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Das Album der Woche


Thrice – Horizons/East (2021)

-erschienen bei Epitaph/Indigo-

Wie viel Entwicklung verkraftet eine Fanbase? Wo anderorts wütend über die Abkehr von den meist härteren Gangarten geschimpft wird, zählen Thrice zu den wahrlich gesegneten Bands, die es nicht nur schaffen, konstant – im Gesamteindruck – recht gelungene Platten fernab fester Genrekonventionen zu veröffentlichen, sondern sich dadurch auch den Respekt von Kritikern wie Fans erarbeitet haben, welcher ihnen eine gewisse Freiheit ermöglicht, einfach das zu tun, was ihnen am meisten Freude bereitet: anspruchsvolle und unkonventionelle Songs zu schreiben. Kaum verwunderlich also, dass die vier Kalifornier ihren beinahe unantastbaren Status mit ihrem neusten Album “Horizons/East” erneut unterstreichen.

Foto: Promo / Matty Vogel

“Die einhundertprozentige Thrice-Erfahrung” nennt Schlagzeuger Riley Breckenridge es, als er unlängst in einem Interview erklärte, warum es eben doch hilfreich sein kann, wenn man die kreativen Zügel selbst in der Hand behält. Kein Produzent, der eigene Ideen einstreut und somit die Vorstellungen der Band verwässern könnte. Kein gemietetes Studio, das unnötig Budgets frisst und somit Zeitdruck hin zur überstürzten Hauruck-Ferigstellung entstehen lässt. Und vor allem: die absolute Freiheit, gewisse Dinge einfach umzusetzen, wie man es sich selbst vorstellt. Dass Dustin Kensrue (Gitarre, Gesang), Teppei Teranishi (Gitarre), Eddie Breckenridge (Bass) und Riley Breckenridge (Schlagzeug) damit gut fahren können, bewiesen etwa bereits “Beggars” (2009) oder die längst legendäre, verdammt groß gedachte “Alchemy Index”-Albumreihe (von 2007 bzw. 2008). Alle drei Platten wurden ebenfalls im eigenen Studio aufgenommen und gehören mittlerweile zu den Highlights der nunmehr elf Alben umfassenden Thrice’schen Diskografie.

Wer das kreative Schaffen des US-Alternative-Rock-Quartetts mit etwas mehr Tiefgang betrachtet, der weiß zudem, dass Kensrue und Co. jedem Werk ein grundlegendes Konzept widmen – beim neuen Album thematisieren sie dabei übergreifend die Akzeptanz des Ungewissen. Und schon in der Eröffnung brennt direkt die musikalische Luft: Der Opener “Color Of The Sky” glänzt durch (s)eine intensive Atmosphäre, die durch ein düsteres Synthie-Intro eingeleitet wird, nur um darauf von Dustin Kensrues dunkler Stimme gebrochen zu werden. Weit im Hintergrund kündigt sich das Schlagzeug an, bevor die Band gemeinsam in den Song einsteigt. Während die wuchtige Instrumental-Fraktion förmlich gegen die Synthie-Wand ankämpft, schwebt Kensrue über dem Ganzen, was eine unheimliche Stimmung erzeugt. Die tolle Produktion tut hier ihr übrigens, sodass die verschiedenen Sound-Ebenen wunderbar zur Geltung kommen. Klares Fazit: Bereits die erste Nummer kann mithalten im Konzert der ganz großen Nummern im Thrice’schen Backkatalog.

Mit “Scavengers”, das als erste Single vorab veröffentlicht wurde, folgt darauf einer der heimlichen Hits der Platte. “I will find you in the black light / Of that cold, dry land / Nevermind who held you last night / Come and take my, come and take my hand” – Nicht nur lyrisch, sondern auch musikalisch geben sich Thrice hier einmal mehr recht düster und nehmen damit in gewisser Weise Bezug auf ihr 2016er Album „To Be Everywhere Is To Be Nowhere„. Gleiches gilt für “Buried In The Sun”, einen der härteren Songs der neuen Platte, der in bester Fugazi-Manier den Bass in den Vordergrund setzt, während Dustin Kensrue bissig ins Mikro keift: “2, 4, 6, 8, USA! (all right!)”.

Ebenso ein Highlight: “Northern Lights”, einer dieser Songs, der stellvertretend dafür steht, dass Thrice gern “andere Wege” gehen wollen. Denn anstatt es auf ein typisches Rockfundament zu stellen, baut die Band das Stück auf einer jazzigen Pianoline auf. Hier zeigen Thrice auch, wie raffiniert und detailverliebt sie oft genug zu Werke gehen, ohne jedoch an Durchschlagskraft und Fokus einzubüßen. In nicht einmal vier Minuten durchlaufen sie so gleich mehrere Gefühls- und Tempowechsel. Schlagzeuger Riley Breckenridge prägt die Strophen mit einem rastlosen, synkopierten Beat, während Gitarrist Teppei Teranishi einen von der Fibonacci-Folge inspirierten Lick daddelt. Im Refrain wiederum wechselt der Vierer zu maximaler Harmonieseligkeit, leicht angekitscht mit Shaker und getragen von Dustin Kensrues sehnsüchtig vorgetragener Balladenhook – nur wenige Bands wissen Klangräume so effektiv zu gestalten wie Thrice. Zudem gerät der Sound hier – ähnlich wie beim zweiten “Alchemy Index”-Teil (“Air/Earth”) – sehr organisch und natürlich, da eben auch vermeintlich unwichtige Nebengeräusche beim Ein- und Anspielen zu hören sind und das Ergebnis sich beinahe wie eine live im Studio entstandene Aufnahme anfühlt. “Wir wollten erreichen, dass es so klingt, als ob wir gemeinsam in einem Raum sitzen. Möglicherweise hätten wir das mit einem Produzenten anders gemacht”, erklärt Riley Breckenridge dazu. Auch “Still Life” hätte stimmungstechnisch wohl (s)einen Platz auf “Air“ oder “Earth” finden können, strahlt der Song doch eine gewisse Schwere und Melancholie aus, während Kensrue eine schaurige Geschichte erzählt, die in ihrer Bedeutung frei erscheint und doch Bilder von einem verlassenen Schlachtfeld aufkommen lassen (wenngleich dem Crescendo doch ein wenig der „Saft“ fehlt).

Während “The Dreamer” – mit dezenter Referenz an John Lennons „Imagine“ – dramatisch in den Strophen, dafür aber mit angezogener Handbremse in den Refrain geht, sucht der Kopfnicker “Summer Set Fire To The Rain” eher die Weite. Hier spielen Thrice einmal mehr ihre Stärken aus und bewegen sich zwischen treibendem Post Rock-Riffs und einem Finale, das seinen Shouts wegen auch dem einen oder anderen Fan der härteren (Früh)Phasen der Band gefallen dürfte. Und sagte man Thrice zuletzt gewisse Einflüsse von Radiohead nach, so werden diese wohl bei “Robot Soft Exorcism” am deutlichsten. Angetrieben von einem beinahe hypnotisierendem Beat (im 7/8-Takt), der zunächst synthetisch klingt, dann aber instrumental aufgenommen wird, gibt sich die 1998 in Irvine, Kalifornien gegründete Band hier zunächst geheimnisvoll, bis der Refrain die Anspannung auflöst und sich im Verlauf immer weiter öffnet. „Dandelion Wine“ pendelt zwischen Ruhe und Extase, kann seine Dringlichkeit jedoch nicht auf Dauer aufrecht halten. Ungewöhnlich auch der Abschluss „Unitive/East“: kein „typischer“ Rausschmeißer, sondern vielmehr einer klassischer Atmosphäre-Aufmacher, der Lust darauf schürt, sich in eine neue Welt hineinziehen zu lassen. 

Foto: Promo / Dan Monick

Wie so oft bei Thrice ist auch “Horizons/East” ein Album, das vor allem von den Bildern lebt, welche es schon von der ersten Sekunde an vor dem inneren Auge zu malen beginnt und – natürlich – auch von den letzten beiden Jahren inspiriert ist. Doch anders als viele andere Quarantäne-Ergebnis-Platten, die sich eben mit der Pandemie und den Folgen für uns und unser Miteinander direkt auseinandersetz(t)en, gehen Thrice eher subtil vor. Das mag vor allem an Kensrues gewohnt offenen Texten liegen, die viel Raum für eigene Interpretation lassen. Und auch wenn der Horizont an sich ein Bild der Weite (oder eben sichtbaren Begrenzung) symbolisiert, so klingt “Horizons/East” doch im Gros alles andere als leicht und einfach – es ist schlichtweg kein musikalischer Luftikus fürs Nebenbeihören. Das Album fordert die volle Aufmerksamkeit und wohl auch einige Wiederholungen, um es wirklich (be)greifen zu können. Und aller komplexen Dynamik, allen Experimenten zum Trotz erfinden sich Thrice keineswegs neu, sondern besinnen sich auf ihre mittlerweile im Alternative Rock angesiedelten Stärken, holen dabei jedoch auch Grunge-, Post Rock-, Post Hardcore- und sogar Jazz-Fans mit ins tönende Boot, während sich Dustin Kensrue und seine Bandmates vor legendären Bands wie Fugazi oder Frodus verneigen, aber auch Post Rock der Marke God Is An Astronaut durchklingen lassen. So darf’s nach dem recht durchwachsenen Vorgänger „Palms“ gern weitergehen, meine Herren.

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Torres – Thirstier (2021)

-erschienen bei Merge/Cargo-

Für alle jene, die in ihrem Leben auch nur eine Fingerbreit an Erziehung genossen haben, mag sich das zwar wie eine obligatorische Selbstverständlichkeit lesen, aber: Ein gepflegter Umgang mit anderen Menschen ist sehr wichtig. Ein respektvolles, freundliches Miteinander ist in einer zivilisierten Gesellschaft ja fast schon eine Visitenkarte, Höflichkeit eine Selbstverständlichkeit. Gossensprache? Können die anderen gern für sich beanspruchen. Sich laut anschreien und beleidigen? Wohl vielmehr etwas für die Kommentarspalten in den sozialen Medien oder irgendwelche x-beliebigen Bewertungsforen. Kraftausdrücke? Bitte nur in absoluten Ausnahmefällen. Und ein solcher lag etwa im Januar 2020 vor, als Torres ihr damals neu erscheinendes viertes Album „Silver Tongue“ mit einem Waschzettel an ihr Ex-Label 4AD und dem recht drastischen Ausruf „Fuck the music industry“ garnierte – kein Wunder, schließlich hatte ebenjenes Label, einem vereinbarten Drei-Platten-Deal zum Trotz, die Künstlerin bereits nach einem Album fallen lassen, da die US-Musikerin ihnen „zu wenig kommerziell“ erschien. Gemessen in den Umständen ging dieses Zitat also vollkommen in Ordnung… Ebenso wie nun der spontane Ersteindruck, welcher wohl nicht wenigen Hörern und Hörerinnen angesichts von Torres‘ neuem Werk linguistisch entfleuchen dürfte: Verdammte Scheiße, ist das geil!

Foros: Promo / Shervin Lainez

Denn Mackenzie Ruth Scott alias Torres scheint auf „Thirstier„, dessen Albumcoverartwork wohl kaum zufällig einmal mehr von Scotts Lebensgefährtin, der Künstlerin Jenna Gribbon, stammt, neuerdings die Sonne aus dem nicht eben untalentierten Arsch. Ja, sorry – manche Dinge muss man eben einfach sagen, wie sie sind. Nach diversen Selbstfindungsprozessen und den bereits erwähnten Label-Schwierigkeiten war es nun aber auch mal an der Zeit, allen Zweiflern, Zweifeln und Ängsten ins Gesicht zu lachen und sich vor allem den positiven Dingen des Lebens zu widmen. Torres‘ fünftes Album macht genau das – nicht nur, dass es ihre optimistischste und gelungenste Platte bis dato ist, man hört ihr auch den neuen, schönen Ausblick in die Zukunft deutlich an. Typisch für jemanden, dem es nach einer längeren Durststrecke nun endlich – sowohl im Privaten als auch im Kreativen – richtig gut geht, will das Album zudem umso mehr erreichen. Warum nur dieses eine Land erobern, wenn es auch die ganze, weite Welt sein kann? Eben. Und insofern ist „Thirstier“ ein durchaus passender Albumtitel, denn Mackenzie „Torres“ Scott hat Durst. Und wahrscheinlich auch Hunger. Nach mehr von allem. Und nimmt es sich. Das Bankett ist hiermit eröffnet! Alle Ecken und Enden der zehn neuen Stücke vermitteln den Eindruck, dass die 30-jährige Musikerin aus New York City das ersehnte Licht am Tunnelende emotional und musikalisch erreicht hat. Gerieten die ersten beiden Platten noch etwas karg und spröde (man denke sich ein schwermütiges Gespräch zwischen PJ Harvey und Cat Power zurecht), war das 2017 erschienene „Three Futures“ eine musikalische Haltestation irgendwo zwischen Trance, Electro und Synth Pop, in deren Landschaft sie auf ihrer selbstproduzierten LP „Silver Tongue“ noch tiefer stolzierte, so deutete der Vorgänger jedoch bereits erste Züge jenes Grunge-Rocks an, den sie auf „Thirstier“ im strahlend bunten Cinemascope-Format nun selbstbewusster und fokussierter denn je zelebriert.

Ich wollte meine Intensität in etwas kanalisieren, das sich positiv und konstruktiv anfühlt, im Gegensatz zu einer intensiven, zerstörerischen oder ausweidenden Art und Weise. Ich liebe die Idee, dass Intensität tatsächlich etwas Lebensrettendes oder etwas Freudiges sein kann.“ (Mackenzie Scott)

Noch nicht überzeugt? Dann bitte doch mal direkt die tolle Single „Hug From A Dinosaur“ anwerfen, die – auch abseits des lustigen Bildes vorm inneren Auge ob des Titels – natürlich vor allem musikalisch, als dreckig tönendes Garage-Rock-Highlight der Platte, überzeugt. Vorwärts geht’s hier, mit Chor und Handclaps und viel Strom. Pompös ist das, opulent, ein bisschen kitschig wohlmöglich – und verflixt noch eins spaßig! Das lassen sich andere Songs nicht zwei Mal sagen und trumpfen ebenfalls auf: Der Opener „Are You Sleepwalking?“ vereint glatt zwei, drei Stücke in sich – und erinnert doch in jedem einzelnen an Annie „St. Vincent“ Clark, als wäre es ein verdammtes Kinderspiel. Ein bisschen gemäßigter, aber nicht weniger klasse schrammelt sich „Drive Me“ den Rest-Frust von der Seele und gibt obendrein noch explizite Anweisungen an den Uber-Fahrer – zielführend nennt man das wohl. Der darf sich dem wochenendlichen Indie-Club-Hopping gleich anschließen, wenn „Hand In The Air“ die hoffentlich baldige vollumfängliche Rückkehr aus sämtlichen Isolationen und Quarantänen einleitet und fast vergessen lässt, worauf man so lange verzichten musste.

Als genauso unberechenbar und facettenreich wie die Liebe, die Torres immer wieder besingt und in all ihren kunterbunten Dimensionen feierlich inszeniert, erweisen sich allerdings auch manche musikalischen Wendungen, die sie inmitten der bombastischen, zumeist Riff- und Hookline-orientiertem Grunge-Power-Pop-Ausrichtung des Albums platziert. „Constant Tomorrowland“ dürfte in dieser Hinsicht zunächst wohl für die meisten Fragezeichen sorgen. Eine klanglich irgendwo zwischen Mittelalter und Seemannslied angesiedelte Folk-Hymne über das Wassermannzeitalter ist schließlich nicht zwingend das erste, an das man nach einer ordentlichen Rock-Injektion rechnet. Mit „Kiss The Corners“ schleicht sich wenig später auch noch eine House-Nummer ein, die ebenfalls den Eindruck erweckt, als hätte sich Torres auf dem Weg zu einer anderen Platte irgendwo verlaufen (gern kann man’s jedoch als Echo der Langspielvorgänger hören). „Big Leap“ mag im Kontext des Albums weniger experimentell erscheinen, dafür jedoch deutlich ruhiger und minimalistischer. Den daraus entstehenden Fokus auf ihren Gesang nutzt Torres, um einige der am schwersten verdaulichen Textzeilen der Platte aufzufahren. Indem sie den schweren Unfall eines Freundes mit einem bittersüßen emotionalen Zwiespalt Revue passieren lässt, bricht sie für einen Moment mit der grundlegend optimistischen Thematik des Albums: „Somehow you’re still here / Got a birthday in three weeks / But now all I can do is cry and worry / I hounded you to stay on the ground / It’ll haunt me forever the way you came down.“ Uff? Uff. Aber nur Friede-Freude-Eierkuchen wäre ja auch langweilig, oder?

Ja, die Auswahl an Torres‘ „Thirstier“-Büfett gerät wahrlich ebenso zahlreich wie sättigend. Da fügt sich die fantastische erste Single „Don’t Go Puttin Wishes In My Head“ mitsamt ihrer Synthesizer-Stärke und den messerscharfen Gitarrenriffs genauso easy-peasy ins Gesamtbild ein wie das sanft startende und in einem fulminanten Feuerwerk endende fantastische Titelstück. „The more of you I drink / The thirstier I get“, singt Torres da und sorgt damit für eifrig zustimmendes Kopfnicken bei der Hörerschaft, sind solche Zeilen doch wie gemacht dafür, als Tattoos Parade getragen zu werden. Ein durch und durch brillanter, positiv gestimmter, gen Firmament jubilierender Love-Song im besten Sinne, der dem dezent angestaubten Genre endlich mal einen neuen Rock-Twist angedeihen lässt. Zum Schluss dann, wenn „Keep The Devil Out“ die letzte Power aus der Drum-Machine kitzelt und den Teufel in den letzten Sekunden wohl derart in die Erschöpfung zwingt, dass er von ganz allein aufgibt, bleiben nicht mal mehr genug Kraftausdrücke übrig, um die aktuelle Gefühlslage zu beschreiben. Also macht man es am besten so wie nach einer guten Mahlzeit: ein bisschen die olle Wampe tätscheln und selig lächeln. Alles ist gut – für Mackenzie Scott und nach dem Genuss dieses Albums, das einen von Mal zu Mal tiefer in seinen Bann zieht.

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


The Killers – Pressure Machine (2021)

-erschienen bei Island/Universal-

Die Geschichte des knappe zwei Jahrzehnte jungen The Killers-Welthits „Mr. Brightside“ beweist unfreiwillig gleich zwei Dinge: die Überlebenskunst guter Musik und die absolute Vergänglichkeit der Zeit. Jene wurde unlängst auch durch die vermaledeite Corona-Pandemie deutlich: Stillstand auf Bühnen, in den Clubs, Theatern. Und Schockstarre in den Köpfen, die bisher vernehmlich das immer schneller und hektischer werdende Leben im Überholspurrausch kannten. Dennoch oder gerade deswegen brachte Corona unverhoffte kreative Impulse. Abseits des Tournee-Trotts entstanden Pandemie-Alben, trauten sich Künstler*innen Wege einzuschlagen, für die vorher wenig Raum war. Und Brandon Flowers? Anstatt mit seiner Band nach der letztjährigen Veröffentlichung von Album Nummer sechs, „Imploding The Mirage„, auf ausgedehnte Tournee zu gehen, holten den The Killers-Bandkopf die Jahre in Nephi ein, einem 5.000-Seelen-Örtchen im Nirgendwo von Utah, Vereinigte Staaten, wo er als zehn- bis 17-Jähriger lebte, bevor es ihn in seine Geburtsstadt Las Vegas zurück verschlug – das eine als Antithese zu der schrillen, hell erleuchtenden Glitzerscheinwelt des anderen. Erinnerungen überkamen ihn in der Stille, in den Momenten der Ruhe, ließen ihn nicht mehr los.

„Es war für mich das erste Mal seit langer Zeit, dass ich mit Stille konfrontiert wurde. Aus dieser Stille heraus begann diese Platte zu erblühen, voll von Songs, die sonst zu leise gewesen wären und vom Lärm typischer Killers-Platten übertönt worden wären.“ (Brandon Flowers)

Fotos: Promo / Danny Clinch

Erinnerungen und Beobachtungen von Menschen aus einer prägenden Zeit, die er erst jetzt, Jahre später, halbwegs einordnen konnte. Klar, als weltumreisender Rockstar muss das einstige Leben in solch einem verlassenen Kleinstadtkaff natürlich absolut surreal erscheinen, doch Überheblichkeit und Lästerei sind nicht Flowers‘ Antrieb für „Pressure Machine„, dem siebten Album seiner Band und – wenn man so will – dem „Nebraska“ oder „The Suburbs“ der Killers. Vielmehr ist dieses sehr persönliche Werk eine respektvolle und dennoch kritische Auseinandersetzung mit dem American Dream und dem Antrieb der Menschen auf dem weiten Land, ihrer schier unendliche Motivation, nach jenem Ideal zu leben – koste es, was es wolle und leider nicht ohne die bekannten Nebenwirkungen: Kummer, Enttäuschung und Schmerz, blinde Religiösität, gestrige Homophobie und platter Rassismus. Gut, dass Flowers seine nostalgische Rückschau trotz einer ordentlichen Menge an Düsternis stets auch in Hoffnung und flüchtige Momente des Glücks tränkt.

Schnell wird beim Hören der elf Stücke zudem klar, dass man es hier fraglos mit dem bisher ungewöhnlichsten Werk der vornehmlich schillernden Bandgeschichte, die 2001 bezeichnenderweise in Las Vegas begann, zu tun hat. Es handelt sich um ein Konzeptalbum, das selbstbewusst mit den Einflüssen von Bruce Springsteens reduziertem „Nebraska“ kokettiert, welches Flowers neben John Steinbecks tragischer Kurzgeschichtensammlung „Das Tal des Himmels“ als wichtigen Einfluss für die neuen Stücke erwähnt. Daher ist es nur konsequent, dass die US-Band diesmal keine Vorab-Single voraus schickte, sondern eine Reihe cineastischer Trailer ins weltweite Netz stellte. Darin kommen Protagonisten des öden Mormonen-Städtchens zu Wort, dem das Album gewidmet ist, erzählen mal von Pferden, die erschossen werden müssen, weil sie sich bei der Stampede ein Bein gebrochen haben, mal von den Opioden, die so viele nehmen. Diese Spoken-Word-Passagen bilden auch die verbindenden Zwischenteile der einzelnen Stücke. Auch deshalb bildet die Song gewordene melancholische Western-Novelle einen starken Kontrast zu den leider oft zwischen egal und platitüd daher rockenden, herzlos-euphorischen Album-Vorgängern.

Überhaupt atmet „Pressure Machine“ musikalisches Wild-West-Feeling, kommt oft mit Pedal-Steel-Gitarre, Fiddle, Mundharmonika und typischem Country-Western-Twang à la Hank Williams daher. Gesanglich präsentiert sich Brandon Flowers einmal mehr in Bestform. Gleich zum Auftakt setzt „West Hills“ ein ebenso berührendes wie majestätisches Ausrufezeichen. Der flirrende Sound steigt, getragen von Streichern, langsam an und baut sich zu epischer Größe auf, ohne dabei zu überdrehen. Nicht von ungefähr kommen Flowers, Ronnie Vannucci Jr. und Dave Keuning, der seine Leadgitarre auf dem vorhergehenden Album noch ruhen ließ und nun wieder zur Band stößt, mit diesem Stück dem Songwriting eines David Bowie näher, als sie es vermutlich je planten, während sie die tragische Geschichte eines drogensüchtigen Mannes erzählen, der dem Hillbilly-Heroin verfallen ist und nun in der Gefängniszelle sitzt. Was man eben so tut, um der inneren Einsamkeit Herr zu werden…

Zudem scheinen auch Scheuklappen und Geduld wichtige Überlebenseigenschaften zu sein, wie man in „Cody“, einem tollen Song über einen Jungen, der gerne mit Feuer spielte und wegen eines schlimmen Brandes im Ort einst geächtet wurde, erfährt. Jener Cody steht zudem stellvertretend für das Weitermachen, aber auch für die Sehnsucht nach einem anderen Leben: „So who’s gonna carry us away? / Eagles with glory-painted wings? / We keep on waiting for the miracle to come.“ Flowers beschreibt den Glauben an Gott und Gerechtigkeit, das Leben mit dem sozialen Druck einer zutiefst konservativen Gesellschaft, die bereits in den Neunzigern in (pseudo-)moralischen Werten ihres Glaubens versunken schien. „And Cody says / He didn’t raise the dead / Says ‚religion’s just a trick to keep hard-working folks in line‘.“ „Terrible Thing“ behandelt Homophobie in der religiösen Kleinstadt, erzählt aus der Perspektive eines schwulen Teenagers. „Runaway Horses“ – noch so ein feines Highlight – bildet im Duett mit Indie-Darling Phoebe Bridgers die Chronik einer Romanze nach. Einzig „Desperate Things“ ist eine rein fiktive Geschichte, eine Mörder-Ballade, die sich anhört wie ein vergessener, großartiger Song aus der Boss’schen „Nebraska“-Zeit. Er handelt von einem Polizisten, der sich in ein Opfer häuslicher Gewalt verliebt und schließlich den Täter umbringt. Erstaunlich, aber tatsächlich wahr – vermutlich machte es bislang selten solche Freude, Flowers‘ Texten zu lauschen, auch im Titelsong wird er deutlich: „But the Kingdom of God, it’s a pressure machine / Every step, gotta keep it clean.“

Bemerkenswert und zugleich logisch erscheint der Umstand, dass zunächst sämtliche Texte dieses Albums standen, bevor die Band überhaupt einen Takt der Musik komponierte. Daher trägt „Pressure Machine“ den fluffigen, Eighties-infizierten The Killers-Sound der jüngeren Vergangenheit nur in Nuancen in sich. Mit Fokus auf akustische Gitarre, Streicher-Arrangements und dezente Country- und Blues-Elemente verortet sich das Werk musikalisch ein ums andere Mal bewusst nah bei Springsteens süffisant-erdigem Heartland-Rock, an der ungeschönten Umweltschau eines Johnny Cash und ebenso oft bei klassischen Singer/Songwriter-Platten – manch eine(r) wird sich gar an die letztjährige Bright Eyes’sche Album-Großtat Down in the Weeds, Where the World Once Was“ erinnert fühlen. Etwas flotter lassen es eigentlich nur das gelungene „Sleepwalker“, „In The Car Outside“ mit seinen Synthie-Wänden sowie dem stoischen und doch beinah hymnischen Gitarrenfinale sowie das schwelgerische, von zarten Synthies und vom Akkordeon geküsste „Quiet Town“ angehen. „When that jukebox in the corner stops playing country songs that sound like mine / I spent my best years laying rubber on a factory line“, zwinkert Flowers selbstironisch in „In Another Life“, um sich dennoch der Frage zu widmen, die sich wohl nicht wenige irgendwann einmal stellen: „I wonder what I would’ve been in another life…“

Gegen Ende singt Flowers „People do desperate things“. Man glaubt es, man weiß es. Denn die bittersüße Melancholie des tristen Alltags im von aller Aufregung verlassenen Nirgendwo ist an allen Ecken und Enden greifbar. „Nephi in the nineties could’ve been Nephi in the fifties“, gibt der mittlerweile 40-Jährige zum Release zu Protokoll und macht deutlich, wie sehr manche Landstriche und deren Einwohner vom Fortschritt und Wohlstand übersehen und längst vergessen wurden. Dennoch weiß er auch um die Vorzüge: „Part of me is still that stainless kid / Lucky in this quiet town: salt of the land, hard-working people / If you’re in trouble, they’ll lend you a hand.“

„In der Pandemie fühlte es sich plötzlich für alle so an, als säße man mitten im Nirgendwo. Ich spürte plötzlich, dass es aus der Zeit dort viele negative Gefühle gab, die ich wohl verdrängt hatte, weil ein Großteil meiner Erinnerungen an Nephi sehr schön ist. Aber die, die mit Angst oder Traurigkeit verbunden waren, hallten sehr stark in mir nach. Ich verstehe sie nun besser als zu Anfangszeiten der Band und hoffe, ich konnte mit meinen Liedern den Geschichten und den Menschen dieser kleinen Stadt, in der ich aufgewachsen bin, gerecht werden.“ (Brandon Flowers)

In Gänze gerät „Pressure Machine“ zur ebenso unverhofften wie beeindruckend-ungewohnten, vom Corona-Stillstand beeinflussten Momentaufnahme im Killers-Albumkanon, der schon bald wieder in Richtung Stadionrock abbiegen könnte. Ein Album wie das Musik gewordene Äquivalent zum kaum weniger zu empfehlenden Oscar-Gewinner „Nomadland„. Die Geschichte des Welthits „Mr. Brightside“ mag die Killers bis in die großen Arenen und in die Herzen irischer Pubs geführt haben, ist jedoch ebenso unmittelbar mit diesem kleinen Ort im US-amerikanischen Niemandsland verbunden.

Rock and Roll.

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Monday Listen: Washington Irving – „August 1914“


„Washington Irving are a chaotic indie rock band from Scotland.“ – So beschreibt sich die fünfköpfige Band selbst auf ihrem Bandcamp-Profil – und diese erste, eigene Standortmarkierung trifft den klingenden Nagel bereits recht gut auf den tönenden Kopf, denn irgendwo zwischen zerbrechlichen Folktönen und ausufernden Lärmwänden zelebrieren Washington Irving ihre Musik. Ich meine: Wer dem schottischen, ohnehin meist verdammt nah am melancholischen Ufer geparkten Gemüt auch sonst nahe steht und Bands wie Frightened Rabbit, We Were Promised Jetpacks oder There Will Be Fireworks im Hörerherzen mit sich spazieren trägt, dürfte sich hier sehr gut aufgehoben fühlen.

Zudem scheinen die Lads von Washington Irving ein ausgesprochenes Faible fürs Geschichtliche zu haben, immerhin benannte sich die Band nach einem amerikanischen Schriftsteller. Und auch ihr 2017 nach einer Handvoll EPs erschienenes Debütalbum „August 1914“ backt nicht eben kleine Musikbrötchen, immerhin befasst sich dieses als Konzeptalbum mit „den Kriegen des 20. Jahrhunderts“, wie Leadsänger und Gitarrist Joseph Black selbst meint. Umso erstaunlicher, dass das gut dreiviertelstündige Endergebnis nicht düster, trist und verkopft, sondern durchaus formidabel nach vorn indierockend gerät und mit seinen einerseits laut tönenden, andererseits fragil am Herz packenden Emotionen und seiner süchtig machenden Intensität ein ums andere Mal wie die besten Monate der oben genannten Bands klingt (mit Frightened Rabbit waren Washington Irving bis zum Tod von FR-Frontmann Scott Hutchison auch gut befreundet und teilten nicht selten Backstageräume und Konzertbühnen). Bei all der Qualität, die die zehn Songs von „August 1914“ auf den Plattenteller legen, verwundert es durchaus, dass seinerzeit scheinbar kaum jemand Wind von diesem Indie Rock-Kleinod bekommen hat und das Quintett aus Glasgow seit gut drei Jahren leider auf kreativem Eis liegt… Nichtsdestotrotz: ein echter Geheimtipp!

Rock and Roll.

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Song des Tages: The Distillers – „City Of Angels“ (live)


Na da hör‘ her! The Distillers haben ein Live-Album titels „Live In Lockdown“ veröffentlicht, welches ab sofort digital erhältlich ist. Die insgesamt neun Songs, die während eines Livestreams gegen Ende des vergangenen Lockdown-Jahres aufgenommen wurden, werden am 21. November 2021 über Rise Records auch auf Vinyl erscheinen.

Zwölf Jahre nach ihrer Auflösung kündigte die Band 2018 etwas überraschend ihr Comeback an, dem das Punk-Rock-Quartett einige Live-Auftritte in den US of A sowie der Single „Man vs. Magnet / Blood In Gutters“ die ersten neuen Songs nach immerhin 14 Jahren Sendepause folgen ließ. The Distillers gründeten sich 1998 um Frontfrau Body Dalle im kalifornischen Los Angeles und lösten sich 2006 auf, nachdem sowohl Schlagzeuger Andy Granelli als auch Bassist Ryan Sinn die Band verlassen hatten. In jenen acht Jahren veröffentlichte die Band drei Alben und erlangte mit diesen (sowie eventuell dem Fakt, dass ihre Frontfrau bis 2020 mit Queens Of The Stone Age-Vorsteher Josh Homme liiert war) weltweit Kultstatus. Brody Dalle und Gitarrist Tony Bevilacqua gründeten nach Auflösung der Distillers mit Spinnerette eine neue Band, welche jedoch recht kurzlebig geriet. Brody Dalle ist seitdem auch als Solo-Künstlerin aktiv und veröffentlichte im Jahr 2014 mit „Diploid Love“ bislang ein Album unter eigenem Namen.

Nachdem The Distillers, die aktuell auch am Nachfolger zum 2003 erschienen jüngsten Langspieler „Coral Fang“ arbeiten, ursprünglich 2020 die ersten Europa-Shows nach ihrem Comeback spielten wollten, bestätigte die Band um Frontfrau Brody Dalle erst vor kurzem die neuen Tour-Termine für 2022. Da „Live In Lockdown“ im vergangenen Dezember aufgezeichnet wurde, mutet das Video zum Repertoire-Klassiker „City Of Angels“, welches den Vierer zwischen Weihnachtsbäumen, Kunstschnee, Schneemännern und Zipfelmützen zeigt, aktuell, Mitte Juli, zwar etwas eigenartig an, nichtsdestotrotz kann man sich damit bestens davon überzeugen, dass Brody Dalle und ihre Männer auch nach über einer Dekade Funkstille recht wenig von ihrer punkrockenden Energie verloren haben…

— The Distillers live —

02.06.22 Berlin, Zitadelle
06.06.22 Hamburg, Fabrik
10.06.22 UK-Donington, Download Festival
12.06.22 AT-Nickelsdorf, Nova Rock Festival
14.06.22 NL-Amsterdam, Melkweg
15.06.22 NL-Amsterdam, Melkweg
18.06.22 BE-Antwerpen, Trix
19.06.22 LU-Luxemburg, Den Atelier

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Violet Soda


Hört man die Songs von Violet Soda, dann mag man an recht vieles denken, jedoch kaum an Zuckerhut, Copacabana, Samba, Neymar oder Gilberto Gil. Doch tatsächlich stammt das Quartett, welches sich möglicherweise seinen Namen bei diesem Drink geliehen hat, aus dem brasilianischen São Paulo, wo Sängerin und Gitarristin Karen Dió, Gitarrist Murilo Benites, Bassist Tuti AC und Schlagzeuger André Dea im Jahr 2018 beschlossen, fortan gemeinsam etwas lauter Sache zu machen. Ihren Sound lehnen Violet Soda vor allem am Grunge, Alternative Rock und krachigen Indie Rock der Neunziger an: ein wenig von der suffschiefen Riot-Grrrl-Attitüde à la Courtney Love und Hole, ein gerüttelt Maß des unkaputtbaren Powerrocks von Dover, zwei Messerspitzen Joan Jett und Pixies sowie ein großzügiger Esslöffel des ohrwurmigen Zeitgeist-Poprocks von Paramore (deren Frontfrau Hayley Williams auch das das stilistische Vorbild von Karen Dió sein dürfte) – fertig sind Songs wie „Charlie“, „Girl!“, „Tangerine“, „Coffee“ oder „Candyman“.

Nachhören kann man all das bisher auf zwei EPs von 2018 sowie dem selbstbetitelten, ein Jahr darauf erschienenen Debütalbum. Zuletzt – und daran dürfte auch die konzertfreie Zeit der Pandemie Schuld sein – ließ es die Newcomer-Band im heimischen Proberaum etwas ruhiger angehen und veröffentlichte zwei Unplugged-Sessions. Und auch die beweisen das durchaus vorhandene internationale Potential von Violet Soda, die im Rahmen ihres Debütalbums verrückterweise bisher nur drei Shows vor Publikum spielen konnten. Kaum verwunderlich also, dass so langsam auch die Online-Musikpresse außerhalb ihrer südamerikanischen Heimat auf das Vierergespann aufmerksam wird – beim britischen „KERRANG!“ etwa fanden Karen Dió und ihre Jungs unlängst im Rahmen einer näheren Betrachtung der brasilianischen Musikszene Erwähnung…

Rock and Roll.

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