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Flimmerstunde – Teil 14


Sons Of Norway (2011)

Erwachsen sein mag schwer sein, erwachsen werden noch viel schwerer. Doch eigentlich könnte der 14jährige Nikolaj (Åsmund Høeg) der glücklichste Junge der Welt (oder zumindest Norwegens) sein. Zusammen mit seinen friedliebenden, freigeistigen Hippie-Eltern und seinem kleinen Bruder lebt er in der norwegischen Provinz, darf sich nach Belieben frei entfalten und auch mit seinem Weihnachtsgeschenk, einer E-Gitarre, oder Iggy Pops „Lust For Life“ die Wohnzimmerwände des kleinen Einheitshäuschens am Waldrand zum Vibrieren bringen. Eigentlich. Denn durch den Unfalltod der Mutter wird die heile Hippiewelt, in der der weihnachtliche Tannenbaum auch schon mal Bananen statt Kugeln tragen darf, jäh zerstört, der kleine Bruder findet Obhut im Haus der spießbürgerlichen Tante, der Vater verkriecht sich in Depressionen und Manien. Doch es ist 1978, und der Ruf der Sex Pistols nach „Anarchy In The UK“ schwappt aus dem gefühlt unendlich fernen und beinahe exotischen England auch in den norwegischen Sozialstaat und die Vorstadtkäffer über. Also spießen sich Nikolaj und seine Clique, die auf dem Schulhof bislang eh die Außenseiter gaben, Sicherheitsnadeln durch Ohrläppchen und Backen, färben sich die betont strubbelig-kurzen Haare und „veredeln“ ihre Klamotten mit Löchern, Slogans und angekokelten Nationalflaggen – wenn schon Anarchie, dann auch stilecht und nach Vorbild! Wäre da nicht ein kleines „Problem“: Magnus (Sven Nordin), Nikolajs Vater, erwacht nach dem – oder durch den? – plötzlichen Unfalltod seiner Frau zu neuem Leben, beglückwünscht den Sohn zu seinem rebellischen Geist, analysiert die doch recht oberflächlichen Texte der Sex Pistols bis ins Kleinste und stellt wilde Zusammenhänge zwischen regionalen Bauweisen und kapitalistischem Denken auf. Der Sohn ist verunsichert. Gegen wen soll er denn bitte rebellieren, wenn der Vater plötzlich den Schuldirektor vor seinen Augen zusammenfaltet, ihm Bier anbietet und in der eigenen Punkband trommelt? Ist er plötzlich der Spießbürger, weil er sich nicht traut, ebenso blank zu ziehen wie alle im Nudistensommercamp (allein diese Szenen wären, so ganz nebenbei, in einem deutschen Film undenkbar!), in das ihn sein Vater mitgeschleppt hat?

Sons Of Norway“ (norwegischer Titel: Sønner av Norge – benannt nach der ehemaligen Nationalhymne Norwegens) ist ein kleiner, unspekakulärer Film übers Erwachsenwerden im Norwegen Ende der Siebziger, der mit einer nicht eben dem Mainstream verpflichteten Erzählstruktur und ungewöhnlichen Charakteren aufwartet. Ebenso zeigt der Film eine Vater-Sohn-Beziehung, welche so einige tragische Widrigkeiten überwinden muss. Regisseur Jens Lien versteckt die Trauer und Traurigkeit zwischen den charmanten Zeilen und Bildern, hat es sogar geschafft, John Lydon (aka. Johnny Rotten) zu einer Gastrolle zu überreden und mit „Sons Of Norway“ einen der kurzweilig-tiefgründigsten skandinavischen Filme der letzten Jahre gedreht, welcher immer wieder zwischen komischen und dramatischen Momenten hin und her springt und bei dem die drei Akkorde des Punk gleichzeitig Ursache und Katalysator im „Coming-of-age“ eines 14jährigen darstellen. Am Ende darf sich jeder seinen eignen Reim auf Johnny Rottens „Weisheit“, dass „alles scheiße“ sei und es darum gehe, „aus der Scheiße etwas Schönes zu machen“, machen. Jaja, das Erwachsensein mag seine Tücken haben, aber wie kommt man da am besten hin? Und: will man das überhaupt? „Sons Of Norway“ erzählt von gewollten und ungewollten Momenten des Verlustes der Unschuld in drei Akkorden…

 

 

Rock and Roll.

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