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Song des Tages: The Bots – „Girl Problems“


Foto: Promo / Camille Bagnani

„Girl Problems“ zeigt, was für eine musikalische wie persönliche Entwicklung The Bots aus Los Angeles (nicht zu verwechseln mit einer niederländischen Agit-Prop-Band selben Namens) in den letzten sieben Jahren durchlebt haben. Waren die bisher veröffentlichten Alben stark vom schepperndem Garage Rock mit Punk-Schlagseite geprägt, zeigen Mikaiah Lei und Alex Vincent hier vor allem ihre neu gewonnene Pop- und Melodie-Sensibilität – Talking Heads, Cocteau Twins und Best Coast statt Minor Threat, Black Flag und Bad Brains, quasi.

Da wirkt es umso erstaunlicher, dass die Songs des im September erschienenen Albums „2 Seater“ allesamt schon etwas älter sind. Sie stammen aus den Jahren 2012 bis 2015, als The Bots der Szene im heimischen Orange County entwuchsen und schnell bei großen Festivals wie Coachella und Bonnaroo spielten. Von Blur über Refused bis hin zu Tenacious D waren selbst gestandene Profimusiker hellauf begeistert und prophezeiten dem Brüderpaar Mikaiah und Anaiah Lei, die The Bots schon als kaum zehnjährige Dreikäsehochs gründeten, eine strahlende Rockmusik-Zukunft. Doch das Leben hatte – zunächst zumindest – andere Pläne. Schlagzeuger Anaiah zog es in Richtung Hardcore, Mikaiah nahm als Eskimo Kisses unzählige Solo-Songs auf, die er bewaffnet mit Music-Pad und Effekt-Boards auch gerne mal vom heimischen Badezimmer aus über Soundcloud oder Instagram jagte. Bis ihn schlussendlich die alte Liebe wieder überkam: Aus dem Nachfolger des 2014 erschienenen The Bots-Zweitlings „Pink Palms“ war nie etwas geworden, aber die Ideen von damals konnten nicht länger ungenutzt herumliegen. Mit neuen Erfahrungen ausgestattet, überarbeitete Mikaiah Lei nun, als Endzwanziger, jene nie zu Ende gebrachten/gedachten Songs, um auszudrücken, was ihm damals noch schwer fiel. Etwa die Höhen und Tiefen junger Liebe, die Notwendigkeit, Freundschaften zu pflegen, oder die eigene Gefühlsarbeit.

Einer der besten Songs von „2 Seater„, welches von Adrian Quesada, einer Hälfte der Grammy-prämierten Psych-Soul-Senkrechtstarter Black Pumas, produziert wurde, ist zweifellos das eingangs erwähnte „Girl Problems“, eine powerpoppige Ewiger-Sommer-Fuzz-Hymne gegen Rollenerwartungen und für Selbstbestimmung, welche auch beim hundertsten Durchgang nicht schlechter wird. „‚Girl Problems‘ wurde durch Geschichten inspiriert, die mir Freundinnen erzählt haben“, so Lei. „Es ist im Wesentlichen die Geschichte von ‚gemeinen Mädchen‘ und den Problemen, durch die junge Frauen durch müssen: gehässiges Verhalten, hinter dem Rücken reden und so weiter. Es bleibt alles an der Oberfläche, aber es ist etwas, das alle erleben oder auf sich beziehen können.“

Den rundum gelungenen Teenie-Sommer-Vibe von „Girl Problems“ um warme Nullerjahre-Indie-Gitarren und harmonischen Gesang fängt auch das dazugehörige Musikvideo ein. Zwischen Teenager-Zimmer, Swimming Pool, magischem 8-Ball, Tagebuch und Katzen folgen das Video und das Duo aus Lei und Vincent als Backing-Band den amüsanten Versuchen der Protagonistin, einfach nur sie selbst zu sein. Mit solchen Tönen im Gehörgang meldet sich der Sommer selbst im tiefsten Dezember für etwa vier Minuten zurück…

Rock and Roll.

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Song des Tages: Black Pumas – „Colors“ (live)


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Der frühe Vogel hört frische Töne. Oder: Manchmal entdeckt man schon früh morgens tolle neue Bands – in meinem Fall waren das just gestern Black Pumas im ARD Morgenmagazin, als die Band aus Austin, Texas zu früher Stunde im Kölner Studio der Öffentlich-rechtlichen Halt machte, um das im Juni veröffentlichte Debütalbum zu bewerben. Der Song dafür? „Colors“. Spontanes Urteil beim ersten Kaffee des Tages? Macht Bock auf mehr.

Also mal eben Dr. Google und Co. bemüht, und in weitere Stücke hinein gehört. Danach wundert es kaum, dass der renommierte Radiosender NPR die Band als „The Breakout Band Of 2019“ nannte und KCRW den Sound der Black Pumas als „Wu-Tang Clan meets James Brown“ beschrieb. Beim SXSW Festival im heimischen Austin, Texas bekam die Band weiteres, durchweg positives Feedback und sogar die Auszeichnungen für „Song Of The Year“ („Black Moon Rising“, die Eröffnungsnummer des selbstbetitelten Debüts) sowie „Best New Band“. Doch obwohl Black Pumas auf dem (digitalen) Papier der neuste „heiße Scheiß“ der Musiksaison sein mögen, ist der Geist dieser Band ist schon sehr viel älter, und – wenn überhaupt – lediglich in Petitessen innovativ. Das Besondere liegt vielmehr im Zusammenspiel des Quasi-Duos…

BlackPumas_BlackPumas.jpgBislang spielte der Grammy-prämierte Produzent und Gitarrist Adrian Quesada bei einigen außerhalb des Genres (sowie über Austins Grenzen hinaus) eher mittelbekannten Latin-Rock-Formationen  wie Brownout oder Grupo Fantasma. Für eine neue Band, für die ihm bereits die ein oder andere Idee durch die Hirnwindungen spukte, suchte er vor etwa zwei Jahren noch eine Stimme – und fand diese durch den Tipp eines Freundes in Eric Burton (nicht zu verwechseln mit Eric Burdon, dem ehemaligen Sänger der Animals und War). Burton wuchs im kalifornischen San Fernando Valley in einer sehr kirchlichen Umgebung auf und machte seine ersten kreativen Gehversuche zunächst in kleinen Musiktheaterstücken, dann als Straßenmusiker in Santa Monica und später in Austin. Im Grunde also eine Entdeckung, ein Newcomer – doch wer seine Stimme hört, die so voller Volumen, so voller Wärme ist, der denkt wohl unweigerlich weniger an die musikalische Formatradio-Stangenware von heute, sondern weiter zurück: an die goldenen Zeiten von Soulgrößen der Siebziger, wie den legendären James Brown. An Marvin Gaye. An Al Green. Eventuell noch an heutige Künstler wie Michael Kiwanuka oder Charles Bradley (der eine, Kiwanuka, steht mit seinem Talent beinahe allein auf weiter Flur, der andere, Bradley, wurde sträflichst spät entdeckt und verstarb 2017 viel zu früh). Wie weiches Vinyl auf digitalen Spuren…

Gemeinsam kreieren Adrian Quesada und Eric Burton auf dem Debütwerk zehn Songs, die ihre Bezüge wohl auf eine ganze Heerschar von großen Nummern der (Rock-)Musikhistorie nehmen. Mal spielt ein Titel auf Creedence Clearwater Revival an (der Opener „Black Moon Rising“ lässt einen wohl unweigerlich an deren „Bad Moon Rising“ denken). Mal gemahnt der E-Gitarren-Sound eines Stückes wie „Know You Better“ an die Beatles zu „Abbey Road“-Zeiten. Mal gelingt Quesada und Burton wie mit „Fire“ ein astreiner Neo-Western-Song, der durch die Kombination von Soul und dem typischen Ennio-Morricone-Fuzz-Sound direkt auf Soundtracks von „Shaft“ oder einem der vielen Quentin-Tarrantino-Filme gepasst hätte. Ansonsten? Bläser. Standesgemäßer Backgroundgesang. Ab und an ein paar Streicher. Und es gibt „Colors“, das Herzstück des Albums, mit seinen schönen Gitarrenakkorden, einem Boom-Bap-Beat und dem gegen Ende hin ausrastenden Piano, in dem Burton „It’s a good day to see my favorite colors“ singt – und kurioserweise mit seiner Stimme mal nicht im Zentrum steht.

Alles in allem ist das selbstbetitelte Debüt von Black Pumas eine feine Mischung aus klassischem Soul und Funk mit Elementen von East-Coast Hip-Hop und Jazz. Und hat dabei alles, was ein ordentlich groovendes Album braucht. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger (wer mag, darf natürlich im Kopf noch den obligatorischen „Retro“-Sticker drauf pappen). Es lässt den Fuß wippen und den Kopf nicken, während man sich die Spätsommersonne ins Gesicht scheinen lässt. Dafür lohnt es sich glatt, früher aufzustehen…

 

 

 

Das komplette Album kann via Bandcamp gestreamt werden…

 

…während man hier ein recht interessantes Interview mit Adrian Quesada und Eric Burton findet.

 

Rock and Roll.

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