-Beat, welcher von einer melancholischen Violine unterstützt wird. „What is real?“, eine Frage, die uns im Refrain gestellt wird, bleibt hier unbeantwortet. Wir alle schweben in unsicheren Zeiten, in denen mediale Dauerberieselung und eine Pandemie wohl nur die Spitze eines gigantischen Eisbergs sind – Aldous Huxley lässt lieb grüßen. „Function“ drückt dieses Gefühl, ähnlich wie auch die zweite Single „Invisible„, in einer melancholisch-ruhigen Klanglandschaft aus, die so beruhigend wie nachdenklich wirkt. Die Band über das dazugehörige Musikvideo: „It is a simple yet reflective portrayal of 2020. We asked our fans to send in short clips of themselves. They could smile, laugh, cry or just stare and do nothing. During the many lockdowns across the planet people have had to live an almost virtual live in many ways. This video brings together our fans to celebrate our brand new single release and new album announcement.

Den narrativen Rahmen des am 5. März erscheinenden neuen Albums, das in einem Zeitgeist aus Isolation, digitaler Traurigkeit, Einsamkeit, Deep Fakes, Paranoia und dem modernen Leben im Cyberspace entstand und somit tief in diesem verwurzelt ist, erklären Mike Bird und Dave Pen wie folgt: „There was a story about a man who didn’t leave his home for years, built a silver room with no electrical appliances or telephones etc, to keep out the radiation. It was really inspiring but also quite tragic. It helped build a kind of narrative to the album. Switching off from everything almost feels like an impossible thing to do these days. Modern Junk continually drip feeds into us all. The album follows these kinds of themes and also about living in a designed life but it being cold, fake and faceless. About people feeling lost and invisible. We are all so vulnerable, as has been proven this year, but yet we all strive to continue with our modern lives under many different cooperate gods. Together we try and ‚All Function One‘.“

Rock and Roll.

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Zu kurz gekommen – Teil 13


Archive – You All Look The Same To Me (2002)

You_All_Look_the_Same_to_Me-erschienen bei Hangman/Eastwest/Warner-

Es gibt Bands, die begleiten einen bereits schon so lang, dass man sich kaum an eine Zeit erinnern kann, als sie mal nicht da waren. Gut, in meinem musikverrückten Fall dürfte es dabei wohl um eine ganze Riege an Gruppen, Künstlern und Alben handeln, die irgendwie schon immer da gewesen zu sein scheinen. (Off topic: Ich habe kürzlich von einer Studie gelesen, anhand derer findige Lehrgesellen belegen möchten, dass man *hust* „im Alter keine“ – oder, vielleicht besser: kaum noch – „neue Musik hört“. Und obwohl ich mir durchaus stets einen Resthunger auf Neues und Interessantes erhalte, so muss ich zugeben: Stimmt.) Eine dieser Bands ist definitiv Archive.

Archive 2

Und das aus London stammende Kollektiv um die beiden Kreativköpfe Danny Griffiths und Darius Keeler hat freilich auch schon einige Lenze auf dem Bandbuckel. Mehr sogar: Seit der Bandgründung im Jahr 1994 haben Archive wohlmöglich ein ganzes Genre überlebt. Denn während man die ersten beiden Alben, „Londinium“ (1996) und „Take My Head“ (1999), noch ganz klar im TripHop-meets-Electronica-Fahrwasser von Massive Attack vermuten konnte, sollte sich um die Jahrtausendwende vieles bei Archive ändern. Das „Cool Britannia“ der Neunziger lang in einem anderen Jahrzehnt, und wohlmöglich stellte sich das Kernduo Griffiths-Keeler für die Zukunft der Band etwas anderes vor, als immer nur den Sound des „großen Bruders“ aus Bristol, in welchem sich mal gefällig, mal bedrohlich anmutende Electronica-Klänge mit echtem Bandsound aus GitarreSchlagzeugBass vermengten, um dann mit – vornehmlich weiblichem – Gesang unterlegt zu werden, für sich zu adaptieren. Also taten sich Archive mit dem Sänger Craig Walker – ehemaliger Frontmann der mäßig erfolgreichen irischen Poprocker Power Of Dreams – zusammen, banden ihn fest ins Bandkonzept ein – und schufen „You All Look The Same To Me„.

archiveMan muss auch gar nicht lang suchen, um den ersten prägnanten Unterschied zwischen Album Nummer drei und seinen beiden Vorgängern auszumachen, denn bereits der Opener „Again“ nimmt sich satte sechzehnenhalb (!) Minuten Zeit und Raum. So weit, so oberflächlich die ersten Fakten. Und auch klanglich hat all das nur noch entfernt mit dem kühlen TripHop der Neunziger zu tun. Eine Akustische leitet sanft ein, bald schon gesellen sich eine wehmütige Mundharmonika hinzu, dann eine warm vibrierende Hammondorgel. Und auch der von Walker gesungene Text verheißt Innerliches: „You’re tearing me apart / Crushing me inside / You used to lift me up / Now you get me down“. Herzschmerz statt Vertonung von Metropolenfassaden? Scheint ganz so. Griffiths und Keeler nehmen sich zwar reichlich Zeit, den neuen Bandsound einleitend vorzustellen (Hut ab allein dafür!), doch famoser könnte der Einstieg in „You All Look The Same To Me“ wohl kaum sein – „Again“ ist ein Statement an Breitwand und Tüftelei, an Intensität und Freigeist, der sich Ruhepausen und Ausbrüche gönnt, Wirren und Flirren, Schmerz, Katharsis und ein klein Bisschen Erlösung. Wer erst einmal über diese Schwelle gestiegen ist, den zieht Archives drittes Werk immer tiefer in seine Eingeweide der Nacht. So ist „Numb“ die gelungene Symbiose aus hitzigen TripHop-Beats und derben E-Gitarren, „Meon“ der süße Hilferuf nach Liebe in Cinemascope („Does anybody want to take me home?“), „Goodbye“ und „Now And Then“ melancholische Blinklichter an Vergangenes, die auf das zweite ausladende Highlight hinfiebern lassen: „Finding It So Hard“. Denn auch bei diesem (über)langen Fünfzehnminüter astgabeln sich Vergangenheit und Zukunft von Archive, lassen einen feurige TripHop-Bausteine die Arme tanzend und taumelnd in die Luft werfen, während Synthie-Orgeln windschief ihre Bahnen ziehen, die Bässe pumpen und Gitarren nach gut zehn Minuten für ordentlich Feedback sorgen. „Fool“ ist da textlich nur ein weiterer Versatzstein im Abgesang an die Liebe („It’s never sure / It’s never pure / It always hurts“), während die Mundharmonika des Auftaktsongs ihre Rückkehr feiert und Craig Walker und Maria Q, der bereits das kurze „Now And Then“ gehörte, erneut beweisen, wie gut ihre Stimmen miteinander harmonisieren. Einen bösen Schalk hat auch das pianogetrangene „Hate“ im Nacken („I hate your face right now / I can’t stand a sight of you / So please / Leave me alone / I thought you were a friend / But you’ve ruined my tale again / So please / Just go away /…/ Don’t believe a word I say“), bevor „Need“ lieblich und folkloristisch wie anno dazumal eine Pilzkopf-Kombo ums Eck biegt. Und „Absurd“ verpackt seine zehn mal mehr, mal weniger langen Vorgänger in watteweiche Wolken, um ins Morgengrau zu verschwinden.

In den Jahren darauf sollten Archive diesen eingeschlagenen musikalischen Weg noch verfeinern, sollten noch mehr Bandsound-Organik auf ihre Platten und in ihre Bühnenauftritte mit einbinden, sollten sich von persönlichen Songinhalten immer mehr hin zu subtiler gesellschaftlicher Kritik wandeln. Dem Konzept der mehr oder minder festen Gastsänger sind Danny Griffiths und Darius Keeler freilich, obwohl Craig Walker längst nicht mehr mit an Bord ist, weiter treu geblieben. So hat man sich auch nach nunmehr zehn Alben – die letzte, „Restriction„, erschien im Januar diesen Jahres – eine gewisse Spannung bewahrt, ohne jedoch Trademarks einzubüßen. Hat Soundtracks aufgenommen (etwa den zum französischen Rennfahr-Film „Michel Vaillant“) oder gar die Filme zu fiktiven Scores selbst produziert („Axiom“ aus dem vergangenen Jahr) – was böte sich bei einer Band wie dieser den mehr an? Natürlich finden sich auf den Nachfolgern zum dritten Album die bekannteren, die *hust* schmissigeren Songs (etwa „Fuck U“ oder „Bullets„), aber „You All Look The Same To Me“ wird auf ewig das Werk bleiben, auf dem Archive zu dem wurden, was sie (bis) heute sind: ein spannendes Kollektiv mit mehr als zwanzigjähriger Historie, bei dem nicht selten bis zu 15 Personen hinter Studiotüren oder auf den Bühnenbretter mitmischen. Eine Band, die, wie so oft, wenn es um Anspruch geht, die größte Fanschar in frankophilen Ländern (Frankreich, Schweiz, Belgien) auf sich vereinen kann. Eine Band, die den TripHop hinter sich gelassen hat, um sich eine eigene kleine Nische zu schaffen, und noch lange nicht am Ende angekommen zu sein scheint – trotz den 13 Jahren, die mich „You All Look The Same To Me“ nun schon begleitet. Ein Meisterwerk, gefühlt.

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Rock and Roll.

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