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Das Album der Woche


Bloc Party – Four (2012)

-erschienen bei Frenchkiss/Universal-

Dass im August 2012 tatsächlich das vierte, scheinbar simpel „Four“ betitelte Bloc Party-Album erscheint, darf wohl vor allem Außenstehenden als ein kleines Wunder erscheinen. Dass es so klingt, wie es klingt, dann sogar als ein großes.

Die Voraussetzungen waren wahrlich nicht die Besten: 2005 wurde die vierköpfige Band mit dem tollen Debüt „Silent Alarm“ noch als großer Heilsbringer des britischen Indie Rocks gehandelt – freilich neben vielen anderen Bands, von denen nicht wenige bereits in der Versenkung verschwunden sind. Mit den Nachfolgern „A Weekend In The City“ (2007) und speziell „Intimacy“ (2008) verlor man sich jedoch mehr und mehr in hochgreifenden Konzepten und tiefstapelnden Abseitigkeiten. Ihr Sänger fühlte sich vom Bandgerüst eingeengt und suchte daher in elektronischen Gefilden neue Freiheiten und Möglichkeiten, der Rest der Band verkam – trotz grandioser individueller Fähigkeiten und Ideen – beinahe zu Statisten.

Bevor Bloc Party also endgültig auseinander zu brechen drohten, wurde die Reißleine gezogen und eine Auszeit auf Zeit angesetzt, in der jeder seiner Wege gehen und sich (neu) finden konnte. Frontmann und Sänger Kele Okereke zog nach New York und veröffentlichte sein von Elektronik und Club-Sounds  dominiertes Solodebüt „The Boxer„, Gitarrist Russell Lissack ging mit den Power Poppern Ash auf Tour, Bassist Gordon Moakes veröffentlichte mit seiner Zweitband Young Legionnaire den wilden Rock-Ritt „Crisis Works“ und Schlagzeuger Matt Tong debütierte mit dem eigenen kleinen Privat-Studio sowie dem Solo-Projekt „Matthew C H Tong“.

Im Herbst 2010, und auf Okerekes persönlichen Wunsch, trafen sich die vier wieder, um über eine etwaige gemeinsame Zukunft zu sprechen und – bestenfalls – an neuen Songs zu arbeiten. Nach zähem Ringen und einigen Hin und Her – und der im Scherz verlautbarten Meldung, dass Frontmann Okereke die Band verlassen habe, welche alsbald Social Media-gerecht aus dem Ruder lief – besann man sich auf die eigenen Stärken: die gemeinsame Dynamik von vier Freunden, die zusammen im Proberaum (respektive einem Studio in New York) gemeinsam an Songs arbeiten und zu denen jeder zu gleichen Teilen Ideen beiträgt. Und genau so klingt nun auch „Four“. All die elektronischen Spielereinen, all die hochtrabenden konzeptionellen Überbauten, all die egozentrischen Alleingänge von Okereke – diese Dinge gehören (vorerst) der Bandvergangenheit an.

Der Album-Opener gibt mit einer Proberaum-Konversation als Intro die direkte Marschrichtung von „Four“ bereits vor den ersten Tönen vor: direkt und ohne Schnörkel, bitte! Zu sägenden Gitarrenspuren und einer wahren Schlaugzeug-Breitseite gegen Ende singt Okereke vom Leben im Kameraflutlicht und der Schwierigkeit, sich selbst treu zu bleiben – „and the camera is watching him lie“. Wohlmöglich erzählt er auch von eigenen Erfahrungen, die er vor und nach seinem Coming Out gemacht hat und machen musste… „3×3“ setzt mit seiner nervösen Art und einem zwischen bedrohlichen Hauchen und energischer Lautstärke pendelnden Okereke die Dynamik des Vorgängers fort. Songs wie die erste Single „Octopus“, „V.A.L.I.S.“ oder „Truth“ sind Bloc Party in Reinform, also in etwa so wie auf ihrem ersten Album „Silent Alarm“: feine Dynamik, gute Hooks, markante Gesangslinien. „Real Talk“ hätte mit seiner entspannten Grundstimmung und den hallig perlenden Gitarren im Refrain auch den Red Hot Chili Peppers gut zu Gesicht gestanden, auch wenn Anthony Kiedis nie mit so hoher Kopfstimme klar käme und die Band aus Los Angeles wohl nie ein Banjo (!) einsetzen würde. „I lived in every town / But here is where I found home“ – eventuell eine Referenz an den Song „Where Is Home?“ vom zweiten Album „A Weekend In The City“, in welchem es darum ging, dass sich der Bloc Party-Kopf im Post-9/11-London nicht mehr heimisch fühlen konnte… „I just talked about my feelings“ lässt uns Okereke am Ende wissen. Songs wie „Kettling“ oder der Abschlusstrack „We Are Not Good People“ sind wahre Rock-Bretter, die man so von der Band bisher nicht erwartet hätte, letzterer würde auch auf einem Queens Of The Stone Age-Album nicht deplaziert wirken. „Day Four“ ist quasi das 2012er-Update von „So Here We Are“ (von „Silent Alarm“) – sanfte Stimme, weite Gitarrenflächen, Bass und Schlagzeug im Hintergrund, Geigenspuren. Die wohl größte Überraschung – da bisher absolut Bloc Party-untypisch – ist „Coliseum“: eine Slide Gitarre macht den Anfang, bevor ihr eine Metal-Breitseite in die Parade fährt. „Pain is healty / Pain is holy“ singt Okereke, growlt danach gar. „Team A“ ist mit ungeduldiger Gitarre und direktem Bass sowie toller Steigerung gegen Ende das quegelige Kind der Platte. „I’m gonna ruin your life“ – nun, zumindest nicht mit diesem Song, ganz im Gegenteil. Kurz vor Abschluss bietet „The Healing“ noch einmal eine Verschnaufpause von der Güteklasse eines „This Modern Love“ (ebenfalls auf dem Debüt zu finden). Nach dem bereits erwähnten feinen Stoner Rock-Ausklang „We Are Not Good People“ sitzen all jene, die mit dem bisherigen Schaffen des Quartetts vertraut sind, mit tiefer gelegter Kinnlade da (insofern sie nicht die Deluxe Version mit den zwei zusätzlichen Songs „Mean“ und „Leaf Skeleton“ besitzen).

Unter der Aufsicht von Produzent Alex Newport (At the Drive-In, The Mars Volta) ist der britischen Band ein Album gelungen, das wohl die wenigsten noch von ihnen erwartet hätten: roh, direkt, frisch, ideen-, facetten- und abwechslungsreich. Zwölf Songs in gut 43 Minuten. Album Nummer vier. Vier Ringe auf dem Cover. Vier Freunde, die wieder neu zu den gemeinsamen Stärken gefunden haben. Gesang, Gitarre, Bass, Schlagzeug – mehr als diese vier Elemente braucht ein guter Song selten. Nun, „Four“ mag vielleicht bei genauerer Betrachtung kein Wunder sein. Eine Überraschung ist es allemal. Wunderbar.

 

Über den Soundcloud-Auftritt der Band könnt ihr die Songs des vierten Bloc Party-Albums in voller Länge probehören…

(der vorher hier gepostete Link zu einem Stream des Albums in Gänze ist leider nicht mehr vorhanden, sorry.)

…euch anhand dieses Videos einen kleinen Einblick in den Entstehungsprozess verschaffen…

 

…und hier das Video zur ersten Single „Octopus“ sehen:

 

Rock and Roll.

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