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Song des Tages: NHC – „Feed The Cruel“


Das Hallo war durchaus groß, als NHC im vergangenen September erste musikalische Lebenszeichen sendeten, immerhin verstecken sich hinter den recht kryptischen drei Buchstaben nicht etwa Noname-Novizen, sondern das National Hurricane Center der US of A sowie drei große Namen des US-Alternative-Rocks: Dave Navarro, Taylor Hawkins und Chris Chaney. Hatte sich das Trio also eher per Kumpel Zufall zu gemeinsamen Jam-Sessions zusammengefunden? Nope, keineswegs – NHC verbindet durchaus einiges an gemeinsamer Geschichte…

So bildeten ersterer (Navarro) und letzterer (Chaney) lange Zeit 50 Prozent der kalifornischen Psychedelic-Alternative-Rocker Jane’s Addiction, Chaney seinerseits war zusammen mit Hawkins ein paar Jahre in der Liveband von Alanis Morissette aktiv, bevor der Schlagzeuger zu den Foo Fighters weiterzog und dort eine amtliche Weltkarriere startete. Zudem war der Bassist bereits in der Vergangenheit Mitglied bei Taylor Hawkins & The Coattail Riders, dem Soloprojekt des Foo Fighters-Schlagzeugers. Und Navarro dürfte man außerdem als zwar lediglich kurzzeitigen, dafür jedoch jedoch recht einflussreichen Gitarristen der Red Hot Chili Peppers kennen, deren 1995er Album „One Hot Minute“ er seinerzeit mit seinen ebenso düster wie funky dröhnenden Saitenfähigkeiten veredelte. Auch über ihn war Hawkins voll des Lobes, nannte ihn den „besten Leadgitarristen im Alternative Rock“. Ja, da kam nun bei NHC gut etwas an respektabler Rockmusikgeschichte zusammen.

„So klingt es einfach, wenn ich, Dave und Chris uns zusammensetzen und Musik machen. Sehr demokratisch, alle Songs wurden auf eine andere Art geschrieben. Chaney schrieb die Basslinien. Es gab auch überhaupt keinen Bullshit wie ‚Das ist mein Song, so soll er klingen.'“ (Taylor Hawkins im Gespräch mit „Forbes“ über den Sound des Trios)

Bereits im vergangenen Jahr ließ das Dreiergespann, bei denen Hawkins nicht nur das Schlagwerk, sondern auch den Gesang übernahm, mit dem feinen Rocker „Feed The Cruel„, dem etwas gemäßigteren „Better Move On„, mit „Devil That You Know“ und „Lazy Eyes“ eine knappe Handvoll erster Songs hören, ließen wissen, dass man 2020 sogar schon ausreichend Material für ein komplettes Album aufgenommen habe, sowie im November 2021 ein erstes Konzert in Los Angeles und im Februar diesen Jahres zuletzt die EP „Intakes & Outtakes“ folgen, welche neben den zwei eigenen neuen Stücken „One And The Same“ und „I Could Be Somebody Else“ auch Coverversionen von Pink Floyd („Fearless„) sowie der britischen Jazzfunk- und New Wave-Band Level 42 („Something About You„) enthielt. Die Musikwelt schien im Grunde verdammt bereit für eine weitere Alternative-Rock-Supergroup. Dann starb Taylor Hawkins am 25. März gleichsam unerwartet wie mit lediglich 50 Jahren zu früh. Und dürfte die Zukunft von NHC ebenso in Frage stellen wie die der Foo Fighters…

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: The Homeless Gospel Choir


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Merke: Derek Zanetti, auch bekannt als The Homeless Gospel Choir, ist ein Protestsänger, Autor und Künstler aus dem US-amerikanischen Pittsburgh, Pennsylvania. Durch seinen – zugegebenermaßen oft recht eigenwilligen – Bühnenhumor und seine offen zur Schau getragene Verletzlichkeit schafft Zanetti schnell eine Atmosphäre der Zusammengehörigkeit und Gemeinschaft. Er setzt sich mit seinem Publikum auf eine Weise auseinander, die es wissen lässt, dass es – mit was auch immer – nicht allein ist. Seine jüngste Platte wurde von Pub-Punk-Darling Frank Turner himfuckingself als „ein Album, das für die Underground-Punk-Szene eine prägende Rolle spielen wird“, beschrieben. Oha! Darf’s noch eine Lobeshymne mehr sein? Klar: „In einer halben Stunde erinnerte Derek mich daran, was Punk sein sollte.“

Doch hören wir mal genauer hin…

a0595802290_16Schnell wird klar: Es gibt wenige Künstler, die so tönen wie The Homeless Gospel Choir. Indem er ehrlich empfundene Texte mit seinen Punk-Wurzeln und einem scheinbar unerschütterlichen Sinn fürs Humorige vermischt, hat Derek Zanetti mit „The Homeless Gospel Choir Presents: Normal“ einen Musik gewordenen Kommentar über das Erwachsenwerden geschaffen – Songs, die irgendwie zu sich selbst finden, während der reichlich verpeilte Typ dahinter noch versucht, sich allein in einer furchterregend eigenartigen Welt zurechtzufinden. Zanetti legt dabei im Handumdrehen von null auf hundert los, macht sich über seine eigenen Unsicherheiten lustig, bevor er dem geneigten Zuhörer versichert, dass er viel Zeit hat, seine Probleme zu lösen, da auch er selbst ja noch dabei ist, alles zu verstehen…

„6th Grade“ eröffnet das Album mit ebenjenem Sinn für Humor und subjektiven Realismus, der allen elf Songs zueigen ist. Doch wo der Opener noch Spaß versteht, geht’s gleich beim zweiten Song, „Depression„, lyrisch ein wenig härter zu: „With friends like that / Who needs friends when you have seasonal depression?“. Alle distinguierten Ü30-Indie-Heads werden sich wohl schnell in ihre (späte) Teenagerzeit zurückversetzt fühlen, als sie, mit allerhand melancholischem Weltschmerz beladen, in ihrem Zimmer saßen und Trost in einem Bright Eyes-Song fanden. Denn tatsächlich ähnlich der Sound des Homeless Gospel Choir manchmal sehr dem von Conor Obersts Anfangstagen, jedoch mit einer indie’esken Grobkörnigkeit, die ihn – zumindest in einer gerechteren Welt – schnell zur Stimme der modernen Punk-Kids machen würde.

Normal“ ist darauf im Grunde das perfekte Stück nach „Depression“: eine Hymne für alle Außenseiter, Ausgestoßenen und – jawollja! – Punks; etwas, das man aus vollem Hals mitgrölen darf, wenn Zanetti singt: „You’re never gonna be normal / ‚Cause you’re a punk!“. Ja, das sind Songs, in denen unsichere Jugendliche Trost finden mögen, während alle 20- und 30-Jährigen sich noch auf spiritueller Ebene mit ihnen identifizieren können (und eventuell die Replacements-Anleihen erkennen).

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Besonders das folgende Stück „Don’t Know“ wirkt denn passenderweise sehr kathartisch, sehr kraftvoll. Kein Geringerer als oben genannter Frank Turner besorgt bei diesem Song den emphatischen Gastgesang, der das ohnehin schon hohe Emotionalitätslevel nur noch weiter verstärkt. Darauf: „Crazy„, eine Art chaotisches Pendant zu „Don’t Know“. Thematisch mögen sich beide Lieder recht nahe stehen, klanglich jedoch könnten sie unterschiedlicher nicht sein. Sogar Frank Ieros (My Chemical Romance) ausreichend wilder Gastgesang auf „Crazy“ steht im Kontrast zu Turners weicherem Ton in „Don’t Know“, aber irgendwie passen sie perfekt zusammen.

Die Übergänge zwischen den Songs mögen sich im Verlauf des Albums manchmal als etwas hakelig erweisen, da Derek Zanetti hochenergetische Punk-Kracher direkt neben langsamere Beinahe-Balladen setzt, aber ehrlich gesagt: macht andererseits auch Sinn. Wäre ja irgendwie auch nicht richtig, wenn dieses Werk wie in einem Rutsch durch die Gehörgänge fließen würde… Alles, was Zanetti auf „The Homeless Gospel Choir Presents: Normal“ in die Klampferhände fällt, purzelt am anderen Ende wieder hakelig und unsicher, verwirrt und chaotisch heraus, und der Fluss des Langspielers (oder das Fehlen eines solchen) spiegelt dementsprechend eben direkt die Emotionen hinter den Songs wider.

A-3557680-1456092025-9508Langsam, kurz vor Schluss lugt „Sometimes“ bevor, das im Grunde alles hat, was einen starken The Homeless Gospel Choir-Song ausmacht: unverblümt offene und denn doch relativ deutbare Texte und einen schwarzen Sinn für Humor. Dann kommt „Alright“, ein kraftvolles, eigenwilliges und persönliches vorletztes Lied, das die K(r)ämpfe des Erwachsenwerdens und des Versuchs, dem eigenen Leben irgendwie auf die Schliche zu kommen, dokumentiert.

Wenn sich „The Homeless Gospel Choir Presents: Normal“ schließlich nach einer unterhaltsamen halben Stunde dem Ende neigt, wird sich manch ein Akustik-Punk-Fan fühlen, als hätten er soeben eine semi-religiöse Erfahrung durchgemacht, besonders nach dem – passend betitelten – letzten Song „Holy Shit“. Diese elf Stücke wirken in der Tat – bestenfalls – kathartisch, abgrundtief ehrlich und unglaublich kumpelhaft – fast unabhängig vom Alter des jeweiligen Hörers und seinem Platz im Leben. All das sind schließlich emotionale Schützengräben, in denen (fast) wir alle bereits gelegen haben – ob wir sie nun damals, in der Blüte unserer mal mehr, mal weniger pickeligen Jugend, aus vollem Halse und Herzen geschrien oder uns augenzwinkernd über sie lustig gemacht haben, wie Derek Zanetti es eben an mancher Stelle tut. Unfair? Ach Quatsch – an machen Tagen lässt sich dem Alltagsgrau einfach nur mit einem entschlossenen Grinsen gegenüber treten! Bewaffnet mit ausreichend Sinn fürs Abseitig-Humorige und einer irgendwie auch realistischen Lebensperspektive gibt es kein Thema, das für den Homeless Gospel Choir auf Album Nummer fünf tabu wäre, und so eben auch nichts, worüber sich kein Song schreiben ließe.

 

Via Bandcamp gibt’s „The Homeless Gospel Choir Presents: Normal“ im Stream:

 

Für das Musikvideo zu „Normal“ hat Derek Zanetti, dieser komische Kauz, Alanis Morissettes ikonisches Video zu „Ironicshot-by-shot machgestellt. Macht ja Sinn, schließlich eignen sich beide Songs formidabel als Autofahr-Karaoke-Hits…

 

Rock and Roll.

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