Archiv der Kategorie: Song des Tages

Song des Tages: Travis – „Nina’s Song“


Foto: Promo / Ryan Johnston

Einer der größten Fehler im Leben von Fran Healy war mit Sicherheit, seinen grauen Rauschebart wieder abzurasieren. Stand ihm irgendwie. Nein, nicht einmal das relativ maue, mittlerweile mehr als vier Jahre zurückliegende Album „Everything At Once“ seiner Stammband Travis war ein größerer Fauxpas… Aber Gesichtshaar hin oder her, im Rückblick darf festgehalten werden: Healy, der mitsamt der Familie vor drei Jahren von Berlin nach Los Angeles übersiedelte, und seine drei Kumpanen haben in 25 Jahren Bandgeschichte ganz schön viel richtig gemacht. Ehrlich und nüchtern betrachtet haben die vier Schotten damals um die Jahrtausendwende mit ihrem auch heute noch über jeglichen Zweifel erhabenen, von turmhoher Melancholie gesäumten Meisterwerk „The Man Who“ und Evergreens wie „Why Does It Always Rain On Me?“ Coldplay ermöglicht, die ja zumindest drei recht ordentliche Alben ablieferten, oder Keane mit immerhin einer soliden Platte. Aber vor allen Dingen haben Fran Healy, Andy Dunlop, Dougie Payne und Neil Primrose auch danach alle paar Jahre selbst recht zuverlässig geliefert – selten weltbewegend, jedoch immer grundsympathisch. Trotzdem war es für nicht wenige wohl eine halbwegs mittelgroße Überraschung, als die Schotten im Juni 2020 mit „A Ghost“ eine derart wuchtige Single veröffentlichten. Und man höre auf: „10 Songs„, das im Oktober erschienene neunte Album der Band, bietet einige solcher Nummern.

Obwohl ja sowohl der Vorgänger als auch der nicht eben mit Kreativpreisen dekorierte, möglichst wenig aussagekräftige Albumtitel die Messlatte der Erwartung zunächst verdammt erdbodennah ansetzen. Aber das altbekannte Prinzip „Never judge a book by its cover” gilt wohl auch hier – und schließlich kommt es auf die inneren Werte an. Also genau auf das Genannte: die zehn Songs. Die präsentieren eine Band, die tatsächlich bereits ein geschlagenes Vierteljahrhundert gemeinsame Sache macht, die sich mit dem neuen Werk auch mehr als vier Jahre Zeit gelassen hat, aber einen wissen lässt: Das Warten hat sich durchaus gelohnt! Es sind die unverkennbaren Travis, die sowohl eine rockige Seite als auch eine ruhigere Seite haben – und auch dazwischen so einiges können…

Das Spannungsfeld hört man schon in den Vorab-Singles. Das erwähnte „A Ghost“ macht als treibende Rock-Nummer auf sich aufmerksam und belebt den Sound, wie man ihn im Frühwerk à la „Good Feeling“ (1997), aber auch den Stücken der „Ode To J. Smith“ (2008) kannte: druckvoll-treibend, klare Gitarrenlinien und ein hohes Tempo – so kennt man Travis. Hört man wiederum „The Only Thing„, für welches der Glasgow-Vierer keine Geringere als Bangles-Sängerin Susanna Hoffs fürs Duett gewinnen konnte, so merkt man: auch so kennt man Travis. Eine ruhige Indie-Pop-Nummer mit ordentlich Gefühl an Bord. Noch keine Ballade, da so etwas wie Tempo vorhanden ist, jedoch verdammt nah dran. Und dabei zudem zu berührend gestaltet, um Gefahr zu laufen, komplett irrelevant zu werden.

Das ist der Spielraum, in dem sich Travis bewegen, teils vergrößert, teils dazwischen. „Waving At The Window“ beispielsweise vereint Tempo mit ruhigen Pianoläufen und wirkt durch Fran Healys unverwechselbaren Gesangstil auch sehr einfühlsam. Auf der anderen Seite lassen sind neben „A Ghost“ aber auch Stücke finden wie etwa die zweite Single „Valentine“ finden, die langsam einsteigt und dann deftig lospoltert. Mit Gitarre und Schlagzeug, welche seit dem wahnsinnigen Riff aus „Happy To Hang Around“ von „12 Memories“ (2003) nicht mehr derart aufdrehen durften, die sich im letzten Song-Drittel noch mal mehr in Ekstase spielen. Solange, bis der Song schließlich endet, wie er begonnen hat – dem Tode ins Auge blickend, aber in aller Gemütlichkeit: „If I lie here / I might die here / I may lay here for a while.“ Ganz egal, wie es sich musikalisch äußert: Man hört, dass hier eine Band agiert, die für sich nie stehen geblieben ist, die ihren Stil stets in Nuancen weiterentwickelt und sich dabei auch darauf versteht, die verschiedenen Dynamiken gut unter einen Hut zu bekommen.

Wenn „No Love Lost“ das Album beendet, erklingt eine sehr ruhige Piano-Ballade zu einem Titel, der auch inhaltlich stimmt: Wer Travis liebt und der Band über all die Jahre die Stange gehalten hat, der wird diese Liebe auch mit dem neusten Langspieler – einfallsloser Albumtitel mal außen vor, den irgendwie gehören die ja fast schon zur Travis’schen Tradition – nicht verlieren. Wenn man nun unbedingt etwas bemängeln wollen würde, könnte man mutmaßen, dass ein, zwei weitere rockigere Stücke dem Zehnerpack Songs wohl keineswegs geschadet hätten, aber allein mit kritischem Jammern auf recht hohem Niveau würde man der Band schlichtweg nicht gerecht. Fran Healy und Co. ist mit „10 Songs“ ein erwachsenes Album gelungen, wie man es von vier Endvierzigern auch erwarten darf. Keineswegs weltbewegend, noch immer grundsympathisch. „This is no rehearsal, this is the take“, heißt es gleich zu Beginn – wenn die Fünfzig schon am Horizont schimmert, wird das Leben in manchem Moment nun wirklich ein wenig ernster. Das Schöne dabei: das Träumen, die Verträumtheit will sich das Quartett auch 21 Lenze nach „The Man Who“ nicht verbieten lassen, immer garniert mit der Travis-typischen Melancholie, zu der ein gemütliches Kneipenbier genauso gut mundet wie ein warmer Kakao.

Gleichsam wunderschön ist „Nina’s Song“ in seiner Verneigung vor dem Spätwerk der Beatles gelungen. Klare Sache: mit einer singenden Katze im Musikvideo kann nunmal so gar nichts schief laufen, oder? Und mit 47 Jahren auf dem Zeitkonto haben Fran Healy und seine Lads längst verstanden, dass Aufgeben keine Alternative ist. Dann lieber mit einem Liedchen auf den Lippen ins Gefecht: „There’s nothing wrong / With a song / Sung into battle.“

Rock and Roll.

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Song des Tages: Julien Baker – „Hardline“


Foto: Promo / Alysse Gafkjen

Nach der bereits im vergangenen Oktober veröffentlichten ersten Vorabsingle „Faith Healer“ durfte man durchaus (noch) gespannt(er) sein, wohin es Julien Baker musikalisch auf dem Nachfolger zum 2017er Langspieler „Turn Out The Lights“ so zieht: Der Song entwickelte sich ausgehend von Bakers typisch zerbrechlich perlenden Gitarren zu einem üppigen Bandsound, in dessen Zentrum stets der einmalige Gesang der 25-jährigen Indie-Singer/Songwriterin stand.

Das gilt so ähnlich nun auch für „Hardline“: Sacht schwellen zu Beginn ein paar Orgeltöne und Synthesizer an, dann singt Baker feingliedrig wie eh und je. Nach fünfzig Sekunden wirkt es kurz, als würde der Song nun im Bandsound mit einer Pop-Bassdrum in den Mainstream übertreten. Doch der Titel bewahrt sich seine Indie-DNA, kehrt noch einmal zurück zu nichts als Gitarre und Gesang, schwillt wieder opulent an, beruhigt sich leicht und mündet schließlich in ein tosendes Finale, das manch einen eventuell flüchtig an ihren Beitrag im Touché Amoré-Song „Skyscraper“ erinnern könnte. Klar ist: So groß, so weitschweifig klang Julien Rose Baker noch nie.

Das fast noch tollere dazugehörige Stop-Motion-Video zeigt eine mysteriöse gehörnte Figur und ihren Hund in einer beinahe postapokalyptischen Pappmaché-Welt, die an einer einsamen Tankstelle Benzin stehlen, einen seltsamen Apparat testen, auf einem Kirchendach sitzen – und schließlich im stürmischen Schlussakt den Sound des Songs treffend in Bilder übersetzen. Der Look des Clips geht dabei laut Regisseur Joe Baughman, der mehrere hundert Stunden Arbeit in den liebevoll arrangierten, herzerwärmenden Clip steckte, auf eine Skulptur zurück, die Baker selbst gestaltet hatte. „Vor ein paar Jahren habe ich angefangen, Gegenstände von meinen Reisen aufzuheben, mit dem vagen Hintergedanken, daraus ein Kunstwerk zu machen“, meint Baker selbst. „Ich habe das alles dann in einer Collage in Form eines Hauses und eines Vans verarbeitet. Das wollte ich irgendwie auf der neuen Platte einbinden und als wir über Ideen für ein Video gebrütet haben, sind wir auf Joe Baughman gekommen.“

„Hardline“ wird auf „Little Oblivions“ zu hören sein, Julien Bakers mit Spannung erwarteten drittem Studioalbum, welches am 26. Februar erscheint. Die vorherige Single „Faith Healer“ hatte die junge Musikerin kürzlich in einer mitreißenden Version auch in der US-Late-Show von Stephen Colbert vorgestellt; zuvor hatte sie bereits die einzelnen Spuren des Tracks für Remixe freigegeben. Noch toller war da eigentlich nur ihr Besuch bei „KEXP at Home“, bei dem sie im Gespräch mit Moderatorin Cheryl Waters nicht nur aus ihrem Leben und vom neuen Album erzählte, sondern auch – mal solo, mal mit Band – Live-Session-Versionen von „Faith Healer“, „Hardline“, dem neuen Stück „Song In E“ sowie einer zu Tränen rührenden Coverversion des Soundgarden-Klassikers „Fell On Black Days“ zum Besten gab…

„A few years ago I started collecting travel ephemera again with a loose idea of making a piece of art with it. I had been touring pretty consistently since 2015 and had been traveling somuch that items like plane tickets and hotel keycards didn’t have much novelty anymore. So I saved all my travel stuff and made a little collage of a house and a van out of it. I wanted to incorporate it into the record and when we were brainstorming ideas for videos we came across Joe Baughman and really liked his work so we reached out with the idea of making a stop-motion video that had similar aesthetic qualities as the house I built did. I don’t know why I have the impulse to write songs or make tiny sculptures out of plane tickets. But here it is anyway: a bunch of things I’ve collected and carried with me that I’ve re-organized into a new shape.“ (Julien Baker)

„Man, even after having spent 600 hours immersed in ‘Hardline’ and having listened to it thousands of times, I am still moved by it. It was a fun and ambitious challenge creating something that could accompany such a compelling song. The style of the set design, inspired by a sculpture that Julien created, was especially fun to work in. I loved sifting through magazines, maps, and newspapers from the 60s and 70s and finding the right colors, shapes, and quotes to cover almost every surface in the video.“ (Joe Baughman)

„Blacked out on a weekday
Still, something that I’m trying to avoid
Start asking for forgiveness in advance
For all the future things I will destroy
That way I can ruin everything
When I do, you don’t get to act surprised
When it finally gets to be too much
I always told you you could leave at any time
Until then I’ll split the difference
Between medicine and poison
Take what I can get away with
While it burns right through my stomach
I’m telling my own fortune
Something I cannot escape
I can see where this is going
But I can’t find the brake

Knocked out on a weekend
Would you hit me this hard if I wеre a boy?
See, I don’t need you to defend mе
‚Cause it’s just the sort of thing that I enjoy
Took the fallout, draw a hard line
When I cross it, it’s the third time
Say my own name in the mirror
And when nobody appears
Say it’s not so cut and dry
Oh, it isn’t black and white
What if it’s all black, baby?
All the time

Oh, all the time…“

Rock and Roll.

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Song des Tages: Emma Elisabeth – „I’ll Be Your Mirror“


Manchmal braucht es eben ein wenig Hilfe von „oben“. So wurde Emma Elisabeths Version des Velvet Underground-Klassikers „I’ll Be Your Mirror“ für die Werbekampagne eines PC-Herstellers verwendet, was wiederum ihr Label dazu bewog, im Mai 2020 endlich ihr dazugehöriges Album „Cover Stories“ (digital) zu veröffentlichen…

Endlich? In der Tat, denn selbiges nahm die 37-jährige schwedische Musikerin, die bereits seit einiger Zeit in Berlin wohnt, dort vornehmlich im Hintergrund an Filmmusik oder als Songwriterin für andere Künstler ihre Brötchen erarbeitet und 2013 unter ihrem alten Künstlernamen Betty Dittrich – kaum zu glauben, aber wahr – am deutschen Eurovision-Song-Contest-Vorentscheid teilnahm, bereits vor gut vier Jahren nahezu komplett im DIY-Alleingang in ihrem Heimstudio auf. „Das ganze Album wurde in meinem Wohnzimmer aufgenommen und durch ein Portastudio festgehalten. Ich liebe die Schwankungen und Geräusche des Kassettenrekorders. Es fühlt sich an wie eine Zeitkapsel“, erklärt Emma Elisabeth. Zwar veröffentlichte die Wahl-Hauptstädterin, der die Liebe zu den Tönen als Kind zweier Musiker-Eltern quasi in die Wiege gelegt wurde, die zwölf Songs starke Cover-Sammlung bereits 2016 unter ihrem damaligen Künstlernamen (und damit drei Jahre vor ihrem eigentlichen Debütalbum „Melancholic Milkshake„), jedoch ging das Release anno dazumal – aus welchen Gründen auch immer – im Getöse unter…

Neben The Velvet Undergrounds „I’ll Be Your Mirror“, welches sich doch recht nah am Original bewegt, nahm sich Emma Elisabeth auch weiterer Stücke an – und beweist ein ums andere Mal ein gutes Händchen. So ist etwa „Stop Me If You’ve Heard This One Before“ (The Smiths) nicht nur der Opener dieses Albums, sondern auch eine leicht provokant-augenzwinkernde erste Hörempfehlung. Oder ihre LoFi-Version des Black Sabbath-Evergreens „Paranoid“ – trefflicher wurde dieser Song selten entschleunigt, um alles Zehrende und Flehende darin ans Tageslicht zu befördern. Auch toll: die Variante des Steppenwolf-Gassenhauers „Born To Be Wild“ mit ihrem unheimlichen Gesang und umgekehrten Fuzz-Gitarrensoli. Black Rebel Motorcycles Clubs „Howl“ bewahrt seinen düsteren Charme durch Elisabeths samtige Stimme, die zeitweise an Chelsea Wolfe sowie mit ihrem dunklen Mystizismus an den Grunge der Neunziger erinnert. Und sonst so? Allerlei weitere Anzeichen eines erlesenen Musikgeschmacks mit „Play With Fire“ (Rolling Stones), „Don’t Think Twice It’s Alright“ (Bob Dylan), „Satellite Of Love“ (Lou Reed), „Love Enchanted“ (Daniel Johnston), „The Chain“ (Fleetwood Mac), „Only Happy When It Rains“ (Garbage) oder dem fulminanten Abschluss mit einer exquisiten Version des durch „Almost Famous“ zu neuen Ehren gelangten Elton John-Klassikers „Tiny Dancer“. Beinahe bekommt man ein Gefühl dafür, wie ein Album klingen würde, das Penny Lane, welche Kate Hudson in ebenjenem Film verkörpert, aufgenommen hätte. Wie würde denn ein Film aussehen, den man quasi aus Emma Elisabeths Musik schneidern würde? „Vielleicht wie ein Neunzigerjahre-Road-Trip-Western mit Bill Murray und Drew Barrymore in den Hauptrollen, unter der Regie von Jim Jarmusch…“

Und der Name des Albums? „Eine Zeit lang habe ich überlegt, es ‚Songs By Dirty Old Men‘ zu nennen, weil fast alle Songs von Kerlen komponiert wurden. Ich denke darüber nach, ein weiteres Album aufzunehmen, das weibliche Songwriterinnen umfasst. Vielleicht wird das ein zukünftiges Projekt von mir werden“, so Elisabeth. Auch wenn dieser Titel sicherlich für zusätzliche Publicity gesorgt hätte, wird „Cover Stories“ der Sammlung voll von in reduziertem Gewand neu interpretierter Lieblingslieder ebenso gerecht. 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Highasakite – „God Don’t Leave Me“ (live)


Im Jahr der Bandgründung direkt ein komplettes Debütalbum zu veröffentlichen und damit im Heimatland die Charts zu entern, ist schon beeindruckend genug. Erfolgreiche Genre-Wechsel und ein starkes Feingefühl für bewegende Sound-Landschaften haben der Kunst von Highasakite außerdem bereits mehrfach die Krone aufgesetzt. 2012 trafen sich Sängerin Ingrid Helene Håvik und Schlagzeuger Trond Bersu auf der Trondheim Jazz Conservatory und beschlossen schnell, zukünftig zusammen Musik zu machen – die Geburtsstunde der norwegischen Indie-Pop-Band.

„Rare musical landscapes, a place of long dark shadows, sudden flashes of glittering light, brooding silences and unexpected explosions of fierce percussion…“ (Highasakite über Highasakite)

Man braucht auch kein Geheimnis draus zu machen, man hört’s ohnehin schnell – ausschweifend atmosphärisch ging es bei Highasakite schon immer zu. Doch setzte das Duo, welches vor allem auf der Bühne manches Mal zum Quintett anwachsen kann, diese Fähigkeit bei den von Electro-Folk durchdrungenen ersten Langspielern „All That Floats Will Rain“ und „Silent Treatment“ noch auf sehr malerische Weise ein, wurden ihre Songs auf dem 2016er Album „Camp Echo“ deutlich vielschichtiger und elektronischer, ja: düsterer. Anstatt länger in melancholischen Traumbildern zu schwelgen, thematisierten Ingrid Helene Håvik und Trond Bersu in vielen Stücken verdammt weltliche Ängste in Verbindung mit Krieg, Terror oder der Klimaerwärmung. Findige Füchse lesen dies bereits aus dem Albumtitel „Camp Echo“ heraus, schließlich handelt es sich hierbei um den Namen eines Gefangenenlagers in Guantanamo Bay. Passend dazu verlagerten Highasakite die dazugehörige Soundkulisse hin zu Neunziger-R’n’B, Trance und sinistrem Synthie-Pop mit tonnenschweren Tastentönen, Drumbeats und Verfremdungseffekten – kühl, aggressiv und aufgewühlt klingen hier viele Momente, in einer Manier, die oft genug an The Knife erinnert. Diesen Weg setzte die Band, die bereits mehrfach den renommierten norwegischen „Spellemannsprisen“ einheimsen konnte und 2016 sogar beim „Nobel Peace Prize Concert“ auftrat, unlängst auch mit dem 2019 erschienenen Album „Uranium Heart“ fort: Schlagzeug, Gitarre, Synthesizer und allerlei elektronische Elemente bilden vornehmlich den Rahmen für die hingebungsvoll-epischen Klangflächen der Norweger.

Was auf Konserve zwar recht gut als Kopfkino-Untermalung funktioniert, an mancher Stelle jedoch auch schnell überfrachtet wirkt und – zumindest nach meinem Gusto – zu electronica-lastig gerät, bekommen Highasakite live wesentlich wirkungsvoller hin. Bestes Beispiel ist etwa die „Acoustic Versions EP„, auf der die Band vier Songs von „Camp Echo“ in reduziertem Gewand präsentiert. Oder eben diese 2019er Live-Variante des tollen Songs „God Don’t Leave Me“ (hier und hier gibt’s weitere Auszüge von jener Show). Auch dieser stammt vom 2016 erschienen dritten Album und verhandelt zum Widerhall von Synthies und Chor einen verzweifelten Ruf an Gott, den laut Band ein Soldat in seiner größten Not ausstoßen könnte…

(Auf den Song aufmerksam geworden bin ich übrigens durch seinen Einsatz in der zwar etwas vorhersehbaren, jedoch dennoch sehenswerten norwegischen Nordic-Noir-Serie „TWIN„, welche auch für alle Freunde von „Game Of Thrones“ einen Binge-Versuch wert sein dürfte, immerhin ist Kristofer „Tormund Riesentod“ Hivju hier in einer Doppelhauptrolle zu sehen. Die insgesamt acht Folgen findet man bei Interesse in der ARD-Mediathek…)

„God, don’t leave me, I’ll freeze
I panic in my bedroom half asleep
God, don’t tempt me, I’m weak
And either way, it’s a shitty way to leave
Creator of my awful mind
You crossed the line this time
You crossed the line this time
It’s been a long time since the phone rang and it was you
God, don’t leave me, I’ll freeze
If only ‚bout a second of your time
If only ‚bout a second of your time

God, don’t leave me, I’ll freeze
Like the last summer
God, don’t leave me, I’ll freeze
Like the last summer (God, don’t leave me out)
God, don’t leave me, I’ll freeze
Like the last summer (God, don’t leave me now)
God, don’t leave me, I’ll freeze
Like the last summer (God, don’t leave me now)
Like the last summer (God, don’t leave me now)
Like the last summer (God, don’t leave me now)
Like the last summer…“

Rock and Roll.

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Song des Tages: Smith & Burrows – „Parliament Hill“


Wenn zwei Typen durchs erste Morgenlicht eines Londoner Parks spazieren, einer (s)eine Gitarre vom Baum pflückt und für den anderen bereits ein getarntes Klavier hinterm Busch parat steht, so ist die Welt um sechs Uhr morgens noch recht in Ordnung. Was fehlt? Nun, im Grunde eigentlich nur noch ein Publikum. Da Shows gerade Corona-bedingt vornehmlich per Stream stattfinden müssen, haben sich die beiden daher eine erlesene Crowd aus lustigen Puppen sowie ein, zwei Kiddies (eventuell ist’s gar der eigene Nachwuchs) zu ihrer Wald-und-Wiesen-Session eingeladen. Für bestes Licht im morgendlichen Dickicht sorgt zudem die Wohnzimmer-Stehlampe, die sich denn auch glatt mit der Textzeile „Got to find a little light from somewhere“ ergänzt…

Die zwei singend-musizierenden Typen heißen Tom Smith und Andy Burrows. Ersterer ist hauptberuflich Frontmann der Editors, zweiteren kennt manch eine(r) eventuell noch als ehemaliges Mitglied von Razorlight und We Are Scientists. Gemeinsam hat das Buddy-Duo der Musikwelt vor gut neun Jahren das formidable Quasi-Weihnachtsalbum „Funny Looking Angelsgeschenkt. Und meldet sich nun, mit dem im Februar erscheinenden Werk „Only Smith & Burrows Is Good Enough“, zurück. Das melodisch in allerfeinstes Ohrwurm-Geschenkpapier eingepackte „Parliament Hill“ ist dabei – nach „All The Best Moves“ und „Old TV Shows“ – bereits der dritte Vorbote aus dem doch etwas unerwarteten (in jedem Fall jedoch gern genommenen) Comeback-Langspieler. Da darf man durchaus gespannt sein, welche tollen Melodien Smith & Burrows noch aus den englischen Hüten zaubern werden.

Für den Moment sollte man aber erst einmal die Augen schließen und gedanklich den gemeinsamen Heile-Welt-Spaziergang genießen…

„There’s a warm rain, are you feeling alright?
Well, I know it ain’t easy when you can’t sleep at night
There’s a band playing and they don’t give you peace
Well, I know it ain’t easy when the noises won’t cease

Put a little heart in this somehow
Put a little heart in this somehow
Rosslyn don’t hurt yourself
Another night caught under your spell
Gotta find a little light from somewhere
Gotta find a little light from somewhere
Take a walk down Parliament Hill
Six AM when the world is still

When thе storm breaks I will take you to see
Wherе we used to tread lightly, where we were weak at the knees
Well you won’t need, the china would smash
We would topple together, break like pieces of glass

Put a little heart in this somehow
Put a little heart in this somehow
Rosslyn don’t hurt yourself
Another night caught under your spell
Gotta find a little light from somewhere
Gotta find a little light from somewhere
Take a walk down Parliament Hill
Six AM when the world is still

If I knew then what I know now
We were running on empty as the band takes its bow
And get your head straight, or get bent out of line
Cause I’m missing the madness of the light that you shine, oh

Put a little heart in this somehow
Put a little heart in this somehow
Rosslyn don’t hurt yourself
Another night caught under your spell
Gotta find a little light from somewhere
Gotta find a little light from somewhere
Take a walk down Parliament Hill
Six AM when the world is still

Take a walk down parliament hill
The world is still
Take a walk, take a walk, take a walk, take a walk“

Rock and Roll.

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Song des Tages: BirdPen – „Function“


Nach gut vier Jahren Sendepause melden sich Mike Bird und Dave Pen alias BirdPen im März mit ihrem neuen Album „All Funktion One“ zurück. Bereits im vergangenen November ließ das englische Alternative-Electronic-Rock-Duo mit dem Albumopener „Function“ eine erste Kostprobe aus dem kommenden sechsten Langspieler hören, welche sich mit Themen wie Isolation und unserer Verletzlichkeit beschäftigt, die sich in diesen Tagen besonders deutlich zeigt. Der Song wurde in der Zeit des ersten Auftretens von Covid-19 geschrieben und gewann durch die nachfolgenden Entwicklungen an Relevanz.

Stilistisch stehen hier einmal mehr die großen TripHop-Prog-Rocker Archive Pate – nicht ganz zufällig übrigens, immerhin ist Dave Pen einer von deren Gitarristen und Stimmen. Der Song eröffnet getragen und sphärisch, bevor er mithilfe eines treibenden Mittelteils an Fahrt gewinnt. Cinematische Flächen bieten den Boden für einen beinahe technoiden Motorik-Beat, welcher von einer melancholischen Violine unterstützt wird. „What is real?“, eine Frage, die uns im Refrain gestellt wird, bleibt hier unbeantwortet. Wir alle schweben in unsicheren Zeiten, in denen mediale Dauerberieselung und eine Pandemie wohl nur die Spitze eines gigantischen Eisbergs sind – Aldous Huxley lässt lieb grüßen. „Function“ drückt dieses Gefühl, ähnlich wie auch die zweite Single „Invisible„, in einer melancholisch-ruhigen Klanglandschaft aus, die so beruhigend wie nachdenklich wirkt. Die Band über das dazugehörige Musikvideo: „It is a simple yet reflective portrayal of 2020. We asked our fans to send in short clips of themselves. They could smile, laugh, cry or just stare and do nothing. During the many lockdowns across the planet people have had to live an almost virtual live in many ways. This video brings together our fans to celebrate our brand new single release and new album announcement.

Den narrativen Rahmen des am 5. März erscheinenden neuen Albums, das in einem Zeitgeist aus Isolation, digitaler Traurigkeit, Einsamkeit, Deep Fakes, Paranoia und dem modernen Leben im Cyberspace entstand und somit tief in diesem verwurzelt ist, erklären Mike Bird und Dave Pen wie folgt: „There was a story about a man who didn’t leave his home for years, built a silver room with no electrical appliances or telephones etc, to keep out the radiation. It was really inspiring but also quite tragic. It helped build a kind of narrative to the album. Switching off from everything almost feels like an impossible thing to do these days. Modern Junk continually drip feeds into us all. The album follows these kinds of themes and also about living in a designed life but it being cold, fake and faceless. About people feeling lost and invisible. We are all so vulnerable, as has been proven this year, but yet we all strive to continue with our modern lives under many different cooperate gods. Together we try and ‚All Function One‘.“

Rock and Roll.

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