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Song des Tages: Kevin Devine – „Albatross“


Regelmäßige Leser von ANEWFRIEND wissen es freilich: Kevin Devine ist seit Jahr und Tag ein regelmäßiger Gast auf diesem bescheidenen Blog, wannimmer es Neues über den 42-jährigen Singer/Songwriter aus Brooklyn zu berichten gibt.

Für alle anderen als kleiner Service hier einmal (s)ein Indie-Rock-Werdegang im Schnellabriss: Devines Karriere begann in den frühen Nullerjahren mit der Emo-Indie-Rock-Band Miracle of 86. Anschließend veröffentlichte er erste Soloalben, tourte mit seinem ständig wechselnden Backing-Kollektiv The Goddamn Band (welche ihrerseits unter anderem aus ehemaligen Mitgliedern von Miracle Of 86 besteht) und gründete mit Manchester Orchestra-Frontmann Andy Hull zudem das Projekt Bad Books. Neben seiner Solokarriere, welche zuletzt, 2016, die Alben “Instigator” sowie “We Are Who We’ve Always Been” (das 2017 erschien und Akustik-Versionen der “Instigator”-Songs beinhaltete) hervorbrachte, war Kevin Devine, der sich zudem auch politisch engagiert und oft genug Wort gegen soziale Missstände ergreift, auch Tourmusiker in zahlreichen anderen Bands und tourte weltweit, sowohl solo als auch mit befreundeten Bands und Musker*innen wie Frightened Rabbit, John K. Samson oder Julien Baker. Neuerdings beschritt der US-Musiker außerdem neue digitale Wege und bietet seinen treuesten Fans via Patreon exklusiven Content sowie Livestream-Shows.

Und: Kevin Devine hat, wie so einige andere Kollegen, die Corona-bedingte Zwangspause scheinbar recht kreativ genutzt und ein neues Album aufgenommen. Selbiges – es ist bereits sein nunmehr zehntes Solo-Werk – hört auf den Titel „Nothing’s Real, So Nothing’s Wrong“ und wird am 25. März via Triple Crown Records erscheinen. Wie der begleitende Pressetext – zugegebenermaßen recht blumig – wissen lässt, strahlen die elf Stücke des neuen Albums eine anmutige Reife aus. In einer Welt, die um einen herum zerfällt, ist „Nothing’s Real, So Nothing’s Wrong“ ein Rettungsboot in einem stürmischen Meer von kulturellen, familiären, spirituellen und gesellschaftlichen Krisen. Musikalisch verschmelzen Psych Folk mit Orchesterarrangements, Bedroom Pop und Indie Rock zu einem ungemein dichten Sound. Die Leadsingle „Albatross„, welche Devine nun als ersten Eindruck hören lässt, beschreibt im Refrain das bereits thematische Fundament des kommenden Albums: „If you’re sinking / Sing along / Nothing’s real, so nothing’s wrong“.

Kevin Devine über den neuen Song: „‚Albatross‘ steht für einen harten Reboot. Der Song beschreibt eine Entladung für all die, die mit den vorgefertigten Lösungen und Wundermitteln des 21. Jahrhunderts zu kämpfen haben. Wo findet man noch Trost, wenn das allgemeine Wertesystem und der Diskurs degradiert und grotesk sind? Vielleicht müssen wir loslassen, und dann noch mehr loslassen: Von der Last, etwas zu kommunizieren, für das es keine noch keine passende Worte gibt. Von den Ad-Hoc-Antworten auf unbeantwortbare Fragen. Von einer pervertierten und auf den Kopf gestellten Realität, die einen glauben lassen will, Dinge reparieren zu müssen, die gar nicht kaputt sind.“

Devine malt auf „Nothing’s Real, So Nothing’s Wrong“ ein komplexes, jedoch optimistisches Porträt eines Lebens, das größer ist als sein eigenes. Er findet, wohlmöglich sogar besser denn je, ein Gleichgewicht zwischen eigenen Mikroerfahrungen und den Makrostrukturen unserer Gesellschaft. Alte und neue Hörer*innen werden eingeladen, sich mit ihm auf eine intime Reise zu begeben, in der das Verständnis über das eigene Innenleben eine der letzten – aber vielleicht besten – Methoden des Widerstands wird.

Liest sich, als hätte Kevin Devine auch 2022 viel mit dieser Welt da draußen zu teilen. Man darf – nein, sollte – also mächtig gespannt aufs neue Album sein…

„In simplest terms: ‚Nothing’s Real, So Nothing’s Wrong‘ is a grown-up break-up (or break-ups, as it were) record, for strugglers by strugglers, a kitchen-sink 10th album pivot, painstakingly brought to life by two career-long collaborators and their shared (& split) obsessions. 

The mission: alchemize a chainsmoked series of destabilizing life experiences into something musically dynamic & progressive & expansive; be lyrically evocative & excavating & unflinching without irresponsibly printing your journals; navigate two successive endings, and the “how did I get here,” and the dark night of honestly assessing the soul, and digging a tunnel, and the stubborn humanity in beginning again. 

(It’s also sort of a fatherhood record.) 

And now: to get people to hear it.“

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Grace Cummings


Während vielerwebs die Jahresbestenlisten von 2021 noch lauwarm glühen, deutet sich bereits an, wer die Pop-Feuilletons der kommenden Monate einhellig verzaubern könnte. Grace Cummings etwa. Zwar hat die in Melbourne geborene Songwriterin in ihrem Heimatland mit „Refuge Cove“ bereits 2019 ein vielbeachtetes Debüt vorgelegt, abseits Australiens ist sie jedoch ein noch recht gut behütetes Geheimnis. Und man muss keineswegs der Ahnenreihe eines Nostradamus entstammen, um die risikoarme Prognose zu wagen, dass sich das in diesem Jahr und mit dem kommenden Album „Storm Queen“ schlagartig ändern könnte.

Dabei liest sich Grace Cummings‘ bisheriger Werdegang irgendwo zwischen Umtriebigkeit und gepflegter Down-Under-Langeweile. So begann die ausgebildete Schauspielerin ihre musikalische Laufbahn als Schlagzeugerin in einer Reihe von Highschool-Bands, deren Repertoire hauptsächlich aus AC/DC- und Jimi-Hendrix-Covern bestand. Als Cummings begann, eigene Songs zu schreiben, ließ sie sich vermehrt von Acts wie Paul Kelly, Bob Dylan, J Spaceman sowie traditioneller irischer Folkmusik inspirieren, die ihr Vater oft zu Hause spielte. Vor allem die Ehrerbietungen an den ewig großen Dylan hörte man an vielen Ecken der Eskapismus-Kleinode von „Refuge Cove“ heraus.

Einer weiteren Eigenart bleibt Cummings auch auf dem neuen Werk treu: sie behält die künstlerischen Zügel gern in der eigenen Hand. So übernimmt die Newcomerin, wie schon auf dem Debütalbum, auch auf “Storm Queen” das Ruder als Produzentin. Die minimalistischen Arrangements werden von einer Reihe von befreundeten Künstler*innen aus Melbourne mit unerwarteten Verzierungen geschmückt: prunkvolle Geigenmelodien, gespenstische Theremin-Töne oder das frenetische Heulen eines Baritonsaxophons, welche das Album, getreu seines Titels, in ein ganz eigenes, unbändiges Klima hüllen.

„Storm Queen“ beginnt mit der majestätischen Vorab-Single „Heaven“ und offenbart sofort die ungezähmte Intensität von Cummings‘ ebenso eigenwilliger wie mächtiger Stimme sowie ihre Vorliebe für poetische und zugleich seltsam direkte Texte. Oft genug lässt die geübte Bühnenmimin dabei die Theatralik einer Aldous Harding mit der stimmlichen Präsenz von Marlene Dietrich unikal verschmelzen. Außerdem auffällig: religiöse Anklänge. Aber auch hier verhält es sich etwas anders, als man im ersten Moment zunächst denken könnte. „Der Refrain von ‚Heaven‘ enthält zwar die Worte ‚Ave Maria‘ – aber nicht, weil ich in irgendeiner Weise religiös bin“, erklärt die Australierin, die kürzlich erst die Hauptrolle in einer Joanna Murray-Smith-Produktion an der Melbourne Theatre Company spielte. „Für mich ist das Reden und Singen über Gott oder Mutter Maria eine Art, etwas Schönes zu benennen, das ich nicht verstehe, etwas, das nicht ganz zu der Welt gehört, in der wir leben“, fügt Cummings hinzu, die ihre eigenwillige Musikalität mit einer bewusst spontanen Herangehensweise an das Songwriting kombiniert. „Ich habe ‚Heaven‘ tatsächlich in der gleichen Zeit geschrieben, die man zum Singen braucht. Ich habe gehört, dass man in alten Cowboy-Filmen immer weiß, wer der Held ist, weil er einen Zehn-Gallonen-Stetson trägt. Der Himmel könnte eine Person sein. Oder ein Ort. Oder mein Vater oder eine winzig kleine Raupe oder der Klang des Lachens eines Kookaburra. Der Kookaburra ist ein Held, ich bin es nicht.“ Mit dieser Erklärung zwischen Augenzwinkerei und heiligem Ernst begründet Cummings, warum ihr Spiel mit christlicher Symbolik der ohnehin schon überbordenden Affektkulisse ihres eigenartig reduzierten Songwritings noch eine weitere Ebene einzieht.

Diese Musik mag keineswegs gefälliger Einweg-Radiopop für Familie Jedermann sein, aber eines ist sie in jedem Fall: besonders. Ave Maria, a star is born.

Rock and Roll.

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Was bringt das Musikjahr? – Der Veröffentlichungskalender 2022


Foto: Yaroslav Blokhin / via

Same procedure as every year – Das neue Jahr ist erst wenige Stunden alt, wirft jedoch bereits – auch in Punkto Albumneuerscheinungen – den ein oder anderen langen Schatten voraus. Damit ihr auch 2022 nicht ganz und gänzlich den Überblick verliert, fasst ANEWFRIEND als kleinen Service für euch wieder die ein oder andere relevante Ankündigung zusammen.

Nachdem auch das vergangene Jahr Corona-bedingt und gerade in kulturellem Sinne, seiner einmal mehr konzertfreien, gefühlt ewig langen Zeit wegen, als ein weiteres dezent seuchiges in die Annalen eingehen dürfte, bleibt für die kommenden zwölf Veröffentlichungsmonate nicht nur zu hoffen, dass nun baldigst wieder dauerhaft Konzerte und Festivals stattfinden werden (denn irgendwoher müssen gerade kleinere Künstler fernab der Rolling Stones, Madonnas und Coldplays – Einfallsreichtum mit Streaming-Shows hin oder her – ja ihre Butter aufs Brot bekommen), sondern auch, dass die Tage bis Dezember 2022 wieder das ein oder andere fulminant tönende Glanzlicht bereit halten werden… Also denn: ANEWFRIEND ist gespannt, ANEWFRIEND bleibt auch im zehnten Blogjahr (oder sogar schon elften – je nachdem, wie man’s betrachtet) maximal neugierig!

JANUAR 2022

The Wombats – Fix Yourself, Not The World (VÖ 07.01.2022)

Beirut – Artifacts (VÖ 10.01.2022)

Blood Red Shoes – Ghosts On Tape (VÖ 14.01.2022)

Broken Social Scene – Old Dead Young: B-Sides & Rarities (VÖ 14.01.2022)

Cat Power – Covers (VÖ 14.01.2022)

Miles Kane – Change The Show (VÖ 14.01.2022)

Sea Girls – Homesick (VÖ 14.01.2022)

Band Of Horses – Things Are Great (VÖ 21.01.2022)

Billy Talent – Crisis Of Faith (VÖ 21.01.2022)

Boris – W (VÖ 21.01.2022)

Eels – Extreme Witchcraft (VÖ 28.01.2022)

Madrugada – Chimes At Midnight (VÖ 28.01.2022)

Pinegrove – 11:11 (VÖ 28.01.2022)

Tocotronic – Nie wieder Krieg (VÖ 28.01.2022)

Desaparecidos – Live at Shea Stadium (VÖ 31.01.2022)

FEBRUAR 2022

Bastille – Give Me The Future (04.02.2022)

Black Country, New Road – Ants From Up There (VÖ 04.02.2022)

The Districts – Great American Painting (VÖ 04.02.2022)

Korn – Requiem (VÖ 04.02.2022)

Mitski – Laurel Hell (VÖ 04.02.2022)

A Place To Bury Strangers – See Through You (VÖ 04.02.2022)

Shoreline – GROWTH (VÖ 04.02.2022)

The Slow Show – Still Life (VÖ 04.02.2022)

alt-J – The Dream (VÖ 11.02.2022)

Big Thief – Dragon New Warm Mountain I Believe In You (VÖ 11.02.2022)

Cult Of Luna – The Long Road North (VÖ 11.02.2022)

Johnossi – Mad Gone Wild (VÖ 11.02.2022)

Spoon – Lucifer On The Sofa (VÖ 11.02.2022)

Frank Turner – FTHC (VÖ 11.02.2022)

Eddie Vedder – Earthling (VÖ 11.02.2022)

Beach House – Once Twice Melody (VÖ 18.02.2022)

Hot Water Music – Feel The Void (VÖ 18.02.2022)

MAITA – I Just Want To Be Wild For You (VÖ 18.02.2022)

Shout Out Louds – House (VÖ 18.02.2022)

White Lies – I Try Not To Fall Apart (VÖ 18.02.2022)

Casper – Alles war schön und nichts tat weh (VÖ 25.02.2022)

Dashboard Confessional – All The Truth That I Can Tell (VÖ 25.02.2022)

Gang Of Youths – Angel In Realtime. (VÖ 25.02.2022)

King Hannah – I’m Not Sorry, I Was Just Being Me (VÖ 25.02.2022)

Johnny Marr – Fever Dreams Pts 1-4 (VÖ 25.02.2022)

Spiritualized – Everything Was Beautiful (VÖ 25.02.2022)

Superchunk – Wild Loneliness (VÖ 25.02.2022)

Brandon Boyd – Echoes And Cocoons (VÖ 28.02.2022)

MÄRZ 2022

Stereophonics – Oochya! (VÖ 04.03.2022)

Feeder – Torpedo (VÖ 18.03.2022)

Midlake – For The Sake Of Bethel Woods (VÖ 18.03.2022)

Get Well Soon – Amen (VÖ 25.03.2022)

Placebo – Never Let Me Go (VÖ 25.03.2022)

APRIL 2022

Archive – Call To Arms & Angels (VÖ 08.04.2022)

Jack White – Fear Of The Dawn (VÖ 08.04.2022)

Bloc Party – Alpha Games (VÖ 29.04.2022)

MAI 2022

Liam Gallagher – C’mon You Know (VÖ 27.05.2022)

JUNI 2022

Porcupine Tree – Closure / Continuation (VÖ 24.06.2022)

JULI 2022

Jack White – Entering Heaven Alive (VÖ 22.07.2022)

UND SONST?

Antemasque – Saddle On The Atom Bomb (tba.)

The Cure – tba. (2022)

The Distillers – tba. (tba.)

Dredg – tba. (tba.)

The Libertines – tba. (2022)

My Bloody Valentine – tba. (2022)

Pete Yorn – Hawaii (2022)

(Wurde etwas vergessen? Dann lass’ es ANEWFRIEND in den Kommentaren wissen…)

Rock and Roll.

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Song des Tages: Spoon – „The Hardest Cut“


Foto: Promo / Oliver Halfin

Die Spoon’sche Zeit der Elektro-Beats aus Drum-Machines und Synthesizern, die sich mit dem 2014er Album „They Want My Soul“ anbahnte und auf dem drei Jahre darauf erschienenen Nachfolger „Hot Thoughts“ den Ton vorgab, scheint – zumindest vorerst – vorbei. Die US-Indie-Band um Sänger und Gitarrist Britt Daniel, der Spoon im Jahr 1993 mit Schlagzeuger Jim Eno gründete, hat ihr zehntes, im kommenden Februar erscheinendes Studioalbum „Lucifer On The Sofa“ angekündigt und wagt damit einen Schritt (zurück) in Richtung puristische Rockmusik. 

Schon während der Tour zu „Hot Thoughts“ haben Spoon laut Daniel eine neuerliche Wertschätzung für ihren lärmenden Bühnensound entwickelt, da „die Live-Versionen der Songs die Albumversionen übertrafen“. Nach einem Umzug von Los Angeles nach Austin, Texas, in der auch Bandkollege Eno das „Public Hi-Fi“-Studio betreibt, begann die Arbeit an dem neuen Album, welches laut Daniel in der “bisher reinsten Rock’n’Roll-Platte” der Band mündeten. Dafür wählten Spoon eine ironisch angehauchte Herangehensweise: “Es ist ein Classic-Rock-Sound, wie er von einem Typen geschrieben wurde, der Eric Clapton nie verstanden hat.”

Die erste Singleauskopplung „The Hardest Cut“, in welcher von Disco-Rock- und Dance-Attitüden tatsächlich nichts mehr zu hören ist, erinnert mit ihrem rhythmisch polternden Groove etwa an ZZ Top oder Molly Hatchet. Über gedämpft schwingende Gitarren-Riffs legen sich Daniels lässiger Gesang, auf den Chorus folgt in Genre-Manier ein rohes Bridge-Solo der verzerrten Leadgitarre, wie man es beispielsweise von Jack White kennt. Ein düster rumpelnder, treibender Beat, fuzzige Soli und verzerrter Garage Rock zu lässigen Gesangsmelodien? Nimmt man gern, macht Bock auf mehr! Die Entstehung des Songs war laut dem Frontmann sowohl von kollaborativer, als auch nostalgischer Natur: “Ich wollte schon immer einen Spoon-Song haben, der den Vibe von ‘Run Run Run’ von The Who hat. Es war also die Kombination von drei Dingen: Die Akkorde von Alex [Fischel, Gitarrist], mein Riff und ‘Run Run Run’.“

Ganz ähnlich verrucht kommt das Musikvideo mit moderner Film-Noir-Atmosphäre daher, in dem die Band in schummrigem Ambiente vor einem zum mechanischen Beat tanzenden Publikum auftritt. Nur ein mysteriöser Mann mit weißem Anzug, der in der Ecke des in diffuses Licht getauchten Saals sitzt, beobachtet unbeeindruckt die Szenerie. Unter dem Saal wird eine junge Frau gefangen gehalten und von ihrem Peiniger mit einem Messer bedroht. Nachdem sie es geschafft hat, ihn zu überwältigen und zu töten, steigt sie eine Treppe zum Konzertort hinauf und sieht sich mit dem Anzugträger konfrontiert…

Die Allegorie des „Teufels auf dem Sofa“ taucht aber nicht nur im Video und dem Albentitel auf, sondern soll auch beim bisher unveröffentlichten Titeltrack das Thema bilden. Laut Daniel sei ihm während eines nächtlichen Spaziergangs die Vorstellung von Satan gekommen, „der mit mir auf meiner Couch sitzt und mich anstarrt“. Diese Figur sei das „Schlimmste, was aus einem werden kann“. Es repräsentiere das Zusammenschrumpfen zu einem „antriebslosen und jammernden Häufchen Elend“ durch Bitterkeit und Selbstzweifel. Der Teufel, eine Weggabelung und Robert Johnson – das waren ja im Grunde schon immer die Grundzutaten des Blues und Rock’n’Roll.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Carolina Lee – „Blossoms“


Carolina Lee spielen psychedelischen Dream Folk – so weit, so unaufgeregt. Apropos: Mit der klassischen Formation von Gitarre, Orgel, Bass, Schlagzeug und Gesang schafft es die Berliner Band, überraschend unaufgeregte Songs zu arrangieren, die sich ganz auf die eigene Poesie verlassen und durchaus zeitlosen Charakter besitzen. Langsame, leise Musik, deren Melancholie etwas Perfektionistisches innewohnt und dessen psychedelische Elemente einen experimentellen Anspruch geltend machen. Ja, auch so kann die Großstadt klingen.

Zwischen Emotionalität und Humor entsteht dabei eine Spannung, die bald an das dunkle Timbre von Karen Dalton, bald an die verträumte Schlichtheit von Mazzy Star oder die weltferne Entrücktheit eines Syd Barrett erinnert. Dass einem angesichts des rührenden Sprechgesangs von Frontfrau Nadja Carolina auch Nico und The Velvet Underground in den Sinn kommen, liegt wohl in der Natur dieser Art von Musik.

Als erste Single erschien unlängst das Stück „Blossoms„, Nadja Carolina dazu: „Vor vielen Jahren habe ich Gewalt erlebt. Sie hat mich nicht getroffen – jedenfalls nicht direkt. In solchen Momenten passiert etwas. Wenn man sich selber sieht von außen, wie in einem Film, ist das sehr seltsam. Es hat mich lange verfolgt. Aber die andere Seite davon ist die unglaubliche Leichtigkeit, die man spürt, wenn man merkt, dass man wegfliegen kann. Dieses Gefühl versuche ich zu bewahren, in den Momenten, in denen anfange, mich wieder zu spüren. Wenn ich zum Beispiel plötzlich sehe, dass der Kirschbaum blüht und die Welt sich weiterdreht vor meinem Fenster.“

Nach zahlreichen Konzerten in Berlin und Umgebung seit 2019 hat die Band einen Fundus an Kompositionen entwickelt und erprobt, die nur darauf warten ein größeres Publikum zu erreichen. Einige jener Kompositionen haben es auch auf das am 15. Dezember erscheinende Debütalbum „Haunted Houses“ geschafft, welches die vierköpfige Band, die durch Simon Grote (Gitarre, Orgel, Gesang), Jule Schröder (Bass, Gesang) und Lutz Oliver (Schlagzeug, Gitarre) komplettiert wird, in den vergangenen zwei Jahren gemeinsam mit dem Musiker und Toningenieur Max Braun (BRTHR, Karwendel) im Stuttgarter Studio Areal 51 aufgenommen hat. Begleitet und dokumentiert wurden die Aufnahmen vom Dokumentarfilmregisseur Kai Ehlers, um das Publikum am Entstehungsprozess teilhaben zu lassen.

Außerdem ließen Carolina Lee mit „Little Lines“ kürzlich bereits ein weiteres Stück hören. Im November soll eine Crowdfunding-Kampagne lanciert werden und mit „Mirror Mirror“ der Fokustrack des Albums folgen, welcher auf fünf atemlosen Minuten die mystisch-träumerische Energie verkörpert, die diesem Album im wahrsten Sinne des Wortes eingehaucht wurde. Ein Album, für das es sich selbst in der urbanen Alltagshektik lohnt, innezuhalten. Nach Ablauf der acht Stücke blickt man verwundert zurück; wie ein Kind, das beim Beobachten der Ameisen unter dem Birnenbaum die Zeit vergisst…

Rock and Roll.

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Song des Tages: Band Of Horses – „Crutch“


Auch wenn man von ihnen überraschend wenig gehört hat: Was waren das für durchaus turbulente vergangene sechs Jahre bei den Southern-Indierockern von Band Of Horses… War da am Anfang ein recht steiler Aufstieg in den Rockolymp, der vor allem durch die ersten drei, zwischen 2006 und 2010 erschienenen Alben „Everything All The Time„, „Cease To Begin“ und „Infinite Arms“ sowie Songs wie „The Funeral„, „Is There A Ghost“ oder „No One’s Gonna Love You“ begründet war, folgten mit „Mirage Rock“ und „Why Are You Ok“ 2012 beziehungsweise 2015 zwei weitere Langspieler, die dem ursprünglich aus Seattle, Washington und nun in Charleston, South Carolina beheimateten Fünfergespann schließlich den Ruf der zwar nicht überlebensgroßen (siehe auch: Coldplay, Muse, Kings Of Leon), jedoch definitiv größere Hallen füllenden Etwas-für-jedermann-Rockband einbrachten. Dies allerdings auch, indem Band Of Horses einen Soundwandel vollzogen, der weg vom rauen, direkten Gitarrensound der Anfangstage ging und oft genug die Abfahrt in Richtung voluminös-satter Stadionsound nahm. Manch einer mochte die zu Herzen gehenden Immergrün-Hymnen vermissen, der Erfolg gab ihnen dennoch recht.

Doch dann wurde es plötzlich ruhig um die Band um Frontmann Ben Bridwell. Nach ausgedehnten Konzertauftritten und Tourneen zu „Why Are You Ok“ setzte sich – mag sich kurios lesen, aber so ist’s eben manchmal – ein Rad in Bewegung, das lange Zeit still stand. Denn während die Band Of Horses-Mitglieder in ihrer Anfangszeit, bis auf Bridwell, fast jährlich wechselten, setzte Gefüge ab 2007 eine Verstetigung ein. Mit Bridwell als Sänger und Creighton Barrett als Schlagzeuger kamen in jenem Jahr als Keyboarder Ryan Monroe, Bill Reynolds am Bass und Tyler Ramsey als Gitarrist und Backgroundstimme hinzu.

Satte zehn Jahre sollte diese Bandkonstellation so bleiben und für den Erfolg der Band stehen, bis schließlich Anfang Mai 2017 Tyler Ramsey und Bill Reynolds über ihre sozialen Kanäle die Trennung der beiden mit der Band bekannt gaben. Was zu diesem Zeitpunkt stark nach Bandauflösung roch, sollte erst in einem immer leiser werdenden Rhythmus der Band übergehen und letztendlich zeitweise sogar zum kompletten Verstummen der Kommunikation führen. Vielleicht auch Dank der durch die Pandemie verursachte Alles-steht-still-Langeweile haben Band Of Horses seit diesem Jahr in leicht veränderter Besetzung (Matt Gentling am Bass und Ian MacDougall an der Gitarre sitzen neu im Sattel) wieder die Zügel in die Hand genommen und nun mit „Crutch“ ihr erstes musikalisches Lebenszeichen seit 2015 veröffentlicht.

Und diese tönende Rückmeldung kann sich durchaus hören lassen! Denn mit dem neuen Song kehrt die Band ein stückweit zu den Anfängen zurück und gibt sich wieder herrlich rau, direkt und schrammelig. Dabei erinnert wirklich so einiges auf „Crutch“ an die ersten beiden Alben und wird durch die schnellen Gitarren, den hohen Gesang Bridwells und dem immer wieder unterbrechenden, fast schon staccato-artigen Verstummen des Schlagzeugs aufgerissen. Ohne Umwege treiben die feinen Gitarren den unverschämt eingängigen Refrain in den Gehörgang, wo er dann lange rotiert. Besser noch: Mit „Crutch“ kündigen Band Of Horses zudem ihr sechstes Studioalbum „Things Are Great“ an, das am 21. Januar 2022 erscheinen soll. Und wie man hört, dürfen Freunde der Band sich auf ein Werk freuen, das den Wandel zu alten Stärken vollzogen hat und damit durchaus die Hörerherzen vieler Fans der Anfangstage zurückerobern könnte. In jedem Fall: Schön, dass die Herren der Pferdeband wieder da sind.

Rock and Roll.

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