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Song des Tages: Dogleg – „Kawasaki Backflip“


Kris-Hermann

Ganz zum Schluss, als alles bedauerlicherweise schon wieder vorbei ist, packen sie die Streicher aus. Dann geht der Closer „Ender“ voll Anmut und Eleganz von der Bühne. Mir nichts, dir nichts. Als ob nix gewesen wäre. Die Bühne nämlich kann als solche kaum mehr bezeichnet werden. Wenn diese außergewöhnlichen 35 Minuten und 40 Sekunden zwischen laut und lauter schlussendlich den letzten Ton ausgespuckt haben, liegt alles erstens kreuz und quer in Trümmern und zweitens man selbst schweißgebadet und für längere Zeit tief beeindruckt irgendwo am Boden (so man denn nicht längst einem Votum der Ärzte – Aus Berlin! Auuuuus Berlin! – zum Opfer gefallen ist). Doch der Reihe nach: Dogleg, das ist ein Quartett aus Detroit, Michigan, dessen Sänger Alex Stoitsiadis wohl sein nicht recht junges Leben dafür geben würde, nochmal mit Fugazi oder Crash Of Rhinos touren zu dürfen, der aber zugleich Bock auf The Strokes, Modest Mouse, At The Drive-In oder Jawbreaker hätte. Eigentlich klar, dass die Band ihr kürzlich erschienenes Langspieler-Debüt „Melee“ irgendwo in diesem nicht eben kleinen Spannungsfeld, zu dem unbedingt und überhaupt und sowieso und gern noch …And You Will Know Us By The Trail Of Dead, Cloud Nothings oder Japandroids gezählt werden sollten, platziert…

Melee_DoglegAllerdings: Allein der großartig garagenrockende Opener „Kawasaki Backflip“ nimmt – bei aller Fülle – lasche Positionsbestimmungen wie eben diese, schleift sie ein paar Mal durch den in Stoitsiadis‘ Haus aufgenommenen und selbstverständlich in weltbester DIY-Manier selbstproduzierten, über alle Genregrenzen erhabenen Punk Rrrrrrrrock – und lächelt jedes Attribut lässig riffend weg. Und man selbst? Hat wieder treffsicher am Ziel vorbei beschrieben und ist dem punktgenau gelandeten Zweieinhalbminüter dabei doch in keinster Weise gerecht geworden. Man kann natürlich lang und breit darüber sinnieren, dass „Melee“, der Nachfolger zur 2016er „Remember Alderaan? EP„, klingt wie ein wild durcheinander stiebendes Pogoknäuel aus The Get Up Kids, Shook Ones, Joyce Manor und Crash Of Rhinos, dass man seit Spanish Love Songs‘ noch immer hervorragendem Zweitling „Schmaltz“ nicht mehr so dermaßen viel Dringlichkeit in einem Album gehört hat, dass man manchmal wartet, ob nicht bald jemand We won’t stand for hazy eyes anymore! über die Songs skandiert und dass man Schwierigkeiten mit der sich aufdrängenden Frage hat, ob man hier denn jetzt Punk, Post Hardcore, (Midwest-)Emo oder doch irgendwie Indie Rock über das Dargebotene kritzeln soll.

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Man kann aber auch die imaginäre Referenzhölle einfach einfrieren. Weil ein Song wie „Prom Hell“ schlicht und ergreifend viel zu gut ist, um überhaupt irgendwelchen Vergleichen standhalten zu müssen – Newcomer-Band hin oder her. Von der ersten Sekunde an ist da so viel an unwiderstehlicher Melodie im Spiel, schiebt da später ein nervöses Schlagzeug den Song nach vorne, baut sich konsequent die Spannung auf, bis das Stück vor Kraft kaum noch laufen kann und sich mit allerlei Glanz, Gloria, Krawall und Remmidemmi ins Ziel eskaliert. Herrschaftszeiten, was für ein wilder Gangshout-Ritt! Den die Band jederzeit zu wiederholen in der Lage ist. Man nehme nur das unmittelbar folgende „Fox„, das sich ein feines Mäntelchen aus Hitpotential umhängt, mitsamt ausladendem „Hey!“-Geschrei die Beine in die Hand nimmt und im Finale einmal mehr der hemmungslos-juvenilen Raserei fröhnt. Auf Hörerseite machen sich da zwar keine Verschleißerscheinungen, jedoch wohl die ersten Konditionsprobleme bemerkbar, während man gleichsam in freudigem Entsetzen feststellt, dass noch nicht einmal die Hälfte von „Melee“ den autonomen Indierockschuppen-Boden mit einem aufgewischt hat.

Tatsächlich sind Alex Stoitsiadis (Gitarre, Gesang), Parker Grissom (Gitarre), Chase Macinski (Bass, Gesang) und Jacob Hanlon (Schlagzeug) so freundlich, mit „Headfirst“ zumindest das Tempo ein kitzekleines Stück weit in moderatere Gefilde zu drosseln. Weniger intensiv wird es jedoch keinesfalls, wenn Stoitsiadis alles andere als optimistisch „Time will let you down“ über das dichte Songgeflecht leidet. Und wenn „Cannonball“, welches tatsächlich zum ersten Mal eine Akustikgitarre klingen lässt, das Feld mit viel Dynamik und tatsächlich noch mehr Dramatik für das große Finale bestellt, kann man schon ganz genau einschätzen, womit man es bei „Melee“ zu tun hat – und ist entsprechend (halbwegs) bereit für diesen Irrwitz von Schlusspunkt, den „Ender“ dann setzt. Von der ersten Sekunde an fliegt da alles wüst durcheinander, wird einigermaßen sortiert, in neue Formen und schließlich sogar für einige Momente zur Ruhe gebracht, nur um Stück für Stück wirklich alles an Emotion, Pathos und Leidenschaft in einen furiosen Parforceritt zu werfen, was unter Aufbringung sämtlicher letzter Reserven verfügbar scheint. Und man hofft, Dogleg, diese noch so junge Band, die optisch auf Milchbubi-Nerds macht und auch schonmal einen Song nach einem Pokémon benennt („Wartortle“), mögen bitte, bitte niemals aufhören. Und dann? Packen sie die Streicher aus. Und das Herz, es schlägt. Für einen wilden, lauten, ungeschliffenen, leidenschaftlichen potentiellen Meilenstein. Gern weitersagen!

 

 

Rock and Roll.

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