Schlagwort-Archive: Alternative Metal

Song des Tages: Beard Of Harmony – „Right In Two“ (feat. Yann Phayphet)


beard of harmony

„Erzähl‘ mir mir lieber nichts“, meint Sreejith Sreekumar Nair, 31, als er gefragt wird, ob es denn schwer sei, an bekanntermaßen (zu) lauten Orten für Live-Musik, wie etwa Bars, aufzutreten. „Die meiste Zeit sagen sie: ‚Das ist es? Das ist die Band?‘ Sie akzeptieren nicht, dass zwei Personen eine Band sein können. So als wären drei oder vier – oder ein Bass oder eine Schlagzeug – die Mindestvoraussetzung, um sich als Band bezeichnen zu dürfen“, sagt Sreejith. Doch das aus dem indischen Bengaluru stammende Akustikgitarren-Duo Beard Of Harmony, als das Sreejith (alias ‚Sreejith the Beard‘) und Ruben Varkey Simon, 28, auftreten, beeindruckte das Publikum nichtsdestotrotz bislang überall dort, wo sie aufgetreten sind, wie etwa auf dem via Crowdfunding finanzierten Musikfestival „Control Alt Delete“ in Mumbai im März vergangenen Jahres.

a2899828089_16Das Zweigespann fand 2016 in ihrer Heimatstadt Thiruvananthapuram, mit Sreejith am Lead-Gesang und der Rhythmusgitarre und Ruben an der Lead-Gitarre und den Harmonien, zusammen. Im Januar 2019 erregten die beiden recht schnell die Aufmerksamkeit der nationalen Musikpresse mit der Veröffentlichung ihrer Debüt-EP „Roots„, die mit vier durchaus temperamentvollen, melodieseligen Songs aufwartete.

Ironischerweise sind Beard Of Harmony jedoch wohl den meisten Surfern im weltweiten Netz durch ihre Coverversion eines Songs einer durchaus nicht unbekannten US-Alternative-Prog-Metal-Band unter den Mauszeiger geraten: „Right In Two“ von Tool (im Original vom 2006er Album „10.000 Days„). Das Live-Session-Video ihrer Interpretation, aufgenommen mit dem Kontrabassisten Yann Phayphet von den französischen Jazzern EYM Trio, wurde bis heute von über einer Million Menschen auf YouTube angeklickt.

„Das hilft uns“, so Sreejith. „Wo immer wir auch hingefahren sind, viele Leute haben uns [bereits] gesehen oder gehört. Als wir bei ‚Control Alt Delete‘ gespielt haben, gingen wir auf den Lead-Sänger von [der Metal-Band] Inner Sanctum zu, um ihm zu gratulieren, und er sagte: ‚Hey Mann, ihr seid doch die Tool-Jungs, oder?'“. Selbst diejenigen, die ihr Cover von Tool bislang nicht gesehen haben, können wohl einen Progressive-Metal-Einfluss in der Struktur ihrer Kompositionen und der lebhaften Bildsprache ihrer Texte erkennen. „Das spielt schon eine gewisse Rolle in unserem Schreibprozess, besonders bei ‚Manasinde Vingal‘, das im Aufbau sehr stark von einem Metal-Song inspiriert ist“, gibt Sreejith zu, der im College, ebenso wie Ruben, ein Metalhead war.

Metal ist jedoch nur eines von vielen Genres, die ihren Sound prägen. Beide geben zu, in ihrer Jugend Fans der Pop-Boyband Backstreet Boys gewesen zu sein: „Ich habe früher auf die Harmonien geachtet“, so Ruben. Zu ihrem vielfältigen Soundbild kommen noch andere Künstler, die sie covern, von der Malayalam-Rockband Avial bis zu den Folk-Rock-Legenden Simon & Garfunkel, die Ruben Sreejith bei ihrem ersten Treffen vorgestellt hat. „Wir legen uns nicht auf ein Genre fest“, sagt Sreejith, der die Texte schreibt. „Es geht nur darum, wie es sich anfühlt. [Wir spielen] wasimmer sich gut anfühlt.“

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Die treibende Kraft hinter ihren Stücken sind „unsere Emotionen und unsere Ideen“, so Sreejith. Der EP-Opener „Beautiful Dream“ sei ein „Post-Break-up-Song“, während es bei „Perception“ darum geht, dass wir „uns nicht von der Meinung der Leute beeinflussen lassen sollten“. Zwei Titel der EP sind Malayalam-Stücke, weil sie die dahinter stehende Stimmung am besten ausdrücken. „Kuliru“, was so viel bedeutet wie „Kühle“, spricht davon, „wie man sich in der Nähe einer geliebten Person fühlen könnte“, und „Manasinde Vingal“, was wiederum so viel bedeutet wie „geistiges Ersticken“, schildert ein Gefühl der Hilflosigkeit.

Die universellen Themen und ihre durchaus beachtlichen Fähigkeiten im Gitarrenspiel sind nur zwei Indikatoren dafür, dass Beard Of Harmony in Zukunft zu größeren Dingen bestimmt sein könnten. Wohl auch deshalb – und trotz des harten Vorgehens der indischen Behörden gegen Live-Musik-Veranstaltungen – hat es die zwei nach Bengaluru gezogen – auch weil sie dort mehr Auftrittsmöglichkeiten haben. Sreejith meint, dass es nur noch drei wichtige Orte gibt, an denen regelmäßig Shows stattfinden: „B Flat“, „Fandom At Gilly’s Redefined“ und „The Humming Tree“. Ebenjene Knappheit an Auftrittsorten veranlasste sie vor gar nicht allzu langer Zeit sogar dazu, in Nepal und Sri Lanka auf Tournee zu gehen. Außerdem, so sagt er, komme ihre Musik am besten in „intimen Sessions“ zur Geltung, wie zum Beispiel in der Reihe von Auftritten, die sie im August vergangenen Jahres in Bengaluru im Rahmen des „Muse Room Festivals“ der Café-Kette „Eat.Fit“ in der Stadt gespielt haben. „Das sind kleine Shows, bei denen man vor 40 bis 50 Leuten auftritt“, so Sreejith. „Wir funktionieren gut bei dieser Art von Shows. Aber wir hatten schon Auftritte, bei denen viele Leute da waren, und sie waren alle [mit uns] im Einklang. Es ist nur eine Frage der Aufmerksamkeit der Leute. Wenn sie dort sind, um sich mit ihren Freunden zu treffen, kann man nichts dagegen tun. Wenn die Leute zuhören, werden sie von der Musik gefangen genommen.“

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: John Dolmayan – „Street Spirit (Fade Out)“


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Auf Radioheads 1995 veröffentlichtem Erfolgsalbum „The Bends“ war „Street Spirit (Fade Out)“ als letzter Song eine leise, dramatische Indierock-Nummer. System Of A Down-Schlagzeuger John Dolmayan macht daraus eine deutlich kraftvollere Alternative-Serenade mit – natürlich – muskulösem Drums, anschwellendem Instrumentarium und gegen Ende sogar opulenten Streichern. Unterstützt wird er dabei von Avenged Sevenfold-Sänger M. Shadows und Rage Against The Machine-Gitarrist Tom Morello, die sich gen Ende des Stücks beide effektvoll in die Höhe schrauben.

„Besonders dieser Song ist ein sehr berührender und bewegender“, sagte Dolmayan unlängst gegenüber dem Rolling Stone. „Ich mag dieses mürrische Du-sitzt-in-deinem-Zimmer-und-es-regnet-draußen-Gefühl, das mir der Song immer gegeben hat, es ist kalt und deine Freundin hat dich verlassen… ich habe mir beim Hören nur oft gedacht: ‚Ich wünschte, das Schlagzeug käme früher.‘ Oder: ‚Wie würde John Bonham das angehen, wenn es ein Led Zeppelin-Song wäre?'“ Morello habe er für dessen Beitrag nur einen vagen Vibe vorgegeben und ihm ansonsten gesagt: „Sei einfach du selbst und spiel den Song über durch.“ Er habe nichts zerdenken wollen, Spontanität sei ihm wichtig gewesen.

„Street Spirit“ ist dabei nur der erste Vorgeschmack auf John Dolmayans Solo-Debütalbum „These Grey Men„. Die Platte, an der unter anderem auch SoaD-Stimme Serj Tankian beteiligt war, ist für den 28. Februar angekündigt und enthält insgesamt acht Coversongs, darunter Stücke von David Bowie, Madonna, AFI oder Eminem. „Ich will nicht bloß jemand sein, der nur tolle Cover macht“, so Dolmayan über seine Motivation. „Mein Ziel ist, dass der unaufmerksame Hörer nicht unbedingt merkt, dass es ein Cover ist – dass es anders genug ist, dass er sagt: ‚Ok, da passiert etwas Eigenständiges.'“

Dolmayans Soloprojekt köchelt schon länger, bereits seit 2014 sprach er immer mal wieder darüber (unten findet ihr ein entsprechendes Video). System Of A Down, seine Hauptband, tourt zwar dieses Jahr wieder (und lässt sich diese Gigs sicherlich ordentlich vergüten), scheint hinsichtlich neuen Materials – es wäre das erste seit nunmehr 15 Jahren – aber immer noch verdammt uneins, sodass Dolmayan seine Kollegen kürzlich zur Einigkeit aufrief – und nun eben selbst den Alleingang wagt…

 

6804— Die Tracklist von „These Grey Men“ —

01. „Road To Nowhere“ (feat. Serj Tankian) [Talking Heads]
02. „Starman“ (feat. Serj Tankian) [David Bowie]
03. „What I Know“ (feat. Jonathan Dorr) [Two Door Cinema Club]
04. „Runaway“ (feat. Franky Perez) [Del Shannon]
05. „Street Spirit“ (feat. M. Shadows & Tom Morello) [Radiohead]
06. „Hung Up“ (feat. Sirusho) [Madonna]
07. „Beautiful Thieves“ (feat. Jonah Perry Nimoy) [AFI]
08. „Rock Bottom“ [Eminem]

 

 

 

Rock and Roll.

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„Hail Santa!“ – Die Socken rocken Weihnachten


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Nichts schreit lauter nach Weihnachten als Sockenpuppen und… Black Metal? Höchste Zeit also für „SockPuppetParody„, um mit ihrer neusten Idee von „Unsterblichen Weihnachten“ zurückzukehren.

Die neueste Ausgabe des Sockenpuppen-treffen-auf-Musikklassiker-YouTube-Kanals (von dem bereits vor gut einem Jahr auf ANEWFRIEND die Schreibe war) bietet eine neue Sichtweise auf die Geschichte von Frosty the Snowman, die heavy, rachsüchtig und düster daher kommt, wenn die Metal-Fußüberzieher von „Immortal Christmas“ an einem Schneemann-Bauwettbewerb teilnehmen – und die Konkurrenz schlußendlich auf höchst metallische Art und Weise schachmatt bangen…

a2045326607_16Denn als „Frostbite the Snowman“ von den anderen Teilnehmern des Wettbewerbs verspottet wird, gießt das nur noch mehr Öl ins Zorn-Feuer des Kältekugelmanns. Wie in der neuen Feiertagsparodie zu Frostbites Geschichte zu lesen ist: „There may have been a conjuring / That birthed Frostbite’s disdain / For his scream dawned an avalanche / That consumed all in its wake.

Am Ende krönt der – natürlich metal-affine – Weihnachtsmann Frostbite zum Gewinner, während „Immortal Christmas“ den Sieg mit einem hart-aber-herzlichen „Hail Santa!“ begrüßen – passt schon, wenn man bedenkt, dass Santa und Satan nur einen kleinen Buchstabendreher voneinander entfernt winken…

(Übrigens: Wenn ihr die dezent abgedrehte Version dieses Weihnachtsklassikers mögt, findet ihr die Audioversion der Geschichte von „Frostbite the Snowman“ via Bandcamp.)

 

 

Rock and Roll.

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Der Jahresrückblick – Teil 1


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Was für Musik braucht man in einem Jahr wie diesem? Solche, bei der die Halsschlagader wild pocht und der ganze gerechte Zorn auf die Welt ein brodelndes Ventil bekommt. Solche, die einem sanft über den Kopf streicht und einem die Hoffnung einhaucht, dass alles schon besser werden wird – irgendwann, irgendwie. Und auch solche, die einen in ihrer Euphorie einfach gnadenlos mitreißt, und einen – im besten Fall – alles andere – das Gute wie Schlechte – für Momente vergessen lässt. Zwischen diesen drei Fixpunkten ist in meiner Bestenliste der persönlich tollsten Alben des Musikjahres 2019 einmal mehr wenig zu finden, an den Endpunkten dafür umso mehr. Bühne frei und Vorhang auf für ANEWFRIENDs Alben des Jahres!

 

sam fender1.  Sam Fender – Hypersonic Missiles

Knapp zwei Jahre lang hätte Sam Fender auch gut als Spiegel für das musikalische Konsumverhalten der ADHS-geschädigten breiten Masse herhalten können. Wer braucht schon noch Alben, wenn der Künstler des Vertrauens reihenweise Songs raushaut, die sich via Spotify und Co. doch allzu hervorragend in die persönliche Playlist integrieren lassen? Anders hier: Die elf zwischen 2017 und dem Erscheinungstag von „Hypersonic Missiles“ im September diesen Jahres veröffentlichten Stücke (von denen sich schlussendlich nicht einmal alle auf dem Album wiederfinden) waren vielmehr ein wahres Appetizer-Festival und so etwas wie die Deluxe Edition eines erwartungsfreudigen Spannungsbogens. Parallel zur Release-Strategie ließ sich eine immens wachsende Fanschar ausmachen, die den Newcomer im Londoner Hyde Park auf dieselbe Bühne mit Größen wie Bob Dylan oder Neil Young spülte. Was summa summarum nach Hype müffelt, mag wohlmöglich auch einer sein. Aber wenn, dann ist es im doch recht schnelllebigen Pop-Rock-Bizz einer berechtigtsten der vergangenen Jahre. Potential? En masse vorhanden.

Oder reiten Sam Fender und seine Band doch vielmehr auf der Retro-Welle? Schließlich reichen schon ein paar Töne zu Beginn des Albums, um Fenders Vorliebe für Bruce Springsteen als fast schon schamlos direkte, ehrwürdig inszenierte Verbeugung im Soundbild zu identifizieren. Die Saxophon-Soli im eröffnenden Titelstück und in „You’re Not The Only One“ fungieren als unverhüllte Hommage an den großen Clarence „Big Man“ Clemons – bis zu seinem Tod 2011 jahrzehntelang Springsteens wohl wichtigstes Puzzle-Stück in der berühmt-berüchtigten E Street Band – und sind gerade im Dialog mit dem Glockenspiel und der leicht zeternden E-Gitarre ein untrügliches Zeichen für expliziten Boss-Content. Der straighte Beat mit Achtziger-Touch in „The Borders“ und die Geschichte über unglückliche, zerrüttete und zerrissene Familien lassen sich als eine klangliche Addition zu Evergreens wie „Dancing In The Dark“, „Bobby Jean“ oder „No Surrender“ hören, während die Gedanken spätestens im ausgedehnten Outro (und vor allem der stellenweise doch recht flächigen Produktion wegen) zu The War On Drugs‘ „A Deeper Understanding“ wandern. Der feine, dezent hibbelige Unter-drei-Minuten-Ohrwurm “Will We Talk?“ hingegen könnte auch unter den Bannern New Jersey meets Newcastle oder Springsteen meets The Strokes‘ „Last Nite“ stehen – eine Wiederaufführung des altbekannten Dramas der verlorenen Jugend, jedoch eine mit neuer Dringlichkeit.

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Fest steht, erfreulicherweise: Samuel Thomas Fender hält dem Erwartungsdruck über den ersten (Ohren-)Eindruck hinaus problemlos Stand. Er ist nicht nur ein (weiterer) bleichgesichtiger Justin-Bieber-Lookalike-Hansel mit Gitarre, dem von irgendwelchen findigen PR-Managern ein leidlich interessanter Lebenslauf samt veritablen Referenzpunkten angedichtet wurde. Live ohnehin nicht. Wie er mit seinen Band-Lads agiert, unachtsam-juvenil die eigenen Stimmbänder strapaziert und sich am Ende verdutzt fragt, warum sich plötzlich so viele Menschen für einen 25-Jährigen aus North Shields im Nordosten Englands interessieren, der sich – ganz englisches Klischee – bis vor Kurzem noch mit dem Zapfen von Pints hinter dem lokalen Pub-Tresen über Wasser hielt, das besitzt schon ein gewisses Maß an unaufgesetztem Charme. Die Live-Version von „Use“ (oder eben zig im reduzierten Ambiente aufgenommene Live Sessions bei YouTube und Co.) dient insofern als Beleg, dass Sam Fender, lediglich vom Keyboard oder seiner E-Gitarre begleitet, durchaus in der Lage ist, dem Hörer auf beeindruckende Weise Volumen und Bandbreite seiner Stimmbänder um die Ohren zu pfeffern.

Ebenso erfreulich: Bei genauerem Hinhören überzeugt der junge Brite auch textlich. So hält er schlagenden Vätern und tablettenabhängigen Müttern ebenso den trüben Alltagsgrau-Spiegel vor wie der Masse von traditionell zum nächstbesten Absturz wankenden Binge-Trinkern („Saturday“). Das sinistre „Play God“ zeichnet autokratische Allmachtsfantasien, und seine ungefilterten Wahrnehmungen im beatlosen „White Privilege“ reichen von einer zur Kleingeistigkeit verdammten Generation über digitales Meinungszerfleischen bis hin zu den “old cunts“, die gemeinsam mit ihrer Upper-Class-Mischpoke und einer Horde aus tumben „Yes!“-Brüllern den Brexit (und dessen Chaos) verbockt haben: „The patriarchy is real, the proof is here in my song / I’ll sit and mansplain every detail of the things it does wrong / ‚Cause I’m a white male, full of shame / My ancestry is evil and their evil is still not gone“. Als zackiger Hit verpackt, thematisiert Fender zu treibenden Gitarren in „Dead Boys“ (welches bereits der 2018er Debüt-EP ihren Titel gab) die Ignoranz gegenüber der hohen Selbstmordrate junger Männer in seiner Heimat. Er, der selbst Freunde durch Suizid verlor, führt in der Herleitung mit „toxic masculinity“ einen Begriff aus der Soziologie an, dem er bereits im vergangenen Jahr auf „Friday Fighting“ Beachtung schenkte: „We close our eyes, learn our pain / Nobody ever could explain / All the dead boys in our hometown“. Fazit? In Indierock eingelegte Gänsehaut.

Sam Fender ist weder Problemlöser noch Analytiker, sondern aufgewühlter Beobachter und Zeichner von Verzweiflung. Irgendwo zwischen Herz, Hirn, Seele und Arschtritt treffen zwischenmenschliche Geflechte und Pub-Talk auf geo-, sozio- und gesellschaftspolitische Themenkomplexe. So wohnt dem Namenspatron der Platte, „Hypersonic Missiles“, ein morbider Zauber inne. Während die Welt unter Raketenbeschuss zugrunde geht, blüht die Beziehung zweier Liebender auf. Fender selbst bezeichnet das Stück als eine verkappte Liebesgeschichte: „This world is gonna end but ‚til then I give you everything I have“ – ein Boss-Move galore (ebenso übrigens wie die augenzwinkernde Behauptung des 2019er Senkrechtstarters, mit seinem Langspiel-Debüt so etwas wie „eine Emo-Version von ‚Darkness On The Edge Of Town‘“ im Sinn gehabt zu haben). Nach den rauschhaften Rocknummern und einem dicken Paket an Hits versteckt der Mittzwanziger zum Ende des Debüts in „Leave Fast“ einmal mehr eine seiner springsteen’schen Fluchtpunktperspektiven. Hieß es anno dazumal beim US-Vorbild noch „We gotta get out while we’re young“ oder „It’s a death trap, it’s a suicide rap“, singt Sam Fender nun mit Blick auf seine politisch vernachlässigte Kleinstadt und Heimat „Leave fast or stay forever“. Entkontextualisiert bitte letzteres. Denn obgleich Sam Fender – zum Glück – kein Kaschemmen bespielender Geheimtipp mehr sein mag, so ist der Brite doch ein gern angenommenes Geschenk. File under: Die Frontmänner von The Gaslight Anthem und The Killers treffen sich im englischen Pub zum schwarzhumorigen Springsteen-Tribute-Abend. Rein zufällig würde man Sam Fender denn noch genau zwischen ebenjene Brian Fallon und Brandon Flowers ins Albumregal einsortieren… Aber an Zufälle glaube ich sowieso nicht. Von daher: (m)ein verdientes Album des Jahres.

 

 

thees uhlmann2.  Thees Uhlmann – Junkies und Scientologen

Die Schönheit der Chance: Thees Uhlmann musste erst seine Begleitband neu durchmischen, musste erst ein missglücktes Album in die Studiotonne werfen, damit ihm „Junkies und Scientologen“ gelingen konnte – und das ist mit seinem Töne gewordenen Lebenshunger und Optimismus, mit seinem Füllhorn an verschmitzten popkulturellen Anspielungen eine der zweifellos wichtigsten (deutschsprachigen) Platten des Jahres. Klingt 2019 sonst – und selbst beim Radiopop von Abwegig-Popsternchen Billie Eilish („bad guy“) – allzu oft hülsenreich bedeutungsgeschwängert, ernst und schwer, so geht „Uhlo“ auf seinem dritten Solo-Album, auf das seine Fans geschlagene sechs Jahre warten mussten, viele Dinge wieder etwas anders an, bringt – nach dem tollen Einstieg „Fünf Jahre nicht gesungen“ – schon in den ersten vier Stücken drei popkulturell gefärbte Liebeserklärungen – und sprechsingt in bekannt-unnachahmlicher Manier in „Danke für die Angst“, „Avicii“ und „Was wird aus Hannover“ nicht nur über den (ohnehin gerade oft Tribut gezollten) Horror-Kultautor Stephen King, den im vergangenen Jahr jung verstorbenen schwedischen Pop-DJ und die niedersächsische Landeshauptstadt (als Metapher für bundesdeutsche Verdienstrocker wie die Scorpions), sondern das Leben an sich als stetig buntes Wunder (der kaum weniger tolle, gleichsam sympathische Gisbert zu Knyphausen brachte es vor ein paar Monden mit der Zeile „Die Welt ist grässlich und wunderschön“ auf ebenso treffliche Weise auf den Punkt) Ob in Dur oder in Moll, in melancholischen Balladen oder enthusiastischem Indierock, ob in der Spingsteen’esken Musik-Lobpreisung „100.000 Songs“ oder dem stillen Nachruf „Menschen ohne Angst wissen nicht, wie man singt“: Überall blickt Uhlmann mit so viel Wärme und Mitgefühl auf das Leben, schüttelt locker, beschwingt, federleicht und selbstsicher die Hits und Punchlines aus den Ärmeln seines GHvC-Longsleeves, dass sich am Ende jede noch so gedehnte Silbe und jeder hemdsärmelig-ehrlich zurechtgebogene Reim absolut richtig, absolut gelungen anfühlt. Zumal „Junkies und Scientologen“ zwar von der erhabenen Alltagsphilosophie des Musikers, der 2015 mit „Sophia, der Tod und ich“ auch unter die Romanautoren ging, lebt, dazwischen aber immer wieder klare Haltung aufblitzt: die Leadsingle, das sechsminütige Titelstück oder das im Grunde doch recht alberne „Katy Grayson Perry“ lassen in nur wenigen Worten durchblicken, was von Nationalismus und Misogynie zu halten ist – ein Mittelfinger mit Herz(chen). So ist „Junkies und Scientologen“ nicht nur Uhlmanns bisher gelungenster Alleingang (der obendrein in der erweiterten Version noch mit feinen Coverversionen von Künstlerinnen wie Sophie Hunger oder Judith Holofernes punktet), sondern irgendwie auch wie ein Kneipenabend mit einem alten Freund: Danach mag zwar noch immer derselbe nasskalte Herbstregen auf einen hinab prasseln, aber die Welt, sie fühlt sich ein kitzekleines Stückchen sonniger und heiler an.

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better oblivion community center3.  Better Oblivion Community Center – Better Oblivion Community Center

Sollte heutzutage noch jemand Liebeskummer haben oder an gepflegten Selbstzweifeln laborieren, so sind Conor Obersts Bright-Eyes-Veröffentlichungen von „Letting off the Happiness“ bis mindestens „Cassadaga“ nach wie vor eine gute Soundtrack-Adresse. Doch die Zeiten sind komplizierter geworden, und auch Oberst selbst, mittlerweile eigentlich teenage angst-ferne 39 Lenze alt, strauchelte in den letzten Jahren mit mal feinen, mal jedoch auch mittelmäßigen Soloalben oder recht altbacken dadrockenden Americana-Projekten – auch wenn jüngst mit der zusammenhängenden Doppel-Veröffentlichung von „Ruminations“ und „Salutations“ die Alt.Country-meets-Indiefolk-Formkurve wieder nach oben zeigte (ersteres war anno 2016 gar ANEWFRIENDs „Album des Jahres“). 

Nun hat das „Wunderkind mit Reifegrad“ ausgerechnet in der 25-jährigen Songwriterin Phoebe Bridgers (s)eine gleichgesinnte Seele und Duettpartnerin gefunden – ebenjene Phoebe Bridgers, auf deren herausragendem Debüt-Longplayer „Stranger In The Alps“ er bereits bei der einsamen Nummer „Would You Rather“ zu hören war und die zuletzt mit dem boygenius-Projekt an der Seite von Lucy Dacus und Julien Baker überzeugen konnte. Gemeinsam stecken die beiden unter dem nebulös-vielsagenden Banner Better Oblivion Community Center das Feld zwischen Emo-Folk und Indierock neu ab, und anstatt wieder einmal die Mundharmonika hervor zu kramen, setzen sie bei „Exception To The Rule“ auch mal Synthies ein oder verschleppen bei „Sleepwalkin’“ die Gitarrenakkorde. Während Oberst hier an alte Glanzleistungen anknüpfen kann, ist es Bridgers, die mit einer ganz neuen Wandelbarkeit begeistert. In „Big Black Heart“ schreit sie sich das titelgebende schwarze Herz aus dem Leib. Im Kontrast dazu steht der Opener „Didn‘t Know What I Was In For“, in dem sie so einsam und verlassen wie der letzte Mensch auf der Welt klingt. Bei der durchaus fuzzig-hittigen Single „Dylan Thomas“ ist dann auch noch Yeah Yeah Yeahs-Saitenmann Nick Zinner an der Gitarre dabei, und selbst wenn die Ballade „Chesapeake“, welche Phoebe Bridgers als zarte Duett-Partnerin zeigt, die sich mit ätherischen Harmonien wie eine beruhigende Warmfläsche an Conor Obersts nervöse Stimme anschmiegt, nach dem ein oder anderen Tränchen verlangt und sich die Texte immer wieder in der Beschissenheit der Gegenwart verfangen, haben die beiden doch auch kleine Auszeiten eingebaut. Ganz zum Schluss heißt es in „Dominos“ sogar „If you’re not feeling ready, there’s always tomorrow“. Ergibt schon Sinn, dass Oberst und Bridgers ihr Bandprojekt Better Oblivion Community Center nennen und es zur Hauruck-Veröffentlichung im Januar gar mit mit einer fingierten Infobroschüre samt Hotlinenummer bewarben. Dieses Update schadet der alten Bright-Eyes-Sammlung auf keinen Fall, und der (beileibe nicht unkritische) olle Conor-Oberst-Ultra in mir jubiliert ohnehin einmal mehr.

 

 

steiner & madlaina4.  Steiner & Madlaina – Cheers

Schon bemerkenswert, was Nora Steiner und Madlaina Pollina, jüngere Schwester von Julian „Faber“ Pollina, da auf ihrem gemeinsamen Album „Cheers“ auf die Schweizer Beine stellen. Und selbst, wenn der scheinbar mühelos zwischen Stimmungen und Genres changierende Zehnerpack an Songs bereits 2018 erschien, so bleibt unterm Strich eines meiner liebsten (Herbst)Alben des Musikjahres. Hört, hört!

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greet death5.  Greet Death – New Hell

Wie ich vor einigen Wochen schrob: „Obwohl ‚New Hell‘, Great Deaths so unerwartet wie unverhofft grandios mit schwerem Herzen daher rockender zweiter Albumstreich, stellenweise recht introspektiv und keineswegs leichter Tobak ist, wurde schöner länger nicht mehr in aschfahl schimmernden Herbstdepressionsgewässern gebadet. Sollte man gehört haben!“

Stimmt natürlich immer noch. Dieses Ungeheuer von Album kam krachend durch die Tür, hat mich in seine Krallen genommen und bis jetzt nicht wirklich losgelassen. Greet Death, die Band dahinter, rückt aber auch jeden Knopf, der mich potentiell anmachen könnte: Emo, Indie Rock, Shoegaze, Post Rock – und dann alles einfach mal in einen Topf voll mit tiefstem Schwarz getaucht. Denn viel Sonne? Kommt hier nicht durch. Am meisten beeindruckt dabei die Wandlungsfähigkeit: Vom schweren Opener „Circles Of Hell“ (puh) zur leisen Folk-Ballade „Let It Die“ (uff) bis hin zum Fast-Popsong „Do You Feel Nothing?“ (verdammt) und dem übergroßen „You’re Gonna Hate What You’ve Done“ (jeez). Dauerschleife seit Release, mit Tendenz zum Grower über alle Maßen. Und belegt daher, als Album, in das man sich Hals über Kopfhörer fallen lassen kann, als überraschender Späteinsteiger einen verdienten vorderen Platz in den Langspieler-Bestenliste. Geheimtipp des Jahres.

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tool6.  Tool – Fear Inoculum

Die unmögliche Platte. Der BER würde früher fertiggestellt sein als dieses eine Album, hieß es. Axl Rose wäre bereits neidisch, hieß es. Dreizehn Jahre nach „10,000 Days“, als wirklich niemand mehr tatsächlich daran glaubte, gaben uns Tool: den Rest, das Maximum, die neuste, die eventuell endgültige Selbstverortung. Und das Album, das sich langfristig vielleicht nicht als ihr bestes, dafür jedoch als jenes mit dem größten Tool-Trademark-Faktor erweisen wird – ihre Visitenkarte ab sofort, wenn man so mag. 

Nach allem, was zum fünften Album der zweifellos wichtigsten Band des Alternative Metal geschrieben wurde – nicht zuletzt in all den Jahren bevor „Fear Inoculum“ tatsächlich erschien -, sucht man instinktiv nach einem der weniger ausgelatschten Pfade, um sich den fast 90 Minuten zu nähern. Zum einen holt einen das Album genau da ab, wo Tool 2006 den letzten Ton auf Band gespielt hatten. Ein klares Soundkonzept, so archaisch und selbstbestimmt wie in den ersten Momenten von „Sober“ oder den letzten von „Rosetta Stoned“, ohne aufgeblasene Production Values und übermäßige technische Kosmetik. Alles, wirklich alles auf „Fear Inoculum“ ist Handwerk, so bestechend, dass einem die kleinen Ungenauigkeiten, die diese Band nie durch Quantisierung glattbügeln würde, die Haare zu Berge stehen lassen. Das vielschichtige Schlagzeugspiel, die mittenlastige Gitarre, der wuchtige Bass: Das, was den Sound von Tool so ikonisch, so unverwechselbar macht, ist seine Konsequenz. Leicht haben es sich Danny Carey, Adam Jones und Justin Chancellor dabei nicht gemacht. Die sorgfältig gebauten Prog-Spannungsbögen, die sie ihrem Sänger zu Füßen legen, nimmt Maynard James Keenan mit bis dato ungehörter Disziplin und Eleganz auf (wenngleich sich der oberflächlich kreative Anteil des seit eh und je enigmatischen Frontmanns auf den neusten Stücken etwas geringer als noch auf früheren Werken gestaltet). 

Klar: Eine Band, die in 29 Jahren gerade einmal fünf Alben veröffentlicht, aber trotz alledem als eine der relevantesten Metal-Bands des Universums und als lebendes Gesamtkunstwerk gefeiert wird, sklavisch verehrt wird von (s)einer Heerschar von Die-Hard-Fans, die sich auch exorbitante Preise für die audiovisuellen Leckerbissen eines Tool-Artworks vom Munde absparen, konnte mit „Fear Inoculum“ musikalisch nicht wirklich etwas falsch machen. Allen Unkenrufen zum Trotz ist das Album trotzdem genau das monströse Meisterwerk geworden, das man sich gewünscht hat. Und ebenjenes wird wohl mindestens 10.000 Durchgänge benötigen, um es im Ansatz zu begreifen…

 

 

amanda palmer7.  Amanda Palmer – There Will Be No Intermission

Um gar nicht erst den Anschein von Mansplaining zu erwecken – niemand mit Y-Chromosom kann einschätzen, was sich wie für eine Frau ändert, wenn sie Mutter wird. Im Falle von Amanda Palmer ermöglicht ihr drittes Soloalbum (das erste seit 2012, obwohl die Ex-Dresden-Dolls-Frontfrau andererseits keine wirkliche Kreativpause kennt) aber zumindest eine vage Vermutung.

Dass Palmer auf „There Will Be No Intermission“ über Themen wie Fehlgeburten, Abtreibungen und den Verlust von Freunden an das alte Arschloch Krebs auch aus eigenen Erfahrungen berichtet, sollte die wenigsten Fans und treuen Patreon-Unterstützer schockieren. Schließlich gehört sie zu jenen Künstlerinnen, die aus ihrem Privatleben und ihren innersten Gedanken nie einen Hehl machten, wie Unmengen von Tweets, Blog-Einträgen und Video-Tagebüchern ebenso zeigen wie das reine Ausmaß der oft autobiographischen Geschichten, die auf diesem nicht eben einfach zu hörendem Werk erzählt werden: Mehrere dieser epischen Diskurs- und Klagelieder knacken (fast) die Zehn-Minuten-Marke, einige davon sind recht monoton und karg mit Ukulele instrumentiert, als könnte der Drang, zu erzählen, kein großes Brimborium und keine ausgefeilten Songwritingprozesse abwarten.

So ist „Drowning In The Sound“ einer ebenjener liebgewonnenen Amanda-Palmer-Standards mit Stakkatoklavier und dramatischer Phrasierung, „The Thing About Things“ wiederholt das gleiche Prinzip an der Ukulele, bevor sich der Song zur Hymne aufbäumt. Ihre teils fast schon zynische Leichtfüßigkeit kann Palmer dennoch nicht ganz einbüßen: In „A Mother’s Confession“ lässt sie einen ganzen Frauenchor schmettern, dass trotz aller Probleme und Fehlerchen immerhin das Baby noch nicht tot sei; die Angst vor der Unberechenbarkeit des Lebens mit einer Zeile wie „Suicide, homicide, genocide – that’s a fuckton of -cides to choose from“ auszudrücken, würde auch nicht jeder einfallen – doch auch deshalb wird die 43-jährige Herzblut-und-Herz-auf-der-Zunge-Indie-Musikerin von ihrer Hörerschaft mit Haut und Haar geliebt. Im Gegensatz zu (insbesondere) den frühen Dresden-Dolls-Werken geschieht dies jedoch immer öfter in einem gemächlichen Dreivierteltakt und – bis auf Zoe Keatings Cello in „Bigger On The Inside“ – mit Fokus auf dem Piano (oder eben der Ukulele).

Mit dem Stream-of-consciousness-Mammutwerk „There Will Be No Intermission“ festigt Amanda Palmer endgültig ihre Stellung als Grande Dame in ihrem Genre (welches das auch immer sein mag). Nur der Albumtitel „There Will Be No Intermission“ stimmt hinsichtlich der vielen kleinen filmsoundtrackhaften Interludes, die Melodiefragmente oder Textzeilen der Songs aufgreifen, wohl nicht ganz. Mit diesen reizt die Platte die klassisch-altmodischen 80 Minuten Speicherkapazität einer CD fast komplett aus – und das, ohne – fernab von Easy Listening – an irgendeiner Stelle je zu langweilen.

 

 

last train8.  Last Train – The Big Picture

Hört man die Songs von Last Trains zweitem Album „The Big Picture“, so würde man diese durchaus rauschhaft-wilde, im besten Sinne gleichsam jung wie befreit aufspielende Rock-Orgie leichtfertig irgendwo zwischen San Francisco, Seattle, Manchester, Chicago und Down Under verorten, jedoch kaum in einer 100.000-Einwohner-Stadt im Elsass. Auch (und gerade!) deshalb ist das erstaunlich junge Quartett Frankreichs formidabelste Rockband des Musikjahres. Pas de discussion, sans doute!

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faber9.  Faber – I Fucking Love My Life

Im Jahr 2017 veröffentlichte der Schweizer Faber mit „Sei ein Faber im Wind“ sein Debüt, das Polka und Blechbläser mit kontroversem, bissigem Songwriting verband (und absolut zurecht ANEWFRIENDs „Album des Jahres“ wurde). Die einen lobten Julian Pollina in den Himmel, andere sahen in ihm nur einen Provokateur, der es verstand, seine Musik ins Scheinwerferlicht zu rücken (und überhörten somit dessen kluges Zerrspiel mit anderen Identitäten).

Zwei Jahre später liefert Faber nun den mit Spannung erwarteten und in Gänze deutlich reiferen, experimentelleren Nachfolger „I Fucking Love My Life“. Dort wettert er zwar immer noch am liebsten gegen die Millennials, Social Media und den Abstieg ins Spießbürgertum, aber die musikalische Untermalung kommt um einiges vielseitiger ums Eck: teils nur mit Akustischer („Ihr habt meinen Segen„), dann wieder mit größenwahnsinnigem Nölen, Streichern und Piano erforscht Faber die eigene Bandbreite und die seiner Band. Lange im Kopf bleiben Zeilen wie „Ich hab‘ mehr Highlights im Gesicht als im Leben“ oder auch „Ich würd‘ gerne Immobilienhaie fischen aus dem Zürichsee mit dir“ (und freilich die Kontroverse um den Vorab-Song „Das Boot ist voll„). Das Albumcover zeigt ihn im Stile eines Paparazzi-Schnappschusses im Morgenmantel mit Goldkettchen und Kippenschachtel – Großkotzigkeit, Mummenschanz und Ironie gehen bei Julian „Faber“ Pollina auch 2019 Hand in Hand.

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future teens10.  Future Teens – Breakup Season

„Breakup Season“ macht in der Tat auch all jenen mächtig Laune, die ihren Alltag längst jenseits der herzschmerzenden Zwanziger verbringen. „Bummer Pop“ nennen Future Teens, das aus Boston, Massachusetts stammende Viergespann, das Ganze dann. Und liefern mit den zehn Songs ihres zweiten Albums den wohl schönsten, himmelhoch heulenden Herzensbrecher-Indierock in der Tradition von Klassikern wie etwa Weezers „Pinkerton“, den man in diesem Herbst finden konnte. It’s breakup season, y’all!

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…und auf den weiteren Plätzen:

Various Artists – Tiny Changes: A Celebration of Frightened Rabbit’s ‚The Midnight Organ Fight‘ mehr…

BRUTUS – Nest mehr…

La Dispute – Panorama

The National – I Am Easy To Find mehr…

Enno Bunger – Was berührt, das bleibt. mehr…

Noah Gundersen – Lover mehr…

Frank Turner – No Man’s Land mehr…

 

Rock and Roll.

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Dreizehn Lenze in Tools Wartezimmer (und die Folgen) – die hollywoodreife Chronologie eines Leaks


tool2019

Ein Schelm, wem bereits damals Böses schwante – im April 2006 gaben Tool mit dem Titel ihres vierten Albums „10,000 Days“ den perfide hintersinnigen Startschuss zum wohl bislang größten Treppenwitz und Sitzfleischtest der (Rock)Musikgeschichte. Und manch ein Fan erwartete mittlerweile, dass Sänger Maynard James Keenan, Gitarrist Adam Jones, Bassist Justin Chancellor und Schlagzeuger Danny Carey den Allzeit-Rekord von Guns N’Roses pulverisieren würden, die ihre Langhaar-meets-Bandana-Anhänger geschlagene 15 (!) Jahre auf das ewig sagenumwobene – und schlussendlich erwartbar enttäuschende – „Chinese Democracy“ warten ließen…

Nun, „10.000 Tage“ (oder eben gut 27 Jahre) sollten es glücklicherweise nicht werden – „Fear Inoculum„, das neue, fünfte Tool-Machwerk, welches – innen wie außen – einmal mehr so gigantomanisch daher kommen wird, wie man es von den Alternative-Proggern aus Los Angeles erwarten konnte, erscheint tatsächlich in wenigen Tagen. Andererseits wären die dreizehn Lenze mit all ihren (nicht selten von der Band selbst erschaffenen) Enten, falschen wie richtigen Fährten, Finten und Halb-Neuigkeiten durchaus für einen (wohl nur für hartgesottene Fans, die ohnehin jedes New-Fitzelchen begierig-schweißgebadet aufschnappten, interessanten) Roman gut. Und ebendiesem fiktiven Prog-Rock-Wälzer wird nun, kurz vor Ladenöffnung, eines seiner letzten Kapitel beschert – Verbrechen und Drama inklusive. (Drunter machen’s weder Tool noch Hollywood.) Der Titel? „Wie ein Reddit-User seinen Job aufs Spiel setzte, ‚Fear Inoculum‘ ins Netz stellte und so über Nacht zum Helden des Internets wurde.“

Bereit? Here. We. Go!

Das – aufgepasst, dezente Untertreibung! – lange erwartete Comeback-Album „Fear Inoculum“ der Prog-Legenden von Tool erscheint zwar erst kommenden Freitag, doch schon am Wochenende wurde es – und das ist selbst in den heutigen allerorts digitalen Zeiten bei einer stets penibelst auf Geheimhaltung bedachten Band wie Tool doch beachtlich – vorzeitig geleakt. Wenig verwunderlich daher, dass der von Tools Fanbase als Held gefeierte Reddit-Nutzer dafür eine wahre Odyssee auf sich nahm…

Zunächst tauchte am vergangenen Freitag ein Unboxing-Video der aufwendigen gestalteten physischen Ausgabe von „Fear Inoculum“ auf Youtube auf (Zur „Limited Edition“ meint der Pressetext: „Darin enthalten sind die CD in einer Dreifach ‚Soft Pack Video Brochure‘ sowie ein wiederaufladbarer 4 HD Screen mit exklusivem Video-Footage, ein USB Ladekabel, ein Zwei-Watt-Lautsprecher, ein 36-seitiges Booklet und eine digitale MP3-Download-Card.“). Das Tool-Label versah das Video mit einem Copyright-Strike, der Clip war sofort offline. Nur wenige Stunden später posteten allerdings erste Mitarbeiter von Supermärkten und Plattenläden via Reddit Bilder der bereits gelieferten, aufwendig designten CD-Boxen.

Positiv aufgeschreckte Nutzer der Plattform versuchten darauf, diese Mitarbeiter dazu zu bewegen, das begehrte Album vorzeitig zu leaken. (Schließlich versucht man auch den letzten Vormann beiseite zu schubsen, nachdem man drei Stunden in der Schlange vor der einzigen öffentlichen Toilette weit und breit verbracht hat, oder?) Natürlich – zunächst – ohne Erfolg…

Kurz vor Mitternacht postete der Target-Mitarbeiter und Reddit-User CircleofN9ne (der mittlerweile alle Posts gelöscht hat) ein Bild der CD mit der Unterschrift „might be able to get this for you guys in the next 2 hours„. Die Community zeigte sich skeptisch, doch besagter User hielt tatsächlich sein Versprechen und postete ein weiteres Bild – dieses Mal außerhalb seines Arbeitsplatzes und in seinem fahrbaren Vehikel: „Guys I fucking have it„. Selbst alle Abbrecher des Volkshochschul-Dramatik-Kurses merken wohl: Nun wurde es ernst! (Man denke sich an dieser Stelle langsam anschwellende, dramatische musikalische Untermalung…) Doch während sich der gesamte Tool-Subreddit die globalen Tipp-Finger abkaute, realisierte benannter Reddit-User, dass das CD-Laufwerk seines Laptops – natürlich, nur so nimmt ein waschechter Hollywood-Blockbuster nun einmal Fahrt auf! – nicht funktionierte und er die Platte, den „heiligen  Gral aller Alternativ-Prog-Jünger“ nicht rippen konnte. Auf seinen Hilferuf „SOMEBODY IN VEGAS!!! FUCKING HELP!!!“ antwortete der User briznitch, der ihn – konspirativ, konspirativ! – ins Mirage Hotel einlud, um dort dessen – freilich mit einem funktionierenden CD-Laufwerk ausgestatteten – Personal Computer zu benutzen und das Album endlich zu leaken. (Welch‘ Wink des Schicksals! Welch‘ göttliche Wendung!)

Gesagt, getan! Die beiden treffen sich, briznitch rippt und leakt das Album. End of Story? Rockendes Happy End? Vorzeitige globale Listening Session im Sonnenuntergang? Nicht ganz, denn das Album tauchte wider Erwarten nicht online auf! Stattdessen teilte CircleofN9ne der gebannt wartenden und auf Reflex refreshenden Community mit, dass dies nun ebenfalls außerhalb seiner Kontrolle sei. Kurzzeitig herrschte Verwirrung, da briznitch, der andere User (wir erinnern uns: der mit der funktionablen Technik), seinen Account plötzlich gelöscht hatte – da ging der Leak doch noch online! (Ha! Nimm das, du Geheimnisse krämende Prog-Rock-Insitution!) Die weltweite Musik-Geek-Community feierte CircleofN9ne alsbald wie einen Helden á la Edward Snowden, betitelte ihn als „The Chosen One„, widmete ihm zahlreiche „Appreciation Threads“ und öffnete sogar eine Petition, um ihm ein besonderes Reddit-Logo zu beschaffen.

Doch nun wird es richtig kurios: Dem „Chosen One'“ dämmerte urplötzlich, dass er vielleicht ja etwas hochgradig Illegales getan hat. (Sie erinnern sich: Metallica vs. Napster und so…) Daher teilte er seinen neu gewonnenen zahlreichen Digital-Buddies mit, dass er sich Sorgen um seine Zukunft mache. Die Community des Tool-Subreddits bot ihm daraufhin an, im Falle einer Klage ein GoFundMe-Projekt zu starten, sollte er in eine Notlage geraten oder seinen Job verlieren.

Aktuell finden sich (noch) keine Updates zu CircleofN9nes Netz-Piraten-Abenteuer, jedoch erinnert mich diese Geschichte an seligen Zeiten rund um die Jahrtausendwende, als man noch nicht komplette musikalische Lebenswerke innerhalb weniger Sekunden abrufen konnte. (Hach!) Und: sie ist nicht nur der Nachweis, dass uns Maynard James Keenan und seine Mannen endlich, endlich nicht an der Nase herum geführt haben („Fear Inoculum“ existiert! „Fear Inoculum“ existiert!), sie beweist einmal mehr, wozu das Internet (und die Quadrataugen-Menschen dahinter) fähig ist. User beez trifft es wohl ganz gut: „Manchmal denke ich, Musik hat ihre Magie verloren. Dann passiert so etwas. Komplett Fremde kleben vor ihren Bildschirmen und bauen eine Verbindung aufgrund eines Las Vegas Tool-Heists zueinander auf. Wir sind alle verrückt.

Was knapp 5.000 Tage – und das lange, bange Warten im Tool’schen Wartezimmer – eben mit einem anrichten können…

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Melodicka Bros – „Chop Suey!“


SYSTEM-OF-A-DOWN-Chop-Suey-WAY-TOO-HAPPY-ACOUSTIC-COVER

Man mag’s auf die definitiv sommerliche Affenhitze draußen schieben, aber diese recht einfache, jedoch durchaus ungewöhnliche Coverversion des System Of A Down-Klassikers „Chop Suey!“ hat was.

Die Melodica Bros, die laut Facebook „weird covers for weird people“ produzieren, schnappen sich den gerade einmal knappe, schlappe 18 Jahre jungen Song von „Toxicity„, dem wohl besten Album der kalifornischen Alternative-Metal-Band um Serj Tankian, Daron Malakian und Co., und basteln ein humoriges „Way Too Happy Acoustic Cover“, welches mit Natur-Setting und Spökes näher beim poppig-fröhlichen Chill-Out-Modus eines Jason Mraz wegdöst als dass es zum durchgeschwitzten Aggro-Pogo ansetzen würde…

 

 

„Wake up (wake up)
Grab a brush and put a little makeup
Hide the scars to fade away the shake up
(Hide the scars to fade away the shake )
Why’d you leave the keys up on the table?
Here you go create another fable

(You wanted to)
Grab a brush and put on a little makeup
(You wanted to)
Hide the scars to fade away the shake up
(You wanted to)
Why’d you leave the keys up on the table?
(You wanted to)

I don’t think you trust, in, my,
Self-righteous suicide,
I, cry, when angels deserve to die

Wake up (wake up)
Grab a brush and put a little makeup
Hide the scars to fade away the shake up
Why’d you leave the keys up on the table?
Here you go create another fable

(You wanted to)
Grab a brush and put on a little makeup
(You wanted to)
Hide the scars to fade away the shake up
(You wanted to)
Why’d you leave the keys up on the table?
(You wanted to)

I don’t think you trust in my
Self-righteous suicide,
I cry, when angels deserve to die
In my self-righteous suicide,
I cry, when angels deserve to die

Father (brother)
Father (mother)
Father (fucker)
Father (aaah!)
Father into your hands, I commend my spirit
Father into your hands, why have you forsaken me?
In your eyes, forsaken me
In your thoughts, forsaken me
In your heart, forsaken me

Oh, trust in my, self-righteous suicide
I cry when angels deserve to die
In my self-righteous suicide
I cry when angels deserve to die“

 

Rock and Roll.

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