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Moment! Aufnahme.


Saudi-Arabien/ Yoda/ König

Foto: Shaweesh

 

Klar, gerade bei Informationen, die man so links und rechts des Datenstromwegesrands im weltweiten Netz findet, sind mindestens drei Dinge geboten: Vorsicht, Skeptizismus und eine gesunde Prise Menschenverstand. In Zeiten von Trump, Fake News und Troll-Kultur sollte man auch abseits des „Postillons“ eben nicht alles gleich, sofort und zu 100 Prozent für bare Münze nehmen, sondern auch erst einmal hinterfragen. Augen auf, Hirn an! Isso.

Andererseits sind manche Geschichten so irrsinnig, die kannste dir fast gar nicht ausdenken. Etwa die zum oben zu sehenden Bild: Ein historisches Foto des saudi-arabischen Königs Faisal, wie dieser 1945 die Charta der Vereinten Nationen unterzeichnet – und rechts neben dem König sitzt eine kleine, runzelige Figur mit spitzen Ohren: Meister Yoda aus „Star Wars“. WtF?!? Wer kommt bitte auf solche Ideen? Gut, in Zeiten von Photoshop und Co. ist eine solche Bildmontage eine Sache weniger Minuten, und somit theoretisch zu Hauf via Google im weltweiten Netz zu finden. Dieses Bild jedoch stammt aus einem saudi-arabischen Lehrbuch für Sozialkunde und wurde – glaubt man der Meldung – exakt so vom dortigen Bildungsministerium in Auftrag gegeben… Irre.

Die komplette Meldung findet ihr hier. Und egal, ob das Ganze nun am Ende eine typische Fake-News-Ente ist oder nicht – lustig ist’s allemal.

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Zu kurz gekommen… – Teil 8


Neutral Milk Hotel – In The Aeroplane Over The Sea (1998)

-erschienen bei Merge/Domino Records-

Manche Erlebnisse wiegen so schwer, dass sie einen packen, eine Aufgabe, die das eigene Leben nachhaltig verändern wird, mit auf den Weg geben und nie wieder loslassen. Bei Jeff Magnum waren diese Erlebnisse die Lektüre des Tagebuchs von Anne Frank und der Selbstmord seines Bruders. Bereits 1996 hatte der aus Ruston, Louisiana stammende Musiker mit seiner „Band“ Neutral Milk Hotel, die ihn als einziges festes Mitglied zählte, auf dem Debüt „On Avery Island“ zu lärmendem Neunziger-Jahre-Indierock all seinen angestauten Gefühlen Ausdruck verliehen. Doch erst das Zweitwerk „In The Aeroplane Over The Sea“ sollte 1998 für ihn alles verändern…

„I walked into a bookstore, and there was The Diary of Anne Frank. I’d never given it any thought before. Then I spent two days reading it and completely flipped out . . . spent about three days crying . . . it stuck with me for a long, long time. I would go to bed every night and have dreams about having a time machine and somehow I’d have the ability to move through time and space freely, and save Anne Frank.“

(Jeff Magnum in einem Interview mit Puncture Magazine, 1998)

Fortan hatte Magnum Träume, in welchen er selbst Teil einer jüdischen Familie in Europa um 1940 herum war. Wie besessen machte er sich an die Arbeit, schrieb Song um Song, nahm diese teilweise selbst im eigenen Schlafzimmer auf und baute in seine lyrisch unglaublich dichten Klangkonstrukte unzählige Metaebenen ein. Und obwohl der schüchterne Jeff Magnum sich nie offiziell zu den Inhalten von „In The Aeroplane Over The Sea“ geäußert hat, ist doch offensichtlich, dass Anne Frank seine Muse und Hauptinspirationsquelle für die neun Lieder und zwei Instrumentalstücke war und er in all die Dramatik der Geschichte des 16-jährigen jüdischen Mädchen auch die seines Bruders, welcher Selbstmord beging und zu dem er bis zu dessen Tod eine enge Beziehung hatte, mit einwob. Das Album ist ein knapp 40-minütiger Ritt auf der Indierock-Rasierklinge, bei welchem die mal reduzierten, mal lärmenden und ausufernd instrumentierten Songs nahtlos ineinander übergehen und so dem Hörer kaum eine Verschnaufpause lassen. Magnum behält dabei mit seiner nasal-schiefen, intensiven Stimme stets das Heft in der Hand und singt sich alles Leid von der Seele. Alles.

Der Doppelopener „King Of Carrot Flowers, Pt. 1“ und „King Of Carrot Flowers, Pts. 2-3“ führt den Hörer mit Erinnerungen von kindlicher Unschuld, an das dysfunktionale Elternhaus, religiöse Anwandlungen und der Entdeckung der eigenen Sexualität hinein in die wirre, gleichsam stark chiffrierte und doch seltsam explizite Szenerie. Im nachfolgenden Titelsong (welcher als Coverversion von Matt Pond PA unter anderem in einer Folge von „O.C. California“ zu hören war) schafft es Magnum, zu süßlich-beschwingten Folkmelodien mit Bläserbegleitung und windschiefem Banckgroundfeedback Hoffnungen an das Hier und Jetzt zu wecken, während Gevatter Tod und Mütterchen Psychosoziale Störung (die Textzeile „Anna’s ghost all around“ ist möglicherweise als Anspielung auf Anorexie zu verstehen, oder als Bezug auf Anne Frank) einem stets hämisch grinsend durch den Rückspiegel zuzwinkern: „And one day we will die / And our ashes will fly from the aeroplane over the sea / But for now we are young / Let us lay in the sun / And count every beautiful thing we can see / Love to be / In the arms of all I’m keeping here with me“. Bereits in „Two-Headed Boy“ wird es danach zum ersten Mal lyrisch recht kompliziert. Zum Einen bezieht sich der Song wohl auf den 19-jährigen Peter van Pels aus dem Tagebuch der Anne Frank, der sich wie sie in der Amsterdamer Prinsengracht versteckt hielt und in den sie sich in dieser Zeit verliebte. Zum Anderen richtet sich Magnum hier an seinen Bruder, den er nach wie vor schmerzlich vermisst und ohne den er sich lediglich wie eine Hälfte eines siamesischen Geschwisterpaars fühlt. „Fool“ liefert zu dieser Stimmung den bläsergetragenen Instrumentaltrauermarsch. „Holland, 1945“ stellt mit Zeilen wie „The only girl I’ve ever loved / Was born with roses in her eyes / But then they buried her alive / One evening, 1945 / With just her sister at her side / And only weeks before the guns / All came and rained on everyone“ eine der klarsten Bezugnahmen auf Anne Frank, welche im März 1945, kurz vor Kriegsende, zusammen mit ihrer Schwester Margot im KZ Bergen-Belsen ermordet wurde, während nicht wenige Menschen einfach wegzusehen schienen („And it’s so sad to see the world agree / That they’d rather see their faces fill with flies“), dar. Doch auch hier schafft es Jeff Magnum, ein wenig Hoffnung zu sähen, indem er sich vorstellt, dass Frank später als kleiner Junge in Spanien wiedergeboren wurde, um zu Pianoklängen der Welt seine (respektive: ihre) Geschichte zu erzählen („Now she’s a little boy in Spain / Playing pianos filled with flames / On empty rings around the sun / All sing to say my dream has come“). Gleichzeitig handelt auch dieser Song von Magnums Bruder („Your dark brother wrapped in white / Says it was good to be alive / But now he rides a comet’s flame / And won’t be coming back again / The Earth looks better from a star / That’s right above from where you are“). In „Oh Comely“ träumt Magnum vom Leid der Opfer des Holocaust und davon, Frank retten zu können („I know they buried her body with others / Her sister and mother and 500 families… I wished I could save her in some sort of time machine“), denkt sich jedoch, der Ursachenforschung wegen, auch in Köpfe der Gegenseite, in diesem Fall in den Hitlers, dessen Vater als notorischer Fremdgänger bekannt war und den Sohn oft sich selbst überließ („Your father made fetuses with flesh licking ladies / While you and your mother were asleep in the trailer park“). Das Lied ist in in seiner Reduziertheit, welche durch eine Posaune gegen Ende in einen Trauermarsch ausartet, wohl eines der intensivsten des Albums. „Ghost“ schreibt allen Menschen, deren Tod in irgendeiner Form, sei es nun in den Nachrichten, der Morgenzeitung oder eben in Buchform (wie beim Tagebuch von Anne Frank), publik wird, eine gewisse Art der Unsterblichkeit zu. In „Two-Headed Boy, Pt. 2“ läuft noch einmal all die Janusköpfigkeit des Albums zusammen. Nur von seiner Akustikgitarre begleitet wechselt Magnum im Albumabschluss von Strophe zu Strophe Erzählperspektive und Deutungsebene: mal ist es Anne Frank, von der singt, mal sein verstorbener Bruder, oder mal ein Engel, der scheinbar über all das Geschehene Recht und Unrecht wacht. Nachdem die letzten Töne verklungen sind, stellt Jeff Magnum seine Akustikgitarre beiseite und verlässt den Raum.

Alles in allem ist das Konzeptwerk, trotz (oder gerade wegen?) der relativ kurzen Spieldauer von 40 Minuten, wahrlich kein einfacher Tobak für einen sonnigen Sonntagmorgen. Auch Jeff Magnum hat seit Erscheinen des Albums 1998 schwer an dessen Auswirkungen in seinem Innen- und Außenleben zu knabbern: zuerst schien ihn das anfänglich mangelnde, dann das recht große Interesse an „In The Aeroplane Over The Sea“ zu verwirren. Er schrieb neue Songs, verwarf sie wieder, veröffentlichte seitdem ganz zwei neue Stücke (eines davon ist das Matthew Sheppard gewidmete „Little Birds“), betrat seit 1998 kaum mehr je eine Konzertbühne. Dafür wird das zweite, und bis heute letzte, von ihm veröffentlichte Album heute als sein „Opus Magnum“ (sic!) gefeiert. Kollegen wie Arcade Fire, Franz Ferdinand oder der Brand New-Frontmann Jessey Lacey (dessen Verehrung für das Album man Brand News eigener Großtat „The Devil And God Are Raging Inside Me“ deutlich anhören kann) loben „In The Aeroplane…“ als wichtige Inspirationsquelle aus, in Kritiken wird das Album mit „Der Fänger im Roggen“ von J.D. Salinger auf eine Stufe gehoben –  was durchaus Sinn ergibt, denn ebenso wie Jeff Magnum zog sich der scheue Salinger nach der Veröffentlichung seines wegweisenden Romans 1951 bis zu seinem Tod im Jahr 2010 aus der Öffentlichkeit zurück und brachte zwar neue Sätze zu Papier, veröffentlichte jedoch keinen davon. Jeff Magnum und Neutral Milk Hotel umweht seitdem ein Legendenstatus der kultischen Verehrung…

Was bleibt ist eine irritierende musikalische wie lyrische Tour de Force in Folk und Indierock, die mehr abstößt als anzieht und sich dem Hörer erst bei wiederholtem Hören – und genauem Hinhören! – erschließt. Wer dem Album ausreichend Zeit und Geduld widmet, der wird in Jeff Magnum einen der wohl größten und traurigsten Konzeptmusiker der Neunziger Jahre erkennen, und „In The Aeroplane Over The Sea“ und seine berührenden Songs irgendwann ins Herz schließen.

 

Hier der oben erwähnte Song „Little Birds“ (welcher hier auch zum kostenlosen Download verfügbar ist)…

 

…sowie ein Video zu „Holland, 1945″…

 

…und der Titelsong des Albums als Coverversion von Neutral Uke Hotel:

 

Auch interessant sind diese Coverversion von „In The Aeroplane…“ durch Umer Piracha…

…und diese Piano-Coverversion von „Two-Headed Boy, Pt. 2“  durch Brandon Thomas de la Cruz:

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
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