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Flimmerstunde – Teil 13


Anvil – Die Geschichte einer Freundschaft (2008)

Manchmal ist das Leben ungerecht. Sommer 1984, das „Super Rock Festival“ in Japan: Bands wie die Scorpions, Whitesnake oder Bon Jovi bilden das Line-Up, treten wenig später weltweit erfolgreiche Karrieren an und verkaufen Millionen von Platten. Doch auf dem Festival trat damals auch eine kanadische Band namens Anvil auf. An…-wer? Nun, manchmal ist das Leben eben ungerecht. Davon handelt der Dokumentarfilm „Anvil – Die Geschichte einer Freundschaft„.
Doch wie der Untertitel bereits zu verstehen gibt, geht es in dem knapp 80-minütigen Debütfilm von Regisseur Sacha Gervasi noch um einiges mehr als verpasste Gelegenheiten oder verkannte Genies: um Herzblut, Aufopferungsbereitschaft, Idealismus, viel Naivität, den Willen, durchzuhalten und weiterzumachen, Mut, Liebe… Und vor allem um eine Freundschaft für’s Leben, die von Steve ‚Lips‘ Kudlow und Robb Reiner.
Die beiden jüdischen Jungs trafen sich durch ihre Liebe zu lauter Musik wie Black Sabbath oder Cactus im Alter von vierzehn Jahren und gründeten bald darauf, im Jahr 1973, ihre erste Band. Nach einigen Formationswechseln – bis heute sind die beiden die einzigen Bandkonstanten – wurde 1981 das erste Album mit dem programmatischen Titel „Hard ’n‘ Heavy“ veröffentlicht. Schon bald sah, wenn auch nur für einen kurzen Moment, die gemeinsame Bandzukunft rosig aus: Songs wie „Metal On Metal“ trafen den Nerv der Zeit, Anvil traten im lokalen Fernsehen auf, spielten vor großem Publikum und waren auch unter Kollegen geschätzt. Und doch passierte: nichts. Selbst damalige Kollegen wie Slash (Ex-Guns N’Roses), Scott Ian (Anthrax) oder Lars Ulrich (Metallica) können sich bis heute nicht erklären, wieso der große Karrieresprung, der ihnen selbst gelang, ausgerechnet für Anvil ausblieb. Am besten bringt es dann wohl Lemmy Kilmister (Motörhead) auf den Punkt: „Du musst zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Das ist alles. Wenn du nicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort bist, schaffst du’s nicht.“ Und so sieht man Steve Kudlow (Gesang und Gitarre) im Hier & Jetzt (bedeutet: im arschkalten kanadischen Ontario) Essen für einen Kinder-Cateringservice ausfahren und über die wöchentliche Veränderung der Speisepläne sinnieren und Robb Reiner (Schlagzeug) zu Therapiezwecken heimwerken. Die beiden sind bereits in ihren Fünfzigern, verheiratet, die langen Headbanger-Matten längst ergraut und die Illusionen ein großes Stück weit verblasst. Nach zwölf aufgenommenen Alben mit mäßigen bis schlechten Verkaufszahlen und 30 gemeinsamen Bandjahren mit einigen kleinen Erfolgen und vielen, vielen Rückschlägen glauben weder sie noch ihre aufopferungsbereiten Familien noch an den Superstar-Status. Umso überraschender kommt daher der Anruf eines weiblichen Fans aus dem fernen Italien, welcher ihnen anbietet, eine Tour durch einige europäische Länder wie Schweden, Polen, Deutschland oder Spanien zu managen. Natürlich wird die vierköpfige Band schnellstmöglich zusammengetrommelt und der Sprung über den „großen Teich“ gewagt! Und doch gerät auch diese Tour zu einem – vor allem finanziellen – Desaster. Man bekommt Nachmittags-Slots auf Festivals zugewiesen, wird schlecht bis gar nicht bezahlt, verpasst einen bereits bezahlten Zug, verfährt sich im nächtlichen Prag, bespielt vor nicht einmal 200 Zuschauern 10.000er-Hallen in Rumänien… – all das steht symptomatisch für die ausgebliebene Karriere von Anvil: zu früh, zu spät, auf’s falsche Pferd gesetzt, den falschen Leuten vertraut, mit viel Enthusiasmus und den besten Absichten immer knapp am Ziel vorbei.

Umso überraschender ist man als Zuschauer, dass diese beiden Typen nicht längst aufgegeben und Gitarre und Drumsticks zur Seite gelegt haben. Und es ist das große Verdienst der Dokumentation von Langzeit-Fan, Regisseur und Drehbuchautor Gervasi, das man beim Funkeln in Kudlows Augen und der beinahe buddhistischen, stoischen Ruhe Reiners beginnt, alles zu verstehen: diese beiden können gar nicht anders! Weil das gemeinsame Musikmachen seit der Jugend das Fundament ihrer Freundschaft bildet und beide mit zunehmendem Alter die Chancen für ein weiteres „What If“-Fragezeichen schwinden sehen. Also nehmen sie jeden noch so kleinen Gig mit, leiht sich Steve Kudlow schweren Herzens Geld von seiner älteren Schwester, um das 13. Studioalbum der Band mit einem angesehenen Produzenten aufzunehmen. Nach dessen nervenaufreibender Fertigstellung tingelt Kudlow erfolglos Plattenlabel um Plattenlabel in Los Angeles ab, und auch zu Hause in Kanada hat die Band bei den Major Labels keinen Erfolg: „nicht gewinnbringend genug für beide Seiten, nicht zeitgemäß, nicht vermarktbar… viel Glück jedoch für Ihre Zukunft“ – die Sätze sind meist die gleichen, in all den Jahren haben sich lediglich die Absender und Briefköpfe geändert. Die Band schluckt auch diese Rückschläge und vermarktet ihr Album selbst. Weil sie im Herzen ihre größten Fans sind. Weil sie über alle die Jahre stets selbst Fans geblieben sind. Weil ihnen das Schicksal keine andere Wahl lässt.
Am Ende schließt sich für die Band ein Kreis: eine Kopie ihres neusten Album ist einem japanischen Promoter in die Hände gefallen und Anvil treten nach über 20 Jahren wieder in Japan auf. Und sogar vor ausverkauftem Haus! In der letzten Szene sieht man den kindlich-emotionalen Steve ‚Lips‘ Kudlow und seinen ruhigen Gegenpol und ältesten Freund Robb Reiner staunend inmitten des Zentrums der hektischen Millionenstadt Tokyo stehen. Und obwohl sich für beide nie der Traum von Groupies, Villen, Sportwagen, gefüllten Bankkonten und einem sorgenfreien Leben erfüllen wird, scheinen sie glücklich. Manchmal mag das Leben ungerecht sein. „Anvil – The Story Of Anvil“ (der englische Originaltitel) ist die bewegende Geschichte vom Weiterschwimmen.

 

 

Rock and Roll.

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