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Das Album der Woche


Vanessa Peters – Modern Age (2021)

-erschienen bei Idol/Cargo-

Mittlerweile ist’s hinlänglich bekannt: Corona drängte 2020 (und auch in diesem bisherigen Jahr) nicht eben wenige Künstler, die nicht das zwiespältige Glück genießen, Madonna, U2 oder Coldplay zu sein, an den kritischen Rand des Existenzminimums. Tourneen mussten abgesagt werden, selbst Studioaufenthalte waren teil- wie zeitweise nicht erlaubt. Und da alles medaillengleich auch eine andere Seite hat, entsprang aus der Not einiges an Erfindungsreichtum… Wenig verwunderlich also, dass auch „Modern Age„, das neue Album der US-amerikanischen Singer/Songwriterin Vanessa Peters, der Pandemie zum Opfer fiel – zunächst zumindest. Die 40-jährige Musikerin hatte einen Stapel neuer Stücke für den Nachfolger ihres 2018er Langspielers „Foxhole Prayers“ geschrieben und – nach einer kleinen Tournee durch ihre zweite Wahlheimat Italien – teilweise bereits mit ihrer italienischen Touringband als Demos aufbereitet, als es daran ging, im März im heimischen Texas ins Studio zu gehen. Der Plan? Im Grunde gut ausgearbeitet, selbst der Studioaufenthalt war bereits über eine Kickstarter-Kampagne innerhalb von nur drei Tagen vorfinanziert worden. Unglücklicherweise befanden sich Peters und ihre vierköpfige Band zu diesem Zeitpunkt in Europa, wo damals vor allem Italien durch seine hohen Infektionsraten kurz vor dem Lockdown stand. Da zudem auch einzelne Bandmitglieder aus Italien stammen, stand man vor einer schwierigen Entscheidung: bleiben oder gehen? Schließlich blieb man, ließ sich in einem Bauernhaus im toskanischen Castiglion Fiorentino nieder und nahm das komplette Album innerhalb von zehn Tagen auf.

Trotzdem hört man dem 40-minütigen Endergebnis seine wohl recht idyllische Entstehungsumgebung nur bedingt an, Italo-Klischee-Klänge à la Adriano Celentano oder Eros Ramazzotti waren ja ohnehin eher weniger zu erwarten gewesen von einer, die vor ein paar Jahren noch ein unter der dräuenden Last der Trump-Administration entstandenes Album mit Protestsong-Appeal veröffentlicht hatte. Stattdessen ist Vanessa Peters mit „Modern Age“ ein feines Alternative Rock-Album mit – gefühlt – heftigen Nineties-Bezügen gelungen, welches gleichzeitig auch eine Abkehr von früheren Werken, die eher im Folk-Bereich anzusiedeln waren, darstellt. Easy Listening ist trotzdem selten drin, denn auch diesmal nehmen die Texte bei der Texanerin eine durchaus gewichtige Rolle ein. Neben der Anprangerung gesellschaftlicher Missstände (wie im Titelstück) sind einige von ihnen recht persönlicher Natur. Trotzdem kommen viele der elf Songs verdammt poppig daher, es wird das ein oder andere Mal die Akustikklampfe gezückt. Das mag manchem, der das hier liest, vielleicht ein wenig abschrecken (oder gar zum Gähnen animieren). Fehlende Abwechslung ist jedoch etwas, was man dem Album gewiss nicht vorwerfen darf, zumal es durchaus das ein oder andere Stück gibt, welches selbst Hörern etwas härterer Klänge durchaus gefallen könnte – Pop-Faktor hin oder her.

„Wir beeilen uns immer, etwas neuer oder schneller zu machen, ohne darüber nachzudenken, ob es tatsächlich besser ist. Ich schrieb diesen Song, nachdem ich herausfand, dass die Besitzer meines Lieblings-Baseball-Teams, die Texas Rangers, ihr Stadium nicht mehr nutzen würden, obwohl es erst 25 Jahre alt ist und stattdessen ein neues bauen würden, nur um eine Klimaanlage zu installieren.“ (Vanessa Peters über das Titelstück von „Modern Age“)

Der Titelsong sowie „Make Up My Mind“, die das Album einleiten, fangen denn schonmal hervorragend den Geist der seligen Neunziger ein, zu welchem letzteres dem versammelten Patriarchat den Stinkefinger zeigt. Man merkt, dass hier die ein oder andere Grunge-Kapelle als Inspiration diente. Das Gleiche gilt später noch einmal für „Yes“, das mit seiner bedrückenden Atmosphäre gar an ältere Pearl Jam-Songs erinnert. Immer wieder erweist sich Peters nicht nur als klassische Storytellerin, sondern stellt auch ihr Gespür für gute Melodien unter Beweis. „Never Really Gone“ und das melancholische „The Weight Of This“ sind schlicht wunderschöne Songperlen. Sicher mag es auch die ein oder andere Schwachstelle geben. „The Band Played On“ etwa tönt zu Beginn ein wenig schnulzer’esk, ehe die Streicher im Refrain (und später ihre Begleitband) wieder etwas qualitativen Boden gutmachen. Der Großteil des dargebotenen Materials aber weiß voll und ganz zu überzeugen. Weitere Highlights sind das bereits zuvor veröffentlichte „Crazymaker“ sowie die Blues-Ballade „Valley Of Ashes“. „Yes“ mag auf textlicher Ebene der vielleicht ausdrucksstärkste Song des Albums sein, wehrt sich die Sängerin doch vehement dagegen, als „Chick Singer“ abgeschrieben zu werden – man hört sie später noch im Hintergrund ihren Zorn hinaus schreien. Angry middle-aged woman? Nope. Mit „Still Got Time“ endet „Modern Age“ dann doch noch weltumarmend und mit einer positiven Botschaft: „Cause you’ve still got time / To shake off your loneliness / You’ve still got time / To make your own happiness“ singt Peters hier und hält nicht nur sich selbst, sondern wohl auch uns dazu an, noch ein bisschen durchzuhalten, bis diese Pandemie vorbei ist…

Alles in allem ist „Modern Age“ – bis auf ein paar kleine Abzüge in der B-Note – ein gelungenes Album geworden. Vanessa Peters‘ Homepage gibt als Einflüsse tatsächlich Liz Phair, Spoon, Foo Fighters, LCD Soundsystem und die Neunziger-Smashing-Pumpkins an. Trotzdem will die Musikerin – bis auf die recht treffende erste Referenz – ihr neustes Werk zu etwas anderem machen als einem bloßen Neunzigerjahre-Revival-Knicks. Gelingt’s am Ende? Nennen wir das Ergebnis ein richtig starkes und (im positiven Sinne) richtig stark gestriges Pop-Rock-Album ohne einen echten Komplettausfall, dafür mit umso präziserer und unaufgeregterer Singer/Songwriterinnen-Kunst. Und mit Melodien für Millionen, die bisher leider nur wenige Tausend hören wollen. Melodien, die daran erinnern, dass „gefällig“ eigentlich ein positives Attribut ist. An denen dürften Freunde und Kumpelinen von Künstlerinnen wie Alanis Morissette, Sheryl Crow, Joan Osborne, Suzanne Vega oder Aimee Mann (welche hier vor allem stimmlich recht nahe scheint) ebenso Gefallen finden wie Highway-Rock-Genüssler auf den Spuren Tom Pettys. Nicht weltbewegend, dafür authentisch und prächtig tönend.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Evangeline Gentle – „Ordinary People“ (Live Session)


Foto: Promo / Samantha Moss

Wer hier beim Hören des Debütalbums von Evangeline Gentle an Nashville denkt, könnte freilich mit Leichtigkeit goldrichtig liegen – tut’s jedoch nicht, denn die junge Frau hat ihre Hausschuhe in Peterborough, Ontario, gut 1.350 Kilometer weiter nördlich vom traditionellen Country-Mekka in Tennessee, stehen…

Obendrein stammt die Familie der in Schottland geborenen Singer/Songwriterin von der anderen Seite des Atlantiks und zog nach Kanada, als Gentle elf Jahre jung war. Und irgendwas – waren’s kreative Vitamine? – muss sie recht früh in ihr Müsli bekommen haben, schließlich entdeckte sie schnell ihr Faible fürs Musikalische, gewann bereits im zarten Alter von 18 Jahren die ein oder andere Auszeichnung. Und lieferte im vergangenen September ihren selbstbetitelten Debütlangspieler, welcher der im Mai 2020 veröffentlichten Acapella-EP „You And I“ die passenden Töne hinzufügt. Was verwundert: Die zehn von Jim Bryson produzierten Stücke, an denen Gentle ganze drei Jahre feilte, klingen so gar nicht nach einem Debüt, tönen ebenso sicher wie ausgereift, sind durchdrungen von der Art lyrischer Klarheit und Songwriting-Fertigkeit, der nicht wenige Künstler*innen eine ganze lebenslange Karriere lang hinterher jagen.

Schon der Opener „Drop My Name“ wird gesteuert von Evangeline Gentles durchdringendem, vibrato-lästigem Gesang, mit einer gefühligen Lebensweisheit, die Nina Persson von den Cardigans wohl nicht unähnlich ist. Noch eine Referenz? Na gern doch: Das darauf folgende, noch emotionalere „Ordinary People“ mag manch eine(n) schnell an Größen wie Patty Griffin (in ihren besten Momenten) erinnern. Abgesehen davon, dass das Stück mit einer der mutmaßlich besten Banjo-Lines des vergangenen Musikjahres aufwartet, wirft es mit zwei bestimmten Zeilen Licht auf Gentles zwar realistische, aber dennoch positive philosophische Einstellung zum Leben: „It’s brave to be hopeful in this world / It’s brave to be kind“. Mehr sogar – ebenjene Worte leiten das ein, was das Hauptthema dieses Albums zu sein scheint: die Liebe als Zufluchtsort vor dem manches Mal harten Alltag, das zwischenmenschliche Gefühlshoch als Erlösung. Klar, das könnten nicht wenige mit einem dezenten Rosamunde-Pilcher-Trauma leicht als naiven Idealismus abtun, aber diesen Songs – und den Texten im Besonderen – wohnt einfach eine entwaffnende Einfachheit inne, die zwar das ein oder andere Detail schnell überhören lässt, andererseits aber auch jede größere Krittelei überflüssig macht. Und je weiter man in diese kissenweiche Platte eintaucht, desto vergeblicher ist der Widerstand gegen dieses recht altmodische, aber irgendwie auch zeitlose romantische Gefühlsanzug dieser 23 Jahre jungen Künstlerin, die bereits als mit ihrer offen queeren, gender-fluiden Lebenseinstellung bereits mancherorts als „neue Szene-Galionsfigur“ gefeiert wird.

Apropos: Die berauschende Unbekümmertheit einer Liebesaffäre, deren Schmetterlinge just flattern gelernt haben, wird in „Sundays“ schlicht und ergreifend wunderbar skizziert (während das feine Musikvideo bewusst queere Fußnoten setzt), tadellos arrangiert um Gentles besondere Stimme, die es sich inmitten eines sacht pumpenden E-Basses, zurückhaltenden Gitarren und eines gekonnt verzerrten Keyboard-Sounds gemütlich macht. Eine weitere tolle Zeile: „Lust is almost always never love“ – zu hören im Zeigefinger-Märchen „Even If„, das massig Retro-Soul-Gefühl ausstrahlt (man denke an Duffy mit etwas weniger Drama), bevor der Hörer in der Albummitte und beim durch einen ganz ähnlichen Vintage-Touch gekennzeichneten „So It Goes“ ankommt – und vor dem inneren Auge Carole King am Lagerfeuer ausmacht.

Das Klassisch-Balladeske erreicht seinen Höhepunkt mit „The Strongest People Have Tender Hearts„, welches wiederum Gentles flammendstes Plädoyer für spirituelles Wachstum gegenüber oberflächlichem Momentum ist: „We’re searching in change-room stalls of fast fashion stores and malls / Just to pay the wage of a billionaire, somewhere”. Die grüblerische Poppigkeit von „Long Time Love“ und der flotte Anschlag von „Neither Of Us“ verblassen da freilich etwas im Schatten dieses Stücks, bevor das bedauernde „Digging My Grave“ die Dinge wieder in die richtige Bahn lenkt. Der spärlich ausstaffierte, klagende Schlusssong „Good And Guided“ destilliert das Motiv des Strebens nach Gnade und Frieden – Johnny Cash, can you hear me? – weiter, ohne dass es groß wie eine Wiederholung der Wiederholung klingt.

Obwohl Evangeline Gentles Debütalbum ganz und gar keine großen, allzu lauten Töne spuckt (und deshalb auch – im besten Sinne – als Hintergrundmusik herhalten kann), steckt das Werk voller Leben. Und wird von einer Stimme geleitet, die wohl auch das sturste, zynischste Herz zu rühren vermag. Wenn man denn unbedingt an etwas herumkritteln mag, so eventuell daran, dass sich die zwischen Indie Folk, Alt.Country und Americana pendelnde Singer/Songwriterin stilistisch nie so ganz festlegen mag. Natürlich wäre es nur allzu einfach gewesen, diese Songs in ein handgesteiftes, kommerziell aufgemotztes Americana-Kleid zu stecken oder sie fürs Formatradio mit modernen Beats zu überziehen – der bewusste Widerstand gegen strikte Genres lässt Gentle manchmal etwas ziellos, etwas unentschlossen tönen. Das mag künstlerisch befreiend wirken, schränkt jedoch – ja, so kann man’s sehen – den Grundcharakter dieser ansonsten recht überzeugenden Songsammlung ein. Natürlich könnte man nun argumentieren, dass Evangeline Gentles einzigartige Stimme bereits genug Charakter besitzt – und am Ende hätte man wahrscheinlich recht. Unterm Strich ist das hier ein formidabler Start in eine Musikkarriere, die eventuell noch den ein oberen anderen Ton gewordenen Herzenswärmer bereit hält…

„I’ve been, I’ve been running on empty
Headline after headline draining me
Oh the ugly things ordinary people
Do for more money

It’s brave to be hopeful in this world
It’s brave to be kind

Just when I think I’ve had enough
Your love is a little bit of sweetness
Life softens at your touch
Life softens when we touch

I’ve been feeling afraid and lonely
But I don’t ever want fear to own me
I want an open heart
Capable of loving fearlessly

It’s brave to be hopeful in this world
It’s brave to be kind

Just when I think I’ve had enough
Your love is a little bit of sweetness
Life softens at your touch
Life softens when we touch

When life gets us low
Our love softens each blow and I know
You see who I am at the core
In ways few have before and even though

It’s brave to be hopeful in this world
It’s brave to be kind

Just when I think I’ve had enough
Your love is a little bit of sweetness
Life softens at your touch
Life softens when we touch“

Rock and Roll.

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Sunday Listen: Typhoon – „Sympathetic Magic“


Die letzten Monate mit all ihren Corona-Lockdowns sowie der pandemiebedingten konzertfreien Zeit ließen so einigen Bands und Musikern wie Musikerinnen – zumindest im Idealfall – ungewohnt viel Freiraum für Kreativität. Doch wer sich, wie etwa Superdupermegamusiklegenden wie Paul McCartney, keinen Luxus eines eigenen Studio leisten kann (oder wie Billie Eilish und Produzentenbruder Finneas seit jeher alles vom Jugendzimmer aus zurechtbastelt), muss für dazugehörige Songaufnahmen manches Mal die ein oder andere zusätzliche Hürde überwinden. Bei Typhoon mit ihren bis zu elf Bandmitgliedern (je nach Lust, Laune und Bühne) scheint die Angelegenheit gar ungleich komplexer…

Umso überraschender, dass die vielköpfige Indie-Rock-Kapelle aus Portland, Oregon vor drei Tagen – ohne jegliche Vorankündigung und frei von jeglichem Werbe-Tamtam – ein neues (digitales) Album veröffentlichte. „Sympathetic Magic“ heißt die nunmehr fünfte Platte des Kollektivs um Frontmann Kyle Morton, welche unter erschwerten Corona-Bedingungen entstand und nun den von nicht wenigen freudigst erwarteten Nachfolger des 2018 erschienenen vielschichtigen Mammut-Werks „Offerings“ bildet. Zwölf neue Songs befinden sich darauf, die sich Songwriter und Sänger Kyle Morton in den letzten Monaten der Isolation zu Hause von der Seele schrieb. Die Demos schickte er an seine Band, bevor anschließend „eine improvisierte Prozession aus Freunden“ in seinem Keller stattfand, wie Morton mitteilt. „Einer nach dem anderen, natürlich mit Maske. Andere Freunde nahmen ihre Parts zuhause auf – als Sprach-Memo oder mit GarageBand in ihrem Wäscheraum“, so Morton weiter.

Trotz der ungünstigen Voraussetzungen präsentieren sich Typhoon auf „Sympathetic Magic“ als die Indie-Rock-Americana-Folk-Band, welche Fans bereits von den zurückliegenden, ebenso großartig wie bewegend tönenden Langspielern „Hunger And Thirst“ (2010) oder „White Lighter“ (2013) kennen. Gänzlich neu sind übrigens nicht alle Songs: „Welcome To The Endgame“, welches nun den Abschluss bildet, hatten Typhoon bereits im vergangenen Oktober, kurz vor der US-Wahl, veröffentlicht. Ihre Liebeserklärung an die schwer gespaltene US-amerikanische Heimat („America, I’m inside you / Kicking screaming at your sinews / It’s easy to blame you / But the guilt is as good as mine“) erklingt in seiner zeitlupenhaften Verlorenheit gleichsam schmerzhaft und intensiv – so intensiv wie die vermaledeite Zeit, in der wir leben, mit einem Virus, das unser aller Leben nun seit einigen Monaten auf den Kopf stellt. Das und die (zurückliegende) US-amerikanische Situation unter Ex-Präsident Donald Trump ließen Kyle Morton, der 2016 mit „What Will Destroy You“ sein Solo-Debüt veröffentlichte, als Songwriter einmal mehr nicht wenige Töne in pessimistischem Moll verfassen – obwohl sich jedes Stück dennoch ein klein wenig Hoffnung am Horizont bewahrt. So singt er in „Empire Builder“ gar von einer drohenden Apokalypse, beschreibt seine paranoid gewordene Heimat und beleuchtet ein zerrissenes Land. Weiche Fuzz-Gitarren, nachdenkliche Bläser sowie ein gewaltiges, lautes Crescendo schrauben den Song in ungeahnte Höhen, erzeugen binnen weniger Sekunden Gänsehaut in formvollendeter Reinkultur – und erinnern mit dieser Art von gepflegtem Hymnus – trotz (oder gerade wegen?) der Untergangsszenariofantasien – an die Feierlichkeit eines Conor Oberst und dessen großer Stammband Bright Eyes.

Überhaupt: Der Musik von Bright Eyes, respektive der von Conor Oberst, stehen Kyle Morton und Typhoon natürlich schon länger recht nahe. Auf „Sympathetic Magic“, welches man gern mit dem jüngsten Bright Eyes-Werk „Down in the Weeds, Where the World Once Was“ vergleichen darf, wird das noch deutlicher, wenn man etwa den blubbernd reduzierten Einstieg „Sine Qua Nonentity“, das sich in einen majestätischen Überschwang steigernde „We’re In It“ und das so gebrochen und doch so elegant wirkende „Time, Time“ hört, welches lange Zeit als gemächliche und dennoch forsche Folk-Idee umher schunkelt, bevor abermals die Bläser übernehmen. Von nicht minder beeindruckender Qualität sind das gen Euphorie aufbrausende „Masochist Ball“ oder der sanft-fragile Folk-Einschub „And So What If You Were Right“.

Beinahe genau drei Jahre nach „Offerings“ melden sich Typhoon damit fulminant aus der Funkstille zurück und lassen auf das (über)lange, komplexe Konzeptwerk eine Sammlung von Ideen und Impressionen, eine Art Indie-Collage mit präzise eingesetzten Sollbruchstellen, betonter Unvollständigkeit und drastischen Worten zum Status Quo ihrer Umwelt folgen. Das Überraschungsalbum ist – wenig überraschend – richtig gut und fängt trotz aller Widrigkeiten einmal mehr die schrullig-charmante Eigentümlichkeit des Indie-Kollektivs auf gelungene Weise ein. Man hört’s: Die Magie (um sich beim Albumtitel zu bedienen) ist nach wie vor vorhanden. Wer Typhoon bisher (noch) nicht auf dem musikalischen Zettel hat(te), darf die Band um Kyle Morton nun endgültig in dicken Lettern darauf notieren.

„My Dear Friend,

I hope you’re holding up. What a mess!

Small news in the big scheme, but we finished a record and I wanted to share it with you. I wrote all these songs while puttering around the house these past several months, because, what else was I going to do? The songs are about people – the space between them and the ordinary, miraculous things that happen there, as we come into contact, imitate each other, leave our marks, lose touch. Being self and other somehow amounting to the same thing.

Recording had to be adapted to the plague-times. I tracked the demos first and sent them out to the band. Then the improvised procession of friends dropping by my basement, one at a time, masks on. Other folks recorded their parts in their own homes with cell phone voice memos or GarageBand in the laundry room. Parts from the original demos remain intact. Like everything right now, it was all a little disjointed, but I think it came together in the end.

The record is called ‚Sympathetic Magic‘ and it’s a great joy to share it with you. To be honest, it’s a joy to share anything at all in these isolating times.

Yrs,

Kyle / Typhoon“

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Raye Zaragoza – Woman In Color (2020)

-erschienen bei Rebel River Records-

Raye Zaragoza weiß ziemlich genau, wie es ist, Teil einer Gemeinschaft zu sein, die außerhalb des amerikanischen Mainstreams existiert. Ihr Vater hat indianische Wurzeln, ihre Mutter ist japanischer Abstammung. Zaragoza selbst wuchs in der Enge eines kleinen New Yorker Apartments auf. In einem sehr realen Sinne brachte ihr ihre Erziehung also eine Verbindung zu anderen, die sich ausgegrenzt, diskriminiert und an den Rand der modernen Gesellschaft gedrängt fühlen – da scheint der Fakt, dass ihr Vater in ihrer Kindheit den Sioux-Häuptling Sitting Bull im Broadway-Stück „Annie Get Your Gun“ gab, nur allzu gut ins nicht eben klischeefreie Bild zu passen. Wenig verwunderlich also, dass die 27-jährige Folk-Musikerin, die bereits seit einiger Zeit im sonnigen Kalifornien lebt, diese Erlebnisse, Erfahrungen und Gedanken in ihre Songs einfließen lässt.

Ebenso wenig verwunderlich ist es, dass auch ihr aktuelles, recht programmatisch „Woman In Color“ betiteltes Album vom aktuellen Kampf für Gerechtigkeit und Gleichberechtigung all jener inspiriert wurde, die in den US of A der Gegenwart auf so viele verschiedene Weisen ausgegrenzt, verleumdet und generell gemieden werden – ein Thema, auf das Zaragoza im Laufe des Albums immer wieder zurückkommt, vor allem in Songs wie „They Say„, „Fight Like A Girl„, The It Girl“ oder „Warrior“, die sich, jeder für sich, bei genauerem Hinhören zu essentiellen kleinen Hymnen erheben, die erhaben sind und doch in sich ruhen, während sie andererseits vor Leidenschaft und Zielstrebigkeit nur so strotzen. Dennoch wählt Raye Zaragoza nie die Lautstärke als Mittel zum Kampf, ihre im Americana-Folk angesiedelten Melodien bleiben meist zurückhaltend und verführerisch tänzelnd, in jeder Sekunde durchdrungen von einer geradezu hypnotischen Aura, die den Hörer in ihren Bann zu ziehen vermag, ohne die Botschaften außer Acht zu lassen. Neben den oben genannten umschmeicheln besonders zwei Stücke, „Ghosts Of Houston Street“ und dem ihrer Mutter gewidmeten „Change Your Name“, in diesem Sinne den Hörer und hinterlassen so einen nachhaltigen Eindruck.

(Foto: Promo / Cultivate Consulting)

„Meine Erziehung und meine ethnische Identität waren immer eine treibende Kraft für meinen Wunsch, eine Geschichtenerzählerin sein zu wollen“, betont Zaragoza. „Farbige Frauen werden so oft aus der amerikanischen Erzählung ausgeklammert, und das möchte ich mit meiner Musik ändern. Bei dieser Platte geht es vor allem darum, wie wichtig es ist, diejenigen Geschichten zu erzählen, die so oft übersehen werden – vermisste und ermordete indigene Frauen, die Darstellung in den Medien, Gentrifizierung, Immigration und so weiter. Ich hoffe, dass meine neue Platte die Wichtigkeit des Erzählens verschiedener Geschichten hervorhebt.“

Raye Zaragoza, die als frühe musikalische Einflüsse Harry Chapin, Jewel, Selena oder Avril Lavigne nennt, sagt, sie sei auf einem mehr oder weniger großen Umweg zu der Entscheidung gekommen, Musik zu machen. „Ich habe in der Dienstleistungsbranche als Kellnerin, Barkeeperin und Hostess gearbeitet“, erinnert sie sich. „Dabei ging es darum, das Publikum, welches in diesem Fall am Tisch saß, glücklich zu machen und dafür ein Trinkgeld zu bekommen. In dieser Zeit wurde mir klar, dass ich das Gleiche als Musikerin tun konnte, indem ich einfach in einem anderen Teil des Raumes stehe und eine Gitarre in den Händen halte. Von da an spielte ich fünf bis sechs Tage pro Woche in Restaurants, Weingütern, Brauereien und auf Bauernmärkten. Das war meine erste Erkenntnis: dass ich, wenn ich hart arbeite, so viel verdienen kann, wie ich in einem Restaurant als Kellnerin verdiene, indem ich stattdessen für die Menschen Musik mache. Ich spiele keine Restaurant-Gigs mehr, aber es war eine erstaunliche Brücke, die mich dahin gebracht hat, wo ich jetzt bin.“

Produziert von Tucker Martine, einem Grammy-nominierten musikalischen Tausendsassa, der unter anderem bereits für Bands und Künstler wie die Decemberists, R.E.M., My Morning Jacket, Neko Case, Modest Mouse, First Aid Kit oder Sufjan Stevens hinter den Reglern saß, ist das im vergangenen Oktober erschienene Album typisch für Zaragozas entschlossene Haltung: Sie gräbt mit beiden Händen tief im Erbe des US-Folk, lässt politischen Aktivismus sowie ihre eigenen Erfahrungen mit einfließen und fördert so solide ausgefeilte Americana-Songs mit dezenten Indie-Rock-Noten zutage, die oft von funkelnden E-Gitarren, lebendigem Bass und beherzt zupackenden Perkussion-Instrumenten flankiert und manchmal gar von sparsamen Bläser-Arrangements und anschwellenden Streichern untermalt werden. Zaragozas eindringliche, wunderbar dunkel schimmernde Stimme bahnt sich ihren Weg durch starke, nicht selten feministisch geprägte Hymnen und zärtelnde Balladen, die in ihrem Unterboden Biografisches ebenso wie Historisches zu tragen scheinen, der Melancholie jedoch auch ausreichend Luft und Raum zum Tagtraum bieten. Politisch und persönlich, mutig und aufrichtig – Raye Zaragozas unerschütterlich ermutigende Story-Songs stellen sich allen Ungerechtigkeiten mit sorgenvoller Gewissheit und festem Glauben. Alles fürwahr keineswegs neu, dennoch schafft sie es im Herzen ihrer Songs, sowohl ihrem Stil als auch ihren Mantren treu zu bleiben.

(Fotos: Promo / Ursula Vari)

„Ich habe das Gefühl, dass meine früheren Veröffentlichungen das Sprungbrett zu ‚Woman In Color‘ waren“, reflektiert die Folk-Musikerin, welche hierzulande immer noch als Geheimtipp zählen darf. „Mit [dem 2017 veröffentlichten Vorgängeralbum] Fight For You‚ war ich immer noch dabei herauszufinden, wer ich bin und wie ich meine Geschichte erzählen will. Es war ein gutes Album, um meine Stimme zu finden. ‚Woman In Color‘ fühlt sich wie eine Fortsetzung dieser Platte an, aber auch wie ein Abschluss mit allem, was ich in den Jahren, in denen ich ‚Fight For You‘ schrieb, zu finden versuchte. Ich habe mein eigenes Plattenlabel Rebel River Records auf Patreon gegründet, um dieses Album zu verwirklichen, und ich bin allen so dankbar, die diese Platte unterstützt haben und sich mit mir für diese zwar indie’eske, jedoch wichtige Veröffentlichung zusammengetan haben.“

Letztendlich ist Raye Zaragozas Engagement offensichtlich, und das ist auch die Botschaft, die bei jedem einzelnen Song des Albums mitschwingt. Die Musikerin möchte einen, anstatt, wie es etwa der – zum Glück! – scheidende 45. US-Präsident in den vergangenen vier Jahren seiner Amtszeit getan hat, zu spalten. Sie sucht nach Unterstützung für eine gemeinsame Sache und für all jene Gruppen, welche darum kämpfen, in der aktuell so vielfältigen US-amerikanischen Malaise gehört anstatt mit tumbem Nonsens übertönt zu werden.

„Ich denke, jede Bewegung, die für Gerechtigkeit und Gleichheit kämpft, hilft sich gegenseitig“, so Zaragoza. „Die ‚Black Lives Matter‘-Bewegung hilft der ‚Indigenous Rights‘-Bewegung und so weiter. Wir alle kämpfen darum, gehört und gesehen zu werden, und der Sieg für einen von uns ist ein Sieg für uns alle. Ich habe absolut das Gefühl, dass wir alle ein Teil einer größeren Gemeinschaft sind, die Gerechtigkeit fordert.“ Außerdem sie ihre Hoffnung, dass die Menschen aufhören ihr Leben von Habgier bestimmen zu lassen, denn „Habgier verblendet und verleitet Menschen dazu, schreckliche Dinge zu tun. Habgier wird unseren Planeten zerstören. Wir müssen dankbar für unsere Mutter Erde sein und ihr mit Respekt begegnen.“ Raye Zaragozas Songs leisten in jedem Fall ihren kleinen Beitrag zum großen Ganzen.

Via Bandcamp gibt’s „Woman In Color“ im Stream…

…und hier Musikvideos zu „They Say“…

…“Rebel Soul“…

…“Fight Like A Girl“…

…“The It Girl“…

…“Warrior“…

…oder „Run With The Wolves“:

Rock and Roll.

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Song des Tages: Die Aeronauten – „Irgendwann wird alles gut“


Man hätte eigentlich recht früh ahnen können, dass sich das Jahr 2020 zu so einer vollumfänglichen Katastrophe entwickeln würde, schließlich begann es mit dem Tod von Oliver Maurmann aka Olifr M. Guz (oder auch nur Guz). Am 19. Januar starb der Schweizer Musiker und Schauspieler an Herzversagen, nachdem er vier Monate lang in einem Züricher Krankenhaus auf ein Spenderorgan gewartet hatte. Die Kunstwelt verlor mit Guz einen sympathischen, enorm kreativen, im besten Sinne lustigen, guten Menschen, der nicht lange vor seinem Tod noch mitten im Leben stand. Er wurde nur 52 Jahre alt.

Auch wenn gefühlte 99,99 Prozent der „Ich-hör‘-alles-was-im-Radio-läuft“-Zielgruppe nun unbekannterweise mit den Schultern zucken werden, war dieser 19. Januar 2020 ein trauriger, ein wahrlich schwarzer Tag für die deutschsprachige Popmusik, immerhin hatte Guz diese abseits der Beliebigkeitspfade seit fast drei Jahrzehnten mit vielen Songs bereichert. Erst mit eigens auf MC veröffentlichten Solowerken, dann als Anführer von Die Aeronauten und mit zahlreichen anderen Projekten: einer Gruppe mit Bernadette La Hengst und Knarf Rellöm namens Die Zukunft, dem Electro-Blues-Duo Naked In English Class mit Taranja Wu, außerdem mit den Bands Die Zorros, Zero Tornado… – kurzum: viel zu viele, um sie hier alle aufzuzählen. 

Die Aeronauten jedoch waren von Anfang bis Ende der Ankerpunkt seiner Karriere. 1991 im schweizerischen Schaffhausen gegründet, veröffentlichte die sechsköpfige Band neun LPs. Und jede von ihnen war stilistisch unberechenbar: Das Guz’sche Aeronauten-Universum konnte schunkelige Americana, schroffen Post Punk, tänzelnden 2-Tone, feinen Indie Pop, derben Garage Rock oder knarzende Soul-Grooves enthalten. Man wusste schlichtweg nie genau, was die nächste Aeronauten-Platte bereithalten würde. Wen wundert’s, dass das auch auf den im November erschienenen letzten Langspieler dieser Band zutrifft… Was kann man von „Neun Extraleben“ erwarten, einem Album, das zehn Monate nach dem Tod des Bandleaders folgte? 

Nun… wohl nur das Beste. Trompeter Roman „Motte“ Bergamin, Gitarrist Lukas Langenegger, Saxofonist Roger Greipl, Bassist Marc Zimmermann und Schlagzeuger Daniel d’Aujourd’hui haben Guz eine würdevolle Abschiedsbotschaft geschaffen, zusammengesetzt aus bereits fertigen, 2019 vor seinem Krankenhausaufenthalt aufgenommenen Aeronauten-Stücken und von seiner Band zu Ende gedachten Skizzen, Textfetzen und Einzelspuren. Wenn am Anfang des Albums Guzs kratziger Bariton von „diesem anstrengenden Leben“ singt, dann kommt das purer Magie recht nah. „Wenn Du fragst, ob ich Dich liebe, dann sage ich ‚ja klar!‘“, heißt es da. „Es ist gar nicht so schwierig, denn eigentlich stimmt‘s ja…“ Verdammt schwer, dabei nicht rührselig zu werden.

Insgesamt lässt sich feststellen: Für solch einen posthumen Schwanengesang ist „Neun Extraleben“ auf Albumlänge erstaunlich und angenehm unsentimental. Die „ewig unterschätzten Ehrenmitglieder der Hamburger Schule“, die jedoch nie so richtig über’s sympathische Außenseitertum hinaus gekommen sind, zeigen sich gewohnt schrammelig und gut gelaunt, wie in der fröhlich nach vorn ska-punkenden Single „Irgendwann wird alles gut“, im angriffslustigen Garagenrock von „Du kotzt mich an jetzt“ oder im Titelstück, das schwebt, kratzt und beißt, während die Band fast wie Broken Social Scene tönt. Einzig das getragene Instrumental „Lamento“ trägt die Melancholie hinein – das jedoch mehr im Stil eines New-Orleans-Jazz-Begräbnisses (was wohl ganz in Guz‘ Sinne gewesen wäre). Wahrlich – das ist kein zarter Nachruf, das ist eine letzte Party! Die aber nicht den Ernst der Lage im Hedonismus ertränkt, sondern ein letztes Mal zeigt, was Guz und Die Aeronauten am besten können. Die Stücke sprühen vor Energie, Lebensfreude, Lakonie und Weisheit („Dinge gehen schief, Dinge gehen verloren / Doch irgendwann wird alles gut“) und gehören zu den besten ihrer fast dreißig Jahre währenden Karriere. In ihnen scheint aber auch durch, welche Kraft es Maurmann gekostet haben muss, weiter zu machen. „Hatemails“ etwa pumpt wie Northern Soul, sorgt jedoch mit Zeilen wie „Eines Tages werde ich aufstehen und nicht mehr so müde sein / Eines Tages werde ich nicht mehr alleine sein / Mir geht’s gut / Mir geht’s gut / Ich will nicht groß drüber reden“ für einen dicken, dicken Kloß im Hals. Mit „Never Be Dead“ beschließt eine letzte Punkrock-Proberaumaufnahme das finale Album von Die Aeronauten – doch in der Tat hat sich Maurmann mit Songs wie „Bettina“ oder „Freundin“ längst unsterblich gemacht. Er wird fehlen, genau wie diese Band.

„Ich war der witzigste Typ dem du je begegnet bist 
Deshalb verliebtest du dich dann in mich
Die ganze Pizzeria sah uns zu und lachte
Als ich auf den Knien balancierte und dir den Antrag machte
Und ich erinnere mich wie ich damals dachte
wie ich damals dachte

Irgendwann wird alles gut
Irgendwann wird alles gut
Dinge gehen schief, Dinge gehen verloren
Dinge gehen schief, Dinge gehen verloren
Doch irgendwann wird alles gut

Jetzt sitzt du neben mir und gewöhnst dich dran
In mir einen Trottel zu sehen der nichts hinkriegen kann
Vielleicht hast du ja Recht doch es ist nicht so schlimm
Die Geräusch des Sommers flirren im Abendwind
Und irgendwo probt eine Punkband
Und mir kommt in den Sinn
Und mir kommt in den Sinn

Irgendwann wird alles gut
Irgendwann wird alles gut
Dinge gehen schief, Dinge gehen verloren
Dinge gehen schief, Dinge gehen verloren
Doch irgendwann wird alles gut  

Irgendwann wird alles gut
Irgendwann wird alles gut
Dinge gehen schief, Dinge gehen verloren
Dinge gehen schief, Dinge gehen verloren
Doch irgendwann wird alles gut“

Rock and Roll.

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Kristofer Åströms „Hard Times“ – eine Hommage an den Alltag, eine Hommage an den Herzschmerz


Schwedens seit Jahr und Tag bestem, tollstem und (zumindest in meinem Hörerherzen) größtem Singer/Songwriter Kristofer Åström kann man nach beinahe drei Jahrzehnten als Musiker freilich nichts mehr vormachen, schließlich hat der ehemalige Fireside-Frontmann mit Album-Großtaten wie „Northern Blues„, „Leaving Songs„, „Loupita“ oder „So Much For Staying Alive“ den melancholischen Lonesome-Scandinavian-Cowboy-Folk mit all seinen herrlichen Schlenkern in Richtung Americana und Alt.Country längst und bis ins blutende Herzensmark für sich durchdekliniert. Und wenn der 46-jährige nordische Troubadour aus dem nordschwedischen Luleå seinen zehnten Solo-Langspieler „Hard Times“ nennt, geht es natürlich nicht um die verrückte Welt da draußen (schließlich entstanden die acht Stücke vor Corona), sondern einmal mehr um das Hadern mit der ollen Liebe.

Denn egal ob im Pop oder Folk – mit dem Liebeskummer ist es so eine Sache. Unzählige Male schon wurde in emotional-melancholischen Songs gelitten, getrauert, geschimpft. Aber genauso wie es weiterhin Liebeskummer geben wird, werden auch weiterhin Lieder darüber geschrieben – selten allerdings so überzeugend wie vom schwedischen Musiker mit dem markant zartdunklen Schmelz in der Stimme. Er wolle nicht der Notnagel sein, der einfach nur bis zur nächsten richtigen Beziehung gut genug ist, singt Åström schon im herausragenden Opener „Inbetweener„. Vor allem das Schlagzeug verleiht dem Stück dabei den nötigen Nachdruck. Und in „In The Daylight“ erinnert er sich an den 16-jährigen Kristofer, der am verabredeten Ort vergeblich auf sein Date wartet: „I hope that you can live with the scar that you gave me“. Ja, in unseren derzeitigen „Hard Times“ ist es natürlich ein willkommener Luxus, die Realitätsflucht in den Liebeskummer anzutreten zu können…

Nachdem Åström zuletzt – das jüngste Werk „The Story Of A Heart’s Decay“ erschien vor fünf Jahren – meist allein mit seiner Akustischen zu hören war, holte er sich für einige Songs von „Hard Times“ wieder seine vertraute Band ins Studio irgendwo im schwedischen Niemandsland, in den Wäldern von Värmland. So wechseln sich hier rein akustische und bandbegleitete Songs ab. Das Ergebnis ist auch ein klein wenig eine Reise zurück zu Åströms musikalischen (Solo-)Anfängen, weiß jedoch trotz der unterschiedlichen Dynamik immer zu berühren.

„Though the music on ‚Hard Time’s is not Country, it certainly has the feeling of it…“ (Kristofer Åström)


Er fand, die Songs bräuchten eine Band, wie der Singer/Songwriter in einem Interview erzählt. Diese Band habe er mit ein paar Freunden zusammengestellt, seitdem tourten und spielten sie zusammen. „Wir haben auch das vorherige Album ‚The Story Of A Heart’s Decay‘ zusammen aufgenommen. Deshalb wollte ich unbedingt, dass die ganze Band auch diesmal dabei ist. Aber es gibt ein paar Songs auf dem Album nur mit mir und einer Akustikgitarre.“

Unterstützung holte sich Kristofer Åström für dieses Album jedoch nicht nur von seinen Band-Buddies, sondern einmal mehr auch von Britta Persson, ihres Zeichens eine der besten und bekanntesten Indie-Folk-Musikerinnen Schwedens, die bereits vor etwa 15 Jahren im famosen „The Wild“ (vom Album „Loupita“) stimmlich aushalf. Dieses Mal singen die beiden im feinen „Another Love“ von der Hilflosigkeit, in die man verfällt, wenn sich der Partner in jemand anderen verliebt. “The sun don’t shine on me and the night won’t leave me be…” – Den Schmerz in ihren Stimmen kann man dabei fast spüren. (Sorgen muss man sich um den Musiker trotzdem nicht machen, wie etwa „Michelle“, welches zunächst lediglich auf einer dem Album beiliegenden limitierten Bonus-Vinyl erscheint, beweist. Dieser Song trägt den Namen seiner Frau, Åström spielte ihn bei ihrer Trauung.)

Während in den gut vierzig Minuten, wie im knapp achtminütigen, dezent an Neil Young gemahnenden Psychedelic-Abschluss „Night Owl„, ein ums andere Mal Verweise auf frühe Solo-Großtaten anklingen (da kann der Singer/Songwriter noch so oft dementieren, mit dem Album nicht wie früher klingen zu wollen), scheint der Albumtitel „Hard Times“ wie gemacht für eine Kurzzusammenfassung der vergangenen neun Monate. Doch Kristofer Åström versichert, dass der Titel bereits weit vor Corona feststand. Vielmehr habe er sich von dem amerikanischen Folksong-Klassiker „Hard Times Come Again No More“ inspirieren lassen: „Zuerst wollte ich das Album ‚Hard Times Come Again No More‘ nennen – als eine Art Anspielung auf den tagtäglichen Kampf, den jeder von uns durchmacht“, so Åström. „Und wenn ich mich umsehe und mit Freunden und auch anderen Menschen spreche, die ich treffe, merke ich: Jeder kämpft jeden Tag. Dieses Album ist also eine Art Hommage an den Alltag.“

Fakt ist: die Zeit gerade – und vor allem im nasskalt-trüben Herbst und Winter – ist an vielen Tagen für nicht wenige von uns verdammt beschissen, und für die meisten echt hart. Und deshalb sind Alben wie „Hard Times“ wie eine unverhoffte Begegnung mit einem lieb gewonnen Freund, den man zu lange aus den Augen verloren hat: eine nur allzu willkommene Fluchtmöglichkeit.

Hier kann man das Album in Gänze streamen:

…und eine Demo-Version des Openers „Inbetweener“ hören:

Rock and Roll.

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