Schlagwort-Archive: Americana

Song des Tages: Staring Girl – „In einem Bild“


bandfoto-studio-2-staring-girl-victor-kataev

Fotos: Victor Kataev

„Männlicher Deutschpop“ gilt – ganz egal, wie man selbst es nun finden mag – seit einigen Jahren als absoluter Erfolgsgarant. Andreas Bourani, Mark Forster, Wincent Weiss, Max Giesinger, Philipp Poisel, Johannes Oerding und wie diese ganz Formatradio-Einheitsbrei-Ton gewordenen – pardon my French – Luftpumpen, hinter denen nicht selten das gleiche Team aus findigen Managern, Produzenten und Liedschreibern steckt (der Böhmermann brachte da vor einiger Zeit etwas Licht ins Kalkül-Dunkel), nicht alle heißen – die in qualitativem Sinne reichlich egale Liste verlängert sich gefühlt monatlich. Dabei leidet die Kreativität und Einzigartigkeit immer häufiger, sodass nahezu jeder Song der genannten Formatradio-Künstler auch von einem der jeweils anderen präsentiert werden könnte (welch‘ Wunder, wenn man die Hintergründe kennt).

a1131702326_16Weit weg von tagtäglichem Radio-Gedudel und Airplay-Charts spielt seit etwa 15 Jahren die fünfköpfige Hamburger Band Staring Girl, die auch mit ihrem vor zwei Jahren erschienenem Langspieler „In einem Bild“, dessen Veröffentlichung selbst mir bislang durch die musikalischen Lappen ging, eher bei den etwas alternativeren Singer/Songwritern wie Gisbert zu Knyphausen, Niels Frevert und Nils Koppruch (oder meinetwegen auch dem etwas poppiger agierenden Clueso) anzusiedeln sind, gepaart mit – if you may like – ein wenig Tomte und Kettcar sowie den ruhigen Lyrik-Momenten von Wir sind Helden. Treibender, melancholischer, schwermütiger Indie-Pop mit vielen Americana-Gitarren, dezenten (und seltenen) elektronischen Effekten, trifft auf poetische Alltagserzählungen mit einem Auge fürs kleinste Detail. Ein Teil der ehemaligen Band von Gisbert zu Knyphausen ist mittlerweile (auch) hier am Start, was vor allem in den musikalisch ausladenderen Momenten kaum zu überhören ist.

0017610312_10

Wunderbare Tongue-Twist-Komposita wie „Matratzenladenneonröhrenlicht“ berichten von dem Beobachten eines alltäglichen Großstadttreibens und beschreiben etwa eine Fahrt aus Hamburg hinaus so bildhaft und verträumt, dass man meinen könnte, vor dem geistigen Auge neben dem gebürtigen Kieler Frontmann Steffen Nibbe im Bus zu sitzen. Tatsächlich lohnt es sich übrigens, das Album – parallel – in physischer Form zu erwerben, da das Booklet neben ästhetischer Schwarzweiß-Fotografien alle Texte beinhaltet, die beim Zuhören eventuell nicht immer direkt entschlüsselt werden können – quasi Poetry Slam mit musikalischer Untermalung. Der Gesang von Steffen Nibbe, der wie beim 2012er Vorgänger „Sieben Stunden und 40 Minuten“ die Texte im Alleingang verfasst hat, drängt sich dabei nicht auf, sondern stellt neben den Instrumenten nur eine zusätzliche Komponente dar. In „Lächeln und reden“ etwa kommt denn auch gut die Hälfte des Stückes gesanglos daher und schafft stattdessen mit viel Moll und jazzigem Akustikset eine Art hanseatischen Film Noir-Sound. Im Titelsong oder dem tollen achtminütigen (!) Albumabschluss „Schwarz zu weiß“ gipfeln sich Klangwaben in kleinen Epen, lassen sich dabei jedoch zu jeder Sekunde die nötige Zeit zum Reifen und Ankommen beim Hörer –  selbst, wenn es beim Titelstück auch mal kurzzeitig etwas theatralisch und übermetaphorisch wird.

Staring Girl bieten mit den zwölf Songs von „In einem Bild“ unaufdringlichen, tief in sich selbst ruhenden, erwachsenen Liedermacher-Indiepop, dem zwar jegliche Radiohits fehlen mögen, dafür aber einen schönen Folk-Soundtrack für leichte Frühlingsabende unter Freunden bei ein paar Gläsern Rotwein liefert (selbst, wenn man sich aktuell eher via Skype und Co. zuprosten mag). Mal scheinen deutsche Singer/Songwriter-Größen wie Gisbert zu Knyphausen und Niels Frevert nur ein, zwei Studiotüren weit entfernt, mal klingen selbst auf internationalen Bühnenbrettern seit Jahrzehnten Großes bietende Künstler wie Neil Young oder Wilco an (denn was für Neil Young „Down By The River“ ist und für Wilco „Impossible Germany“, das scheint für Staring Girl „Schwarz zu weiß“). Wahlweise aufregend-unaufgeregt und irdisch-echt, wahlweise richtig, richtig toll – genauso übrigens wie die im vergangenen Jahr veröffentlichte „EP„, auf der Staring Girl, nebst dem neuen Song „Autos fahren auf Straßen mit Namen“ auch einige Stücke vom Debütwerk in neuen, nicht selten detailverliebten (Band)Arrangements präsentiert.

 

Vom Piano getragen erzeugt vor allem „In einem Bild“, der Titelsong des jüngsten Langspielers, eine vom ersten Ton an einnehmende, deutlich beklemmende Atmosphäre, die sich auch auf den Text überträgt und von einem Musikvideo unterstrichen wird, das Verlorenheit, Einsamkeit und Orientierungslosigkeit gekonnt zu vermitteln weiß.

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages: Levi Robin – „No Other“


Levi-Robin-696x397

Eines steht fest: Levi Robin ist ein Suchender – und das definitiv nicht nur in musikalischem Sinne. Dem Nachspüren neuer Klänge ist der in einem jüdischen Haushalt im kalifornischen Huntington Beach aufgewachsene Singer/Songwriter jedoch bereits früh verfallen, wie der heute 28-Jährige vor knapp zwei Jahren in einem Interview erzählte. Im Alter von 13 Jahren bekam er seine erste Gitarre geschenkt, auf der der talentierte Autodidakt sich schnell den ein oder anderen Akkord beibrachte, eine Band gründete und mit dieser erste Bühnengehversuche in kleinen Clubs rund um Hollywood und Venice Beach wagte. Wohl zum Ausgleich zur oberflächlich schönen (Schein)Fassade der „Traumfabrik“ begann Yaakov Levi Robin außerdem, immer tiefer in die verschiedensten Strömungen des Judentums einzutauchen, entdeckte den Chassidismus und die Chabad-Philosophie für sich, studierte viele Schriftwerke und beschloss nach dem Tod seines Vaters, regelmäßig die Synagoge zu besuchen und an der Jeschiwa, einer jüdischen Hochschule, zu studieren.

Die religiöse Frömmigkeit hielt Robin jedoch keineswegs davon ab, weiterhin musikalisch kreativ zu sein. So erschien 2013 seine selbstbetitelte Debüt-EP, auf die recht schnell auch ein gewisser Matisyahu stieß. Der vor allem in den USA sowie in der jüdischen Popkultur enorm erfolgreiche Reggae-Beatbox-Musiker lud Robin nicht nur als Opening Act zu sich auf die größeren Bühnen ein, sondern auch ins heimische New York City, wo der Newcomer dank „Matis“ schnell weitere Kontakte knüpfen konnte.

1583577057_folderUnd auch seinen Musikstil weiter formte. Denn wo die sechs Songs seiner Debüt-EP noch mit seiner Akustischen und mal ein paar Streichern, mal einem Tambourine vornehmlich spartanisch ums Americana-Folker-Eck lugten, klingen nun auf dem vor wenigen Tagen erschienenen Debütalbum „Where Night Meets Day“ deutlich vielfältigere, deutlich ausladendere Klangwelten an. Im Zentrum der zwölf Stücke steht freilich Robins mal an andere meist stille Folk-Troubadoure wie Scott Matthew, Ray Lamontagne, Keaton Henson oder Sam „Iron & Wine“ Beam gemahnende, mal ähnlich markdurchdringend wie weiland Jeff Buckley vor Emphase nur so zitternde Stimme, sodass man sich diese ganz Ton gewordenen spirituellen Zwiegespräche mit höheren Mächten nur allzu gut bei einem andächtigen Konzert in einem Gotteshaus vorstellen kann.

Dass sich alles viel weltferner lesen mag als es schlussendlich klingt, beweisen etwa die Single-Auskopplung „No Other“ sowie das dazugehörige animierte Musikvideo. Für selbiges zeichnen sich die Künstlerin Abbey Luck sowie Produzent Brian Savelson verantwortlich, die in ihren Bildern die Reise eines alten, von der Zeit gezeichneten Mannes schildern, der, ähnlich wie Levi Robin, auf der Suche nach einem Sinn, nach Antworten ist. Während dieser Reise wird der Greis von einer Oase der Eitelkeiten und des Genusses angelockt, entscheidet sich jedoch stattdessen dafür, einen tieferen Sinn in seinem Leben zu finden.

c5304c960acd2f1f81d593434143bb07

Wie bereits erwähnt ziehen die Stücke von Robins erstem Album ihre Inspirationen vor allem aus seinem jüdischen Glauben und seiner Erziehung, was es als Ganzes wohl noch fragiler, noch einzigartiger strahlen lässt. „Ein Großteil des Albums ist von meiner Faszination und meiner Hingabe zu den kabbalistischen Lehren der Thora beeinflusst, auch wenn es vielleicht nicht so rübergebracht wird, wie es der Hörer erwartet oder dass er es gleich erkennt. Zum einen ist fast alles in Parabeln geschrieben. Außerdem könnte man erwarten, dass Spiritualität mit einer Art losgelöster Erleuchtung, himmlischer Zufriedenheit und grenzenlosem Idealismus einhergeht, und das wäre wahr, wenn die Seele sich gerade in einer himmlischen Welt befände, aber in Wahrheit sind wir Seelen, die in einer materiellen Welt gefangen und dort Herausforderungen und Unoffensichtlichkeiten, Prüfungen und Drangsalen ausgesetzt sind.“

Ganz gleich, auf welcher Seite des Tages – am juvenilen Anfang, am weidwunden Ende – oder spirituellen Ufers man selbst gerade stehen mag, ganz gleich, welche Musik man sonst mögen mag – Levi Robin möchte, dass der Hörer sich mit seiner Musik auf eine Weise identifiziert, in der es sich beinahe anfühlt, als würde sie, die Musik, tief aus dem eigenen Innersten kommen. „Es gibt mehr als nur den Sound, den ich versuche, zu vermitteln“, sagt er. „Diese Schwingungen tragen eine Botschaft nur für dich mit sich. Wenn du diese Lieder hörst, dann hoffe ich, dass du sie nicht als die meinigen hörst. Ich hoffe, du hörst sie als deine eigenen.“

Und ganz gleich, wie sehr man sich seine irgendwo zwischen das Experiment wagendem Singer/Songwritertum, spirituellem Folk und feingliedriger Americana tönenden Songs wirklich einverleibt – Levi Robin hat auf „Where Night Meets Day“ Musik geschaffen, die mal somnambul stillstehen mag, mal im hellsten Sonnenlicht zu erstrahlen scheint. Und einen bestenfalls ein stückweit auf dem Weg der eigenen Suche begleitet. Wasauchimmer man am Ende suchen mag…

 

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages: Brian Fallon – „You Have Stolen My Heart“


brian-fallon-press-shot

Auch wenn in den letzten Jahren nicht mehr alles aus seiner Feder den juvenilen Instant-Herz-Hit-Charme von „The ’59 Sound“ und Co. verströmte, kommt man doch kaum umhin, Brian Fallons nach wie vor einzigartig rau-rockiger Stimme zu lauschen…

Der The Gaslight Anthem-Frontmann gab sein Solodebüt 2016 mit „Painkillers„, ein Jahr nachdem seine (Haupt-)Band eine Pause auf unbestimmte Zeit angekündigt hatte. 2018 erschien dann sein zweites Album „Sleepwalkers„.

Wie der mittlerweile 40-jährige New Jersey-Musiker im Dezember vermeldete, wird in Kürze Langspieler Nummer drei kommen: „Local Honey“ heißt es, am 27. März erscheint es und wird das erste sein, das der Künstler über sein eigenes Label Lesser Known veröffentlicht. Die insgesamt acht Stücke wurden von Grammy-Gewinner Peter Katis produziert, der unter anderem bereits mit The National, Frightened Rabbit, Interpol oder Death Cab For Cutie zusammengearbeitet hat.

In einer Pressemitteilung lässt Fallon wissen, dass die neuen Songs vom Hier und Jetzt handeln würden: „Es gibt nichts auf dieser Platte, was mit der Vergangenheit oder sogar der Zukunft zu tun hat, es hat nur mit den Momenten und den Dingen, die ich gelernt habe und die ich in meinem täglichen Leben erlebe [zu tun]. Dieses Album ist zu 100 Prozent über den heutigen Tag. Es geht nicht um diese glorreichen Träume oder elenden Misserfolge, es geht nur um das Leben und wie ich es sehe.“

Der erste, ebenfalls bereits im Dezember veröffentlichte Song-Vorgeschmack daraus trägt den (freilich nicht ganz klischeefreien) Titel „You Have Stolen My Heart“ (ihm folgte im Januar der nächste Vorbote „21 Days“ nach). Der Song sei sein „direkter Versuch eines Liebesliedes“, so Fallon. „Ich wollte ein Lied, das sich nicht bewusst ist, was es ist oder nicht ist, es soll einfach ehrlich sein. Der Rhythmus hat ein fast Calypso-artiges Gefühl in einem Americana-Song.“

Nichtsdestotrotz schwingt eine gewisse, definitiv Fallon-typische Nostalgie in Zeilen wie „I could swear that I knew you before / And maybe on another night, we were lovers in another life / Or maybe we are only strangers on mystery trains“ mit. Und natürlich auch etwas Melancholie in Worten wie „You were only a ghost that has stolen my heart away“ und „So I have this fear / One day I wake up, you’ll be a dream“.

Im Musikvideo ist im Schwarz-Weiß-Stil ein Pärchen zu sehen, das lachend am Rande eines Waldes entlangläuft, um dann eine Kuschelpause auf dem Deck ihres Autos einzulegen. Darüber hört man Fallons rauhe Stimme und die in den Hintergrund rückende Instrumentierung aus akustischer Rhythmusgitarre, Klavier und vereinzelten Perkussion-Elementen. Der Soundkulisse von The Gaslight Anthem bleibt Brian Fallon im Alleingang also weiterhin fern, schön tönt’s jedoch trotzdem…

 

6680@400— Die Tracklist von „Local Honey“ —

01. „When You’re Ready“
02. „21 Days“
03. „Vincent“
04. „I Don’t Mind (If I’m With You)“
05. „Lonely for You Only“
06. „Horses“
07. „Hard Feelings“
08. „You Have Stolen My Heart“

 

 

 

 

„I don’t know if you know
But I feel you in me
Inside of my years
Inside of my bones

I remember the colors
In your mysterious eyes
Part of me stays
In the room where we met

And everything slows with my breath
As I watch you float cross the floor
And the night came as it went
I could swear that I knew you before
And maybe on another night, we were lovers in another life
Or maybe we were only strangers on mystery trains
And you were only a ghost that has stolen my heart away

I always wondered, if I knew you before
I feel like I had enough time on my hands

I know that you’re with me, still I have this fear
One day I’ll wake up and you’ll be a dream

Cause everything slows with my breath
And I watch you float cross the floor
And the night came as it went
I could swear that I knew you before
And maybe on another night, we were lovers in the moonlight
Or maybe we were only strangers on mystery trains
And you were only a ghost that has stolen my heart away

And now if you need me, you know where to find me
I’ll be always falling under your spell

And everything slows with my breath
As I watch you float cross the floor
And the night came as it went
I could swear that I knew you before
Like maybe on another night, we were lovers in another life
Or maybe we were always strangers on mystery trains
And you were only a ghost that has stolen my heart away“

 

 

— Brian Fallon & The Howling Weather live —

27.04. Berlin – Huxley’s Neue Welt
28.04. Hamburg – Docks
29.04. Frankfurt/Main – Batschkapp
30.04. Nürnberg – Löwensaal
01.05. Köln – Carlswerk Victoria
02.05. München – Muffathalle
03.05. Wien – Arena
12.05. Stuttgart – LKA Longhorn

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages: Pony Bradshaw – „10×10“ (Live Session)


0f87f5_f27fea18936941a2bd0e298d3d9c9e07~mv2

Auf seinem im vergangenen Juni erschienenen Debütalbum „Sudden Opera“ liefert der 39-jährige James „Pony“ Bradshaw so einige überzeugende Argumente für den etwas späteren Start mit der Kunst. Mit seinen fast vierzig Lenzen hatte der Musiker aus dem US-amerikanischen Chatsworth, Georgia Zeit, um erwachsen zu werden. Zeit, um zu leben. Zeit, alles zu vermasseln, von vorn anzufangen und (s)eine eigene Stimme zu finden. Der Titel des Albums mag insofern eine zwar recht janusköpfige, irgendwie jedoch auch treffende Beschreibung sein: sein Klang trifft den Hörer zunächst abrupt, dann jedoch stetig, wieder und wieder – wie eine Flut launischer Streicher, donnernd-abgründiger Enden und dramatischer Töne, und angeführt von Bradshaws Gitarre und  markdurchdringendem Soulgesang, der sehnsüchtig, tröstlich und fragend zugleich wirkt (und an mancher Stelle   Thrice-Frontmann Dustin Kensrue stimmlich recht nahe stehen mag).

v600_PONY_BRADSHAW_Sudden_Opera_COVER_RGB„Ich bin ein großer Fragensteller, ganz sicher“, meint Bradshaw. „Flannery O’Connor sagte, sie wisse nicht, was sie glaubt, bis sie es schreibt. So kann man sein eigenes Glaubenssystem finden, und jeder kann sehen, wie man es durcharbeitet. Das Schreiben erzählt mir etwas über mich selbst.“ Er hält inne. „Es hilft sehr.“

Pony – geboren als James Bradshaw – ist schon als Kind viel herumgekommen. Der in Mississippi geborene Militärbursche hat sein Leben – gefühlt – in den gesamten US of A verbracht. Heute hat er sich in Georgia niedergelassen, und mehr als irgendwo sonst fühlt er sich nun dort zu Hause. Nachdem ihn die Air Force bereits mit 21 Jahren vor die Tür setzte, ließ er sich ziellos treiben, bis die Musik, die er mehr als ein Jahrzehnt später fand, zu seinem wahren Anker wurde.

Und damit lag er wohl auch ganz richtig, schließlich hatten ihn renommierte Radiosender wie NPR oder Amazon Music bereits vor ein paar Jahren „as one to watch“ auf dem Radar. Doch anstatt die unerwartete Aufmerksamkeit zum fixen Kickstart zu nutzen, ließ Bradshaw sich Zeit um die Kunst, die er erst vor kurzem für sich entdeckt hatte, genau zu fassen, zu formulieren. „Sudden Opera“, für das Bradshaw alle Songs selbst schrieb, bevor er sich vom zehnfachen Grammy-Preisträger Gary Paczosa (Alison Krauss, Dolly Parton), Grammy-Preisträgerin Shani Gandhi (Parker Millsap) und Jedd Hughes (Emmylou Harris & Rodney Crowell) im Studio helfen ließ, ist das lohnende Ergebnis.

Van Gogh“ beginnt die Platte mit der dem Titel gebührenden Prahlerei und einem ordentlichen Maß Schmerz. „Es ist teils Traum, teils Fiktion“, sagt er. Bradshaw setzt lebhafte Imagination und rätselhafte Wortspiele zusammen, um eine Stimmung mehrdeutiger Sehnsucht zu erzeugen, die sich mit unverblümter Selbstwahrnehmung vermischt – eine Stimmung, die sich das ganze Album hindurch fortsetzt. Unterbrochen von einem spärlichen E-Gitarren-Groove brodelt „Jehovah„: “We go together like cocaine and time / Why don’t you go on and let it die?”

Wie bei vielen anderen Americana-, Southern Rock- und Blues-Musikern auch ist die Platte voller Lieder, die religiöse Bilder aufgreifen und wild durcheinander würfeln. „Shame“ widmet sich allen voreilig-glühenden Falsche-Finger-Zeigern, während „Ain’t No Eden“ das irdische Leben in seiner oft genug qualvollen Gegenwart akzeptiert und obendrein die Idee der paradiesischen Versprechung ablehnt. Mit tanzenden Händen in der Luft, einer Orgel und ordentlich Backbeat gibt sich „Didn’t It Rain“ dem Unbekannten hin. „Weißt du, ich habe das Gefühl, dass wir alle manchmal agnostisch sein sollten“, so Bradshaw. „Keine überzeugten Christen, keine überzeugten Atheisten – da bin ich mir sicher. Es gibt Dinge, die man nicht wissen kann. Es mag eine schöne Erleichterung sein, an etwas zu glauben und das Gefühl zu haben, dass man danach irgendwo hingeht. Ich kann das verstehen. Aber ich kann es einfach nicht unterschreiben.“

Getragen von einem Gospel-Chor im Background, ist „Sippi Sand“ das wohl autobiographischste Lied des Albums, in dem der US-Musiker aus seiner Familiengeschichte erzählt. Durch die elektrischen Gitarren von „Charlatan“ scheint Tom Petty auf seine Heartbreakers hinab zu lächeln, während der Song selbst vermeintlich spirituelle Südstaaten-Schlangenölverkäufer niederringt. „Bad Teeth“ überzeugt als grüblerischer Shuffle, und das verträumte „Loretta“ erforscht das Verlangen, die Auswirkungen und die Flucht in und mit einer anderen Person. Fast schon ergreifende Streicher treiben das turbulente „Gaslight Heart“ voran, während „Josephine“ das Album eindringlich zu Ende bringt.

PonyBradshaw-072217_9763

Das Album-Highlight jedoch dürfte das tolle „10×10“ sein: auch dieses Stück setzt auf klagende Streicher und Piano, um die Bühne für einen Mann zu bereiten, der sich nach Ruhe seht. Der Song mag bewegend sein – sein Titel selbst ist jedoch relativ zu verstehen: „Ich möchte nicht, dass jemand im Gefängnis denkt, ich würde es romantisieren, aber ich war ein paar Mal selbst im Knast, und es war irgendwie friedlich“, so Bradshaw. „Das liegt daran, dass ich nicht verurteilt wurde – ich war nur über Nacht dort. Aber als ich das schrieb, dachte ich, dass einem das Leben manchmal bedrückend erscheinen mag und man einfach nur eine Pause will. Also steck‘ mich übers Wochenende einfach in eine kleine Zelle und lass‘ mich vor all dem Rauschen entkommen.“

James „Pony“ Bradshaw gibt freimütig zu, dass er heutzutage mehr Romane und Gedichte liest als dass er Musik hört, obwohl ihn Helden wie Townes Van Zandt und Guy Clark auch heute noch inspirieren und so freilich immer noch eine große Rolle für ihn spielen. Aktuell jedoch beschäftigen ihn vor allem die französischen Autoren, Dichter und Maler des 19. Jahrhunderts, allen voran Flaubert. Er interessiert sich für den kreativen Prozess, der das Gehirn dazu bringt, Inspirationen zu erkennen, bevor alles seinen Lauf nimmt. Zur Musik selbst und regelmäßigen Live-Auftritten (er selbst spielte in der Vergangenheit etwa als Support für Social Distortion) hat Bradshaw keine wirklich dezidierte Meinung: „Ich frage mich jeden Tag, warum ich darin gut sein will“, sagt er. „Es ist schwer. Ich ringe mit dem Ego und dieser ganzen Sache. Aber ich weiß einfach, dass das Schreiben, Singen und Spielen mich glücklich macht, also mache ich es weiter.“

 

Besondern eindringlich geraten die Album-Highlights „Bad Teeth“, „10×10“ und „Didn’t It Rain“ in ihren jeweiligen reduzierten Live-Session-Varianten:

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages: Jawknee Music – „California’s Call“


4742_BASE-783x350

In den musikalischen Gefilden der Singer/Songwriter wiegt das Herz bekanntlich beinahe schon naturgemäß schwer. Die Themen, die in den Tönen der persönlichen Entfaltung transportiert werden, beleuchten in der Hauptsache die melancholischen Seiten des Seins. Dazu passt das klassische Konstrukt des Musikers (oder eben der Musikerin) mit Akustikgitarre. Dass Johannes Steffen alias Jawknee Music auf seinem dritten, programmatisch „Heavy Heart“ betiteltem Album von dieser Maßgabe abweicht, mag zunächst überraschen. Doch der Trierer, der auch bei A Hurricane’s Revenge am Mikro steht und bei Matches am Schlagzeug Platz nimmt, zelebriert auf dem Nachfolger zum 2015er Werk „Backgrounds“ den formalen Ausbruch nicht als grundlegenden Stilwandel, sondern nutzt die Erweiterung zum Bandkonstrukt zur homogenen Anreicherung seines Karohemd-Oeuvres.

4251443500787Das verbundene Plus an Volumen unterstreicht bereits die kritisch gegen die Scheinwelt der Influencer in den sozialen WiWaWorldWideWeb-Netzwerken austeilende Vorab-Single „California’s Call“, zugleich der Opener der Platte. Melodisch luftig, mit zart poppigen Tendenzen und doch angenehm auf das Wesentliche reduziert, gibt der Startschuss die Richtung für die folgenden neun Stücke vor. Die geben sich mal dynamischer und mal rockiger („Sorrows“, „Down The Drain“), halten daneben aber in vornehmlich zurückhaltender Manier immer wieder inne (die feine, warmherzige Folk-Ballade „Through The Eyes Of A Child“, „Don’t Give Up On Us“). Beim Refrain von „Kings For A Day“ kommen überdies alternativ-rockige Elemente zum Tragen. Dabei beschreitet „Heavy Heart“ zwischen Indie-PopRock und Americana-Anklängen, für die gut und gern Bands wie The Hold Steady, der Solokram von The Gaslight Anthem-Fronter Brian Fallon oder die selbstschreibende Einzigartigkeit vom „Boss“ Bruce Springsteen als Inspirationen herhalten dürfen, Wege, die gern mit mehr Ecken und Kanten serviert werden dürften. Spektakulär ist das Album damit keineswegs. Aber das musikalisch raubardige Heartland-Herz wiegt in Summe auch diesmal auf dieser Musik gewordenen Halbstunden-Roadtrip-Reise mit vielen Tagträumen und Sehnsuchtsorten hörenswert schwer…

 

Folgendes mag einem bei „California’s Call“ und seinem Musikvideo durch die Synapsen schießen: Der laute, schrille Ruf aus der schönen (Schein)Welt der Beauty-Queens und Influencer, der sich tief ins Mark der Teenies bohrt, der Perfektion vorgaukelt, wo Selbstzweifel herrschen – und bei den Heranwachsenden Gräben der Unsicherheit so tief wie das Death Valley hinterlässt. Es ist schwer, man selbst zu sein und zu verstehen was wirklich zählt, wenn Selbst-Optimierung und die ständige Suche nach der vermeintlich besten Version seines Selbst alles sind, was zu zählen scheint… „Go with the flow, don’t stay behind!” – Höchste Zeit, dem Fake den Mittefinger zu zeigen und seinen eigenen Weg zu gehen! Amen.

 

–Jawknee Music live auf Tour–

19.02. Zürich – Hafenkneipe
20.02. Stuttgart – Juha West
21.02. Trier – Mergener
22.02. Bochum – Trompete
23.02. Hamburg – Astra Stube Musikkultur e.V.
26.02. Frankfurt – Nachtleben
27.02. Hannover – LUX
28.02. Berlin – Cassiopeia
29.02. Mönchengladbach – Astoria

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Sunday Listen: Austin James Craig – „Ghosts Of Ohio“


72689350_2588666914505200_593602112810647552_o

Foto: Facebook

Manchmal scheint ein Musiker derart unbekannt (oder zumindest potentiell desinteressiert dem digital-viralen Internetz-Leben gegenüber) zu sein, dass selbst die hartnäckigste Google-Suche wenig Informatives ausspuckt…

So etwa im Fall von Austin James Craig. Schnell hat man zwar in Erfahrung gebracht, dass der Newcomer aus Akron im Nordosten des US-Bundesstaats Ohio mit aktuell knapp unter 700 Facebook-Likes durchaus ausbaufähiges Potential in Sachen Hörerschaft besitzt. Dass Craigs Debütalbum „Ghosts Of Ohio“ im Oktober 2019 erschien (und via Bandcamp nicht nur im Stream, sondern auch als „name your price“ zu finden ist). Anderswo ist zwar zu lesen, dass ebenjenem Werk „vor einigen Jahren“ bereits eine EP vorausging, diese wiederum findet nicht einmal vonseiten des Künstlers selbst Erwähnung…

GoO.jpg

Der Qualität der Songs von „Ghosts Of Ohio“ selbst tut all die Abwesenheit von Hintergrundinfos natürlich keinen Abbruch, schließlich bewegen sich die sieben Stücke stilistisch irgendwo im Spannungsfeld von Singer/Songwritertum, elegischem Alt.Country und wehmütiger Americana – alles musikalische Fächer, die einem Native aus der „Rubber Capital of the World“ (aus der übrigens auch eine Band namens The Black Keys stammt) durchaus liegen dürften. Da kommen einem die frühen Werke eines Noah Gundersen ebenso in den Sinn wie Bruce Springsteens reduziert-düstere Trilogie aus „Nebraska“, „The Ghost Of Tom Joad“ und „Devils & Dust“ (dazu passt wiederum, dass Craig kürzlich eine Coverversion des Boss-Evergreens „Atlantic City“ auf den einschlägigen Streaming-Plattformen online brachte).

Songs, die irgendwie den good ole All-American-Zeitgeist der Sixties atmen (was wiederum von den Artworks der einzelnen Stücke auf YouTube stilistisch ergänzt wird), andererseits jedoch inmitten ihrer Melancholie auch zeitlos klingen… Genre-Freunde sollten bei Austin James Craig durchaus ein Ohr riskieren!

 

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
%d Bloggern gefällt das: