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Song des Tages: Delta Spirit – „How Bout It“


Über die Jahre waren Delta Spirit zur Familie gewachsen. Und wie sich das für Familien so gehört, brauchen auch die besten von ihnen gelegentlich etwas Abstand voneinander. So gönnte sich die Rockband aus dem kalifornischen San Diego nach dem 2014 veröffentlichten Album „Into The Wide“ erst einmal eine Auszeit. In selbiger veröffentlichte Frontmann Matthew „Matt“ Logan Vasquez mehrere Soloplatten, Multi-Instrumentalist Kelly Winrich produzierte unter anderem Nathaniel Rateliff und Jonathan Jameson, Gitarrist Will McLaren und Schlagzeuger Brandon Young gingen mit diversen Musikern auf Tour. Bei einer gemeinsamen Jam-Session 2018 fand die Wahl-Familie wieder zusammen, die Reise ging endlich weiter. So knüpft „What Is There“, seines Zeichens nun Album Nummer fünf, an frühere Werke an und zeigt sich zugleich durch die Bandpause gereift.

Tatsächlich hört man ihnen die Auszeit kaum an – maximal dadurch, dass die zwei Hände voll neuer Songs frischer und noch leidenschaftlicher wirken. Den Bombast des sechs Jahre zurückliegenden Vorgängers hat das 2005 gegründete Quintett zurückgelassen, der Sound der zehn Stücke, welche Delta Spirit in den Sonic Ranch Studios, einem beeindruckendem Komplex dreißig Kilometer außerhalb von El Paso, Texas, dicht an der mexikanischen Grenze, gemeinsam mit Mixing Engineer Tchad Blake (U2, Black Keys) aufnahmen, geht tatsächlich mehr in Richtung der Soloplatten von Vasquez‘ – etwas basischer, natürlicher. Aber tief im Herzen schlummert immer noch diese spezielle Americana-Indie-Mischung im Pop-Rock-Format mit einfühlsamen Flair und großen, weit greifenden Melodien. Die Rhythmen mögen teils etwas mehr dem Zeitgeist angepasst sein, aber die Songs könnten – im besten Sinne – durchaus von gestern sein. Genau genommen tönen sie nämlich: irgendwie zeitlos.

„Unsere Band besteht aus fünf Querdenkern, die versuchen, sich auf eine Idee zu einigen. Wenn die Ähnlichkeit darin besteht, dass man konträr ist, ist es schwierig. Aber wenn es klappt, entsteht etwas Unglaubliches.“ (Matt Vasquez)

Dabei ist „How Bout It“ ohne Frage die größte Perle eines ohnehin feinen Albums. Delta Spirit dehnen eine gekonnte Indie-Americana-Idee über sechs Minuten aus und hangeln sich über bedeutungsschwangere Piano-Darbietungen hinein in ein Epos, das einfach nicht aufhören mag zu wachsen. Nach und nach stoßen weitere Instrumente hinzu, bevor ein überdimensionales Classic-Rock-Gitarrensolo das Heft in die Hand nimmt und dabei gleich mehrere Jahrzehnte zurück in die Musikhistorie reist. Einfache Zutaten, großartige Zusammensetzung, dazu butterweiche Backings zu purem Gefühl – ein Song, an dem sich der US-Fünfer künftig messen lassen darf.

Das ist aber bei weitem nicht der letzte Leckerbissen der neuen Platte. „Lover’s Heart“ lässt zwar das große Drama weg, das konsequente Hinarbeiten auf den gewaltigen, alles umarmenden Moment mit Glum-Qualitäten und Songbook-Querverweisen reißt allerdings mindestens so mit wie das schräge, laute „Home Again“. In dem Dreiminüter brodelt es von der ersten Sekunde an, Vasquez singt mit Gitarre und Piano um die Wette. Es wird lauter und lauter, herrlich wild und chaotisch, bevor die Coda große Gefühlsschübe freisetzt. Der locker-flockig schlendernde Auftakt „The Pressure“ rockt zudem mit wachsender Begeisterung los und verbindet radiofreundliche Harmonien mit getriebenen Indie-Sounds und Fernweh. Große Überraschungen bleiben zwar aus, doch in Verbindung mit dem folgenden Indie-Tanzflächen-Querverweis „It Ain’t Easy“ (selbstverständlich im typischen Delta Spirit-Sound) macht dieses Eröffnungsduo richtig viel her und trifft im Verlauf des Albums auch auf Sensibles wie „Can You Ever Forgive Me?“ oder eben „Lover’s Heart“.

In einer mehr als kurzweiligen Dreiviertelstunde zeigen Delta Spirit, dass sie der Pause zum Trotz rein gar nichts verlernt oder von ihrer Chemie eingebüßt haben, und jetzt – wenn auch manchmal zu Lasten der Verspielt- und Verschrobenheit – vielleicht sogar noch besser, noch stärker tönen. Die Kombination aus fieberhaften Epen, kleinen Indie-Perlen und bester Americana-Laune weiß zu gefallen und hat in seinen stärksten Momenten durchaus zeitlose Qualitäten. „What Is There“, welches die Band ihrem 2018 verstorbenen Freund und Musikerkollegen Richard Swift widmet, ist eine Platte für lange Spätsommer-Roadtrips, für den stilvollen Radioeinsatz, für begeisternde Konzerte (so man denn wieder touren darf) und stille Momente am Lagerfeuer – ein durchaus packender Allrounder mit gewohnt starkem Songwriting und noch mehr Leidenschaft. Willkommen zurück!

„The war on magic got the behind the blindly enlisted
They let their hands on me, spoke in tongues ‚cause I insisted
The bottom dropped out and no one else here but me could fix it
I cast a dark hash on the line and I landed all the sixes

How ‚bout it?

The thrill of my victory shoulda made me more suspicious
And they kept that fare hung in front of my face, never looked so delicious
All my better angels will no longer speak my name
And the other wolves stand beside, all sure to do the same

How ‚bout it?

Now I’m outta luck and making promises I know that I can’t keep
And the chicken skin head to the ATM, they won’t get the best of me
I have four, five, six, take the money, gotta go, got another important place to be
I took a brick to the back of the head, they said, ‚Welcome to Vegas, baby‘

How ‚bout it?“

Rock and Roll.

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Song des Tages: King Hannah – „Crème Brûlée“


Foto: Lucy Mclachlan

King Hannah sind so eine Band, die ist plötzlich da und präsentiert einen Sound, der so eindringlich ist, so düster-melancholisch und doch betörend, dass sich direkt scharenweise Fans formieren, die wohl sonst auch Platten von Mazzy Star oder Daughter im Plattenregal stehen haben und ihr Seelenheil in nachdenklicher Americana suchen.

Das gar nicht mal so royale Newcomer-Duo stammt aus dem englischen Liverpool, hinter dem Bandnamen stecken die kreativen Köpfe von Hannah Merrick und Craig Whittle. Unlängst präsentierte die Band ihre erste Single „Crème Brûlée“ mitsamt Musikvideo. Intime Lyrics, gepaart mit einem eingängigen Gitarrensound irgendwo im Spannungsfeld zwischen Indie Rock und Dream Pop, lädt der Song geradezu dazu ein, das Alltägliche hinter sich zu lassen und sich komplett auf jene sechseinhalb Minuten zu fokussieren…

“We couldn’t be more excited to share with you our first ever music video, for our debut single, Crème Brûlée!!!  We shot and edited it ourselves across Liverpool and North Wales (spot the Welsh flag!) with the aim to create a homemade, documentary-style piece inspired by the indie films we love. We really hope you enjoy watching it as much as we enjoyed making it!”

Rock and Roll.

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Song des Tages: Muzz – „Red Western Sky“


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Wenn alte Freunde mal eben die nächste „Indierock-Supergroup“ gründen…

Dabei kennen sich Paul Banks und Josh Kaufman seit ihren Teenagerjahren, die Familien der beiden lebten eine Zeit lang in Madrid, wo die beiden die gleiche Schule besuchten und sich gemeinsam an der Gitarre übten. Zurück in den USA, starteten Banks und Kaufman jedoch recht unterschiedliche, unabhängige Karrieren in der Musikszene von New York: ersterer seit 1997 als Sänger der Neo-Post-Punk-Größen Interpol, Kaufman als Mitglied der Indie-Folk-Band Bonny Light Horseman sowie als Musiker und Produzent für Bands wie The NationalThe War On Drugs oder The Hold Steady. Dass die beiden bislang kaum kooperiert haben, sei vielmehr eine Laune des Schicksals, wie Banks feststellt: „Falls es tatsächlich Paralleluniversen gibt, ist es sehr wahrscheinlich, dass in einem Josh und ich seit Jahren eine Band zusammen haben.“ Dass es auf diesem Planeten anders kam, lag schlichtweg am Timing: „Als ich nach New York kam, suchte ich keine Band, sondern wollte eigentlich als Solokünstler durchstarten“, erinnert sich Paul Banks. Zu Interpol kam er schließlich, weil er auf einen anderen alten Bekannten traf: Daniel Kessler, einst Mit-Student bei Auslandssemestern in Paris, der wohl damals einfach eher zur Stelle war als Josh Kaufman.

Aber besser spät als nie: Mit Muzz gibt es nun endlich die gemeinsame Band. Der Dank dafür geht an den dritten Mann im Bunde, Matt Barrick, früher Schlagzeuger von Jonathan Fire*Eater und The Walkmen sowie regelmäßiger Tour-Drummer bei den Fleet Foxes. „Ich halte ihn für einen der besten Rock-Schlagzeuger der Welt“, schwärmt Banks – und nennt auch gleich einen Beweis für seine These: Niemand sei in der Lage, sich beim Hören des Walkmen-Hits „The Ratnicht zu bewegen. Banks und Barrick entwickelten im vergangenen Jahr die Idee, eine Band zu gründen, um zeitlose Musik zu produzieren und eine Platte aufzunehmen, „der man es nicht anhört, ob sie 1970, 1990 oder 2020 produziert worden ist“, wie Banks sagt. Als es darum ging, aus dem Duo ein Trio zu machen, brachte Barrik den Namen Josh Kaufman ins Spiel, worauf Banks erwiderte: „Das ist eine hervorragende Idee!“

0744861145820Nun gibt es sie also, die Gruppe, die sich in einem Paralleluniversum vielleicht längst etabliert hat. Sie trägt den Namen Muzz. „Josh hat das Wort erfunden, er beschreibt damit den Klang unserer Musik“, sagt Banks. Phonetisch liegt der Begriff zwischen „muzzy“ (dt.: benebelt) und „fuzz“, also verzerrten Gitarren. Und das Wort trifft ganz gut, was diese Band auf ihrem in verschiedenen Studios in Philadelphia und New York aufgenommenem Albumdebüt bietet: Ganz zu durchdringen ist diese überaus organische Musik nie, aber sie wabert andererseits auch keineswegs kraftlos dahin. Das ist tatsächlich der Verdienst aller drei Bandmitglieder: Banks singt wärmer und melodieverliebter denn je, Barrick zeigt, dass enorm talentierte Rock-Schlagzeuger nicht immer direkt nach Rock-Schlagzeugern klingen müssen, und Kaufman beweist, dass er ein fantastisches Gespür für Arrangements und Klanggestaltung besitzt. Spät haben sie sich gefunden, die drei, aber die gemeinsame Musik klingt so zeitlos, dass das nichts zur Sache tut.

Gleich im ersten Song „Bad Feelings“ klingt Paul Banks‘ markant brüchige Stimme so schön schwer und angenehm nah, dass man glaubt, man befände sich – ganz anders als sonst bei den oft so unterkühlten Kellerkindern Interpol – im heimischen Wohnzimmer des umtriebigen Musikers, der abseits seiner Hauptband als Julian Plenti auch gern schon mal Solo- sowie mit Wu-Tang-Klan-Rapper RZA als Banks & Steelz auch experimentellere Pfade verfolgt. Ein durchaus formidabler Einstieg, den Muzz jedoch noch mehrfach steigern – und zwar schon in den direkt darauf folgenden Songs „Evergreen“, dessen erste dreißig Sekunden an die Anfänge von Beach House-Stücken wie „Myth“ oder „Space Song“ erinnern, und „Red Western Sky“, einem formidablen Indie-Rock-Song mit fabelhaften Matt-Berninger-Momenten (außerdem dürfte „Everything Like It Used To Be“ wohl eines der besten The National-Stücke sein, die deren Frontmann selbst nicht kennt). Selbst alle, die auf Interpol-artige Musik hoffen, finden diese im herzlich-ruppigen Stück „Knuckleduster“ (wenngleich der Rest der Platte einen anderen, dezent Americana-lastigen Geist atmet).

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In ihren Songs sinnieren Muzz über seelische Gesundheit und über das Streben nach Glück. Über „Broken Tambourine“, ein Stück, das einen mit sanften Klavierklängen und dezentem Vogelzwitschern empfängt, sagt Banks: „Der Song ‚Broken Tambourine‘ handelt, kurz gesagt, von Traurigkeit und Freude und der ungleichmäßigen Verteilung dieser Elemente.“ Hört sich irgendwie bekannt an? Tatsächlich wirkt die erste gemeinsame Platte von Paul Banks, Josh Kaufman und Matt Barrick an mancher Stelle wie ein Artefakt aus den späten Sechzigern, wie eine superwarme LP von The Velvet Underground, die bislang noch niemand außer Griesgram Lou Reed entdeckt hat. Durch die Songs schimmert jedoch ebenso die mollige Weichheit der besten Psychedelic-Momente von Mazzy Star, die Wüsten-Klangmalereien von Calexico, das Traditionsbewusste des Duos She & Him, die Shoegazer-Atmosphäre von Slowdive, die Intimität samtener Soul’n’Jazz-Alben oder – fast schon logisch – ein wenig von der besinnlichen Romantik von The National.

Sehr empfehlenswert sind übrigens auch die in Quarantäne entstandenen (Akustik-)Videos zu „Bad Feelings“ und „Trinidad„, dem letzten Stück des Albums. Heimliche Stars darin: Ein Topf abgerupfter Petersilie in Paul Banks‘ Küche und die auf einer großen Wiese stehende, ausgeschaltete Nathan Coley-Leuchtschrift-Skulptur „There will be no miracles here“. Denn in etwa so klingen auch Muzz: anrührend, melancholisch und sehr nah. Musik, die im Dunkeln leuchtet.

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Rock and Roll.

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Song des Tages: Other Lives – „Lost Day“


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Die Musik von Other Lives zu beschreiben, fällt nicht ganz leicht. Da ist einerseits eine Verwurzelung im Folk und Country, da ist eine Nähe zu Indie (Rock), aber auch eine Affinität zu orientalischen Ornamenten. Leichter fällt es dagegen, die Besonderheit dieser Mischung zu erkennen. Die Band besetzt seit ihrem Debüt-Album „Tamer Animals“ von 2011 eine Nische, zu deren Erreichung nur sie den Weg zu kennen scheinen. Leider gilt das nicht nur für andere Musiker, sondern auch für den Großteil des Publikums. Und so blieb die große Anerkennung – prominente Fans wie unter anderem Thom Yorke oder Philipp Glass hin oder her – bislang aus. Wie man liest gibt es gar Musikkritiker, die behaupten, Other Lives seien die unterschätzteste Band ihrer Generation…

„I think it would be a wonderful world where countries supported their artists“, sagt Jesse Tabish, Sänger und Vordenker der Band, ein wenig niedergeschlagen – es wäre zwar eine wundervolle Welt, wenn Länder in Zeiten von Corona ihre Künstlerinnen und Künstler unterstützen würden, aber er selbst habe absolut keine Hoffnung, dass die US-Regierung (gerade jetzt) etwas unternehmen werde, um die Kunstszene zu unterstützen.

Wohl auch deshalb nimmt Tabish es mit ein wenig Galgenhumor: Vielleicht sollten er und seine deutsche Frau Kim einfach auswandern. Das neue Album seiner Band zu verschieben, wie viele Musikerinnen und Musiker es zurzeit tun, sei allerdings keine Option gewesen, sagt der Mittdreißiger. Im Gegenteil: Aus seiner Sicht sei es sogar eine gute Zeit, um Musik zu veröffentlichen. Weil Menschen auf einmal wieder Muße hätten, Musik nicht nur beiläufig zu hören.

5400863025595Vielleicht kann die Krise dazu beitragen, sich auf das Wesentliche zurückzubesinnen, hofft Tabish. Mit seiner Band hat der Musiker damit schon begonnen. Beim letzten Album, dem 2015 erschienenen „Rituals„, hatten Other Lives noch verstärkt mit Elektronik gearbeitet, auf der neuen Platte „For Their Love“ macht die Band das bewusst nicht – keine ewig frickelige Feinarbeit an elektronischen Texturen mehr, weniger Songs, weniger Overdubs, dafür eine bewusste Rückkehr zum Analogen.

„Wir haben so viel Zeit am Computer verbracht. Ich habe wirklich das menschliche Element vermisst und wollte zurück zu uns als Band kommen. In einem Raum, wie wir an den Songs arbeiten. Das war einer der ersten Gedanken, als wir anfingen mit der neuen Platte: ‚Lasst uns den Computer nur als Aufnahmegerät nutzen!‘ Ich wollte nicht, dass die Musik aus dem Computer kommt, sie sollte wieder von uns als Band kommen.“

Vor ein paar Jahren waren Jesse Tabish, Jonathan Mooney und Josh Onstott, die drei Kernmitglieder der Band, welche ursprünglich aus Stillwater, Oklahoma stammen, an die Westküste nach Portland, Oregon gezogen. Die Aufnahmen zu „For Their Love“ entstanden jedoch in Tabishs recht einsam gelegenen (und nun auch auf dem Cover abgebildeten) Haus, etwa eine halbe Stunde von der linken Künstlermetropole der USA entfernt – Thoreau meets Neoklassizismus. Das Konzept der allzeit zum Jam bereiten Hippie-Kommune ist längst ein altbekannter Pop-Topos, und zumindest bei der Entstehung ihres neuen Werks schien sich dem auch die US-Indie-Band verpflichtet gefühlt zu haben, denn nicht nur vom Sound, sondern auch der äußeren Erscheinung nach könnte man bei Bärten, langen Haaren und Röhrenjeans an eine Rockband aus den Sechziger- oder Siebzigerjahren denken. Hippies, aber uneitel und stylish-lässig dabei. Mit Folkrock hatte die Band um Sänger Jesse Tabish einmal angefangen. Mit der Zeit wurde der Sound jedoch ausladender – und Other Lives eine Mischung aus Rockband und Kammerorchester mit Streichern, Bläsern und Pauken.

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Auf „For Their Love“ festigen Other Lives nun ihren typischen Sound: Die Songs verlaufen nicht linear wie gängige Popsongs mit ihren bekannten Abläufen, mit Strophe, Refrain und hier und da mal einer Bridge. Stattdessen entsteht eine detailverliebte Klanglandschaft – ohne Anfang, ohne Ende, in der sich Ohr und Gemüt verlieren können. Wie der epische Filmsoundtrack à la Ennio Morricone zu einem Western mit dem jungen Clint Eastwood. Sehnsucht schwingt mit, etwas Melancholisch-Mitreißendes. Trotz Streichern und Pauken klingt die Songs dabei nie überladen, sondern strahlen – ähnlich wie einst bei Scott Walker und den frühen Fleet Foxes – Weite und Erhabenheit aus, während der Gesang von Frontmann Jesse Tabish über den cineatischen Melodien schwebt. Fast ist die Musik, deren Flair einen wohl unweigerlich an eine Melange aus Lee Hazlewood, The Doors oder Spaghettiwestern-Soundtracks denken lässt, etwas zu schön und gefällig. Den Bruch, der in den Songs oftmals zu fehlen scheint, schaffen jedoch die Texte.

„Für mich ist es ein sehr persönliches Album, bei dem ich mich mit Ängsten auseinandersetze. Wie gehen wir damit um? Wie überwinden wir sie?“ – solche Fragen beschäftigen Tabish. Im Song „We Wait“ zum Beispiel singt er über den Tod eines Freundes, der erschossen wurde, als er noch ein Teenager war (und in einer frühen Formation der Band The All-American Rejects spielte). Ein Verlust, der ihn bis heute umtreibt. Es geht aber auch um Ängste allgemeinerer Art. Ängste, die er mit anderen Menschen seiner Heimat teilt, oder gesellschaftspolitische Zustände, die auch ihm Kopfzerbrechen bereiten.

„Wenn du jeden Tag aufwachst, arbeiten gehst und deine Steuern zahlst, sollte eigentlich alles okay sein. Wir leben nur unglücklicherweise in einem Land, das seine ‚Working Class‘ nicht wertschätzt und keinen Sinn darin sieht, für die Bedürftigen zu sorgen. Die Regierung hilft ihren Bürgerinnen und Bürgern leider nicht, und deshalb gibt es eine echte Angst in Amerika. Menschen sind teilweise nur ein Monatsgehalt von der Obdachlosigkeit entfernt. Wenn ihr Kind krank wird, und sie die Miete nicht mehr bezahlen können, was können sie dann noch machen? Diese Angst ist existenziell.“

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Songs wie „Hey Hey I“ sprechen diese Missstände an. Streckenweise klingt das Album so wie ein Abgesang auf den amerikanischen Traum. In Zeiten von Corona scheint sich dieser „Traum“ sowieso überlebt zu haben, wenn gesellschaftlich benachteiligte Menschen besonders vom Virus betroffen sind. Zum Beispiel Alte, Obdachlose und People of Color – nicht nur in den USA. Trotzdem klingt auch Hoffnung auf dem neuen Album von Other Lives an, so Tabish: „Ich denke, es kann auch etwas Gutes aus der Krise heraus entstehen. Vielleicht ist es eine Reset-Taste für uns als Gesellschaft und überholte Ideen unseres früheren Zusammenlebens werden wegspült. In diese Richtung habe ich Hoffnung.“

Und so gibt es beinahe nichts, was sich in diesen kraftvoll heraufgeschraubten, dramaturgisch mit feiner Nadel inszenierten Songs nicht am rechten Platz befände; und kaum etwas, was einem in diesen ebenso opulenten wie melancholischen Geisterbeschwörungen, die sich mal dramatisch aufbäumen und während der knapp 37 Minuten oft genug zwischen kammerfolkenem Americana-Lagerfeuer und weltoffenem Konzerthaus pendeln, vor dem Hintergrund eines in sich zusammengesackten hohlen American Dream nicht direkt unter die Haut fahren würde…

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Staring Girl – „In einem Bild“


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Fotos: Victor Kataev

„Männlicher Deutschpop“ gilt – ganz egal, wie man selbst es nun finden mag – seit einigen Jahren als absoluter Erfolgsgarant. Andreas Bourani, Mark Forster, Wincent Weiss, Max Giesinger, Philipp Poisel, Johannes Oerding und wie diese ganz Formatradio-Einheitsbrei-Ton gewordenen – pardon my French – Luftpumpen, hinter denen nicht selten das gleiche Team aus findigen Managern, Produzenten und Liedschreibern steckt (der Böhmermann brachte da vor einiger Zeit etwas Licht ins Kalkül-Dunkel), nicht alle heißen – die in qualitativem Sinne reichlich egale Liste verlängert sich gefühlt monatlich. Dabei leidet die Kreativität und Einzigartigkeit immer häufiger, sodass nahezu jeder Song der genannten Formatradio-Künstler auch von einem der jeweils anderen präsentiert werden könnte (welch‘ Wunder, wenn man die Hintergründe kennt).

a1131702326_16Weit weg von tagtäglichem Radio-Gedudel und Airplay-Charts spielt seit etwa 15 Jahren die fünfköpfige Hamburger Band Staring Girl, die auch mit ihrem vor zwei Jahren erschienenem Langspieler „In einem Bild“, dessen Veröffentlichung selbst mir bislang durch die musikalischen Lappen ging, eher bei den etwas alternativeren Singer/Songwritern wie Gisbert zu Knyphausen, Niels Frevert und Nils Koppruch (oder meinetwegen auch dem etwas poppiger agierenden Clueso) anzusiedeln sind, gepaart mit – if you may like – ein wenig Tomte und Kettcar sowie den ruhigen Lyrik-Momenten von Wir sind Helden. Treibender, melancholischer, schwermütiger Indie-Pop mit vielen Americana-Gitarren, dezenten (und seltenen) elektronischen Effekten, trifft auf poetische Alltagserzählungen mit einem Auge fürs kleinste Detail. Ein Teil der ehemaligen Band von Gisbert zu Knyphausen ist mittlerweile (auch) hier am Start, was vor allem in den musikalisch ausladenderen Momenten kaum zu überhören ist.

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Wunderbare Tongue-Twist-Komposita wie „Matratzenladenneonröhrenlicht“ berichten von dem Beobachten eines alltäglichen Großstadttreibens und beschreiben etwa eine Fahrt aus Hamburg hinaus so bildhaft und verträumt, dass man meinen könnte, vor dem geistigen Auge neben dem gebürtigen Kieler Frontmann Steffen Nibbe im Bus zu sitzen. Tatsächlich lohnt es sich übrigens, das Album – parallel – in physischer Form zu erwerben, da das Booklet neben ästhetischer Schwarzweiß-Fotografien alle Texte beinhaltet, die beim Zuhören eventuell nicht immer direkt entschlüsselt werden können – quasi Poetry Slam mit musikalischer Untermalung. Der Gesang von Steffen Nibbe, der wie beim 2012er Vorgänger „Sieben Stunden und 40 Minuten“ die Texte im Alleingang verfasst hat, drängt sich dabei nicht auf, sondern stellt neben den Instrumenten nur eine zusätzliche Komponente dar. In „Lächeln und reden“ etwa kommt denn auch gut die Hälfte des Stückes gesanglos daher und schafft stattdessen mit viel Moll und jazzigem Akustikset eine Art hanseatischen Film Noir-Sound. Im Titelsong oder dem tollen achtminütigen (!) Albumabschluss „Schwarz zu weiß“ gipfeln sich Klangwaben in kleinen Epen, lassen sich dabei jedoch zu jeder Sekunde die nötige Zeit zum Reifen und Ankommen beim Hörer –  selbst, wenn es beim Titelstück auch mal kurzzeitig etwas theatralisch und übermetaphorisch wird.

Staring Girl bieten mit den zwölf Songs von „In einem Bild“ unaufdringlichen, tief in sich selbst ruhenden, erwachsenen Liedermacher-Indiepop, dem zwar jegliche Radiohits fehlen mögen, dafür aber einen schönen Folk-Soundtrack für leichte Frühlingsabende unter Freunden bei ein paar Gläsern Rotwein liefert (selbst, wenn man sich aktuell eher via Skype und Co. zuprosten mag). Mal scheinen deutsche Singer/Songwriter-Größen wie Gisbert zu Knyphausen und Niels Frevert nur ein, zwei Studiotüren weit entfernt, mal klingen selbst auf internationalen Bühnenbrettern seit Jahrzehnten Großes bietende Künstler wie Neil Young oder Wilco an (denn was für Neil Young „Down By The River“ ist und für Wilco „Impossible Germany“, das scheint für Staring Girl „Schwarz zu weiß“). Wahlweise aufregend-unaufgeregt und irdisch-echt, wahlweise richtig, richtig toll – genauso übrigens wie die im vergangenen Jahr veröffentlichte „EP„, auf der Staring Girl, nebst dem neuen Song „Autos fahren auf Straßen mit Namen“ auch einige Stücke vom Debütwerk in neuen, nicht selten detailverliebten (Band)Arrangements präsentiert.

 

Vom Piano getragen erzeugt vor allem „In einem Bild“, der Titelsong des jüngsten Langspielers, eine vom ersten Ton an einnehmende, deutlich beklemmende Atmosphäre, die sich auch auf den Text überträgt und von einem Musikvideo unterstrichen wird, das Verlorenheit, Einsamkeit und Orientierungslosigkeit gekonnt zu vermitteln weiß.

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Levi Robin – „No Other“


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Eines steht fest: Levi Robin ist ein Suchender – und das definitiv nicht nur in musikalischem Sinne. Dem Nachspüren neuer Klänge ist der in einem jüdischen Haushalt im kalifornischen Huntington Beach aufgewachsene Singer/Songwriter jedoch bereits früh verfallen, wie der heute 28-Jährige vor knapp zwei Jahren in einem Interview erzählte. Im Alter von 13 Jahren bekam er seine erste Gitarre geschenkt, auf der der talentierte Autodidakt sich schnell den ein oder anderen Akkord beibrachte, eine Band gründete und mit dieser erste Bühnengehversuche in kleinen Clubs rund um Hollywood und Venice Beach wagte. Wohl zum Ausgleich zur oberflächlich schönen (Schein)Fassade der „Traumfabrik“ begann Yaakov Levi Robin außerdem, immer tiefer in die verschiedensten Strömungen des Judentums einzutauchen, entdeckte den Chassidismus und die Chabad-Philosophie für sich, studierte viele Schriftwerke und beschloss nach dem Tod seines Vaters, regelmäßig die Synagoge zu besuchen und an der Jeschiwa, einer jüdischen Hochschule, zu studieren.

Die religiöse Frömmigkeit hielt Robin jedoch keineswegs davon ab, weiterhin musikalisch kreativ zu sein. So erschien 2013 seine selbstbetitelte Debüt-EP, auf die recht schnell auch ein gewisser Matisyahu stieß. Der vor allem in den USA sowie in der jüdischen Popkultur enorm erfolgreiche Reggae-Beatbox-Musiker lud Robin nicht nur als Opening Act zu sich auf die größeren Bühnen ein, sondern auch ins heimische New York City, wo der Newcomer dank „Matis“ schnell weitere Kontakte knüpfen konnte.

1583577057_folderUnd auch seinen Musikstil weiter formte. Denn wo die sechs Songs seiner Debüt-EP noch mit seiner Akustischen und mal ein paar Streichern, mal einem Tambourine vornehmlich spartanisch ums Americana-Folker-Eck lugten, klingen nun auf dem vor wenigen Tagen erschienenen Debütalbum „Where Night Meets Day“ deutlich vielfältigere, deutlich ausladendere Klangwelten an. Im Zentrum der zwölf Stücke steht freilich Robins mal an andere meist stille Folk-Troubadoure wie Scott Matthew, Ray Lamontagne, Keaton Henson oder Sam „Iron & Wine“ Beam gemahnende, mal ähnlich markdurchdringend wie weiland Jeff Buckley vor Emphase nur so zitternde Stimme, sodass man sich diese ganz Ton gewordenen spirituellen Zwiegespräche mit höheren Mächten nur allzu gut bei einem andächtigen Konzert in einem Gotteshaus vorstellen kann.

Dass sich alles viel weltferner lesen mag als es schlussendlich klingt, beweisen etwa die Single-Auskopplung „No Other“ sowie das dazugehörige animierte Musikvideo. Für selbiges zeichnen sich die Künstlerin Abbey Luck sowie Produzent Brian Savelson verantwortlich, die in ihren Bildern die Reise eines alten, von der Zeit gezeichneten Mannes schildern, der, ähnlich wie Levi Robin, auf der Suche nach einem Sinn, nach Antworten ist. Während dieser Reise wird der Greis von einer Oase der Eitelkeiten und des Genusses angelockt, entscheidet sich jedoch stattdessen dafür, einen tieferen Sinn in seinem Leben zu finden.

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Wie bereits erwähnt ziehen die Stücke von Robins erstem Album ihre Inspirationen vor allem aus seinem jüdischen Glauben und seiner Erziehung, was es als Ganzes wohl noch fragiler, noch einzigartiger strahlen lässt. „Ein Großteil des Albums ist von meiner Faszination und meiner Hingabe zu den kabbalistischen Lehren der Thora beeinflusst, auch wenn es vielleicht nicht so rübergebracht wird, wie es der Hörer erwartet oder dass er es gleich erkennt. Zum einen ist fast alles in Parabeln geschrieben. Außerdem könnte man erwarten, dass Spiritualität mit einer Art losgelöster Erleuchtung, himmlischer Zufriedenheit und grenzenlosem Idealismus einhergeht, und das wäre wahr, wenn die Seele sich gerade in einer himmlischen Welt befände, aber in Wahrheit sind wir Seelen, die in einer materiellen Welt gefangen und dort Herausforderungen und Unoffensichtlichkeiten, Prüfungen und Drangsalen ausgesetzt sind.“

Ganz gleich, auf welcher Seite des Tages – am juvenilen Anfang, am weidwunden Ende – oder spirituellen Ufers man selbst gerade stehen mag, ganz gleich, welche Musik man sonst mögen mag – Levi Robin möchte, dass der Hörer sich mit seiner Musik auf eine Weise identifiziert, in der es sich beinahe anfühlt, als würde sie, die Musik, tief aus dem eigenen Innersten kommen. „Es gibt mehr als nur den Sound, den ich versuche, zu vermitteln“, sagt er. „Diese Schwingungen tragen eine Botschaft nur für dich mit sich. Wenn du diese Lieder hörst, dann hoffe ich, dass du sie nicht als die meinigen hörst. Ich hoffe, du hörst sie als deine eigenen.“

Und ganz gleich, wie sehr man sich seine irgendwo zwischen das Experiment wagendem Singer/Songwritertum, spirituellem Folk und feingliedriger Americana tönenden Songs wirklich einverleibt – Levi Robin hat auf „Where Night Meets Day“ Musik geschaffen, die mal somnambul stillstehen mag, mal im hellsten Sonnenlicht zu erstrahlen scheint. Und einen bestenfalls ein stückweit auf dem Weg der eigenen Suche begleitet. Wasauchimmer man am Ende suchen mag…

 

 

Rock and Roll.

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