Archiv der Kategorie: Sunday Listen

Sunday Listen: „Everybody Cares – An Elliott Smith Compilation“


Am 21. Oktober 2003 starb Elliott Smith viel zu früh im Alter von 34 Jahren. 17 Jahre später ist sein Einfluss auf die Singer/Songwriter- und Indie-Rock-Szene noch immer ungebrochen, gelten die Songs des US-Musikers samt und sonders als in balladeske Melancholie gefasste Kleinode, die es gilt zu schützen, zu bewahren und kommenden Generationen von Nachwuchs-Klampfern näher zu bringen. Kaum verwunderlich also, dass von Zeit zu Zeit immer mal wieder neue Tribute-Compilations das digitale Licht des Internets erblicken. So auch jetzt.

Der neue, zehn Beiträge umfassende Tribute-Sampler „Everybody Cares“ ist dabei quasi die Fortsetzung einer Livestream-Spendenaktion, die im vergangenen Jahr stattfand. Im letzten Sommer tat sich der ehemalige WU LYF-Bassist Francis Lung mit der französischen Website „La Blogothèque“ und dem Podcast „My Favorite Elliott Smith Song“ zusammen, um eine Reihe von Elliott-Smith-Covern zu präsentieren und mit diesen Livestream-Shows etwas Geld für die britischen LGBQ+-Wohltätigkeitsorganisationen AKT, das Audre Lorde Project und GIRES zu sammeln. Und so konnte er fürs Lineup dieser Shows einige namhafte Indie-Künstler wie Christian Lee Hutson, Marissa Nadler, Kevin Devine oder Marika Hackman verpflichten. Für alle jene, die die Streams damals verpasst haben, hat sich Lung nun erneut mit „La Blogothèque“ und „My Favorite Elliott Smith Song“ zusammengetan, um darauf aufbauend ein komplettes Album mit Smith’schen Coverversionen zu veröffentlichen.

Logisch also, dass auf „Everybody Cares – An Elliott Smith Compilation“ erneut Hutson, Nadler, Devine und Hackman mitwirken. Lung selbst nimmt sich Smiths „The Biggest Lie“ an. Auf der Compilation finden sich auch Coverversionen von Künstlern wie Lionlimb, Blaenavon oder Real Estate-Bandleader Martin Courtney, die sich mal mehr (etwa Marissa Nadlers langsame, gespenstische Version von „Pitseleh“), mal weniger weit von den bekannten Originalen weg bewegen. Obendrein kommen erneut alle Erlöse den oben genannten Charity-Organisationen zugute. So oder so: eine runde Sache.

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Sunday Listen: Typhoon – „Sympathetic Magic“


Die letzten Monate mit all ihren Corona-Lockdowns sowie der pandemiebedingten konzertfreien Zeit ließen so einigen Bands und Musikern wie Musikerinnen – zumindest im Idealfall – ungewohnt viel Freiraum für Kreativität. Doch wer sich, wie etwa Superdupermegamusiklegenden wie Paul McCartney, keinen Luxus eines eigenen Studio leisten kann (oder wie Billie Eilish und Produzentenbruder Finneas seit jeher alles vom Jugendzimmer aus zurechtbastelt), muss für dazugehörige Songaufnahmen manches Mal die ein oder andere zusätzliche Hürde überwinden. Bei Typhoon mit ihren bis zu elf Bandmitgliedern (je nach Lust, Laune und Bühne) scheint die Angelegenheit gar ungleich komplexer…

Umso überraschender, dass die vielköpfige Indie-Rock-Kapelle aus Portland, Oregon vor drei Tagen – ohne jegliche Vorankündigung und frei von jeglichem Werbe-Tamtam – ein neues (digitales) Album veröffentlichte. „Sympathetic Magic“ heißt die nunmehr fünfte Platte des Kollektivs um Frontmann Kyle Morton, welche unter erschwerten Corona-Bedingungen entstand und nun den von nicht wenigen freudigst erwarteten Nachfolger des 2018 erschienenen vielschichtigen Mammut-Werks „Offerings“ bildet. Zwölf neue Songs befinden sich darauf, die sich Songwriter und Sänger Kyle Morton in den letzten Monaten der Isolation zu Hause von der Seele schrieb. Die Demos schickte er an seine Band, bevor anschließend „eine improvisierte Prozession aus Freunden“ in seinem Keller stattfand, wie Morton mitteilt. „Einer nach dem anderen, natürlich mit Maske. Andere Freunde nahmen ihre Parts zuhause auf – als Sprach-Memo oder mit GarageBand in ihrem Wäscheraum“, so Morton weiter.

Trotz der ungünstigen Voraussetzungen präsentieren sich Typhoon auf „Sympathetic Magic“ als die Indie-Rock-Americana-Folk-Band, welche Fans bereits von den zurückliegenden, ebenso großartig wie bewegend tönenden Langspielern „Hunger And Thirst“ (2010) oder „White Lighter“ (2013) kennen. Gänzlich neu sind übrigens nicht alle Songs: „Welcome To The Endgame“, welches nun den Abschluss bildet, hatten Typhoon bereits im vergangenen Oktober, kurz vor der US-Wahl, veröffentlicht. Ihre Liebeserklärung an die schwer gespaltene US-amerikanische Heimat („America, I’m inside you / Kicking screaming at your sinews / It’s easy to blame you / But the guilt is as good as mine“) erklingt in seiner zeitlupenhaften Verlorenheit gleichsam schmerzhaft und intensiv – so intensiv wie die vermaledeite Zeit, in der wir leben, mit einem Virus, das unser aller Leben nun seit einigen Monaten auf den Kopf stellt. Das und die (zurückliegende) US-amerikanische Situation unter Ex-Präsident Donald Trump ließen Kyle Morton, der 2016 mit „What Will Destroy You“ sein Solo-Debüt veröffentlichte, als Songwriter einmal mehr nicht wenige Töne in pessimistischem Moll verfassen – obwohl sich jedes Stück dennoch ein klein wenig Hoffnung am Horizont bewahrt. So singt er in „Empire Builder“ gar von einer drohenden Apokalypse, beschreibt seine paranoid gewordene Heimat und beleuchtet ein zerrissenes Land. Weiche Fuzz-Gitarren, nachdenkliche Bläser sowie ein gewaltiges, lautes Crescendo schrauben den Song in ungeahnte Höhen, erzeugen binnen weniger Sekunden Gänsehaut in formvollendeter Reinkultur – und erinnern mit dieser Art von gepflegtem Hymnus – trotz (oder gerade wegen?) der Untergangsszenariofantasien – an die Feierlichkeit eines Conor Oberst und dessen großer Stammband Bright Eyes.

Überhaupt: Der Musik von Bright Eyes, respektive der von Conor Oberst, stehen Kyle Morton und Typhoon natürlich schon länger recht nahe. Auf „Sympathetic Magic“, welches man gern mit dem jüngsten Bright Eyes-Werk „Down in the Weeds, Where the World Once Was“ vergleichen darf, wird das noch deutlicher, wenn man etwa den blubbernd reduzierten Einstieg „Sine Qua Nonentity“, das sich in einen majestätischen Überschwang steigernde „We’re In It“ und das so gebrochen und doch so elegant wirkende „Time, Time“ hört, welches lange Zeit als gemächliche und dennoch forsche Folk-Idee umher schunkelt, bevor abermals die Bläser übernehmen. Von nicht minder beeindruckender Qualität sind das gen Euphorie aufbrausende „Masochist Ball“ oder der sanft-fragile Folk-Einschub „And So What If You Were Right“.

Beinahe genau drei Jahre nach „Offerings“ melden sich Typhoon damit fulminant aus der Funkstille zurück und lassen auf das (über)lange, komplexe Konzeptwerk eine Sammlung von Ideen und Impressionen, eine Art Indie-Collage mit präzise eingesetzten Sollbruchstellen, betonter Unvollständigkeit und drastischen Worten zum Status Quo ihrer Umwelt folgen. Das Überraschungsalbum ist – wenig überraschend – richtig gut und fängt trotz aller Widrigkeiten einmal mehr die schrullig-charmante Eigentümlichkeit des Indie-Kollektivs auf gelungene Weise ein. Man hört’s: Die Magie (um sich beim Albumtitel zu bedienen) ist nach wie vor vorhanden. Wer Typhoon bisher (noch) nicht auf dem musikalischen Zettel hat(te), darf die Band um Kyle Morton nun endgültig in dicken Lettern darauf notieren.

„My Dear Friend,

I hope you’re holding up. What a mess!

Small news in the big scheme, but we finished a record and I wanted to share it with you. I wrote all these songs while puttering around the house these past several months, because, what else was I going to do? The songs are about people – the space between them and the ordinary, miraculous things that happen there, as we come into contact, imitate each other, leave our marks, lose touch. Being self and other somehow amounting to the same thing.

Recording had to be adapted to the plague-times. I tracked the demos first and sent them out to the band. Then the improvised procession of friends dropping by my basement, one at a time, masks on. Other folks recorded their parts in their own homes with cell phone voice memos or GarageBand in the laundry room. Parts from the original demos remain intact. Like everything right now, it was all a little disjointed, but I think it came together in the end.

The record is called ‚Sympathetic Magic‘ and it’s a great joy to share it with you. To be honest, it’s a joy to share anything at all in these isolating times.

Yrs,

Kyle / Typhoon“

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Sunday Listen: The Wrens – „The Meadowlands“


Dies ist das Album einer desillusionierten Band. Es besteht von Anfang an kein Zweifel daran. Vier Männer, Mitte Dreißig bis Anfang Vierzig, haben es aufgenommen. Nach Feierabend und ein paar starken Kaffee, nachdem sie ihren Nachwuchs ins Bett gebracht hatten. Sie klingt so unglaublich schwer, diese Platte, so verdammt spröde und im besten Sinne intim und indie’esk, als sei es die Pest gewesen, sie zu machen. Müde, ausgelaugt, fertig mit der Welt. Sie ist das letzte bißchen Seele, das diese Band noch zu geben hatte. Ein aussichtsloser, unmöglicher, ein absolut großartiger Kraftakt. Nach sieben Jahren, die die Hölle waren. Was mit den Wrens währen dieser Zeit passiert ist? Nun, es ist, wie leider so oft, eine Geschichte des Geldes. Oder vielleicht eher: eine Geschichte, in der der schnöde Mammon keine Rolle spielen sollte.

Es ging damit los, dass Alan Meltzer, seinerzeit ein respektabler, unerhört wohlhabender Musiktycoon, sich buchstäblich in die Band verguckte (oder eben verhörliebte). Es war 1996, und er wollte sie haben – koste es, was es wolle. Also kaufte Meltzer mal eben das Label der Band auf, bot ihr einen Millionen-Dollar-Vertrag an und verlangte im Gegenzug, sie fit machen zu dürfen für Radio, Charts und Superstardom. Die Chancen standen damals gar nicht schlecht. Gerade erst hatte das 1989 gegründete Indie-Rock-Quartett aus New Jersey das übersprudelnd spritzige und schlagfertige „Secaucus„, eine vergleichsweise ausgesprochen leichte Platte, veröffentlicht. Man war jung, voller Hoffnung und strebte nach oben. Nur die eigene Seele, die wollte man halt doch gern behalten. Also lehnten die Wrens ab. Und ihr Schicksal war durch dieses „No Deal!“ sowie einige darauf folgende juristische Streitigkeiten erst einmal besiegelt…

Man landete zunächst auf dem Abstellgleis, später auf der Straße. Handelte zwei neue Plattendeals aus, die jeweils in letzter Sekunde platzten. Und gewöhnte sich nebenbei schonmal an die harte Realität des geplatzten Rockstar-Traums, an Bürojobleben und Steuererklärungen. Daß Charles Bissell, Jerry MacDonald sowie die Brüder Greg und Kevin Whelan trotzdem nie zum Abschluss kamen mit ihrer Musik, weiterhin Songs schrieben, obwohl es immer schwerer fiel und frustrierender wurde, sollte sich erst 2003 bezahlt machen. Ein Album war fertig, ein Album von seltsam kraftstrotzender Bitterkeit und unwirklich antriebsstarker Resignation, auf dem die Band kaum wiederzuerkennen war. Sie klang wie vier innerlich scheintote Menschen und war doch seit sieben Jahren nicht mehr so lebendig gewesen. Das US-Indie-Label Absolutely Kosher griff zu (und meldete – auch das passt ja irgendwie ins von Fatalismus geprägte Bild – seinerseits ein paar Jahre darauf ebenfalls Konkurs an). „The Meadowlands“ wurde vielerorts die Indie-Platte des Jahres, wohlmöglich sogar der Nuller-Jahre (das jedoch nach wie vor eher im Geheimtipp-Fach).

Dass darauf noch einmal zwei Jahre vergingen, bis es das Album schließlich 2005 auch nach good ol‘ Europe schaffte? Eine Randnotiz in seiner doch schon besonderen Entstehungsgeschichte, ebenso wie der Fakt, dass Freunde der Band nun schon seit geschlagenen 17 (!) Jahren auf einen Nachfolger warten (obwohl dieser seit 2014 fertig sein soll). Gerahmt wird „The Meadowlands“ von zwei neunzigsekündigen Liedern, die klingen, als wären sie nie so ganz fertig geworden. Sie zerbrechen nach der Hälfte, sortieren sich neu und zeigen die Richtung auf für alles, was zwischen ihnen passiert: „Per Second Second“ mit der dreckigsten Verzerrer-Gitarre, die gerade noch in einen Song der ähnlich tragischen Neutral Milk Hotel passen würde. „Everyone Chooses Sides„, das als potentieller Carefree-Hit des Albums ziemlich abrupt vor einer Betonwand endet. Und „13 Months In 6 Minutes“, aus dessen Trostlosigkeit beinahe unbemerkt ein zweiter Song herauswächst. Welch‘ Wunder – auch dem geht es natürlich nicht besser…

Dabei gibt es auch Stücke auf „The Meadowlands“, die sehr viel besser als etwa das zerfressene „Boys, You Won’t“ verstecken, durch welchen Mist die Wrens da gegangen sein mögen. „Hopeless“ mit seinen quirligen Gitarren und himmelschreienden Refrains könnte man – nomen non omen est – etwa für einen fröhlichen Zwischenruf halten (oder meinetwegen für das sehnsuchtsvollste Stück, das Jimmy Eat World nie geschrieben haben), würde es nicht diese verlorene Beziehungsgeschichte vor sich hertragen. Die Melodie schlingert, der Sänger nölt in seltsamen Nuancen, das Akkordeon irritiert und will doch nur helfen. In „She Sends Kisses“ dauert es drei Minuten, bis die Wrens den ersten Refrain richtig ausarbeiten, und wie wohlig aufgehoben fühlt man sich schließlich in diesem komischen Liebeslied über die Briefe einer gewissen Beth. Und „This Boy Is Exhausted“ tarnt sich als nostalgischer Sixties-Pop-Bengel, obwohl es doch eigentlich der große, unmißverständliche Abrechnungssong des Albums ist: „Every win on this record’s hard won“. Es ist wirklich nichts Versöhnliches in dieser Musik. Keine Genugtuung. Es muss viel zu zermürbend gewesen sein, diese vertonte Autobiographie der oft genug bleischweren Gefühle, Ängste und schließlich der Selbsterkenntnis zu machen.

Abgesehen davon ist „The Meadowlands“ ein traumwandlerisches Zeugnis begnadeter Songwriter- und Arrangierkunst für Menschen ohne jedes Budget. Ein Werk, das Zeit und Muße einfordert. Es würde nicht verwundern, wenn die Band die Songs in dem alten, von den Makeln der Vergänglichkeit gezeichneten Häuschen vom Coverfoto aufgenommen hätte. So aus der Zeit gefallene, schwermütige Songs schreibt und produziert man nur, wenn die Milch morgens vor der Tür liegt, genug Zigaretten und Whiskey im Haus sind und längst keine verdammte Plattenfirma der Welt mehr irgendetwas von einem erwartet. Indie eben. Aber selten klang dieser so stimmig und formvollendet windschief-winterlich wie hier.

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Sunday Listen: Antarctigo Vespucci – „Love In The Time Of E​-​Mail“


„Maybe this is just another good thing that happens to everybody but me / maybe this is just another good thing / out of my reach“, singt Chris Farren in „Another Good Thing“ nach ungefähr zwei Dritteln dieses Albums. Das Lied entfaltet eine großartige Loser-Romantik und ist bei weitem nicht der einzige Moment auf „Love In The Time Of E-Mail“, in dem man an gut und gern an frühe(re) Weezer-Großtaten denken darf. Zugleich wundert man sich: Dass die guten Sachen immer nur den anderen passieren, sollte sich für Chris Farren mittlerweile eigentlich als Trugschluss herausgestellt haben. Denn zuletzt ist es für ihn als eine Hälfte von Antarctigo Vespucci durchaus gut gelaufen.

Es hätte auch anders kommen können: Nach drei durchaus mit Wohlwollen und Applaus bedachten Alben voll kleiner, feiner Hymnen irgendwo zwischen Indie, Punk und Emo Rock löste sich 2013 seine Band Fake Problems auf. Aus Florida zog der Frontmann ohne Band nach New York, und bald darauf erwies sich dort die Begegnung bei einer Party als wichtige Weichenstellung für die nächsten Jahre: Chris Farren traf Jeff Rosenstock wieder, seinerseits Frontmann von Bomb The Music Industry!. Mit dieser Band hatten Fake Problems mal eine Tour bestritten, auch danach gab es gelegentlich gemeinsame Konzerte. Nun beschlossen die beiden, gemeinsam ein paar Songs zu schreiben. Als klar wurde, wie gut genau diese Party-Schnapsidee funktionierte, wurde aus der „Come on, let’s jam!“-Idee eine Band namens Antarctigo Vespucci. Nach den EPs „Soulmate Stuff“ und „I’m So So Tethered“ sowie dem Debütalbum „Leavin‘ La Vida Loca“ (und parallelen Solokarrieren, denn auch die Band von Jeff Rosenstock existierte schon kurz darauf nicht mehr) folgte 2018 der zweite Langspieler „Love In The Time Of E-Mail„.

Wie gut das Duo aus Brooklyn, New York den jahrelang erprobten Spagat zwischen Punk, New Wave und Indie Rock auf der einen Seite sowie fies eingängigem Powerpop mit gehörigem Bubblegum-Anteil auf der anderen Seite beherrscht, macht „Love In The Time Of E-Mail“ recht schnell und unmittelbar klar, zugleich kann man in den dreizehn Stücken jedoch auch ein paar neue Elemente im Sound von Antarctigo Vespucci entdecken. Der Normalzustand für die Erzählposition ist, wie schon im eingangs erwähnten „Another Good Thing“, fast immer ein schwärmerisches, unglückliches Verliebtsein, in das sich Farren und Rosenstock voll und ganz hineinwerfen möchten.

„I hope I can be important in your life one day“, heißt es dann im untröstlichen Quasi-Intro „Voicemail“. „I wish I didn’t fall in love with everyone I ever met“, singt Farren im eher akustischen „Do It Over“. Das für die meisten Menschen eher unangenehme „White Noise“ wird hier herbeigewünscht, weil es die stetige Präsenz (s)einer Angebeteten ersetzen könnte, die Farren zurhöllenocheins nicht aus dem Kopf bekommt. Im herzzerreißenden Album-Schlusspunkt „E-Mail“ zeigt sich, dass seine bereitwillig zur Schau gestellte Schüchternheit nicht nur ein Wesenszug ist, sondern offensichtlich auch die Reaktion auf viele schmerzhafte Erfahrungen. „I wanted to see you, to see if I still wanted to see you“, zitiert er in „Breathless On DVD“ einen Satz von Jean-Paul Belmondo aus „Atemlos“, zu einem Refrain, welcher auf fast infantile Weise Heiterkeit verbreitet – der olle Emo-Punk lässt lieb grüßen.

Auch „Kimmy“ gerät mit Glockenspiel und Handclaps fast poppe-di-punk-übermütig im Stile der seligen Wheatus, „The Price Is Right Theme Song“ explodiert ebenfalls beinahe vor ohrwurmiger Eingängigkeit. Dem stehen etwas rohere Passagen wie das kaum weniger überzeugende „All These Nights“ gegenüber oder „Lifelike“, das vom Klavier getragen wird und beinahe echte Schwermut aufkommen lässt. Auch „Not Yours“ ist weit von der zeitweise Albernheit früherer Fake Problems-Tage entfernt: Es geht um Abhängigkeiten, Besitzansprüche und Machtkämpfe in Beziehungen – natürlich wird aber auch das nicht in gitarresken Trübsal verpackt, sondern in einen sehr kurzweiligen Boogie.

Als spontaner Anspieltipp eignet sich wohl am ehesten „Freakin‘ U Out“, weil es auf nahezu prototypische Weise Punk und Powerpop-Putzigkeit vereint – zwei Pole, die nun einmal den Markenkern von Antarctigo Vespucci ausmachen. „So Vivid!“ ist darauf der Song, der am besten zeigt, wie die Verbindung aus Niederlagen, Sorgen und Selbstzweifeln mit mitreißenden Melodien und einer manchmal theatralischen Pop-Ästhetik gelingt: Was man für beides braucht, ist ein Hang zu von hinter aufzäumender Romantik.

Was anno 2015 mit Antarctigo Vespucci aus einer Party-und-Stillstand-Laune der beiden Indie-Punk-Musiker Chris Farren und Jeff Rosenstock heraus entstand, nimmt mit „Love In The Time Of E-Mail“ durchaus ernstzunehmende, konzeptionelle Züge an, in denen sich neben der spannenden, stets aktuellen Thematik des Albums (Gibt es die „wahre Liebe“ im Zeitalter von E-Mails, Twitter, Instagram, SMS, Facebook etc. pp. noch?) auch die Musik als ebenso spannend und abwechslungsreich – und selbstverständlich ordentlich punkig – erweist.

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Sunday Listen: Linhay – „On How To Disappear“


Totgesagte und Abgeschriebene leben länger – die allseits bekannte Redewendung passt auch zum meist recht verächtlich als „Emo“ etikettierten Musikstil wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Mitte der Neunziger präsentierte sich dieses Genre mit prägenden Bands wie Mineral, The Promise Ring, Sunny Day Real Estate, Capt’n Jazz, American Football, Jimmy Eat World oder den Get Up Kids in vollster Blüte. Im neuen Jahrtausend jedoch wurde es Jahr um Jahr stiller im Emo-Lager. Zwar gab es hier und da, ab und zu noch ein paar Releases der (nicht selten würdevoll graumelierten) stilprägenden Größen, doch frische und neue Impulse blieben größtenteils aus und wurden fortan vielmehr in artverwandten Stilrichtungen wie dem Post-Hardcore gesetzt, während Emo-Epigonen wie My Chemical Romance, Panic! At The Disco oder Fall Out Boy die „Indie-Werte“ mal (ungewollt) persiflierten, mal stadionrockend ins Format-Pop-Radio und die größeren Anonym-Hallen führten. Er ruhe in Frieden, der Emo… Bis jetzt, denn man dürfte meinen, dass das Genre momentan ein kleinwenig in neuem Glanz erstrahlt. Mit Elm Tree CircleRemo Drive oder Memoriez haben junge Bands ebenso hierzulande wie jenseits des Atlantiks in jüngerer Zeit neue Alben auf den Markt geschmissen, welche der Szene tatsächlich eine wohltuende Frischzellenkur einimpfen konnten. Und dieser Riege aufregender Newcomer-Truppen lassen sich definitiv auch Linhay zuordnen.

Obwohl: Newcomer? Tatsächlich kommt das vielwebs noch immer als Geheimtipp gehandelte Quartett aus Kiel und besteht bereits seit Ende 2016 – wüsste man’s nicht besser, man könnte beim Hören ihrer Songs denken, man wäre unangekündigt in die Neunziger und in den Mittleren Westen der US of A zurück katapultiert worden. Außerdem dürfte der norddeutschen Band eine gewisse Aufmerksamkeit der Szene durch die Tatsache vergönnt sein, dass sich in ihren Reihen mit Bassist Gunnar Vosgröne ein Ex-Bandmitglied der zwar bereits seit 2011 aufgelösten, aber auch heute noch fast kultisch verehrten Kieler Hardcore-Punker Escapado wiederfindet (darüber hinaus unterstützte Vosgröne Tomte einige Zeit als Live-Cellist). So sorgten Linhay in den letzten Jahren mit der Demo „You & I“ (2017), einer passend „&“ betitelten Split-EP mit den Kumpels von East (2019) sowie einer Soli-Single für „SeaWatch“ für nicht wenige aufgestellte Ohren.

Auf dem im September veröffentlichtem Langspieldebüt „On How To Disappear“ reichert das Vierergespann um Sänger und Gitarrist Jörn Borowski den klassischen Gitarrensound des Midwest-Emo mit shoegazigen Flächen und Post-Rock-Meditationen an und schafft so eine kohärente, jedoch keinesfalls eintönige Soundkulisse, die sich zwar klar an ihren US-Vorbildern orientiert, sie aber nicht schnöde imitiert, sondern eine eigene authentische Handschrift trägt. Der Raumklang, die verspielten Gitarren und der sphärisch hallende Gesang mit seinen akzentuierten Höhen greifen nahtlos ineinander.

Pure Phrasenmäherei? Keineswegs, denn die elf Stücke kommen mit einer durchaus an Bands wie The Hotelier oder Foxing heranreichenden Detailverliebtheit daher, während die fantastische Produktion von Martin Trompf auch kleinste Feinheiten in den Vordergrund kehrt und dem Album eine breite Klangwelt verleiht, die wunderbar mit der ästhetischen und lyrisch-eskapatischen Atmosphäre harmoniert. Straight funkelnde Emo-Gitarren und treibende Drums wie in „The Distance Between Two Moons“ lösen sich in verspielte Melodien auf, komplexe Songstrukturen wie in „In Sunshine And In Shadows“ brechen nach hinten heraus in einen wunderschönen Breakdown-Chorus aus, während die Band mit „Interlude / A Slightly Disorientated Butterfly“ noch ein mit growlender Bissigkeit überzeugendes derbes Monster in der Hinterhand hat. Wer einen Anspieltipp haben mag: „Water„, die erste Single des Albums, macht es Szene-Freunden mit minimal angezerrten Picking-Gitarren, rhythmischen Mustern und Borowskis sanftem Gesang recht einfach, sich schnell in den Linhay’schen Output zu verlieben.

Ein Schäufelchen Metaebene gefällig? Gern doch! Durch die gesamte Platte ziehen sich emotionale und ästhetische Naturreferenzen: das Wasser, der Mond, Bienen und Vögel werden Eckpunkte für die emotionale Welt von „On How To Disappear“. So liegt die wohl größte Stärke des Albums in dieser Gegenüberstellung von existenziellen Fragen und nahbarer, greifbarer Symbolik. Jede Beobachtung über den eigenen emotionalen Zustand verpacken Linhay in eine lyrische Entsprechung der Natur und erinnern dabei unweigerlich an das 2000er The Appleseed Cast-Genre-Meisterstück „Mare Vitalis„.

Alles in allem ist „On How To Disappear“ ein feines Debütwerk, dass sich mit all seinen Versatzstücken aus Post- bis Indie-Rock (und einer Messerspitze Post-Hardcore) ohne Frage im Midwest-Emo-Kanon einreihen könnte, ohne dass seine zeitliche wie geographische Distanz zum Genre groß auffallen würde. Die fast schon unverkennbar norddeutschen Einflüsse in den vor Fragezeichen nur so überquellenden Texten und der melancholischen Ästhetik sind es jedoch, die das Album als potentielles kleines Gesamtkunstwerk exponieren, das das Schöne mit dem Zweifel vereint.

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Sunday Listen: Good Things – „Heaven Is Yours“


Good Things sind eine Punkrock-Band aus New York City, die aus Cameron Sacchet (Gesang, Gitarre), Christopher Henriquez (Bass) und Eric Pace (Schlagzeug) besteht – drei Kumpels, die es lieben, gemeinsam Musik zu machen und Geschichten zu erzählen. Mit ihrer vielfältigen musikalischen Sozialisation vermischen Good Things, welche mit gerade einmal etwa 250 Facebook-Likes noch als echter Geheimtipp gelten, Elemente aus Punk, Post Hardcore, Indie und Alternative Rock und schaffen in ihren Songs so nicht selten ein recht komplexes Hörerlebnis. „Heaven Is Yours“, das kürzlich via Bandcamp als „name your price“ veröffentlichte Debütwerk der Band, ist eine Konzept-EP, welche eine Kurzgeschichte über Liebe und Tod vertont. Mehr noch sogar: mit ihrer ideenreichen, druckvollen Instrumentierung (in der sogar Platz für ein kurzes Saxofon-Intermezzo ist!) und Sacchets erdrückendem Gesang nimmt sie den Hörer für knapp zwanzig Minuten vollumfänglich gefangen. Und irgendwie kann „Heaven Is Yours“ ja auch sinnbildlich für die Geschichte von Good Things stehen, denn diese hat gerade erst begonnen…

Gitarrist und Sänger Cameron Sacchet meint über das Debütwerk seiner Band: „‚Heaven Is Yours‘ ist eine Konzept-EP über Liebe und Tod. Sie wurde eigentlich rückwärts geschrieben, wobei zuerst der Titelsong am Ende der Platte entstand und der Rest darauf aufbaut. Wir mischten einen Haufen verschiedener Stile, indem wir einfach das schrieben, was wir schreiben wollten und Spaß dabei hatten.“

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
%d Bloggern gefällt das: