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Song des Tages: Other Lives – „Lost Day“


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Die Musik von Other Lives zu beschreiben, fällt nicht ganz leicht. Da ist einerseits eine Verwurzelung im Folk und Country, da ist eine Nähe zu Indie (Rock), aber auch eine Affinität zu orientalischen Ornamenten. Leichter fällt es dagegen, die Besonderheit dieser Mischung zu erkennen. Die Band besetzt seit ihrem Debüt-Album „Tamer Animals“ von 2011 eine Nische, zu deren Erreichung nur sie den Weg zu kennen scheinen. Leider gilt das nicht nur für andere Musiker, sondern auch für den Großteil des Publikums. Und so blieb die große Anerkennung – prominente Fans wie unter anderem Thom Yorke oder Philipp Glass hin oder her – bislang aus. Wie man liest gibt es gar Musikkritiker, die behaupten, Other Lives seien die unterschätzteste Band ihrer Generation…

„I think it would be a wonderful world where countries supported their artists“, sagt Jesse Tabish, Sänger und Vordenker der Band, ein wenig niedergeschlagen – es wäre zwar eine wundervolle Welt, wenn Länder in Zeiten von Corona ihre Künstlerinnen und Künstler unterstützen würden, aber er selbst habe absolut keine Hoffnung, dass die US-Regierung (gerade jetzt) etwas unternehmen werde, um die Kunstszene zu unterstützen.

Wohl auch deshalb nimmt Tabish es mit ein wenig Galgenhumor: Vielleicht sollten er und seine deutsche Frau Kim einfach auswandern. Das neue Album seiner Band zu verschieben, wie viele Musikerinnen und Musiker es zurzeit tun, sei allerdings keine Option gewesen, sagt der Mittdreißiger. Im Gegenteil: Aus seiner Sicht sei es sogar eine gute Zeit, um Musik zu veröffentlichen. Weil Menschen auf einmal wieder Muße hätten, Musik nicht nur beiläufig zu hören.

5400863025595Vielleicht kann die Krise dazu beitragen, sich auf das Wesentliche zurückzubesinnen, hofft Tabish. Mit seiner Band hat der Musiker damit schon begonnen. Beim letzten Album, dem 2015 erschienenen „Rituals„, hatten Other Lives noch verstärkt mit Elektronik gearbeitet, auf der neuen Platte „For Their Love“ macht die Band das bewusst nicht – keine ewig frickelige Feinarbeit an elektronischen Texturen mehr, weniger Songs, weniger Overdubs, dafür eine bewusste Rückkehr zum Analogen.

„Wir haben so viel Zeit am Computer verbracht. Ich habe wirklich das menschliche Element vermisst und wollte zurück zu uns als Band kommen. In einem Raum, wie wir an den Songs arbeiten. Das war einer der ersten Gedanken, als wir anfingen mit der neuen Platte: ‚Lasst uns den Computer nur als Aufnahmegerät nutzen!‘ Ich wollte nicht, dass die Musik aus dem Computer kommt, sie sollte wieder von uns als Band kommen.“

Vor ein paar Jahren waren Jesse Tabish, Jonathan Mooney und Josh Onstott, die drei Kernmitglieder der Band, welche ursprünglich aus Stillwater, Oklahoma stammen, an die Westküste nach Portland, Oregon gezogen. Die Aufnahmen zu „For Their Love“ entstanden jedoch in Tabishs recht einsam gelegenen (und nun auch auf dem Cover abgebildeten) Haus, etwa eine halbe Stunde von der linken Künstlermetropole der USA entfernt – Thoreau meets Neoklassizismus. Das Konzept der allzeit zum Jam bereiten Hippie-Kommune ist längst ein altbekannter Pop-Topos, und zumindest bei der Entstehung ihres neuen Werks schien sich dem auch die US-Indie-Band verpflichtet gefühlt zu haben, denn nicht nur vom Sound, sondern auch der äußeren Erscheinung nach könnte man bei Bärten, langen Haaren und Röhrenjeans an eine Rockband aus den Sechziger- oder Siebzigerjahren denken. Hippies, aber uneitel und stylish-lässig dabei. Mit Folkrock hatte die Band um Sänger Jesse Tabish einmal angefangen. Mit der Zeit wurde der Sound jedoch ausladender – und Other Lives eine Mischung aus Rockband und Kammerorchester mit Streichern, Bläsern und Pauken.

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Auf „For Their Love“ festigen Other Lives nun ihren typischen Sound: Die Songs verlaufen nicht linear wie gängige Popsongs mit ihren bekannten Abläufen, mit Strophe, Refrain und hier und da mal einer Bridge. Stattdessen entsteht eine detailverliebte Klanglandschaft – ohne Anfang, ohne Ende, in der sich Ohr und Gemüt verlieren können. Wie der epische Filmsoundtrack à la Ennio Morricone zu einem Western mit dem jungen Clint Eastwood. Sehnsucht schwingt mit, etwas Melancholisch-Mitreißendes. Trotz Streichern und Pauken klingt die Songs dabei nie überladen, sondern strahlen – ähnlich wie einst bei Scott Walker und den frühen Fleet Foxes – Weite und Erhabenheit aus, während der Gesang von Frontmann Jesse Tabish über den cineatischen Melodien schwebt. Fast ist die Musik, deren Flair einen wohl unweigerlich an eine Melange aus Lee Hazlewood, The Doors oder Spaghettiwestern-Soundtracks denken lässt, etwas zu schön und gefällig. Den Bruch, der in den Songs oftmals zu fehlen scheint, schaffen jedoch die Texte.

„Für mich ist es ein sehr persönliches Album, bei dem ich mich mit Ängsten auseinandersetze. Wie gehen wir damit um? Wie überwinden wir sie?“ – solche Fragen beschäftigen Tabish. Im Song „We Wait“ zum Beispiel singt er über den Tod eines Freundes, der erschossen wurde, als er noch ein Teenager war (und in einer frühen Formation der Band The All-American Rejects spielte). Ein Verlust, der ihn bis heute umtreibt. Es geht aber auch um Ängste allgemeinerer Art. Ängste, die er mit anderen Menschen seiner Heimat teilt, oder gesellschaftspolitische Zustände, die auch ihm Kopfzerbrechen bereiten.

„Wenn du jeden Tag aufwachst, arbeiten gehst und deine Steuern zahlst, sollte eigentlich alles okay sein. Wir leben nur unglücklicherweise in einem Land, das seine ‚Working Class‘ nicht wertschätzt und keinen Sinn darin sieht, für die Bedürftigen zu sorgen. Die Regierung hilft ihren Bürgerinnen und Bürgern leider nicht, und deshalb gibt es eine echte Angst in Amerika. Menschen sind teilweise nur ein Monatsgehalt von der Obdachlosigkeit entfernt. Wenn ihr Kind krank wird, und sie die Miete nicht mehr bezahlen können, was können sie dann noch machen? Diese Angst ist existenziell.“

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Songs wie „Hey Hey I“ sprechen diese Missstände an. Streckenweise klingt das Album so wie ein Abgesang auf den amerikanischen Traum. In Zeiten von Corona scheint sich dieser „Traum“ sowieso überlebt zu haben, wenn gesellschaftlich benachteiligte Menschen besonders vom Virus betroffen sind. Zum Beispiel Alte, Obdachlose und People of Color – nicht nur in den USA. Trotzdem klingt auch Hoffnung auf dem neuen Album von Other Lives an, so Tabish: „Ich denke, es kann auch etwas Gutes aus der Krise heraus entstehen. Vielleicht ist es eine Reset-Taste für uns als Gesellschaft und überholte Ideen unseres früheren Zusammenlebens werden wegspült. In diese Richtung habe ich Hoffnung.“

Und so gibt es beinahe nichts, was sich in diesen kraftvoll heraufgeschraubten, dramaturgisch mit feiner Nadel inszenierten Songs nicht am rechten Platz befände; und kaum etwas, was einem in diesen ebenso opulenten wie melancholischen Geisterbeschwörungen, die sich mal dramatisch aufbäumen und während der knapp 37 Minuten oft genug zwischen kammerfolkenem Americana-Lagerfeuer und weltoffenem Konzerthaus pendeln, vor dem Hintergrund eines in sich zusammengesackten hohlen American Dream nicht direkt unter die Haut fahren würde…

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: My Sister, My Brother – „Nothing Without You“


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Foto: Joshua Black Wilkins

Newcomer im klassischen Sinne sind My Sister, My Brother keineswegs, schließlich hat etwa Sean McConnell über die letzten zwei, drei Dekaden verteilte Songwriter-Credits für namenhafte Auftraggeber wie Christina Aguilera, Meat Loaf, Tim McGraw oder Martina McBride vorzuweisen, während Garrison Starr bereits mit Country-Größen wie Melissa Etheridge, Steve Earle oder Mary Chapin Carpenter auf der Bühne stand und ihre Musik in bekannten Serien wie „Grey’s Anatomy“, „Pretty Little Liars“ oder „Nashville“ platzieren konnte und Peter Groenwald schon mit John Mayer, O.A.R. oder The Civil Wars auf Tournee ging oder unlängst die Nashville-Indie-Folk-Band Hush Kids ins Leben rief. Nee, musikalische Newbies sind alle drei beileibe nicht.

Trotzdem fand das Trio erst vor knapp zwei Jahren im Rahmen eines Songwriter-Camps im heimischen Nashville, Tennessee zusammen. Das Ergebnis: der Song „Nothing Without You“, ein von Starrs und McConnells Harmoniegesang getragenes und Groenwalds Pianonoten flankiertes Alt.Country-Stück, nach dessen Fertigstellung sie unisono feststellten: „Wow, das ist etwas, das wir wieder machen sollten!“ 

9966863Das neu formierte Dreiergespann schrieb schließlich ein halbes Dutzend Songs bei vier oder fünf aufeinanderfolgenden Treffen in Nashville und nahm diese hauptsächlich in Groenwalds Heimstudio auf. „Wir alle haben produziert, aber [Groenwald] hat die meiste Arbeit geleistet“, berichtet Sean McConnell. Und der so Gelobte meint, dass ihre weitere Zusammenarbeit, welche My Sister, My Brother nun als selbstbetitelte EP veröffentlichen, in ungefähr so geschmiert lief wie bei „Nothing Without You“.

„Es war einer dieser Songs, die einfach aus uns heraus strömten“, erinnert sich auch McConnell. „Es war der erste Tag, an dem ich einen der beiden getroffen habe, und es ging sehr schnell. Auf der Fahrt dorthin hatte ich ein paar Ideen, die in einigen der Refrains mündeten, wir schrieben die Texte in jeweils ein oder zwei Stunden und waren dabei, sie sozusagen sofort aufzunehmen. Die Geschichte ist nicht allzu interessant, außer dass sie einfach vom Himmel fiel und wir das Glück hatten, dort zu sein, um sie gemeinsam aufzufangen.“

Sean McConnell, der unlängst auch mehrere Lieder für Little Big Towns neues Album „Nightfall“ schrieb, sagt, dass er, Starr und Groenwald beabsichtigen, My Sister, My Brother am Leben zu erhalten, wenn auch mit Rücksicht auf ihre anderen Projekte: „Es fühlt sich im Moment gut an. Es ist ziemlich stressfrei, macht viel Spaß und fühlt sich wirklich natürlich an. Wir werden sehen, was passiert, aber in naher Zukunft werden wir damit anfangen, dieses [EP] in die Welt hinauszutragen und hoffen, dass die Menschen es genießen.“

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Chip Taylor & The New Ukrainians – „F**k All The Perfect People“


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Chip Taylor. Nie gehört? Keine Sorge, ging mir genauso.

Vielleicht klingeln ein paar Glöckchen mehr, wenn man weiß, dass der Mann eigentlich James Wesley Voight heißt und damit der jüngere Bruder von Hollywood-Eminenz Jon Voight und der Onkel von Angelina Jolie ist. Da schau her! Und damit nicht genug, denn außerdem gehen sogar einige *hust* recht bekannte Songs auf sein Songwriter-Konto: etwa „Wild Thing„, das er in den Sechzigern innerhalb weniger Minuten komponierte und daraufhin der britischen Garage-Rock-Band The Troggs überließ, die das Stück wiederum 1966 zum immergrünen Millionenseller machten. Oder „Angel Of The Morning„, geschrieben für Merrilee & the Turnabouts, und später, 1981, sehr erfolgreich von US-Country-Popsängerin Juice Newton gecovert. Oder „Try (Just A Little Bit Harder)„, das anno 1969 eine gewisse Janis Joplin aufnahm. Oder…

Nach all diesen Quasi-Ghostwriter-Erfolgen für andere Künstler versuchte Chip Taylor, der eigentlich professioneller Golfspieler werden wollte, in den Siebzigern selbst sein Glück im Musikgeschäft, hängte Ende des Jahrzehnts diesen Traum (vorübergehend) wieder an den tönenden Nagel, und schlug wiederum einen neuen Karriereweg als professioneller Glücksspieler – beim Black Jack und bei Pferderennen – ein.

Long story short: Besonders viel Fortune schien er damit nicht gehabt zu haben, denn 1996 nahm Chip erneut die Gitarre zur Hand, und interpretierte auf seinem Comeback-Album „Hit Man“ einige seiner alten Songs – unter anderem „Wild Thing“, „Angel Of The Morning“ oder „Son Of A Rotten Gambler“, einst geschrieben für seinen Sohn Kristian und 1974 durch eine Version der Hollies erfolgreich geworden – neu. Seitdem blieb der mittlerweile 79-jährige Chip Taylor seiner alten Liebe, der Musik, treu, veröffentlicht beinahe im Jahrestakt neue Alben und tourt ebenso emsig durch die Weltgeschichte (und tritt gar ab und an mit dem älteren Bruder und den Enkelkindern auf).

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81CgzmrGKML._SY355_Ich selbst bin durch den Song „Fuck All The Perfect People“ auf Chip Taylor gestoßen, welcher unlängst Teil des Soundtracks der Netflix-Serie „Sex Education“ war (ebenso übrigens wie eine feine Coverversion des Regina Spektor-Stückes „On The Radio“). Ebenjenes „Fuck All The Perfect People“ stammt von Chip Taylors 2012 veröffentlichten Album gleichen Titels, welches er gemeinsam mit deiner skandinavischen Tour-Band The New Ukrainians aufnahm. Darauf zu hören: 16 Songs, die mal spontan durchgeklampft, mal nach rauem Country, mal nach erdigem Roots Rock klingen. Songs über das Unterwegssein und das Leben im Schatten (von dem Chip Taylor ja schon allein seiner Verwandtschaft und seiner Songwriting-Credits wegen das ein oder andere Lied singen kann). Oft wirkt das Storytelling-Ergebnis düster, aber nie verzweifelt, manchmal mit bluesigem Unterton, dann wieder honkytonk-mäßig. Und wenn der ein oder andere Song dann noch mit einem so tollen, so sympathischen Musikvideo wie zu „Fuck All The Perfect People“, welches Menschen im alltäglich-urbanen Gewusel von New York City zeigt, daher kommen, dann gerät das eigene Leben für knapp fünf Minuten zur Nebensächlichkeit… Eine Entdeckung, der Mann – und lieber spät als nie!

 

 

„To be or not to be
To free or not to free
To crawl or not to crawl
Fuck all those perfect people!

To sleep or not to sleep
To creep or not to creep
And some can’t remember, what others recall
Fuck all those perfect people!

Sleepy eyes, waltzing through
No I’m not talking about you!

To stand or not to stand
To plan or not to plan
To store or not to store
Fuck all those perfect people!

To drink or not to drink
To think or not to think
Some choose to dismember, you’re rising your thoughts
And fuck all those perfect people!

Sleepy eyes, waltzing through
No, I… I’m talking about you!

To sing or not to sing
To swing or not to swing
(Hell) He fills up the silence like a choke on the wall
Fuck all those perfect people!

To pray or not to pray
To sway or not to sway
Jesus died for something – or nothing at all
Fuck all those perfect people!

Sleepy eyes, waltzing through
No, I… I’m talking about you!“

 

Rock and Roll.

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Sunday Listen: Austin James Craig – „Ghosts Of Ohio“


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Foto: Facebook

Manchmal scheint ein Musiker derart unbekannt (oder zumindest potentiell desinteressiert dem digital-viralen Internetz-Leben gegenüber) zu sein, dass selbst die hartnäckigste Google-Suche wenig Informatives ausspuckt…

So etwa im Fall von Austin James Craig. Schnell hat man zwar in Erfahrung gebracht, dass der Newcomer aus Akron im Nordosten des US-Bundesstaats Ohio mit aktuell knapp unter 700 Facebook-Likes durchaus ausbaufähiges Potential in Sachen Hörerschaft besitzt. Dass Craigs Debütalbum „Ghosts Of Ohio“ im Oktober 2019 erschien (und via Bandcamp nicht nur im Stream, sondern auch als „name your price“ zu finden ist). Anderswo ist zwar zu lesen, dass ebenjenem Werk „vor einigen Jahren“ bereits eine EP vorausging, diese wiederum findet nicht einmal vonseiten des Künstlers selbst Erwähnung…

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Der Qualität der Songs von „Ghosts Of Ohio“ selbst tut all die Abwesenheit von Hintergrundinfos natürlich keinen Abbruch, schließlich bewegen sich die sieben Stücke stilistisch irgendwo im Spannungsfeld von Singer/Songwritertum, elegischem Alt.Country und wehmütiger Americana – alles musikalische Fächer, die einem Native aus der „Rubber Capital of the World“ (aus der übrigens auch eine Band namens The Black Keys stammt) durchaus liegen dürften. Da kommen einem die frühen Werke eines Noah Gundersen ebenso in den Sinn wie Bruce Springsteens reduziert-düstere Trilogie aus „Nebraska“, „The Ghost Of Tom Joad“ und „Devils & Dust“ (dazu passt wiederum, dass Craig kürzlich eine Coverversion des Boss-Evergreens „Atlantic City“ auf den einschlägigen Streaming-Plattformen online brachte).

Songs, die irgendwie den good ole All-American-Zeitgeist der Sixties atmen (was wiederum von den Artworks der einzelnen Stücke auf YouTube stilistisch ergänzt wird), andererseits jedoch inmitten ihrer Melancholie auch zeitlos klingen… Genre-Freunde sollten bei Austin James Craig durchaus ein Ohr riskieren!

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Lilly Hiatt – „Records“


LILLY HIATT

Lilly Hiatt? Na, da war doch was? Richtig! Ihr Vater ist kein Geringerer als John Hiatt, seines Zeichens in den Siebzigern ebenso wie heute noch eine recht umtriebige US-amerikanische Country- und Southern-Rock-Legende. Und als dessen Tochter wurde Lillian „Lilly“ Alice Hiatt die Musik gewissermaßen in die Wiege gelegt. Konsequenterweise begann Lilly, nachdem ihr ihr Senior eine Gitarre schenkte, bereits im zarten Teenager-Alter damit, eigene Songs zu schreiben. Ob die Große-Fußstapfen-Reputation des bekannten Vaters da eher Segen oder Fluch ist? Mag man sehen wie man möchte (und im Zweifel auch mal bei den Geschwistern Rufus und Martha Wainwright nachfragen, denen es mit dem renommierten Erzeuger Loudon Wainwright III wohl lange Zeit ganz ähnlich ging). So oder so hat die 35-jährige Singer/Songwriterin nicht nur eine bewegende Biografie (ihre Mutter Isabella Wood beging Selbstmord, als Lilly gerade einmal ein Jahr alt war, sodass sie auf der Farm ihres Vaters und seiner dritten Frau Nancy Stanley in Nashville, Tennessee aufwuchs), sondern auch eine durchaus respektable Diskografie vorzuweisen.

0607396639526Ihr aktuelles, drittes Album „Trinity Lane“ erschien 2017. Der Titel nimmt Bezug auf die Straßenanschrift ihrer Wohnung in East Nashville, in welcher ein Großteil der Kompositionen entstanden ist. Ebenjene Trinty Lane ist für Lilly Hiatt eine Art Sehnsuchtsort. Nach einer langen Periode, in der sie nicht nur mit ihrem Mitmusiker John Moreland auf Tour war, sondern auch eine schmerzvolle Trennung verarbeiten musste, erfuhr sie hier Ruhe und Besinnung – bitter nötig, um nach einem ohnehin recht unsteten Leben und nach fünf Jahren erfolgreicher Abstinenz nicht wieder dem „bösen Teufel Spiritus“ zu verfallen. All das sind schlussendlich Themen, die die studierte Psychologin persönlich nicht nur viel Kraft und Energie kosteten, sondern auch in die Stücke von „Trinity Lane“ einflossen und die nicht selten intensiven Texte beeinflussten. Und obwohl die Songs durchaus die ein oder andere Tradition des Soulful Country pflegen (immerhin wurde das Album gemeinsam mit Produzent Michael Trent in Nashville aufgenommen), kommt ein Gros des Nachfolgers zum 2015er Werk „Royal Blue“ mit Elementen, die weit über klassische Southern-Rock- und Singer/Songwriter-Strukturen hinaus weisen, deutlich rockiger ums Eck. Man höre etwa das Titelstück (das schon mit den Eröffnungszeilen “I get bored, so I wanna get drunk” harten Confessional-Tobak touchiert), „The Night David Bowie Died“ (welches nur am Rande eine Hommage an den Thin White Duke darstellt und dessen Tod im Januar 2016 mit Zeilen wie „I wanted to call you the night David Bowie died / But I just sat in my room and cried / I wanted to be perfect for you, everything you wanted me to / Believe me baby, I tried“ vielmehr biografisch unterfüttert) – oder eben das tolle Vinyl-Nerd-Tribut „Records“: „I’ll take lonely if it means free / It’s never how you thought it’d be / But that record waited up for me / That record waited up for me…“.

Obwohl man „Trinity Lane“ zu jeder seiner gut 45 Minuten die Stars’n’Stripes anzuhören glaubt, beweist Lilly Hiatt ein feines Näschen für tolle Mitwipp-Melodien, während die Songs mit ihren kleinen, ausreichend rauen Jam-Session-Momenten auch Ryan Adams zu dessen besten Alt.Country-Whiskeytown- oder The Cardinals-Zeiten in den inspirierten Sinn hätten kommen können. Gefällt auch ohne Redneck-Roots und die obligatorischen Accessoires wie Cowboy-Hut und -Stiefel im Kleiderschrank, versprochen!

 

 

„I’m thirty-two, I feel twenty-three
Got no husband next to me
I just wanna rock’n’roll
Scream out my lungs and burn real slow

I’ll take lonely if it means free
It’s never how you thought it’d be
But that record waited up for me
That record waited up for me

Six years ago, hope was nothin‘ much
Wakin‘ up to a stranger’s touch
I gave up vodka, I chilled out on weed
That record still hung on to me

I’ll take lonely if it means free
It’s never how you thought it’d be
But that record waited up for me
That record waited up for me

Lookin‘ out a window pane
Wonderin‘ why I still feel the same
I put the needle down – hey, Mr. Young
You know our work is never done

I saw that boy I loved so hard
He passed me in his beat-up car
Desire doesn’t know it’s wrong
So I came home and put the record on

I heard the backbeat, I sank into the groove
And suddenly I wasn’t worried about you
I turned it up so loud that it buzzed my ears
And that’s okay, ‚cause I’m the only one here

I’ll take lonely if it means free
It’s never how you thought it’d be
But that record waited up for me
That record waited up for me…“

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Charlie Collins – „Who’s Gonna Save You Now“ (Live Session)


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„Grew up in Tamworth on a record collection of storytelling.
Pushed my way onto the stage at the local pub between bands when I was 11.
Have worked since then on being a musician.
Played in few bands. Had some wins and losses.
So now I have dropped my band, gone back to storytelling, and looking for my own clarity.“

…so beschreibt sich Charlie Collins eine wenig lakonisch selbst auf Facebook.

Natürlich lässt die australische Newcomerin, die es von Tamworth, New South Wales mittlerweile (logischerweise) ins dezent größere Sydney verschlagen hat, dabei ihre Anfänge, die sie gemeinsam mit ihrem Bruder Kurt in der Band Chasing Bailey (deren einziges Album „Long Story Short“ erschien 2008) sowie zwischen 2011 und 2018 als Stimme der Alt.Pop-Band Tigertown nahm (bei zweiteren gemeinsam mit ihrem Mann Chris, die Formation machte mit immerhin sechs EPs auf sich aufmerksam und spielte als Support von Panic! At The Disco auch in Europa), etwas unter den Biografie-Tisch fallen.

71yu5SHg5qL._SS500_Natürlich spielen diese für Charlie Collins‘ im Mai erschienenem Solodebüt „Snowpine“ auch kaum eine Rolle, denn auf diesem präsentiert sich die junge Musikerin ein Jahr nach dem Split ihrer bisherigen Band im Quasi-Alleingang deutlich gereifter und mit Songs, die mal weibliche Folk-Größen der Sechziger wie Joan Baez, Patsy Cline oder Emmylou Harris und deren ätherische Neuzeit-Wiedergängerinnen wie Hope Sandoval oder Angel Olsen, mal fein eingewebte Psychodelia-Referenzen an die Siebziger anklingen lassen. Da trifft moderater Indierock auf laid back gehaltenen Neunziger-Slacker-Rock á la Liz Phair oder staubig-sonnigen Alt.Country, während Australiens weite Landschaft am geöffneten Autofenster vorbeizieht. Die Umschreibung „als ob Stevie Nicks nun bei The War On Drugs singen würde“ trifft’s recht gut. Als Hörproben seien etwa „Mexico„, eine sanft rockende Herzschmerz-Nummer, die so etwas wie die Südliche-Hemisphäre-Schwester des Manic Street Preachers-Songs „Australia“ darstellt, der recht entspannte Roadtrip-Klopfer „Wish You Were Here“ (Titelgleichheiten zu Stücken von Pink Floyd, Incubus oder Ryan Adams sind wohl reiner Zufall), das leicht süßlich schunkelnde „Please Let Me Go“ oder das kaum weniger tolle „Who’s Gonna Save You Now“ empfohlen.

Den Hipster-Blumentopf der güldenen Innovation wird Charlie Collins, die bereits andere Aussie-Senkrechtstarter der jüngeren Vergangenheit wie Gang Of Youths oder Courtney Barnett zu ihren Fans zählt, mit ihrem Debütwerk, das bei den ARIA Awards in diesem Jahr als „bestes Country-Album“ nominiert war, zwar nicht gewinnen. Ein weiterer Beweis dafür, welch‘ talentierte Künstler da aktuell von Down Under aus zum Sprung auf den Rest der Musikwelt ansetzen (ANEWFRIEND berichtete in den letzten Jahren etwa über Angie McMahon, An Horse, Ziggy Alberts oder Tash Sultana), ist die Newcomerin allemal.

 

 

Wer mehr wissen mag, findet hier ein Interview mit Charlie Collins vom März diesen Jahres.

 

Rock and Roll.

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