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Mein Senf: iBono und der graue Tim Cook – Win-Win in Nacht und Nebel


U2-Frontmann Bono und Steve "Apple" Jobs, 2004 (Foto: AP Photo/Paul Sakuma)

U2-Frontmann Bono und Steve „Apple“ Jobs, 2004 (Foto: AP Photo/Paul Sakuma)

Neues iPhone? Check! Wieder eins? Welches jetzt? Nummer sechs? Okay… skip. Eine Apple Uhr? Gab’s noch nicht? Okay… skip. *gähn*

Eigentlich hätte die – freilich mit „Keynote“ ganz marktspezifisch wichtig betitelte – Apple-Neuerungenpräsentation in der Firmenzentrale im kalifornischen Cupertino am vergangenen Dienstag recht beschaulich verlaufen können. Doch der Elektronikkonzern hat ein – nein: gleich mehrere – handfeste Problemchen. Denn zum einen ist ihnen in all den Jahren seit der Präsentation des ersten iPhones (manch einer mag sich erinnern: es war 2007) die Konkurrenz mächtig auf die Pelle gerückt, hat Apple gar ohne einzuholen überholt (um hier einmal Walther Ulbricht in kapitalistische Gefilde zu führen). Zum anderen ist Firmenchef Tim Cook schlicht und ergreifend nicht Steve Jobs und besitzt weder dessen charismatischen Gestus noch dessen ebenso überzeugend-ruhige Vortragsweise – der übermächtige Firmenvater wird seit seinem Tod im Oktober 2011 nach wie vor an allen Ecken und Enden des Äpfelchens mit Anbiss vermisst…

Und doch wird ausgerechnet jene „Keynote“-Veranstaltung vom 9. September 2014 in die Geschichte eingehen. Nur lag das weder am ach so neuen und ach so innovativen „iPhone 6“ (sieht aus wie immer, kommt in drei Größen) noch an der „Apple Watch“ (auch im Grunde nix Neues – den „iPod nano“ konnte man sich mit Halterung auch schon ums Handgelenk schnallen). Nein, denn Apple-CEO hatte sich Gäste auf die Bühne eingeladen, von denen bereits im Vorfeld gemunkelt wurde: U2 (die „New York Times“ etwas orakelte verschwörerisch von einer „signifikanten Rolle“, die die Band speilen würde). Nur fragte sich darauf logischerweise gleich jeder, was ihre Rolle sein würde… Nachdem die vier irischen Stadionrocker die neue Single „The Miracle (Of Joey Ramone)“ (erstes Urteil: der Punkrock bleibt im Namen hängen, der Rest sind vier U2-typische Minuten „Ohoho“-Pathos und Mitklatschrock der angenehm vorbei rauschenden Sorte) präsentiert haben, lässt Apples unscheinbare graue Eminenz Tim Cook mit der Ankündigung von „one more thing“ die Bombe platzen: Was wäre, wenn in diesen Minuten der „größte Albumlaunch aller Zeiten“ starten würde? Was wäre, wenn Apple seinen knapp 500 Millionen iTunes-Nutzern just in dieser Minute das lang angekündigte und mehrfach verschobene neue U2-Album – das 13. und erste seit 2009 – in die Mediathek packen würde – ungefragt und komplett kostenfrei? Ein kleiner Scherz in Ehren? Mitnichten! Denn bereits wenige Augenblicke später glotzen einen – ob man’s will oder nicht – elf „Songs Of Innocence“ betitelte neue U2-Stücke aus der eigenen Mediathek an, für dessen unverbindlichen Hörgenuss man nur eben auf „Laden“ klicken muss…

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Band-Vorsteher Bono lässt dem Nacht-und-Nebel-Release die gewohnt pathetischen Worte folgen:

„Es ist Edge, Adam, Larry und mir eine Ehre, Euch nun verkünden können, dass unser neustes Baby geboren ist… Songs of Innocence. Es hat ganz schön lange gedauert. Wir haben es erst letzte Woche fertiggestellt und mit der Hilfe von Apple und iTunes können wir es Euch schon heute vorstellen. Das ist wirklich unglaublich, denn normalerweise braucht es einfach mehr Zeit für eine Veröffentlichung. Es war immer schon Teil der Band-DNA, dass wir unsere Musik so vielen Menschen wie möglich präsentieren wollen. – In den nächsten 24 Stunden werden mehr als 500 Millionen Menschen gleichzeitig die Möglichkeit haben, „Songs Of Innocence“ zu hören. Menschen, die bisher noch nie von uns gehört haben oder sich bisher nicht für uns interessierten, könnten uns zum ersten Mal spielen, nur weil wir in ihrer Playlist auftauchen.

Zum zehnjährigen Jubiläum unseres ersten iPod-Werbespots hat Apple entschieden, unser neues Album kostenlos allen Musikfans zur Verfügung zu stellen. Es ist kostenfreie, aber trotzdem bezahlte Musik. Denn wir glauben, wenn kein Mensch für Musik bezahlt, kann Musik nicht wirklich „frei“ sein. Letztendlich würden sowohl die Künstler als auch die künstlerische Form darunter leiden – was zu großen Schwierigkeiten für zukünftige Künstler und ihre Musik führen würde.

Wir haben uns entschlossen, mit Apple über die nächsten Jahre an einigem coolen Material zu arbeiten – Innovationen, die vielleicht die Art, wie wir Musik hören und betrachten, verändern könnten. Wir werden Euch auch darüber auf dem Laufenden halten. Wenn Euch „Songs Of Innocence“ gefällt, dann bleibt uns auch mit „Songs Of Experience“ gewogen. Es könnte schon bald fertig sein…auch wenn ich diese Worte sicher schon viel zu oft gesagt habe.

Ich hoffe, dass ihr nach mehrmaligem Hören des neuen Albums verstehen werdet, warum wir so lange daran gearbeitet haben. Es ist wirklich ein sehr persönliches Album geworden.

There is no end to LOVE.

BONO“

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Da stellt man sich berechtigterweise die Frage: Was soll das Ganze? Und: wem nützt die Aktion, wem schadet sie vielleicht sogar? Nun, im Grunde dürfen sich sowohl Apple als auch U2 als Nutznießer der vermeintlichen Verschenküberraschung betrachten. Denn während Tim Cook und sein Apfel-Unternehmen etwas vom massenkompatiblen Stadion-Rock’n’Roll-Glanz der Iren-Rocker erhaschen und ganz nebenbei noch auf iTunes und Beats Music, ihren Download-Store beziehungsweise Streaming-Dienst im ebenfalls höchst umkämpften Bezahlmusik- und Musikstream-Sektor, aufmerksam machen können, können sich Bono, The Edge, Adam Clayton und Larry Mullen jr. nun als großzügige Gönner und innovative Vordenker feiern lassen (wobei verschwiegen wird, dass Beyoncé ihr letztes, selbstbetiteltes Album im Winter 2013 in einer ähnlichen Nacht-und-Nebel-Aktion via iTunes – wenn auch nicht kostenlos – feilbot und sich U2 die Aktion freilich mit einer „Summe X“ von Apple vergüten ließen). Dennoch ist gerade diese Aktion – allein schon aufgrund ihrer Unbemitteltheit – als Erfolg für beide Lager zu werten. Denn mal ehrlich: Ohne diesen Paukenschlag würde es selbst dem treusten Apple-Fanboy schwer fallen, sich an die „Keynote“ vom 9. September zu erinnern. Bono und Co. für ihren Teil machen sich ein weiteres Stückweit unabhängiger von eben jenen Musikmarktmechanismen, die sie mit geschätzten 170 Millionen verkauften Tonträgern sowieso längst überragen, bieten allen Fans und interessierten, potentiellen Neuhörern ihre elf neuen Songs, an denen sie über Jahre mit einem namenhaften Produzenten-Fünftergespann aus Danger Mouse, Declan Gaffney, Paul Epworth, Ryan Tedder und Flood gearbeitet haben, zum kostenlosen – natürlich exklusiv „iTunes-only“ – Download an, bevor das Album am 13. Oktober regulär in die Läden kommt – für die treuen Fans als CD, LP und superexklusive Deluxe Limited Supersonderedition mit Bonus Tracks, Alternativen Takes, Liveversionen und sonstigem Pi-Pa-Po, freilich. Wie die Songs am Ende klingen gerät da schon zur Marginalie, obwohl sich „Songs Of Innocence“ in Gänze auch vor anderen Glanzlichtern im jüngeren U2-Backkatalog (etwa dem 14 Jahre zurückliegenden „All That You Can’t Leave Behind“) nicht verstecken muss, nach wie vor die „U2-typischen“ Zutaten – den mit Pathos aufgeladenen Gesang, den ebenso zeitlosen wie absolut zeitgemäßen Anstrich, den Mut zum Experiment im Kleinen, die charakteristischen The Edge-Dengel-Gitarrenspuren – und nach einmaligem Hören sogar den ein oder anderen Ohrwurm vorweisen kann (wie „Iris (Hold Me Now)“, das Sänger Bono seiner vor vielen Jahren verstorbenen Mutter widmet, dem drängend-spröden „Raised By Wolves“ oder den Rausschmeißer „The Troubles“, für das sich U2 keine Geringere als Lykke „I Follow Rivers“ Li zum Duett ins Studio luden) – wer mehr erfahren mag, für den haben die Kollegen des deutschen „Rolling Stone“ natürlich eine eiligst zusammen geschusterte „Track-By-Track“-Review parat, während einzelne Redakteure des „Musikexpress“ die elf neuen Songs als willkommenen Anlass nehmen, den Rockmusikern von der „grünen Insel“ ihren stadiontauglichen Massenpathos vor die Haustür gallenklebrig zu brechen (den Verriss gibt’s dann hier). Es bleibt dabei: Wer U2 bislang etwas abgewinnen konnte, der wird auch auf „Songs Of Innocence“ den ein oder anderen neuen Favoriten finden, wer die Band schon immer als Anlass für die gepflegte Magenentleerung in den nächsten Mülleimer nahm, der wird auch im 39. U2-Bandjahr einen weiten Bogen um Bono und Co. machen. Nur sollte man nicht vergessen, dass es vielen Kollegen von U2 – in finanzieller Hinsicht – ungleich weniger gut geht, alsdass man das neuste Album mal eben – hochdotiert von einem führenden Elektronikkonzern vergütet, natürlich – gönnerisch unters Hörervolk könne. Denn auf der Kehrseite der Aktion verkommt das Album als solches leider einmal mehr zum bloßen Marketing-Tool zur Bewerbung der nächsten Stadion-Welttournee… mit Apple und U2 als Win-Win-Duo.

P.S.: Ganz am Rande der „Keynote“ hat es Apple doch tatsächlich fertig gebracht, den 2001 präsentierten iPod Classic gänzlich und wohlmöglich für immer aus seiner Produktsparte zu entfernen… Wtf?!? Nun steht der „Walkman des 21. Jahrhundert“ in einer Reihe mit dem Walkman und dem Discman des 20. Jahrhunderts als inzwischen – vermeintlich – „technisch überholter Meilenstein der Elektronikgeschichte“. Nennt mich Dinosaurier, aber das kleine Ding ist bei mir – als mit mehr Speicherplatz aufgerüstete Customized-Variante – seit 2008 nach wie vor im täglichen Einsatz. Ruhe in Frieden, kleiner Freund.

P.P.S.: Allen Skeptikern der vermeintlichen Gönner-Aktion dürfte diese neuste Meldung der angeblichen ersten Download-Zahlen ein süffisantes Lächeln ins Gesicht zaubern…

 

Rock and Roll.

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„AutoRip“ – Amazons neustes digitales Ass


AutoRip

Na, das nenn‘ ich doch mal ’nen Schritt in die richtige Richtung! Nachdem man in der letzten Zeit vor allem – völlig zu recht? – einiges an negativer Presse bekam, macht Amazon nun einen gewaltigen Schritt in Richtung Kundenzufriedenheit und Neukundenwerbung. Denn ab sofort bekommt jeder, der sich über den Versandriesen einen Tonträger – ob nun als CD oder LP – bestellt, das digitale Pendant per „AutoRip„-Funktion völlig kostenfrei und – besonders fein – sofort mit dazu. Nun könnten Haarspalter natürlich nach Lücken zum Kritisieren in diesem absolut fairen Deal suchen, aber dies wird anhand der aktuellen Eckdaten – die Amazon-Datenbank umfasst zurzeit 500.00 CDs beziehungsweise 14.000 LPs – wohl schwer…

Hintergrund der ganzen Aktion dürfte wohl sein, dass der Online-Versandriese dem derzeitigen Hauptkonkurrenten und Markführer in Sachen digitaler Musikvermarktung, Apple und seinem Musikdienst iTunes, in größerem Maße Konkurrenz machen möchte. Und das könnte durchaus funktionieren. Denn wo Apple in seinem Store aktuelle Alben für rund 10 Euro anbietet und der willige Käufer da nur die reine digitale Ware erhält (okay, ab und an hängt dem Ganzen – insofern man ein komplettes Album erwirbt – auch noch ein Booklet oder ein, zwei Videos an), bekommt man bei Amazon den physischen Tonträger sowie – solange sich dieser auf dem Postweg befindet – schonmal das Gekaufte in mp3-Form (die Bitrate ist übrigens mit 256 KB/s qualitativ identisch mit der iTunes-Variante). Und es wird noch besser: Alle, die seit 1999 Tonträger über Amazon erworben haben, bekommen nun – insofern in der aktuellen Datenbank vorhanden – nachträglich die Möglichkeit, sich diese – ebenfalls komplett kostenfrei – aufs heimische Abspielgerät zu laden!

Beispiel...

Sieht ganz so aus, als hätte Amazon die Signale verstanden. Zwar werden laut dem Bundesverband Musikindustrie noch immer rund 80 Prozent der Einnahmen auf dem Musikmarkt mit dem Verkauf von physischen Tonträgern erreicht, doch ein guter Teil der Zukunft der Musikindustrie liegt ganz klar im digitalen Bereich (welcher etwa in den seit jeher führenden USA bereits über 50 Prozent ausmacht) – mögen Traditionalisten oder LP-Geeks auch noch so sehr protestieren. Einfache Vermarktungsstrategien, welche ein Album mit einem festgeschriebenen Veröffentlichungsdatum vorsehen, an dem die Scheibe dann als schnöder Silberling mit Plastikhülle im Laden steht? Könnt ihr getrost vergessen, denn das Ding landet mit 99,9-prozentiger Sicherheit – und trotz noch so ausgefuchster Sicherheitskriterien – bereits Tage vor Release im weltweiten Netz! Der Musikfreund des 21. Jahrhunderts (und damit meine ich nicht jene Kretins, die sich die aktuellen Sido-Atzen-Revolverheld-Charts in Einzelsongs auf ihr dauerblinkendes Multifunktionsmobiltelefon laden!) schätzt zwar noch immer haptische Statussymbole und mag es, Musik nicht nur zu hören und zu geniessen, sondern auch berühren zu können, doch er will vor allem auch einen gewissen Mehrwert: schöne, anspruchsvolle Covergestaltungen, aufwendige Booklets, Gimmicks in Form von DVDs – all diese Dinge. Dass mittlerweile Musiker wie Amanda Palmer und Kevin Devine den Musikvertriebsmajors Adieu gesagt haben unter ihre Alben via „Crowdfunding“ komplett in Eigenregie – und mit dem finanziellen „Kickstarter„-Vorschuss ihrer Fans – unters Hörervolk (welches dann wiederum exklusive Extras als Dankeschön erhält) bringen, dürfte ein deutlicher Mittelfingerzeig an die veralteten Vermarktungswege sein… Die Zeiten, in denen Streaming-Dienste und ach so böse Web-Tauschbörsen Napster, Morpheus oder Kazaa verteufelt und mit allen zur Verfügung stehenden rechtlichen Mitteln alternativlos bekämpft wurden, dürften wohl endgültig vorbei sein. Und bei Amazon, bei welchem der zahlende Kunde aktuell – nach eigenen Angaben – aus einem Repertoire von fünf Millionen CDs und Schallplatten sowie 27 Millionen mp3-Songs wählen kann, besteht sogar noch gewaltiges Wachstumspotential für das neuste digitale Ass im Ärmel namens „AutoRip“…

 

 

Rock and Roll.

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