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Song des Tages: ADAM ANGST – „Splitter von Granaten“


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Bereits im Februar hatte ich mich ja doch recht kühn – und wie sich jetzt, im Oktober, herausstellt: auch vorausschauend – in meiner Review zum selbstbetitelten Album aus dem Fenster gelehnt: „Zeitgeistiger als auf dem Debüt von Adam Angst wird deutschsprachige Musik in diesem Jahr nicht mehr“. Und trotz des ein oder anderen weiteren richtig guten deutschsprachigen Albums in diesem Musikjahr muss ich sagen: recht gehabt! Denn der Erstling von Adam Angst, wenn man so will Nachfolgeband aus den Trümmern von Escapado und Frau Potz, hat sein qualitatives Niveau auch über die vergangenen acht Monate halten können, vielleicht sogar noch gesteigert.

Und im Grunde ist das traurig. Denn Frontmann Felix Schönfuss kehrt mit seinem alter ego Adam Angst alles Schlechte, alles Böse, alles Widerwärtige, Verabscheuenswürdige, Niederträchtige und Grenzdebile, was die heutige Gesellschaft im Öffentlichen wie Privaten (dank Facebook und Co. lässt sich ja das eine kaum mehr vom anderen separieren) zu bieten hat, nach Außen. Knapp 40 Minuten lang kotzt sich „Adam Angst“ pointiert aus, und ist gerade deshalb so großartig.

svgUnd es ich: wichtig. Vor allem wegen einem Stück: „Splitter von Granaten“, welches ich – auch bereits im Februar – euphorisch zum potentiell „wichtigsten Song des Jahres“ ernannt hatte. Und auch da liege ich noch immer richtig. Und auch das könnte trauriger kaum sein…

Umso toller ist es jedoch, dass Adam Angst gerade diesen Song – nach „Ja ja, ich weiß“ und „Professoren“ – als dritte Singleauskopplung ausgewählt haben (und konsequenterweise alle Einnahmen aus dem Verkauf einer Seven Inch PRO ASYL zugute kommen lassen). Das dazugehörige Musikvideo, für das sich Regisseur Dietrich Brüggemann („3 Zimmer/Küche/Bad“, „HEIL“) verantwortlich zeichnete, feierte heute seine Premiere. Und ist beinahe so großartig wie der Song selbst. Falls ihr im Jahr höchstens ein einziges Mal die Muße haben solltet, bei einem Leitetet genau hinzuhören, dann tut es bitte bei diesem. Danke.

 

 

„Es ist das Jahr 2015 und die Welt spendet Applaus.
Doch worum es gerade geht, wissen wir selbst nicht so genau.
Denn was hat sich verändert in den letzten 5 Jahren?
Also schauen wir uns die Scheiße doch mal an…

700.000 zahlt BMW der CDU,
Plötzlich stimmt Frau Merkel neuen Abgas-Normen nicht mehr zu.
Obama ist noch da und Guantanamo auch.
Da wird schließlich nichts gemacht, außer viel Strom verbraucht.
Die NSA hat seit Jahrzehnten jeden abgehört
Und wir taten überrascht und waren ne Woche lang empört.
Und dann flog Innenminister Friedrich rüber, alle horchten auf.
Er kam wieder mit nem Zettel, da stand ‚Fuck you‘ drauf.
Und Putin rennt durch Wälder und killt Bären zum Vergnügen
Und gibt grünes Licht, um Homosexuelle zu verprügeln.
Gesetze werden über Nacht erlassen und diktiert,
Doch die NPD zu verbieten ist sehr kompliziert.

So lange hier keine Sirenen erklingen,
Keine Soldaten durch unsere Fenster springen,
Keine Nachbarn nachts über Grenzen fliehen
Und unsere Kinder nicht mit Splittern von Grananten spielen,
Ist das meilenweit weg, geht uns das gar nichts an.
Denn das Fernsehen spricht wie immer nicht von diesem Land.
Und wie jedes Jahr, am Silvesterabend
Trinken wir auf unser Leben unterm Tellerrand.

Das war noch lange nicht alles…
In Kairo und Kiew treibt man Menschen in die Enge.
Polizisten ticken aus und schießen wahllos in die Menge.
In nordkorea ist ein großes Kleinkind an der macht,
Das ’nen Atomkrieg provoziert und denkt,
Es wär ne Kissenschlacht.
Der Hunger in der Dritten Welt hat keine Relevanz,
Aber wichtig sind uns Petitionen gegen Markus Lanz.
Asylbewerberheime sind doch sicher, alles klar…
43 Anschläge, und das in einem Jahr.

So lange hier keine Sirenen erklingen,
Keine Soldaten durch unsere Fenster springen,
Keine Nachbarn nachts über Grenzen fliehen
Und unsere Kinder nicht mit Splittern von Grananten spielen,
Ist das meilenweit weg, geht uns das gar nichts an.

Weil ja ein Einzelner nichts verändern kann.
Da muss man dringend was tun, zumindest irgendwann.
Es lebe das Leben unterm Tellerrand.“

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , ,

Das Album der Woche


Love A – Jagd und Hund (2015)

love-a-jagd-und-hund-160843-erschienen bei Rookie/Cargo-

Ja, wer wird denn gleich patzig werden? Eines steht fest: Frontmann Jörkk Mechenbier und seine drei Bandkumpane von Love A sind angepisst. Aus Gründen.

Dabei war der Trierer Post-Punk-Vierer ja noch nie für sonderlich charmante Stimmungsmelodien bekannt. Schon die ersten beiden Platten der Band, „Eigentlich“ und „Irgendwie“ (2011 beziehungsweise 2013 erschienen), waren bellender Punk, dezent unterproduziert und konzipiert fürs Rangeln bei Dosenbier und miesepetriger Laune. Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch: Turbostaat, …But Alive, Pascow, Feine Sahne Fischfilet, Muff Potter. Und doch ist das dritte Album „Jagd und Hund“ anders. Nicht, weil Love A zum ersten Mal bei der Titelwahl fremd gehen (sonst hätte das Werk wohl „Wahrscheinlich“ oder „Irgendwo“ geheißen), sondern weil sie 2015 konkreter, pointierter, versierter zu Werke gehen als noch 2013. Und sogar: poppiger. Ist das eigentlich noch Punk?

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Davon wird die Band selbst wohl am wenigsten wissen wollen. Schon im ersten Stück „Lose Your Illusion“ (Mechenbier singsprecht auf deutsch, nicht vom tollen Titel täuschen lassen!) wird ein leichter musikalischer Richtungswechsel im Vergleich zu den vergangenen zwei Alben deutlich. Anno 2015 verlegen sich Love A vom rumpeligen DIY-Punk auf kühle Post-Punk-Gitarren, welche manchmal konzentriert am Achtziger-New-Wave kratzen. Viel mehr beeindrucken jedoch die Texte: „Die Bekannte eines Bruders legte Tabletten auf den Tisch / Doch die halfen nicht an jedem Tag / Erst blieben Fragen, dann blieb nichts / Ich hab, wenn’s hart auf hart kam, auch mal was genommen / Hart kam auf hart / Und die Tabletten wurde rar“ – starker Tobak schon nach wenigen Minuten. Sogar noch schärfer geht es in „Trümmer“ weiter. Zu zackigen Gitarren zerschlägt Mechenbier die heil(ig)e Neue Digitalwelt: „Einsen und Nullen können machen, dass dein Leben schlechter oder besser wird / Wir können einsteigen / Wir können es auch lassen / Hauptsache alle schreien ‚Ja!‘ und sind verwirrt / Hauptsache alle schreien ‚Nein!‘ und sind verwirrt / Hauptsache alle schreien / Alles wurde schneller, und alles wurde mehr, und am neunten Tag erschlug Steve Jobs die Liebe“ – wahre Worte treffen in Sekundenbruchteilen auf gepflegten Pessimismus und kalte Konsumkritik. So setzt es sich fort, ob in „Toter Winkel“ mit seiner Gentrifizirungsantipathie, „Stagnation“ mit seinem erhobenen Stinkefinger hin zum saubermann’schen Herrn Otto Normal, „Augenringe“ mit seinem Arschtritt für alle Ja-Sager, „Modem“ mit seinem Abgesang an die falschen Versprechungen des weltweiten Netzes, oder der hysterischen Hipster-Ohrfeige „Der beste Club der Welt“ („Weil dein Verstand komplett im Arsch ist / Glaubst du an Gott und wahrscheinlich sogar an das System / Weil dein Verstand komplett im Arsch ist / Kaufst du Neues, Altes… Scheiß /…/ Auf meiner Jutetasche steht: ‚Verpiss dich, Adolf!‘ / Und auf deiner? ‚Hey ho, let’s go!'“). Dabei erinnern Love A nicht selten an die oben genannten Bands, führen bestenfalls sogar die Tradition der seligen …But Alive fort, die sich in den Neunzigern wie wohl kaum eine andere Punk(rock)band darauf verstanden, Haltung, Musik und Text beeindruckend zu bündeln (bevor Frontmann Marcus Wiebusch mit seiner „neuen“ Band Kettcar ein gutes Stückweit Richtung Indierock und Pop rückte). Und, klar: freilich ist bei Mechenbiers Singsprechbellen auch Turbostaat-Fronter Jan Windmeier nicht fern. Neu ist, dass Love A ihre kritischen Botschaften mit mehr Verstand, mit mehr Struktur, mit mehr – aufgepasst, böses Wort! – Pop an den potentiellen Hörer bringen. So klingen Stücke wie die tolle Single „100.000 Stühle leer“ („Wenn man sie kennt, kann man getrost die Regeln brechen / Weil die meisten doof sind, fällt’s uns gar nicht schwer / Nur wer mal aufgestanden ist, der darf sich setzen / Und darum bleiben hier so viele Stühle leer“) oder „Regen auf Rügen“ eher nach Jupiter Jones (in den seligen Anfangstagen) oder Herrenmagazin. Und: neben dem Bonnie&Clyde-Verschnitt „Kein Stück“ haben Love A mit „Ein Gebet“ sogar eine Art Liebeslied mit aufs Album gepackt. Dass dieses in Zeiten, wo jeder Zweite österreichische Bands wie Wanda oder Bilderbuch grenzdebil abfeiert, ausgerechnet dem schönen Wien gewidmet ist, hat dabei Ironie intus, als einem lieb sein kann. Ebenso wie das Finale in „Brennt alles nieder“, als die Band ganz brav im Chor fordert: „Brennt alles nieder / Fickt das System!“. Man mag der Aufforderung beinahe Folge leisten…

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Klar: keine der knapp 40 Minuten von „Jagd und Hund“ ist wahnsinnig innovativ, im rein musikalischen Sinne. Dafür bündeln Love A ihre Kräfte in Zeiten, in denen sich artverwandte Bands wie Feine Sahne Fischfilet offen mit dem deutschen Verfassungsschutz anlegen, während anderswo Millionen zu Schlagermelodien schunkeln. Und wieder anderswo ganze Gesellschaftssysteme Stück für Stück auseinander bröckeln, währenddessen Menschen im Mittelmeer ertrinken, die falsche Träume von einem besseren, gerechteren Leben nicht losgelassen haben. Gerade deshalb kann es kein besseres Hier und Jetzt für „Jagd und Hund“, welches bereits im März erschien, geben. Auch und gerade in einem Jahr, zu dessen Anfang bereits Adam Angst hervorragend bewiesen haben, wie zeitgeistige Gesellschaftsschelte im besten Sinne funktionieren kann. Denn wer angepisst ist, der sollte auch etwas zu sagen haben. Und das ist bei Love A definitiv der Fall. Ist das noch Punk? Who cares… So vieles läuft gewaltig falsch in diesem Land, ja: in dieser Welt. Love A geben einen Scheiß auf die Antworten, servieren uns dafür eine Menge Fragen und Denkanstöße. Die verdienten Schläge in die Magengrube gibt’s miesepetrig obendrauf.

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Hier kann man sich das Musikvideo zur Single „100.000 Stühle leer“ zu Gemüte führen…

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , ,

Das Album der Woche


Adam Angst – Adam Angst (2015)

a938b155-AdamAngst_Cover_2400px_RGB-erschienen bei Grand Hotel Van Cleef/Indigo-

„‚Wer oder was ist eigentlich dieser Adam Angst?‘

Ich sag dir, wer er ist. Adam Angst ist ein arroganter Drecksack!
Er ist scheinheilig, er ist überheblich und tut auch noch so als wäre er dein bester Freund! Such dir was aus: Er ist deine Ex-Freundin, der Call-Center-Agent, der dir das Abo berechnet, obwohl du nie zugestimmt hast, er ist der Rentner, der die Bullen ruft, wenn die Musik zu laut ist. Eigentlich ist er ’ne richtig arme Sau. Auf der Suche nach Aufmerksamkeit und auf der Suche nach sich selbst. Eigentlich… ist er genau so wie wir.“

Sympathisch, oder? So macht sich eines der am heißesten erwarteten deutschsprachigen Debüts des noch nicht all zu alten Musikjahres freilich schnell Freunde. Dabei könnte jenem „Adam Angst“ kaum etwas ferner liegen, als sich „Freunde“ zu machen. Kleine Kostprobe gefällig? Bitteschön: „Und ich höre ganz genau, wie oft dein Handy vibriert und ich weiß, dass du denkst, dass es mich nicht interessiert / Doch ich kenne deinen Plan / Ich weiß du willst sie ficken / Ein Messer sticht man besser von hinten in den Rücken / Damals was getrunken um den ersten Schritt zu wagen / Viel zu aufgeregt und feige für die Frage aller Fragen / Und nach Jahren sind wie hier im selben Club, was soll ich sagen? / Heute trinke ich um deine Fresse zu ertragen“.

Dabei sind diese Sätze aus der im vergangenen Dezember ins Netz gehauenen Vorabsingle „Ja, ja, ich weiß“ wohl noch die am ehesten verdaulichen, handeln sie doch „nur“ von derbem Beziehungszwist, von zweien, die längst schon gemerkt haben, dass da etwas gewaltig im Argen liegt, jedoch viel zu sehr aneinander hängen, als dass sie allein klar kommen wöllten. Lieber macht man sich gegenseitig den drögen Alltag zur Hölle: „Man bist du eklig mit deiner Popelei / Merkst du nicht, die Leute gucken schon absichtlich vorbei / Früher war der Bart ab und die Unterhose frisch / Heute riecht’s unter der Bettdecke nach abgeranzten Fisch“. Ganz anders geht’s da schon beim Rest der elf Stücke des selbstbetitelten Debüts der Band zur Sache, die Felix Schönfuss innerhalb weniger Jahre zum dritten Mal als Frontmann und lauthalses Sprachrohr präsentiert, hatte sich der norddeutsche Musiker doch schon bei Escapado, die sich 2011 nach drei gemeinsamen Alben auflösten, und den nicht eben unerfolgreichen Hausrauf-Punkrockern von Frau Potz (nach dem 2012er Einstiegswerk „Lehnt dankend ab“ in Pause auf unbestimmte Zeit) einen Namen in der „Szene“ gemacht. Nun also Adam Angst. Und obwohl man mit aus Bands wie Blackmail, FJØRT und Monopeople rekrutierten Mitmusikern fast von einer „Supergroup“ sprechen (slash: schreiben) könnte, schaut einen nun nur Schönfuss‘ alter ego „Adam Angst“ vom Cover an. Und dort – beim Cover – geht die Maskerade bereits los: Die Priesterkleidung ist eine Anspielung auf den Limburger Protzbischof Franz-Peter Tebartz-van Elst, der vor zwei Jahren mit seinem von veruntreuten Kirchensteuergeldern gebautem Prunkpalast in die Medien geriet. Die Kippe im Anschlag wiederum darf als deutlicher Mittelfinger an an das gutmenschelnde „Fit for Fun“-Geseiere gesehen werden, dass einen heutzutage aus allen Ecken von Familien- wie Freundeskreisen anblökt. Nein, Herr Angst macht nicht mit!

adam angst band

Lieber erzählt er dem verdutzten Hörer im Albumeinstieg „Jesus Christus“ zu sakralen Chören und derben Gitarrenwänden, wie der Sohn Gottes gut 2000 Jahre nach der eigenen Kreuzigung und anschließenden Auferstehung zurück auf die Erde kommt: „Ihr habt mich ausgepeitscht / Ihr habt mich angespuckt / Nägel durch die Glieder schlagen war euch nicht genug / Ich habe abgewartet, und mir das angesehen, jetzt komme ich zurück und bring‘ euch ein Problem / Denn jetzt kommt die Revanche / Sucht euch ’nen guten Sparringspartner / Ich will euch nicht die Spannung nehmen, doch meiner war mein Vater / Ich stürze auf die Erde – nach mir ein Feuerschweif / Brauchst du ’nen Vorgeschmack, gib‘ ‚Rammstein‘ bei Youtube ein /Schluss jetzt hier mit Friede, Freude – jetzt wird bezahlt /Denn euer Jesus hat die Schnauze voll und hat Bock auf Gewalt! Auh! / Ich komm zurück – mein Herz mit Hass erfüllt / Mein Auftrag war Vergeltung – der finale Overkill / Doch Vater, vergib‘ mir! / Ich hab mich umentschieden / Denn ich hab‘ 8 Millionen Klicks und eine Show auf Pro Sieben / Lass mich noch eine paar Jahre hier, bitte hol‘ mich nicht zurück zu dir / Denn die sind nicht so wie früher / Ich glaub‘, die haben’s echt verstanden / Die lieben mich, die wollen Fotos und Autogramme / Denn ich bin Jesus Christus…“. Freilich ist selbst ein (ehemals) Heiliger für Viele nur so viel wert wie das, was die „Bild“-Zeitung am nächsten Morgen über ihn schreibt. Die lesen denn wohl auch die „Professoren“, über die sich Herr Angst zu mit Elektrobeats unterlegten deftig-schnellen Gitarrenakkorden auslässt: „An den Imbissbuden stehen die Professoren / Zwischen Currywurst, Oettinger und Doppelkorn / Sie wissen ganz genau was fehlt im Land / Ich hab‘ ’nen Nazi am Geruch erkannt! / An den Imbissbuden stehen die Professoren / Der Schweiß tritt ihnen aus den Poren / Sie reden von den alten Werten / Mit Schaschliksoße in den Bärten“. Der Song – seines Zeichens frisch gekürte Single No. 2 – richtet sich gegen all jene, die da gegen alles Falsche und Schlechte mit Plakaten voller Hass auf den Straßen Deutschlands demonstrieren, sich an Stammtischen maulfeil die Münder fusselig labern, anstatt vorurteilsfrei auf das Unbekannte (slash: die unbekannte Person) zuzugehen und endlich einmal für etwas einzustehen: „Ein bisschen mehr Liebe und ein bisschen mehr Respekt / Nicht jeden Schwachsinn glauben, lass‘ die Zweifel doch mal weg / Die Grenzen endlich offen doch für dich sind sie noch da / Begreife doch, dass sie schon immer auf deiner Seite waren“ (die einzigen Zeilen des Albums, die Schönfuss – wohl nicht ohne Absicht – ganz sanft singt). Ähnlich geht es auch weiter. So erzählt der eingängig-melodische Punkrocker „Wunderbar“ vom Tranquilizer „Internet“, der uns alle – Dank Facebook und Co. – am Ende des Tages weiter auseinander bringt denn näher zusammen, während „Wochenende. Saufen. Geil.“ das Ausgehverhalten williger Junggebliebener am Wochenende beleuchtet: „Jeden Freitag, 15 Uhr, setzt sich die Masse in Bewegung / Steht stundenlang vorm Spiegel und kauft Billigschnaps bei REWE / Scheißegal, wo es hin geht, hauptsache, nicht nach Hause / Fünf Tage lang lief nur Coldplay und jetzt kommt Mickie Krause“. Wer trotzdem zu Hause hocken bleibt, dem wird im Fernsehen die immergleiche traurige Versagerriege vorgeführt, denn „der Makel anderer Menschen war schon immer amüsant“ (aus „Lauft um euer Leben“). Und sonst? Was ist mit dem öden 9-to-5-Job, dessen Hamsterradläufe man schon seit Jahr und Tag satt hat, und eigentlich nur eines möchte: einfach abhauen, egal wohin („Ich hab keinen Bock auf ‚Tatort‘ / Keinen Bock auf Fernsehen / Schlechte Schauspieler treffe ich schon genug im Leben / Hab‘ von allem zu viel / Nein danke, hab‘ ich schon / Nehme ich heute Langeweile oder Depression?“ – aus „Flieh von hier“)? Natürlich würde auch Herr Angst gern auf das hören, „was der Teufel sagt“, und all diese Gemeinheiten beim Abendessen mit „Freunden“, die er im Grunde noch nie mochte (wohl, weil es „ihre“ Freunde waren) oder beim allmorgendlichen Firmenmeeting in die Tat umsetzten: auf den Tisch steigen und dem Gegenüber entweder die angepriesene Dipppampe ins Gesicht schmieren oder den blanken Allerwertesten präsentieren. Doch auch er ist nur ein Mensch, ein ganz armes Würstchen mit „willigem Geist und schwachem Fleisch“. Und er weiß: „Am Ende geht es immer nur um Geld“, denn „wenn das wahre Leben einzieht, ist kein Platz für Rock’n’Roll“. Stattdessen rettet man sich und seine Liebsten von Monat zu Monat und von Knebelvertrag zu Knebelvertrag, während sich ums Eck schon der nächste windige Vertreter mit ach so guten Angeboten die gierigen Patschehände reibt. Und solange das eigene Leben Herrn Angst fiese Nackenschläge und derbe Magengrubenpunches auf seinem zermürbenden Weg von Montag zu Freitag mitgibt, ist es nur allzu verständlich – und trotz allem traurig – dass er die Augen vorm Rest der Welt verschließt. Bühne frei für „Splitter von Granaten“, dem wohl zeitgeistigsten und wichtigsten Song des Jahres, dessen Textzeilen man am liebsten Letter für Letter dick und fett ans Bundeskanzleramt schmieren würde:

adam angst promo„Es ist das Jahr 2015 und die Welt spendet Applaus
Doch worum es gerade geht, wissen wir selbst nicht so genau
Denn was hat sich verändert in den letzten 5 Jahren?
Also schauen wir uns die Scheiße doch mal an.

700.000 zahlt BMW der CDU
Plötzlich stimmt Frau Merkel neuen Abgas-Normen nicht mehr zu
Obama ist noch da und Guantanamo auch
Da wird schließlich nichts gemacht, außer viel Strom verbraucht
Die NSA hat seit Jahrzehnten Jeden abgehört
Und wir taten überrascht und waren ’ne Woche lang empört
Und dann flog Innenminister Friedrich rüber, alle horchten auf
Er kam wieder mit ’nem Zettel, da stand ‚Fuck you‘ drauf
Und Putin rennt durch Wälder und killt Bären zum Vergnügen
Und gibt grünes Licht, um Homosexuelle zu verprügeln
Gesetze werden über Nacht erlassen und diktiert
Doch die NPD zu verbieten ist sehr kompliziert.

So lange hier keine Sirenen erklingen
Keine Soldaten durch unsere Fenster springen
Keine Nachbarn nachts über Grenzen fliehen
Und unsere Kinder nicht mit Splittern von Grananten spielen
Ist das meilenweit weg, geht uns das gar nichts an
Denn das Fernsehen spricht wie immer nicht von diesem Land
Und wie jedes Jahr, am Silvesterabend
Trinken wir auf unser Leben unterm Tellerrand.

Das war noch lange nicht alles…
In Kairo und Kiew treibt man Menschen in die Enge
Polizisten ticken aus und schießen wahllos in die Menge
In Nordkorea ist ein großes Kleinkind an der Macht
Das ’nen Atomkrieg provoziert und denkt,
Es wär ’ne Kissenschlacht
Der Hunger in der Dritten Welt hat keine Relevanz
Aber wichtig sind uns Petitionen gegen Markus Lanz
Asylbewerberheime sind doch sicher, alles klar…
43 Anschläge, und das in einem Jahr.

So lange hier keine Sirenen erklingen
Keine Soldaten durch unsere Fenster springen
Keine Nachbarn nachts über Grenzen fliehen
Und unsere Kinder nicht mit Splittern von Grananten spielen
Ist das meilenweit weg, geht uns das gar nichts an.

Weil ja ein Einzelner nichts verändern kann
Da muss man dringend was tun, zumindest irgendwann
Es lebe das Leben unterm Tellerrand…“

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Eines ist klar: zeitgeistiger als auf dem Debüt von Adam Angst wird deutschsprachige Musik in diesem Jahr nicht mehr. Freilich begeben sich Felix Schönfuss und Band damit auf dünnes Eis, das die Texte spätestens dann zuzuschütten droht, sobald Markus Lanz, VOX und Merkel an Relevanz verlieren. Doch darum geht es während der knapp 40 Minuten ja im Grunde nicht. Vielmehr hält uns dieser Priester gewordene Beelzebub mit Fluppe im Anschlag den Spiegel vor, in dem alles Hässliche, alles Gemeine, alles Verabscheuenswürdige zum Vorschein kommt. Das ist ebenso wenig neu wie die Akkorde, die die Band dabei benutzt, und erinnert mal an Die Ärzte, Die Toten Hosen (lange, lange vor den heutigen Tagen… lange, lange, bevor die beiden Vergleichsbands satt, ideenlos und Konsens wurden), mal an Kettcar (die ähnliche inhaltliche Herangehensweise beim angetäuschten Tango in „Was der Teufel sagt“ zum Kettcar-Stück „Am Tisch“), mal an die Vorgängerband von Kettcar-Frontmann Marcus Wiebbusch, die noch immer schmerzlich vermissten, noch immer seligen …But Alive (von daher passt es übrigens hervorragend, dass das Adam Angst-Debüt ausgerechnet auf Wiebuschs Qualitätslabel Grand Hotel Van Cleef erscheint). Freilich kann man dank Schönfuss‘ Gesang dessen Vorgängerband Frau Potz, die sich, wie er wiederholt betont, lediglich in einer „Pause auf unbestimmte Zeit“ befinden, nie so ganz abschütteln, denn so weit vom angepissten Potz’schen Haudrauf-Punk steht auch Adam Angst nicht. Ob man die elf Stücke dann nun unter „Punk“ einsortiert oder nicht, ist im Grunde völlig egal. Denn der Teufel hat bekanntlich mehr Gestalten als nur die des abgeranzten vermeintlichen Sozialschmarotzers mit Lederkutte, zerrissenen Jeans, Hund in der einen Hand, Bierdose in der anderen, die Haare bunt und zum Mohawk frisiert. Manchmal versteckt er sich hinter Anzug und Krawatte, oder hinter dem debilen Grinsen des ach so freundlichen Nachbarn, der auf dem heimischen Rechner heimlich Kinderpornografie sammelt. Oder hinter der Robe eines Protzbischofs, bei dessen Arroganz einem das soeben Verdaute hochzukommen droht. Adam Angst ist angepisst. Adam Angst ist streitbar. Adam Angst ist purer Zeitgeist. Adam Angst ist viele. Die Frage ist: Wer bist du?

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Hier gibt’s den Albumtrailer, mit dem bereits im vergangenen November einiges an Vorfreude geschürt wurde…

 

…sowie die hervorragend umgesetzten Musikvideos zu „Ja, ja, ich weiß“…

 

…und „Professoren“:

 

Rock and Roll.

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