Archiv der Kategorie: Zu kurz gekommen…

Klassiker des Tages: Enik – „The Seasons In Between“


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Was macht eigentlich Enik mittlerweile? Zugegebenermaßen ist das weder eine Frage, die ich mir in den vergangenen Jahren tattäglich gestellt habe, noch eine, die mich spät nachts schweißgebadet aufwachen ließ…

Würde man nicht tief(er) graben, so könnte man den Eindruck bekommen, der vielseitige 39-jährige Indie-Musiker, auf dessen Münchner Klingelschild wohl eher der Name „Dominik Schäfer“ notiert sein dürfte, hätte den kreativen Künsten längst abgeschworen. Doch bereits eine kleine Netz-Recherche zeigt, dass genau das Gegenteil der Fall ist: Nach ersten musikalischen Ausrufezeichen 2004 als Co-Songwriter (falls man diesen Begriff im IDM-Fach verwendet kann) für vier Stücke auf dem Funkstörung-Werk „Disconnected“, mit den 2006 beziehungsweise ein Jahr drauf erschienenen Enik-Alben „The Seasons In Between“ und „Chainsaw Buddha“ (mehr dazu gleich) sowie einer Kollabo mit Fanta4’s Esoterik-Vorsteher Thomas D für den Song „Vergiftet im Schlaf“ (welcher wiederum gar Teil des Soundtracks für den mäßig erfolgreichen Hollywood-Film „Der Tag, an dem die Erde stillstand“ war) standen dem Indie-Newcomer plötzlich so einige Türen offen. Und doch entschied sich Dominik „Enik“ Schäfer dazu, zuerst sein kreatives Heil im Jazz (mit dem Chris Gall-Trio), danach im Theaterfach, in dem er über die Jahre mehr als ein Dutzend Theaterstücke als Komponist und musikalischer Leiter im deutschsprachigen Raum mit seinem Sound bereicherte, unlängst sogar als Soundtrack-Komponist („Five Years“ – der 2018 veröffentlichte Score zur Dokumentation „5 Jahre Leben“von Regisseur Stefan Schaller über den unschuldigen Guantanamo-Sträfling Murat Kurnaz) zu suchen. Beinahe logisch, dass der aufs Vorsortieren abonnierte Mainstream-Hörer von alledem kaum etwas mitbekam…

the-seasons-in-between.jpgUnd doch liegen Eniks wohl kreativste Glanzlichter bereits mehr als eine Dekade zurück: seine Alben „The Seasons In Between“ und „Chainsaw Buddha“ (das 2011er Werk „I Sold My Moon Boots To A Girl From Greece“ soll zwar nicht unerwähnt bleiben, kann jedoch in Gänze kaum mit den beiden mithalten). Eines sollte jedoch stets klar sein: Fordernd ist Eniks Kunst zu jedem Zeitpunkt, denn wer eines der erwähnten Alben hört, der könnte (vor)schnell den Eindruck bekommen, dass soeben gefühlte siebzehn Langspieler gleichzeitig abgespielt werden: derber Garagenpunk, schleppende Industrial-Beats, torkelnde Jazzstreicher, sanft säuselnder Folk, schwülwarmer Funk, Kraut- und Glamrock, nerdige Zappa-Klassik, indietroniges Elektroblubbern, feinstes Düster-Crooning – Unterforderung darf man getrost anderswo suchen. „Da meint man fast Bon Ivers Stimmwelt, Nick Caves Abgründe, Radioheads Elektronik und Bowies spätes Timbre rauszuhören.“ (Der aktuelle Presstext fasst es dankenswerterweise recht gut zusammen, vergisst eventuell sogar noch, mit Referenzen wie Tom Waits, Prince, Faith No More oder Peter Gabriel weitere Ränder abzustecken.)

Und doch ist einer der schönsten, einer der berührendsten Momente in Eniks bisherigem Schaffen gerade in der Reduktion, im Titelstück von „The Seasons In Between“ zu finden: „I’m a stranger in autumn / I was born in spring / I forgot the name / Of the seasons in between“ – eine einsame Akustikgitarre und Streicher umgarnen Schäfers so wunderbar unperfekte, windschief-raue Stimme, erst gen Ende darf das Schlagzeug dazu poltern, und schließlich alles in sich zusammen stürzen. Ich meine: Gelungener kann man seit 2006 den nahenden Herbst kaum einläuten.

[Übrigens meldet sich Enik in Kürze – genauer: am 8. November – tatsächlich mit (s)einem neuen Album „The Deepest Space Of Now“ zurück. Der erste Höreindruck anhand des Songs „99th DREAM“ ist ein durchaus positiver, und lässt mit (s)einer Vier-Minuten-Irrfahrt von TripHop über Indietronica bis hinein in die Siebziger (immerhin wartet der Schlussteil mit glamourösen Streichern auf!) auf einen ganz ähnlichen musikalischen Freifahrtsschein in die kreative Nervenheilanstalt wie Eniks erste Werke schließen…]

 

 

„Excuse me, I forgot your face
Was it love or just a passing through the dark?
I’m a stranger in autumn
I was born in spring

I forgot the name of seasons in between
Someone said it’s good for growing
Someone said it’s good for going
Someone said it’s good for growing

I love you, that’s why I can’t see you fail
And I swear, I won’t stand here to the essence of your heart’s fade away
I’m a stranger in autumn
I was born in spring

I forgot the name of seasons in between
Someone said it’s good for growing
Someone said it’s good for going
Someone said it’s good for growing

Someone said it’s good for growing
Someone said it’s good for going
Someone said it’s good for growing
Someone said it’s good for…..“

 

Rock and Roll.

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„Soul Of America“ – Charles Bradley ist tot.


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„It took 62 years for somebody to find me, but I thank God. Some people never get found…“

Der Mann war mit einer der größten Soul-Stimmen unserer Zeit gesegnet, und um ein Haar hätte kaum jemand Notiz davon genommen. Doch das Schicksal, sein Schicksal, wollte es am Ende anders…

„I didn’t know who James Brown really was but I wanted to go see. When they called James Brown on stage, I’ll never forget they had this purple light and yellow light – my two favorite colors. And when they introduced him, he came flying on the stage on one leg and I said, What in the hell is this?“

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Viele Jahre lang spielte der 1948 in Gainesville, Florida geborene Charles Bradley nur im Hintergrund, arbeitete vor seiner zwar späten, jedoch absolut verdienten Musikkarriere als Küchenchef in einer Psychiatrie. Unter dem Namen „Black Velvet“ spielte der Mann, dem der große James Brown als offensichtliches Idol diente, lange Zeit in einer – Sie ahnen es bereits – James-Brown-Tribute-Show in Brooklyn mit. Dort wurde Bradley vom Retro-Soul-Label Daptone Records entdeckt, konnte schließlich 2002 seine erste Single „Take It As It Come“ und einige Zeit später, im Jahr 2011, sein gefeiertes Debütalbum „No Time For Dreaming“ veröffentlichen. Selbiges erlaubte dem Sänger, auf ausgedehnte Tournee zu gehen. Der Film „Charles Bradley: Soul Of America“ (2012, von ANEWFRIEND bereits hier vorgestellt) dokumentiert die wundersame Geschichte Bradleys sowie dessen erste große Konzertreihe und machte ihn endgültig berühmt (wer mag, findet den Doku-Film übrigens aktuell hier im Stream).

In den Jahren darauf brachte Charles Bradley, dem durch dessen energetische, inbrünstige Performances der Beiname „Screaming Eagle of Soul“ verliehen wurde, mit seiner Begleittruppe, der Menahan Street Band, die ebenfalls von Kritikern wie vom Publikum gefeierten Nachfolgealben „Victim Of Love“ (2013) und „Changes“ (2016) auf den Markt und spielte auch Konzerte in Europa, wie etwa beim Roskilde Festival in Dänemark, dem Jazz Fest Wien oder dem Cactus Festival im belgischen Brügge im vergangenen Jahr (wo ich ihn live erleben durfte).

Im September hatte der Musiker alle  angesetzten Konzerte seiner Tour gestrichen, als bei ihm Krebs in der Leber nachgewiesen wurde. Zuvor hatte er erfolgreich eine Magenkrebserkrankung überstanden, fühlte sich aber in den letzten Monaten äußerst schwach. „Ich liebe euch alle, ihr habt meine Träume wahr werden lassen“, teilte Bradley damals seinen Fans mit und gab sich optimistisch, was seine Genesung angeht. „Wenn ich wieder da bin, dann werde ich wieder stark sein, mit Gottes Liebe. Wenn Gott es will, kehre ich bald wieder zurück.“

Dieser Wunsch sollte sich jedoch leider nicht erfüllen. Charles Bradley starb heute im Alter von 68 Jahren im New Yorker Stadtteil Brooklyn im Kreise seiner Familie und Freunde sowie einiger Musiker, mit denen er in den letzten Jahren zusammengearbeitet hatte, und wird fortan, gemeinsam mit seinem großen Idol, dem „Godfather of Soul“ James Brown, die Wände im Soul-Himmel erbeben lassen.

Mehr Seele in den Soul legen konnte keiner – und das ist das wohl größte Kompliment, dass man einem beinahe übersehenen Talent wie ihm machen durfte…

Mach’s gut, Mr. Charles Bradley.

 

 

 

 

Rock and Roll.

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Zu kurz gekommen – Teil 13


Archive – You All Look The Same To Me (2002)

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Es gibt Bands, die begleiten einen bereits schon so lang, dass man sich kaum an eine Zeit erinnern kann, als sie mal nicht da waren. Gut, in meinem musikverrückten Fall dürfte es dabei wohl um eine ganze Riege an Gruppen, Künstlern und Alben handeln, die irgendwie schon immer da gewesen zu sein scheinen. (Off topic: Ich habe kürzlich von einer Studie gelesen, anhand derer findige Lehrgesellen belegen möchten, dass man *hust* „im Alter keine“ – oder, vielleicht besser: kaum noch – „neue Musik hört“. Und obwohl ich mir durchaus stets einen Resthunger auf Neues und Interessantes erhalte, so muss ich zugeben: Stimmt.) Eine dieser Bands ist definitiv Archive.

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Und das aus London stammende Kollektiv um die beiden Kreativköpfe Danny Griffiths und Darius Keeler hat freilich auch schon einige Lenze auf dem Bandbuckel. Mehr sogar: Seit der Bandgründung im Jahr 1994 haben Archive wohlmöglich ein ganzes Genre überlebt. Denn während man die ersten beiden Alben, „Londinium“ (1996) und „Take My Head“ (1999), noch ganz klar im TripHop-meets-Electronica-Fahrwasser von Massive Attack vermuten konnte, sollte sich um die Jahrtausendwende vieles bei Archive ändern. Das „Cool Britannia“ der Neunziger lang in einem anderen Jahrzehnt, und wohlmöglich stellte sich das Kernduo Griffiths-Keeler für die Zukunft der Band etwas anderes vor, als immer nur den Sound des „großen Bruders“ aus Bristol, in welchem sich mal gefällig, mal bedrohlich anmutende Electronica-Klänge mit echtem Bandsound aus GitarreSchlagzeugBass vermengten, um dann mit – vornehmlich weiblichem – Gesang unterlegt zu werden, für sich zu adaptieren. Also taten sich Archive mit dem Sänger Craig Walker – ehemaliger Frontmann der mäßig erfolgreichen irischen Poprocker Power Of Dreams – zusammen, banden ihn fest ins Bandkonzept ein – und schufen „You All Look The Same To Me„.

archiveMan muss auch gar nicht lang suchen, um den ersten prägnanten Unterschied zwischen Album Nummer drei und seinen beiden Vorgängern auszumachen, denn bereits der Opener „Again“ nimmt sich satte sechzehnenhalb (!) Minuten Zeit und Raum. So weit, so oberflächlich die ersten Fakten. Und auch klanglich hat all das nur noch entfernt mit dem kühlen TripHop der Neunziger zu tun. Eine Akustische leitet sanft ein, bald schon gesellen sich eine wehmütige Mundharmonika hinzu, dann eine warm vibrierende Hammondorgel. Und auch der von Walker gesungene Text verheißt Innerliches: „You’re tearing me apart / Crushing me inside / You used to lift me up / Now you get me down“. Herzschmerz statt Vertonung von Metropolenfassaden? Scheint ganz so. Griffiths und Keeler nehmen sich zwar reichlich Zeit, den neuen Bandsound einleitend vorzustellen (Hut ab allein dafür!), doch famoser könnte der Einstieg in „You All Look The Same To Me“ wohl kaum sein – „Again“ ist ein Statement an Breitwand und Tüftelei, an Intensität und Freigeist, der sich Ruhepausen und Ausbrüche gönnt, Wirren und Flirren, Schmerz, Katharsis und ein klein Bisschen Erlösung. Wer erst einmal über diese Schwelle gestiegen ist, den zieht Archives drittes Werk immer tiefer in seine Eingeweide der Nacht. So ist „Numb“ die gelungene Symbiose aus hitzigen TripHop-Beats und derben E-Gitarren, „Meon“ der süße Hilferuf nach Liebe in Cinemascope („Does anybody want to take me home?“), „Goodbye“ und „Now And Then“ melancholische Blinklichter an Vergangenes, die auf das zweite ausladende Highlight hinfiebern lassen: „Finding It So Hard“. Denn auch bei diesem (über)langen Fünfzehnminüter astgabeln sich Vergangenheit und Zukunft von Archive, lassen einen feurige TripHop-Bausteine die Arme tanzend und taumelnd in die Luft werfen, während Synthie-Orgeln windschief ihre Bahnen ziehen, die Bässe pumpen und Gitarren nach gut zehn Minuten für ordentlich Feedback sorgen. „Fool“ ist da textlich nur ein weiterer Versatzstein im Abgesang an die Liebe („It’s never sure / It’s never pure / It always hurts“), während die Mundharmonika des Auftaktsongs ihre Rückkehr feiert und Craig Walker und Maria Q, der bereits das kurze „Now And Then“ gehörte, erneut beweisen, wie gut ihre Stimmen miteinander harmonisieren. Einen bösen Schalk hat auch das pianogetrangene „Hate“ im Nacken („I hate your face right now / I can’t stand a sight of you / So please / Leave me alone / I thought you were a friend / But you’ve ruined my tale again / So please / Just go away /…/ Don’t believe a word I say“), bevor „Need“ lieblich und folkloristisch wie anno dazumal eine Pilzkopf-Kombo ums Eck biegt. Und „Absurd“ verpackt seine zehn mal mehr, mal weniger langen Vorgänger in watteweiche Wolken, um ins Morgengrau zu verschwinden.

In den Jahren darauf sollten Archive diesen eingeschlagenen musikalischen Weg noch verfeinern, sollten noch mehr Bandsound-Organik auf ihre Platten und in ihre Bühnenauftritte mit einbinden, sollten sich von persönlichen Songinhalten immer mehr hin zu subtiler gesellschaftlicher Kritik wandeln. Dem Konzept der mehr oder minder festen Gastsänger sind Danny Griffiths und Darius Keeler freilich, obwohl Craig Walker längst nicht mehr mit an Bord ist, weiter treu geblieben. So hat man sich auch nach nunmehr zehn Alben – die letzte, „Restriction„, erschien im Januar diesen Jahres – eine gewisse Spannung bewahrt, ohne jedoch Trademarks einzubüßen. Hat Soundtracks aufgenommen (etwa den zum französischen Rennfahr-Film „Michel Vaillant“) oder gar die Filme zu fiktiven Scores selbst produziert („Axiom“ aus dem vergangenen Jahr) – was böte sich bei einer Band wie dieser den mehr an? Natürlich finden sich auf den Nachfolgern zum dritten Album die bekannteren, die *hust* schmissigeren Songs (etwa „Fuck U“ oder „Bullets„), aber „You All Look The Same To Me“ wird auf ewig das Werk bleiben, auf dem Archive zu dem wurden, was sie (bis) heute sind: ein spannendes Kollektiv mit mehr als zwanzigjähriger Historie, bei dem nicht selten bis zu 15 Personen hinter Studiotüren oder auf den Bühnenbretter mitmischen. Eine Band, die, wie so oft, wenn es um Anspruch geht, die größte Fanschar in frankophilen Ländern (Frankreich, Schweiz, Belgien) auf sich vereinen kann. Eine Band, die den TripHop hinter sich gelassen hat, um sich eine eigene kleine Nische zu schaffen, und noch lange nicht am Ende angekommen zu sein scheint – trotz den 13 Jahren, die mich „You All Look The Same To Me“ nun schon begleitet. Ein Meisterwerk, gefühlt.

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Rock and Roll.

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Zu kurz gekommen… – Teil 12


Lange lagen Teile, rohe Fragmente und Auszüge der folgenden Zeilen in meinen (digitalen) Notizbüchern. Immer und immer wieder habe ich gestrichen, ergänzt und am Ende doch überlegt: Soll ich tatsächlich über ein Album schreiben, dass mir so viel bedeutet, dessen einzelne Stücke sich dermaßen in meine eigene Biografie und Gefühlswelt gewoben haben, dass kaum noch klar ist, wo der Traum der Erinnerung endet und das real Passierte beginnt? Und: Wie werde ich werde ich dem Künstler damit gerecht? Kann ich das überhaupt? Dem kundigen Leser von ANEWFRIEND sollte der Name des Künstlers – Damien Rice – nicht fremd sein. Dem Rest sei seine Musik – auch aus aktuellem Anlass – wärmstens ans Hörerherz gelegt. Aber lest selbst…

 

Damien Rice – O (2002)

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Irgendwo am Anfang stand eine wundervolle Konzertnacht in der deutschen Hauptstadt. Mit einem mit Freunden vollbepackten, in die Jahre gekommenden Ford Fiesta hatten wir uns am 5. März 2003 auf den 150 Kilometer langen Weg begeben, um einen Künstler zu sehen, dessen Karriere damals – zumindest international – noch in den Kinderschuhen steckte – und das, ohne vorab Eintrittskarten in der Tasche zu haben (wir wollten welche ordern, aber so kommt es halt, wenn sich einer auf den anderen verlässt und es dieser dann schlichtweg verpennt – seitdem nehme ich das immer selbst in die Hand). Natürlich war Damien Rices Gastspiel im Berliner Knaack Klub ausverkauft – das kundige Hauptstadtpublikum ist bekanntlich immer etwas empfänglicher für neue Trends und Künstler. Zu unserem Glück konnten wir noch – wenn auch heftig überteuert, aber wenn man einmal 300 Kilometer Strecke auf sich nimmt, um genau diesen Musiker zu sehen, zahlt man eben drauf – Karten aus der „schwarzen Jackentasche“ für alle in unserer Runde bekommen und fanden uns so in der ersten Reihe rechts neben der kleinen Konzertbühne des Knaack Club wieder. Nicht nur aufgrund der Tatsache, dass wir alle zum ersten Mal Josh Ritter, einen damals ebenfalls noch komplett unbekannten Singer/Songwriter aus dem US-amerikanischen 24.000-Einwohner-Kaff Moscow, Idaho, kennenlernten (seine an diesem Abend dargebotene Version des anno dazumal noch unveröffentlichten Songs „Wings“ bereitet mir noch heute eine Gänsehaut!), sollte es eine geradezu magische Konzertnacht werden. Denn Damien Rices Vorstellung der Songs seines etwa ein Jahr zuvor im heimischen UK erschienenen Debütalbums „O“ (in Deutschland ließ sich die Plattenfirma unverschämterweise gar noch bis August 2003 Zeit) war schwer in Worte zu fassen – und ist es noch heute. Nein, dafür war einfach alles – der Abend, die Gegebenheiten, unsere Runde, natürlich Rice und seine Band, die neben Schlagzeuger und Bassisten damals freilich auch aus seinem weiblichen Vocal-Sidekick Lisa Hannigan und der Cellistin Vyvienne Long bestand, zu besonders. Und es macht mich bis heute noch ein wenig stolz, dass ausgerechnet ich es war, der unsere Runde mit dem virulenten Ohrwurmzauber der Stücke von „O“ infizierte. Zu recht sollte sich bald zeigen, dass wir nicht die einzigen waren, die Damien Rices Qualitäten erlagen. Denn „O“ – so kurz und geheimnisvoll dessen Titel auch sein möge – erzählt Geschichten, wie sie schöner und schmerzlicher, kitschiger und trauriger kaum sein könnten – wie das Leben selbst. Vom Süßen, dass – um hier mal ein Zitat aus meinem Lieblingsfilm „Vanilla Sky“ zu bemühen – ohne das Saure kaum so süß erscheinen würde. Vom Lieben. Und der Sprache des Herzens erliegt man freilich nur allzu schnell und leicht…

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„We might kiss when we are alone / When nobody’s watching / We might take it home / We might make out when nobody’s there / It’s not that we’re scared / It’s just that it’s delicate“ – ebenso schüchtern wie um Charme barmend legt Rice, Jahrgang 1973 und vormals Teil der mäßig bekannten irischen Rockband Juniper, in den ersten Sekunden des Albumopeners „Delicate“ allein an seiner Akustischen los, bevor Vyvienne Longs Cello einsetzt. Herzerweichend? Dabei kommt erst in den darauf folgenden Stücken einer der entscheidenden Faktoren, der Rices Songs so rund, so nah und so berührend macht, hinzu: die Zweitstimme von Lisa Hannigan. Denn sie ist es, die Lieder wie das um zwischenmenschliche Differenzen und Anziehungen kreisende „Volcano“ („What I am to you / You do not need / And what I am to you / Is not what you mean to me / You give me miles and miles of mountains / And I ask for the sea“), das tausendfach in Filmen und Fernsehserien verwandte Liebeslied „The Blower’s Daughter“ oder das so hinreißend pragmatisch-euphorische „Cannonball“ aus- und großartig macht, im Duett in „I Remember“ später – verdientermaßen, freilich – gar ganze Passagen allein mit ihrer wunderbaren Stimme tragen darf. Dennoch sollte man nicht den Fehler machen, Damien Rice hinsichtlich der in der Tat vorherrschenden Liebeslieder auf „O“ als allzu lieblich-plakativen Schnulzenbarden zu stilisieren. Denn mit dem bitteren Doppel aus „Cheers Darlin'“ („Cheers darlin’ / Here’s to you and your lover boy / Cheers darlin’ / I got years to wait around for you / Cheers darlin’ / I’ve got your wedding bells in my ear / Cheers darlin’ / You give me three cigarettes to smoke my tears away“) und „Cold Water“ („Cold, cold water surrounds me now / And all I’ve got is your hand / Lord, can you hear me now? / Or am I lost?“ – diese Zeilen dürften dem einen oder der anderen ebenfalls aus allerhand namenhaften Serien bekannt vorkommen), das dem zu ertrinken Drohenden im Mittelteil einen Seemannschor zur Seite stellt, beweist der irische Singer/Songwriter, dass er auch die Schattenseiten der Liebelei zu vertonen weiß. Wer’s noch immer nicht begriffen haben sollte, dem stellt Rice im darauf folgenden „I Remember“, welches trügerisch lieblich als Boy-meets-Girl-Story beginnt, eine wahre Kakophonie aus gefühlsinduzierter Lautstärke zur Seite, auf die man so nicht vorbereitet gewesen sein konnte„Come all ye reborn / Blow off my horn / I’m driving real hard / This is love, this is porn / God will forgive me / But I, I whip myself with scorn, scorn“ und weist die (ehemals) Liebste an, endlich Farbe zu bekennen: „I wanna hear what you have to say about me / Hear if you’re gonna live without me“. Dass er nach all dem Gefühlschaos – ob nun in der Großstadt, ob nun auf dem Land – den totalen Rückzug von Allem startet und in „Eskimo“ eigentlich nur noch seinen – jawohl – „Eskimo friend“ sehen möchte, ist dabei nur allzu verständlich. Und auch hier wartet Rices Debütalbum neben seiner Akustischen und den Streichern, wie an so vielen Stellen der gut 60 Minuten, wieder mit etwas Besonderem auf, denn gegen Ende lädt er die nordirische Opernsängerin Doreen Curran vors Mikro, um sie einige Zeilen auf finnisch (!) schmettern zu lassen. Dass der reguläre Abschluss des Albums (die ebenfalls grandiosen Hidden Tracks „Prague“ und „Silent Night“ mal außen vor) dann wieder einzig und allein Damien Rice und seiner Akustikgitarre gehört, passt einfach. Alles endet so, wie es begann. Doch die Stunde dazwischen verändert den Hörer, nimmt ihn mit auf eine Reise ins Innere seiner selbst. Und nur Steine kehren davon unverändert zurück…

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Obwohl der schmächtige Singer/Songwriter mit dem vier Jahre nach „O“ – also: 2006 – erschienenen Nachfolger, welcher mit „9“ ebenso mystisch betitelt wurde, erfolgsmäßig in noch ganz andere Sphären vorstoßen sollte (Nummer 1 im heimischen Irland, immerhin Platz 22 in den US-Albumcharts, erneut etliche Soundtrack- und prominente Serienplatzierungen, ein Auftritt bei den Friedensnobelpreisverleihungen), und auch qualitativ keinerlei Rückschritte machte, umgibt „O“ bereits beim ersten Hören eine zauberhafte Patina, die sich auch ganze zwölf Jahre nach dessen Erscheinen (und weißgottwieviele Durchgänge später) in keinster Weise abnutzt. Mag man es Rices Talent, emotional fesselnde Songs zu schreiben, zuschreiben. Vielleicht spielen auch all die Geschichten, die man sich um seine Person erzählt (mal heißt es, er spielte sich als trampender Straßenmusikant durch halb Europa, mal, dass er einige Zeit als Blumenverkäufer im Süden Frankreichs seine Brötchen verdiente), eine gewichtige Rolle im nahezu mystischen Beieinander der Songs des Debüts (für dessen Grenzen ein perfekt inszeniertes, unverstelltes Singer/Songwritertum Feelgood-Klone/-Clowns á la James Blunt, Jack Johnson oder Chris „Coldplay“ Martin
sicherlich nur allzu gern töten würden). Dazu passte dann wieder, dass schon der Nachfolger „9“ textlich um einiges bitterer ausfiel, der Ire sich noch während der Tournee zum zweiten Album mit der für ihn und seine Musik so wichtigen Lisa Hannigan überwarf (nichts Genaues weiß man auch hier, sie entschwand jedenfalls aus der Band und aus Rices Leben) und Damien Rice selbst, dem der eigene Erfolg sowieso schon immer am zuwidersten und suspektesten erschien, Damien-Rice 2für Jahre nahezu komplett von der Bildfläche verschwand – so lange, dass man befürchten musste, nie wieder einen (neuen) Ton von ihm zu hören zu bekommen. Dass man vor wenigen Tagen mit dem tatsächlichen Erscheinen von Album Nummer drei, „My Favourite Faded Fantasy„, bei welchem kein Geringerer als Überproduzentenlegende Rick Rubin eine gewichtige Rolle spielte, eines Besseren belehrt wurde, ist eine andere Geschichte, deren Saat vor mehr als zehn Jahren gelegt wurde. Die Zeit, sie vergeht – mal höre, man staune.  „Amie come sit on my wall / And read me the story of O / And tell it like you still believe / That the end of the century / Brings a change for you and me / Nothing unusual, nothing’s changed / Just a little older that’s all“

 

 

(Die Textfetischisten unter euch dürfen sich gern auf die Damien Rice-Fanseite eskimofriends.com berufen…)  

 

Der Vollständigkeit halber hier noch die offiziellen Musikvideos der drei Singles „Volcano“, „The Blower’s Daughter“ und „Cannonball“…

 

…sowie Damien Rices im Rahmen der „BBC Four Sessions“ gegebenes einstündiges Konzert aus dem Jahr 2004, welches einen recht passablen Eindruck der Live-Qualitäten der Songs von „O“ vermittelt:

 

Rock and Roll.

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Zu kurz gekommen… – Teil 11


Dredg – El Cielo (2002)

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Salvador fuckin‘ Dalí. Allein durch die bloße Nennung des Namens des spanischen – Halt: explizit katalanischen! – Kunst-Universalgenies tun sich bei dem ein oder anderen kundigen Kunstkenner bereits Tore zu wilden Gedankenwelten auf… Solche, in denen stelzbeinige Elefanten endlos scheinende Wüstenlandschaften durchschreiten, während traumwandelnde Gesichtsschemen gen Horizont blicken, Ziffernblätter im Sande zerfließen und Farben sich mächtige Rauschduelle liefern. Zeitlebens ließen sich die Werke des Surrealisten mit dem dünnen Zwirbelbart kaum (be)greifen, und auch heute noch – 25 Jahre nach seinem Tod – wirken Dalís Malereien, Grafiken, Texte, Bildnisse und Bühnenbilder wie die kreativen Auswüchse eines rauschhaft agierenden Getriebenen, ja: Wahnsinnigen. Oder, wie der streitbare Künstler selbst einst zu Protokoll gab: „I don’t do drugs, I am drugs“. Wie also sollte man sich Salvador Dalí am besten, am einfachsten nähern? Durch Seite um Seite füllende Analysen, welche biografische Eckdaten dann ebenso einbeziehen wie Zeitgeschichte, Politik und – klar! – psychologische Bezüge (immerhin pflegten Dalí und der österreichische Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, eine auf Gegenseitigkeit beruhende Bewunderung)? Wäre freilich möglich. Oder man pickt sich eines von Dalís bekanntesten Bildern heraus und setzt dieses dann in musikalische Klangbilder um… Klingt verrückt? Ist es wohl auch. Doch genau das ist „El Cielo„, das 2002 nach vierjähriger Arbeit erschienene zweite Album des kalifornischen Rock-Quartetts Dredg.

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Dabei ging die 1993 in Los Gatos, einer 30.000-Einwohner-Stadt in der San Francisco Bay Area, gegründete Band um Gavin Hayes (Gesang, Slidegitarre), Mark Engles (Leadgitarre), Drew Roulette (Bass) und Dino Campanella (Schlagzeug, Piano) einerseits ein nicht unbeträchtliches Wagnis ein, immerhin kannte die Gruppe damals noch kaum jemand (also: kreative Herausforderung vs. kleine Fanbase). Andererseits schien dieser Schritt nur der allzu logischste nächste in der Bandbiografie zu sein, lag doch dem 1999 erschienenen Debütalbum „Leitmotif“ bereits eine von Bassist und Teilzeit-Maler verfasste Geschichte über die ebenso essenzielle wie spirituelle Sinnsuche eines todgeweihten Mannes zugrunde, auf welche die Band während der nicht eben anspruchslosen 54 Albumminuten immer wieder Bezug nimmt, während das offensichtliche musikalische Klangbild irgendwo zwischen Alternative und Progressive Rock, zwischen asiatischen Anklängen wie Angejazztem und mäandernden Jams seine berauschenden Spannungsbögen zieht. Ehrgeizig, freilich – nur damals eben kaum mehr als ein erstes Ausrufezeichen unterhalb des Radars der Musiköffentlichkeit. Diese Band also nahm sich ganze vier Jahre Zeit, um mit insgesamt drei Produzenten – und das dann gar in den Aufnahmestudios von George „Star Wars“ Lucas‘ Skywalker Ranch – an einem Album zu arbeiten, welchem Salvador Dalís 1994 veröffentlichtes Gemälde „Dream Caused by the Flight of a Bee around a Pomegranate One Second Before Awakening“ (deutsch: „Traum, verursacht durch den Flug einer Biene um einen Granatapfel, eine Sekunde vor dem Aufwachen„) als oberste und innerste Inspirationsquelle zugrunde liegt? Jawollja! Aber „El Cielo“ ist so viel mehr als das…

300x300Natürlich sind es mit diesem Wissen zuerst die Bezüge auf Dalís kunstvolles, im US-amerikanischen Exil entstandenes Werk, die man an allen Ecken und Enden des knapp einstündigen zweiten Albums von Dredg heraushört. So wird das Konzeptalbum immer wieder von fünf nicht eben zufällig mit „Brushstroke“ (deutsch: „Pinselstrich“) betitelten Intermezzo-Zwischenteilen durchbrochen, von denen der erste, „Brushstroke: dcbtfoabaaposba“ (nichts anderes als die Abkürzung des Titels des Dalí-Gemäldes), das Streichen eines Pinsels über eine Leinwand intoniert, welches alsbald in ein bedrohlich mechanisches Summen und Zurren hinüber gleitet. Doch anstatt sich immer „nur“ einzelne Bildbestandteile des wohl herausragendsten Werkes aus Dalís paranoisch-kritischer Schaffensperiode herauszupicken und diese mit Musik zu beleben, dient Dredg das Gemälde nur als Nährboden, als Versinnbildlichung von etwas noch Größerem, etwas Gewichtigerem und – ja – Höherem. Während der Reiz der Farben vielleicht lediglich das wache Auge anzusprechen vermag, ist „El Cielo“, auf Spanisch wohl nicht zufällig ebenso „Firmament“ wie „Himmel“, das Ton gewordene Konzept der Band von Phänomenen wie der Schlafparalyse, dem Luzidtraum oder – aufgepasst, großes Wort! – der Veränderung (letzteres lag, grob umfasst, bereits „Leitmotif“ in Sinnhaftigkeit wie Optik zugrunde). Angefangen beim Booklet zum Album, welches handschriftliche Schlaf- und Traumerlebnisse zu den einzelnen Songs umfasst, ziehen sich diese Begriffe wie rote Fäden durch alle 16 Stücke von „El Cielo“ – schon, wenn Sänger Gavin Hayes im ersten „echten“ Song „Same Ol‘ Road“ (und der ist auch gleich einer der besten des Albums!) mit seiner so charakteristisch sanften wie gleichsam eindringlichen Stimme „Here we go / Down that same old road again / Sympathy unfolds the shell that holds / All the beauty within / Here we go /Down that same old road again / A memory or a regtet… a hope“ intoniert. Die Band spielt dazu mal groß zu manierlichen Alternativerock’ismen auf („Convalescent“), mal lässt sie die Zügel locker und die Gitarren weitläufig mäandern („Triangle“), holt zu (Free) Jazz-Anleihen (die einsame Posaune in „Whoa Is Me“!) Anlauf, nur um daraufhin vorwärts, rückwärts, seitwärts, himmelwärts zu preschen. Obwohl „El Cielo“ alles in allem wie ein (Konzept)Album aus einem bruchfreien Guss wirkt, gibt es darauf doch Highlights en masse: Man höre sich nur den überbordenden Refrain von „Of The Room“ („Night falls beneath candle light / White squalls beneath winter skies“) mit Kopfhörern über den Lauschmuscheln und geschlossenen Augen an! Man lausche einfach dem seltsam bedrohlich – samt Sprachfetzen – schleichenden Mantra „Scissor Lock“! Undsoweiter, undsofort… Auf „El Cielo“ geht – allein schon rein musikalisch – so Einiges, wenn die Band das Rock-Grundgerüst aus GitarreSchlagzeugGesangBass nimmt, um um dieses einen Turm aus Jazz-Versätzen, Pianopassagen (der sowieso schon rhythmisch beschlagene Schlagzeuger Campanella bedient die Tasteninstrumente sogar nicht selten parallel zum Trommelwerk!), Elektronikspielereien, asiatischen Klanganleihen oder Chorälen zu wuchten. Wenn dieser schlafwandelnde Elfenbeinturm im letzten Stück „The Canyon Behind Her“ (benannt nach dem Berg im Hintergrund von Dalís Gemälde, während sich „her“ auf die im Bild zu sehende Dame, Dalís Ehefrau Gala, bezieht) knapp unter der Sechs-Minuten-Marke in sich zusammenfällt und der Hörer für die letzte übrige Minuten allein mit der im Chor singenden Band gelassen wird, dann ist ist wohl längst passiert. Dann ist man längst zutiefst eingenommen von diesem nicht immer einfachen, aber jederzeit fordernden Werk aus Außerweltlichkeit, Faszination und Schemenhaftigkeit, das all jenen seine wahre abgründige  Schönheit offenbart, die sich komplett darin fallen lassen: „Sympathy unfolds the shell / That holds all the beauty within“  (aus „Same Ol‘ Road“).

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In der bis heute fünf Studioalben umfassenden Dredg’schen Diskografie ist „El Cielo“ weder das musikalisch am härtesten – man mag’s auch „progressiv“ nennen –  zu Werke gehende Album (da ist man mit dem Erstling „Leitmotif“ besser bedient) noch das poppigste (diese Tendenzen hin zum eingängigeren Alternative Rock trieb die Band 2005 mit dem ebenfalls – wenn auch auf komplett andere Weise – höchst gelungeneren Nachfolger „Catch Without Arms“ auf die Spitze). Und während das vierte Album „The Pariah, The Parrot, The Delusion„, 2009 in die Plattenläden gestellt, mit seinem vollzogenen Spagat zwischen grob umrissenem Konzept (á la „El Cielo“) und pathetisch empfundener Rock-Poppigkeit (á la „Catch Without Arms“) in Gänze noch einmal die Kurve hin zum positiven Gesamteindruck erwischte, sollte das so seltsam zwischen Alternative Rock und Schlagerrhythmus (!) hin und her taumelnde letzte Album „Chuckles And Mr. Squeezy“ (2011) leider (!) so rein gar nichts mehr mit jenen Dredg zu tun haben, die es einem noch vor Jahren so einfach machten, sie und ihre Kunst so aufrichtig und (annähernd) bedingungslos zu lieben. Was bleibt, ist mit „El Cielo“ das frühe wahrhaftige Meisterwerk des kalifornischen Quartetts, das seine Bahnen zwischen Freuds Psychoanalyse, Dalís surrenden Fantasiewelten, traumhaften bis albtraumhaften Mären, spiritueller Jenseitigkeit und entrückter Diesseitigkeit hin und her zieht (wer tiefer gehen mag, dem liefert die Fanseite „Traversing“ vielerlei Ansatzpunkte). Für mich selbst stellt das Album nach all den Jahren – und auch nach gefühlten 5.000 Durchläufen – eines jener Gesamtkunstwerke dar, das es wie nur wenige andere versteht, zu fesseln, zu bannen, zu emotionalisieren. Wer mag, darf’s in seiner Tiefe gern als den „kürzesten Weg zwischen spiritueller Erfahrung und musikalisch wahrhafter Größe“ nennen. Dabei wird deutlich, dass es Dredg zu keiner Sekunde um etwas wie den Versuch von Perfektion geht, sondern vielmehr um Wahrhaftigkeit. (Ein großes Wort, ich weiß… wer sich jedoch einmal, wie ich so Hals über Kopf in dieses Album gestürzt hat, der wird hoffentlich Ähnliches empfinden.) Und bei aller Zerrissenheit, welche zwischen den Zeilen immer und immer wieder hindurch scheint, spürt man während der 58 Minuten von „El Cielo“ vor allem eines: Liebe. Zur Musik. Zur Rastlosigkeit. Zu Neuem, Unbekanntem. Zum Leben.

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Hier kann man sich „El Cielo“ in Gänze anhören:

 

…und sich hier, da die offiziellen Musikvideos zu „Same Ol‘ Road“ und „Of The Room“ selbst heute digital rar gestreut sind, ein wunderbar geratenes Fanvideo zu nicht weniger tollen Albumabschluss „The Canyon Behind Her“ ansehen:

 

Und zur Feier des Faktes, dass Dredg nach Jahren abseits des Musik- und Veröffentlichungsgeschäfts mal mehr als ein zufällig neues Stück (ANEWFRIEND berichtete) durchschauen lassen und tatsächlich wieder europäische Konzertbühnen betreten, um ihre Alben „El Cielo“ und „Catch Without Arms“ in Gänze live zu präsentieren (die deutschen Konzertdaten gibt’s unten), hat ANEWFRIEND noch eine besonderes Empfehlung für euch: Auf archive.org findet ihr den komplette und ganze 28 Songs starke (beziehungsweise 105 Minuten lange) Show, welche Dredg am 11. Januar 2009 im Konzerthaus Dortmund zum Besten gaben. Das Konzert wurde damals vom „WDR Rockpalast“ mitgeschnitten und ist auf archive.org zum freien Download – und selbstredend in bester Soundboard-Qualität – verfügbar…

 

Dredg – „El Cielo“ live:
30.04 Frankfurt – St. Peter
01.05. Köln – Gloria (18 Uhr)
02.05. Berlin – Kesselhaus (19.30 Uhr)
03.05. Hamburg – Gruenspan (19.30 Uhr)

Dredg – „Catch Without Arms“ live:
29.04. München – Theaterfabrik
01.05. Köln – Gloria (21.30 Uhr)
02.05. Berlin – Kesselhaus (22.30 Uhr)
03.05. Hamburg – Gruenspan (22 Uhr)

(Tickets gibt’s via Eventim…)

 

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


There Will Be Fireworks – The Dark, Dark Bright (2013)

There Will Be Fireworks - The Dark, Dark Bright (Cover)-erschienen bei Comets & Cartwheels-

Post Rock – ein weit gefasster Begriff, der beinahe alles und am Ende meist gar nichts bedeuten mag. Klar: „Rock“! Aber „Post“? „Post“-was, zur Hölle? Bei dem ein oder anderen tun sich sicherlich schon Bilder auf… Bilder, von vereinsamten jungen Männern, die wahlweise auf einem Hochhausdach oder im verranzten Proberaumkeller zusammen stehen, gemeinsam beflissen Gitarrenspur über Gitarrenspur über Bassspur über Schlagzeuglinien über Gesangsspuren legen, um sich am Ende in ihnen zu suhlen. Für den einen ist’s das emotionale Non-Plus-Ultra, für den anderen grausamste Langeweile. Dieses Konzept führen etwa die Schotten von Mogwai seit Jahrzehnten zur, von der weltweiten, ach so auf Indietum bedachten Fanschar umjubelt, gen Perfektion. Überhaupt: Schottland! Wie bereits im Januar des vergangenen Jahres in einer der ersten Reviews überhaupt auf ANEWFRIEND erwähnt, ist das Land im Norden Großbritanniens nicht eben arm an tollen Rockbands und Singer/Songwritern. Das bewiesen, bebe Mogwai, in den vergangenen Jahren etwa We Were Promised Jetpacks, The Xcerts, The Twilight Sad, Malcolm Middleton (Ex-Arab Strap!), The Unwinding Hours oder My Latest Novel, während sich Frightened Rabbit oder Biffy Clyro – nicht nur in meiner Gunst – verdientermaßen als Platzhirsche hin zu Major Deals und größeren Arenen aufschwangen. Das Schöne dabei: Der böse Teufel Plattenfirma schaffte es bei keinem der Genannten, ihnen die Qualität und das Herz auszutreiben. Und doch gelang es einer Band, die weder einen Booking Agent noch einen Plattenvertrag besaß, meinen musikalischen Verstand über Jahre hinweg von ihrem selbstbetitelten Debütalbum einzunehmen: There Will Be Fireworks.

There Will Be Fireworks at The Buff Club, 2010; Photo © Fiona McKinlay

There Will Be Fireworks at The Buff Club, 2010; Photo © Fiona McKinlay

Keine Frage: Das aus Glasgow stammende Quintett, welches damals noch ein Quartett war, besaß Qualitäten, die ihnen selbst im dicht besiedelten Terrain des Post Rocks allerlei gefühlte Alleinstellungsmerkmale zusicherten. Ihre Songs waren mal nackt, puristisch und schutzlos der Akustischen ausgeliefert, nur um sich darauf – Nomen est omen! – wie ein befreiendes rockistisches Feuerwerk gen Nachthimmel aufzuschwingen. Dazu ließ Sänger und Gitarrist Nicholas „Nicky“ McManus Textzeilen in feistem schottischen Akzent auf den Hörer los, auf deren Wucht man so selten gefasst war. Keines der dreizehn Stücke des 2009 im Eigenvertrieb veröffentlichten „There Will Be Fireworks“ enttäuschte. Mehr noch: Wer sich auf das Album als Gesamtwerk wirklich und wahrhaftig einließ, den ließ es so schnell nicht mehr los. Und das in einer Zeit, in der nicht wenige Künstler das Langspielerformat längst abgeschrieben und zugunsten des schnellen One-Hit-Wonder-Single-Euros ad acta gelegt haben…

Befeuert von der Energie des Zusammenspiels wollte die Band natürlich auch gleich nachlegen, sagte bereits 2010 in Interviews, dass man am Nachfolger arbeite. Doch bis auf die ebenfalls sehr gelungene, im Dezember 2011 veröffentlichte „Because, Because“ EP, welche mit ihren vier neuen Stücken den Appetit auf ein neues Album nur noch stärker werden ließ, passierte lange Zeit: nichts. Die Gründe hierfür mögen wahrlich zu banal und alltäglich sein, um ins Bild des alles beiseite schiebenden Musikers zu passen: Der Großteil der Band sagte jobbedingt dem Glasgower Backsteineinheitsgrau Lebewohl und zog in alle Ecken und Enden der britischen Inseln – der Broterwerbsalltag hatte die Twentysomethings von There Will Be Fireworks, hatte Nicholas McManus, David Madden, Adam Ketterer, Stuart Dobbie und Gibran Farrah eingeholt. Gemeinsame Proben entwickelten sich daraufhin zum logistischen Wagnis, gemeinsame Tourneen schienen – spontan angesetzte einzelne Gigs mal außen vor – beinahe ausgeschlossen, und für die immer wieder verschobenen und lediglich bruchstückhaft vorangetriebenen Aufnahmen von neuen Stücken in professionellem Rahmen musste schlicht und ergreifend – wir erinnern uns: hinter der Band stand weder ein Management noch eine Plattenfirma! – erst einmal das mühsam ersparte Kleingeld zusammengekratzt werden. Doch die Hoffnung blieb. Und im Nachgang ruhte wohl ein großer Brocken davon im Herzen von Frontmann McManus, der als Einziger in der alten Heimatstadt zurück blieb, um vom Fenster seines Apartments auf den Glasgower Hafen zu blicken…

there will be fireworks #1

Umso erstaunlicher ist es bei all diesen banalen Unwegsamkeiten, durch deren kleinere Brüdern schon größere Bands die kreativen Segel streichen mussten, dass nun mit „The Dark, Dark Bright“ nach beinahe vier langen Jahren des Wartens tatsächlich Album Nummer zwei erscheint. Und doch hat die Band Dank ihrer selbstbetitelten Einstandsvisitenkarte so einiges zu verlieren. Sollte sich die qualitative Fallhöhe von „There Will Be Fireworks“ also als musikalisches Vabanque-Spiel erweisen? Nicht nur ich stellte mir wohl noch vor wenigen Tagen diese Frage…

Zunächst einmal legt „And Our Hearts Did Beat“, das Eröffnungsstück von „The Dark, Dark Bright“, gewohnt los, steigt man doch, wie schon beim Debüt, mit einem Spoken-Word-Intro, für dessen Gedichtvortrag (dieses stammt übrigens von Iain Chrichton Smith) die Band ihren ehemaligen Englischlehrer (!) gewinnen konnte, ins Album ein. „And our hearts did beat / Oh, they pounded loudly / And we didn’t speak / We just… stared / Not a word, just silence / Struck upon our tongues“ singt Frontmann Nicky McManus, nur von seiner Akustischen begleitet, bevor sich erstmals das größte Plus dieses Album erhebt: der Streicherreigen. Der legt denn auch schon im folgenden „River“ ordentlich los, während ein warmes Gitarrenfeedbackmeer mäandert und das Schlagzeug selig bummert wie weiland auf Sigur Rós’ Meisterwerk „Takk…“. Doch There Will Be Fireworks wären wohl nicht sie selbst, ließen sie das Stück ewig weiter in Elegien schwelgen. Die Gitarren brechen aus, brechen sich frei, nach oben, unten, links und rechts. Und McManus erhebt erstmals das zarte Stimmchen, fleht und schreit, bis man als Nicht-Schotte (hach, dieser Akzent!) nicht mehr zwischen Text und Lautmalerei zu unterscheiden vermag… Und es ist… so schön! Natürlich fehlen auch auf Album Nummer zwei nicht die melancholischen Balladen, welche sich mal einzelne Streicher zur Rechten stellen („Roots“), mal nur von diesen Saiten gehalten werden („Ash Wednesday“) – oder eben gleich als dezent country’eskes Akustikgitarrenmantra á la The Frames („Lay Me Down“ – da hat man auch gleich den Songtitel gemein) oder als wundersam nacktes Kleinod („Your House Was Aglow“). Dazwischen lotet die Band neue Horizonte in ihrer noch recht jungen Bandhistorie aus. „Youngblood“ etwa ist ein beschwingter, von Mandolinen und Percussion angetriebener „Hoppipolla“-Doppelgänger, der von den süßen Wonnen der Jugend kündet, und es sich leistet, nach etwa drei Minuten lauthals zu explorieren. „So Stay Close“ treibt mit seiner von einer einsamen Trompete begonnenen und beschlossenen Mischung aus Wehmut und rockistischer Euphorie die emotionale Katharsis beinahe auf die Spitze – da wirkt die Akustikgitarrenpassage gen Ende gleich doppelt schwer: „But the blood, it keeps on flowing / And the wind, it returns its song“. Hartnäckiges Kopfnicken lässt sich zum Schlagzeugbeat des großartigen Nachthimmelstürmers „Here Is Where“ wohl kaum vermeiden, während McManus und seine Mannen sich Fernweh antrainieren – und dabei Heimat und Vergangenheit näher und näher kommen. „South Street“ biegt – gerade im Firework’schen Sinne – mit ungemein poppigen Melodiebögen um die Ecke, lässt das Schlagzeug Kilometergeld kassieren, während Gitarren- und Synthesizerspuren den Song weiter nach vorn spülen und McManus imbrünstig Zeile um Zeile ausspuckt: „The sky can fall tonight / For all I care / On South Street / I will be there“. Der sanft anschwellende Piano-Fünfminüter „Elder And Oak“ zieht seine Bandschleifen am Firmament der Erinnerungen („And they carried you home / Did you think you’d stay long? / Are you waiting, waiting, waiting / For something to drink or smoke? / Does it ever keep you up at night?“), holt Anlauf und legt sich in den Gitarrenwind – ohne Rücksicht auf den nächsten Morgen. Zum Schluss schaut McManus beim beschaulichen Lullabye „The Good Days“ noch einmal traumversunken auf die Heimatstadt, diese Kulisse so vieler Erinnerungen, von so manchem zerbrochenem Traum und so vielen Nächten ohne Schlaf – und stellt doch nur fest, dass auch er sich nicht gegen Gezeiten und den Wandel der Zeit stellen kann: „This used to be my city / This used to be my town / Now everyone’s a stranger /…/ This used to be my dear green place…“

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Mit „The Dark, Dark Bright“ ist There Will be Fireworks zweifelsohne ein über alle Maßen würdiger Nachfolger zum vier Jahre jungen Debütalbum gelungen. Mehr sogar: War „There Will Be Fireworks“ noch träumerisch und ungestüm, rau und schroff, nebelverhangen und mannshoch emotional, kommt Album Nummer zwei nun aufgeräumter und definierter daher. Denn wo der Erstling sich vor lauter jugendlichem Sturm-und-Drängertum kaum noch zügeln konnte, bieten There Will Be Fireworks, die auch dieses Mal gemeinsam mit Produzent Marshall Craigmyle in den Old Mill Studios von Strathaven aufnahmen, nun ein gestraffteres Update ihrer Selbst auf, das freilich nicht die eigenen Vorzüge über Bord wirft, dafür jedoch strafft und bündelt, und zuweilen auch die elegischen Streicherharmonien dominieren lässt. Das kommt sowohl den musikalischen wie lyrischen Ebenen des Albums zugute, denn wie könnte man die Laut-Leise-Dynamik, die Texte, die beständig zwischen Besinnlichkeit und „Fuck off“-Attitüde, zwischen Lieben und Hassen pendeln, besser kontrastieren als mit klassischen Elementen, die sich gekonnt und vervollkommnend ins klangliche Bandkonstrukt einfügen. Und noch immer schaffen es There Will Be Fireworks, einem – vor allem wohl während dieser Herbst- und Wintertage – ein sanft melancholisches Lächeln auf die Lippen zu zaubern. Und noch immer bildet die Band kleine Kathedralen der Janusköpfigkeit, die nicht selten gen Ende zum Himmel gejagt werden. „The Dark, Dark Bright“ ist, wenn man so will, ein Album über die Vergänglichkeit, über das Erwachsenwerden und das Zurückblicken. Ein Album, das im Gros – und frei nach der Oasis-Weisheit „Don’t look back in anger“ – mehr auf die melancholische Milde gestimmt ist als auf die ausschließende Auf-die-Zwölf (und so Sigur Rós näher steht als den Landsmännern von Mogwai). Und: Post Rock hin oder her – wer sich „The Dark, Dark Bright“ voll und ganz hingibt, der hat hier einen der heißesten Kandidaten für’s Album des Jahres. Und einen für die nächsten vier Jahre. Diese Schotten, immer wieder…

„The growing up happened too fast / You can’t remember last summer / The way that she laughed..“ („Roots“)

„You’ve been drinking quitetly tonight / Trying to take the edge off the dark, dark bright…“ („Youngblood“)

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Hier können noch einmal die Vorgänger – das selbstbetitelte Debütalbum (2009) und die „Because, Because“ EP (2011) – in Gänze gehört werden…

…während man sich hier das gelungene Musikvideo zu „Youngblood“ anschauen…

 

…und hier den Song „Roots“ – in der Album- und der Sessions-Variante – hören kann:

 

In jedem Fall gebe ich euch allen – besonders in diesem Fall, da es sich bei There Will Be Fireworks seit Jahren um eine meiner engsten Herzensbands handelt – die Bitte mit auf den Weg, der Band, ob nun als Tonträger (das Debüt ist aktuell vergriffen, dafür kann beim aktuellen Werk zugeschlagen werden!) oder als digitaler Download (gibt’s bei Amazon oder iTunes), den ein oder anderen übrigen Euro für ihre jahrelangen Mühen zukommen zu lassen… Danke, von Herzen.

 

Rock and Roll.

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